Kapitel 314: himavati vyāsāśramaḥ
Bhīṣmas Aufbruch, die Skanda-Sage und Vyāsas Einsiedelei am Himavat
Das Kapitel schildert zunächst Bhīṣmas yogischen Aufbruch nach Norden, dann Nāradas Reise zum Himavat mit der Erinnerung an die Skanda-Sage (die Speerprobe der Götter) und schließlich Vyāsas Lehrtätigkeit für seine Schüler Sumantu, Vaiśampāyana, Jaimini und Paila am Berg – als Vorbereitung auf die folgende Erzählung von Śuka.
Bhīṣma sprach: „Nachdem er dieses Wort gehört hatte, mit vollendetem Selbst und gefasstem Entschluss, im Selbst auf das Selbst gestützt und das Selbst durch das Selbst erblickt habend,
Wort für Wort
bhīṣma uvāca
Bhīṣma sprach (3.Sg.Perf.)
etac chrutvā tu
dieses aber gehört habend (Abs., Akk.Sg.)
vacanaṃ
das Wort (Akk.Sg.)
kṛtātmā
mit vollendetem/gebändigtem Selbst (Nom.Sg.)
kṛtaniścayaḥ
mit gefasstem Entschluss (Nom.Sg.)
ātmanātmānam āsthāya
im Selbst durch das Selbst verharrend (Instr./Akk., Abs.)
dṛṣṭvā cātmānam ātmanā
und das Selbst durch das Selbst gesehen habend (Abs./Akk./Instr.)
Die Sprecherangabe „bhīṣma uvāca“ steht so in der Vorlage, obwohl der Vers Bhīṣma in der 3. Person beschreibt; wohl eine aus dem vorigen Abschnitt übernommene Kapitelmarkierung.
Er zog, in Yoga verharrend, zufrieden, in die nördliche Richtung fort.
Wort für Wort
prayayau
er zog fort (3.Sg.Perf.)
yogam āsthāya
in Yoga verharrend (Akk.Sg., Abs.)
tuṣṭo
zufrieden (Nom.Sg.)
diśam athottarām
zur nördlichen Richtung (Akk.Sg.)
Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert). Zusatzvers der kritischen Ausgabe (star), der den Aufbruch Bhīṣmas nochmals variierend schildert.
tam apsarogaṇākīrṇaṃ gītasvananināditam; kiṃnarāṇāṃ samūhaiś ca bhṛṅgarājais tathaiva ca
[jenen Himavat,] der von Scharen der Apsaras erfüllt war, vom Klang des Gesangs widerhallend, mit Scharen der Kiṃnaras und ebenso mit Bhṛṅgarāja-Vögeln,
Wort für Wort
tam
jenen (Akk.Sg., bez. auf Himavat)
apsarogaṇākīrṇaṃ
von Scharen der Apsaras erfüllt (Akk.Sg.)
gītasvananināditam
vom Klang des Gesangs widerhallend (Akk.Sg.)
kiṃnarāṇāṃ samūhaiś ca
und mit Scharen der Kiṃnaras (Instr.Pl.)
bhṛṅgarājais tathaiva ca
und ebenso mit Bhṛṅgarāja-Vögeln (Instr.Pl.)
bhṛṅgarāja hier als Vogelname (vgl. die folgenden Vogelnamen) verstanden, nicht als „Bienenkönig“.
madgubhiḥ khañjarīṭaiś ca vicitrair jīvajīvakaiḥ; citravarṇair mayūraiś ca kekāśatavirājitaiḥ; rājahaṃsasamūhaiś ca hṛṣṭaiḥ parabhṛtais tathā
mit Wasserhühnern und Bachstelzen, mit den bunten Jīvajīvaka-Vögeln, mit farbenprächtigen Pfauen, die von hundertfachem Schreien glänzten, und ebenso mit Scharen von Königsgänsen und fröhlichen Kuckucken.
Wort für Wort
madgubhiḥ
mit Wasserhühnern (Instr.Pl.)
khañjarīṭaiś ca
und mit Bachstelzen (Instr.Pl.)
vicitrair jīvajīvakaiḥ
mit den bunten Jīvajīvaka-Vögeln (Instr.Pl.)
citravarṇair mayūraiś ca
und mit farbenprächtigen Pfauen (Instr.Pl.)
kekāśatavirājitaiḥ
die durch hundertfaches Schreien glänzten (Instr.Pl.)
pakṣirājo garutmāṃś ca yaṃ nityam adhigacchati; catvāro lokapālāś ca devāḥ sarṣigaṇās tathā; yatra nityaṃ samāyānti lokasya hitakāmyayā
[zu jenem Berg,] zu dem der Vogelkönig Garuḍa stets kommt; und die vier Weltenhüter sowie die Götter mit den Scharen der Seher kommen dort immer zusammen, aus Verlangen nach dem Wohl der Welt.
Wort für Wort
pakṣirājo garutmāṃś ca
und der Vogelkönig Garutmān/Garuḍa (Nom.Sg.)
yaṃ nityam adhigacchati
zu dem er stets kommt (Akk.Sg., 3.Sg.Präs.)
catvāro lokapālāś ca
und die vier Weltenhüter (Nom.Pl.)
devāḥ sarṣigaṇās tathā
und die Götter mit den Scharen der Seher (Nom.Pl.)
yatra nityaṃ samāyānti
wo sie stets zusammenkommen (3.Pl.Präs.)
lokasya hitakāmyayā
aus Verlangen nach dem Wohl der Welt (Gen.Sg., Instr.Sg.)
wo von Viṣṇu, dem Hochgesinnten, um eines Sohnes willen Askese geübt wurde, und ebendort, wo in der Kindheit von dem Knaben [Skanda] die Himmelsbewohner niedergeworfen wurden,
Wort für Wort
viṣṇunā ... mahātmanā
von Viṣṇu, dem Hochgesinnten (Instr.Sg.)
yatra putrārthe
wo um eines Sohnes willen (Lok.Sg.)
tapas taptaṃ
Askese wurde geübt (Nom.Sg., Pass.Ptz.)
yatraiva ca
und ebendort (Adv.)
kumāreṇa bālye
von dem Knaben in der Kindheit (Instr.Sg., Lok.Sg.)
kṣiptā divaukasaḥ
wurden die Himmelsbewohner niedergeworfen (Nom.Pl.)
„kṣiptā“ statt kṣiptāḥ durch metrische Sandhi-Verkürzung vor divaukasaḥ; Bezug ist die Sage von Skandas kindlicher Kraftprobe.
[wo] die Śakti auf den Erdboden gelegt wurde, nachdem er die drei Welten verachtet hatte, und wo Skanda, der Weltenträger, damals dieses Wort hervorstieß, indem er die Waffe hinwarf:
Wort für Wort
śaktir nyastā
die Śakti wurde niedergelegt (Nom.Sg., Pass.Ptz.)
kṣititale
auf dem Erdboden (Lok.Sg.)
trailokyam avamanya vai
die drei Welten verachtet habend (Akk.Sg., Abs.)
yatrovāca
wo er sprach (3.Sg.Perf.)
jagatskandaḥ
Skanda, der Weltenträger (Nom.Sg.)
kṣipan vākyam idaṃ tadā
damals dieses Wort hinwerfend (Präs.Ptz., Akk.Sg.)
„jagatskandaḥ“ als Beiname Skandas („Träger/Skanda der Welt“) gedeutet.
yo 'nyo 'sti matto 'bhyadhiko viprā yasyādhikaṃ priyāḥ; yo brahmaṇyo dvitīyo 'sti triṣu lokeṣu vīryavān
‚Wer ist da ein anderer, der über mir stünde, ihr Brahmanen? Wem sind die Brahmanen lieber [als mir]? Wer ist fromm, wer ist als Zweiter an Kraft in den drei Welten?
Wort für Wort
yo 'nyo 'sti
wer ist ein anderer (Nom.Sg., 3.Sg.Präs.)
matto 'bhyadhiko
überlegen als ich (Abl.Sg., Nom.Sg.)
viprā
ihr Brahmanen (Vok.Pl.)
yasyādhikaṃ priyāḥ
wem sie lieber sind (Gen.Sg., Nom.Pl.)
yo brahmaṇyo 'sti
wer fromm ist (Nom.Sg., 3.Sg.Präs.)
dvitīyo triṣu lokeṣu
als Zweiter in den drei Welten (Nom.Sg., Lok.Pl.)
vīryavān
an Kraft (Nom.Sg.)
Syntax der rhetorischen Frage leicht elliptisch; Sinn ist Skandas Prahlerei, niemand sei ihm an Frömmigkeit und Kraft überlegen.
Da sah der erhabene Viṣṇu die ganze Schar der Götter, samt Asuras und Rākṣasas, in Sinn und Gemüt verwirrt, und er überlegte: ‚Was wäre hier wohl die richtige Tat, die zu vollbringen wäre?'
Wort für Wort
atha devagaṇaṃ sarvaṃ
da die ganze Schar der Götter (Akk.Sg.)
saṃbhrāntendriyamānasam
mit verwirrten Sinnen und Gemüt (Akk.Sg.)
apaśyad bhagavān viṣṇuḥ
sah der erhabene Viṣṇu (3.Sg.Impf., Nom.Sg.)
kṣiptaṃ sāsurarākṣasam
bestürzt, samt Asuras und Rākṣasas (Akk.Sg.)
kiṃ nv atra sukṛtaṃ kāryaṃ
was wäre hier die rechte Tat (Nom.Sg.)
bhaved iti vicintayan
könnte sein - so überlegend (3.Sg.Opt., Präs.Ptz.)
sa nāmṛṣyata taṃ kṣepam avaikṣata ca pāvakim; sa prahasya viśuddhātmā śaktiṃ prajvalitāṃ tadā; kampayām āsa savyena pāṇinā puruṣottamaḥ
Er ertrug diese Kränkung nicht und blickte auf den Sohn des Feuers [Skanda]. Da lachte er, der Reingesinnte, und der Höchste der Männer erschütterte damals mit der linken Hand die lodernde Śakti.
Wort für Wort
sa nāmṛṣyata
er ertrug nicht (3.Sg.Impf.)
taṃ kṣepam
diese Kränkung (Akk.Sg.)
avaikṣata ca pāvakim
und blickte auf den Sohn des Feuers (3.Sg.Impf., Akk.Sg.)
sa prahasya viśuddhātmā
er, lachend, der Reingesinnte (Abs., Nom.Sg.)
śaktiṃ prajvalitāṃ tadā
die lodernde Śakti damals (Akk.Sg.)
kampayām āsa
er erschütterte (3.Sg.Perf.periphr.)
savyena pāṇinā puruṣottamaḥ
mit der linken Hand, der Höchste der Männer (Instr.Sg., Nom.Sg.)
śaktenāpi samuddhartuṃ kampitā sā na tūddhṛtā; rakṣatā skandarājasya dharṣaṇāṃ prabhaviṣṇunā
Auch von dem Mächtigen wurde sie, um sie emporzuheben, erschüttert, doch nicht ganz herausgehoben, da der Gewaltige die Schmach des Königs Skanda [davor] bewahrte.
Wort für Wort
śaktenāpi
auch von dem Mächtigen (Instr.Sg.)
samuddhartuṃ kampitā
um sie emporzuheben, wurde sie erschüttert (Inf., Nom.Sg.Pass.Ptz.)
sā na tūddhṛtā
sie wurde jedoch nicht [ganz] herausgehoben (Nom.Sg., Pass.Ptz.)
rakṣatā
indem er bewahrte (Präs.Ptz.Instr.Sg.)
skandarājasya dharṣaṇāṃ
die Schmach des Königs Skanda (Gen.Sg., Akk.Sg.)
prabhaviṣṇunā
der Gewaltige (Instr.Sg.)
Wortspiel zwischen „śaktena“ (der Mächtige, d.h. Viṣṇu) und „śakti“ (der Speer) im Deutschen nicht direkt wiedergebbar.
Wo, zur nördlichen Richtung gegangen, an der Seite des Bergkönigs, der Unangreifbare, mein Lieber, ewig Askese übte - er, der die Stierflagge trägt [Śiva].
Wort für Wort
yatrottarāṃ diśaṃ gatvā
wo, zur nördlichen Richtung gegangen (Akk.Sg., Abs.)
śailarājasya pārśvataḥ
an der Seite des Bergkönigs (Gen.Sg., Adv.)
tapo 'tapyata
Askese übte er (Akk.Sg., 3.Sg.Impf.Med.)
durdharṣas tāta nityaṃ
der Unangreifbare, mein Lieber, ewig (Nom.Sg., Vok., Adv.)
vṛṣadhvajaḥ
er, der die Stierflagge trägt [Śiva] (Nom.Sg.)
„tāta“ (wörtl. „Kind/Lieber“) ist die Anrede des Erzählers an den Zuhörer; vṛṣadhvajaḥ = Beiname Śivas, „der die Stierflagge trägt“.
An der östlichen Seite des weisen Bergkönigs gelegen, an einem einsamen Berghang, lehrte Vyāsa, der Sohn Parāśaras, von großer Askese, seine Schüler die Veden - er, von großer Askese.
Wort für Wort
aindrīṃ tu diśam āsthāya
aber die östliche Richtung einnehmend (Akk.Sg., Abs.)
Von diesen Schülern umgeben, weilte Vyāsa, der große Büßer. Dort erblickte der Araṇi-Sohn [Śuka], rein an Seele, wie die Sonne am Himmel, die heilige, herrliche Einsiedelei seines Vaters.
Wort für Wort
ebhiḥ śiṣyaiḥ parivṛtaḥ
von diesen Schülern umgeben (Instr.Pl. / Nom.Sg.m. Partizip)
vyāsaḥ āste mahātapāḥ
Vyāsa weilt, der große Büßer (Nom.Sg. / 3.Sg.Präs. / Nom.Sg.)
tatra āśramapadaṃ puṇyam
dort die heilige Einsiedelei-Stätte (Adv. / Akk.Sg. / Akk.Sg.)
der Araṇi-Sohn, reinen Herzens (Nom.Sg. / Nom.Sg.)
nabhasi iva divākaraḥ
wie die Sonne am Himmel (Lok.Sg. / Vergleichspartikel / Nom.Sg.)
„āraṇeya“ (Araṇi-Sohn) ist ein Beiname Śukas, der der Sage nach aus dem Reibholz (araṇi) geboren wurde; er, nicht Vyāsa, ist hier das logische Subjekt von „dadarśa“.
nachdem sie Vollendung in den Veden samt ihren Hilfswissenschaften erlangt hatten, überragend an Askese, sprachen die Schüler da mit gefalteten Händen zu Vyāsa, ihrem Lehrer:
Wort für Wort
vedeṣu niṣṭhām saṃprāpya
Vollendung in den Veden erreichend (Lok.Pl. / Akk.Sg. / Gerundium)
sāṅgeṣu atitapasvinaḥ
samt den Hilfstexten, von höchster Askese (Lok.Pl. / Nom.Pl.)
atha ūcuḥ te tadā
da sprachen sie dann (Adv. / 3.Pl.Perf. / Nom.Pl. / Adv.)
vyāsaṃ śiṣyāḥ prāñjalayaḥ
zu Vyāsa die Schüler, mit gefalteten Händen (Akk.Sg. / Nom.Pl. / Nom.Pl.)
iti teṣāṃ vacaḥ śrutvā brahmarṣis tān uvāca ha; ucyatām iti tad vatsā yad vaḥ kāryaṃ priyaṃ mayā
Nachdem er ihre Worte so gehört hatte, sprach der Brahmanenweise [Vyāsa] zu ihnen: „So sagt es, meine Kinder, was euch lieb ist und von mir zu tun sei.“
Wort für Wort
iti teṣām vacaḥ śrutvā
so ihr Wort gehört habend (Adv. / Gen.Pl. / Akk.Sg. / Gerundium)
brahmarṣiḥ tān uvāca ha
der Brahmanenweise sprach zu ihnen (Nom.Sg. / Akk.Pl. / 3.Sg.Perf. / Partikel)
ucyatām iti tad vatsāḥ
es sei gesagt, so, ihr Kinder (3.Sg.Pass.Imp. / Adv. / Nom.Sg. / Vok.Pl.)
yad vaḥ kāryaṃ priyam
was euch lieb und zu tun ist (Rel.Pron. / Gen.Pl. / Nom.Sg.Ger. / Nom.Sg.)
Als sie dieses Wort des Lehrers gehört hatten, wurden die Schüler frohen Herzens; wieder falteten sie die Hände und verneigten sich mit dem Haupt vor dem Lehrer,
Wort für Wort
etad vākyaṃ guroḥ śrutvā
dieses Wort des Lehrers gehört habend (Akk.Sg. / Akk.Sg. / Gen.Sg. / Gerundium)
śiṣyāḥ te hṛṣṭamānasāḥ
die Schüler, jene, frohen Herzens (Nom.Pl. / Nom.Pl. / Nom.Pl.)
punaḥ prāñjalayaḥ bhūtvā
wieder mit gefalteten Händen werdend (Adv. / Nom.Pl. / Gerundium)
praṇamya śirasā gurum
sich verneigend mit dem Haupt vor dem Lehrer (Gerundium / Instr.Sg. / Akk.Sg.)
kāṅkṣāmas tu vayaṃ sarve varaṃ dattaṃ maharṣiṇā; ṣaṣṭhaḥ śiṣyo na te khyātiṃ gacched atra prasīda naḥ
Wir alle aber begehren dieses Eine: eine Gabe, die der große Weise uns gewähren möge - dass kein sechster Schüler von dir hierin zu Ruhm gelange; sei uns darin gnädig.
Wort für Wort
kāṅkṣāmaḥ tu vayam sarve
wir alle aber begehren (1.Pl.Präs. / Adv. / Nom.Pl. / Nom.Pl.)
varaṃ dattaṃ maharṣiṇā
eine Gabe, [die] vom großen Weisen zu gewähren [ist] (Akk.Sg. / Akk.Sg. Part.Perf.Pass. / Instr.Sg.)
ṣaṣṭhaḥ śiṣyaḥ na te
kein sechster Schüler von dir (Nom.Sg. / Nom.Sg. / Neg. / Gen.Sg.)
khyātim gacchet atra
möge zu Ruhm gelangen darin (Akk.Sg. / 3.Sg.Opt. / Adv.)
prasīda naḥ
sei uns gnädig (2.Sg.Imp. / Dat.Pl.)
„varaṃ dattam“ als Konstruktion des Wunsches (kāṅkṣāmaḥ … dattam), nicht als bereits gewährte Gabe.
catvāras te vayaṃ śiṣyā guruputraś ca pañcamaḥ; iha vedāḥ pratiṣṭherann eṣa naḥ kāṅkṣito varaḥ
Wir sind deine vier Schüler, und der Sohn des Lehrers ist der fünfte; allein durch uns sollen hier die Veden fest gegründet bleiben - das ist die Gabe, die wir begehren.“
Wort für Wort
catvāraḥ te vayam śiṣyāḥ
wir sind deine vier Schüler (Nom.Pl. / Gen.Sg. / Nom.Pl. / Nom.Pl.)
guruputraḥ ca pañcamaḥ
und der Lehrersohn der fünfte (Nom.Sg. / Nom.Sg.)
iha vedāḥ pratiṣṭheran
hier mögen die Veden fest gegründet stehen (Adv. / Nom.Pl. / 3.Pl.Opt.)
eṣa naḥ kāṅkṣito varaḥ
das ist die von uns erwünschte Gabe (Nom.Sg. / Gen.Pl. / Nom.Sg. Part. / Nom.Sg.)
Als er die Worte der Schüler gehört hatte, sprach Vyāsa, der die wahre Bedeutung der Veden kennt, der Sohn des Parāśara, weise und auf das Wohl der jenseitigen Welt bedacht, er, der Rechtschaffene, zu den Schülern ein Wort, das Recht und höchstes Heil verheißt:
Wort für Wort
śiṣyāṇām vacanam śrutvā
der Schüler Wort gehört habend (Gen.Pl. / Akk.Sg. / Gerundium)
vyāsaḥ vedārthatattvavit
Vyāsa, der Kenner des wahren Sinns der Veden (Nom.Sg. / Nom.Sg.)
parāśarātmajaḥ dhīmān
der Sohn des Parāśara, der Weise (Nom.Sg. / Nom.Sg.)
paralokārthacintakaḥ
auf das Anliegen der jenseitigen Welt bedacht (Nom.Sg.)
uvāca śiṣyān dharmātmā
sprach zu den Schülern, der Rechtschaffene (3.Sg.Perf. / Akk.Pl. / Nom.Sg.)
dharmyaṃ naiḥśreyasaṃ vacaḥ
ein rechtes, zum höchsten Heil führendes Wort (Akk.Sg. / Akk.Sg. / Akk.Sg.)
„Einem Brahmanen soll das heilige Wissen stets gegeben werden, [ihm,] dem Gehorsamen, [demjenigen,] der beständig nach der Wohnstatt in der Brahma-Welt verlangt.
Wort für Wort
brāhmaṇāya sadā deyam
einem Brahmanen stets zu geben (Dat.Sg. / Adv. / Nom.Sg. Ger.)
brahma śuśrūṣave bhavet
das heilige Wissen, dem Gehorsamen, sollte es sein (Nom.Sg. / Dat.Sg. / 3.Sg.Opt.)
brahmaloke nivāsaṃ
die Wohnstatt in der Brahma-Welt (Lok.Sg. / Akk.Sg.)
yaḥ dhruvam samabhikāṅkṣati
wer beständig verlangt (Rel.Nom.Sg. / Adv. / 3.Sg.Präs.)
bhavanto bahulāḥ santu vedo vistāryatām ayam; nāśiṣye saṃpradātavyo nāvrate nākṛtātmani
Möget ihr zahlreich sein, und möge sich dieser Veda weit verbreiten! Doch er darf nicht an einen Nicht-Schüler weitergegeben werden, nicht an einen ohne Gelübde, nicht an einen von ungeformtem Wesen.
Wort für Wort
bhavantaḥ bahulāḥ santu
möget ihr zahlreich sein (Nom.Pl. / Nom.Pl. / 3.Pl.Imp.)
vedaḥ vistāryatām ayam
möge sich dieser Veda ausbreiten (Nom.Sg. / 3.Sg.Pass.Imp. / Nom.Sg.)
na aśiṣye saṃpradātavyaḥ
nicht einem Nicht-Schüler ist [er] zu übergeben (Neg. / Lok.Sg. / Nom.Sg. Ger.)
na avrate na akṛtātmani
nicht einem ohne Gelübde, nicht einem von ungeformtem Wesen (Neg. / Lok.Sg. / Neg. / Lok.Sg.)
Alle diese Eigenschaften eines Schülers müssen der Wahrheit gemäß erkannt werden; keinesfalls darf das Wissen einem gegeben werden, dessen Wandel nicht geprüft wurde.
Wort für Wort
ete śiṣyaguṇāḥ sarve
diese Eigenschaften eines Schülers, alle (Nom.Pl. / Nom.Pl. / Nom.Pl.)
vijñātavyāḥ yathārthataḥ
sind zu erkennen der Wahrheit gemäß (Nom.Pl. Ger. / Adv.)
na aparīkṣitacāritre
nicht einem von ungeprüftem Wandel (Neg. / Lok.Sg.)
vidyā deyā kathaṃ cana
das Wissen ist zu geben, in keiner Weise (Nom.Sg. / Nom.Sg. Ger. / Adv.)
na niyojyāś ca vaḥ śiṣyā aniyoge mahābhaye; yathāmati yathāpāṭhaṃ tathā vidyā phaliṣyati
Auch dürfen eure Schüler nicht zu einer unziemlichen Aufgabe in großer Gefahr verpflichtet werden [?]; je nach Verständnis und nach dem Studium wird das Wissen seine Früchte tragen.
Wort für Wort
na niyojyāḥ ca vaḥ śiṣyāḥ
und eure Schüler dürfen nicht verpflichtet werden (Neg. / Nom.Pl. Ger. / Gen.Pl. / Nom.Pl.)
aniyoge mahābhaye
zu unziemlicher Aufgabe, in großer Gefahr (Lok.Sg. / Lok.Sg.)
yathāmati yathāpāṭham
je nach Verständnis, je nach Studium (Adv. / Adv.)
tathā vidyā phaliṣyati
so wird das Wissen Früchte tragen (Adv. / Nom.Sg. / 3.Sg.Fut.)
„aniyoge“ ist unsicher; wörtlich etwa „bei Nicht-Verpflichtung/unrechter Verpflichtung“, hier sinngemäß als „zu einer unziemlichen Aufgabe“ wiedergegeben.
Jeder möge die Gefahren überwinden, jeder möge nur Gutes erfahren! Man lasse die vier Stände [den Vedatext] hören, wobei der Brahmane vorangestellt werde.
Wort für Wort
sarvaḥ taratu durgāṇi
jeder möge die Gefahren überwinden (Nom.Sg. / 3.Sg.Imp. / Akk.Pl.)
Denn dieses Studium des Veda gilt als eine große Aufgabe; zum Zweck des Lobpreises der Götter wurden hier die Veden vom Selbstentstandenen [Brahmā] erschaffen.
Wort für Wort
vedasya adhyayanaṃ hi idam
denn dieses Studium des Veda (Gen.Sg. / Nom.Sg. / Partikel / Nom.Sg.)
tad ca kāryaṃ mahat smṛtam
das gilt als eine große Aufgabe (Nom.Sg. / Nom.Sg. / Nom.Sg. / Nom.Sg. Part.Perf.Pass.)
stutyartham iha devānām
zum Zweck des Lobpreises der Götter hier (Adv. / Adv. / Gen.Pl.)
vedāḥ sṛṣṭāḥ svayaṃbhuvā
die Veden wurden erschaffen vom Selbstentstandenen (Nom.Pl. / Nom.Pl. Part.Perf.Pass. / Instr.Sg.)
„svayaṃbhū“ (der Selbstentstandene) ist ein Beiname Brahmās.
yo nirvadeta saṃmohād brāhmaṇaṃ vedapāragam; so 'padhyānād brāhmaṇasya parābhūyād asaṃśayam
Wer aus Verblendung einen Brahmanen schmähen würde, der die Veden durchdrungen hat, der wird zweifellos durch den bösen Gedanken jenes Brahmanen zugrunde gehen.
Wort für Wort
yaḥ nirvadeta saṃmohāt
wer aus Verblendung schmähen würde (Rel.Nom.Sg. / 3.Sg.Opt. / Abl.Sg.)
brāhmaṇaṃ vedapāragam
einen Brahmanen, der die Veden durchdrungen hat (Akk.Sg. / Akk.Sg.)
saḥ apadhyānāt brāhmaṇasya
er, durch den bösen Gedanken des Brahmanen (Nom.Sg. / Abl.Sg. / Gen.Sg.)
parābhūyāt asaṃśayam
würde zugrunde gehen, ohne Zweifel (3.Sg.Opt. / Adv.)
Und wer in unrechter Weise antwortet, und wer in unrechter Weise fragt - von den beiden geht der eine zugrunde, oder es entsteht Feindschaft [zwischen ihnen].
Wort für Wort
yaḥ ca adharmeṇa vibrūyāt
und wer in unrechter Weise antwortet (Rel.Nom.Sg. / Instr.Sg. / 3.Sg.Opt.)
yaḥ ca adharmeṇa pṛcchati
und wer in unrechter Weise fragt (Rel.Nom.Sg. / Instr.Sg. / 3.Sg.Präs.)
tayoḥ anyataraḥ praiti
von den beiden geht der eine zugrunde (Gen.Du. / Nom.Sg. / 3.Sg.Präs.)
vidveṣam vā adhigacchati
oder es entsteht Feindschaft (Akk.Sg. / 3.Sg.Präs.)