Kapitel 36: prāyaścittavidhiḥ
Vyāsa lehrt Sühnemittel für Brahmanenmord und andere Vergehen
Vyāsa zählt gegenüber Yudhiṣṭhira Bußen und Reinigungswege für Brahmanenmord, Branntweintrinken, Lehrerbettschändung und weitere Vergehen auf. Er betont, dass gute Taten Schlechtes aufwiegen, und mahnt zur Sühne.
vyāsa uvāca; tapasā karmabhiś caiva pradānena ca bhārata; punāti pāpaṃ puruṣaḥ pūtaś cen na pravartate
Vyāsa sprach: Durch Askese, durch Werke und durch Schenken, Bhārata, reinigt ein Mensch [sich von] Sünde, wenn er, gereinigt, nicht [wieder Sünde] begeht.
Wort für Wort
vyāsa uvāca
Vyāsa sprach (Nom.Sg.; 3.Sg.Perf.)
tapasā karmabhiś ca eva pradānena ca
durch Askese, durch Werke und durch Schenken (Instr.)
bhārata
Bhārata (Vok.Sg.)
punāti pāpaṃ puruṣaḥ
reinigt [sich von] Sünde, der Mensch (3.Sg.Präs.; Akk./Nom.)
pūtaḥ cet na pravartate
wenn er gereinigt nicht [wieder] tätig wird [in Sünde] (Part.Pass.; 3.Sg.Med.)
ekakālaṃ tu bhuñjānaś caran bhaikṣaṃ svakarmakṛt; kapālapāṇiḥ khaṭvāṅgī brahmacārī sadotthitaḥ
Nur einmal [am Tag] essend, Bettelspeise erbettelnd, sein eigenes Werk [die Buße] verrichtend, die Schädelschale in der Hand, den Khaṭvāṅga tragend, als Brahmacārin, stets aufrecht [wachsam].
Wort für Wort
ekakālaṃ tu bhuñjānaḥ
nur einmal am Tag essend (Adv.; Part.Präs.Med.)
caran bhaikṣaṃ svakarmakṛt
Bettelspeise erbettelnd, sein eigenes Werk verrichtend (Part.Präs.; Akk.; Nom.)
kapālapāṇiḥ khaṭvāṅgī
die Schädelschale in der Hand, Khaṭvāṅga-Träger (Nom.Sg.)
Er soll entweder ein Ziel der Waffenträger werden, wie es die Kundigen [oder] er selbst wünscht [?]; oder sich in ein entfachtes Feuer werfen, dreimal, mit dem Kopf nach unten; oder einen beliebigen Veda rezitierend hundert Yojanas gehen; oder sein gesamtes Vermögen einem vedakundigen Brāhmaṇa übergeben; oder Besitz, der zum Lebensunterhalt ausreicht, oder ein Haus samt Hausrat. [So] wird er von der Brahmanentötung befreit, und [auch] der Beschützer von Kuh und Brāhmaṇa.
Wort für Wort
lakṣyaḥ śastrabhṛtāṃ vā syāt
ein Ziel der Waffenträger möge er sein (Nom.; Gen.Pl.; Pot.)
viduṣām icchayā ātmanaḥ
nach dem Wunsch der Kundigen [/] seiner selbst (Gen.Pl.; Instr.; Gen.Sg.)
prāsyet ātmānam agnau vā samiddhe trir avākśirāḥ
er möge sich ins entfachte Feuer werfen, dreimal, kopfüber (Pot.; Akk.; Lok.; Adv.; Nom.)
japan vā anyatamam vedaṃ yojanānāṃ śataṃ vrajet
oder rezitierend einen beliebigen Veda hundert Yojanas gehen (Part.Präs.; Akk.; Gen.Pl.; Pot.)
sarvasvaṃ vā vedavide brāhmaṇāya upapādayet
oder das ganze Vermögen dem vedakundigen Brāhmaṇa übergeben (Akk.; Dat.Sg.; Pot.Kaus.)
dhanaṃ vā jīvanāya alaṃ gṛhaṃ vā saparicchadam
oder Besitz, ausreichend zum Lebensunterhalt, oder ein Haus samt Hausrat (Akk.; Dat.)
mucyate brahmahatyāyāḥ goptā gobrāhmaṇasya ca
wird befreit von Brahmanentötung, und der Beschützer von Kuh und Brāhmaṇa (3.Sg.Pass.; Abl.; Nom.; Gen.)
Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert). Verse in Zusatzpassage; Sinn von „icchayātmanaḥ“ unsicher.
Ein Jahr lang nur monatlich essend wird er rein, daran ist kein Zweifel; ebenso, König, wird er, wenn er [von der Tat] abläßt, schon durch Geringes befreit.
Wort für Wort
saṃvatsareṇa māsāśī
ein Jahr lang, nur monatlich essend (Instr.; Nom.Sg.)
pūyate na atra saṃśayaḥ
wird rein, kein Zweifel hierin (3.Sg.Pass.; Nom.)
tathā eva uparaman rājan
ebenso, wenn er ablässt, König (Part.Präs.; Vok.)
svalpena api pramucyate
schon durch Geringes wird er befreit (Instr.; 3.Sg.Pass.)
Diese alle werden von Sünde gereinigt – so [lautet] die höchste Überlieferung. Wer um eines Brāhmaṇa willen im Kampf erschlagen wird, wird von der Brahmanentötung befreit.
Wort für Wort
te sarve pūtapāpmānaḥ bhavanti
diese alle werden solche mit gereinigter Sünde (Nom.Pl.; 3.Pl.Präs.)
iti parā śrutiḥ
so [lautet] die höchste Überlieferung (Nom.Sg.)
brāhmaṇārthe hataḥ yuddhe
um eines Brāhmaṇa willen erschlagen im Kampf (Lok.; Part.Pass.; Lok.)
mucyate brahmahatyayā
wird befreit von Brahmanentötung (3.Sg.Pass.; Instr./Abl.)
Ein Brāhmaṇa, der Branntwein trank, soll nach dem Opfer des Bṛhaspati-Savana wieder mit den Brāhmaṇas zusammentreffen dürfen – so [lautet] die brahmanische Überlieferung.
Wort für Wort
bṛhaspatisavena iṣṭvā
nachdem er mit dem Bṛhaspati-Savana geopfert hat (Instr.; Abs.)
surāpaḥ brāhmaṇaḥ punaḥ
der Branntwein-Trinker, der Brāhmaṇa, wieder (Nom.)
samitiṃ brāhmaṇaiḥ gacchet
er möge zur Versammlung mit Brāhmaṇas gehen (Akk.; Instr.; Pot.)
iti vai brāhmaṇī śrutiḥ
so [lautet] wahrlich die brahmanische Überlieferung (Nom.f.)
Wer das Bett des Lehrers geschändet hat, soll sich auf eine glühende eiserne Platte legen, oder, sein Glied in den Händen haltend, [fort]gehen, mit Blick nach oben.
Wort für Wort
gurutalpī
der Schänder des Lehrerbettes (Nom.Sg.)
śilāṃ taptām āyasīm adhisaṃviśet
er lege sich auf eine glühende eiserne Platte (Akk.f.; Pot.)
pāṇau ādhāya vā śephaṃ
oder das Glied in die Hand nehmend (Lok.; Abs.; Akk.)
Durch das Aufgeben des Körpers wird er von der unheilvollen Tat befreit; [ebenso] werden Frauen von [ihren] Taten befreit, die ein Jahr lang [enthaltsam] beherrscht waren.
Wort für Wort
śarīrasya vimokṣeṇa
durch das Loslassen des Körpers (Gen.; Instr.)
mucyate karmaṇaḥ aśubhāt
wird befreit von unheilvoller Tat (3.Sg.Pass.; Abl.)
karmabhyaḥ vipramucyante
von den Taten werden befreit (Abl.Pl.; 3.Pl.Pass.)
yattāḥ saṃvatsaraṃ striyaḥ
ein Jahr lang beherrscht [?], die Frauen (Part.Pass.; Akk.; Nom.Pl.)
mahāvrataṃ cared yas tu dadyāt sarvasvam eva tu; gurvarthe vā hato yuddhe sa mucyet karmaṇo 'śubhāt
Wer aber das große Gelübde übt, oder sein ganzes Vermögen hergibt, oder um des Lehrers willen im Kampf erschlagen wird, der wird von unheilvoller Tat befreit.
Wort für Wort
mahāvrataṃ caret yaḥ tu
wer das große Gelübde üben sollte (Akk.; Pot.)
dadyāt sarvasvam eva tu
oder das ganze Vermögen geben sollte (Pot.; Akk.)
gurvarthe vā hataḥ yuddhe
oder um des Lehrers willen erschlagen im Kampf (Lok.; Part.Pass.)
sa mucyet karmaṇaḥ aśubhāt
der werde von unheilvoller Tat befreit (Pot.Pass.; Abl.)
avakīrṇinimittaṃ tu brahmahatyāvrataṃ caret; kharacarmavāsāḥ ṣaṇmāsaṃ tathā mucyeta kilbiṣāt
Im Fall eines Avakīrṇin [Bruchs der Keuschheit] soll er das Gelübde der Brahmanentötung üben; sechs Monate in Eselshaut gekleidet – so wird er von Schuld befreit.
Wort für Wort
avakīrṇinimittaṃ tu
aus Anlass eines Avakīrṇin (Adv./Akk.)
brahmahatyāvrataṃ caret
das Gelübde der Brahmanentötung soll er üben (Akk.; Pot.)
niveśyaṃ tu bhavet tena sadā tārayitā pitṝn; na tu striyā bhaved doṣo na tu sā tena lipyate
Durch ihn soll [die Frau] zur Ehe geführt werden; [so] rettet er stets die Väter[ahnen]. Der Frau aber erwächst keine Schuld, und sie wird davon nicht befleckt.
Wort für Wort
niveśyaṃ tu bhavet tena
zu verheiraten soll sie sein durch ihn [?] (Ger.; Pot.; Instr.)
sadā tārayitā pitṝn
stets rettet er die Väter (Nom.Nomen agentis; Akk.Pl.)
na tu striyā bhavet doṣaḥ
bei der Frau aber sei keine Schuld (Lok./Instr.; Pot.; Nom.)
na tu sā tena lipyate
nicht wird sie dadurch befleckt (Nom.; Instr.; 3.Sg.Pass.)
bhajane hy ṛtunā śuddhaṃ cāturmāsyaṃ vidhīyate; striyas tena viśudhyanti iti dharmavido viduḥ
Beim Verkehr [?] ist durch die Menstruation Reinheit [gegeben]; eine Vier-Monats-Frist wird vorgeschrieben; dadurch werden die Frauen rein – so wissen es die Kenner des Dharma.
Wort für Wort
bhajane hi ṛtunā śuddham
beim [Sich-Zuwenden/Verkehr] [?] wahrlich rein durch die Menstruation (Lok.; Instr.; Nom.n.)
cāturmāsyaṃ vidhīyate
eine Viermonatsfrist wird vorgeschrieben (Nom.; 3.Sg.Pass.)
striyaḥ tena viśudhyanti
die Frauen werden dadurch rein (Nom.Pl.; Instr.; 3.Pl.Pass.)
pādajocchiṣṭakāṃsyaṃ ca gavāghrātam athāpi vā; gaṇḍūṣocchiṣṭam api vā viśuddhyed daśabhis tu tat
Ein Bronzegefäß, das durch Reste eines Fußgeborenen [Śūdra] verunreinigt ist, oder an dem eine Kuh geschnuppert hat, oder das durch Mundspülwasser-Reste verunreinigt wurde – das wird durch zehn [Reinigungen] rein.
Wort für Wort
pādajocchiṣṭakāṃsyaṃ ca
und ein Bronzegefäß, durch Reste eines Fußgeborenen [verunreinigt] (Nom.n.)
gavā āghrātam athā api vā
oder von einer Kuh beschnuppert (Instr.; Part.Pass.)
gaṇḍūṣocchiṣṭam api vā
oder auch durch Reste von Mundspülwasser [verunreinigt]
viśuddhyet daśabhiḥ tu tat
das würde durch zehn [Reinigungen] rein (Pot.Pass.; Instr.; Nom.n.)
Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert). Zusatzpassage; „daśabhiḥ“ ohne Bezugswort.
tathā vaiśye ca śūdre ca pādaḥ pādo vidhīyate; vidyād evaṃvidhenaiṣāṃ gurulāghavaniścayam
So wird bei Vaiśya und Śūdra jeweils [um] einen Fuß [gemindert] vorgeschrieben; man erkenne auf solche Weise die Bestimmung von Schwere und Leichtigkeit bei ihnen.
Wort für Wort
tathā vaiśye ca śūdre ca
so bei Vaiśya und bei Śūdra (Lok.)
pādaḥ pādaḥ vidhīyate
je ein Fuß wird vorgeschrieben (Nom.; 3.Sg.Pass.)
vidyāt evaṃvidhena
man erkenne auf solche Weise (Pot.; Instr.)
eṣāṃ gurulāghavaniścayam
die Bestimmung von Schwere und Leichtigkeit bei diesen (Gen.Pl.; Akk.)
Auch Frauen, Śūdras und Gefallene soll er, dem Gelübde ergeben, nicht ansprechen; wer Sünden unwissentlich begangen hat, wird, ein Zweifachgeborener mit solchem Gelübde, befreit.
Wort für Wort
strīśūdrapatitān ca api
und auch Frauen, Śūdras und Gefallene (Akk.Pl.)
na abhibhāṣet vratānvitaḥ
nicht ansprechen soll er, dem Gelübde ergeben (Pot.; Nom.)
pāpāni ajñānataḥ kṛtvā
Sünden aus Unwissenheit begangen habend (Akk.; Adv.; Abs.)
mucyet evaṃvrataḥ dvijaḥ
werde befreit, der so gelobende Zweifachgeborene (Pot.Pass.; Nom.)
śubhāśubhaphalaṃ pretya labhate bhūtasākṣikaḥ; atiricyet tayor yat tu tat kartā labhate phalam
Die Frucht von Gutem und Schlechtem erlangt er nach dem Tod, [wobei] die Wesen [als] Zeugen [gelten]; was von beiden überwiegt, dessen Frucht erlangt der Täter.
Wort für Wort
śubhāśubhaphalaṃ pretya labhate
die Frucht von Gutem und Schlechtem erlangt er nach dem Tod (Akk.; Abs.; 3.Sg.Präs.)
śiṣṭācāraś ca śiṣṭaś ca dharmo dharmabhṛtāṃ vara; sevitavyo naravyāghra pretya ceha sukhārthinā
Das Verhalten der Gebildeten und die Gebildeten [selbst], der Dharma, Bester der Dharma-Träger, ist zu pflegen, Tiger unter den Männern, von dem, der Glück hier und jenseits wünscht.
Wort für Wort
śiṣṭācāraḥ ca śiṣṭaḥ ca dharmaḥ
das Verhalten der Gebildeten und der Gebildete, [sie sind] Dharma (Nom.)
dharmabhṛtāṃ vara
Bester der Dharma-Träger (Gen.Pl.; Vok.)
sevitavyaḥ naravyāghra
ist zu pflegen, Tiger unter den Männern (Ger.; Vok.)
pretya ca iha sukhārthinā
jenseits und hier Glück Wünschendem (Abs.; Adv.; Instr.)
sa rājan mokṣyase pāpāt tena pūrveṇa hetunā; trāṇārthaṃ vā vadhenaiṣām atha vā nṛpakarmaṇā
Du wirst, König, von der Sünde befreit werden, aus jenem früher [genannten] Grund: zum Schutz [der Menschen], oder durch die Tötung dieser [Feinde], oder durch das Werk eines Königs.
Wort für Wort
sa rājan mokṣyase pāpāt
so wirst du, König, von Sünde befreit werden (Nom.; Vok.; 2.Sg.Fut.Pass.; Abl.)
tena pūrveṇa hetunā
aus jenem früheren Grund (Instr.)
trāṇārthaṃ vā
oder um des Schutzes willen (Adv.)
vadhena eṣām atha vā nṛpakarmaṇā
durch die Tötung dieser oder durch Königswerk (Instr.; Gen.Pl.; Instr.)