Quellen der Menschheit

Mahābhārata · Śāntiparva

Kapitel 314: himavati vyāsāśramaḥ Bhīṣmas Aufbruch, die Skanda-Sage und Vyāsas Einsiedelei am Himavat

Das Kapitel schildert zunächst Bhīṣmas yogischen Aufbruch nach Norden, dann Nāradas Reise zum Himavat mit der Erinnerung an die Skanda-Sage (die Speerprobe der Götter) und schließlich Vyāsas Lehrtätigkeit für seine Schüler Sumantu, Vaiśampāyana, Jaimini und Paila am Berg – als Vorbereitung auf die folgende Erzählung von Śuka.

bhīṣma uvāca; etac chrutvā tu vacanaṃ kṛtātmā kṛtaniścayaḥ; ātmanātmānam āsthāya dṛṣṭvā cātmānam ātmanā

Bhīṣma sprach: „Nachdem er dieses Wort gehört hatte, mit vollendetem Selbst und gefasstem Entschluss, im Selbst auf das Selbst gestützt und das Selbst durch das Selbst erblickt habend,

Wort für Wort
bhīṣma uvāca
Bhīṣma sprach (3.Sg.Perf.)
etac chrutvā tu
dieses aber gehört habend (Abs., Akk.Sg.)
vacanaṃ
das Wort (Akk.Sg.)
kṛtātmā
mit vollendetem/gebändigtem Selbst (Nom.Sg.)
kṛtaniścayaḥ
mit gefasstem Entschluss (Nom.Sg.)
ātmanātmānam āsthāya
im Selbst durch das Selbst verharrend (Instr./Akk., Abs.)
dṛṣṭvā cātmānam ātmanā
und das Selbst durch das Selbst gesehen habend (Abs./Akk./Instr.)

Die Sprecherangabe „bhīṣma uvāca“ steht so in der Vorlage, obwohl der Vers Bhīṣma in der 3. Person beschreibt; wohl eine aus dem vorigen Abschnitt übernommene Kapitelmarkierung.

kṛtakāryaḥ sukhī śāntas tūṣṇīṃ prāyād udaṅmukhaḥ

mit vollbrachtem Werk, glücklich, friedvoll, ging er schweigend davon, das Antlitz nach Norden gewandt.

Wort für Wort
kṛtakāryaḥ
mit vollbrachtem Werk (Nom.Sg.)
sukhī
glücklich (Nom.Sg.)
śāntas
friedvoll (Nom.Sg.)
tūṣṇīṃ
schweigend (Adv.)
prāyād
er ging fort (3.Sg.Impf.)
udaṅmukhaḥ
mit nach Norden gewandtem Gesicht (Nom.Sg.)

prayayau yogam āsthāya tuṣṭo diśam athottarām

Er zog, in Yoga verharrend, zufrieden, in die nördliche Richtung fort.

Wort für Wort
prayayau
er zog fort (3.Sg.Perf.)
yogam āsthāya
in Yoga verharrend (Akk.Sg., Abs.)
tuṣṭo
zufrieden (Nom.Sg.)
diśam athottarām
zur nördlichen Richtung (Akk.Sg.)

Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert). Zusatzvers der kritischen Ausgabe (star), der den Aufbruch Bhīṣmas nochmals variierend schildert.

śaiśiraṃ girim uddiśya sadharmā mātariśvanaḥ

auf den Berg Śaiśira zielend, von gleicher Wesensart wie der Wind [Mātariśvan].

Wort für Wort
śaiśiraṃ girim
auf den Berg Śaiśira (Akk.Sg.)
uddiśya
hinzielend (Abs.)
sadharmā
von gleicher Wesensart (Nom.Sg.)
mātariśvanaḥ
wie der Wind [Mātariśvan] (Gen.Sg.)

etasminn eva kāle tu devarṣir nāradas tadā; himavantam iyād draṣṭuṃ siddhacāraṇasevitam

Zu ebendieser Zeit aber wollte der Götterweise Nārada damals zum Himavat gehen, um ihn zu sehen, der von Siddhas und Cāraṇas aufgesucht wird.

Wort für Wort
etasminn eva kāle tu
zu ebendieser Zeit aber (Lok.Sg.)
devarṣir nāradas tadā
der Götterweise Nārada damals (Nom.Sg.)
himavantam
zum Himavat (Akk.Sg.)
iyād draṣṭuṃ
wollte gehen, um zu sehen (3.Sg.Opt., Inf.)
siddhacāraṇasevitam
der von Siddhas und Cāraṇas aufgesucht wird (Akk.Sg.)

tam apsarogaṇākīrṇaṃ gītasvananināditam; kiṃnarāṇāṃ samūhaiś ca bhṛṅgarājais tathaiva ca

[jenen Himavat,] der von Scharen der Apsaras erfüllt war, vom Klang des Gesangs widerhallend, mit Scharen der Kiṃnaras und ebenso mit Bhṛṅgarāja-Vögeln,

Wort für Wort
tam
jenen (Akk.Sg., bez. auf Himavat)
apsarogaṇākīrṇaṃ
von Scharen der Apsaras erfüllt (Akk.Sg.)
gītasvananināditam
vom Klang des Gesangs widerhallend (Akk.Sg.)
kiṃnarāṇāṃ samūhaiś ca
und mit Scharen der Kiṃnaras (Instr.Pl.)
bhṛṅgarājais tathaiva ca
und ebenso mit Bhṛṅgarāja-Vögeln (Instr.Pl.)

bhṛṅgarāja hier als Vogelname (vgl. die folgenden Vogelnamen) verstanden, nicht als „Bienenkönig“.

madgubhiḥ khañjarīṭaiś ca vicitrair jīvajīvakaiḥ; citravarṇair mayūraiś ca kekāśatavirājitaiḥ; rājahaṃsasamūhaiś ca hṛṣṭaiḥ parabhṛtais tathā

mit Wasserhühnern und Bachstelzen, mit den bunten Jīvajīvaka-Vögeln, mit farbenprächtigen Pfauen, die von hundertfachem Schreien glänzten, und ebenso mit Scharen von Königsgänsen und fröhlichen Kuckucken.

Wort für Wort
madgubhiḥ
mit Wasserhühnern (Instr.Pl.)
khañjarīṭaiś ca
und mit Bachstelzen (Instr.Pl.)
vicitrair jīvajīvakaiḥ
mit den bunten Jīvajīvaka-Vögeln (Instr.Pl.)
citravarṇair mayūraiś ca
und mit farbenprächtigen Pfauen (Instr.Pl.)
kekāśatavirājitaiḥ
die durch hundertfaches Schreien glänzten (Instr.Pl.)
rājahaṃsasamūhaiś ca
und mit Scharen von Königsgänsen (Instr.Pl.)
hṛṣṭaiḥ parabhṛtais tathā
und ebenso mit fröhlichen Kuckucken (Instr.Pl.)

pakṣirājo garutmāṃś ca yaṃ nityam adhigacchati; catvāro lokapālāś ca devāḥ sarṣigaṇās tathā; yatra nityaṃ samāyānti lokasya hitakāmyayā

[zu jenem Berg,] zu dem der Vogelkönig Garuḍa stets kommt; und die vier Weltenhüter sowie die Götter mit den Scharen der Seher kommen dort immer zusammen, aus Verlangen nach dem Wohl der Welt.

Wort für Wort
pakṣirājo garutmāṃś ca
und der Vogelkönig Garutmān/Garuḍa (Nom.Sg.)
yaṃ nityam adhigacchati
zu dem er stets kommt (Akk.Sg., 3.Sg.Präs.)
catvāro lokapālāś ca
und die vier Weltenhüter (Nom.Pl.)
devāḥ sarṣigaṇās tathā
und die Götter mit den Scharen der Seher (Nom.Pl.)
yatra nityaṃ samāyānti
wo sie stets zusammenkommen (3.Pl.Präs.)
lokasya hitakāmyayā
aus Verlangen nach dem Wohl der Welt (Gen.Sg., Instr.Sg.)

viṣṇunā yatra putrārthe tapas taptaṃ mahātmanā; yatraiva ca kumāreṇa bālye kṣiptā divaukasaḥ

wo von Viṣṇu, dem Hochgesinnten, um eines Sohnes willen Askese geübt wurde, und ebendort, wo in der Kindheit von dem Knaben [Skanda] die Himmelsbewohner niedergeworfen wurden,

Wort für Wort
viṣṇunā ... mahātmanā
von Viṣṇu, dem Hochgesinnten (Instr.Sg.)
yatra putrārthe
wo um eines Sohnes willen (Lok.Sg.)
tapas taptaṃ
Askese wurde geübt (Nom.Sg., Pass.Ptz.)
yatraiva ca
und ebendort (Adv.)
kumāreṇa bālye
von dem Knaben in der Kindheit (Instr.Sg., Lok.Sg.)
kṣiptā divaukasaḥ
wurden die Himmelsbewohner niedergeworfen (Nom.Pl.)

„kṣiptā“ statt kṣiptāḥ durch metrische Sandhi-Verkürzung vor divaukasaḥ; Bezug ist die Sage von Skandas kindlicher Kraftprobe.

śaktir nyastā kṣititale trailokyam avamanya vai; yatrovāca jagatskandaḥ kṣipan vākyam idaṃ tadā

[wo] die Śakti auf den Erdboden gelegt wurde, nachdem er die drei Welten verachtet hatte, und wo Skanda, der Weltenträger, damals dieses Wort hervorstieß, indem er die Waffe hinwarf:

Wort für Wort
śaktir nyastā
die Śakti wurde niedergelegt (Nom.Sg., Pass.Ptz.)
kṣititale
auf dem Erdboden (Lok.Sg.)
trailokyam avamanya vai
die drei Welten verachtet habend (Akk.Sg., Abs.)
yatrovāca
wo er sprach (3.Sg.Perf.)
jagatskandaḥ
Skanda, der Weltenträger (Nom.Sg.)
kṣipan vākyam idaṃ tadā
damals dieses Wort hinwerfend (Präs.Ptz., Akk.Sg.)

„jagatskandaḥ“ als Beiname Skandas („Träger/Skanda der Welt“) gedeutet.

yo 'nyo 'sti matto 'bhyadhiko viprā yasyādhikaṃ priyāḥ; yo brahmaṇyo dvitīyo 'sti triṣu lokeṣu vīryavān

‚Wer ist da ein anderer, der über mir stünde, ihr Brahmanen? Wem sind die Brahmanen lieber [als mir]? Wer ist fromm, wer ist als Zweiter an Kraft in den drei Welten?

Wort für Wort
yo 'nyo 'sti
wer ist ein anderer (Nom.Sg., 3.Sg.Präs.)
matto 'bhyadhiko
überlegen als ich (Abl.Sg., Nom.Sg.)
viprā
ihr Brahmanen (Vok.Pl.)
yasyādhikaṃ priyāḥ
wem sie lieber sind (Gen.Sg., Nom.Pl.)
yo brahmaṇyo 'sti
wer fromm ist (Nom.Sg., 3.Sg.Präs.)
dvitīyo triṣu lokeṣu
als Zweiter in den drei Welten (Nom.Sg., Lok.Pl.)
vīryavān
an Kraft (Nom.Sg.)

Syntax der rhetorischen Frage leicht elliptisch; Sinn ist Skandas Prahlerei, niemand sei ihm an Frömmigkeit und Kraft überlegen.

so 'bhyuddharatv imāṃ śaktim atha vā kampayatv iti; tac chrutvā vyathitā lokāḥ ka imām uddhared iti

‚Der soll diese Śakti aufheben, oder sie doch wenigstens erschüttern!' Dies vernommen habend, waren die Welten bestürzt: ‚Wer könnte diese aufheben?'

Wort für Wort
so 'bhyuddharatv
der soll emporheben (Nom.Sg., 3.Sg.Imp.)
imāṃ śaktim
diese Śakti (Akk.Sg.)
atha vā kampayatv iti
oder [zumindest] erschüttern - [so sprach er] (3.Sg.Imp.)
tac chrutvā
dies gehört habend (Akk.Sg., Abs.)
vyathitā lokāḥ
die Welten wurden bestürzt (Nom.Pl.)
ka imām uddhared iti
wer könnte diese aufheben - [so sprachen sie] (Nom.Sg., 3.Sg.Opt.)

atha devagaṇaṃ sarvaṃ saṃbhrāntendriyamānasam; apaśyad bhagavān viṣṇuḥ kṣiptaṃ sāsurarākṣasam; kiṃ nv atra sukṛtaṃ kāryaṃ bhaved iti vicintayan

Da sah der erhabene Viṣṇu die ganze Schar der Götter, samt Asuras und Rākṣasas, in Sinn und Gemüt verwirrt, und er überlegte: ‚Was wäre hier wohl die richtige Tat, die zu vollbringen wäre?'

Wort für Wort
atha devagaṇaṃ sarvaṃ
da die ganze Schar der Götter (Akk.Sg.)
saṃbhrāntendriyamānasam
mit verwirrten Sinnen und Gemüt (Akk.Sg.)
apaśyad bhagavān viṣṇuḥ
sah der erhabene Viṣṇu (3.Sg.Impf., Nom.Sg.)
kṣiptaṃ sāsurarākṣasam
bestürzt, samt Asuras und Rākṣasas (Akk.Sg.)
kiṃ nv atra sukṛtaṃ kāryaṃ
was wäre hier die rechte Tat (Nom.Sg.)
bhaved iti vicintayan
könnte sein - so überlegend (3.Sg.Opt., Präs.Ptz.)

sa nāmṛṣyata taṃ kṣepam avaikṣata ca pāvakim; sa prahasya viśuddhātmā śaktiṃ prajvalitāṃ tadā; kampayām āsa savyena pāṇinā puruṣottamaḥ

Er ertrug diese Kränkung nicht und blickte auf den Sohn des Feuers [Skanda]. Da lachte er, der Reingesinnte, und der Höchste der Männer erschütterte damals mit der linken Hand die lodernde Śakti.

Wort für Wort
sa nāmṛṣyata
er ertrug nicht (3.Sg.Impf.)
taṃ kṣepam
diese Kränkung (Akk.Sg.)
avaikṣata ca pāvakim
und blickte auf den Sohn des Feuers (3.Sg.Impf., Akk.Sg.)
sa prahasya viśuddhātmā
er, lachend, der Reingesinnte (Abs., Nom.Sg.)
śaktiṃ prajvalitāṃ tadā
die lodernde Śakti damals (Akk.Sg.)
kampayām āsa
er erschütterte (3.Sg.Perf.periphr.)
savyena pāṇinā puruṣottamaḥ
mit der linken Hand, der Höchste der Männer (Instr.Sg., Nom.Sg.)

śaktyāṃ tu kampamānāyāṃ viṣṇunā balinā tadā; medinī kampitā sarvā saśailavanakānanā

Als aber die Śakti von Viṣṇu, dem Starken, damals erschüttert wurde, erbebte die ganze Erde samt ihren Bergen, Wäldern und Hainen.

Wort für Wort
śaktyāṃ tu kampamānāyāṃ
als aber die Śakti erschüttert wurde (Lok.Sg., Präs.Ptz.Med.)
viṣṇunā balinā tadā
von Viṣṇu, dem Starken, damals (Instr.Sg.)
medinī kampitā sarvā
die ganze Erde erbebte (Nom.Sg., Pass.Ptz.)
saśailavanakānanā
samt ihren Bergen, Wäldern und Hainen (Nom.Sg.)

śaktenāpi samuddhartuṃ kampitā sā na tūddhṛtā; rakṣatā skandarājasya dharṣaṇāṃ prabhaviṣṇunā

Auch von dem Mächtigen wurde sie, um sie emporzuheben, erschüttert, doch nicht ganz herausgehoben, da der Gewaltige die Schmach des Königs Skanda [davor] bewahrte.

Wort für Wort
śaktenāpi
auch von dem Mächtigen (Instr.Sg.)
samuddhartuṃ kampitā
um sie emporzuheben, wurde sie erschüttert (Inf., Nom.Sg.Pass.Ptz.)
sā na tūddhṛtā
sie wurde jedoch nicht [ganz] herausgehoben (Nom.Sg., Pass.Ptz.)
rakṣatā
indem er bewahrte (Präs.Ptz.Instr.Sg.)
skandarājasya dharṣaṇāṃ
die Schmach des Königs Skanda (Gen.Sg., Akk.Sg.)
prabhaviṣṇunā
der Gewaltige (Instr.Sg.)

Wortspiel zwischen „śaktena“ (der Mächtige, d.h. Viṣṇu) und „śakti“ (der Speer) im Deutschen nicht direkt wiedergebbar.

tāṃ kampayitvā bhagavān prahrādam idam abravīt; paśya vīryaṃ kumārasya naitad anyaḥ kariṣyati

Nachdem er sie erschüttert hatte, sprach der Erhabene zu Prahrāda dieses Wort: ‚Sieh die Kraft des Knaben! Dies wird kein anderer vollbringen.'

Wort für Wort
tāṃ kampayitvā
sie erschüttert habend (Akk.Sg., Abs.)
bhagavān prahrādam idam abravīt
sprach der Erhabene zu Prahrāda dieses (Nom.Sg., Akk.Sg., 3.Sg.Impf.)
paśya vīryaṃ kumārasya
sieh die Kraft des Knaben (Imp., Akk.Sg., Gen.Sg.)
naitad anyaḥ kariṣyati
dies wird kein anderer vollbringen (Akk.Sg., Nom.Sg., 3.Sg.Fut.)

so 'mṛṣyamāṇas tad vākyaṃ samuddharaṇaniścitaḥ; jagrāha tāṃ tasya śaktiṃ na cainām apy akampayat

Er, dieses Wort nicht ertragend, entschlossen, sie emporzuheben, ergriff jene Śakti von ihm, doch nicht einmal erschütterte er sie.

Wort für Wort
so 'mṛṣyamāṇas
er, [dies] nicht ertragend (Nom.Sg.Präs.Ptz.)
tad vākyaṃ
dieses Wort (Akk.Sg.)
samuddharaṇaniścitaḥ
entschlossen, [sie] emporzuheben (Nom.Sg.)
jagrāha tāṃ tasya śaktiṃ
er ergriff jene Śakti von ihm (3.Sg.Perf., Akk.Sg., Gen.Sg.)
na cainām apy akampayat
und erschütterte sie nicht einmal (3.Sg.Impf.)

nādaṃ mahāntaṃ muktvā sa mūrchito girimūrdhani; vihvalaḥ prāpatad bhūmau hiraṇyakaśipoḥ sutaḥ

Einen lauten Schrei ausstoßend, fiel er, ohnmächtig geworden, auf dem Bergesgipfel taumelnd zu Boden - der Sohn des Hiraṇyakaśipu.

Wort für Wort
nādaṃ mahāntaṃ muktvā
einen lauten Schrei ausstoßend (Akk.Sg., Abs.)
sa mūrchito girimūrdhani
er, ohnmächtig geworden, auf dem Bergesgipfel (Nom.Sg., Lok.Sg.)
vihvalaḥ prāpatad bhūmau
taumelnd fiel er zu Boden (Nom.Sg., 3.Sg.Impf., Lok.Sg.)
hiraṇyakaśipoḥ sutaḥ
der Sohn des Hiraṇyakaśipu (Gen.Sg., Nom.Sg.)

yatrottarāṃ diśaṃ gatvā śailarājasya pārśvataḥ; tapo 'tapyata durdharṣas tāta nityaṃ vṛṣadhvajaḥ

Wo, zur nördlichen Richtung gegangen, an der Seite des Bergkönigs, der Unangreifbare, mein Lieber, ewig Askese übte - er, der die Stierflagge trägt [Śiva].

Wort für Wort
yatrottarāṃ diśaṃ gatvā
wo, zur nördlichen Richtung gegangen (Akk.Sg., Abs.)
śailarājasya pārśvataḥ
an der Seite des Bergkönigs (Gen.Sg., Adv.)
tapo 'tapyata
Askese übte er (Akk.Sg., 3.Sg.Impf.Med.)
durdharṣas tāta nityaṃ
der Unangreifbare, mein Lieber, ewig (Nom.Sg., Vok., Adv.)
vṛṣadhvajaḥ
er, der die Stierflagge trägt [Śiva] (Nom.Sg.)

„tāta“ (wörtl. „Kind/Lieber“) ist die Anrede des Erzählers an den Zuhörer; vṛṣadhvajaḥ = Beiname Śivas, „der die Stierflagge trägt“.

pāvakena parikṣipto dīpyatā tasya cāśramaḥ; ādityabandhanaṃ nāma durdharṣam akṛtātmabhiḥ

Von loderndem Feuer umschlossen war auch seine Einsiedelei, ‚Ādityabandhana' genannt, unangreifbar für die nicht Selbstbeherrschten.

Wort für Wort
pāvakena parikṣipto
vom Feuer umschlossen (Instr.Sg., Nom.Sg.Pass.Ptz.)
dīpyatā
vom lodernden [Feuer] (Präs.Ptz.Instr.Sg.)
tasya cāśramaḥ
und seine Einsiedelei (Gen.Sg., Nom.Sg.)
ādityabandhanaṃ nāma
‚Ādityabandhana' genannt (Akk.Sg., Adv.)
durdharṣam akṛtātmabhiḥ
unangreifbar für die nicht Selbstbeherrschten (Akk.Sg., Instr.Pl.)

na tatra śakyate gantuṃ yakṣarākṣasadānavaiḥ; daśayojanavistāram agnijvālāsamāvṛtam

Dorthin kann von Yakṣas, Rākṣasas und Dānavas nicht gegangen werden - ein Ort, zehn Yojanas ausgedehnt, von Feuerflammen umhüllt.

Wort für Wort
na tatra śakyate gantuṃ
dorthin kann nicht gegangen werden (3.Sg.Präs.Pass., Inf.)
yakṣarākṣasadānavaiḥ
von Yakṣas, Rākṣasas und Dānavas (Instr.Pl.)
daśayojanavistāram
zehn Yojanas ausgedehnt (Akk.Sg.)
agnijvālāsamāvṛtam
von Feuerflammen umhüllt (Akk.Sg.)

bhagavān pāvakas tatra svayaṃ tiṣṭhati vīryavān; sarvavighnān praśamayan mahādevasya dhīmataḥ

Der erhabene, kraftvolle Feuergott steht dort selbst, alle Hindernisse des weisen Mahādeva abwehrend.

Wort für Wort
bhagavān pāvakas tatra
der erhabene Feuergott dort (Nom.Sg., Adv.)
svayaṃ tiṣṭhati vīryavān
steht selbst, der Kraftvolle (Adv., 3.Sg.Präs., Nom.Sg.)
sarvavighnān praśamayan
alle Hindernisse abwehrend (Akk.Pl., Präs.Ptz.)
mahādevasya dhīmataḥ
des weisen Mahādeva (Gen.Sg.)

divyaṃ varṣasahasraṃ hi pādenaikena tiṣṭhataḥ; devān saṃtāpayaṃs tatra mahādevo dhṛtavrataḥ

Denn tausend göttliche Jahre stand er dort auf nur einem Fuß, die Götter ängstigend, der große Gott, das Gelübde festhaltend.

Wort für Wort
divyaṃ varṣasahasraṃ hi
denn tausend göttliche Jahre (Akk.Sg.)
pādenaikena tiṣṭhataḥ
auf nur einem Fuß stehend (Instr.Sg., Gen.Sg.Ptz.)
devān saṃtāpayaṃs tatra
die Götter dort ängstigend (Akk.Pl., Präs.Ptz.)
mahādevo dhṛtavrataḥ
der große Gott, das Gelübde festhaltend (Nom.Sg.)

aindrīṃ tu diśam āsthāya śailarājasya dhīmataḥ; vivikte parvatataṭe pārāśaryo mahātapāḥ; vedān adhyāpayām āsa vyāsaḥ śiṣyān mahātapāḥ

An der östlichen Seite des weisen Bergkönigs gelegen, an einem einsamen Berghang, lehrte Vyāsa, der Sohn Parāśaras, von großer Askese, seine Schüler die Veden - er, von großer Askese.

Wort für Wort
aindrīṃ tu diśam āsthāya
aber die östliche Richtung einnehmend (Akk.Sg., Abs.)
śailarājasya dhīmataḥ
des weisen Bergkönigs (Gen.Sg.)
vivikte parvatataṭe
an einem einsamen Berghang (Lok.Sg.)
pārāśaryo mahātapāḥ
der Sohn Parāśaras, von großer Askese (Nom.Sg.)
vedān adhyāpayām āsa
lehrte die Veden (Akk.Pl., 3.Sg.Perf.periphr.)
vyāsaḥ śiṣyān
Vyāsa [seine] Schüler (Nom.Sg., Akk.Pl.)
mahātapāḥ
der von großer Askese (Nom.Sg.)

sumantuṃ ca mahābhāgaṃ vaiśaṃpāyanam eva ca; jaiminiṃ ca mahāprājñaṃ pailaṃ cāpi tapasvinam

[nämlich] Sumantu, den Hochgesegneten, und Vaiśampāyana, und Jaimini, den Hochweisen, und auch Paila, den Asketen.

Wort für Wort
sumantuṃ ca mahābhāgaṃ
und Sumantu, den Hochgesegneten (Akk.Sg.)
vaiśaṃpāyanam eva ca
und ebenso Vaiśampāyana (Akk.Sg.)
jaiminiṃ ca mahāprājñaṃ
und Jaimini, den Hochweisen (Akk.Sg.)
pailaṃ cāpi tapasvinam
und auch Paila, den Asketen (Akk.Sg.)

ebhiḥ śiṣyaiḥ parivṛto vyāsa āste mahātapāḥ; tatrāśramapadaṃ puṇyaṃ dadarśa pitur uttamam; āraṇeyo viśuddhātmā nabhasīva divākaraḥ

Von diesen Schülern umgeben, weilte Vyāsa, der große Büßer. Dort erblickte der Araṇi-Sohn [Śuka], rein an Seele, wie die Sonne am Himmel, die heilige, herrliche Einsiedelei seines Vaters.

Wort für Wort
ebhiḥ śiṣyaiḥ parivṛtaḥ
von diesen Schülern umgeben (Instr.Pl. / Nom.Sg.m. Partizip)
vyāsaḥ āste mahātapāḥ
Vyāsa weilt, der große Büßer (Nom.Sg. / 3.Sg.Präs. / Nom.Sg.)
tatra āśramapadaṃ puṇyam
dort die heilige Einsiedelei-Stätte (Adv. / Akk.Sg. / Akk.Sg.)
dadarśa pituḥ uttamam
sah [er] des Vaters vortreffliche [Stätte] (3.Sg.Perf. / Gen.Sg. / Akk.Sg.)
āraṇeyaḥ viśuddhātmā
der Araṇi-Sohn, reinen Herzens (Nom.Sg. / Nom.Sg.)
nabhasi iva divākaraḥ
wie die Sonne am Himmel (Lok.Sg. / Vergleichspartikel / Nom.Sg.)

„āraṇeya“ (Araṇi-Sohn) ist ein Beiname Śukas, der der Sage nach aus dem Reibholz (araṇi) geboren wurde; er, nicht Vyāsa, ist hier das logische Subjekt von „dadarśa“.

atha vyāsaḥ parikṣiptaṃ jvalantam iva pāvakam; dadarśa sutam āyāntaṃ divākarasamaprabham

Da sah Vyāsa seinen Sohn herankommen, umlodert wie brennendes Feuer, glänzend wie die Sonne.

Wort für Wort
atha vyāsaḥ
da Vyāsa (Adv. / Nom.Sg.)
parikṣiptaṃ jvalantam
umlodert, brennend (Akk.Sg. Part. / Akk.Sg. Part.)
iva pāvakam
wie Feuer (Vergleichspartikel / Akk.Sg.)
dadarśa sutam āyāntam
sah [seinen] Sohn kommen (3.Sg.Perf. / Akk.Sg. / Akk.Sg. Part.)
divākarasamaprabham
von sonnengleichem Glanz (Akk.Sg., Kompositum)

asajjamānaṃ vṛkṣeṣu śaileṣu viṣameṣu ca; yogayuktaṃ mahātmānaṃ yathā bāṇaṃ guṇacyutam

[Ihn, der] sich nicht in Bäumen oder schroffen Bergen verfing, den großherzigen, im Yoga gefestigten [Seher], wie einen von der Sehne gelösten Pfeil.

Wort für Wort
asajjamānaṃ vṛkṣeṣu
sich nicht verfangend, in den Bäumen (Akk.Sg. Part. / Lok.Pl.)
śaileṣu viṣameṣu ca
auf den Bergen, den unebenen, und (Lok.Pl. / Lok.Pl.)
yogayuktaṃ mahātmānam
im Yoga gefestigt, den Großherzigen (Akk.Sg. / Akk.Sg.)
yathā bāṇaṃ guṇacyutam
wie einen von der Sehne gelösten Pfeil (Vergleichspartikel / Akk.Sg. / Akk.Sg.)

Fortsetzung der Beschreibung Śukas aus dem vorigen Vers (Akkusativ, abhängig von „dadarśa“).

so 'bhigamya pituḥ pādāv agṛhṇād araṇīsutaḥ; yathopajoṣaṃ taiś cāpi samāgacchan mahāmuniḥ

Er, der Araṇi-Sohn, trat herzu und umfasste die Füße des Vaters; und der große Weise begegnete auch jenen [Schülern], wie es sich geziemte.

Wort für Wort
saḥ abhigamya
er, hinzutretend (Nom.Sg. / Gerundium)
pituḥ pādau agṛhṇāt
ergriff die Füße des Vaters (Gen.Sg. / Akk.Du. / 3.Sg.Impf.)
araṇīsutaḥ
der Araṇi-Sohn (Nom.Sg.)
yathopajoṣam
wie es sich geziemte (Adv.)
taiś cāpi samāgacchan
und traf auch mit jenen zusammen (Instr.Pl. / Part.Präs.Nom.Sg.)
mahāmuniḥ
der große Weise (Nom.Sg.)

tato nivedayām āsa pitre sarvam aśeṣataḥ; śuko janakarājena saṃvādaṃ prītamānasaḥ

Dann berichtete Śuka seinem Vater alles vollständig, frohen Herzens - das Gespräch mit König Janaka.

Wort für Wort
tataḥ nivedayām āsa
dann berichtete [er] (Adv. / 3.Sg.Perf., periphrastisch)
pitre sarvam aśeṣataḥ
dem Vater alles, ohne Rest (Dat.Sg. / Akk.Sg. / Adv.)
śukaḥ janakarājena saṃvādam
Śuka das Gespräch mit König Janaka (Nom.Sg. / Instr.Sg. / Akk.Sg.)
prītamānasaḥ
frohen Herzens (Nom.Sg.)

evam adhyāpayañ śiṣyān vyāsaḥ putraṃ ca vīryavān; uvāsa himavatpṛṣṭhe pārāśaryo mahāmuniḥ

So die Schüler und seinen Sohn unterweisend, weilte der kraftvolle Vyāsa, der Sohn des Parāśara, der große Weise, auf dem Rücken des Himavat.

Wort für Wort
evam adhyāpayan śiṣyān
so lehrend die Schüler (Adv. / Part.Präs.Nom.Sg. / Akk.Pl.)
vyāsaḥ putraṃ ca vīryavān
Vyāsa und [seinen] Sohn, der Kraftvolle (Nom.Sg. / Akk.Sg. / Nom.Sg.)
uvāsa himavatpṛṣṭhe
weilte auf dem Rücken des Himavat (3.Sg.Perf. / Lok.Sg.)
pārāśaryaḥ mahāmuniḥ
der Sohn des Parāśara, der große Weise (Nom.Sg. / Nom.Sg.)

tataḥ kadā cic chiṣyās taṃ parivāryāvatasthire; vedādhyayanasaṃpannāḥ śāntātmāno jitendriyāḥ

Dann standen einst die Schüler, ihn umringend, bei ihm - vollendet im Vedastudium, ruhigen Herzens, die Sinne beherrschend,

Wort für Wort
tataḥ kadā cit śiṣyāḥ
dann einst die Schüler (Adv. / Adv. / Nom.Pl.)
tam parivārya avatasthire
ihn umringend standen [sie] (Akk.Sg. / Gerundium / 3.Pl.Perf.Med.)
vedādhyayanasaṃpannāḥ
vollendet im Vedastudium (Nom.Pl.)
śāntātmānaḥ jitendriyāḥ
ruhigen Herzens, mit gezähmten Sinnen (Nom.Pl. / Nom.Pl.)

vedeṣu niṣṭhāṃ saṃprāpya sāṅgeṣv atitapasvinaḥ; athocus te tadā vyāsaṃ śiṣyāḥ prāñjalayo gurum

nachdem sie Vollendung in den Veden samt ihren Hilfswissenschaften erlangt hatten, überragend an Askese, sprachen die Schüler da mit gefalteten Händen zu Vyāsa, ihrem Lehrer:

Wort für Wort
vedeṣu niṣṭhām saṃprāpya
Vollendung in den Veden erreichend (Lok.Pl. / Akk.Sg. / Gerundium)
sāṅgeṣu atitapasvinaḥ
samt den Hilfstexten, von höchster Askese (Lok.Pl. / Nom.Pl.)
atha ūcuḥ te tadā
da sprachen sie dann (Adv. / 3.Pl.Perf. / Nom.Pl. / Adv.)
vyāsaṃ śiṣyāḥ prāñjalayaḥ
zu Vyāsa die Schüler, mit gefalteten Händen (Akk.Sg. / Nom.Pl. / Nom.Pl.)
gurum
zum Lehrer (Akk.Sg.)

mahatā śreyasā yuktā yaśasā ca sma vardhitāḥ; ekaṃ tv idānīm icchāmo guruṇānugrahaṃ kṛtam

„Mit großem Segen beschenkt und an Ruhm gewachsen, wünschen wir nun ein Einziges: eine vom Lehrer erwiesene Gunst.“

Wort für Wort
mahatā śreyasā yuktāḥ
mit großem Segen versehen (Instr.Sg. / Instr.Sg. / Nom.Pl.)
yaśasā ca sma vardhitāḥ
und an Ruhm gewachsen (Instr.Sg. / Partikel / Nom.Pl.)
ekam tu idānīm icchāmaḥ
eines aber wünschen wir jetzt (Akk.Sg. / Adv. / 1.Pl.Präs.)
guruṇā anugraham kṛtam
vom Lehrer eine erwiesene Gunst (Instr.Sg. / Akk.Sg. / Akk.Sg. Part.Perf.Pass.)

iti teṣāṃ vacaḥ śrutvā brahmarṣis tān uvāca ha; ucyatām iti tad vatsā yad vaḥ kāryaṃ priyaṃ mayā

Nachdem er ihre Worte so gehört hatte, sprach der Brahmanenweise [Vyāsa] zu ihnen: „So sagt es, meine Kinder, was euch lieb ist und von mir zu tun sei.“

Wort für Wort
iti teṣām vacaḥ śrutvā
so ihr Wort gehört habend (Adv. / Gen.Pl. / Akk.Sg. / Gerundium)
brahmarṣiḥ tān uvāca ha
der Brahmanenweise sprach zu ihnen (Nom.Sg. / Akk.Pl. / 3.Sg.Perf. / Partikel)
ucyatām iti tad vatsāḥ
es sei gesagt, so, ihr Kinder (3.Sg.Pass.Imp. / Adv. / Nom.Sg. / Vok.Pl.)
yad vaḥ kāryaṃ priyam
was euch lieb und zu tun ist (Rel.Pron. / Gen.Pl. / Nom.Sg.Ger. / Nom.Sg.)
mayā
von mir (Instr.Sg.)

etad vākyaṃ guroḥ śrutvā śiṣyās te hṛṣṭamānasāḥ; punaḥ prāñjalayo bhūtvā praṇamya śirasā gurum

Als sie dieses Wort des Lehrers gehört hatten, wurden die Schüler frohen Herzens; wieder falteten sie die Hände und verneigten sich mit dem Haupt vor dem Lehrer,

Wort für Wort
etad vākyaṃ guroḥ śrutvā
dieses Wort des Lehrers gehört habend (Akk.Sg. / Akk.Sg. / Gen.Sg. / Gerundium)
śiṣyāḥ te hṛṣṭamānasāḥ
die Schüler, jene, frohen Herzens (Nom.Pl. / Nom.Pl. / Nom.Pl.)
punaḥ prāñjalayaḥ bhūtvā
wieder mit gefalteten Händen werdend (Adv. / Nom.Pl. / Gerundium)
praṇamya śirasā gurum
sich verneigend mit dem Haupt vor dem Lehrer (Gerundium / Instr.Sg. / Akk.Sg.)

ūcus te sahitā rājann idaṃ vacanam uttamam; yadi prīta upādhyāyo dhanyāḥ smo munisattama

und sprachen gemeinsam, o König, dieses vortreffliche Wort: „Wenn der Lehrer zufrieden ist, sind wir gesegnet, o Bester der Weisen.

Wort für Wort
ūcuḥ te sahitāḥ rājan
sprachen sie gemeinsam, o König (3.Pl.Perf. / Nom.Pl. / Nom.Pl. / Vok.Sg.)
idaṃ vacanam uttamam
dieses vortreffliche Wort (Akk.Sg. / Akk.Sg. / Akk.Sg.)
yadi prītaḥ upādhyāyaḥ
wenn zufrieden der Lehrer [ist] (Konj. / Nom.Sg. / Nom.Sg.)
dhanyāḥ smaḥ munisattama
sind wir gesegnet, o Bester der Weisen (Nom.Pl. / 1.Pl.Präs. / Vok.Sg.)

„rājan“ (o König) ist die Anrede Bhīṣmas an Yudhiṣṭhira im Rahmen der Erzählung.

kāṅkṣāmas tu vayaṃ sarve varaṃ dattaṃ maharṣiṇā; ṣaṣṭhaḥ śiṣyo na te khyātiṃ gacched atra prasīda naḥ

Wir alle aber begehren dieses Eine: eine Gabe, die der große Weise uns gewähren möge - dass kein sechster Schüler von dir hierin zu Ruhm gelange; sei uns darin gnädig.

Wort für Wort
kāṅkṣāmaḥ tu vayam sarve
wir alle aber begehren (1.Pl.Präs. / Adv. / Nom.Pl. / Nom.Pl.)
varaṃ dattaṃ maharṣiṇā
eine Gabe, [die] vom großen Weisen zu gewähren [ist] (Akk.Sg. / Akk.Sg. Part.Perf.Pass. / Instr.Sg.)
ṣaṣṭhaḥ śiṣyaḥ na te
kein sechster Schüler von dir (Nom.Sg. / Nom.Sg. / Neg. / Gen.Sg.)
khyātim gacchet atra
möge zu Ruhm gelangen darin (Akk.Sg. / 3.Sg.Opt. / Adv.)
prasīda naḥ
sei uns gnädig (2.Sg.Imp. / Dat.Pl.)

„varaṃ dattam“ als Konstruktion des Wunsches (kāṅkṣāmaḥ … dattam), nicht als bereits gewährte Gabe.

catvāras te vayaṃ śiṣyā guruputraś ca pañcamaḥ; iha vedāḥ pratiṣṭherann eṣa naḥ kāṅkṣito varaḥ

Wir sind deine vier Schüler, und der Sohn des Lehrers ist der fünfte; allein durch uns sollen hier die Veden fest gegründet bleiben - das ist die Gabe, die wir begehren.“

Wort für Wort
catvāraḥ te vayam śiṣyāḥ
wir sind deine vier Schüler (Nom.Pl. / Gen.Sg. / Nom.Pl. / Nom.Pl.)
guruputraḥ ca pañcamaḥ
und der Lehrersohn der fünfte (Nom.Sg. / Nom.Sg.)
iha vedāḥ pratiṣṭheran
hier mögen die Veden fest gegründet stehen (Adv. / Nom.Pl. / 3.Pl.Opt.)
eṣa naḥ kāṅkṣito varaḥ
das ist die von uns erwünschte Gabe (Nom.Sg. / Gen.Pl. / Nom.Sg. Part. / Nom.Sg.)

śiṣyāṇāṃ vacanaṃ śrutvā vyāso vedārthatattvavit; parāśarātmajo dhīmān paralokārthacintakaḥ; uvāca śiṣyān dharmātmā dharmyaṃ naiḥśreyasaṃ vacaḥ

Als er die Worte der Schüler gehört hatte, sprach Vyāsa, der die wahre Bedeutung der Veden kennt, der Sohn des Parāśara, weise und auf das Wohl der jenseitigen Welt bedacht, er, der Rechtschaffene, zu den Schülern ein Wort, das Recht und höchstes Heil verheißt:

Wort für Wort
śiṣyāṇām vacanam śrutvā
der Schüler Wort gehört habend (Gen.Pl. / Akk.Sg. / Gerundium)
vyāsaḥ vedārthatattvavit
Vyāsa, der Kenner des wahren Sinns der Veden (Nom.Sg. / Nom.Sg.)
parāśarātmajaḥ dhīmān
der Sohn des Parāśara, der Weise (Nom.Sg. / Nom.Sg.)
paralokārthacintakaḥ
auf das Anliegen der jenseitigen Welt bedacht (Nom.Sg.)
uvāca śiṣyān dharmātmā
sprach zu den Schülern, der Rechtschaffene (3.Sg.Perf. / Akk.Pl. / Nom.Sg.)
dharmyaṃ naiḥśreyasaṃ vacaḥ
ein rechtes, zum höchsten Heil führendes Wort (Akk.Sg. / Akk.Sg. / Akk.Sg.)

brāhmaṇāya sadā deyaṃ brahma śuśrūṣave bhavet; brahmaloke nivāsaṃ yo dhruvaṃ samabhikāṅkṣati

„Einem Brahmanen soll das heilige Wissen stets gegeben werden, [ihm,] dem Gehorsamen, [demjenigen,] der beständig nach der Wohnstatt in der Brahma-Welt verlangt.

Wort für Wort
brāhmaṇāya sadā deyam
einem Brahmanen stets zu geben (Dat.Sg. / Adv. / Nom.Sg. Ger.)
brahma śuśrūṣave bhavet
das heilige Wissen, dem Gehorsamen, sollte es sein (Nom.Sg. / Dat.Sg. / 3.Sg.Opt.)
brahmaloke nivāsaṃ
die Wohnstatt in der Brahma-Welt (Lok.Sg. / Akk.Sg.)
yaḥ dhruvam samabhikāṅkṣati
wer beständig verlangt (Rel.Nom.Sg. / Adv. / 3.Sg.Präs.)

bhavanto bahulāḥ santu vedo vistāryatām ayam; nāśiṣye saṃpradātavyo nāvrate nākṛtātmani

Möget ihr zahlreich sein, und möge sich dieser Veda weit verbreiten! Doch er darf nicht an einen Nicht-Schüler weitergegeben werden, nicht an einen ohne Gelübde, nicht an einen von ungeformtem Wesen.

Wort für Wort
bhavantaḥ bahulāḥ santu
möget ihr zahlreich sein (Nom.Pl. / Nom.Pl. / 3.Pl.Imp.)
vedaḥ vistāryatām ayam
möge sich dieser Veda ausbreiten (Nom.Sg. / 3.Sg.Pass.Imp. / Nom.Sg.)
na aśiṣye saṃpradātavyaḥ
nicht einem Nicht-Schüler ist [er] zu übergeben (Neg. / Lok.Sg. / Nom.Sg. Ger.)
na avrate na akṛtātmani
nicht einem ohne Gelübde, nicht einem von ungeformtem Wesen (Neg. / Lok.Sg. / Neg. / Lok.Sg.)

ete śiṣyaguṇāḥ sarve vijñātavyā yathārthataḥ; nāparīkṣitacāritre vidyā deyā kathaṃ cana

Alle diese Eigenschaften eines Schülers müssen der Wahrheit gemäß erkannt werden; keinesfalls darf das Wissen einem gegeben werden, dessen Wandel nicht geprüft wurde.

Wort für Wort
ete śiṣyaguṇāḥ sarve
diese Eigenschaften eines Schülers, alle (Nom.Pl. / Nom.Pl. / Nom.Pl.)
vijñātavyāḥ yathārthataḥ
sind zu erkennen der Wahrheit gemäß (Nom.Pl. Ger. / Adv.)
na aparīkṣitacāritre
nicht einem von ungeprüftem Wandel (Neg. / Lok.Sg.)
vidyā deyā kathaṃ cana
das Wissen ist zu geben, in keiner Weise (Nom.Sg. / Nom.Sg. Ger. / Adv.)

yathā hi kanakaṃ śuddhaṃ tāpacchedanigharṣaṇaiḥ; parīkṣeta tathā śiṣyān īkṣet kulaguṇādibhiḥ

Wie man reines Gold durch Erhitzen, Schneiden und Reiben prüft, so soll man Schüler nach Herkunft, Eigenschaften und Ähnlichem prüfen.

Wort für Wort
yathā hi kanakaṃ śuddham
wie nämlich reines Gold (Adv. / Partikel / Akk.Sg. / Akk.Sg.)
tāpacchedanigharṣaṇaiḥ parīkṣeta
durch Erhitzen, Schneiden und Reiben prüft man (Instr.Pl. / 3.Sg.Opt.)
tathā śiṣyān īkṣet
so soll man die Schüler betrachten (Adv. / Akk.Pl. / 3.Sg.Opt.)
kulaguṇādibhiḥ
nach Herkunft, Eigenschaften und Ähnlichem (Instr.Pl.)

na niyojyāś ca vaḥ śiṣyā aniyoge mahābhaye; yathāmati yathāpāṭhaṃ tathā vidyā phaliṣyati

Auch dürfen eure Schüler nicht zu einer unziemlichen Aufgabe in großer Gefahr verpflichtet werden [?]; je nach Verständnis und nach dem Studium wird das Wissen seine Früchte tragen.

Wort für Wort
na niyojyāḥ ca vaḥ śiṣyāḥ
und eure Schüler dürfen nicht verpflichtet werden (Neg. / Nom.Pl. Ger. / Gen.Pl. / Nom.Pl.)
aniyoge mahābhaye
zu unziemlicher Aufgabe, in großer Gefahr (Lok.Sg. / Lok.Sg.)
yathāmati yathāpāṭham
je nach Verständnis, je nach Studium (Adv. / Adv.)
tathā vidyā phaliṣyati
so wird das Wissen Früchte tragen (Adv. / Nom.Sg. / 3.Sg.Fut.)

„aniyoge“ ist unsicher; wörtlich etwa „bei Nicht-Verpflichtung/unrechter Verpflichtung“, hier sinngemäß als „zu einer unziemlichen Aufgabe“ wiedergegeben.

sarvas taratu durgāṇi sarvo bhadrāṇi paśyatu; śrāvayec caturo varṇān kṛtvā brāhmaṇam agrataḥ

Jeder möge die Gefahren überwinden, jeder möge nur Gutes erfahren! Man lasse die vier Stände [den Vedatext] hören, wobei der Brahmane vorangestellt werde.

Wort für Wort
sarvaḥ taratu durgāṇi
jeder möge die Gefahren überwinden (Nom.Sg. / 3.Sg.Imp. / Akk.Pl.)
sarvaḥ bhadrāṇi paśyatu
jeder möge Gutes sehen (Nom.Sg. / Akk.Pl. / 3.Sg.Imp.)
śrāvayet caturaḥ varṇān
er lasse die vier Stände hören (3.Sg.Opt.Kaus. / Akk.Pl. / Akk.Pl.)
kṛtvā brāhmaṇam agrataḥ
den Brahmanen voranstellend (Gerundium / Akk.Sg. / Adv.)

vedasyādhyayanaṃ hīdaṃ tac ca kāryaṃ mahat smṛtam; stutyartham iha devānāṃ vedāḥ sṛṣṭāḥ svayaṃbhuvā

Denn dieses Studium des Veda gilt als eine große Aufgabe; zum Zweck des Lobpreises der Götter wurden hier die Veden vom Selbstentstandenen [Brahmā] erschaffen.

Wort für Wort
vedasya adhyayanaṃ hi idam
denn dieses Studium des Veda (Gen.Sg. / Nom.Sg. / Partikel / Nom.Sg.)
tad ca kāryaṃ mahat smṛtam
das gilt als eine große Aufgabe (Nom.Sg. / Nom.Sg. / Nom.Sg. / Nom.Sg. Part.Perf.Pass.)
stutyartham iha devānām
zum Zweck des Lobpreises der Götter hier (Adv. / Adv. / Gen.Pl.)
vedāḥ sṛṣṭāḥ svayaṃbhuvā
die Veden wurden erschaffen vom Selbstentstandenen (Nom.Pl. / Nom.Pl. Part.Perf.Pass. / Instr.Sg.)

„svayaṃbhū“ (der Selbstentstandene) ist ein Beiname Brahmās.

yo nirvadeta saṃmohād brāhmaṇaṃ vedapāragam; so 'padhyānād brāhmaṇasya parābhūyād asaṃśayam

Wer aus Verblendung einen Brahmanen schmähen würde, der die Veden durchdrungen hat, der wird zweifellos durch den bösen Gedanken jenes Brahmanen zugrunde gehen.

Wort für Wort
yaḥ nirvadeta saṃmohāt
wer aus Verblendung schmähen würde (Rel.Nom.Sg. / 3.Sg.Opt. / Abl.Sg.)
brāhmaṇaṃ vedapāragam
einen Brahmanen, der die Veden durchdrungen hat (Akk.Sg. / Akk.Sg.)
saḥ apadhyānāt brāhmaṇasya
er, durch den bösen Gedanken des Brahmanen (Nom.Sg. / Abl.Sg. / Gen.Sg.)
parābhūyāt asaṃśayam
würde zugrunde gehen, ohne Zweifel (3.Sg.Opt. / Adv.)

yaś cādharmeṇa vibrūyād yaś cādharmeṇa pṛcchati; tayor anyataraḥ praiti vidveṣaṃ vādhigacchati

Und wer in unrechter Weise antwortet, und wer in unrechter Weise fragt - von den beiden geht der eine zugrunde, oder es entsteht Feindschaft [zwischen ihnen].

Wort für Wort
yaḥ ca adharmeṇa vibrūyāt
und wer in unrechter Weise antwortet (Rel.Nom.Sg. / Instr.Sg. / 3.Sg.Opt.)
yaḥ ca adharmeṇa pṛcchati
und wer in unrechter Weise fragt (Rel.Nom.Sg. / Instr.Sg. / 3.Sg.Präs.)
tayoḥ anyataraḥ praiti
von den beiden geht der eine zugrunde (Gen.Du. / Nom.Sg. / 3.Sg.Präs.)
vidveṣam vā adhigacchati
oder es entsteht Feindschaft (Akk.Sg. / 3.Sg.Präs.)

etad vaḥ sarvam ākhyātaṃ svādhyāyasya vidhiṃ prati; upakuryāc ca śiṣyāṇām etac ca hṛdi vo bhavet

Dies alles wurde euch gesagt in Bezug auf die Regel des Selbststudiums; es möge den Schülern nützen, und dies möge euch am Herzen liegen.“

Wort für Wort
etad vaḥ sarvam ākhyātam
dies alles wurde euch gesagt (Nom.Sg. / Dat.Pl. / Nom.Sg. / Nom.Sg. Part.Perf.Pass.)
svādhyāyasya vidhiṃ prati
in Bezug auf die Regel des Selbststudiums (Gen.Sg. / Akk.Sg. / Postposition)
upakuryāt ca śiṣyāṇām
und es möge den Schülern nützen (3.Sg.Opt. / Gen.Pl.)
etat ca hṛdi vaḥ bhavet
und dies möge euch am Herzen sein (Nom.Sg. / Lok.Sg. / Gen.Pl. / 3.Sg.Opt.)

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