Quellen der Menschheit

Mahābhārata · Śāntiparva

Kapitel 138: śatruṃtapa-kaṇiṅka-saṃvādaḥ āpaddharmanītiḥ Kaṇiṅkas Staatslehre für Notzeiten: Strafgewalt, List und Geduld gegenüber dem Feind

Auf Yudhiṣṭhiras Frage nach dem Verhalten in verfallender Zeit erzählt Bhīṣma das Gespräch des Sauvīra-Königs Śatruṃtapa mit dem Brahmanen Kaṇiṅka Bharadvāja, der eine schonungslose Lehre der Machtpolitik vorträgt.

yudhiṣṭhira uvāca; yugakṣayāt parikṣīṇe dharme loke ca bhārata; dasyubhiḥ pīḍyamāne ca kathaṃ stheyaṃ pitāmaha

Yudhiṣṭhira sprach: „Da der Dharma am Ende des Weltzeitalters (yuga) im Verfall ist, Bhārata, und die Welt von Räubern bedrängt wird – wie soll man da bestehen, Großvater?“

Wort für Wort
yudhiṣṭhira uvāca
Yudhiṣṭhira sprach (Perf.)
yugakṣayāt parikṣīṇe dharme
infolge des Endes des Zeitalters, da der Dharma erschöpft ist (Abl./Lok. abs.)
loke ca bhārata
und [da] die Welt, o Bhārata (Lok./Vok.)
dasyubhiḥ pīḍyamāne ca
und von Räubern bedrängt wird (Instr. Pl./Part. Pass. Lok.)
kathaṃ stheyaṃ pitāmaha
wie ist zu bestehen, Großvater (Gerundiv/Vok.)

bhīṣma uvāca; hanta te kathayiṣyāmi nītim āpatsu bhārata; utsṛjyāpi ghṛṇāṃ kāle yathā varteta bhūmipaḥ

Bhīṣma sprach: „Wohlan, ich will dir die Staatsklugheit (nīti) für Notlagen darlegen, Bhārata: wie der Herrscher der Erde zur rechten Zeit handeln soll, auch wenn er das Mitleid ablegt.“

Wort für Wort
bhīṣma uvāca
Bhīṣma sprach
hanta te kathayiṣyāmi
wohlan, dir werde ich erzählen (1.Sg.Fut.)
nītim āpatsu bhārata
die Staatsklugheit in Nöten, Bhārata (Akk./Lok. Pl./Vok.)
utsṛjyāpi ghṛṇāṃ kāle
auch Mitleid ablegend, zur [rechten] Zeit (Abs./Akk./Lok.)
yathā varteta bhūmipaḥ
wie der Erdherrscher verfahren soll (Opt. Med./Nom.)

atrāpy udāharantīmam itihāsaṃ purātanam; bharadvājasya saṃvādaṃ rājñaḥ śatruṃtapasya ca

Auch hierzu führt man diese alte Erzählung an: das Gespräch des Bharadvāja mit dem König Śatruṃtapa („Feindeplager“).

Wort für Wort
atrāpy udāharantīmam
auch hierbei führt man diese an (3.Pl.Präs.)
itihāsaṃ purātanam
Erzählung, alte (Akk.)
bharadvājasya saṃvādam
das Gespräch des Bharadvāja (Gen./Akk.)
rājñaḥ śatruṃtapasya ca
und des Königs Śatruṃtapa (Gen.)

rājā śatruṃtapo nāma sauvīrāṇāṃ mahārathaḥ; kaṇiṅkam upasaṃgamya papracchārthaviniścayam

König Śatruṃtapa, ein Großwagenkämpfer der Sauvīrer, ging zu Kaṇiṅka hin und fragte ihn nach der Feststellung des Nutzens (arthaviniścaya).

Wort für Wort
rājā śatruṃtapo nāma
König namens Śatruṃtapa (Nom.)
sauvīrāṇāṃ mahārathaḥ
der Sauvīrer Großwagenkämpfer (Gen. Pl./Nom.)
kaṇiṅkam upasaṃgamya
zu Kaṇiṅka hingegangen (Abs.)
papraccha
fragte (3.Sg.Perf.)
arthaviniścayam
nach der Feststellung des Nutzens/der Sache (Akk.)

alabdhasya kathaṃ lipsā labdhaṃ kena vivardhate; vardhitaṃ pālayet kena pālitaṃ praṇayet katham

„Wie [entsteht] das Verlangen nach dem noch nicht Erlangten? Wodurch wächst das Erlangte? Wodurch soll man das Vermehrte schützen, und das Geschützte – wie soll man es [richtig] verwenden?“

Wort für Wort
alabdhasya kathaṃ lipsā
wie das Verlangen nach Unerlangtem (Gen./Nom.)
labdhaṃ kena vivardhate
das Erlangte, wodurch wächst es (Part./Instr./3.Sg.Präs.)
vardhitaṃ pālayet kena
das Vermehrte soll man wodurch schützen (Part./Opt.Kaus.)
pālitaṃ praṇayet katham
das Geschützte soll man wie verwenden/zuführen (Part./Opt.)

praṇayet: ‚hinführen, verwenden, austeilen‘; genauer Sinn (Verwendung/Verteilung) nicht ganz sicher.

tasmai viniścayārthaṃ sa paripṛṣṭārthaniścayaḥ; uvāca brāhmaṇo vākyam idaṃ hetumad uttaram

Diesem, der so um die Entscheidung [der Sache] gefragt hatte, sprach der Brahmane, der nach der Befragung die Sache entschieden hatte, diese begründete Antwort.

Wort für Wort
tasmai viniścayārthaṃ sa
ihm, um der Entscheidung willen, er (Dat./Akk./Nom.)
paripṛṣṭārthaniścayaḥ
der nach der Befragung den Sachverhalt festgestellt hatte (Kompositum, Nom.)
uvāca brāhmaṇo vākyam
sprach der Brahmane die Rede (Perf./Nom./Akk.)
idaṃ hetumad uttaram
diese begründete Antwort (Akk.)

Der Halbvers 1 ist syntaktisch gedrängt; Wiedergabe mit den wenigsten Zusatzannahmen.

nityam udyatadaṇḍaḥ syān nityaṃ vivṛtapauruṣaḥ; acchidraś chidradarśī ca pareṣāṃ vivarānugaḥ

Stets soll er den Stock erhoben halten, stets seine Mannhaftigkeit offen zeigen, selbst ohne Blöße sein, aber die Blößen der anderen erspähen und den Lücken der Feinde nachgehen.

Wort für Wort
nityam udyatadaṇḍaḥ syān
stets soll er einer sein, der den Stock erhoben hat (Adv./Bahuvrīhi/Opt.)
nityaṃ vivṛtapauruṣaḥ
stets mit offen gezeigter Mannhaftigkeit (Bahuvrīhi)
acchidraḥ
ohne Blöße/Schwachstelle (Nom.)
chidradarśī ca
und Blößen erblickend (Nom.)
pareṣāṃ vivarānugaḥ
der Lücken der anderen nachgehend (Gen. Pl./Nom.)

nityam udyatadaṇḍasya bhṛśam udvijate janaḥ; tasmāt sarvāṇi bhūtāni daṇḍenaiva prarodhayet

Vor dem, der stets den Stock erhoben hat, erschrickt das Volk sehr; darum soll er alle Wesen allein durch den Stock im Zaum halten.

Wort für Wort
nityam udyatadaṇḍasya
dessen, der stets den Stock erhoben hat (Gen.)
bhṛśam udvijate janaḥ
sehr erschrickt das Volk (3.Sg.Präs. Med.)
tasmāt sarvāṇi bhūtāni
darum alle Wesen (Abl./Akk. Pl.)
daṇḍenaiva prarodhayet
allein durch den Stock soll er zurückhalten (Instr./Opt.Kaus.)

evam eva praśaṃsanti paṇḍitās tattvadarśinaḥ; tasmāc catuṣṭaye tasmin pradhāno daṇḍa ucyate

So preisen es die Weisen, die die Wahrheit schauen; darum gilt in jener Vierergruppe [der Mittel] der Stock als der wichtigste.

Wort für Wort
evam eva praśaṃsanti
ebenso loben sie (3.Pl.Präs.)
paṇḍitās tattvadarśinaḥ
die Gelehrten, die Wahrheit-Schauenden (Nom. Pl.)
tasmāc catuṣṭaye tasmin
darum in dieser Vierergruppe (Abl./Lok.)
pradhāno daṇḍa ucyate
als der Hauptsächliche gilt der Stock (Nom./Pass. 3.Sg.)

catuṣṭaya: die vier Mittel (Güte, Gabe, Entzweiung, Strafe), nach dem Zusammenhang ergänzt.

chinnamūle hy adhiṣṭhāne sarve tajjīvino hatāḥ; kathaṃ hi śākhās tiṣṭheyuś chinnamūle vanaspatau

Ist die Wurzel, die Grundlage, abgeschnitten, sind alle, die davon leben, erschlagen; wie könnten Äste bestehen, wenn am Baum die Wurzel abgeschnitten ist?

Wort für Wort
chinnamūle hy adhiṣṭhāne
denn wenn die Wurzel, die Grundlage, abgeschnitten ist (Lok. abs.)
sarve tajjīvino hatāḥ
alle davon Lebenden sind erschlagen (Nom. Pl./Part.)
kathaṃ hi śākhās tiṣṭheyuḥ
wie sollten ja Äste bestehen (Nom. Pl./Opt.)
chinnamūle vanaspatau
am Baum mit abgeschnittener Wurzel (Lok. abs.)

mūlam evāditaś chindyāt parapakṣasya paṇḍitaḥ; tataḥ sahāyān pakṣaṃ ca sarvam evānusārayet

Die Wurzel der gegnerischen Seite soll der Weise gleich zu Anfang abschneiden; danach lasse er die Helfer und die ganze Partei nachfolgen [d. h. nachsetzen].

Wort für Wort
mūlam evāditaś chindyāt
die Wurzel gerade von Anfang an soll er abschneiden (Akk./Opt.)
parapakṣasya paṇḍitaḥ
der Gegenpartei, der Weise (Gen./Nom.)
tataḥ sahāyān pakṣaṃ ca
danach die Helfer und die Partei (Akk.)
sarvam evānusārayet
ganz und gar soll er nachfolgen lassen (Opt.Kaus.)

anusārayet: wörtlich ‚nachgehen lassen‘; gemeint wohl: auch diese verfolgen und ausschalten.

sumantritaṃ suvikrāntaṃ suyuddhaṃ supalāyitam; āpadāṃ padakāleṣu kurvīta na vicārayet

Gut beraten, tapfer vorgegangen, gut gekämpft, gut geflohen: das soll man in den Zeiten der Nöte tun, ohne zu zögern.

Wort für Wort
sumantritaṃ suvikrāntam
gut beraten, tapfer vorgegangen (Part. n.)
suyuddhaṃ supalāyitam
gut gekämpft, gut geflohen (Part. n.)
āpadāṃ padakāleṣu
in den Zeiten der Notlagen (Gen. Pl./Lok. Pl.)
kurvīta na vicārayet
man soll tun, nicht zögern/grübeln (Opt. Med./Opt.Kaus.)

vāṅmātreṇa vinītaḥ syād dhṛdayena yathā kṣuraḥ; ślakṣṇapūrvābhibhāṣī ca kāmakrodhau vivarjayet

Nur mit Worten sei er bescheiden, im Herzen aber wie ein Rasiermesser; er rede zuvor sanft, und Begierde und Zorn soll er meiden.

Wort für Wort
vāṅmātreṇa vinītaḥ syāt
nur in Worten sei er bescheiden (Instr./Part./Opt.)
hṛdayena yathā kṣuraḥ
im Herzen wie ein Rasiermesser (Instr./Nom.)
ślakṣṇapūrvābhibhāṣī ca
und zuerst sanft anredend (Nom.)
kāmakrodhau vivarjayet
Begierde und Zorn soll er meiden (Akk. Du./Opt.)

sapatnasahite kārye kṛtvā saṃdhiṃ na viśvaset; apakrāmet tataḥ kṣipraṃ kṛtakāryo vicakṣaṇaḥ

Hat er in einer Angelegenheit, an der der Feind beteiligt ist, ein Bündnis geschlossen, soll er nicht [darauf] vertrauen; nach vollbrachtem Werk soll sich der Kluge rasch zurückziehen.

Wort für Wort
sapatnasahite kārye
in einer Sache mit dem Rivalen zusammen (Lok.)
kṛtvā saṃdhiṃ na viśvaset
nachdem er Frieden/Bündnis geschlossen, soll er nicht vertrauen (Abs./Akk./Opt.)
apakrāmet tataḥ kṣipram
er soll sich danach schnell zurückziehen (Opt./Adv.)
kṛtakāryo vicakṣaṇaḥ
der Kluge, dessen Werk getan ist (Nom.)

śatruṃ ca mitrarūpeṇa sāntvenaivābhisāntvayet; nityaśaś codvijet tasmāt sarpād veśmagatād iva

Den Feind soll er in Gestalt eines Freundes allein mit Beschwichtigung besänftigen; vor ihm aber soll er stets zurückschrecken wie vor einer ins Haus gekommenen Schlange.

Wort für Wort
śatruṃ ca mitrarūpeṇa
und den Feind in Freundesgestalt (Akk./Instr.)
sāntvenaivābhisāntvayet
allein mit Beschwichtigung soll er besänftigen (Instr./Opt.Kaus.)
nityaśaś codvijet tasmāt
und stets soll er vor ihm zurückschrecken (Adv./Opt./Abl.)
sarpād veśmagatād iva
wie vor einer ins Haus gekommenen Schlange (Abl.)

yasya buddhiṃ paribhavet tam atītena sāntvayet; anāgatena duṣprajñaṃ pratyutpannena paṇḍitam

Wessen Verstand er überwältigt hat, den soll er mit Vergangenem beschwichtigen; den Schlechtverständigen mit Künftigem, den Gelehrten mit Gegenwärtigem.

Wort für Wort
yasya buddhiṃ paribhavet
dessen Verstand er übertrifft/überwältigt (Gen./Akk./Opt.)
tam atītena sāntvayet
den soll er mit Vergangenem beschwichtigen (Instr./Opt.)
anāgatena duṣprajñam
mit Künftigem den Törichten (Instr./Akk.)
pratyutpannena paṇḍitam
mit Gegenwärtigem den Weisen (Instr./Akk.)

Der Sinn von yasya buddhiṃ paribhavet ist unsicher (Wiedergabe [?]).

añjaliṃ śapathaṃ sāntvaṃ praṇamya śirasā vadet; aśruprapātanaṃ caiva kartavyaṃ bhūtim icchatā

Mit Verneigung des Kopfes soll er Händefalten, Schwur und Beschwichtigung aussprechen; und Tränenvergießen soll der tun, der Gedeihen wünscht.

Wort für Wort
añjaliṃ śapathaṃ sāntvam
Händefalten, Schwur, Beschwichtigung (Akk.)
praṇamya śirasā vadet
mit dem Kopf sich verneigend soll er sprechen (Abs./Instr./Opt.)
aśruprapātanaṃ caiva
und das Tränenvergießen (Akk.)
kartavyaṃ bhūtim icchatā
ist zu tun von dem, der Gedeihen wünscht (Gerundiv/Instr.Part.)

vahed amitraṃ skandhena yāvat kālaviparyayaḥ; athainam āgate kāle bhindyād ghaṭam ivāśmani

Den Feind soll er auf der Schulter tragen, bis die Zeit umschlägt; kommt dann die Zeit, soll er ihn zerschmettern wie einen Krug auf einem Stein.

Wort für Wort
vahed amitraṃ skandhena
tragen soll er den Feind auf der Schulter (Opt./Akk./Instr.)
yāvat kālaviparyayaḥ
bis zum Umschlag der Zeit (Nom.)
athainam āgate kāle
dann, wenn die Zeit gekommen ist, ihn (Lok. abs./Akk.)
bhindyād ghaṭam ivāśmani
soll er zerschlagen wie einen Krug auf einem Stein (Opt./Akk./Lok.)

muhūrtam api rājendra tindukālātavaj jvalet; na tuṣāgnir ivānarcir dhūmāyeta naraś ciram

Auch nur einen Augenblick, König der Könige, soll ein Mann aufflammen wie ein Tinduka-Brandscheit; nicht lange soll er rauchen wie Spreufeuer ohne Flamme.

Wort für Wort
muhūrtam api rājendra
auch nur einen Augenblick, König der Könige (Akk./Vok.)
tindukālātavaj jvalet
wie ein Tinduka-Brandscheit soll er flammen (Opt.)
na tuṣāgnir ivānarciḥ
nicht wie ein flammenloses Spreufeuer (Nom.)
dhūmāyeta naraś ciram
soll rauchen der Mann lange (Opt. Denom./Nom./Adv.)

nānarthakenārthavattvaṃ kṛtaghnena samācaret; arthe tu śakyate bhoktuṃ kṛtakāryo 'vamanyate; tasmāt sarvāṇi kāryāṇi sāvaśeṣāṇi kārayet

Nicht soll man mit einem Nutzlosen Zweckgemeinschaft pflegen, auch nicht mit einem Undankbaren; im Vermögen [d. h. bei Wohlstand] kann man genießen, aber wer sein Werk vollbracht hat, verachtet [den Helfer]; darum soll man alle Werke mit einem Rest [unerledigt] ausführen lassen.

Wort für Wort
nānarthakenārthavattvam
nicht mit einem Nutzlosen Zweckhaftigkeit/Wohlstand (Instr./Akk.)
kṛtaghnena samācaret
mit einem Undankbaren soll man handeln (Instr./Opt.)
arthe tu śakyate bhoktum
im Wohlstand aber ist es möglich zu genießen (Lok./Pass.)
kṛtakāryo 'vamanyate
wer sein Werk getan hat, verachtet (Nom./3.Sg.Präs. Med.)
tasmāt sarvāṇi kāryāṇi
darum alle Werke (Abl./Akk.)
sāvaśeṣāṇi kārayet
mit einem Rest [belassen] soll man machen lassen (Akk./Opt.Kaus.)

Halbvers 1 und 2 syntaktisch unsicher [?]; arthavattvaṃ samācaret nach dem Zusammenhang gedeutet.

kokilasya varāhasya meroḥ śūnyasya veśmanaḥ; vyāḍasya bhakticitrasya yac chreṣṭhaṃ tat samācaret

Vom Kuckuck, vom Eber, vom Meru, vom leeren Haus, vom Raubtier und vom Buntgemusterten: was jeweils das Beste ist, das soll er nachahmen.

Wort für Wort
kokilasya varāhasya
des Kuckucks, des Ebers (Gen.)
meroḥ śūnyasya veśmanaḥ
des Meru, des leeren Hauses (Gen.)
vyāḍasya bhakticitrasya
des Raubtiers/der Schlange, des mit Mustern Buntgemachten (Gen.)
yac chreṣṭhaṃ tat samācaret
was das Beste ist, das soll er üben (Nom./Opt.)

Anspielungen (Kuckuck, Eber, Meru, leeres Haus, vyāla, bhakticitra) im Einzelnen unklar [?]; wörtlich wiedergegeben.

utthāyotthāya gacchec ca nityayukto ripor gṛhān; kuśalaṃ cāpi pṛccheta yady apy akuśalaṃ bhavet

Immer wieder aufstehend soll er stets eifrig zu den Häusern des Feindes gehen; und er soll auch nach [dessen] Wohlergehen fragen, selbst wenn es nicht wohl steht.

Wort für Wort
utthāyotthāya gacchec ca
immer wieder aufstehend soll er gehen (Abs./Opt.)
nityayukto ripor gṛhān
stets eifrig, zu des Feindes Häusern (Nom./Gen./Akk. Pl.)
kuśalaṃ cāpi pṛccheta
und auch nach dem Wohlergehen soll er fragen (Akk./Opt. Med.)
yady apy akuśalaṃ bhavet
auch wenn es nicht wohl wäre (Opt.)

nālasāḥ prāpnuvanty arthān na klībā na ca māninaḥ; na ca lokaravād bhītā na ca śaśvat pratīkṣiṇaḥ

Nicht Faule erlangen Ziele, nicht Schwächlinge, nicht Stolze, nicht die, die den Lärm der Leute fürchten, und nicht die ständig Abwartenden.

Wort für Wort
nālasāḥ prāpnuvanty arthān
nicht Faule erlangen Ziele (Nom. Pl./3.Pl.Präs./Akk. Pl.)
na klībā na ca māninaḥ
nicht Schwächlinge, nicht Stolze (Nom. Pl.)
na ca lokaravād bhītāḥ
und nicht die vor dem Geschrei der Leute Furchtsamen (Abl./Nom. Pl.)
na ca śaśvat pratīkṣiṇaḥ
und nicht die immer Abwartenden (Adv./Nom. Pl.)

nāsya chidraṃ paro vidyād vidyāc chidraṃ parasya tu; gūhet kūrma ivāṅgāni rakṣed vivaram ātmanaḥ

Nicht soll der Feind seine Blöße kennen, er aber soll die des Feindes kennen; wie die Schildkröte die Glieder soll er [sie] verbergen und seine Lücke schützen.

Wort für Wort
nāsya chidraṃ paro vidyāt
nicht soll dessen Blöße der Andere kennen (Akk./Nom./Opt.)
vidyāc chidraṃ parasya tu
er aber soll die Blöße des Anderen kennen (Opt./Gen.)
gūhet kūrma ivāṅgāni
verbergen soll er wie eine Schildkröte die Glieder (Opt./Akk. Pl.)
rakṣed vivaram ātmanaḥ
schützen soll er die eigene Lücke (Opt./Akk./Gen.)

bakavac cintayed arthān siṃhavac ca parākramet; vṛkavac cāvalumpeta śaśavac ca viniṣpatet

Wie ein Reiher soll er Ziele erwägen, wie ein Löwe kühn vorgehen, wie ein Wolf [Beute] wegreißen und wie ein Hase entwischen.

Wort für Wort
bakavac cintayed arthān
wie ein Reiher soll er Ziele bedenken (Opt./Akk. Pl.)
siṃhavac ca parākramet
und wie ein Löwe kühn vorgehen (Opt.)
vṛkavac cāvalumpeta
und wie ein Wolf wegreißen (Opt. Med.)
śaśavac ca viniṣpatet
und wie ein Hase davonspringen (Opt.)

pānam akṣās tathā nāryo mṛgayā gītavāditam; etāni yuktyā seveta prasaṅgo hy atra doṣavān

Trunk, Würfel, Frauen, Jagd, Gesang und Instrumentalmusik: diese soll er mit Maß und Bedacht gebrauchen; denn das Verfallensein daran ist fehlerbehaftet.

Wort für Wort
pānam akṣās tathā nāryaḥ
Trunk, Würfel und Frauen (Nom.)
mṛgayā gītavāditam
Jagd, Gesang und Instrumentalmusik (Nom.)
etāni yuktyā seveta
diese soll er mit Bedacht gebrauchen (Akk./Instr./Opt. Med.)
prasaṅgo hy atra doṣavān
denn die Anhänglichkeit hierbei ist fehlerhaft (Nom.)

kuryāt tṛṇamayaṃ cāpaṃ śayīta mṛgaśāyikām; andhaḥ syād andhavelāyāṃ bādhiryam api saṃśrayet

Er soll einen Bogen aus Gras machen, nach Art der Rehe schlafen [?]; zur Zeit der Blindheit sei er blind, auch Taubheit soll er annehmen.

Wort für Wort
kuryāt tṛṇamayaṃ cāpam
er soll einen grasernen Bogen machen (Opt./Akk.)
śayīta mṛgaśāyikām
er soll schlafen den Rehschlaf [?] (Opt. Med./Akk.)
andhaḥ syād andhavelāyām
blind sei er zur Zeit des Blindseins (Opt./Lok.)
bādhiryam api saṃśrayet
auch Taubheit soll er sich zu eigen machen (Akk./Opt.)

mṛgaśāyikām unsicher (‚wie ein Wild [leicht] schlafen‘?).

deśaṃ kālaṃ samāsādya vikrameta vicakṣaṇaḥ; deśakālābhyatīto hi vikramo niṣphalo bhavet

Hat er Ort und Zeit erfasst, soll der Kluge tapfer vorgehen; denn Tapferkeit, die Ort und Zeit überschreitet, wird fruchtlos.

Wort für Wort
deśaṃ kālaṃ samāsādya
Ort und Zeit erreicht habend (Akk./Abs.)
vikrameta vicakṣaṇaḥ
soll vorgehen der Kluge (Opt. Med./Nom.)
deśakālābhyatīto hi
denn [einer], der Ort und Zeit überschritten hat (Nom.)
vikramo niṣphalo bhavet
der Angriff wird fruchtlos (Nom./Opt.)

kālākālau saṃpradhārya balābalam athātmanaḥ; parasparabalaṃ jñātvā tathātmānaṃ niyojayet

Hat er die rechte und die unrechte Zeit sowie die eigene Stärke und Schwäche erwogen und die gegenseitige Stärke erkannt, soll er sich dementsprechend einsetzen.

Wort für Wort
kālākālau saṃpradhārya
rechte und unrechte Zeit erwogen habend (Akk. Du./Abs.)
balābalam athātmanaḥ
Stärke und Schwäche, sodann seine eigene (Akk./Gen.)
parasparabalaṃ jñātvā
die gegenseitige Stärke erkannt habend (Akk./Abs.)
tathātmānaṃ niyojayet
entsprechend soll er sich einsetzen (Akk./Opt.Kaus.)

daṇḍenopanataṃ śatruṃ yo rājā na niyacchati; sa mṛtyum upagūhyās te garbham aśvatarī yathā

Der König, der einen durch Strafgewalt unterworfenen Feind nicht im Zaum hält, der sitzt den Tod umarmend da, wie die Maultierstute [ihre] Leibesfrucht.

Wort für Wort
daṇḍenopanataṃ śatrum
den durch Strafe unterworfenen Feind (Instr./Akk.)
yo rājā na niyacchati
welcher König nicht bändigt (Nom./3.Sg.Präs.)
sa mṛtyum upagūhya āste
der sitzt, den Tod umarmend (Akk./Abs./3.Sg.Präs. Med.)
garbham aśvatarī yathā
wie die Maultierstute die Leibesfrucht (Akk./Nom.)

Bild: die Maultierstute stirbt an ihrer Leibesfrucht; sa mṛtyum upagūhyāste als sa mṛtyum upagūhya āste gelesen.

supuṣpitaḥ syād aphalaḥ phalavān syād durāruhaḥ; āmaḥ syāt pakvasaṃkāśo na ca śīryeta kasya cit

[Wie ein Baum] sei er reich blühend und doch fruchtlos, fruchttragend und doch schwer zu ersteigen, unreif und doch wie reif aussehend, und für niemanden soll er zerfallen.

Wort für Wort
supuṣpitaḥ syād aphalaḥ
reich geblüht, [doch] ohne Frucht sei er (Nom./Opt.)
phalavān syād durāruhaḥ
fruchtreich sei er, schwer zu besteigen (Nom.)
āmaḥ syāt pakvasaṃkāśaḥ
unreif sei er, dem Reifen ähnlich (Nom.)
na ca śīryeta kasya cit
und nicht soll er zerfallen für irgendwen (Opt. Pass./Gen.)

ādātavyaṃ na dātavyaṃ priyaṃ brūyān nirarthakam

„Zu nehmen ist, nicht zu geben ist“; Liebes soll er sagen, [auch wenn es] ohne Gehalt [ist].

Wort für Wort
ādātavyaṃ na dātavyam
zu nehmen ist, nicht zu geben ist (Gerundiv)
priyaṃ brūyān
Liebes soll er sagen (Akk./Opt.)
nirarthakam
ohne Gehalt/nutzlos (Akk. n.)

Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert). Zusatzvers (Sternvers) der kritischen Ausgabe; kurz und elliptisch.

āśāṃ kālavatīṃ kuryāt tāṃ ca vighnena yojayet; vighnaṃ nimittato brūyān nimittaṃ cāpi hetutaḥ

Die Hoffnung [des anderen] soll er zeitgebunden machen und sie dann mit einem Hindernis verbinden; das Hindernis soll er mit einem Anlass begründen und den Anlass wiederum mit einem Grund.

Wort für Wort
āśāṃ kālavatīṃ kuryāt
die Hoffnung zeitgebunden soll er machen (Akk./Opt.)
tāṃ ca vighnena yojayet
und diese mit einem Hindernis verbinden (Instr./Opt.Kaus.)
vighnaṃ nimittato brūyāt
das Hindernis soll er aus einem Anlass erklären (Akk./Abl.-Adv./Opt.)
nimittaṃ cāpi hetutaḥ
und den Anlass aus einem Grund (Akk./Abl.-Adv.)

bhītavat saṃvidhātavyaṃ yāvad bhayam anāgatam; āgataṃ tu bhayaṃ dṛṣṭvā prahartavyam abhītavat

Wie ein Furchtsamer soll man Vorkehrungen treffen, solange die Gefahr noch nicht gekommen ist; hat man die Gefahr aber kommen sehen, soll man furchtlos zuschlagen.

Wort für Wort
bhītavat saṃvidhātavyam
wie ein Furchtsamer ist vorzusorgen (Adv./Gerundiv)
yāvad bhayam anāgatam
solange die Gefahr nicht gekommen ist (Nom.)
āgataṃ tu bhayaṃ dṛṣṭvā
die gekommene Gefahr aber gesehen habend (Akk./Abs.)
prahartavyam abhītavat
ist zuzuschlagen wie ein Furchtloser (Gerundiv/Adv.)

na saṃśayam anāruhya naro bhadrāṇi paśyati; saṃśayaṃ punar āruhya yadi jīvati paśyati

Ohne ein Wagnis zu besteigen, sieht der Mensch kein Glück; besteigt er aber das Wagnis und lebt er [danach], so sieht er es.

Wort für Wort
na saṃśayam anāruhya
nicht ein Wagnis nicht bestiegen habend (Akk./Abs.)
naro bhadrāṇi paśyati
der Mensch sieht Glück (Nom./Akk. Pl./3.Sg.Präs.)
saṃśayaṃ punar āruhya
ein Wagnis aber bestiegen habend (Akk./Abs.)
yadi jīvati paśyati
wenn er lebt, sieht er (3.Sg.Präs.)

anāgataṃ vijānīyād yacched bhayam upasthitam; punar vṛddhikṣayāt kiṃ cid abhivṛttaṃ niśāmayet

Das Künftige soll er erkennen, die bevorstehende Gefahr zurückhalten; und nach Zunahme und Abnahme soll er das irgendwie Eingetretene wieder in Betracht ziehen [?].

Wort für Wort
anāgataṃ vijānīyāt
das Künftige soll er erkennen (Akk./Opt.)
yacched bhayam upasthitam
zurückhalten soll er die bevorstehende Gefahr (Opt./Akk./Part.)
punar vṛddhikṣayāt
wiederum aus Zunahme und Abnahme (Abl.)
kiṃ cid abhivṛttaṃ niśāmayet
das irgendwie Eingetretene soll er beachten (Akk./Opt.Kaus.)

Halbvers 2 unsicher [?].

pratyupasthitakālasya sukhasya parivarjanam; anāgatasukhāśā ca naiṣa buddhimatāṃ nayaḥ

Das Meiden des Glücks der gegenwärtigen Zeit und die Hoffnung auf künftiges Glück: das ist nicht der Weg der Verständigen.

Wort für Wort
pratyupasthitakālasya sukhasya
des Glücks der gerade gegenwärtigen Zeit (Gen.)
parivarjanam
das Meiden (Nom.)
anāgatasukhāśā ca
und die Hoffnung auf künftiges Glück (Nom.)
naiṣa buddhimatāṃ nayaḥ
das ist nicht der Weg der Verständigen (Nom./Gen. Pl.)

yo 'riṇā saha saṃdhāya sukhaṃ svapiti viśvasan; sa vṛkṣāgraprasupto vā patitaḥ pratibudhyate

Wer mit dem Feind Frieden geschlossen hat und vertrauend glücklich schläft, der erwacht wie einer, der auf einer Baumspitze eingeschlafen und [heruntergefallen] ist.

Wort für Wort
yo 'riṇā saha saṃdhāya
wer mit dem Feind ein Bündnis geschlossen habend (Nom./Instr./Abs.)
sukhaṃ svapiti viśvasan
glücklich schläft, vertrauend (Adv./3.Sg.Präs./Part.)
sa vṛkṣāgraprasupto vā
der [ist] wie einer, der auf einer Baumspitze eingeschlafen ist (Nom.)
patitaḥ pratibudhyate
erwacht als Gefallener (Part./3.Sg.Präs. Med.)

karmaṇā yena teneha mṛdunā dāruṇena vā; uddhared dīnam ātmānaṃ samartho dharmam ācaret

„Durch welche Tat auch immer, sanft oder hart, soll man sich selbst, den Bedrängten, hier [aus der Not] herausziehen; [ist man] dazu imstande, so übe man [dann] das Dharma.“

Wort für Wort
karmaṇā yena teneha
durch welche Tat auch immer, hier (Instr.Sg.)
mṛdunā dāruṇena vā
sanft oder hart (Instr.Sg.)
uddhared dīnam ātmānam
soll herausziehen den bedrängten Selbst (3.Sg.Opt.; Akk.Sg.)
samartho dharmam ācaret
fähig, soll das Dharma üben (Nom.Sg.; 3.Sg.Opt.)

ye sapatnāḥ sapatnānāṃ sarvāṃs tān apavatsayet; ātmanaś cāpi boddhavyāś cārāḥ praṇihitāḥ paraiḥ

„Diejenigen Rivalen, die Rivalen [des Königs] sind, alle diese soll man [von ihm] abspenstig machen [?]; und auch die vom Feind ausgesandten Späher sind [vom eigenen Herrn] zu erkennen.“

Wort für Wort
ye sapatnāḥ sapatnānām
welche Rivalen von Rivalen (Nom.Pl.; Gen.Pl.)
sarvāṃs tān apavatsayet
alle diese soll man abspenstig machen [?] (Akk.Pl.; 3.Sg.Opt.Kaus./Denom.)
ātmanaś cāpi boddhavyāḥ
und auch die des Eigenen sind zu erkennen (Gen.Sg.; Gerundiv)
cārāḥ praṇihitāḥ paraiḥ
Späher, ausgesandt von Feinden (Nom.Pl.; Part.Pass.; Instr.Pl.)

apavatsayet: Ableitung unsicher (evtl. Denominativ von vatsa, „entwöhnen, abspenstig machen“). Der Halbvers ist knapp und syntaktisch locker.

cāraḥ suvihitaḥ kārya ātmano 'tha parasya ca; pāṣaṇḍāṃs tāpasādīṃś ca pararāṣṭraṃ praveśayet

„Ein wohlgeordneter Späher ist einzusetzen, für den eigenen wie für den fremden [Herrn]; Sektierer, Asketen und dergleichen lasse er in das Reich des Feindes eindringen.“

Wort für Wort
cāraḥ suvihitaḥ kāryaḥ
ein gut eingerichteter Späher ist zu machen/einzusetzen (Nom.Sg.; Gerundiv)
ātmano 'tha parasya ca
des Eigenen und des Anderen (Gen.Sg.)
pāṣaṇḍāṃs tāpasādīṃś ca
Sektierer und Asketen usw. (Akk.Pl.)
pararāṣṭraṃ praveśayet
in das Reich des Feindes soll er eintreten lassen (Akk.Sg.; 3.Sg.Opt.Kaus.)

pāṣaṇḍādyair avijñātair viditvāriṃ vaśaṃ nayet

Durch unerkannte Sektierer und dergleichen soll man, [nachdem man] den Feind erkundet hat, ihn in seine Gewalt bringen.

Wort für Wort
pāṣaṇḍādyair avijñātaiḥ
durch Sektierer usw., unerkannte (Instr.Pl.; Part.Pass.)
viditvāriṃ
den Feind erkundet habend (Abs.; Akk.Sg.)
vaśaṃ nayet
soll in Gewalt bringen (Akk.Sg.; 3.Sg.Opt.)

Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert).

udyāneṣu vihāreṣu prapāsv āvasatheṣu ca; pānāgāreṣu veśeṣu tīrtheṣu ca sabhāsu ca

In Gärten, auf Lustplätzen, in Trinkhallen, Herbergen, in Schenken, bei Dirnen, an Badeplätzen und in Versammlungen [sollen sie sich aufhalten].

Wort für Wort
udyāneṣu vihāreṣu
in Gärten, auf Lustplätzen (Lok.Pl.)
prapāsv āvasatheṣu ca
in Trinkhallen und Herbergen (Lok.Pl.)
pānāgāreṣu veśeṣu
in Schenken, in Bordellen/Häusern (Lok.Pl.)
tīrtheṣu ca sabhāsu ca
an Badeplätzen und in Versammlungen (Lok.Pl.)

Verb fehlt; aus dem Vorvers zu ergänzen.

dharmābhicāriṇaḥ pāpāś cārā lokasya kaṇṭakāḥ; samāgacchanti tān buddhvā niyacchec chamayed api

„Die Späher, die dem Dharma zum Schein folgen, sündhaft, Dornen der Welt, kommen dort zusammen; hat man sie erkannt, so soll man sie bändigen oder auch beschwichtigen.“

Wort für Wort
dharmābhicāriṇaḥ pāpāḥ
die im Anschein des Dharma Handelnden, Sündhafte (Nom.Pl.)
cārā lokasya kaṇṭakāḥ
Späher, Dornen der Welt (Nom.Pl.; Gen.Sg.)
samāgacchanti
kommen zusammen (3.Pl.Präs.)
tān buddhvā
diese erkannt habend (Akk.Pl.; Abs.)
niyacchec chamayed api
soll bändigen, soll besänftigen/zur Ruhe bringen (3.Sg.Opt.; 3.Sg.Opt.Kaus.)

dharmābhicāriṇaḥ ist mehrdeutig (auch „das Dharma [zum Schaden] anwendend“).

na viśvased aviśvaste viśvaste nāpi viśvaset; viśvastaṃ bhayam anveti nāparīkṣya ca viśvaset

„Man soll dem nicht Vertrauenswürdigen nicht vertrauen, aber auch dem Vertrauenswürdigen nicht [blind] vertrauen; wer vertraut, dem folgt Gefahr; man soll auch nicht vertrauen, ohne geprüft zu haben.“

Wort für Wort
na viśvased aviśvaste
soll nicht vertrauen dem Nichtvertrauenswürdigen (3.Sg.Opt.; Lok.Sg.)
viśvaste nāpi viśvaset
dem Vertrauenswürdigen auch nicht soll man vertrauen (Lok.Sg.)
viśvastaṃ bhayam anveti
den Vertrauenden folgt Gefahr (Akk.Sg.; Nom.Sg.; 3.Sg.Präs.)
nāparīkṣya ca viśvaset
und nicht ungeprüft soll man vertrauen (Abs.; 3.Sg.Opt.)

viśvāsayitvā tu paraṃ tattvabhūtena hetunā; athāsya praharet kāle kiṃ cid vicalite pade

„Hat man aber einen anderen durch einen wirklichen Grund zum Vertrauen gebracht, so soll man ihn dann zur rechten Zeit angreifen, wenn ihm der Fuß ein wenig ins Wanken geraten ist.“

Wort für Wort
viśvāsayitvā tu param
zum Vertrauen gebracht habend, aber, den anderen (Abs.; Akk.Sg.)
tattvabhūtena hetunā
durch einen wirklichen/tatsächlichen Grund (Instr.Sg.)
athāsya praharet kāle
dann soll man ihn angreifen zur [rechten] Zeit (Gen.Sg.; 3.Sg.Opt.; Lok.Sg.)
kiṃ cid vicalite pade
wenn ein wenig gewankt ist der Fuß (Lok.abs.)

Grammatisch ist asya evtl. auf den Gegner bezogen (Gen. des Angegriffenen).

aśaṅkyam api śaṅketa nityaṃ śaṅketa śaṅkitāt; bhayaṃ hi śaṅkitāj jātaṃ samūlam api kṛntati

„Auch Unverdächtiges soll man verdächtigen; stets soll man den Verdächtigen fürchten [?]; denn Gefahr, die von einem Verdächtigen [her] entstanden ist, schneidet einen samt der Wurzel ab.“

Wort für Wort
aśaṅkyam api śaṅketa
auch das nicht zu Verdächtigende soll man verdächtigen (Akk.Sg.; 3.Sg.Opt.)
nityaṃ śaṅketa śaṅkitāt
stets soll man fürchten/argwöhnen vor dem Verdächtigen (Adv.; 3.Sg.Opt.; Abl.Sg.)
bhayaṃ hi śaṅkitāj jātam
denn Gefahr, vom Verdächtigen her entstanden (Nom.Sg.; Abl.Sg.; Part.Pass.)
samūlam api kṛntati
auch samt der Wurzel schneidet ab (Adv.; 3.Sg.Präs.)

avadhānena maunena kāṣāyeṇa jaṭājinaiḥ; viśvāsayitvā dveṣṭāram avalumped yathā vṛkaḥ

„Durch Aufmerksamkeit [vortäuschende Sammlung], durch Schweigen, durch das ockerfarbene Gewand, durch Flechtenhaar und Antilopenfelle hat man den Hasser zum Vertrauen gebracht und soll ihn dann zerreißen wie ein Wolf.“

Wort für Wort
avadhānena maunena
durch Achtsamkeit/Sammlung, durch Schweigen (Instr.Sg.)
kāṣāyeṇa jaṭājinaiḥ
durch das ockerfarbene Gewand, durch Flechtenhaar und Felle (Instr.Sg.; Instr.Pl.)
viśvāsayitvā dveṣṭāram
zum Vertrauen gebracht habend den Hasser/Feind (Abs.; Akk.Sg.)
avalumped yathā vṛkaḥ
soll zerreißen/ausplündern wie ein Wolf (3.Sg.Opt.; Nom.Sg.)

putro vā yadi vā bhrātā pitā vā yadi vā suhṛt; arthasya vighnaṃ kurvāṇā hantavyā bhūtivardhanāḥ

„Ob Sohn oder Bruder, Vater oder Freund: Wer dem [eigenen] Vorteil ein Hindernis bereitet, ist zu töten – [wenn man] Gedeihen [mehren will] [?].“

Wort für Wort
putro vā yadi vā bhrātā
sei es Sohn oder Bruder (Nom.Sg.)
pitā vā yadi vā suhṛt
oder Vater oder Freund (Nom.Sg.)
arthasya vighnaṃ kurvāṇāḥ
dem Vorteil ein Hindernis bereitend (Gen.Sg.; Akk.Sg.; Part.Med.Nom.Pl.)
hantavyā bhūtivardhanāḥ
sind zu töten, Gedeihen mehrend [?] (Gerundiv Nom.Pl.; Nom.Pl.)

bhūtivardhanāḥ syntaktisch unsicher: als „die das Gedeihen mehren [sollen]“ bzw. „zur Mehrung des Gedeihens“ gedeutet.

guror apy avaliptasya kāryākāryam ajānataḥ; utpathapratipannasya daṇḍo bhavati śāsanam

„Selbst einen Lehrer, der aufgeblasen ist, Recht und Unrecht nicht kennt und auf einen Irrweg geraten ist, [ihn] zu bestrafen ist Gebot.“

Wort für Wort
guror apy avaliptasya
selbst eines Lehrers, der hochmütig/aufgeblasen ist (Gen.Sg.)
kāryākāryam ajānataḥ
Zu-Tuendes und Nicht-zu-Tuendes nicht kennend (Akk.Sg.; Part.Gen.Sg.)
utpathapratipannasya
der auf Irrweg geraten ist (Gen.Sg.)
daṇḍo bhavati śāsanam
Strafe ist Weisung/Vorschrift (Nom.Sg.; 3.Sg.Präs.; Nom.Sg.)

pratyutthānābhivādābhyāṃ saṃpradānena kasya cit; pratipuṣkalaghātī syāt tīkṣṇatuṇḍa iva dvijaḥ

„Durch Aufstehen [zum Empfang], Ehrengruß und [Ehren-]Gabe an jemanden soll man, gleich einem scharfschnäbligen Vogel, [ihn] vollständig vergeltend erschlagen [?].“

Wort für Wort
pratyutthānābhivādābhyām
durch Entgegenstehen und Begrüßung (Instr.Du.)
saṃpradānena kasya cit
und durch Geben an irgendwen (Instr.Sg.; Gen.Sg.)
pratipuṣkalaghātī syāt
ein Vergeltend-Vollständig-Erschlagender [?] soll man sein (Nom.Sg.; 3.Sg.Opt.)
tīkṣṇatuṇḍa iva dvijaḥ
wie ein scharfschnäbliger Vogel (Nom.Sg.)

pratipuṣkalaghātī ist unsicher (etwa „wer jedem einzelnen in vollem Maß heimzahlt/ihn erschlägt“). dvija hier als „Zweigeborener = Vogel“.

nācchittvā paramarmāṇi nākṛtvā karma dāruṇam

„Nicht, ohne die empfindlichen Stellen der Feinde durchtrennt zu haben, nicht, ohne grausame Tat getan zu haben [...]

Wort für Wort
nācchittvā paramarmāṇi
nicht ohne durchschnitten zu haben die Schwachstellen der Feinde (Abs.; Akk.Pl.)
nākṛtvā karma dāruṇam
nicht ohne getan zu haben grausames Werk (Abs.; Akk.Sg.)

Der Satz wird in Unit 54 fortgesetzt; dazwischen steht eine Zusatzzeile.

nāvicārya ciraṃ kāle naro bhadrāṇi paśyati

[…] und nicht, ohne lange zur rechten Zeit erwogen zu haben, sieht der Mensch Glückliches.

Wort für Wort
nāvicārya ciraṃ kāle
nicht ohne lange erwogen zu haben zur rechten Zeit (Abs.; Adv.; Lok.Sg.)
naro bhadrāṇi paśyati
der Mann sieht Gutes/Glückliches (Nom.Sg.; Akk.Pl.; 3.Sg.Präs.)

Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert). Zusatzzeile (*0346).

nāhatvā matsyaghātīva prāpnoti paramāṃ śriyam

[…] nicht, ohne erschlagen zu haben, erlangt man, [wie] ein Fischtöter, höchstes Glück.“

Wort für Wort
nāhatvā
nicht ohne erschlagen zu haben (Abs.)
matsyaghātīva
wie ein Fischer/Fischtöter (Nom.Sg.)
prāpnoti paramāṃ śriyam
erlangt höchstes Glück (3.Sg.Präs.; Akk.Sg.)

Der Vergleich (matsyaghātī) ist elliptisch: wie der Fischer nur durch Töten zum Erwerb kommt.

nāsti jātyā ripur nāma mitraṃ nāma na vidyate; sāmarthyayogāj jāyante mitrāṇi ripavas tathā

„Von Geburt gibt es keinen, der „Feind“ heißt, und auch keinen, der „Freund“ heißt; durch das Zusammentreffen von Macht/Vermögen entstehen Freunde ebenso wie Feinde.“

Wort für Wort
nāsti jātyā ripur nāma
es gibt von Geburt keinen Feind mit Namen (3.Sg.Präs.; Instr.Sg.; Nom.Sg.)
mitraṃ nāma na vidyate
auch keinen Freund mit Namen findet sich (Nom.Sg.; 3.Sg.Pass.)
sāmarthyayogāj jāyante
aus der Verbindung mit Vermögen/Macht entstehen (Abl.Sg.; 3.Pl.Präs.)
mitrāṇi ripavas tathā
Freunde, Feinde ebenso (Nom.Pl.)

amitraṃ naiva muñceta bruvantaṃ karuṇāny api; duḥkhaṃ tatra na kurvīta hanyāt pūrvāpakāriṇam

„Einen Feind lasse man auf keinen Fall los, auch wenn er Jammervolles spricht; Kummer soll man dabei nicht empfinden; man erschlage den, der zuvor Schaden zugefügt hat.“

Wort für Wort
amitraṃ naiva muñceta
einen Feind soll man keinesfalls freilassen (Akk.Sg.; 3.Sg.Opt.)
bruvantaṃ karuṇāny api
auch wenn er Mitleiderregendes sagt (Part.Akk.Sg.; Akk.Pl.)
duḥkhaṃ tatra na kurvīta
Kummer dabei soll man nicht empfinden (Akk.Sg.; 3.Sg.Opt.Med.)
hanyāt pūrvāpakāriṇam
soll erschlagen den früheren Schädiger (3.Sg.Opt.; Akk.Sg.)

saṃgrahānugrahe yatnaḥ sadā kāryo 'nasūyatā; nigrahaś cāpi yatnena kartavyo bhūtim icchatā

„Bei Gewinnung und Begünstigung soll man stets Mühe aufwenden, ohne Missgunst; und auch die Bezwingung ist mit Mühe zu vollführen von dem, der Gedeihen wünscht.“

Wort für Wort
saṃgrahānugrahe yatnaḥ
bei Sammeln/Gewinnen und Begünstigen ist Bemühen (Lok.Du.; Nom.Sg.)
sadā kāryo 'nasūyatā
stets zu leisten, ohne Missgunst (Gerundiv; Instr.Sg.)
nigrahaś cāpi yatnena
und auch Bezwingung mit Bemühen (Nom.Sg.; Instr.Sg.)
kartavyo bhūtim icchatā
ist zu tun von dem, der Gedeihen wünscht (Gerundiv; Akk.Sg.; Part.Instr.Sg.)

prahariṣyan priyaṃ brūyāt prahṛtyāpi priyottaram; api cāsya śiraś chittvā rudyāc choced athāpi vā

„Wer zuschlagen will, spreche Liebes; auch nach dem Schlag [spreche er] noch Lieberes; ja, hat er dessen Haupt abgeschlagen, so mag er weinen oder trauern.“

Wort für Wort
prahariṣyan priyaṃ brūyāt
im Begriff zuzuschlagen soll man Liebes sagen (Part.Fut.; Akk.Sg.; 3.Sg.Opt.)
prahṛtyāpi priyottaram
auch nach dem Schlagen noch Lieberes (Abs.; Akk.Sg.)
api cāsya śiraś chittvā
und selbst dessen Haupt abgeschlagen habend (Gen.Sg.; Akk.Sg.; Abs.)
rudyāc choced athāpi vā
soll weinen oder auch trauern (3.Sg.Opt.; 3.Sg.Opt.)

nimantrayeta sāntvena saṃmānena titikṣayā; āśākāraṇam ity etat kartavyaṃ bhūtim icchatā

„Man soll [ihn] einladen mit Freundlichkeit, mit Ehrerweisung, mit Nachsicht; das ist der Grund zur Hoffnung [beim anderen]; dies ist von dem zu tun, der Gedeihen wünscht.“

Wort für Wort
nimantrayeta sāntvena
man soll einladen mit Beschwichtigung (3.Sg.Opt.; Instr.Sg.)
saṃmānena titikṣayā
mit Ehrung, mit Nachsicht (Instr.Sg.)
āśākāraṇam ity etat
Grund zur Hoffnung — so dies (Nom.Sg.)
kartavyaṃ bhūtim icchatā
ist zu tun von dem, der Gedeihen wünscht (Gerundiv; Akk.Sg.; Part.Instr.Sg.)

na śuṣkavairaṃ kurvīta na bāhubhyāṃ nadīṃ taret; apārthakam anāyuṣyaṃ goviṣāṇasya bhakṣaṇam; dantāś ca parighṛṣyante rasaś cāpi na labhyate

„Man soll keine Feindschaft ohne Grund [?] eingehen, man soll nicht mit den Armen einen Fluss durchqueren; sinnlos und dem Leben nicht zuträglich ist das Kauen auf einem Kuhhorn: die Zähne werden abgerieben, und Saft gewinnt man auch nicht.“

Wort für Wort
na śuṣkavairaṃ kurvīta
keine trockene [d. h. grundlose] Feindschaft soll man machen [?] (Akk.Sg.; 3.Sg.Opt.Med.)
na bāhubhyāṃ nadīṃ taret
nicht mit den Armen einen Fluss durchqueren (Instr.Du.; Akk.Sg.; 3.Sg.Opt.)
apārthakam anāyuṣyam
sinnlos, nicht lebensförderlich (Nom.Sg.n.)
goviṣāṇasya bhakṣaṇam
das Kauen/Essen eines Kuhhorns (Gen.Sg.; Nom.Sg.)
dantāś ca parighṛṣyante
und die Zähne werden abgerieben (Nom.Pl.; 3.Pl.Pass.)
rasaś cāpi na labhyate
und Saft wird nicht erlangt (Nom.Sg.; 3.Sg.Pass.)

trivarge trividhā pīḍānubandhās traya eva ca; anubandhavadhau jñātvā pīḍāṃ hi parivarjayet

„Bei der Dreiheit [Dharma, Artha, Kāma] gibt es dreierlei Bedrängnis, und ebenso drei Folgen; hat man Folgen und [Vernichtung] erkannt, so meide man die Bedrängnis.“

Wort für Wort
trivarge trividhā pīḍā
bei der Dreiheit dreifache Bedrängnis (Lok.Sg.; Nom.Sg.)
anubandhās traya eva ca
und drei Folgen (Nom.Pl.; Nom.Pl.)
anubandhavadhau jñātvā
Folgen und Vernichtung [?] erkannt habend (Akk.Du./Kompositum; Abs.)
pīḍāṃ hi parivarjayet
die Bedrängnis nämlich soll man meiden (Akk.Sg.; 3.Sg.Opt.)

anubandhavadhau unsicher: als „Folge und Vernichtung“ gedeutet; der Halbvers ist knapp.

ṛṇaśeṣo 'gniśeṣaś ca śatruśeṣas tathaiva ca; punaḥ punar vivardheta svalpo 'py anivāritaḥ

„Ein Rest an Schuld, ein Rest an Feuer und ein Rest an Feind: Diese wachsen immer wieder, auch wenn gering, wenn sie nicht gehemmt werden.“

Wort für Wort
ṛṇaśeṣo 'gniśeṣaś ca
Schuldrest und Feuerrest (Nom.Sg.)
śatruśeṣas tathaiva ca
und ebenso Feindrest (Nom.Sg.)
punaḥ punar vivardheta
immer wieder wächst/nimmt zu (Adv.; 3.Sg.Opt.)
svalpo 'py anivāritaḥ
auch wenn sehr klein, nicht abgewehrt (Nom.Sg.; Part.Pass.)

vardhamānam ṛṇaṃ tiṣṭhat paribhūtāś ca śatravaḥ; āvahanty anayaṃ tīvraṃ vyādhayaś cāpy upekṣitāḥ

„Wachsende, bestehende Schuld, verachtete Feinde und vernachlässigte Krankheiten bringen schweres Unheil.“

Wort für Wort
vardhamānam ṛṇaṃ tiṣṭhat
wachsende, fortbestehende Schuld (Part.Nom.Sg.)
paribhūtāś ca śatravaḥ
und verachtete Feinde (Part.Pass.Nom.Pl.)
āvahanty anayaṃ tīvram
bringen herbei schweres Unheil (3.Pl.Präs.; Akk.Sg.)
vyādhayaś cāpy upekṣitāḥ
und Krankheiten, wenn vernachlässigt (Nom.Pl.; Part.Pass.)

nāsamyak kṛtakārī syād apramattaḥ sadā bhavet; kaṇṭako 'pi hi duśchinno vikāraṃ kurute ciram

„Man sei kein unvollständig Handelnder, stets sei man unachtsam nicht [d. h. stets achtsam]; denn auch ein schlecht herausgeschnittener Dorn bewirkt lange Eiterung/Beschwerden.“

Wort für Wort
nāsamyak kṛtakārī syāt
man sei nicht ein unvollkommen Handelnder (Nom.Sg.; 3.Sg.Opt.)
apramattaḥ sadā bhavet
stets achtsam soll man sein (Nom.Sg.; 3.Sg.Opt.)
kaṇṭako 'pi hi duśchinnaḥ
denn auch ein Dorn, schlecht herausgeschnitten (Nom.Sg.; Part.Pass.)
vikāraṃ kurute ciram
bewirkt Entzündung/Störung lange (Akk.Sg.; 3.Sg.Präs.Med.; Adv.)

vadhena ca manuṣyāṇāṃ mārgāṇāṃ dūṣaṇena ca; ākarāṇāṃ vināśaiś ca pararāṣṭraṃ vināśayet

„Durch das Töten von Menschen, durch das Verderben der Wege und durch die Vernichtung der Fundstätten [Minen] soll man das Reich des Feindes zugrunde richten.“

Wort für Wort
vadhena ca manuṣyāṇām
und durch Töten von Menschen (Instr.Sg.; Gen.Pl.)
mārgāṇāṃ dūṣaṇena ca
und durch Verderben der Wege (Gen.Pl.; Instr.Sg.)
ākarāṇāṃ vināśaiś ca
und durch Zerstörungen der Bergwerke/Fundstätten (Gen.Pl.; Instr.Pl.)
pararāṣṭraṃ vināśayet
das Feindesreich soll man vernichten (Akk.Sg.; 3.Sg.Opt.Kaus.)

gṛdhradṛṣṭir bakālīnaḥ śvaceṣṭaḥ siṃhavikramaḥ; anudvignaḥ kākaśaṅkī bhujaṃgacaritaṃ caret

„Mit Geierblick, im Reiherversteck lauernd, mit Hundegebaren, mit Löwenmut, unverzagt, wie eine Krähe argwöhnisch, [so] soll man das Verhalten einer Schlange annehmen.“

Wort für Wort
gṛdhradṛṣṭir bakālīnaḥ
geierblickig, wie ein Reiher verborgen (Nom.Sg.)
śvaceṣṭaḥ siṃhavikramaḥ
hundegleich strebend, löwengleich tapfer (Nom.Sg.)
anudvignaḥ kākaśaṅkī
unverzagt, krähenhaft argwöhnisch (Nom.Sg.)
bhujaṃgacaritaṃ caret
soll das Verhalten der Schlange üben (Akk.Sg.; 3.Sg.Opt.)

śūram añjalipātena bhīruṃ bhedena bhedayet; lubdham arthapradānena samaṃ tulyena vigrahaḥ

Den Tapferen soll man durch Händefalten [Unterwürfigkeit], den Furchtsamen durch Entzweiung, den Gierigen durch Hingabe von Besitz [für sich gewinnen]; gegen den Gleichstarken [gilt] mit Gleichem der Kampf.

Wort für Wort
śūram añjalipātena
den Tapferen durch Händefalten/Sich-Verneigen (Akk.Sg.; Instr.Sg.)
bhīruṃ bhedena bhedayet
den Furchtsamen soll man durch Spaltung entzweien (Akk.Sg.; Instr.Sg.; 3.Sg.Opt.Kaus.)
lubdham arthapradānena
den Gierigen durch Geben von Reichtum (Akk.Sg.; Instr.Sg.)
samaṃ tulyena vigrahaḥ
den Ebenbürtigen [bekämpft man] mit Gleichem: Kampf (Akk.Sg.; Instr.Sg.; Nom.Sg.)

Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert). Zusatzzeile (*0347); die Konstruktion des letzten Pādas ist elliptisch (Verb ergänzt).

śreṇimukhyopajāpeṣu vallabhānunayeṣu ca; amātyān parirakṣeta bhedasaṃghātayor api

„Bei Anstiftungen durch Gildenvorsteher und bei den Beschwichtigungen der Günstlinge soll man die Minister behüten, ebenso bei Entzweiung und Zusammenschluss.“

Wort für Wort
śreṇimukhyopajāpeṣu
bei Aufwiegelungen durch Gildenführer (Lok.Pl.)
vallabhānunayeṣu ca
und bei Besänftigungen/Umschmeichelungen der Günstlinge (Lok.Pl.)
amātyān parirakṣeta
die Minister soll man schützen (Akk.Pl.; 3.Sg.Opt.Med.)
bhedasaṃghātayor api
auch bei Spaltung und Zusammenschluss (Lok.Du.)

Der Sinn ist teilweise unsicher; parirakṣeta mit Lok. als „behüten vor/bei“ gedeutet.

mṛdur ity avamanyante tīkṣṇa ity udvijanti ca; tīkṣṇakāle ca tīkṣṇaḥ syān mṛdukāle mṛdur bhavet

„„Milde“ – so wird [er] verachtet, „scharf“ – so wird er gefürchtet; zur Zeit der Schärfe sei man scharf, zur Zeit der Milde sei man mild.“

Wort für Wort
mṛdur ity avamanyante
„mild“ – so verachtet man [ihn] (Nom.Sg.; 3.Pl.Präs.Med.)
tīkṣṇa ity udvijanti ca
„scharf“ – so scheut man sich [vor ihm] (3.Pl.Präs.)
tīkṣṇakāle ca tīkṣṇaḥ syāt
und zur Zeit der Schärfe sei man scharf (Lok.Sg.; 3.Sg.Opt.)
mṛdukāle mṛdur bhavet
zur Zeit der Milde sei man mild (Lok.Sg.; 3.Sg.Opt.)

mṛdunā sumṛduṃ hanti mṛdunā hanti dāruṇam; nāsādhyaṃ mṛdunā kiṃ cit tasmāt tīkṣṇataraṃ mṛdu

„Mit Mildem erschlägt man den Sehr-Milden, mit Mildem erschlägt man den Grausamen; nichts ist durch Mildes unerreichbar; darum ist das Milde schärfer [als das Scharfe].“

Wort für Wort
mṛdunā sumṛduṃ hanti
mit Mildem erschlägt man den Sehr-Milden (Instr.Sg.; Akk.Sg.; 3.Sg.Präs.)
mṛdunā hanti dāruṇam
mit Mildem erschlägt man den Grausamen (Akk.Sg.)
nāsādhyaṃ mṛdunā kiṃ cit
nichts ist unmöglich durch Mildes (Nom.Sg.n.)
tasmāt tīkṣṇataraṃ mṛdu
darum ist Mildes schärfer (Abl.; Komparativ Nom.Sg.n.)

kāle mṛdur yo bhavati kāle bhavati dāruṇaḥ; sa sādhayati kṛtyāni śatrūṃś caivādhitiṣṭhati

„Wer zur [rechten] Zeit mild ist und zur [rechten] Zeit grausam, der bringt seine Vorhaben zum Erfolg und bemeistert auch die Feinde.“

Wort für Wort
kāle mṛdur yo bhavati
wer zur rechten Zeit mild ist (Lok.Sg.; Nom.Sg.; 3.Sg.Präs.)
kāle bhavati dāruṇaḥ
zur rechten Zeit grausam ist (Nom.Sg.)
sa sādhayati kṛtyāni
der führt zum Erfolg die Aufgaben (3.Sg.Präs.Kaus.; Akk.Pl.)
śatrūṃś caivādhitiṣṭhati
und die Feinde überwältigt (Akk.Pl.; 3.Sg.Präs.)

paṇḍitena viruddhaḥ san dūre 'smīti na viśvaset; dīrghau buddhimato bāhū yābhyāṃ hiṃsati hiṃsitaḥ

„Wenn man einem Weisen zuwider gehandelt hat, soll man nicht vertrauen: ‚Ich bin weit weg.‘ Lang sind die Arme des Klugen, mit denen der Geschädigte schädigt.“

Wort für Wort
paṇḍitena viruddhaḥ san
einem Weisen entgegenstehend/im Streit seiend (Instr.Sg.; Nom.Sg.; Part.Präs.)
dūre 'smīti na viśvaset
„ich bin fern“, so soll man nicht vertrauen (Lok.Sg.; 1.Sg.Präs.; 3.Sg.Opt.)
dīrghau buddhimato bāhū
lang sind die zwei Arme des Klugen (Nom.Du.; Gen.Sg.)
yābhyāṃ hiṃsati hiṃsitaḥ
mit denen er schädigt, [wenn] geschädigt (Instr.Du.; 3.Sg.Präs.; Part.Pass.)

na tat tared yasya na pāram uttaren; na tad dhared yat punar āharet paraḥ; na tat khaned yasya na mūlam utkhanen; na taṃ hanyād yasya śiro na pātayet

„Nicht durchquere man das, dessen anderes Ufer man nicht erreichen kann; nicht nehme man weg, was ein anderer wieder holen würde; nicht grabe man [den Baum] aus, dessen Wurzel man nicht ausgräbt; nicht erschlage man den, dessen Haupt man nicht fallen lässt.“

Wort für Wort
na tat tared yasya na pāram uttaren
nicht durchquere man das, dessen anderes Ufer man nicht erreicht (3.Sg.Opt.; Akk.Sg.)
na tad dhared yat punar āharet paraḥ
nicht nehme man das, was der andere wieder holen würde (3.Sg.Opt.; Nom.Sg.)
na tat khaned yasya na mūlam utkhanet
nicht grabe man das, dessen Wurzel man nicht ausgräbt (Akk.Sg.)
na taṃ hanyād yasya śiro na pātayet
nicht erschlage man den, dessen Haupt man nicht fällt (3.Sg.Opt.; Akk.Sg.)

Sinn: Man unternehme nichts, was man nicht zu Ende führen kann. Die Ergänzungen in den Pādas b–c sind sinngemäß.

itīdam uktaṃ vṛjinābhisaṃhitaṃ; na caitad evaṃ puruṣaḥ samācaret; paraprayuktaṃ tu kathaṃ niśāmayed; ato mayoktaṃ bhavato hitārthinā

„So ist dies gesagt worden, mit Krummheit [List] verbunden; und ein Mann soll nicht so handeln; wie aber sollte man das von anderen Angewandte [nicht] beachten? Darum habe ich es dir gesagt, [ich,] der ich dein Wohl wünsche.“

Wort für Wort
itīdam uktaṃ vṛjinābhisaṃhitam
so ist dies gesagt, mit Krummheit/List verbunden (Nom.Sg.; Part.Pass.)
na caitad evaṃ puruṣaḥ samācaret
und nicht so soll ein Mann handeln (Nom.Sg.; 3.Sg.Opt.)
paraprayuktaṃ tu kathaṃ niśāmayet
das von anderen Angewandte aber, wie sollte man es beachten [?] (Part.Pass.; 3.Sg.Opt.Kaus.)
ato mayoktaṃ bhavato hitārthinā
darum von mir gesagt, dem, der dein Wohl wünscht (Instr.Sg.; Part.Pass.; Gen.Sg.; Instr.Sg.)

Pāda c ist unsicher; gemeint ist wohl: Man sollte List, wenn andere sie anwenden, durchschauen, nicht selbst so handeln.

yathāvad uktaṃ vacanaṃ hitaṃ tadā; niśamya vipreṇa suvīrarāṣṭriyaḥ; tathākarod vākyam adīnacetanaḥ; śriyaṃ ca dīptāṃ bubhuje sabāndhavaḥ

Nachdem der Herrscher der Suvīra diese zutreffend gesprochene, heilsame Rede des Brahmanen damals vernommen hatte, handelte er mit ungebeugtem Sinn dem Wort gemäß und genoss samt seinen Verwandten strahlende Pracht.

Wort für Wort
yathāvad uktaṃ vacanaṃ hitaṃ tadā
die richtig gesprochene, heilsame Rede damals (Part.Pass.Akk.Sg.; Akk.Sg.; Adv.)
niśamya vipreṇa
vernommen habend, [von] dem Brahmanen [gesprochen] (Abs.; Instr.Sg.)
suvīrarāṣṭriyaḥ
der Herrscher des Suvīra-Reiches (Nom.Sg.)
tathā akarod vākyam adīnacetanaḥ
tat so, dem Wort gemäß, mit ungebeugtem Geist (Aor.3.Sg.; Akk.Sg.; Nom.Sg.)
śriyaṃ ca dīptāṃ bubhuje sabāndhavaḥ
und genoss strahlende Pracht mit Verwandten (Akk.Sg.; Perf.3.Sg.Med.; Nom.Sg.)

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