Quellen der Menschheit

Mahābhārata · Śāntiparva

Kapitel 217: balivāsavasaṃvāde kālamāhātmyam Bali erwidert Indra: Die Zeit nimmt alles, Glück und Unglück kreisen der Reihe nach

Fortsetzung des Gesprächs zwischen dem entmachteten Asura-Fürsten Bali und Indra. Bali antwortet gelassen auf Indras Spott und legt dar, dass alles der Zeit (kāla) unterliegt, dass niemand wahrhaft Täter ist und dass Herrschaft und Glück (śrī) wechseln.

bhīṣma uvāca; punar eva tu taṃ śakraḥ prahasann idam abravīt; niḥśvasantaṃ yathā nāgaṃ pravyāhārāya bhārata

Bhīṣma sprach: Da sagte Śakra abermals lachend dies zu ihm, der wie eine Schlange schnaubte, um ihn zum Reden zu bringen, o Bhārata:

Wort für Wort
bhīṣma uvāca
Bhīṣma sprach (Perf.)
punar eva tu taṃ śakraḥ
abermals aber (sagte) Śakra zu ihm (Nom./Akk.)
prahasann idam abravīt
lachend dies sagte er (Part.Präs., 3.Sg.Impf.)
niḥśvasantaṃ yathā nāgam
der schnaubte wie eine Schlange (Part.Präs., Akk.Sg.)
pravyāhārāya bhārata
zum Sprechen, o Bhārata (Dat./Vok.)

yat tad yānasahasreṇa jñātibhiḥ parivāritaḥ; lokān pratāpayan sarvān yāsy asmān avitarkayan

„Der du einst, von Tausenden von Wagen [und] von Verwandten umgeben, alle Welten in Glut versetzend, ohne auf uns zu achten, dahinzogst,

Wort für Wort
yat tad yānasahasreṇa
der du damals mit tausend Fahrzeugen (Instr.)
jñātibhiḥ parivāritaḥ
von Verwandten umringt (Instr.Pl., Part.Pass.)
lokān pratāpayan sarvān
alle Welten erhitzend (Part.Präs., Akk.Pl.)
yāsy asmān avitarkayan
du zogst/gingst, uns nicht beachtend (2.Sg.Fut. im Sinne von Iterativ [?], Part.Präs.)

Der Satz setzt sich in Vers 3 fort.

dṛṣṭvā sukṛpaṇāṃ cemām avasthām ātmano bale; jñātimitraparityaktaḥ śocasy āho na śocasi

siehst du nun diesen so jämmerlichen Zustand deiner selbst in der Macht [der Zeit]: von Verwandten und Freunden verlassen, trauerst du – oder trauerst du nicht?

Wort für Wort
dṛṣṭvā sukṛpaṇām cemām avasthām
gesehen habend und diesen sehr jämmerlichen Zustand (Abs., Akk.Sg.f.)
ātmano bale
deiner selbst, in der Gewalt/Kraft (Gen./Lok.) [?]
jñātimitraparityaktaḥ
von Verwandten und Freunden verlassen (Kompositum, Part.Pass., Nom.)
śocasy āho na śocasi
trauerst du oder trauerst du nicht (2.Sg.Präs.)

„bale“ ist unsicher; wörtlich etwa „in Bezug auf die Kraft/Gewalt“.

prītiṃ prāpyātulāṃ pūrvaṃ lokāṃś cātmavaśe sthitān; vinipātam imaṃ cādya śocasy āho na śocasi

Nachdem du einst unvergleichliche Freude erlangt hattest und die Welten in deiner Gewalt standen, trauerst du nun um diesen Sturz – oder trauerst du nicht?“

Wort für Wort
prītiṃ prāpya atulām pūrvam
Freude erlangt habend, unvergleichliche, früher (Abs., Akk.Sg.)
lokāṃś cātmavaśe sthitān
und die Welten, die in der eigenen Gewalt standen (Akk.Pl., Part.)
vinipātam imaṃ ca adya
und diesen Sturz jetzt (Akk.Sg.)
śocasy āho na śocasi
trauerst du oder trauerst du nicht (2.Sg.Präs.)

balir uvāca; garvaṃ hitvā tathā mānaṃ devarāja śṛṇuṣva me; mayā ca tvānu sadbhāvaṃ pūrvam ācaritaṃ mahat; avaśyakālaparyāyam ātmanaḥ parivartanam; avidaṃl lokamāhātmya * * * * * * * *

Bali sprach: „Lass Hochmut und Stolz fahren, Götterkönig, und höre mich! Auch ich habe dir gegenüber früher viel Redlichkeit geübt. Der Wechsel im Ablauf der [Zeit]spanne ist für jeden unausweichlich; ich kannte die Größe der Welt [nicht] … [Text bricht ab].“

Wort für Wort
balir uvāca
Bali sprach (Perf.)
garvaṃ hitvā tathā mānam
Hochmut aufgegeben habend und Stolz (Abs., Akk.)
devarāja śṛṇuṣva me
Götterkönig, höre mich (Vok., Imp.Med.)
mayā ca tvānu sadbhāvaṃ pūrvam ācaritaṃ mahat
und von mir dir gegenüber große Redlichkeit früher geübt (Part.Pass. [?])
avaśyakālaparyāyam ātmanaḥ parivartanam
der unausweichliche Zeitwechsel, die Wandlung des Selbst/Eigenen (Akk./Gen.)
avidaṃl lokamāhātmya
ich wusste nicht / ohne Kenntnis der Weltgröße (abgebrochen) [?]

Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert). Zusatzpassage; der Text bricht mit einer Lücke ab (* * * *). Die Wiedergabe des Schlusses ist unsicher.

anityam upalakṣyedaṃ kālaparyāyam ātmanaḥ; tasmāc chakra na śocāmi sarvaṃ hy evedam antavat

„Da ich diesen Umschlag der Zeit an mir als unbeständig erkannt habe, Śakra, trauere ich deshalb nicht; denn all dies hier hat ein Ende.

Wort für Wort
anityam upalakṣya idam
als unbeständig erkannt habend dies (Abs.)
kālaparyāyam ātmanaḥ
den Zeitenwechsel bei mir selbst (Akk./Gen.)
tasmāc chakra na śocāmi
deshalb, Śakra, trauere ich nicht (1.Sg.Präs.)
sarvaṃ hy evedam antavat
denn all dies ist endlich (Nom.Sg.n.)

antavanta ime dehā bhūtānām amarādhipa; tena śakra na śocāmi nāparādhād idaṃ mama

Endlich sind diese Leiber der Wesen, Herr der Unsterblichen; darum, Śakra, trauere ich nicht, und nicht aus einem Fehler [von mir] kommt dies über mich.

Wort für Wort
antavanta ime dehāḥ
endlich sind diese Körper (Nom.Pl.)
bhūtānām amarādhipa
der Wesen, o Herr der Unsterblichen (Gen.Pl., Vok.)
tena śakra na śocāmi
deshalb, Śakra, trauere ich nicht
nāparādhād idaṃ mama
nicht aus Schuld [kommt] dies für mich (Abl./Gen.)

jīvitaṃ ca śarīraṃ ca pretya vai saha jāyate; ubhe saha vivardhete ubhe saha vinaśyataḥ

Leben und Körper werden ja mit dem Tod zugleich geboren; beide wachsen zusammen, beide vergehen zusammen.

Wort für Wort
jīvitaṃ ca śarīraṃ ca
das Leben und der Körper (Nom.Sg.n.)
pretya vai saha jāyate
nach dem Tode/dahingegangen, fürwahr zusammen entsteht (Abs./3.Sg.Med.) [?]
ubhe saha vivardhete
beide wachsen zusammen (3.Du.Präs.Med.)
ubhe saha vinaśyataḥ
beide vergehen zusammen (3.Du.Präs.)

„pretya“ (nach dem Tode / hier, nach dem Kontext, ‚nach der Geburt‘ bzw. ‚im Jenseits‘) ist unsicher.

tad īdṛśam idaṃ bhāvam avaśaḥ prāpya kevalam; yady evam abhijānāmi kā vyathā me vijānataḥ

Wenn ich nun weiß, dass ich diesen Zustand so unfreiwillig, ganz allein [für mich] erlangt habe, welchen Kummer sollte ich, der Wissende, haben?

Wort für Wort
tad īdṛśam idaṃ bhāvam
so also diesen derartigen Zustand (Akk.Sg.)
avaśaḥ prāpya kevalam
machtlos erlangt habend, bloß (Abs., Nom.)
yady evam abhijānāmi
wenn ich so erkenne (1.Sg.Präs.)
kā vyathā me vijānataḥ
welcher Kummer [ist] mir, dem Wissenden (Nom./Dat.-Gen./Part.)

bhūtānāṃ nidhanaṃ niṣṭhā srotasām iva sāgaraḥ; naitat samyag vijānanto narā muhyanti vajrabhṛt

Der Tod der Wesen ist [ihr] Ziel und Ende, wie das Meer für die Ströme; die Menschen, die dies nicht recht erkennen, geraten in Verwirrung, Blitzträger.

Wort für Wort
bhūtānāṃ nidhanaṃ niṣṭhā
der Wesen Tod [ist] das Ende/Ziel (Gen.Pl., Nom.)
srotasām iva sāgaraḥ
wie das Meer der Ströme (Gen.Pl., Nom.)
naitat samyag vijānantaḥ
nicht dies recht erkennend (Part.Präs., Nom.Pl.)
narā muhyanti vajrabhṛt
die Menschen werden verwirrt, o Blitzträger (3.Pl.Präs., Vok.)

ye tv evaṃ nābhijānanti rajomohaparāyaṇāḥ; te kṛcchraṃ prāpya sīdanti buddhir yeṣāṃ praṇaśyati

Die aber, die dies nicht erkennen, dem Leidenschaftlichen und der Verblendung ergeben, sinken in Not, wenn ihre Einsicht schwindet.

Wort für Wort
ye tv evaṃ nābhijānanti
die aber so nicht erkennen (3.Pl.Präs.)
rajomohaparāyaṇāḥ
dem Rajas und der Verblendung ergeben (Kompositum, Nom.Pl.)
te kṛcchraṃ prāpya sīdanti
sie sinken, in Not geraten (Abs., 3.Pl.Präs.)
buddhir yeṣāṃ praṇaśyati
deren Einsicht zugrunde geht (Nom., 3.Sg.Präs.)

buddhilābhe hi puruṣaḥ sarvaṃ nudati kilbiṣam; vipāpmā labhate sattvaṃ sattvasthaḥ saṃprasīdati

Denn wenn der Mensch Einsicht gewinnt, wirft er alle Verfehlung ab; frei von Übel erlangt er Klarheit (sattva), und im Sattva stehend wird er gelassen.

Wort für Wort
buddhilābhe hi puruṣaḥ
denn bei Gewinn der Einsicht der Mensch (Lok., Nom.)
sarvaṃ nudati kilbiṣam
alles Übel vertreibt er (3.Sg.Präs.)
vipāpmā labhate sattvam
übelfrei erlangt er Sattva (Nom., 3.Sg.Med.)
sattvasthaḥ saṃprasīdati
im Sattva stehend wird er heiter/klar (Nom., 3.Sg.Präs.)

tatas tu ye nivartante jāyante vā punaḥ punaḥ; kṛpaṇāḥ paritapyante te 'narthaiḥ paricoditāḥ

Jene aber, die daraufhin [nicht] umkehren oder immer wieder geboren werden, sind erbärmlich und werden von Unheil getrieben und gequält.

Wort für Wort
tatas tu ye nivartante
danach aber, die sich abwenden/zurückkehren (3.Pl.Med.) [?]
jāyante vā punaḥ punaḥ
oder wieder und wieder geboren werden (3.Pl.Med.)
kṛpaṇāḥ paritapyante
Elende werden gequält (Nom.Pl., 3.Pl.Pass.)
te 'narthaiḥ paricoditāḥ
sie, von Unheilen angetrieben (Instr.Pl., Part.Pass.)

„nivartante“ ist knapp; vermutlich ‚nicht zur Erkenntnis umkehren‘ bzw. ‚zurückkehren‘; Lesart unsicher.

arthasiddhim anarthaṃ ca jīvitaṃ maraṇaṃ tathā; sukhaduḥkhaphalaṃ caiva na dveṣmi na ca kāmaye

Erfolg und Misserfolg, Leben und ebenso Tod, dazu die Frucht von Glück und Leid: nichts davon hasse ich, noch begehre ich es.

Wort für Wort
arthasiddhim anarthaṃ ca
Erfolg und Misserfolg (Akk.)
jīvitaṃ maraṇaṃ tathā
Leben, Tod ebenso (Akk.)
sukhaduḥkhaphalaṃ caiva
und die Frucht von Glück und Leid (Kompositum, Akk.)
na dveṣmi na ca kāmaye
ich hasse nicht und begehre nicht (1.Sg.Präs.)

hataṃ hanti hato hy eva yo naro hanti kaṃ cana; ubhau tau na vijānīto yaś ca hanti hataś ca yaḥ

Den [schon] Erschlagenen erschlägt, wer einen Menschen erschlägt, und er ist selbst ebenfalls schon erschlagen; beide erkennen es nicht, der Erschlagende und der Erschlagene.

Wort für Wort
hataṃ hanti hato hy eva
den Erschlagenen erschlägt er, selbst schon erschlagen (Part.Pass./3.Sg.Präs.) [?]
yo naro hanti kaṃ cana
der Mann, der irgendjemanden erschlägt (Nom., 3.Sg.Präs.)
ubhau tau na vijānītaḥ
diese beiden erkennen nicht (3.Du.Präs.)
yaś ca hanti hataś ca yaḥ
der, der erschlägt, und der, der erschlagen wird (Nom.)

Lesart im ersten Pāda unsicher.

hatvā jitvā ca maghavan yaḥ kaś cit puruṣāyate; akartā hy eva bhavati kartā tv eva karoti tat

Wer da, Maghavan, nach Töten und Siegen sich als Mann [und Täter] aufführt, ist in Wahrheit kein Täter; nur der Täter [selbst] bewirkt jenes.

Wort für Wort
hatvā jitvā ca maghavan
nach Erschlagen und Besiegen, Maghavan (Abs., Vok.)
yaḥ kaś cit puruṣāyate
wer immer sich als Mann gebärdet (Denom., 3.Sg.Med.)
akartā hy eva bhavati
der wird eben kein Täter (3.Sg.Präs.)
kartā tv eva karoti tat
der Täter aber bewirkt es (Nom., 3.Sg.Präs.) [?]

Sinn der zweiten Vershälfte knapp und unsicher: ‚Täter‘ ist hier wohl die Zeit bzw. das Schicksal.

ko hi lokasya kurute vināśaprabhavāv ubhau; kṛtaṃ hi tat kṛtenaiva kartā tasyāpi cāparaḥ

Denn wer bewirkt für die Welt beide, Untergang und Ursprung? Getan ist jenes eben durch das Getane [selbst], und dessen Täter ist wiederum ein anderer.

Wort für Wort
ko hi lokasya kurute
wer denn bewirkt für die Welt (Nom., Gen., 3.Sg.Med.)
vināśaprabhavāv ubhau
beide, Untergang und Ursprung (Akk.Du.)
kṛtaṃ hi tat kṛtenaiva
denn getan ist es durch das Getane selbst (Part.Pass., Instr.) [?]
kartā tasyāpi cāparaḥ
und dessen Täter ist auch ein anderer (Nom.)

Verdichteter Vers; die Auflösung „durch das Getane“ (kṛtena) ist unsicher.

pṛthivī vāyur ākāśam āpo jyotiś ca pañcamam; etadyonīni bhūtāni tatra kā paridevanā

Erde, Wind, Raum, Wasser und Licht als fünftes: aus diesen als Schoß [stammen] die Wesen; was soll da Klage sein?

Wort für Wort
pṛthivī vāyur ākāśam
Erde, Wind, Raum (Nom.)
āpo jyotiś ca pañcamam
Wasser und Licht als fünftes (Nom.)
etadyonīni bhūtāni
aus diesen entstehend die Wesen (Kompositum, Nom.Pl.)
tatra kā paridevanā
was soll dabei für eine Klage sein (Nom.)

mahāvidyo 'lpavidyaś ca balavān durbalaś ca yaḥ; darśanīyo virūpaś ca subhago durbhagaś ca yaḥ

Ob hochgelehrt oder wenig gelehrt, ob stark oder schwach, ob ansehnlich oder hässlich, ob glücklich beschaffen oder unglücklich –

Wort für Wort
mahāvidyo 'lpavidyaś ca
hochgelehrt und wenig gelehrt (Nom.)
balavān durbalaś ca yaḥ
der Starke und der Schwache (Nom.)
darśanīyo virūpaś ca
der Ansehnliche und der Hässliche (Nom.)
subhago durbhagaś ca yaḥ
der Glückliche und der Unglückliche (Nom.)

Der Satz setzt sich in Vers 19 (n=20) fort.

sarvaṃ kālaḥ samādatte gambhīraḥ svena tejasā; tasmin kālavaśaṃ prāpte kā vyathā me vijānataḥ

alles nimmt die Zeit an sich, die tiefe, mit ihrer eigenen Glut. Wenn diese [Zeit] über mich Macht gewonnen hat, welcher Kummer sollte mir, dem Wissenden, sein?

Wort für Wort
sarvaṃ kālaḥ samādatte
alles nimmt die Zeit an sich (3.Sg.Präs.Med.)
gambhīraḥ svena tejasā
die tiefe/unergründliche, mit eigener Kraft (Instr.)
tasmin kālavaśaṃ prāpte
wenn in diesem [Fall] in die Gewalt der Zeit geraten (Lok.abs.)
kā vyathā me vijānataḥ
welcher Kummer [ist] mir, dem Wissenden

dagdham evānudahati hatam evānuhanti ca; naśyate naṣṭam evāgre labdhavyaṃ labhate naraḥ

Das Verbrannte verbrennt sie [gleichsam] nachträglich, das Erschlagene erschlägt sie nachträglich; das Verlorene geht zuvor verloren; was zu erlangen ist, erlangt der Mensch.

Wort für Wort
dagdham evānudahati
das schon Verbrannte verbrennt sie hinterher (3.Sg.Präs.)
hatam evānuhanti ca
und das schon Erschlagene erschlagen sie hinterher (3.Pl.Präs.) [?]
naśyate naṣṭam evāgre
es geht verloren, das Verlorene schon zuvor (3.Sg.Präs.Med./Part.Pass.)
labdhavyaṃ labhate naraḥ
das Erlangbare erlangt der Mann (Ger., Nom.)

Sinn knapp; wörtlich ‚verbrennt das schon Verbrannte hinterher‘. Subjekt wohl Zeit/Schicksal; unsicher.

nāsya dvīpaḥ kutaḥ pāraṃ nāvāraḥ saṃpradṛśyate; nāntam asya prapaśyāmi vidher divyasya cintayan

Für dies gibt es keine Insel, [und] woher ein jenseitiges Ufer? Auch ein diesseitiges Ufer ist nicht zu sehen; ein Ende der göttlichen Fügung sehe ich nicht, wenn ich darüber nachsinne.

Wort für Wort
nāsya dvīpaḥ
nicht gibt es für dies eine Insel (Nom.)
kutaḥ pāraṃ
woher ein jenseitiges Ufer (Adv./Nom.)
nāvāraḥ saṃpradṛśyate
auch das diesseitige Ufer wird nicht gesehen (3.Sg.Pass.)
nāntam asya prapaśyāmi
kein Ende davon sehe ich (1.Sg.Präs.)
vidher divyasya cintayan
der göttlichen Fügung, nachdenkend (Gen., Part.Präs.)

Bild vom Meer ohne Insel und Ufer; „asya“ bezieht sich auf die Zeit/Fügung.

yadi me paśyataḥ kālo bhūtāni na vināśayet; syān me harṣaś ca darpaś ca krodhaś caiva śacīpate

Wenn die Zeit, während ich zusehe, die Wesen nicht vernichten würde, so hätte ich Freude, Stolz und ebenso Zorn, Gemahl der Śacī.

Wort für Wort
yadi me paśyataḥ kālaḥ
wenn vor meinen Augen die Zeit (Gen.abs., Nom.)
bhūtāni na vināśayet
die Wesen nicht vernichten würde (Opt.)
syān me harṣaś ca darpaś ca
so wäre mir Freude und Stolz (Opt.)
krodhaś caiva śacīpate
und Zorn, o Gemahl der Śacī (Vok.)

tuṣabhakṣaṃ tu māṃ jñātvā praviviktajane gṛhe; bibhrataṃ gārdabhaṃ rūpam ādiśya parigarhase

Du aber, der du mich als Spreu-Esser kennst, im Haus in abgelegener Gegend, tadelst mich, indem du auf meine Gestalt als Esel verweist, die ich [dort] trage.

Wort für Wort
tuṣabhakṣaṃ tu māṃ jñātvā
als Spreu-Esser aber mich erkannt habend (Abs.)
praviviktajane gṛhe
in einem Haus, in dem sich abgeschieden Leute aufhalten/einsam (Lok.) [?]
bibhrataṃ gārdabhaṃ rūpam
die ich eine Eselsgestalt trage (Part.Präs., Akk.)
ādiśya parigarhase
darauf hinweisend tadelst du (Abs., 2.Sg.Präs.Med.)

Bali lebte, so der Zusammenhang, im Eselsgestalt verborgen in einem leeren Haus; Deutung des ersten Pāda („Spreu-Esser“, tuṣabhakṣa) unsicher.

icchann ahaṃ vikuryāṃ hi rūpāṇi bahudhātmanaḥ; vibhīṣaṇāni yānīkṣya palāyethās tvam eva me

Wenn ich wollte, könnte ich mich in vielerlei furchtbare Gestalten verwandeln; bei ihrem Anblick würdest du selbst vor mir fliehen.

Wort für Wort
icchann ahaṃ vikuryāṃ hi
wollend, ich würde wandeln (Part.Präs., Opt.)
rūpāṇi bahudhātmanaḥ
Gestalten vielfältig meiner selbst (Akk.Pl., Gen.)
vibhīṣaṇāni yānīkṣya
furchterregende, bei deren Anblick (Akk.Pl., Abs.)
palāyethās tvam eva me
würdest du fliehen vor mir (Opt.Med.)

kālaḥ sarvaṃ samādatte kālaḥ sarvaṃ prayacchati; kālena vidhṛtaṃ sarvaṃ mā kṛthāḥ śakra pauruṣam

Die Zeit nimmt alles an sich, die Zeit gibt alles her; von der Zeit ist alles gehalten; darum, Śakra, tu nicht männlich [prahlerisch]!

Wort für Wort
kālaḥ sarvaṃ samādatte
die Zeit nimmt alles an sich
kālaḥ sarvaṃ prayacchati
die Zeit gibt alles (3.Sg.Präs.)
kālena vidhṛtaṃ sarvam
durch die Zeit gehalten alles (Instr., Part.Pass.)
mā kṛthāḥ śakra pauruṣam
mach nicht, Śakra, Mannestat/Prahlerei (Injunktiv/Prohibitiv, Akk.)

purā sarvaṃ pravyathate mayi kruddhe puraṃdara

Früher erzitterte alles, wenn ich zürnte, Zerstörer der Burgen;

Wort für Wort
purā sarvaṃ pravyathate
früher zitterte alles (3.Sg.Präs.Med.)
mayi kruddhe
als ich zornig war (Lok.abs.)
puraṃdara
o Burgenzerstörer (Vok.)

Der Satz setzt sich in der Zusatzzeile (n=28) fort.

vidravanti tvayā sārdhaṃ sarva eva divaukasaḥ

mit dir zusammen liefen alle Himmelsbewohner auseinander.

Wort für Wort
vidravanti
sie fliehen auseinander (3.Pl.Präs.)
tvayā sārdham
mit dir zusammen (Instr.)
sarva eva divaukasaḥ
alle Himmelsbewohner (Nom.Pl.)

Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert). Zusatzzeile der kritischen Ausgabe.

avaimi tv asya lokasya dharmaṃ śakra sanātanam

Ich kenne aber, Śakra, die ewige Ordnung (dharma) dieser Welt.

Wort für Wort
avaimi tv
ich kenne aber (1.Sg.Präs.)
asya lokasya
dieser Welt (Gen.)
dharmaṃ śakra sanātanam
die Ordnung, Śakra, die ewige (Akk., Vok.)

tvam apy evam apekṣasva mātmanā vismayaṃ gamaḥ; prabhavaś ca prabhāvaś ca nātmasaṃsthaḥ kadā cana

Auch du betrachte es so; lass dich nicht von Staunen [über dich selbst] ergreifen! Ursprung und Macht liegen niemals in einem selbst [begründet].

Wort für Wort
tvam apy evam apekṣasva
auch du betrachte so (Imp.Med.)
mātmanā vismayaṃ gamaḥ
nicht durch dich selbst gerate in Staunen (Prohibitiv, Instr., Akk.)
prabhavaś ca prabhāvaś ca
Ursprung und Macht (Nom.)
nātmasaṃsthaḥ kadā cana
nicht im Selbst gegründet, niemals (Nom.)

„prabhava“ und „prabhāva“ sind hier als ‚Ursprung‘ bzw. ‚Macht‘ wiedergegeben.

kaumāram eva te cittaṃ tathaivādya yathā purā; samavekṣasva maghavan buddhiṃ vindasva naiṣṭhikīm

Dein Geist ist noch der eines Knaben, gerade so heute wie früher; bedenke [es], Maghavan, und finde eine endgültige Einsicht!

Wort für Wort
kaumāram eva te cittam
knabenhaft eben dein Geist (Nom.)
tathaivādya yathā purā
ebenso heute wie früher
samavekṣasva maghavan
betrachte genau, Maghavan (Imp.Med., Vok.)
buddhiṃ vindasva naiṣṭhikīm
Einsicht finde, endgültige (Imp.Med., Akk.)

devā manuṣyāḥ pitaro gandharvoragarākṣasāḥ; āsan sarve mama vaśe tat sarvaṃ vettha vāsava

Götter, Menschen, Ahnen, Gandharven, Schlangen und Rākṣasas waren alle in meiner Gewalt; all das weißt du, Vāsava.

Wort für Wort
devā manuṣyāḥ pitaro
Götter, Menschen, Ahnen (Nom.Pl.)
gandharvoragarākṣasāḥ
Gandharven, Schlangen und Rākṣasas (Kompositum, Nom.Pl.)
āsan sarve mama vaśe
waren alle in meiner Gewalt (3.Pl.Impf., Lok.)
tat sarvaṃ vettha vāsava
all das weißt du, Vāsava (2.Sg.Perf., Vok.)

namas tasyai diśe 'py astu yasyāṃ vairocano baliḥ; iti mām abhyapadyanta buddhimātsaryamohitāḥ

‚Verehrung auch jener Himmelsrichtung, in der Bali, der Sohn der Virocana, ist!‘ – so wandten sie sich an mich, von Einsicht, Neid und Verblendung betört.

Wort für Wort
namas tasyai diśe 'py astu
Verehrung auch jener Himmelsrichtung sei (Dat., Imp.)
yasyāṃ vairocano baliḥ
in der Bali, Virocanas Sohn [ist] (Lok.)
iti mām abhyapadyanta
so traten sie zu mir hin (3.Pl.Impf.Med.)
buddhimātsaryamohitāḥ
von Verstand/Neid und Wahn betört (Kompositum, Nom.Pl.) [?]

„buddhimātsaryamohitāḥ“ ist unsicher aufgelöst (‚betört durch Einsicht[sdünkel], Neid und Wahn‘).

nāhaṃ tad anuśocāmi nātmabhraṃśaṃ śacīpate; evaṃ me niścitā buddhiḥ śāstus tiṣṭhāmy ahaṃ vaśe

Nicht beklage ich jenes, nicht den Sturz meiner selbst, Herr der Śacī; so ist mein Entschluss gefasst: Ich stehe in der Gewalt des Lenkers [Kāla].

Wort für Wort
na ahaṃ tad anuśocāmi
nicht ich beklage jenes (1.Sg.Präs.)
na ātmabhraṃśaṃ śacīpate
nicht den Sturz meiner selbst, Herr der Śacī (Akk./Vok.)
evaṃ me niścitā buddhiḥ
so ist mir gefasst der Entschluss (Nom.Sg.f.)
śāstuḥ tiṣṭhāmi ahaṃ vaśe
des Lenkers stehe ich in der Gewalt (Gen./1.Sg.Präs./Lok.)

śāstṛ: hier wohl Kāla, die Zeit, als Lenker.

dṛśyate hi kule jāto darśanīyaḥ pratāpavān; duḥkhaṃ jīvan sahāmātyo bhavitavyaṃ hi tat tathā

Man sieht nämlich einen in [gutem] Geschlecht Geborenen, ansehnlich und machtvoll, [dennoch] elend leben samt [seinen] Ministern [?]; so muss es eben sein.

Wort für Wort
dṛśyate hi
man sieht nämlich (Pass.3.Sg.)
kule jāto darśanīyaḥ pratāpavān
im Geschlecht geboren, ansehnlich, machtvoll (Nom.Sg.m.)
duḥkhaṃ jīvan
elend lebend (Adv./Part.Präs.)
sahāmātyaḥ
samt den Ministern (Nom.Sg.m., Kompositum)
bhavitavyaṃ hi tat tathā
sein muss ja jenes so (Gerundiv)

sahāmātyaḥ im Zusammenhang unklar (evtl. Bezug auf Wohlstand/Gefolge).

dauṣkuleyas tathā mūḍho durjātaḥ śakra dṛśyate; sukhaṃ jīvan sahāmātyo bhavitavyaṃ hi tat tathā

Und einen aus schlechter Familie, Törichten, Niedriggeborenen sieht man, Śakra, glücklich leben samt [seinen] Ministern [?]; so muss es eben sein.

Wort für Wort
dauṣkuleyaḥ tathā mūḍhaḥ
aus schlechter Familie, ebenso töricht (Nom.Sg.m.)
durjātaḥ śakra dṛśyate
niedrig geboren, Śakra, wird gesehen (Nom./Vok./Pass.)
sukhaṃ jīvan
glücklich lebend (Part.Präs.)
sahāmātyaḥ
samt den Ministern (Nom.Sg.m.)
bhavitavyaṃ hi tat tathā
sein muss ja jenes so (Gerundiv)

kalyāṇī rūpasaṃpannā durbhagā śakra dṛśyate; alakṣaṇā virūpā ca subhagā śakra dṛśyate

Eine Schöne, mit Anmut begabt, sieht man, Śakra, vom Glück verlassen; eine Unheilverheißende und Hässliche sieht man, Śakra, vom Glück begünstigt.

Wort für Wort
kalyāṇī rūpasaṃpannā
schön, mit Gestalt begabt (Nom.Sg.f.)
durbhagā śakra dṛśyate
unglücklich, Śakra, wird gesehen (Nom.f./Vok./Pass.)
alakṣaṇā virūpā ca
unheilverheißend und hässlich (Nom.Sg.f.)
subhagā śakra dṛśyate
glücklich, Śakra, wird gesehen (Nom.f./Vok./Pass.)

naitad asmatkṛtaṃ śakra naitac chakra tvayā kṛtam; yat tvam evaṃgato vajrin yad vāpy evaṃgatā vayam

Nicht von uns ist dies gemacht, Śakra, nicht von dir ist dies gemacht, Śakra: dass du, Vajra-Träger, so gestellt bist oder dass auch wir so gestellt sind.

Wort für Wort
na etad asmatkṛtam śakra
nicht dies ist von uns getan, Śakra (Nom.Sg.n./Vok.)
na etat śakra tvayā kṛtam
nicht dies, Śakra, ist von dir getan (Instr.)
yat tvam evaṃgataḥ vajrin
dass du so beschaffen bist, Vajra-Träger (Nom./Vok.)
yat vā api evaṃgatāḥ vayam
oder dass auch wir so beschaffen sind (Nom.Pl.)

na karma tava nānyeṣāṃ kuto mama śatakrato; ṛddhir vāpy atha vā narddhiḥ paryāyakṛtam eva tat

Nicht dein Werk, nicht das anderer; wieso [dann] meines, Śatakratu? Ob Wohlstand oder Unwohlstand, das ist [nur] durch den Umlauf bewirkt.

Wort für Wort
na karma tava na anyeṣām
nicht Werk dein, nicht anderer (Nom./Gen.)
kutaḥ mama śatakrato
woher [dann] mein, Śatakratu (Vok.)
ṛddhiḥ vā api atha vā na ṛddhiḥ
Wohlstand oder auch Nichtwohlstand (Nom.Sg.f.)
paryāyakṛtam eva tat
durch den Wechsel bewirkt eben jenes (Nom.Sg.n.)

paśyāmi tvā virājantaṃ devarājam avasthitam; śrīmantaṃ dyutimantaṃ ca garjantaṃ ca mamopari

Ich sehe dich strahlend, als Götterkönig dastehend, glanzvoll und leuchtend und über mir brüllend.

Wort für Wort
paśyāmi tvā virājantam
ich sehe dich strahlend (1.Sg.Präs./Akk.)
devarājam avasthitam
als Götterkönig dastehend (Akk./Part.Perf.)
śrīmantaṃ dyutimantaṃ ca
glanzvoll und leuchtend (Akk.Sg.m.)
garjantaṃ ca mama upari
und brüllend über mir (Akk./Part.Präs.)

etac caivaṃ na cet kālo mām ākramya sthito bhavet; pātayeyam ahaṃ tvādya savajram api muṣṭinā

Und wenn das so wäre [und] nicht die Zeit mich überwältigt hätte und [nun] dastünde, würde ich dich heute samt dem Vajra mit der Faust zu Fall bringen.

Wort für Wort
etat ca evam na cet kālaḥ
und dies so, wenn nicht die Zeit (Nom.)
mām ākramya sthitaḥ bhavet
mich überwältigt habend dastünde (Abs./Opt.)
pātayeyam aham tvā adya
würde ich fällen dich heute (1.Sg.Opt.Kaus.)
savajram api muṣṭinā
sogar samt dem Vajra mit der Faust (Akk./Instr.)

Satzbau des ersten Halbverses etwas verkürzt.

na tu vikramakālo 'yaṃ kṣamākālo 'yam āgataḥ; kālaḥ sthāpayate sarvaṃ kālaḥ pacati vai tathā

Doch dies ist nicht die Zeit der Tapferkeit; die Zeit der Nachsicht ist gekommen. Die Zeit lässt alles bestehen, und die Zeit lässt ebenso [alles] reifen.

Wort für Wort
na tu vikramakālaḥ ayam
doch nicht Zeit der Tapferkeit ist dies (Nom.)
kṣamākālaḥ ayam āgataḥ
Zeit der Nachsicht ist gekommen (Nom./Part.Perf.)
kālaḥ sthāpayate sarvam
die Zeit stellt fest alles (3.Sg.Kaus.)
kālaḥ pacati vai tathā
die Zeit gart wahrlich ebenso (3.Sg.Präs.)

māṃ ced abhyāgataḥ kālo dānaveśvaram ūrjitam; garjantaṃ pratapantaṃ ca kam anyaṃ nāgamiṣyati

Wenn mich, den gewaltigen Herrn der Dānavas, brüllend und glühend, die Zeit erreicht hat, wen sonst wird sie nicht erreichen?

Wort für Wort
mām cet abhyāgataḥ kālaḥ
mich, wenn erreicht hat die Zeit (Akk./Part.Perf.)
dānaveśvaram ūrjitam
den Herrn der Dānavas, den Gewaltigen (Akk.)
garjantaṃ pratapantaṃ ca
brüllend und glühend (Akk./Part.Präs.)
kam anyam na āgamiṣyati
welchen anderen wird sie nicht erreichen (Akk./3.Sg.Fut.)

dvādaśānāṃ hi bhavatām ādityānāṃ mahātmanām; tejāṃsy ekena sarveṣāṃ devarāja hṛtāni me

Von euch zwölf, den großmütigen Ādityas, sind, Götterkönig, die Glanzkräfte aller von mir, einem allein, geraubt worden.

Wort für Wort
dvādaśānām hi bhavatām
von den zwölf ja euch (Gen.Pl.)
ādityānām mahātmanām
der Ādityas, der Großgesinnten (Gen.Pl.)
tejāṃsi ekena sarveṣām
die Glanzkräfte, durch einen, von allen (Nom.Pl.n./Instr./Gen.)
devarāja hṛtāni me
Götterkönig, geraubt worden von mir (Vok./Part.Pass./Instr.)

aham evodvahāmy āpo visṛjāmi ca vāsava; tapāmi caiva trailokyaṃ vidyotāmy aham eva ca

Ich allein trage die Wasser empor und lasse sie los, Vāsava; ich erhitze die drei Welten und lasse sie aufleuchten.

Wort für Wort
aham eva udvahāmi āpaḥ
ich allein trage empor die Wasser (1.Sg.Präs./Akk.Pl.)
visṛjāmi ca vāsava
und lasse los, Vāsava (1.Sg.Präs./Vok.)
tapāmi ca eva trailokyam
und erhitze die Dreiwelt (1.Sg.Präs./Akk.)
vidyotāmi aham eva ca
und leuchte auf ich allein (1.Sg.Präs.)

saṃrakṣāmi vilumpāmi dadāmy aham athādade; saṃyacchāmi niyacchāmi lokeṣu prabhur īśvaraḥ

Ich schütze, ich raube, ich gebe, ich nehme; ich halte zusammen, ich zügele – in den Welten [war ich] Gebieter und Herr.

Wort für Wort
saṃrakṣāmi vilumpāmi
ich schütze, ich raube (1.Sg.Präs.)
dadāmi aham atha ādade
ich gebe, ich nehme (1.Sg.Präs./Med.)
saṃyacchāmi niyacchāmi
ich halte zusammen, ich zügele (1.Sg.Präs.)
lokeṣu prabhuḥ īśvaraḥ
in den Welten Gebieter, Herr (Lok.Pl./Nom.Sg.)

tad adya vinivṛttaṃ me prabhutvam amarādhipa; kālasainyāvagāḍhasya sarvaṃ na pratibhāti me

Dieses mein Herrschertum ist heute erloschen, Herr der Unsterblichen; vom Heer der Zeit umfangen, leuchtet mir nichts mehr ein.

Wort für Wort
tat adya vinivṛttam me
das ist heute zurückgekehrt/erloschen mir (Part.Perf.Pass.)
prabhutvam amarādhipa
Herrschertum, Herr der Unsterblichen (Nom.n./Vok.)
kālasainyāvagāḍhasya
dem vom Heer der Zeit Umfangenen (Gen./Dat.-Bezug)
sarvam na pratibhāti me
alles leuchtet nicht ein mir (3.Sg.Präs.)

nāhaṃ kartā na caiva tvaṃ nānyaḥ kartā śacīpate; paryāyeṇa hi bhujyante lokāḥ śakra yadṛcchayā

Nicht ich bin der Täter, auch nicht du, kein anderer ist Täter, Gatte der Śacī; im Wechsel werden die Welten genossen, Śakra, nach Zufall.

Wort für Wort
na aham kartā
nicht ich [bin] Täter (Nom.Sg.)
na ca eva tvam na anyaḥ kartā
und auch nicht du, kein anderer [ist] Täter (Nom.)
śacīpate
Gatte der Śacī (Vok.)
paryāyeṇa hi bhujyante lokāḥ
im Wechsel ja werden genossen die Welten (Instr./Pass.3.Pl.)
śakra yadṛcchayā
Śakra, nach Zufall (Vok./Instr.)

māsārdhamāsaveśmānam ahorātrābhisaṃvṛtam; ṛtudvāraṃ varṣamukham āhur vedavido janāḥ

[Die Zeit,] das Haus der Monate und Halbmonate, von Tagen und Nächten umhüllt, das Tor der Jahreszeiten, der Mund [Anfang] des Jahres – so nennen sie die Veda-Kundigen [?].

Wort für Wort
māsārdhamāsaveśmānam
das Haus der Monate und Halbmonate (Akk.Sg.m.)
ahorātrābhisaṃvṛtam
von Tag und Nacht umhüllt (Akk./Part.Pass.)
ṛtudvāraṃ varṣamukham
Tor der Jahreszeiten, Mund des Jahres (Akk.)
āhuḥ vedavidaḥ janāḥ
es nennen die Veda-Kundigen Leute (3.Pl.Perf./Nom.)

Bezugswort (vermutlich kāla) im Text nicht genannt; Vers verkürzt und schwierig.

āhuḥ sarvam idaṃ cintyaṃ janāḥ ke cin manīṣayā

Manche Leute sagen, dies alles sei mit Verstand zu erwägen [?].

Wort für Wort
āhuḥ sarvam idam
sie sagen, all dies (3.Pl.Perf./Akk.)
cintyam
zu bedenken (Gerundiv)
janāḥ ke cit
manche Leute (Nom.Pl.)
manīṣayā
mit Verstand (Instr.)

Halbvers, Zusammenhang mit 51 schwierig.

anityaṃ pañcavarṣāṇi ṣaṣṭho dṛśyati dehinām

Vergänglich [ist es] fünf Jahre; ein sechstes wird bei den Verkörperten gesehen [?].

Wort für Wort
anityam pañcavarṣāṇi
vergänglich, fünf Jahre (Nom./Akk.)
ṣaṣṭhaḥ dṛśyati
ein sechster wird gesehen (Nom./Pass.)
dehinām
bei den Verkörperten (Gen.Pl.)

Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert). Zusatzvers; Sinn unklar, verderbt oder sehr elliptisch.

asyāḥ pañcaiva cintāyāḥ paryeṣyāmi ca pañcadhā

Von diesem Denken werde ich nur fünf [Teile], und zwar fünffach, durchforschen [?].

Wort für Wort
asyāḥ pañca eva cintāyāḥ
dieses Denkens nur fünf (Gen.Sg.f.)
paryeṣyāmi ca
und werde durchforschen (1.Sg.Fut.)
pañcadhā
fünffach (Adv.)

Bezug unklar (Zusammenhang mit 49-53).

tatas tāni na paśyāmi kāle tam api vṛtrahan

Dann sehe ich jene nicht in der Zeit, auch ihn nicht, Vṛtra-Töter [?].

Wort für Wort
tataḥ tāni na paśyāmi
dann jene sehe ich nicht (Akk.Pl.n./1.Sg.Präs.)
kāle tam api
in der Zeit auch ihn (Lok./Akk.)
vṛtrahan
Vṛtra-Töter (Vok.)

Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert). Zusatzvers; Bezüge unklar.

gambhīraṃ gahanaṃ brahma mahat toyārṇavaṃ yathā; anādinidhanaṃ cāhur akṣaraṃ param eva ca

Tief, undurchdringlich [ist] das Brahman, groß wie ein Ozean von Wasser; anfangs- und endlos und unvergänglich und höchst nennen sie es.

Wort für Wort
gambhīram gahanam brahma
tief, dicht/unergründlich, das Brahman (Nom.Sg.n.)
mahat toyārṇavam yathā
groß, wie ein Wasserozean (Nom./Akk.)
anādinidhanam ca āhuḥ
und ohne Anfang und Ende sagen sie (3.Pl.Perf.)
akṣaram param eva ca
unvergänglich und ganz höchst (Akk.Sg.n.)

sattveṣu liṅgam āveśya naliṅgam api tat svayam; manyante dhruvam evainaṃ ye narās tattvadarśinaḥ

Ein Merkmal in die Wesen eingesetzt habend, ist es selbst doch merkmallos; als beständig halten dies die Menschen, die die Wahrheit schauen.

Wort für Wort
sattveṣu liṅgam āveśya
in den Wesen ein Merkmal eingeführt habend (Lok./Akk./Abs.)
na-liṅgam api tat svayam
merkmallos auch jenes selbst (Nom.Sg.n.)
manyante dhruvam eva enam
sie halten für beständig eben dies (3.Pl.Med./Akk.)
ye narāḥ tattvadarśinaḥ
welche Menschen die Wahrheit schauen (Nom.Pl.)

bhūtānāṃ tu viparyāsaṃ manyate gatavān iti; na hy etāvad bhaved gamyaṃ na yasmāt prakṛteḥ paraḥ

Den Umschwung der Wesen aber hält er [dafür], „er ist gegangen“; denn nicht wäre nur so weit [etwas] erreichbar, wo nichts jenseits der Urnatur läge [?].

Wort für Wort
bhūtānām tu viparyāsam
der Wesen aber den Umschwung/die Verkehrung (Gen.Pl./Akk.)
manyate gatavān iti
er hält [es für]: „er ist gegangen“ (3.Sg.Med./Part.Perf.)
na hi etāvat bhavet gamyam
denn nicht wäre so weit erreichbar (Opt.)
na yasmāt prakṛteḥ paraḥ
nicht, weil jenseits der Urnatur (Abl.)

Zweiter Halbvers syntaktisch unsicher.

gatiṃ hi sarvabhūtānām agatvā kva gamiṣyasi; yo dhāvatā na hātavyas tiṣṭhann api na hīyate; tam indriyāṇi sarvāṇi nānupaśyanti pañcadhā

Den Weg aller Wesen nicht erreicht habend, wohin wirst du gehen? Der von einem Laufenden nicht zurückzulassen ist und, obwohl stehend, nicht zurückbleibt – ihn nehmen alle Sinne nicht wahr, fünffach.

Wort für Wort
gatim hi sarvabhūtānām agatvā
den Weg ja aller Wesen nicht erreicht habend (Akk./Abs.)
kva gamiṣyasi
wohin wirst du gehen (2.Sg.Fut.)
yaḥ dhāvatā na hātavyaḥ
der von einem Laufenden nicht zu verlassen ist (Gerundiv/Instr.)
tiṣṭhan api na hīyate
auch stehend bleibt er nicht zurück (Part./Pass.3.Sg.)
tam indriyāṇi sarvāṇi
ihn, alle Sinne (Akk./Nom.Pl.)
na anupaśyanti pañcadhā
nehmen nicht wahr, fünffach (3.Pl.Präs./Adv.)

āhuś cainaṃ ke cid agniṃ ke cid āhuḥ prajāpatim; ṛtumāsārdhamāsāṃś ca divasāṃs tu kṣaṇāṃs tathā

Manche nennen ihn Agni, manche nennen ihn Prajāpati, [andere] Jahreszeiten, Monate und Halbmonate, ferner Tage und Augenblicke.

Wort für Wort
āhuḥ ca enam ke cit agnim
und sie nennen ihn, manche, Agni (3.Pl.Perf.)
ke cit āhuḥ prajāpatim
manche nennen Prajāpati (Akk.)
ṛtumāsārdhamāsān ca
und Jahreszeiten, Monate, Halbmonate (Akk.Pl.)
divasān tu kṣaṇān tathā
Tage aber und Augenblicke ebenso (Akk.Pl.)

pūrvāhṇam aparāhṇaṃ ca madhyāhnam api cāpare; muhūrtam api caivāhur ekaṃ santam anekadhā; taṃ kālam avajānīhi yasya sarvam idaṃ vaśe

Vormittag, Nachmittag, andere Mittag; auch Muhūrta nennen sie ihn – ihn, der einer ist, vielfach. Erkenne ihn als die Zeit, in deren Gewalt dies alles steht.

Wort für Wort
pūrvāhṇam aparāhṇam ca
Vormittag und Nachmittag (Akk.)
madhyāhnam api ca apare
auch Mittag, andere (Akk./Nom.Pl.)
muhūrtam api ca eva āhuḥ
auch Muhūrta nennen sie ihn (3.Pl.Perf.)
ekam santam anekadhā
einen seienden vielfach (Akk./Part./Adv.)
tam kālam avajānīhi
ihn als Zeit erkenne (Imp.2.Sg.)
yasya sarvam idam vaśe
dessen Gewalt all dies untersteht (Gen./Lok.)

bahūnīndrasahasrāṇi samatītāni vāsava; balavīryopapannāni yathaiva tvaṃ śacīpate

Viele Tausende von Indras sind vergangen, Vāsava, mit Kraft und Heldenmut begabt, ganz so wie du, Gatte der Śacī.

Wort für Wort
bahūni indrasahasrāṇi
viele Tausende von Indras (Nom.Pl.n.)
samatītāni vāsava
sind vergangen, Vāsava (Part.Perf.Pass./Vok.)
balavīryopapannāni
mit Kraft und Heldenmut begabt (Nom.Pl.)
yathā eva tvam śacīpate
ganz wie du, Gatte der Śacī (Nom./Vok.)

tvām apy atibalaṃ śakraṃ devarājaṃ balotkaṭam; prāpte kāle mahāvīryaḥ kālaḥ saṃśamayiṣyati

Auch dich, den überstarken Śakra, den Götterkönig, kraftstrotzend, wird, wenn die Zeit gekommen ist, die überaus mächtige Zeit zur Ruhe bringen.

Wort für Wort
tvām api atibalam śakram
auch dich, den überstarken Śakra (Akk.)
devarājam balotkaṭam
den Götterkönig, kraftstrotzend (Akk.)
prāpte kāle
wenn die Zeit gekommen ist (Lok.abs.)
mahāvīryaḥ kālaḥ
die überaus heldenkräftige Zeit (Nom.)
saṃśamayiṣyati
wird zur Ruhe bringen (3.Sg.Fut.Kaus.)

ya idaṃ sarvam ādatte tasmāc chakra sthiro bhava; mayā tvayā ca pūrvaiś ca na sa śakyo 'tivartitum

Der dies alles an sich nimmt – darum, Śakra, sei standhaft; von mir, von dir und von den Früheren ist er nicht zu überschreiten.

Wort für Wort
yaḥ idam sarvam ādatte
der dies alles nimmt (3.Sg.Präs.Med.)
tasmāt śakra sthiraḥ bhava
darum, Śakra, standhaft sei (Imp.)
mayā tvayā ca pūrvaiḥ ca
von mir, von dir und von den Früheren (Instr.)
na saḥ śakyaḥ ativartitum
nicht er ist imstande zu überschreiten (Inf.)

śakyaḥ ... ativartitum: „er ist nicht zu überschreiten“.

yām etāṃ prāpya jānīṣe rājaśriyam anuttamām; sthitā mayīti tan mithyā naiṣā hy ekatra tiṣṭhati

Diese unübertreffliche Königsherrlichkeit, die du erlangt hast und von der du meinst, sie stehe bei dir – das ist falsch; sie weilt nicht an einem Ort.

Wort für Wort
yām etām prāpya jānīṣe
welche diese erlangt habend du glaubst (Abs./2.Sg.Präs.)
rājaśriyam anuttamām
Königsherrlichkeit, unübertroffene (Akk.Sg.f.)
sthitā mayi iti
„sie steht bei mir“, so (Part./Lok.)
tat mithyā
das ist falsch (Nom.n./Adv.)
na eṣā hi ekatra tiṣṭhati
nicht diese ja an einem Ort weilt sie (3.Sg.Präs.)

sthitā hīndrasahasreṣu tvad viśiṣṭatameṣv iyam; māṃ ca lolā parityajya tvām agād vibudhādhipa

Sie hat bei Tausenden von Indras gestanden, die vorzüglicher waren als du; und mich verlassend, ist sie, die Unstete, zu dir gegangen, Herr der Götter.

Wort für Wort
sthitā hi indrasahasreṣu
gestanden hat sie ja bei Tausenden von Indras (Part.f./Lok.Pl.)
tvat viśiṣṭatameṣu iyam
die vorzüglicher als du (Lok.Pl./Nom.f.)
mām ca lolā parityajya
und mich [sie,] die Unstete verlassend (Akk./Nom.f./Abs.)
tvām agāt vibudhādhipa
zu dir ist sie gegangen, Herr der Götter (Aor./Vok.)

lolā (Nom.f.) bezieht sich auf die Herrlichkeit (Śrī).

maivaṃ śakra punaḥ kārṣīḥ śānto bhavitum arhasi; tvām apy evaṃgataṃ tyaktvā kṣipram anyaṃ gamiṣyati

Tu es nicht wieder so, Śakra; du solltest ruhig werden. Auch dich, der du in solchem Zustand bist, wird sie verlassen und schnell zu einem anderen gehen.

Wort für Wort
mā evam śakra punaḥ kārṣīḥ
nicht so, Śakra, wieder tue (Aor.Prohib.)
śāntaḥ bhavitum arhasi
ruhig zu werden solltest du (Inf./2.Sg.)
tvām api evaṃgatam
auch dich, so beschaffen (Akk.)
tyaktvā kṣipram anyam
verlassend, schnell einen anderen (Abs./Akk.)
gamiṣyati
sie wird gehen (3.Sg.Fut.)

kālena coditā śakra mā te garvaḥ śatakrato; kṣamasva kālayogaṃ tam āgataṃ viddhi devapa; nirlajjaś caiva kasmāt tvaṃ devarāja vikatthase; sarvāsurāṇām adhipaḥ sarvadevabhayaṃkaraḥ; jitavān brahmaṇo lokaṃ ko vidyād āgataṃ gatim

Von der Zeit getrieben [ist sie], Śakra; dein Hochmut soll nicht sein, Śatakratu. Verzeih diese eingetretene Fügung der Zeit, wisse es, Götterhüter. Und schamlos – warum prahlst du, Götterkönig? [Er ist] der Herr aller Asuras, der Schrecken aller Götter, hat die Welt des Brahmā besiegt – wer kennt den gekommenen Weg? [?]

Wort für Wort
kālena coditā śakra
von der Zeit getrieben, Śakra (Instr./Part.f./Vok.)
mā te garvaḥ śatakrato
nicht sei dir Hochmut, Śatakratu (Nom./Vok.)
kṣamasva kālayogam tam āgatam
verzeih jene eingetretene Fügung der Zeit (Imp.Med./Akk./Part.)
viddhi devapa
wisse, Götterhüter (Imp./Vok.)
nirlajjaḥ ca eva kasmāt tvam
und schamlos, warum du (Nom.)
devarāja vikatthase
Götterkönig, prahlst du (Vok./2.Sg.Präs.Med.)
sarvāsurāṇām adhipaḥ
der Herr aller Asuras (Gen.Pl./Nom.)
jitavān brahmaṇaḥ lokam
der besiegt hat die Welt des Brahmā (Part.Perf./Akk.)
kaḥ vidyāt āgatam gatim
wer wüsste den gekommenen Weg (Opt./Akk.)

Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert). Zusatzpassage; Sprecher- und Bezugswechsel unklar (die Epitheta „Herr aller Asuras“ usw. könnten auf Bali selbst zielen); Text möglicherweise verderbt.

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