Kapitel 338: puruṣaikatvapraśna
Die Einheit des Puruṣa: Brahmās Gespräch mit Rudra
Janamejaya fragt, ob es einen oder viele Puruṣas gibt; Vaiśaṃpāyana leitet die Antwort mit einer alten Erzählung ein, in der Rudra den auf dem Berg Vaijayanta weilenden Brahmā nach dem einen, alles durchdringenden Puruṣa (Virāṭ) befragt.
janamejaya uvāca; bahavaḥ puruṣā brahmann utāho eka eva tu; ko hy atra puruṣaḥ śreṣṭhaḥ ko vā yonir ihocyate
Janamejaya sprach: „Sind es viele Puruṣas, o Brahmane, oder nur ein einziger? Wer ist denn hier der beste Puruṣa, oder welcher wird hier als Ursprung bezeichnet?“
Wort für Wort
janamejaya uvāca
Janamejaya sprach (Nom. + 3.Sg.Perf.)
bahavaḥ puruṣāḥ
viele Puruṣas (Nom.Pl.)
brahman
o Brahmane (Vok.Sg.)
utāho eka eva tu
oder ist es nur einer allein (Partikel + Nom.Sg.)
ko hy atra puruṣaḥ śreṣṭhaḥ
wer ist denn hier der beste Puruṣa (Nom.Sg.)
ko vā yonir iha ucyate
oder welcher wird hier als Ursprung genannt (Nom.Sg. + 3.Sg.Präs.Pass.)
Vaiśaṃpāyana sprach: „Viele Puruṣas gibt es in der Welt nach der Ansicht derer, die über Sāṃkhya und Yoga nachdenken; einen einzigen Puruṣa wollen sie nicht [annehmen], o Erhöher des Kuru-Geschlechts.“
Wort für Wort
vaiśaṃpāyana uvāca
Vaiśaṃpāyana sprach
bahavaḥ puruṣā loke
viele Puruṣas [gibt es] in der Welt (Nom.Pl. + Lok.Sg.)
sāṃkhyayogavicāriṇām
für die, die Sāṃkhya und Yoga erforschen (Gen.Pl.)
namaskṛtvā tu gurave vyāsāyāmitatejase; tapoyuktāya dāntāya vandyāya paramarṣaye
Nachdem ich dem Lehrer Vyāsa, dem von unermesslicher Glutkraft, dem in Askese Gefestigten, dem Selbstbeherrschten, dem verehrungswürdigen höchsten Ṛṣi, Verehrung erwiesen habe,
durch [die Methode von] allgemeiner Regel und Ausnahme wurden von den Ṛṣis, angefangen mit Kapila, unter Zuflucht zur Betrachtung des Selbst die Lehrwerke verkündet, o Bhārata.
Wort für Wort
utsargeṇa apavādena
durch [die Methode von] Regel und Ausnahme (Instr.Sg.)
ṛṣibhiḥ kapilādibhiḥ
von den Ṛṣis, mit Kapila beginnend (Instr.Pl.)
adhyātmacintām āśritya
die Betrachtung des Selbst zur Zuflucht nehmend (Absolutiv)
śāstrāṇy uktāni
die Lehrwerke wurden verkündet (Nom.Pl. + Ptc.)
bhārata
o Bhārata (Vok.Sg.)
utsargeṇāpavādena: feststehendes Begriffspaar aus Grammatik/Mīmāṃsā (allgemeine Regel und Ausnahme), hier auf die Methode der Ṛṣis übertragen.
samāsatas tu yad vyāsaḥ puruṣaikatvam uktavān; tat te 'haṃ saṃpravakṣyāmi prasādād amitaujasaḥ
Was aber Vyāsa in Kürze über die Einheit des Puruṣa gesagt hat, das werde ich dir nun durch die Gnade des von unermesslicher Kraft vollständig verkünden.
Wort für Wort
samāsatas tu
aber in Kürze (Adv.)
yad vyāsaḥ puruṣaikatvam uktavān
was Vyāsa über die Einheit des Puruṣa gesagt hat (Nom.Sg. + Akk.Sg. + Ptc.Perf.)
tat te 'haṃ saṃpravakṣyāmi
das werde ich dir verkünden (1.Sg.Fut.)
prasādād amitaujasaḥ
durch die Gnade des von unermesslicher Kraft (Abl./Gen.Sg.)
Da nun, während jener Vierantlitzige, Weise, dort verweilte, kam sein aus der Stirn entsprungener Sohn Śiva, der Herr der Yogins, der Dreiäugige, der Gebieter, einst zufällig durch die Luft [herbei].
Wort für Wort
atha tatra āsatas tasya
da nun, während jener dort weilte (Gen.Abs.)
caturvaktrasya dhīmataḥ
des Vierantlitzigen, des Weisen (Gen.Sg.)
lalāṭaprabhavaḥ putraḥ
der aus der Stirn entsprungene Sohn (Nom.Sg.)
śiva āgād yadṛcchayā
Śiva kam zufällig (Nom.Sg. + 3.Sg.Perf. + Instr.Adv.)
ākāśena eva
eben durch den Luftraum (Instr.Sg.)
yogīśaḥ purā trinayanaḥ prabhuḥ
der Herr der Yogins, einst, der Dreiäugige, der Gebieter (Nom.Sg., Epitheta)
Rudra sprach: „Durch deine Gnade, o Erhabener, geht es mir wohl und unvergänglich [gut] hinsichtlich Studium und Askese, und ebenso [wohl] der ganzen Welt.
Wort für Wort
rudra uvāca
Rudra sprach
tvatprasādena
durch deine Gnade (Instr.Sg.)
bhagavan
o Erhabener (Vok.Sg.)
svādhyāyatapasor mama
meines Studiums und meiner Askese (Gen.Du.)
kuśalaṃ ca avyayaṃ ca eva
sowohl Wohlergehen als auch Unvergänglichkeit (Nom.Sg.)
Rudra sprach: „Viele Puruṣas, o Brahman, wurden von dir, dem Selbstentstandenen, erschaffen, und andere werden noch erschaffen, o Brahman; jener aber ist der eine Puruṣa, der Virāṭ.
Wort für Wort
rudra uvāca
Rudra sprach
bahavaḥ puruṣā
viele Puruṣas (Nom.Pl.)
brahmaṃs
o Brahman (Vok.Sg.)
tvayā sṛṣṭāḥ svayaṃbhuvā
von dir, dem Selbstentstandenen, erschaffen (Instr.Sg. + Ptc.Nom.Pl.)
sṛjyante ca apare
und andere werden erschaffen (3.Pl.Präs.Pass. + Nom.Pl.)
brahmovāca; bahavaḥ puruṣāḥ putra ye tvayā samudāhṛtāḥ; evam etad atikrāntaṃ draṣṭavyaṃ naivam ity api; ādhāraṃ tu pravakṣyāmi ekasya puruṣasya te
Brahmā sprach: „Die vielen Puruṣas, mein Sohn, von denen du gesprochen hast - so ist dies als überwunden [?] zu betrachten, und ebenso auch nicht so [zu betrachten]; die Grundlage aber des einen Puruṣa will ich dir verkünden.
Wort für Wort
brahmā uvāca
Brahmā sprach
bahavaḥ puruṣāḥ putra
die vielen Puruṣas, mein Sohn (Nom.Pl. + Vok.)
ye tvayā samudāhṛtāḥ
von denen du gesprochen hast (Nom.Pl. + Instr. + Ptc.)
evam etad atikrāntaṃ draṣṭavyaṃ
so ist dies als überwunden zu betrachten (Adv. + Nom.Sg. + Ptc. + Gerundiv)
na evam ity api
und auch nicht so [zu betrachten]
ādhāraṃ tu pravakṣyāmi
die Grundlage aber werde ich verkünden (Akk.Sg. + 1.Sg.Fut.)
ekasya puruṣasya te
des einen Puruṣa, dir (Gen.Sg. + Dat.)
Die Zeile evam etad atikrāntaṃ draṣṭavyaṃ naivam ity api ist philosophisch verdichtet: die Vielheit der Puruṣas soll zugleich als überwunden/transzendiert und als nicht nur so gelten. Wiedergabe unsicher.
Wie für die vielen Puruṣas jener eine Ursprung genannt wird, so gehen sie, selbst eigenschaftslos geworden, in jenen Puruṣa ein - das All, den Höchsten, den überaus Größten, den Eigenschaftslosen, den Ewigen.“
Wort für Wort
bahūnāṃ puruṣāṇāṃ
der vielen Puruṣas (Gen.Pl.)
sa yathā ekā yonir ucyate
wie jener eine Ursprung genannt wird (Nom.Sg. + 3.Sg.Präs.Pass.)
tathā taṃ puruṣaṃ viśvaṃ
so in jenen Puruṣa, das All (Akk.Sg.)
paramaṃ sumahattamam
den Höchsten, den überaus Größten (Akk.Sg.)
nirguṇaṃ
den Eigenschaftslosen (Akk.Sg.)
nirguṇā bhūtvā
eigenschaftslos geworden (Nom.Pl. + Absolutiv)
praviśanti sanātanam
gehen sie in den Ewigen ein (3.Pl.Präs. + Akk.Sg.)