Kapitel 181: varṇavibhāgaḥ
Ursprung und Wandel der vier Stände: Bhṛgus Antwort an Bharadvāja
Bharadvāja fragt, wie die Farben (Stände) unterschieden werden können, wenn alle Menschen gleiche Regungen und Körperlichkeit teilen; Bhṛgu antwortet, alle seien ursprünglich brahmanisch gewesen und erst durch Taten zu den Ständen geworden.
bhṛgur uvāca; asṛjad brāhmaṇān eva pūrvaṃ brahmā prajāpatiḥ; ātmatejobhinirvṛttān bhāskarāgnisamaprabhān
Bhṛgu sprach: Zuerst erschuf Brahmā, der Herr der Geschöpfe, nur Brāhmaṇen, aus seiner eigenen Glut hervorgebracht, an Glanz der Sonne und dem Feuer gleich.
Wort für Wort
bhṛguḥ uvāca
Bhṛgu sprach (Nom.Sg., Perf.3.Sg.)
asṛjat brāhmaṇān eva pūrvaṃ
erschuf nur Brāhmaṇen zuerst (Impf.3.Sg./Akk.Pl./Adv.)
brahmā prajāpatiḥ
Brahmā, der Herr der Geschöpfe (Nom.Sg.)
ātmatejobhinirvṛttān
aus eigener Glut hervorgebracht (Akk.Pl., Kompositum)
bhāskarāgnisamaprabhān
der Sonne und dem Feuer gleich an Glanz (Akk.Pl., Kompositum)
brāhmaṇāḥ kṣatriyā vaiśyāḥ śūdrāś ca dvijasattama; ye cānye bhūtasaṃghānāṃ saṃghās tāṃś cāpi nirmame
Brāhmaṇen, Kṣatriyas, Vaiśyas und Śūdras, du Bester der Zweimalgeborenen, und welche anderen Scharen es unter den Scharen der Wesen gibt, auch sie erschuf ich.
Wort für Wort
brāhmaṇāḥ kṣatriyā vaiśyāḥ
Brāhmaṇen, Kṣatriyas, Vaiśyas (Nom.Pl.)
śūdrāś ca
und Śūdras (Nom.Pl.)
dvijasattama
du Bester der Zweimalgeborenen (Vok.Sg.)
ye cānye bhūtasaṃghānāṃ saṃghāḥ
und welche anderen Scharen unter den Wesensscharen (Nom.Pl./Gen.Pl.)
tāṃś cāpi nirmame
auch diese erschuf ich (Akk.Pl., Perf.Med.1.Sg.)
Sprecherwechsel der Person (nirmame, 1.Sg.) wie im Text; Bhṛgu spricht von sich selbst.
bhṛgur uvāca; na viśeṣo 'sti varṇānāṃ sarvaṃ brāhmam idaṃ jagat; brahmaṇā pūrvasṛṣṭaṃ hi karmabhir varṇatāṃ gatam
Bhṛgu sprach: Es gibt keinen Unterschied der Stände; diese ganze Welt ist brahmanisch. Von Brahmā zuerst erschaffen, ist sie durch Taten zu Ständen geworden.
Wort für Wort
bhṛguḥ uvāca
Bhṛgu sprach (Nom.Sg., Perf.3.Sg.)
na viśeṣo 'sti varṇānāṃ
es gibt keinen Unterschied der Stände (Nom.Sg./Präs.3.Sg./Gen.Pl.)
sarvaṃ brāhmam idaṃ jagat
diese ganze Welt ist brahmanisch (Nom.Sg.n.)
brahmaṇā pūrvasṛṣṭaṃ hi
denn von Brahmā zuvor erschaffen (Instr.Sg./Part.Pass.)
karmabhir varṇatāṃ gatam
durch Taten zur Ständigkeit gelangt (Instr.Pl./Akk.Sg./Part.Pass.)
brāhmam: „brahmanisch“, dem Brahman/Brahmā zugehörig.
kāmabhogapriyās tīkṣṇāḥ krodhanāḥ priyasāhasāḥ; tyaktasvadharmā raktāṅgās te dvijāḥ kṣatratāṃ gatāḥ
Die an Genuss der Begierden Gefallen finden, heftig, zornig, waghalsig [und dies] liebend, die ihre eigene Pflicht aufgegeben haben und rote Glieder haben: diese Zweimalgeborenen sind zu Kṣatriyas geworden.
Wort für Wort
kāmabhogapriyās tīkṣṇāḥ
am Genuss der Begierden Gefallen findend, heftig (Nom.Pl.)
krodhanāḥ priyasāhasāḥ
zornig, das Wagnis liebend (Nom.Pl.)
tyaktasvadharmā raktāṅgāḥ
die eigene Pflicht aufgegeben, rotgliedrig (Nom.Pl.)
te dvijāḥ kṣatratāṃ gatāḥ
diese Zweimalgeborenen sind zum Kṣatriya-Sein gelangt (Nom.Pl./Akk.Sg./Part.)
Die sich auf Kühe als Lebensunterhalt gestützt haben, gelb sind, vom Ackerbau leben und ihre eigene Pflicht nicht befolgen: diese Zweimalgeborenen sind zu Vaiśyas geworden.
Wort für Wort
goṣu vṛttiṃ samādhāya
auf Kühe die Lebensweise gründend (Lok.Pl./Akk.Sg./Abs.)
pītāḥ kṛṣyupajīvinaḥ
gelb, vom Ackerbau lebend (Nom.Pl.)
svadharmaṃ nānutiṣṭhanti
die eigene Pflicht nicht befolgen (Akk.Sg./Präs.3.Pl.)
te dvijā vaiśyatāṃ gatāḥ
diese Zweimalgeborenen sind zum Vaiśya-Sein gelangt (Nom.Pl./Akk.Sg./Part.)
hiṃsānṛtapriyā lubdhāḥ sarvakarmopajīvinaḥ; kṛṣṇāḥ śaucaparibhraṣṭās te dvijāḥ śūdratāṃ gatāḥ
Die Gewalt und Lüge lieben, gierig sind, von jeder Art Arbeit leben, schwarz und von der Reinheit abgefallen sind: diese Zweimalgeborenen sind zu Śūdras geworden.
Wort für Wort
hiṃsānṛtapriyā lubdhāḥ
Gewalt und Lüge liebend, gierig (Nom.Pl.)
sarvakarmopajīvinaḥ
von jeder Arbeit lebend (Nom.Pl.)
kṛṣṇāḥ śaucaparibhraṣṭāḥ
schwarz, von der Reinheit abgefallen (Nom.Pl.)
te dvijāḥ śūdratāṃ gatāḥ
diese Zweimalgeborenen sind zum Śūdra-Sein gelangt (Nom.Pl./Akk.Sg./Part.)
So sind die Zweimalgeborenen durch diese Taten getrennt und zu anderen Ständen gelangt; Recht und Opferhandlung sind ihnen jedoch stets nicht verwehrt.
Wort für Wort
ity etaiḥ karmabhir vyastāḥ
so durch diese Taten getrennt (Instr.Pl./Part.Pass.)
dvijā varṇāntaraṃ gatāḥ
die Zweimalgeborenen zu einem anderen Stand gelangt (Nom.Pl./Akk.Sg./Part.)
dharmo yajñakriyā ca
Recht und Opferhandlung (Nom.Sg.)
eṣāṃ nityaṃ na pratiṣidhyate
ihnen stets nicht verwehrt (Gen.Pl./Adv./Pass.3.Sg.)
Die Brāhmaṇen, die im Gefüge des Rechts stehen: ihre Askese vergeht nicht, [nämlich derer,] die das Brahman stets bewahren, ebenso die Gelübde und Zügelungen.
Wort für Wort
brāhmaṇā dharmatantrasthāḥ
die Brāhmaṇen im Gefüge des Rechts stehend (Nom.Pl.)
tapas teṣāṃ na naśyati
ihre Askese geht nicht verloren (Nom.Sg./Gen.Pl./Präs.3.Sg.)
brahma dhārayatāṃ nityaṃ
derer, die das Brahman stets bewahren (Akk.Sg./Part.Gen.Pl./Adv.)
vratāni niyamāṃs tathā
Gelübde und ebenso Zügelungen (Akk.Pl.)
Konstruktion des zweiten Halbverses locker; vratāni niyamāṃs tathā hängt von dhārayatām ab.
brahma caitat purā sṛṣṭaṃ ye na jānanty atadvidaḥ; teṣāṃ bahuvidhās tv anyās tatra tatra hi jātayaḥ
Und dieses Brahman, vor Zeiten erschaffen: die es nicht kennen, weil sie es nicht verstehen, deren sind es hier und dort vielerlei andere Geburtsarten.
Wort für Wort
brahma caitat purā sṛṣṭaṃ
und dieses Brahman, vormals erschaffen (Nom.Sg.n./Part.Pass.)
ye na jānanty atadvidaḥ
die es nicht kennen, unkundig dessen (Präs.3.Pl./Nom.Pl.)
Piśācas, Rākṣasas, Verstorbene, vielfach auch die Mleccha-Geburten: deren Wissen und Einsicht verloren gegangen sind und die nach eigenem Belieben handeln und wirken.
Wort für Wort
piśācā rākṣasāḥ pretāḥ
Piśācas, Rākṣasas, Verstorbene (Nom.Pl.)
bahudhā mlecchajātayaḥ
vielfach Mleccha-Geburten (Adv./Nom.Pl.)
pranaṣṭajñānavijñānāḥ
deren Wissen und Einsicht verloren (Nom.Pl., Kompositum)
svacchandācāraceṣṭitāḥ
nach eigenem Belieben Wandel und Tun habend (Nom.Pl., Kompositum)
Die Geschöpfe, die von den Brāhmaṇen geläutert sind und sich auf ihre eigene Pflicht festgelegt haben, werden von den Sehern durch die eigene Askese erschaffen, und andere von anderen.
Wort für Wort
prajā brāhmaṇasaṃskārāḥ
Geschöpfe, von Brāhmaṇen geläutert (Nom.Pl., Kompositum)
svadharmakṛtaniścayāḥ
auf die eigene Pflicht festgelegt (Nom.Pl., Kompositum)
ṛṣibhiḥ svena tapasā
von den Sehern durch die eigene Askese (Instr.Pl./Instr.Sg.)
sṛjyante cāpare paraiḥ
werden erschaffen, und andere durch andere (Pass.3.Pl./Nom.Pl./Instr.Pl.)
Sinn von brāhmaṇasaṃskārāḥ und der zweiten Vershälfte unsicher [?].
Aus dem Urgott entstanden, im Brahman wurzelnd, unvergänglich und unverwüstlich, ist jene Schöpfung die geistgeborene genannt, dem Gefüge des Rechts ganz ergeben.
Wort für Wort
ādidevasamudbhūtā
aus dem Urgott entstanden (Nom.Sg.f., Kompositum)
brahmamūlākṣayāvyayā
im Brahman wurzelnd, unvergänglich, unverwüstlich (Nom.Sg.f., Kompositum)
sā sṛṣṭir mānasī nāma
jene Schöpfung, die geistgeborene mit Namen (Nom.Sg.f.)
dharmatantraparāyaṇā
dem Gefüge des Rechts ergeben (Nom.Sg.f., Kompositum)