Kapitel 141: lubdhakakapotopākhyānārambhaḥ
Der Vogelfänger im Unwetter sucht Zuflucht unter einem Baum
Auf Yudhiṣṭhiras Frage nach dem Schutz Zufluchtsuchender erzählt Bhīṣma die von Bhārgava dem Mucukunda berichtete Geschichte von Taube und Vogelfänger. Das Kapitel schildert den verstoßenen Vogelfänger und seine Not in einem Unwetter.
yudhiṣṭhira uvāca; pitāmaha mahāprājña sarvaśāstraviśārada; śaraṇaṃ pālayānasya yo dharmas taṃ vadasva me
Yudhiṣṭhira sprach: „Großvater, du Hochweiser, in allen Lehrwerken Bewanderter, sage mir, welches die Pflicht dessen ist, der einen Schutzsuchenden schützt.“
Wort für Wort
yudhiṣṭhira uvāca
Yudhiṣṭhira sprach (Perf.)
pitāmaha mahāprājña
Großvater, Hochweiser (Vok.)
sarvaśāstraviśārada
in allen Lehrwerken Bewanderter (Vok.)
śaraṇaṃ pālayānasya
dessen, der Schutz gewährt / den Schutzsuchenden schützt (Gen.Sg.Part.Med.)
Bhīṣma sprach: „Groß ist die Pflicht, o großer König, beim Schützen des Zufluchtgekommenen; und du, Bester der Bharatas, bist würdig, danach zu fragen.“
yudhiṣṭhira uvāca; kathaṃ kapotena purā śatruḥ śaraṇam āgataḥ; svamāṃsair bhojitaḥ kāṃ ca gatiṃ lebhe sa bhārata
Yudhiṣṭhira sprach: „Wie kam einst ein Feind zu einer Taube als Zuflucht, und welches Ziel erlangte er, der mit ihrem eigenen Fleisch gespeist wurde, o Bhārata?“
Wort für Wort
yudhiṣṭhira uvāca
Yudhiṣṭhira sprach (Perf.)
katham kapotena purā
wie von einer Taube einst (Adv./Instr.Sg.)
śatruḥ śaraṇam āgataḥ
kam der Feind als Zuflucht (Nom.Sg./Part.)
svamāṃsair bhojitaḥ
mit eigenem Fleisch gespeist (Instr.Pl./Part.Pass.)
kāṃ ca gatiṃ lebhe sa
und welches Ziel erlangte er (Akk.Sg./Perf.Med.3.Sg.)
dharmaniścayasaṃyuktāṃ kāmārthasahitāṃ kathām; śṛṇuṣvāvahito rājan gadato me mahābhuja
Höre aufmerksam, König, du Starkarmiger, die Geschichte, die ich erzähle, verbunden mit Entscheidung über die Pflicht und begleitet von Lust und Nutzen.
naraḥ pāpasamācāras tyaktavyo dūrato budhaiḥ; ātmānaṃ yo 'bhisaṃdhatte so 'nyasya syāt kathaṃ hitaḥ; ye nṛśaṃsā durātmānaḥ prāṇiprāṇaharā narāḥ; udvejanīyā bhūtānāṃ vyālā iva bhavanti te
Ein Mensch von bösem Verhalten ist von den Weisen von fern zu meiden; wer sich selbst betrügt, wie könnte der einem anderen nützlich sein? Die grausamen, schlechtgesinnten Männer, die Lebewesen das Leben rauben, sind den Wesen Schrecken erregend wie Raubtiere [oder: Schlangen].
Wort für Wort
naraḥ pāpasamācāras
ein Mensch von bösem Verhalten (Nom.Sg.)
tyaktavyo dūrato budhaiḥ
ist zu meiden von fern durch Weise (Gerundiv/Instr.Pl.)
ātmānaṃ yo 'bhisaṃdhatte
wer sich selbst betrügt (Akk./Präs.Med.3.Sg.)
so 'nyasya syāt kathaṃ hitaḥ
wie könnte der einem anderen nützlich sein (Pot.3.Sg./Nom.)
ye nṛśaṃsā durātmānaḥ
die grausamen Schlechtgesinnten (Nom.Pl.)
prāṇiprāṇaharā narāḥ
Lebewesen das Leben nehmende Männer (Nom.Pl.)
udvejanīyā bhūtānāṃ
Schrecken erregend für die Wesen (Nom.Pl.Gerundiv/Gen.Pl.)
vyālā iva bhavanti te
wie Raubtiere sind sie (Präs.3.Pl.)
Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert). Zusatzpassage der kritischen Ausgabe; vyāla kann „Raubtier“ oder „Schlange“ bedeuten.
sa vai kṣārakam ādāya dvijān hatvā vane sadā; cakāra vikrayaṃ teṣāṃ pataṃgānāṃ narādhipa
Er nahm einen Leim [oder: eine Schlinge?] und tötete stets im Wald Zweimalgeborene [Vögel] und trieb Handel mit ihnen, den Vögeln, o Menschenherrscher.
Wort für Wort
sa vai kṣārakam ādāya
er nahm ein kṣāraka [Fangmittel?] (Nom./Akk./Abs.)
dvijān hatvā vane sadā
Zweimalgeborene [Vögel] tötend im Wald stets (Akk.Pl./Abs./Lok.)
cakāra vikrayaṃ teṣāṃ
trieb Verkauf von ihnen (Perf.3.Sg./Akk./Gen.Pl.)
pataṃgānāṃ narādhipa
der Vögel, Menschenherrscher (Gen.Pl./Vok.)
kṣāraka: wörtlich „Ätzendes, Alkalisches“; hier wohl Fangmittel (Vogelleim) oder Netz; unsicher.
Der Himmel, von Wolken erfüllt, mit Blitzkreisen geschmückt, wurde in kurzer Zeit bedeckt, wie das Meer durch einen Schiffsplatz [oder: durch Schiffe].
Wort für Wort
meghasaṃkulam ākāśaṃ
wolkengefüllt der Himmel (Nom./Akk.Sg.)
vidyunmaṇḍalamaṇḍitam
mit Blitzkreisen geschmückt (Nom.Sg.Part.)
saṃchannaṃ sumuhūrtena
bedeckt in kurzer Zeit (Part.Pass./Instr.)
nausthāneneva sāgaraḥ
wie das Meer durch Schiffsstand [?] (Instr./Nom.)
nausthānena: Vergleich unklar; möglicherweise „wie das Meer von Schiffen bedeckt“.
tato dhārākule loke saṃbhraman naṣṭacetanaḥ; śītārtas tad vanaṃ sarvam ākulenāntarātmanā
Dann irrte er, während die Welt von Strömen erfüllt war, verwirrt und seiner Sinne beraubt, von Kälte gequält, durch jenen ganzen Wald, mit aufgewühltem Inneren.
Wort für Wort
tato dhārākule loke
dann in der von Regenströmen erfüllten Welt (Lok.abs.)
dadarśa patitāṃ bhūmau kapotīṃ śītavihvalām; dṛṣṭvārto 'pi hi pāpātmā sa tāṃ pañjarake 'kṣipat; svayaṃ duḥkhābhibhūto 'pi duḥkham evākarot pare; pāpātmā pāpakāritvāt pāpam eva cakāra saḥ
Er sah eine auf die Erde gefallene, von der Kälte gelähmte Taube. Obwohl selbst bedrängt, als er sie sah, sperrte der Böse sie in einen Käfig. Selbst von Leid überwältigt, tat er anderen doch nur Leid an; der Böse tat, weil er Böses zu tun pflegte, nur Böses.
Wort für Wort
dadarśa patitāṃ bhūmau
sah, gefallen zur Erde (Perf.3.Sg./Akk.Sg.f./Lok.)
kapotīṃ śītavihvalām
eine Taubenhenne, von Kälte gelähmt (Akk.Sg.f.)
dṛṣṭvārto 'pi hi pāpātmā
obwohl bedrängt, gesehen habend, der Böse (Abs./Nom.Sg.)
sa tāṃ pañjarake 'kṣipat
er sie in den Käfig warf (Impf.3.Sg./Lok.)
svayaṃ duḥkhābhibhūto 'pi
selbst von Leid überwältigt (Nom.Sg.)
duḥkham evākarot pare
nur Leid tat er anderen an (Impf.3.Sg./Lok.)
pāpātmā pāpakāritvāt
der Böse, aus Gewohnheit Böses zu tun (Nom./Abl.)
pāpam eva cakāra saḥ
nur Böses tat er (Perf.3.Sg.)
Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert). Zusatzpassage der kritischen Ausgabe.
sevyamānaṃ vihaṃgaughaiś chāyāvāsaphalārthibhiḥ; dhātrā paropakārāya sa sādhur iva nirmitaḥ; athābhavat kṣaṇenaiva viyad vimalatārakam; mahat sara ivotphullaṃ kumudacchuritodakam
Er wurde von Scharen von Vögeln aufgesucht, die Schatten, Wohnung und Früchte wünschten; vom Schöpfer zum Wohl anderer war er wie ein Guter erschaffen. Da wurde in einem Augenblick der Himmel klar, mit reinen Sternen, wie ein großer, aufgeblühter See, dessen Wasser von Lotosblumen [kumuda] bedeckt ist.
Wort für Wort
sevyamānaṃ vihaṃgaughaiḥ
aufgesucht von Vogelscharen (Part.Pass./Instr.Pl.)
chāyāvāsaphalārthibhiḥ
die Schatten, Wohnung, Früchte wollen (Instr.Pl.)
dhātrā paropakārāya
vom Schöpfer zum Nutzen anderer (Instr./Dat.)
sa sādhur iva nirmitaḥ
er wie ein Guter geschaffen (Part.Pass.)
athābhavat kṣaṇenaiva viyad vimalatārakam
da wurde in einem Augenblick der Himmel sternenrein (Impf./Nom.)
mahat sara ivotphullaṃ
wie ein großer aufgeblühter See (Nom.Sg.)
kumudacchuritodakam
wasserbedeckt mit Kumuda-Lotos (Nom.Sg.)
Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert). Zusatzpassage der kritischen Ausgabe.
Der Schlechte blickte in die Himmelsrichtungen und auf die Zeit; ein Dorf lag fern von jener Gegend, o Herr. Er beschloss, in jenem Wald die Nacht zu verbringen.
Wort für Wort
diśo 'valokayām āsa
blickte in die Richtungen (Akk.Pl./Perf.periphr.)
velāṃ caiva durātmavān
und auf die Zeit, der Schlechte (Akk./Nom.)
dūre grāmaniveśaś ca
und fern die Dorfsiedlung (Nom.Sg.)
tasmād deśād iti prabho
von jenem Ort aus, so, Herr (Abl./Vok.)
kṛtabuddhir vane tasmin
Entschluss gefasst habend, in jenem Wald (Nom.Sg./Lok.)