Kapitel 280: karmavicāra
Parāśara über gutes und böses Tun, Sühne und Königs- und Lebenspflichten
Parāśara belehrt den König über die Wirkung von Handlungen, Unwissenheit und Absicht, Sühne und die rechte Lebensführung. Der Text des Kapitels ist stellenweise sehr knapp und vermutlich verderbt.
parāśara uvāca; manoratharathaṃ prāpya indriyārthahayaṃ naraḥ; raśmibhir jñānasaṃbhūtair yo gacchati sa buddhimān
Parāśara sprach: „Wer, nachdem er den Wagen der Wunschträume bestiegen hat, dessen Rosse die Sinnesobjekte sind, mit den aus Erkenntnis entstandenen Zügeln fährt, der ist ein Einsichtiger.“
Wort für Wort
parāśara uvāca
Parāśara sprach (Nom.Sg.; 3.Sg.Perf.)
manoratha-ratham prāpya
den Wunschwagen [= Wagen der Wünsche] bestiegen/erlangt habend (Akk.Sg.; Abs.)
indriya-artha-hayam
dessen Rosse die Sinnesobjekte sind (Bahuvrīhi, Akk.Sg.)
sevāśritena manasā vṛttihīnasya śasyate; dvijātihastān nirvṛttā na tu tulyāt parasparam
Für den, der ohne Lebensunterhalt ist, wird [es] gepriesen, wenn der Sinn auf Dienst gerichtet ist [?]; [der Unterhalt] aus den Händen der Zweimalgeborenen Hervorgegangene [wird gepriesen], nicht aber [der] von Gleichen untereinander [?].
Wort für Wort
sevā-āśritena manasā
mit auf Dienst gestütztem/gerichtetem Sinn (Instr.Sg.)
vṛtti-hīnasya
dem des Lebensunterhalts Entbehrenden (Gen.Sg.)
śasyate
wird gepriesen (3.Sg.Pass.)
dvijāti-hastāt
aus der Hand der Zweimalgeborenen (Abl.Sg./Pl.)
nirvṛttā
hervorgegangen (Nom.Sg.f. Part.)
na tu tulyāt parasparam
nicht aber von Gleichen untereinander (Abl.Sg.; Adv.)
Verse 2 ist syntaktisch knapp und wohl verderbt; Wiedergabe unsicher.
Hat man ein nicht leicht zu erlangendes Leben erlangt, soll man sich nicht herabsetzen, Herr der Menschen; der Mensch müht sich um Aufstieg durch verdienstvolles Werk.
Wort für Wort
āyur na-sulabham labdhvā
ein nicht leicht zu erlangendes Leben erlangt habend (Akk.Sg.; Abs.)
varṇotkarṣam avāpnoti naraḥ puṇyena karmaṇā; durlabhaṃ tam alabdhā hi hanyāt pāpena karmaṇā
Den Aufstieg im Stand erlangt der Mensch durch verdienstvolles Werk; wer das schwer Erreichbare nicht erlangt hat, würde [es] durch böses Werk zerstören [?].
Wort für Wort
varṇa-utkarṣam avāpnoti
erlangt den Standesaufstieg (Akk.Sg.; 3.Sg.Präs.)
naraḥ puṇyena karmaṇā
der Mensch durch verdienstvolles Werk (Nom.; Instr.Sg.)
durlabham tam
das schwer Erlangbare, jenes (Akk.Sg.n.)
alabdhā hi
wer nicht erlangt hat (Nom.Sg. Nomen agentis) / denn
hanyāt pāpena karmaṇā
würde zerstören durch böses Werk (3.Sg.Opt.; Instr.Sg.)
ajñānād dhi kṛtaṃ pāpaṃ tapasaivābhinirṇudet; pāpaṃ hi karma phalati pāpam eva svayaṃ kṛtam; tasmāt pāpaṃ na seveta karma duḥkhaphalodayam
Aus Unwissen getanes Böses soll man allein durch Askese austreiben; denn böses Werk trägt Frucht, das Böse selbst, das selbst getan wurde. Darum soll man kein böses Werk üben, dessen Ergebnis Leid als Frucht hat.
Wort für Wort
ajñānād hi kṛtam pāpam
aus Unwissen getanes Böses (Abl.Sg.; Part.Nom./Akk.Sg.n.)
tapasā eva abhinirṇudet
allein durch Askese soll vertreiben (Instr.Sg.; 3.Sg.Opt.)
pāpam hi karma phalati
denn böses Werk trägt Frucht (Nom.Sg.; 3.Sg.Präs.)
pāpam eva svayam kṛtam
das Böse selbst, von selbst getan (Nom.Sg.n.)
tasmāt pāpam na seveta
darum soll man Böses nicht üben (3.Sg.Opt.Med.)
karma duḥkha-phala-udayam
ein Werk, dessen Aufgehen/Ergebnis Leidensfrucht ist (Akk.Sg.n.)
Wie Wasser, in ein neues Tongefäß gegossen, verloren geht, so erlangt es in einem nicht neuen [Gefäß] Bestand, [wenn es] vom Wohlgefühl durchdrungen [ist] [?].
Wort für Wort
nave kapāle salilam
in der neuen Scherbe/Schale das Wasser (Lok.Sg.; Nom.Sg.)
saṃnyastam hīyate yathā
hineingegossen/niedergelegt schwindet, wie (Part.; 3.Sg.Pass.)
nava-itare tathā
im nicht-neuen ebenso (Lok.Sg.)
abhāvam prāpnoti
erlangt Nichtsein (?) / Bestand (Akk.Sg.; 3.Sg.Präs.)
sukha-bhāvitam
von Wohlsein/Glück durchdrungen (Nom.Sg.n.)
Zweiter Halbvers unsicher: abhāvam prāpnoti würde wörtlich Nichtsein erlangen heißen; die Wiedergabe folgt dem vermuteten Gegensatz zum ersten Halbvers.
satoye 'nyat tu yat toyaṃ tasminn eva prasicyate; vṛddhe vṛddhim avāpnoti salile salilaṃ yathā
Das andere Wasser, das in vorhandenes Wasser eingegossen wird, in eben dieses wird es gegossen; im Gewachsenen erlangt es Zuwachs, wie Wasser im Wasser.
Wort für Wort
sa-toye anyat tu yat toyam
im wasserhaltigen [Gefäß] das andere Wasser, das (Lok.Sg.; Nom.Sg.n.)
tasmin eva prasicyate
in eben dieses hineingegossen wird (Lok.Sg.; 3.Sg.Pass.)
vṛddhe vṛddhim avāpnoti
im Gewachsenen erlangt Zuwachs (Lok.Sg.; Akk.Sg.; 3.Sg.Präs.)
evaṃ karmāṇi yānīha buddhiyuktāni bhūpate; nasamānīha hīnāni tāni puṇyatamāny api
So sind die Werke hier, die mit Einsicht verbunden sind, Herr der Erde; ungleich [?] sind hier die geringen, selbst wenn sie äußerst verdienstvoll sind.
Wort für Wort
evam karmāṇi yāni iha
so die Werke, die hier (Nom.Pl.n.)
buddhi-yuktāni bhū-pate
mit Einsicht verbundene, Herr der Erde (Nom.Pl.n.; Vok.Sg.)
Vom König sind [die Feinde] zu besiegen, sowohl die Bewaffneten als auch die Hochmütigen; recht auszuführen ist der Schutz der Untertanen; das Feuer ist zu schichten mit vielen Opfern; am Ende [oder] in der Mitte [des Lebens] ist im Wald Zuflucht nehmend zu verweilen.
Wort für Wort
rājñā jetavyāḥ
vom König zu besiegen (Instr.Sg.; Gerundiv Nom.Pl.)
sa-āyudhāḥ ca unnatāḥ ca
sowohl die Bewaffneten als auch die Hochmütigen (Nom.Pl.)
samyak kartavyam pālanam ca prajānām
recht zu tun ist der Schutz der Untertanen (Gerundiv; Nom.Sg.n.; Gen.Pl.)
agniḥ ceyaḥ
das Feuer ist zu schichten (Nom.Sg.; Gerundiv)
bahubhiḥ ca api yajñaiḥ
auch mit vielen Opfern (Instr.Pl.)
ante madhye vā
am Ende oder in der Mitte (Lok.Sg.)
vanam āśritya stheyam
in den Wald geflüchtet ist zu verweilen (Abs.; Gerundiv)
Selbstbeherrscht soll der Mensch, der dem Dharma zugetan ist, die Wesen wie sich selbst ansehen; die Höheren soll er nach eigener Kraft ehren; durch Wahrheit und Sittlichkeit [erlangt er] Glück, Herr der Menschen.
Wort für Wort
dama-anvitaḥ puruṣaḥ
mit Selbstzucht ausgestattet, der Mensch (Nom.Sg.)
dharma-śīlaḥ
dem Dharma zugetan (Nom.Sg.)
bhūtāni ca ātmānam iva anupaśyet
die Wesen wie sich selbst betrachten soll (Akk.Pl.; Akk.Sg.; 3.Sg.Opt.)
garīyasaḥ pūjayet
die Höheren soll ehren (Akk.Pl.; 3.Sg.Opt.)
ātma-śaktyā
nach eigener Kraft (Instr.Sg.)
satyena śīlena sukham
durch Wahrheit, durch Sittlichkeit Glück (Instr.Sg.; Akk.Sg.)