Kapitel 138: śatruṃtapa-kaṇiṅka-saṃvādaḥ āpaddharmanītiḥ
Kaṇiṅkas Staatslehre für Notzeiten: Strafgewalt, List und Geduld gegenüber dem Feind
Auf Yudhiṣṭhiras Frage nach dem Verhalten in verfallender Zeit erzählt Bhīṣma das Gespräch des Sauvīra-Königs Śatruṃtapa mit dem Brahmanen Kaṇiṅka Bharadvāja, der eine schonungslose Lehre der Machtpolitik vorträgt.
yudhiṣṭhira uvāca; yugakṣayāt parikṣīṇe dharme loke ca bhārata; dasyubhiḥ pīḍyamāne ca kathaṃ stheyaṃ pitāmaha
Yudhiṣṭhira sprach: „Da der Dharma am Ende des Weltzeitalters (yuga) im Verfall ist, Bhārata, und die Welt von Räubern bedrängt wird – wie soll man da bestehen, Großvater?“
Wort für Wort
yudhiṣṭhira uvāca
Yudhiṣṭhira sprach (Perf.)
yugakṣayāt parikṣīṇe dharme
infolge des Endes des Zeitalters, da der Dharma erschöpft ist (Abl./Lok. abs.)
loke ca bhārata
und [da] die Welt, o Bhārata (Lok./Vok.)
dasyubhiḥ pīḍyamāne ca
und von Räubern bedrängt wird (Instr. Pl./Part. Pass. Lok.)
Bhīṣma sprach: „Wohlan, ich will dir die Staatsklugheit (nīti) für Notlagen darlegen, Bhārata: wie der Herrscher der Erde zur rechten Zeit handeln soll, auch wenn er das Mitleid ablegt.“
Wort für Wort
bhīṣma uvāca
Bhīṣma sprach
hanta te kathayiṣyāmi
wohlan, dir werde ich erzählen (1.Sg.Fut.)
nītim āpatsu bhārata
die Staatsklugheit in Nöten, Bhārata (Akk./Lok. Pl./Vok.)
utsṛjyāpi ghṛṇāṃ kāle
auch Mitleid ablegend, zur [rechten] Zeit (Abs./Akk./Lok.)
yathā varteta bhūmipaḥ
wie der Erdherrscher verfahren soll (Opt. Med./Nom.)
„Wie [entsteht] das Verlangen nach dem noch nicht Erlangten? Wodurch wächst das Erlangte? Wodurch soll man das Vermehrte schützen, und das Geschützte – wie soll man es [richtig] verwenden?“
Wort für Wort
alabdhasya kathaṃ lipsā
wie das Verlangen nach Unerlangtem (Gen./Nom.)
labdhaṃ kena vivardhate
das Erlangte, wodurch wächst es (Part./Instr./3.Sg.Präs.)
vardhitaṃ pālayet kena
das Vermehrte soll man wodurch schützen (Part./Opt.Kaus.)
pālitaṃ praṇayet katham
das Geschützte soll man wie verwenden/zuführen (Part./Opt.)
praṇayet: ‚hinführen, verwenden, austeilen‘; genauer Sinn (Verwendung/Verteilung) nicht ganz sicher.
tasmai viniścayārthaṃ sa paripṛṣṭārthaniścayaḥ; uvāca brāhmaṇo vākyam idaṃ hetumad uttaram
Diesem, der so um die Entscheidung [der Sache] gefragt hatte, sprach der Brahmane, der nach der Befragung die Sache entschieden hatte, diese begründete Antwort.
Wort für Wort
tasmai viniścayārthaṃ sa
ihm, um der Entscheidung willen, er (Dat./Akk./Nom.)
paripṛṣṭārthaniścayaḥ
der nach der Befragung den Sachverhalt festgestellt hatte (Kompositum, Nom.)
uvāca brāhmaṇo vākyam
sprach der Brahmane die Rede (Perf./Nom./Akk.)
idaṃ hetumad uttaram
diese begründete Antwort (Akk.)
Der Halbvers 1 ist syntaktisch gedrängt; Wiedergabe mit den wenigsten Zusatzannahmen.
nityam udyatadaṇḍaḥ syān nityaṃ vivṛtapauruṣaḥ; acchidraś chidradarśī ca pareṣāṃ vivarānugaḥ
Stets soll er den Stock erhoben halten, stets seine Mannhaftigkeit offen zeigen, selbst ohne Blöße sein, aber die Blößen der anderen erspähen und den Lücken der Feinde nachgehen.
Wort für Wort
nityam udyatadaṇḍaḥ syān
stets soll er einer sein, der den Stock erhoben hat (Adv./Bahuvrīhi/Opt.)
nityaṃ vivṛtapauruṣaḥ
stets mit offen gezeigter Mannhaftigkeit (Bahuvrīhi)
chinnamūle hy adhiṣṭhāne sarve tajjīvino hatāḥ; kathaṃ hi śākhās tiṣṭheyuś chinnamūle vanaspatau
Ist die Wurzel, die Grundlage, abgeschnitten, sind alle, die davon leben, erschlagen; wie könnten Äste bestehen, wenn am Baum die Wurzel abgeschnitten ist?
Wort für Wort
chinnamūle hy adhiṣṭhāne
denn wenn die Wurzel, die Grundlage, abgeschnitten ist (Lok. abs.)
sarve tajjīvino hatāḥ
alle davon Lebenden sind erschlagen (Nom. Pl./Part.)
Die Wurzel der gegnerischen Seite soll der Weise gleich zu Anfang abschneiden; danach lasse er die Helfer und die ganze Partei nachfolgen [d. h. nachsetzen].
Wort für Wort
mūlam evāditaś chindyāt
die Wurzel gerade von Anfang an soll er abschneiden (Akk./Opt.)
parapakṣasya paṇḍitaḥ
der Gegenpartei, der Weise (Gen./Nom.)
tataḥ sahāyān pakṣaṃ ca
danach die Helfer und die Partei (Akk.)
sarvam evānusārayet
ganz und gar soll er nachfolgen lassen (Opt.Kaus.)
anusārayet: wörtlich ‚nachgehen lassen‘; gemeint wohl: auch diese verfolgen und ausschalten.
Hat er in einer Angelegenheit, an der der Feind beteiligt ist, ein Bündnis geschlossen, soll er nicht [darauf] vertrauen; nach vollbrachtem Werk soll sich der Kluge rasch zurückziehen.
Wort für Wort
sapatnasahite kārye
in einer Sache mit dem Rivalen zusammen (Lok.)
kṛtvā saṃdhiṃ na viśvaset
nachdem er Frieden/Bündnis geschlossen, soll er nicht vertrauen (Abs./Akk./Opt.)
apakrāmet tataḥ kṣipram
er soll sich danach schnell zurückziehen (Opt./Adv.)
śatruṃ ca mitrarūpeṇa sāntvenaivābhisāntvayet; nityaśaś codvijet tasmāt sarpād veśmagatād iva
Den Feind soll er in Gestalt eines Freundes allein mit Beschwichtigung besänftigen; vor ihm aber soll er stets zurückschrecken wie vor einer ins Haus gekommenen Schlange.
Wort für Wort
śatruṃ ca mitrarūpeṇa
und den Feind in Freundesgestalt (Akk./Instr.)
sāntvenaivābhisāntvayet
allein mit Beschwichtigung soll er besänftigen (Instr./Opt.Kaus.)
nityaśaś codvijet tasmāt
und stets soll er vor ihm zurückschrecken (Adv./Opt./Abl.)
yasya buddhiṃ paribhavet tam atītena sāntvayet; anāgatena duṣprajñaṃ pratyutpannena paṇḍitam
Wessen Verstand er überwältigt hat, den soll er mit Vergangenem beschwichtigen; den Schlechtverständigen mit Künftigem, den Gelehrten mit Gegenwärtigem.
Wort für Wort
yasya buddhiṃ paribhavet
dessen Verstand er übertrifft/überwältigt (Gen./Akk./Opt.)
tam atītena sāntvayet
den soll er mit Vergangenem beschwichtigen (Instr./Opt.)
anāgatena duṣprajñam
mit Künftigem den Törichten (Instr./Akk.)
pratyutpannena paṇḍitam
mit Gegenwärtigem den Weisen (Instr./Akk.)
Der Sinn von yasya buddhiṃ paribhavet ist unsicher (Wiedergabe [?]).
muhūrtam api rājendra tindukālātavaj jvalet; na tuṣāgnir ivānarcir dhūmāyeta naraś ciram
Auch nur einen Augenblick, König der Könige, soll ein Mann aufflammen wie ein Tinduka-Brandscheit; nicht lange soll er rauchen wie Spreufeuer ohne Flamme.
Wort für Wort
muhūrtam api rājendra
auch nur einen Augenblick, König der Könige (Akk./Vok.)
tindukālātavaj jvalet
wie ein Tinduka-Brandscheit soll er flammen (Opt.)
na tuṣāgnir ivānarciḥ
nicht wie ein flammenloses Spreufeuer (Nom.)
dhūmāyeta naraś ciram
soll rauchen der Mann lange (Opt. Denom./Nom./Adv.)
Nicht soll man mit einem Nutzlosen Zweckgemeinschaft pflegen, auch nicht mit einem Undankbaren; im Vermögen [d. h. bei Wohlstand] kann man genießen, aber wer sein Werk vollbracht hat, verachtet [den Helfer]; darum soll man alle Werke mit einem Rest [unerledigt] ausführen lassen.
Wort für Wort
nānarthakenārthavattvam
nicht mit einem Nutzlosen Zweckhaftigkeit/Wohlstand (Instr./Akk.)
kṛtaghnena samācaret
mit einem Undankbaren soll man handeln (Instr./Opt.)
arthe tu śakyate bhoktum
im Wohlstand aber ist es möglich zu genießen (Lok./Pass.)
kṛtakāryo 'vamanyate
wer sein Werk getan hat, verachtet (Nom./3.Sg.Präs. Med.)
tasmāt sarvāṇi kāryāṇi
darum alle Werke (Abl./Akk.)
sāvaśeṣāṇi kārayet
mit einem Rest [belassen] soll man machen lassen (Akk./Opt.Kaus.)
Halbvers 1 und 2 syntaktisch unsicher [?]; arthavattvaṃ samācaret nach dem Zusammenhang gedeutet.
Immer wieder aufstehend soll er stets eifrig zu den Häusern des Feindes gehen; und er soll auch nach [dessen] Wohlergehen fragen, selbst wenn es nicht wohl steht.
Wort für Wort
utthāyotthāya gacchec ca
immer wieder aufstehend soll er gehen (Abs./Opt.)
nityayukto ripor gṛhān
stets eifrig, zu des Feindes Häusern (Nom./Gen./Akk. Pl.)
kuśalaṃ cāpi pṛccheta
und auch nach dem Wohlergehen soll er fragen (Akk./Opt. Med.)
Nicht soll der Feind seine Blöße kennen, er aber soll die des Feindes kennen; wie die Schildkröte die Glieder soll er [sie] verbergen und seine Lücke schützen.
Wort für Wort
nāsya chidraṃ paro vidyāt
nicht soll dessen Blöße der Andere kennen (Akk./Nom./Opt.)
vidyāc chidraṃ parasya tu
er aber soll die Blöße des Anderen kennen (Opt./Gen.)
gūhet kūrma ivāṅgāni
verbergen soll er wie eine Schildkröte die Glieder (Opt./Akk. Pl.)
rakṣed vivaram ātmanaḥ
schützen soll er die eigene Lücke (Opt./Akk./Gen.)
Trunk, Würfel, Frauen, Jagd, Gesang und Instrumentalmusik: diese soll er mit Maß und Bedacht gebrauchen; denn das Verfallensein daran ist fehlerbehaftet.
Wort für Wort
pānam akṣās tathā nāryaḥ
Trunk, Würfel und Frauen (Nom.)
mṛgayā gītavāditam
Jagd, Gesang und Instrumentalmusik (Nom.)
etāni yuktyā seveta
diese soll er mit Bedacht gebrauchen (Akk./Instr./Opt. Med.)
prasaṅgo hy atra doṣavān
denn die Anhänglichkeit hierbei ist fehlerhaft (Nom.)
Hat er die rechte und die unrechte Zeit sowie die eigene Stärke und Schwäche erwogen und die gegenseitige Stärke erkannt, soll er sich dementsprechend einsetzen.
Wort für Wort
kālākālau saṃpradhārya
rechte und unrechte Zeit erwogen habend (Akk. Du./Abs.)
balābalam athātmanaḥ
Stärke und Schwäche, sodann seine eigene (Akk./Gen.)
parasparabalaṃ jñātvā
die gegenseitige Stärke erkannt habend (Akk./Abs.)
tathātmānaṃ niyojayet
entsprechend soll er sich einsetzen (Akk./Opt.Kaus.)
daṇḍenopanataṃ śatruṃ yo rājā na niyacchati; sa mṛtyum upagūhyās te garbham aśvatarī yathā
Der König, der einen durch Strafgewalt unterworfenen Feind nicht im Zaum hält, der sitzt den Tod umarmend da, wie die Maultierstute [ihre] Leibesfrucht.
Wort für Wort
daṇḍenopanataṃ śatrum
den durch Strafe unterworfenen Feind (Instr./Akk.)
yo rājā na niyacchati
welcher König nicht bändigt (Nom./3.Sg.Präs.)
sa mṛtyum upagūhya āste
der sitzt, den Tod umarmend (Akk./Abs./3.Sg.Präs. Med.)
garbham aśvatarī yathā
wie die Maultierstute die Leibesfrucht (Akk./Nom.)
Bild: die Maultierstute stirbt an ihrer Leibesfrucht; sa mṛtyum upagūhyāste als sa mṛtyum upagūhya āste gelesen.
supuṣpitaḥ syād aphalaḥ phalavān syād durāruhaḥ; āmaḥ syāt pakvasaṃkāśo na ca śīryeta kasya cit
[Wie ein Baum] sei er reich blühend und doch fruchtlos, fruchttragend und doch schwer zu ersteigen, unreif und doch wie reif aussehend, und für niemanden soll er zerfallen.
Wort für Wort
supuṣpitaḥ syād aphalaḥ
reich geblüht, [doch] ohne Frucht sei er (Nom./Opt.)
phalavān syād durāruhaḥ
fruchtreich sei er, schwer zu besteigen (Nom.)
āmaḥ syāt pakvasaṃkāśaḥ
unreif sei er, dem Reifen ähnlich (Nom.)
na ca śīryeta kasya cit
und nicht soll er zerfallen für irgendwen (Opt. Pass./Gen.)
„Zu nehmen ist, nicht zu geben ist“; Liebes soll er sagen, [auch wenn es] ohne Gehalt [ist].
Wort für Wort
ādātavyaṃ na dātavyam
zu nehmen ist, nicht zu geben ist (Gerundiv)
priyaṃ brūyān
Liebes soll er sagen (Akk./Opt.)
nirarthakam
ohne Gehalt/nutzlos (Akk. n.)
Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert). Zusatzvers (Sternvers) der kritischen Ausgabe; kurz und elliptisch.
Die Hoffnung [des anderen] soll er zeitgebunden machen und sie dann mit einem Hindernis verbinden; das Hindernis soll er mit einem Anlass begründen und den Anlass wiederum mit einem Grund.
Wort für Wort
āśāṃ kālavatīṃ kuryāt
die Hoffnung zeitgebunden soll er machen (Akk./Opt.)
tāṃ ca vighnena yojayet
und diese mit einem Hindernis verbinden (Instr./Opt.Kaus.)
vighnaṃ nimittato brūyāt
das Hindernis soll er aus einem Anlass erklären (Akk./Abl.-Adv./Opt.)
Wie ein Furchtsamer soll man Vorkehrungen treffen, solange die Gefahr noch nicht gekommen ist; hat man die Gefahr aber kommen sehen, soll man furchtlos zuschlagen.
Wort für Wort
bhītavat saṃvidhātavyam
wie ein Furchtsamer ist vorzusorgen (Adv./Gerundiv)
yāvad bhayam anāgatam
solange die Gefahr nicht gekommen ist (Nom.)
āgataṃ tu bhayaṃ dṛṣṭvā
die gekommene Gefahr aber gesehen habend (Akk./Abs.)
prahartavyam abhītavat
ist zuzuschlagen wie ein Furchtloser (Gerundiv/Adv.)
Das Künftige soll er erkennen, die bevorstehende Gefahr zurückhalten; und nach Zunahme und Abnahme soll er das irgendwie Eingetretene wieder in Betracht ziehen [?].
Wort für Wort
anāgataṃ vijānīyāt
das Künftige soll er erkennen (Akk./Opt.)
yacched bhayam upasthitam
zurückhalten soll er die bevorstehende Gefahr (Opt./Akk./Part.)
punar vṛddhikṣayāt
wiederum aus Zunahme und Abnahme (Abl.)
kiṃ cid abhivṛttaṃ niśāmayet
das irgendwie Eingetretene soll er beachten (Akk./Opt.Kaus.)
yo 'riṇā saha saṃdhāya sukhaṃ svapiti viśvasan; sa vṛkṣāgraprasupto vā patitaḥ pratibudhyate
Wer mit dem Feind Frieden geschlossen hat und vertrauend glücklich schläft, der erwacht wie einer, der auf einer Baumspitze eingeschlafen und [heruntergefallen] ist.
Wort für Wort
yo 'riṇā saha saṃdhāya
wer mit dem Feind ein Bündnis geschlossen habend (Nom./Instr./Abs.)
„Durch welche Tat auch immer, sanft oder hart, soll man sich selbst, den Bedrängten, hier [aus der Not] herausziehen; [ist man] dazu imstande, so übe man [dann] das Dharma.“
Wort für Wort
karmaṇā yena teneha
durch welche Tat auch immer, hier (Instr.Sg.)
mṛdunā dāruṇena vā
sanft oder hart (Instr.Sg.)
uddhared dīnam ātmānam
soll herausziehen den bedrängten Selbst (3.Sg.Opt.; Akk.Sg.)
„Diejenigen Rivalen, die Rivalen [des Königs] sind, alle diese soll man [von ihm] abspenstig machen [?]; und auch die vom Feind ausgesandten Späher sind [vom eigenen Herrn] zu erkennen.“
Wort für Wort
ye sapatnāḥ sapatnānām
welche Rivalen von Rivalen (Nom.Pl.; Gen.Pl.)
sarvāṃs tān apavatsayet
alle diese soll man abspenstig machen [?] (Akk.Pl.; 3.Sg.Opt.Kaus./Denom.)
ātmanaś cāpi boddhavyāḥ
und auch die des Eigenen sind zu erkennen (Gen.Sg.; Gerundiv)
cārāḥ praṇihitāḥ paraiḥ
Späher, ausgesandt von Feinden (Nom.Pl.; Part.Pass.; Instr.Pl.)
apavatsayet: Ableitung unsicher (evtl. Denominativ von vatsa, „entwöhnen, abspenstig machen“). Der Halbvers ist knapp und syntaktisch locker.
„Ein wohlgeordneter Späher ist einzusetzen, für den eigenen wie für den fremden [Herrn]; Sektierer, Asketen und dergleichen lasse er in das Reich des Feindes eindringen.“
Wort für Wort
cāraḥ suvihitaḥ kāryaḥ
ein gut eingerichteter Späher ist zu machen/einzusetzen (Nom.Sg.; Gerundiv)
ātmano 'tha parasya ca
des Eigenen und des Anderen (Gen.Sg.)
pāṣaṇḍāṃs tāpasādīṃś ca
Sektierer und Asketen usw. (Akk.Pl.)
pararāṣṭraṃ praveśayet
in das Reich des Feindes soll er eintreten lassen (Akk.Sg.; 3.Sg.Opt.Kaus.)
„Die Späher, die dem Dharma zum Schein folgen, sündhaft, Dornen der Welt, kommen dort zusammen; hat man sie erkannt, so soll man sie bändigen oder auch beschwichtigen.“
Wort für Wort
dharmābhicāriṇaḥ pāpāḥ
die im Anschein des Dharma Handelnden, Sündhafte (Nom.Pl.)
cārā lokasya kaṇṭakāḥ
Späher, Dornen der Welt (Nom.Pl.; Gen.Sg.)
samāgacchanti
kommen zusammen (3.Pl.Präs.)
tān buddhvā
diese erkannt habend (Akk.Pl.; Abs.)
niyacchec chamayed api
soll bändigen, soll besänftigen/zur Ruhe bringen (3.Sg.Opt.; 3.Sg.Opt.Kaus.)
dharmābhicāriṇaḥ ist mehrdeutig (auch „das Dharma [zum Schaden] anwendend“).
na viśvased aviśvaste viśvaste nāpi viśvaset; viśvastaṃ bhayam anveti nāparīkṣya ca viśvaset
„Man soll dem nicht Vertrauenswürdigen nicht vertrauen, aber auch dem Vertrauenswürdigen nicht [blind] vertrauen; wer vertraut, dem folgt Gefahr; man soll auch nicht vertrauen, ohne geprüft zu haben.“
Wort für Wort
na viśvased aviśvaste
soll nicht vertrauen dem Nichtvertrauenswürdigen (3.Sg.Opt.; Lok.Sg.)
viśvaste nāpi viśvaset
dem Vertrauenswürdigen auch nicht soll man vertrauen (Lok.Sg.)
viśvastaṃ bhayam anveti
den Vertrauenden folgt Gefahr (Akk.Sg.; Nom.Sg.; 3.Sg.Präs.)
nāparīkṣya ca viśvaset
und nicht ungeprüft soll man vertrauen (Abs.; 3.Sg.Opt.)
„Hat man aber einen anderen durch einen wirklichen Grund zum Vertrauen gebracht, so soll man ihn dann zur rechten Zeit angreifen, wenn ihm der Fuß ein wenig ins Wanken geraten ist.“
Wort für Wort
viśvāsayitvā tu param
zum Vertrauen gebracht habend, aber, den anderen (Abs.; Akk.Sg.)
tattvabhūtena hetunā
durch einen wirklichen/tatsächlichen Grund (Instr.Sg.)
athāsya praharet kāle
dann soll man ihn angreifen zur [rechten] Zeit (Gen.Sg.; 3.Sg.Opt.; Lok.Sg.)
kiṃ cid vicalite pade
wenn ein wenig gewankt ist der Fuß (Lok.abs.)
Grammatisch ist asya evtl. auf den Gegner bezogen (Gen. des Angegriffenen).
aśaṅkyam api śaṅketa nityaṃ śaṅketa śaṅkitāt; bhayaṃ hi śaṅkitāj jātaṃ samūlam api kṛntati
„Auch Unverdächtiges soll man verdächtigen; stets soll man den Verdächtigen fürchten [?]; denn Gefahr, die von einem Verdächtigen [her] entstanden ist, schneidet einen samt der Wurzel ab.“
Wort für Wort
aśaṅkyam api śaṅketa
auch das nicht zu Verdächtigende soll man verdächtigen (Akk.Sg.; 3.Sg.Opt.)
nityaṃ śaṅketa śaṅkitāt
stets soll man fürchten/argwöhnen vor dem Verdächtigen (Adv.; 3.Sg.Opt.; Abl.Sg.)
bhayaṃ hi śaṅkitāj jātam
denn Gefahr, vom Verdächtigen her entstanden (Nom.Sg.; Abl.Sg.; Part.Pass.)
samūlam api kṛntati
auch samt der Wurzel schneidet ab (Adv.; 3.Sg.Präs.)
„Durch Aufmerksamkeit [vortäuschende Sammlung], durch Schweigen, durch das ockerfarbene Gewand, durch Flechtenhaar und Antilopenfelle hat man den Hasser zum Vertrauen gebracht und soll ihn dann zerreißen wie ein Wolf.“
Wort für Wort
avadhānena maunena
durch Achtsamkeit/Sammlung, durch Schweigen (Instr.Sg.)
kāṣāyeṇa jaṭājinaiḥ
durch das ockerfarbene Gewand, durch Flechtenhaar und Felle (Instr.Sg.; Instr.Pl.)
viśvāsayitvā dveṣṭāram
zum Vertrauen gebracht habend den Hasser/Feind (Abs.; Akk.Sg.)
avalumped yathā vṛkaḥ
soll zerreißen/ausplündern wie ein Wolf (3.Sg.Opt.; Nom.Sg.)
„Durch Aufstehen [zum Empfang], Ehrengruß und [Ehren-]Gabe an jemanden soll man, gleich einem scharfschnäbligen Vogel, [ihn] vollständig vergeltend erschlagen [?].“
Wort für Wort
pratyutthānābhivādābhyām
durch Entgegenstehen und Begrüßung (Instr.Du.)
saṃpradānena kasya cit
und durch Geben an irgendwen (Instr.Sg.; Gen.Sg.)
pratipuṣkalaghātī syāt
ein Vergeltend-Vollständig-Erschlagender [?] soll man sein (Nom.Sg.; 3.Sg.Opt.)
tīkṣṇatuṇḍa iva dvijaḥ
wie ein scharfschnäbliger Vogel (Nom.Sg.)
pratipuṣkalaghātī ist unsicher (etwa „wer jedem einzelnen in vollem Maß heimzahlt/ihn erschlägt“). dvija hier als „Zweigeborener = Vogel“.
„Von Geburt gibt es keinen, der „Feind“ heißt, und auch keinen, der „Freund“ heißt; durch das Zusammentreffen von Macht/Vermögen entstehen Freunde ebenso wie Feinde.“
Wort für Wort
nāsti jātyā ripur nāma
es gibt von Geburt keinen Feind mit Namen (3.Sg.Präs.; Instr.Sg.; Nom.Sg.)
mitraṃ nāma na vidyate
auch keinen Freund mit Namen findet sich (Nom.Sg.; 3.Sg.Pass.)
sāmarthyayogāj jāyante
aus der Verbindung mit Vermögen/Macht entstehen (Abl.Sg.; 3.Pl.Präs.)
amitraṃ naiva muñceta bruvantaṃ karuṇāny api; duḥkhaṃ tatra na kurvīta hanyāt pūrvāpakāriṇam
„Einen Feind lasse man auf keinen Fall los, auch wenn er Jammervolles spricht; Kummer soll man dabei nicht empfinden; man erschlage den, der zuvor Schaden zugefügt hat.“
Wort für Wort
amitraṃ naiva muñceta
einen Feind soll man keinesfalls freilassen (Akk.Sg.; 3.Sg.Opt.)
bruvantaṃ karuṇāny api
auch wenn er Mitleiderregendes sagt (Part.Akk.Sg.; Akk.Pl.)
duḥkhaṃ tatra na kurvīta
Kummer dabei soll man nicht empfinden (Akk.Sg.; 3.Sg.Opt.Med.)
hanyāt pūrvāpakāriṇam
soll erschlagen den früheren Schädiger (3.Sg.Opt.; Akk.Sg.)
„Bei Gewinnung und Begünstigung soll man stets Mühe aufwenden, ohne Missgunst; und auch die Bezwingung ist mit Mühe zu vollführen von dem, der Gedeihen wünscht.“
Wort für Wort
saṃgrahānugrahe yatnaḥ
bei Sammeln/Gewinnen und Begünstigen ist Bemühen (Lok.Du.; Nom.Sg.)
sadā kāryo 'nasūyatā
stets zu leisten, ohne Missgunst (Gerundiv; Instr.Sg.)
nigrahaś cāpi yatnena
und auch Bezwingung mit Bemühen (Nom.Sg.; Instr.Sg.)
kartavyo bhūtim icchatā
ist zu tun von dem, der Gedeihen wünscht (Gerundiv; Akk.Sg.; Part.Instr.Sg.)
„Wer zuschlagen will, spreche Liebes; auch nach dem Schlag [spreche er] noch Lieberes; ja, hat er dessen Haupt abgeschlagen, so mag er weinen oder trauern.“
Wort für Wort
prahariṣyan priyaṃ brūyāt
im Begriff zuzuschlagen soll man Liebes sagen (Part.Fut.; Akk.Sg.; 3.Sg.Opt.)
prahṛtyāpi priyottaram
auch nach dem Schlagen noch Lieberes (Abs.; Akk.Sg.)
api cāsya śiraś chittvā
und selbst dessen Haupt abgeschlagen habend (Gen.Sg.; Akk.Sg.; Abs.)
rudyāc choced athāpi vā
soll weinen oder auch trauern (3.Sg.Opt.; 3.Sg.Opt.)
„Man soll [ihn] einladen mit Freundlichkeit, mit Ehrerweisung, mit Nachsicht; das ist der Grund zur Hoffnung [beim anderen]; dies ist von dem zu tun, der Gedeihen wünscht.“
Wort für Wort
nimantrayeta sāntvena
man soll einladen mit Beschwichtigung (3.Sg.Opt.; Instr.Sg.)
saṃmānena titikṣayā
mit Ehrung, mit Nachsicht (Instr.Sg.)
āśākāraṇam ity etat
Grund zur Hoffnung — so dies (Nom.Sg.)
kartavyaṃ bhūtim icchatā
ist zu tun von dem, der Gedeihen wünscht (Gerundiv; Akk.Sg.; Part.Instr.Sg.)
na śuṣkavairaṃ kurvīta na bāhubhyāṃ nadīṃ taret; apārthakam anāyuṣyaṃ goviṣāṇasya bhakṣaṇam; dantāś ca parighṛṣyante rasaś cāpi na labhyate
„Man soll keine Feindschaft ohne Grund [?] eingehen, man soll nicht mit den Armen einen Fluss durchqueren; sinnlos und dem Leben nicht zuträglich ist das Kauen auf einem Kuhhorn: die Zähne werden abgerieben, und Saft gewinnt man auch nicht.“
Wort für Wort
na śuṣkavairaṃ kurvīta
keine trockene [d. h. grundlose] Feindschaft soll man machen [?] (Akk.Sg.; 3.Sg.Opt.Med.)
na bāhubhyāṃ nadīṃ taret
nicht mit den Armen einen Fluss durchqueren (Instr.Du.; Akk.Sg.; 3.Sg.Opt.)
apārthakam anāyuṣyam
sinnlos, nicht lebensförderlich (Nom.Sg.n.)
goviṣāṇasya bhakṣaṇam
das Kauen/Essen eines Kuhhorns (Gen.Sg.; Nom.Sg.)
dantāś ca parighṛṣyante
und die Zähne werden abgerieben (Nom.Pl.; 3.Pl.Pass.)
trivarge trividhā pīḍānubandhās traya eva ca; anubandhavadhau jñātvā pīḍāṃ hi parivarjayet
„Bei der Dreiheit [Dharma, Artha, Kāma] gibt es dreierlei Bedrängnis, und ebenso drei Folgen; hat man Folgen und [Vernichtung] erkannt, so meide man die Bedrängnis.“
Wort für Wort
trivarge trividhā pīḍā
bei der Dreiheit dreifache Bedrängnis (Lok.Sg.; Nom.Sg.)
anubandhās traya eva ca
und drei Folgen (Nom.Pl.; Nom.Pl.)
anubandhavadhau jñātvā
Folgen und Vernichtung [?] erkannt habend (Akk.Du./Kompositum; Abs.)
pīḍāṃ hi parivarjayet
die Bedrängnis nämlich soll man meiden (Akk.Sg.; 3.Sg.Opt.)
anubandhavadhau unsicher: als „Folge und Vernichtung“ gedeutet; der Halbvers ist knapp.
„Man sei kein unvollständig Handelnder, stets sei man unachtsam nicht [d. h. stets achtsam]; denn auch ein schlecht herausgeschnittener Dorn bewirkt lange Eiterung/Beschwerden.“
Wort für Wort
nāsamyak kṛtakārī syāt
man sei nicht ein unvollkommen Handelnder (Nom.Sg.; 3.Sg.Opt.)
apramattaḥ sadā bhavet
stets achtsam soll man sein (Nom.Sg.; 3.Sg.Opt.)
kaṇṭako 'pi hi duśchinnaḥ
denn auch ein Dorn, schlecht herausgeschnitten (Nom.Sg.; Part.Pass.)
vikāraṃ kurute ciram
bewirkt Entzündung/Störung lange (Akk.Sg.; 3.Sg.Präs.Med.; Adv.)
vadhena ca manuṣyāṇāṃ mārgāṇāṃ dūṣaṇena ca; ākarāṇāṃ vināśaiś ca pararāṣṭraṃ vināśayet
„Durch das Töten von Menschen, durch das Verderben der Wege und durch die Vernichtung der Fundstätten [Minen] soll man das Reich des Feindes zugrunde richten.“
Wort für Wort
vadhena ca manuṣyāṇām
und durch Töten von Menschen (Instr.Sg.; Gen.Pl.)
mārgāṇāṃ dūṣaṇena ca
und durch Verderben der Wege (Gen.Pl.; Instr.Sg.)
ākarāṇāṃ vināśaiś ca
und durch Zerstörungen der Bergwerke/Fundstätten (Gen.Pl.; Instr.Pl.)
pararāṣṭraṃ vināśayet
das Feindesreich soll man vernichten (Akk.Sg.; 3.Sg.Opt.Kaus.)
„Mit Geierblick, im Reiherversteck lauernd, mit Hundegebaren, mit Löwenmut, unverzagt, wie eine Krähe argwöhnisch, [so] soll man das Verhalten einer Schlange annehmen.“
Den Tapferen soll man durch Händefalten [Unterwürfigkeit], den Furchtsamen durch Entzweiung, den Gierigen durch Hingabe von Besitz [für sich gewinnen]; gegen den Gleichstarken [gilt] mit Gleichem der Kampf.
Wort für Wort
śūram añjalipātena
den Tapferen durch Händefalten/Sich-Verneigen (Akk.Sg.; Instr.Sg.)
bhīruṃ bhedena bhedayet
den Furchtsamen soll man durch Spaltung entzweien (Akk.Sg.; Instr.Sg.; 3.Sg.Opt.Kaus.)
lubdham arthapradānena
den Gierigen durch Geben von Reichtum (Akk.Sg.; Instr.Sg.)
samaṃ tulyena vigrahaḥ
den Ebenbürtigen [bekämpft man] mit Gleichem: Kampf (Akk.Sg.; Instr.Sg.; Nom.Sg.)
Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert). Zusatzzeile (*0347); die Konstruktion des letzten Pādas ist elliptisch (Verb ergänzt).
śreṇimukhyopajāpeṣu vallabhānunayeṣu ca; amātyān parirakṣeta bhedasaṃghātayor api
„Bei Anstiftungen durch Gildenvorsteher und bei den Beschwichtigungen der Günstlinge soll man die Minister behüten, ebenso bei Entzweiung und Zusammenschluss.“
Wort für Wort
śreṇimukhyopajāpeṣu
bei Aufwiegelungen durch Gildenführer (Lok.Pl.)
vallabhānunayeṣu ca
und bei Besänftigungen/Umschmeichelungen der Günstlinge (Lok.Pl.)
amātyān parirakṣeta
die Minister soll man schützen (Akk.Pl.; 3.Sg.Opt.Med.)
bhedasaṃghātayor api
auch bei Spaltung und Zusammenschluss (Lok.Du.)
Der Sinn ist teilweise unsicher; parirakṣeta mit Lok. als „behüten vor/bei“ gedeutet.
„Mit Mildem erschlägt man den Sehr-Milden, mit Mildem erschlägt man den Grausamen; nichts ist durch Mildes unerreichbar; darum ist das Milde schärfer [als das Scharfe].“
Wort für Wort
mṛdunā sumṛduṃ hanti
mit Mildem erschlägt man den Sehr-Milden (Instr.Sg.; Akk.Sg.; 3.Sg.Präs.)
mṛdunā hanti dāruṇam
mit Mildem erschlägt man den Grausamen (Akk.Sg.)
nāsādhyaṃ mṛdunā kiṃ cit
nichts ist unmöglich durch Mildes (Nom.Sg.n.)
tasmāt tīkṣṇataraṃ mṛdu
darum ist Mildes schärfer (Abl.; Komparativ Nom.Sg.n.)
paṇḍitena viruddhaḥ san dūre 'smīti na viśvaset; dīrghau buddhimato bāhū yābhyāṃ hiṃsati hiṃsitaḥ
„Wenn man einem Weisen zuwider gehandelt hat, soll man nicht vertrauen: ‚Ich bin weit weg.‘ Lang sind die Arme des Klugen, mit denen der Geschädigte schädigt.“
Wort für Wort
paṇḍitena viruddhaḥ san
einem Weisen entgegenstehend/im Streit seiend (Instr.Sg.; Nom.Sg.; Part.Präs.)
dūre 'smīti na viśvaset
„ich bin fern“, so soll man nicht vertrauen (Lok.Sg.; 1.Sg.Präs.; 3.Sg.Opt.)
dīrghau buddhimato bāhū
lang sind die zwei Arme des Klugen (Nom.Du.; Gen.Sg.)
yābhyāṃ hiṃsati hiṃsitaḥ
mit denen er schädigt, [wenn] geschädigt (Instr.Du.; 3.Sg.Präs.; Part.Pass.)
na tat tared yasya na pāram uttaren; na tad dhared yat punar āharet paraḥ; na tat khaned yasya na mūlam utkhanen; na taṃ hanyād yasya śiro na pātayet
„Nicht durchquere man das, dessen anderes Ufer man nicht erreichen kann; nicht nehme man weg, was ein anderer wieder holen würde; nicht grabe man [den Baum] aus, dessen Wurzel man nicht ausgräbt; nicht erschlage man den, dessen Haupt man nicht fallen lässt.“
Wort für Wort
na tat tared yasya na pāram uttaren
nicht durchquere man das, dessen anderes Ufer man nicht erreicht (3.Sg.Opt.; Akk.Sg.)
na tad dhared yat punar āharet paraḥ
nicht nehme man das, was der andere wieder holen würde (3.Sg.Opt.; Nom.Sg.)
na tat khaned yasya na mūlam utkhanet
nicht grabe man das, dessen Wurzel man nicht ausgräbt (Akk.Sg.)
na taṃ hanyād yasya śiro na pātayet
nicht erschlage man den, dessen Haupt man nicht fällt (3.Sg.Opt.; Akk.Sg.)
Sinn: Man unternehme nichts, was man nicht zu Ende führen kann. Die Ergänzungen in den Pādas b–c sind sinngemäß.
itīdam uktaṃ vṛjinābhisaṃhitaṃ; na caitad evaṃ puruṣaḥ samācaret; paraprayuktaṃ tu kathaṃ niśāmayed; ato mayoktaṃ bhavato hitārthinā
„So ist dies gesagt worden, mit Krummheit [List] verbunden; und ein Mann soll nicht so handeln; wie aber sollte man das von anderen Angewandte [nicht] beachten? Darum habe ich es dir gesagt, [ich,] der ich dein Wohl wünsche.“
Wort für Wort
itīdam uktaṃ vṛjinābhisaṃhitam
so ist dies gesagt, mit Krummheit/List verbunden (Nom.Sg.; Part.Pass.)
na caitad evaṃ puruṣaḥ samācaret
und nicht so soll ein Mann handeln (Nom.Sg.; 3.Sg.Opt.)
paraprayuktaṃ tu kathaṃ niśāmayet
das von anderen Angewandte aber, wie sollte man es beachten [?] (Part.Pass.; 3.Sg.Opt.Kaus.)
ato mayoktaṃ bhavato hitārthinā
darum von mir gesagt, dem, der dein Wohl wünscht (Instr.Sg.; Part.Pass.; Gen.Sg.; Instr.Sg.)
Pāda c ist unsicher; gemeint ist wohl: Man sollte List, wenn andere sie anwenden, durchschauen, nicht selbst so handeln.
Nachdem der Herrscher der Suvīra diese zutreffend gesprochene, heilsame Rede des Brahmanen damals vernommen hatte, handelte er mit ungebeugtem Sinn dem Wort gemäß und genoss samt seinen Verwandten strahlende Pracht.
Wort für Wort
yathāvad uktaṃ vacanaṃ hitaṃ tadā
die richtig gesprochene, heilsame Rede damals (Part.Pass.Akk.Sg.; Akk.Sg.; Adv.)
niśamya vipreṇa
vernommen habend, [von] dem Brahmanen [gesprochen] (Abs.; Instr.Sg.)
suvīrarāṣṭriyaḥ
der Herrscher des Suvīra-Reiches (Nom.Sg.)
tathā akarod vākyam adīnacetanaḥ
tat so, dem Wort gemäß, mit ungebeugtem Geist (Aor.3.Sg.; Akk.Sg.; Nom.Sg.)
śriyaṃ ca dīptāṃ bubhuje sabāndhavaḥ
und genoss strahlende Pracht mit Verwandten (Akk.Sg.; Perf.3.Sg.Med.; Nom.Sg.)