Quellen der Menschheit

Mahābhārata · Śāntiparva

Kapitel 142: kapotalubdhakasaṃvādaḥ Die Taube und der Vogelfänger: Gastfreundschaft bis zur Selbsthingabe

Erzählung innerhalb der Belehrung Bhīṣmas: Ein Vogel klagt um seine Gattin, die ein Vogelfänger gefangen hat, und übt dann dem Fänger gegenüber die Gastpflicht bis zum Opfer des eigenen Lebens im Feuer.

bhīṣma uvāca; atha vṛkṣasya śākhāyāṃ vihaṃgaḥ sasuhṛjjanaḥ; dīrghakāloṣito rājaṃs tatra citratanūruhaḥ

Bhīṣma sprach: Auf dem Ast eines Baumes hatte ein Vogel mit seinen Verwandten und Freunden [zusammen] lange Zeit gewohnt, o König; er hatte buntes Gefieder.

Wort für Wort
bhīṣma uvāca
Bhīṣma sprach (Perf. 3.Sg.)
atha vṛkṣasya śākhāyām
da nun auf dem Ast eines Baumes (Gen./Lok.)
vihaṃgaḥ sasuhṛjjanaḥ
ein Vogel samt seinen Freunden und Angehörigen (Nom.; Kompositum)
dīrghakāloṣito rājan
lange Zeit wohnhaft gewesen, o König (Part. Perf. Pass., Nom.; Vok.)
tatra citratanūruhaḥ
dort, buntgefiedert (Adv.; Nom. Bahuvrīhi)

tasya kālyaṃ gatā bhāryā carituṃ nābhyavartata; prāptāṃ ca rajanīṃ dṛṣṭvā sa pakṣī paryatapyata

Seine Gattin war am Morgen fortgegangen und kehrte vom Futtersuchen nicht zurück; als der Vogel die Nacht angebrochen sah, wurde er von Kummer gequält.

Wort für Wort
tasya kālyaṃ gatā bhāryā
seine Gattin, am Morgen gegangen (Gen.; Adv./Akk.; Part. Nom.)
carituṃ nābhyavartata
kehrte vom Umherstreifen [zur Nahrungssuche] nicht zurück (Inf.; 3.Sg.Impf. Med.)
prāptāṃ ca rajanīṃ dṛṣṭvā
und die Nacht angebrochen sehend (Part. Perf. Pass. Akk.; Abs.)
sa pakṣī paryatapyata
dieser Vogel quälte sich, grämte sich (3.Sg.Impf. Med.)

vātavarṣaṃ mahac cāsīn na cāgacchati me priyā; kiṃ nu tat kāraṇaṃ yena sādyāpi na nivartate

„Es gab ein starkes Unwetter mit Wind und Regen, und meine Liebe kommt nicht. Was mag nur der Grund sein, dass sie auch jetzt noch nicht zurückkehrt?

Wort für Wort
vātavarṣaṃ mahac cāsīt
Wind und Regen, ein gewaltiges, war da (Nom. n.; 3.Sg.Impf.)
na cāgacchati me priyā
und nicht kommt meine Liebste (3.Sg.Präs.; Gen./Dat.; Nom.)
kiṃ nu tat kāraṇam
was wohl ist jener Grund (Nom.)
yena sādyāpi na nivartate
wodurch sie auch heute noch nicht zurückkehrt (Instr.; 3.Sg.Präs.)

api svasti bhavet tasyāḥ priyāyā mama kānane; tayā virahitaṃ hīdaṃ śūnyam adya gṛhaṃ mama

Möge es ihr, meiner Geliebten, im Wald wohlergehen! Ohne sie ist dieses mein Haus heute leer.

Wort für Wort
api svasti bhavet tasyāḥ
möge es ihr wohl ergehen (Opt. 3.Sg.; Gen.)
priyāyā mama kānane
der Geliebten, meiner, im Wald (Gen.; Gen.; Lok.)
tayā virahitam
ohne sie, von ihr verlassen (Instr.; Part. Nom. n.)
hīdaṃ śūnyam adya gṛhaṃ mama
denn dieses leer heute [ist] Haus mein (Nom. n.)

putrapautravadhūbhṛtyair ākīrṇam api sarvataḥ; bhāryāhīnaṃ gṛhasthasya śūnyam eva gṛhaṃ bhavet; na gṛhaṃ gṛham ity āhur gṛhiṇī gṛham ucyate; gṛhaṃ tu gṛhiṇīhīnam araṇyasadṛśaṃ matam

„Selbst wenn es ringsum von Söhnen, Enkeln, Schwiegertöchtern und Dienern erfüllt ist, wird das Haus eines Hausherrn ohne Gattin doch leer sein. Nicht das Haus nennt man Haus, die Hausfrau heißt Haus; ein Haus ohne Hausfrau aber gilt als dem Wald gleich.

Wort für Wort
putrapautravadhūbhṛtyaiḥ
mit Söhnen, Enkeln, Schwiegertöchtern und Dienern (Instr. Pl.; Dvandva)
ākīrṇam api sarvataḥ
selbst überfüllt ringsum (Part. Nom. n.; Adv.)
bhāryāhīnaṃ gṛhasthasya
ohne Gattin, des Hausherrn (Nom. n.; Gen.)
śūnyam eva gṛhaṃ bhavet
leer wahrlich Haus würde sein (Opt. 3.Sg.)
na gṛhaṃ gṛham ity āhuḥ
nicht das Haus „Haus“ so sagt man (3.Pl.Perf.)
gṛhiṇī gṛham ucyate
die Hausfrau Haus wird genannt (Pass. 3.Sg.)
gṛhaṃ tu gṛhiṇīhīnam
ein Haus aber ohne Hausfrau (Nom. n.)
araṇyasadṛśaṃ matam
dem Wald gleich, [so] gilt es (Part. Nom. n.)

Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert).

yadi sā raktanetrāntā citrāṅgī madhurasvarā; adya nābhyeti me kāntā na kāryaṃ jīvitena me

Wenn jene Geliebte mit den rot gesäumten Augen, dem bunten Leib und der süßen Stimme heute nicht zu mir kommt, ist mir das Leben nichts nütze.

Wort für Wort
yadi sā raktanetrāntā
wenn sie mit rot gesäumten Augenwinkeln (Nom. f.; Bahuvrīhi)
citrāṅgī madhurasvarā
buntleibig, süßstimmig (Nom. f.)
adya nābhyeti me kāntā
heute nicht kommt zu mir die Geliebte (3.Sg.Präs.; Gen.; Nom.)
na kāryaṃ jīvitena me
nicht ist Nutzen mit dem Leben für mich (Nom. n. Gerundiv; Instr.; Gen.)

kāryaṃ jīvitena me: wörtlich „mit dem Leben ist nichts zu tun/ist kein Zweck“.

na bhuṅkte mayy abhukte yā nāsnāte snāti suvratā; nātiṣṭhaty upatiṣṭheta śete ca śayite mayi; hṛṣṭe bhavati sā hṛṣṭā duḥkhite mayi duḥkhitā; proṣite dīnavadanā kruddhe ca priyavādinī

„Die nicht ißt, wenn ich nicht gegessen habe, und nicht badet, wenn ich nicht gebadet habe, die Gelübdetreue; sie sitzt nicht [ruhig], wenn ich stehe, sondern wartet auf, und sie legt sich, wenn ich mich gelegt habe. Bin ich froh, ist sie froh; bin ich betrübt, ist sie betrübt; bin ich verreist, [macht sie] ein trauriges Gesicht, und bin ich zornig, redet sie freundlich.“

Wort für Wort
na bhuṅkte mayy abhukte yā
die nicht ißt, wenn ich nicht gegessen habe (3.Sg.Präs. Med.; Lok. abs.)
nāsnāte snāti suvratā
wenn ich nicht gebadet habe, badet [sie] nicht, die Gelübdetreue (Lok. abs.; 3.Sg.; Nom. f.)
nātiṣṭhaty upatiṣṭheta
sie steht nicht [untätig] da, sondern wartet auf (3.Sg.Präs.; Opt. 3.Sg.)
śete ca śayite mayi
und sie liegt, wenn ich liege (3.Sg.Präs. Med.; Lok. abs.)
hṛṣṭe bhavati sā hṛṣṭā
ist sie froh, wenn ich froh bin (Lok. abs.; Nom. f.)
duḥkhite mayi duḥkhitā
betrübt, wenn ich betrübt bin (Lok. abs.)
proṣite dīnavadanā
wenn ich verreist bin, [ist sie] mit niedergeschlagenem Gesicht (Lok. abs.; Nom. f.)
kruddhe ca priyavādinī
und wenn ich zornig bin, freundlich redend (Lok. abs.; Nom. f.)

Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert). Der Text der ersten beiden Pādas ist syntaktisch knapp; Übersetzung sinngemäß. Zusatzvers.

patidharmaratā sādhvī prāṇebhyo 'pi garīyasī; sā hi śrāntaṃ kṣudhārtaṃ ca jānīte māṃ tapasvinī

Eine, die sich ihren Pflichten gegenüber dem Gatten widmet, die Tugendhafte, mir teurer als das Leben: die Arme weiß ja, wenn ich erschöpft und von Hunger geplagt bin.

Wort für Wort
patidharmaratā sādhvī
den Gattenpflichten zugetan, tugendhaft (Nom. f.)
prāṇebhyo 'pi garīyasī
selbst als die Lebenshauche schwerer wiegend, wertvoller (Abl. Pl.; Komp. Nom. f.)
sā hi śrāntaṃ kṣudhārtaṃ ca
sie nämlich, [wenn ich] erschöpft und hungergequält [bin] (Akk.)
jānīte māṃ tapasvinī
erkennt mich, die Arme (3.Sg.Präs. Med.; Akk.; Nom. f.)

tapasvinī hier wohl als mitleidige Anrede „die Arme/Bedauernswerte“; [?]

anuraktā hitā caiva snigdhā caiva pativratā; yasya vai tādṛśī bhāryā dhanyaḥ sa manujo bhuvi

Ergeben, wohlmeinend, zärtlich und ihrem Gatten treu: Wer eine solche Frau hat, der ist glücklich zu preisen unter den Menschen auf Erden.

Wort für Wort
anuraktā hitā caiva
zugeneigt und wohlwollend (Nom. f.)
snigdhā caiva pativratā
und liebevoll, dem Gatten gelobt [treu] (Nom. f.)
yasya vai tādṛśī bhāryā
wessen wahrlich eine solche Gattin [ist] (Gen.; Nom. f.)
dhanyaḥ sa manujo bhuvi
glücklich [zu preisen] ist jener Mensch auf der Erde (Nom.; Lok.)

vṛkṣamūle 'pi dayitā yasya tiṣṭhati tad gṛham; prāsādo 'pi tayā hīnaḥ kāntāra iti niścitam; dharmārthakāmakāleṣu bhāryā puṃsaḥ sahāyinī; videśagamane cāsya saiva viśvāsakārikā

„Wessen Geliebte auch am Fuß eines Baumes bleibt, das ist [sein] Haus; ein Palast dagegen ohne sie ist gewiß eine Wildnis. In Zeiten von Pflicht, Nutzen und Lust ist die Gattin dem Mann Gefährtin, und auch bei einer Reise in die Fremde ist sie allein die, die Vertrauen schafft.

Wort für Wort
vṛkṣamūle 'pi dayitā
selbst am Fuß eines Baumes die Geliebte (Lok.; Nom. f.)
yasya tiṣṭhati tad gṛham
wessen sie bleibt, das [ist] Haus (Gen.; 3.Sg.Präs.)
prāsādo 'pi tayā hīnaḥ
selbst ein Palast, ohne sie (Nom.; Instr.)
kāntāra iti niścitam
eine Wildnis, so ist es gewiß (Nom.; Part. Nom. n.)
dharmārthakāmakāleṣu
in den Zeiten von Pflicht, Nutzen und Lust (Lok. Pl.)
bhāryā puṃsaḥ sahāyinī
die Gattin des Mannes Gefährtin (Nom. f.; Gen.)
videśagamane cāsya
und bei der Fremdreise für ihn (Lok.; Gen.)
saiva viśvāsakārikā
sie allein Vertrauen bewirkend (Nom. f.)

Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert). Zusatzvers (star); kāntāra auch „schwer gangbarer Wald“.

yasya bhāryā sadā raktā tathā chandānuvartinī; vibhave 'pi hi saṃtoṣas tasya svarga ihaiva hi; sā bhāryā yā gṛhe dakṣā sā bhāryā yā pativratā; sā bhāryā yā priyaṃ brūte sā bhāryā yā manoramā; yasya bhāryā guṇajñā ca bhartāram anugāminī; yā cātīva hi saṃhṛṣṭā sā śrīḥ sākṣān na vai dhanam

„Wessen Gattin stets zugeneigt ist und sich seinem Willen fügt, dessen Zufriedenheit auch bei [bescheidenem] Besitz [macht] seinen Himmel schon hier. Die ist Gattin, die im Haus tüchtig ist; die ist Gattin, die dem Gatten treu ist; die ist Gattin, die Liebes spricht; die ist Gattin, die das Herz erfreut. Wessen Gattin die Vorzüge [des Gatten] kennt und dem Gatten folgt und über die Maßen glücklich ist, die ist leibhaftig Glück, nicht bloß Reichtum.

Wort für Wort
yasya bhāryā sadā raktā
wessen Gattin stets zugetan (Gen.; Nom. f.)
tathā chandānuvartinī
und dem Willen folgend (Nom. f.)
vibhave 'pi hi saṃtoṣaḥ
auch bei [geringem] Vermögen Zufriedenheit (Lok.; Nom.)
tasya svarga ihaiva hi
dessen Himmel schon hier (Gen.; Nom.)
sā bhāryā yā gṛhe dakṣā
die ist Gattin, die im Haus geschickt ist (Nom. f.; Lok.)
sā bhāryā yā pativratā
die ist Gattin, die dem Gatten gelobt [treu] ist
sā bhāryā yā priyaṃ brūte
die ist Gattin, die Liebes spricht (3.Sg.Präs. Med.)
sā bhāryā yā manoramā
die ist Gattin, die herzerfreuend ist
yasya bhāryā guṇajñā ca
wessen Gattin die Vorzüge kennend (Nom. f.)
bhartāram anugāminī
dem Gatten nachfolgend (Akk.; Nom. f.)
yā cātīva hi saṃhṛṣṭā
und die überaus froh ist (Nom. f.)
sā śrīḥ sākṣān na vai dhanam
die ist selbst Glück, nicht wahrlich [bloß] Reichtum (Nom.; Adv.)

Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert). Zusatzvers (star); vibhave 'pi: „selbst bei [geringem] Vermögen“ ergänzt.

bhāryā hi paramo nāthaḥ puruṣasyeha paṭhyate; asahāyasya loke 'smiṃl lokayātrāsahāyinī

„Die Gattin gilt hier als der höchste Beschützer für den Mann; für den, der in dieser Welt keinen Helfer hat, ist sie die Helferin im Lebensgang.

Wort für Wort
bhāryā hi paramo nāthaḥ
die Gattin nämlich [ist] der höchste Beschützer (Nom. f.; Nom.)
puruṣasyeha paṭhyate
für den Mann hier wird gesagt (Gen.; Pass. 3.Sg.)
asahāyasya loke 'smin
für den Hilflosen in dieser Welt (Gen.; Lok.)
lokayātrāsahāyinī
Gefährtin des Lebensweges (Nom. f.)

tathā rogābhibhūtasya nityaṃ kṛcchragatasya ca; nāsti bhāryāsamaṃ kiṃ cin narasyārtasya bheṣajam

Und auch für den von Krankheit Heimgesuchten, der stets in Not ist, gibt es für einen leidenden Mann kein Heilmittel, das der Gattin gleichkäme.

Wort für Wort
tathā rogābhibhūtasya
ebenso für den von Krankheit Überwältigten (Gen.)
nityaṃ kṛcchragatasya ca
und stets in Not Geratenen (Adv.; Gen.)
nāsti bhāryāsamaṃ kiṃ cit
es gibt nichts, was der Gattin gleich wäre (Nom. n.)
narasyārtasya bheṣajam
für den leidenden Mann als Heilmittel (Gen.; Nom.)

nāsti bhāryāsamo bandhur nāsti bhāryāsamā gatiḥ; nāsti bhāryāsamo loke sahāyo dharmasādhanaḥ

Es gibt keinen Verwandten, der der Gattin gleicht; es gibt keine Zuflucht, die der Gattin gleicht; es gibt in der Welt keinen Helfer bei der Erfüllung der Pflicht, der der Gattin gleicht.

Wort für Wort
nāsti bhāryāsamo bandhuḥ
nicht gibt es einen der Gattin gleichen Verwandten (Nom.)
nāsti bhāryāsamā gatiḥ
nicht gibt es eine der Gattin gleiche Zuflucht (Nom. f.)
nāsti bhāryāsamo loke
nicht gibt es in der Welt einen der Gattin gleichen (Lok.)
sahāyo dharmasādhanaḥ
Helfer, die Pflichterfüllung bewirkend (Nom.)

yasya bhāryā gṛhe nāsti sādhvī ca priyavādinī; araṇyaṃ tena gantavyaṃ yathāraṇyaṃ tathā gṛham

„Wer zuhause keine Gattin hat, keine tugendhafte und liebevoll redende, der soll in den Wald gehen; wie der Wald, so [ist] das Haus.

Wort für Wort
yasya bhāryā gṛhe nāsti
wessen Gattin im Haus nicht ist (Gen.; Lok.)
sādhvī ca priyavādinī
tugendhaft und freundlich redend (Nom. f.)
araṇyaṃ tena gantavyam
in den Wald muß von ihm gegangen werden (Akk.; Instr.; Gerundiv)
yathāraṇyaṃ tathā gṛham
wie der Wald, so das Haus (Nom. n.)

Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert). Zusatzvers (star).

aho mama vinā vahniṃ dahyate gātrasaṃcayam; pativratadharā sādhvī prāṇebhyo 'pi garīyasī

Ach, ohne Feuer verbrennt mir die Masse meiner Glieder! Die Gattentreue, Tugendhafte, mir teurer als das Leben [fehlt mir].

Wort für Wort
aho mama vinā vahniṃ
ach, mir ohne Feuer (Interj.; Gen.; Präp. + Akk.)
dahyate gātrasaṃcayam
brennt die Gliedermenge (Pass. 3.Sg.; Akk./Nom. n.)
pativratadharā sādhvī
die Gattentreue-Pflicht Tragende, Tugendhafte (Nom. f.)
prāṇebhyo 'pi garīyasī
selbst mehr als das Leben wiegend (Nom. f. Komp.)

Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert). Zusatzvers (star); die Konstruktion ist verkürzt, „[fehlt mir]“ ergänzt und der Sinn unsicher [?].

evaṃ vilapatas tasya dvijasyārtasya tatra vai; gṛhītā śakunaghnena bhāryā śuśrāva bhāratīm

Während er, der leidgeplagte Zweifachgeborene [Vogel], dort so jammerte, hörte seine Gattin, die vom Vogelfänger ergriffen worden war, die Rede.

Wort für Wort
evaṃ vilapatas tasya
so klagend, dessen (Part. Gen.; Gen. abs.)
dvijasyārtasya tatra vai
des Zweigeborenen, des Bedrängten, dort wahrlich (Gen.)
gṛhītā śakunaghnena
ergriffen von dem Vogelfänger (Part. Nom. f.; Instr.)
bhāryā śuśrāva bhāratīm
die Gattin hörte die Rede (Perf. 3.Sg.; Akk.)

kapoty uvāca; aho 'tīva subhāgyāhaṃ yasyā me dayitaḥ patiḥ; asato vā sato vāpi guṇān evaṃ prabhāṣate

Die Taube sprach: „Ach, ich bin überaus glücklich, dass mein Gatte, mir lieb, so [meine] Vorzüge rühmt, ob sie nun wirklich da sind oder nicht.

Wort für Wort
kapoty uvāca
die Taube sprach
aho 'tīva subhāgyāham
ach, überaus glücklich [bin] ich (Nom. f.)
yasyā me dayitaḥ patiḥ
deren mein geliebter Gatte [ist] (Gen. f.; Gen.)
asato vā sato vāpi guṇān
nicht vorhandene oder vorhandene Vorzüge (Gen. Sg.; Akk. Pl.)
evaṃ prabhāṣate
so spricht er aus (3.Sg.Präs. Med.)

Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert). Zusatzvers (star); asato/sato Gen. als „ob [sie] nicht [sind] oder sind“ gedeutet, [?].

na sā strīty abhibhāṣā syād yasyā bhartā na tuṣyati

Sie ist keine Frau zu nennen, mit der der Gatte nicht zufrieden ist.

Wort für Wort
na sā strīty abhibhāṣā syāt
nicht sie „Frau“, [so] wäre Rede möglich (Nom. f.; Opt. 3.Sg.)
yasyā bhartā na tuṣyati
deren Gatte nicht zufrieden ist (Gen. f.; 3.Sg.Präs.)

Der Vers steht in der Ausgabe geteilt; der zweite Halbvers folgt nach Einheit 20.

tuṣṭe bhartari nārīṇāṃ tuṣṭāḥ syuḥ sarvadevatāḥ

Ist der Gatte zufrieden, so sind alle Gottheiten der Frauen zufrieden.

Wort für Wort
tuṣṭe bhartari nārīṇām
wenn der Gatte zufrieden ist, für die Frauen (Lok. abs.; Gen. Pl.)
tuṣṭāḥ syuḥ sarvadevatāḥ
zufrieden wären alle Gottheiten (Opt. 3.Pl.)

Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert). Zusatzvers (star).

agnisākṣikam apy etad bhartā hi śaraṇaṃ striyaḥ

Auch dies ist im Beisein des Feuers [bekräftigt]: Der Gatte ist ja die Zuflucht der Frau.

Wort für Wort
agnisākṣikam apy etat
auch dies mit dem Feuer als Zeugen (Nom. n.)
bhartā hi śaraṇaṃ striyāḥ
der Gatte nämlich [ist] Zuflucht der Frau (Nom.; Nom.; Gen.)

Zweiter Halbvers von 142.012 (Vers geteilt durch die Zusatzzeile).

dāvāgnineva nirdagdhā sapuṣpastabakā latā; bhasmībhavatu sā nārī yasyā bhartā na tuṣyati

Wie eine von Waldbrand verbrannte Ranke samt ihren Blütentrauben soll zu Asche werden die Frau, deren Gatte nicht zufrieden ist.

Wort für Wort
dāvāgninā iva nirdagdhā
wie vom Waldbrand verbrannt (Instr.; Part. Nom. f.)
sapuṣpastabakā latā
die Ranke mit Blütenbüscheln (Nom. f.)
bhasmībhavatu sā nārī
zu Asche werde jene Frau (Imp. 3.Sg.)
yasyā bhartā na tuṣyati
deren Gatte nicht zufrieden ist

Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert). Zusatzvers (star).

iti saṃcintya duḥkhārtā bhartāraṃ duḥkhitaṃ tadā; kapotī lubdhakenātha yattā vacanam abravīt

So dachte die vom Leid gequälte Taube nach und sprach dann zu ihrem betrübten Gatten, die vom Vogelfänger Gefesselte, [diese] Worte.

Wort für Wort
iti saṃcintya duḥkhārtā
so überlegend, leidgeplagt (Abs.; Nom. f.)
bhartāraṃ duḥkhitaṃ tadā
zu ihrem betrübten Gatten damals (Akk.; Adv.)
kapotī lubdhakenātha
die Taube, vom Jäger dann (Nom. f.; Instr.)
yattā vacanam abravīt
gefesselt, sprach ein Wort (Part. Nom. f.; Impf. 3.Sg.)

hanta vakṣyāmi te śreyaḥ śrutvā ca kuru tat tathā; śaraṇāgatasaṃtrātā bhava kānta viśeṣataḥ

„Wohlan, ich will dir sagen, was gut für dich ist; höre es und tu es so. Sei, mein Geliebter, besonders ein Retter dessen, der bei dir Zuflucht gesucht hat.

Wort für Wort
hanta vakṣyāmi te śreyaḥ
wohlan, ich will dir das Heil sagen (Fut. 1.Sg.; Dat./Gen.)
śrutvā ca kuru tat tathā
und gehört habend, tu jenes so (Abs.; Imp.)
śaraṇāgatasaṃtrātā
Retter des Zuflucht-Gekommenen (Nom.)
bhava kānta viśeṣataḥ
sei, Geliebter, besonders (Imp.; Vok.; Adv.)

eṣa śākunikaḥ śete tava vāsaṃ samāśritaḥ; śītārtaś ca kṣudhārtaś ca pūjām asmai prayojaya

Dieser Vogelfänger liegt hier, der deine Wohnstätte aufgesucht hat, von Kälte und Hunger gequält; erweise ihm Ehre.

Wort für Wort
eṣa śākunikaḥ śete
dieser Vogelsteller liegt (3.Sg.Präs. Med.)
tava vāsaṃ samāśritaḥ
deine Wohnung aufgesucht habend (Akk.; Part.)
śītārtaś ca kṣudhārtaś ca
kälte- und hungergeplagt (Nom.)
pūjām asmai prayojaya
Verehrung diesem erweise (Akk.; Dat.; Imp.)

yo hi kaś cid dvijaṃ hanyād gāṃ vā lokasya mātaram; śaraṇāgataṃ ca yo hanyāt tulyaṃ teṣāṃ ca pātakam

Wer irgendeinen Brahmanen erschlüge oder die Kuh, die Mutter der Welt, und wer einen Schutzsuchenden erschlüge: deren Sünde ist gleich.

Wort für Wort
yo hi kaś cid dvijaṃ hanyāt
wer nämlich irgendeinen Zweigeborenen erschlüge (Opt.)
gāṃ vā lokasya mātaram
oder die Kuh, Mutter der Welt (Akk.; Gen.; Akk.)
śaraṇāgataṃ ca yo hanyāt
und wer einen Schutzsuchenden erschlüge (Akk.)
tulyaṃ teṣāṃ ca pātakam
gleich ihrer [aller] Sünde (Nom. n.; Gen.)

yāsmākaṃ vihitā vṛttiḥ kāpotī jātidharmataḥ; sā nyāyyātmavatā nityaṃ tvadvidhenābhivartitum

Der Lebensunterhalt, der uns nach Geburtspflicht der Tauben zugeteilt ist: Dem soll ein Selbstbeherrschter wie du stets nachgehen, [und zwar] auf gerechte Weise.

Wort für Wort
yāsmākaṃ vihitā vṛttiḥ
die Lebensweise, die uns bestimmt ist (Nom. f.; Gen. Pl.; Part.)
kāpotī jātidharmataḥ
eine taubenhafte, nach der Standespflicht (Nom. f.; Abl.-Adv.)
sā nyāyyātmavatā nityam
sie ist von einem Rechten, Selbstbeherrschten stets (Nom. f.; Instr.)
tvadvidhenābhivartitum
von einem wie du zu befolgen (Instr.; Inf. mit Gerundivsinn)

nyāyyā ātmavatā: „rechtmäßig“ und „von einem Selbstbeherrschten“; abhivartitum als Inf. passivisch gebraucht [?].

yas tu dharmaṃ yathāśakti gṛhastho hy anuvartate; sa pretya labhate lokān akṣayān iti śuśruma

Ein Hausvater aber, der nach Kräften die Pflicht befolgt, erlangt nach dem Tod unvergängliche Welten: So haben wir gehört.

Wort für Wort
yas tu dharmaṃ yathāśakti
wer aber die Pflicht nach Kräften (Nom.; Akk.; Adv.)
gṛhastho hy anuvartate
als Hausvater ja befolgt (3.Sg.Präs. Med.)
sa pretya labhate lokān
der erlangt nach dem Hinscheiden Welten (Abs.; 3.Sg.Präs.; Akk.)
akṣayān iti śuśruma
unvergängliche, so haben wir gehört (Perf. 1.Pl.)

sa tvaṃ saṃtānavān adya putravān api ca dvija; tat svadehe dayāṃ tyaktvā dharmārthau parigṛhya vai; pūjām asmai prayuṅkṣva tvaṃ prīyetāsya mano yathā

Du bist heute einer mit Nachkommen und hast einen Sohn, o Zweigeborener; darum gib die Rücksicht auf den eigenen Leib auf, halte dich an Pflicht und Nutzen und erweise ihm Ehre, so dass sein Herz erfreut werde.

Wort für Wort
sa tvaṃ saṃtānavān adya
du also, mit Nachkommenschaft heute (Nom.)
putravān api ca dvija
und auch mit einem Sohn, o Zweigeborener (Nom.; Vok.)
tat svadehe dayāṃ tyaktvā
darum im eigenen Leib die Schonung aufgegeben habend (Lok.; Abs.)
dharmārthau parigṛhya vai
Pflicht und Nutzen ergreifend wahrlich (Akk. Du.; Abs.)
pūjām asmai prayuṅkṣva tvam
Verehrung diesem erweise du (Imp. Med.)
prīyetāsya mano yathā
so dass erfreut würde sein Herz (Pass. Opt.; Nom. n.)

putravān: aus dem Kontext erschlossen, dass ein Kind vorhanden ist; svadehe dayāṃ tyaktvā wörtlich „Mitleid mit dem eigenen Körper aufgegeben“.

matkṛte mā ca saṃtāpaṃ kurvīthās tvaṃ vihaṃgama; śarīrayātrākṛtyartham anyān dārān upaiṣyasi

Um meinetwillen sollst du keinen Kummer hegen, o Vogel; für den Unterhalt deines Leibes wirst du andere Gattinnen nehmen.“

Wort für Wort
matkṛte mā ca saṃtāpaṃ kurvīthāḥ
um meinetwillen sollst du keinen Kummer bereiten (Kompositum/Lok.-Ersatz; Verbot: mā + Opt. Med. 2.Sg.)
tvaṃ vihaṃgama
du, o Vogel (Nom./Vok. Sg.)
śarīrayātrākṛtyartham
zum Zweck des Lebensunterhalts des Körpers (Adv., Kompositum)
anyān dārān upaiṣyasi
andere Gattinnen wirst du aufsuchen/nehmen (Akk.Pl.; 2.Sg.Fut.)

Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert). matkṛte ist hier als „um meinetwillen“ gefasst.

iti sā śakunī vākyaṃ kṣārakasthā tapasvinī; atiduḥkhānvitā procya bhartāraṃ samudaikṣata

So sprach die Vogelfrau, die Asketin, die im Käfig festsaß, von großem Leid erfüllt; dann blickte sie ihren Gatten an.

Wort für Wort
iti sā śakunī vākyaṃ
so [sprach] jene Vogelfrau die Rede (Nom.f./Akk.n.)
kṣārakasthā tapasvinī
im Käfig befindlich, die Bedauernswerte/Asketin (Nom.f.)
atiduḥkhānvitā procya
von übergroßem Leid erfüllt, nachdem sie gesprochen (Nom.f.; Abs.)
bhartāraṃ samudaikṣata
den Gatten blickte sie an (Akk.Sg.; Impf. Med. 3.Sg.)

kṣāraka ist unsicher; „Käfig, Netz“ aus dem Zusammenhang.

sa patnyā vacanaṃ śrutvā dharmayuktisamanvitam; harṣeṇa mahatā yukto bāṣpavyākulalocanaḥ

Als er die Rede seiner Gattin hörte, die mit Rechtlichkeit und Vernunft verbunden war, wurde er von großer Freude erfüllt, mit tränenverschleierten Augen.

Wort für Wort
sa patnyā vacanaṃ śrutvā
er, nachdem er der Gattin Rede gehört (Nom.; Gen./Lok.; Abs.)
dharmayuktisamanvitam
mit Recht und Vernunft ausgestattet (Akk.n.)
harṣeṇa mahatā yuktaḥ
mit großer Freude verbunden (Instr.; Nom.m.)
bāṣpavyākulalocanaḥ
mit von Tränen verwirrten Augen (Bahuvrīhi, Nom.)

taṃ vai śākunikaṃ dṛṣṭvā vidhidṛṣṭena karmaṇā; pūjayām āsa yatnena sa pakṣī pakṣijīvinam

Als der Vogel jenen Vogeljäger sah, ehrte er ihn eifrig nach dem Verfahren, das die Vorschrift lehrt.

Wort für Wort
taṃ vai śākunikaṃ dṛṣṭvā
jenen Vogelfänger nach dem Erblicken (Akk.; Abs.)
vidhidṛṣṭena karmaṇā
durch das vorschriftsgemäße Tun (Instr.)
pūjayām āsa yatnena
ehrte er mit Bemühen (Perf. periphr.; Instr.)
sa pakṣī pakṣijīvinam
der Vogel den von Vögeln Lebenden (Nom.; Akk.)

uvāca ca svāgataṃ te brūhi kiṃ karavāṇy aham; saṃtāpaś ca na kartavyaḥ svagṛhe vartate bhavān

Und er sprach: „Sei willkommen! Sag, was soll ich tun? Du sollst keinen Kummer hegen; du befindest dich in deinem eigenen Haus.“

Wort für Wort
uvāca ca svāgataṃ te
und er sprach: Willkommen dir (Perf. 3.Sg.; Gen./Dat.)
brūhi kiṃ karavāṇy aham
sag, was soll ich tun (Imp. 2.Sg.; Konj. 1.Sg.)
saṃtāpaś ca na kartavyaḥ
und Kummer ist nicht zu hegen (Nom.; Gerundiv)
svagṛhe vartate bhavān
im eigenen Haus weilst du (Lok.; 3.Sg. Med.; Nom.)

tad bravītu bhavān kṣipraṃ kiṃ karomi kim icchasi; praṇayena bravīmi tvāṃ tvaṃ hi naḥ śaraṇāgataḥ

„So sage du es rasch: Was soll ich tun, was wünschst du? Mit Zuneigung rede ich zu dir, denn du bist zu uns als Schutzsuchender gekommen.

Wort für Wort
tad bravītu bhavān kṣipraṃ
das möge Euer Gnaden rasch sagen (Imp. 3.Sg.)
kiṃ karomi kim icchasi
was tue ich, was wünschst du (1.Sg.Präs.; 2.Sg.)
praṇayena bravīmi tvāṃ
mit Vertrauen/Zuneigung sage ich dir (Instr.; 1.Sg.)
tvaṃ hi naḥ śaraṇāgataḥ
denn du bist uns Schutzsuchender (Nom.m.; Gen./Dat. Pl.)

arāv apy ucitaṃ kāryam ātithyaṃ gṛham āgate; chettum apy āgate chāyāṃ nopasaṃharate drumaḥ

Selbst einem Feind gebührt Gastfreundschaft, wenn er ins Haus gekommen ist; selbst dem, der ihn fällen will, entzieht der Baum den Schatten nicht.

Wort für Wort
arāv apy ucitaṃ kāryam
selbst gegenüber einem Feind ist Angemessenes zu tun (Lok.; Gerundiv)
ātithyaṃ gṛham āgate
Gastfreundschaft, wenn er ins Haus gekommen ist (Akk.; Part. Lok.)
chettum apy āgate chāyāṃ
selbst wenn einer zum Fällen gekommen ist, [entzieht] Schatten (Inf.; Lok.)
nopasaṃharate drumaḥ
nicht zieht zurück der Baum (3.Sg. Med.; Nom.)

Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert).

śaraṇāgatasya kartavyam ātithyam iha yatnataḥ; pañcayajñapravṛttena gṛhasthena viśeṣataḥ

Dem Schutzsuchenden ist hier eifrig Gastfreundschaft zu erweisen, besonders von einem Hausvater, der sich den fünf Opfern widmet.

Wort für Wort
śaraṇāgatasya kartavyam
dem Schutzsuchenden ist zu tun (Gen./Dat.; Gerundiv)
ātithyam iha yatnataḥ
Gastfreundschaft hier mit Eifer (Akk.; Adv.)
pañcayajñapravṛttena
von dem in den fünf Opfern Tätigen (Instr.)
gṛhasthena viśeṣataḥ
von einem Hausvater besonders (Instr.; Adv.)

pañcayajñāṃs tu yo mohān na karoti gṛhāśramī; tasya nāyaṃ na ca paro loko bhavati dharmataḥ

Wer aber als Hausvater die fünf Opfer aus Verblendung nicht vollzieht, dem wird nach dem Recht weder diese noch die jenseitige Welt zuteil.

Wort für Wort
pañcayajñāṃs tu yo mohān
die fünf Opfer aber, wer aus Verblendung (Akk.Pl.; Nom.; Abl.)
na karoti gṛhāśramī
nicht vollzieht, der im Hausvaterstand Stehende (3.Sg.Präs.; Nom.)
tasya nāyaṃ na ca paro lokaḥ
dessen [ist] weder diese noch die andere Welt (Gen.; Nom.)
bhavati dharmataḥ
wird zuteil, gemäß dem Recht (3.Sg.; Adv.)

tad brūhi tvaṃ suvisrabdho yat tvaṃ vācā vadiṣyasi; tat kariṣyāmy ahaṃ sarvaṃ mā tvaṃ śoke manaḥ kṛthāḥ

Sag es also ganz vertrauensvoll, was immer du mit Worten sagen wirst; das alles werde ich tun. Richte deinen Sinn nicht auf Kummer.“

Wort für Wort
tad brūhi tvaṃ suvisrabdhaḥ
also sag du, ganz zutraulich (Imp.; Nom.)
yat tvaṃ vācā vadiṣyasi
was du mit dem Wort sagen wirst (Instr.; Fut.)
tat kariṣyāmy ahaṃ sarvam
das alles werde ich tun (Fut. 1.Sg.)
mā tvaṃ śoke manaḥ kṛthāḥ
du sollst nicht den Sinn auf Kummer richten (Lok.; Aor.-Injunktiv 2.Sg.)

tasya tad vacanaṃ śrutvā śakuner lubdhako 'bravīt; bādhate khalu mā śītaṃ himatrāṇaṃ vidhīyatām

Als der Jäger diese Rede des Vogels hörte, sagte er: „Die Kälte plagt mich gewiss; es möge Schutz gegen den Frost besorgt werden.“

Wort für Wort
tasya tad vacanaṃ śrutvā
nachdem er dessen Rede gehört (Gen.; Abs.)
śakuner lubdhako 'bravīt
des Vogels [Rede], der Jäger sprach (Gen.; Impf.)
bādhate khalu mā śītam
es bedrängt mich wahrlich die Kälte (3.Sg.)
himatrāṇaṃ vidhīyatām
Schutz vor Frost werde bewirkt (Pass. Imp. 3.Sg.)

evam uktas tataḥ pakṣī parṇāny āstīrya bhūtale; yathāśuṣkāṇi yatnena jvalanārthaṃ drutaṃ yayau

So angesprochen, breitete der Vogel Blätter auf dem Boden aus, und zwar möglichst trockene, und ging eilig, um Feuer zu holen.

Wort für Wort
evam uktas tataḥ pakṣī
so angesprochen, dann der Vogel (Part.; Nom.)
parṇāny āstīrya bhūtale
Blätter auf dem Boden ausgebreitet habend (Abs.; Lok.)
yathāśuṣkāṇi yatnena
möglichst trockene, mit Sorgfalt (Akk.n.; Instr.)
jvalanārthaṃ drutaṃ yayau
zwecks Feuer eilig ging er (Adv.; Perf.)

Die Wendung yathāśuṣkāṇi ist als „so trocken wie möglich“ verstanden [?].

sa gatvāṅgārakarmāntaṃ gṛhītvāgnim athāgamat; tataḥ śuṣkeṣu parṇeṣu pāvakaṃ so 'bhyadīdipat

Er ging zu einer Köhlerstätte, nahm Feuer und kam zurück; dann entzündete er das Feuer auf den trockenen Blättern.

Wort für Wort
sa gatvāṅgārakarmāntaṃ
er, nachdem er zur Kohlenwerkstatt gegangen (Abs.; Akk.)
gṛhītvāgnim athāgamat
Feuer genommen habend, dann kam er (Abs.; Impf.)
tataḥ śuṣkeṣu parṇeṣu
dann auf den trockenen Blättern (Lok.)
pāvakaṃ so 'bhyadīdipat
das Feuer entfachte er (Akk.; Kaus.-Aor./Impf.)

susaṃdīptaṃ mahat kṛtvā tam āha śaraṇāgatam; pratāpaya suvisrabdhaṃ svagātrāṇy akutobhayaḥ

Nachdem er es zu einer großen, hell lodernden Flamme gemacht hatte, sagte er zu dem Schutzsuchenden: „Wärme dich ganz zutraulich, deine Glieder, ohne Furcht von irgendwoher.“

Wort für Wort
susaṃdīptaṃ mahat kṛtvā
hell entzündet, groß gemacht habend (Abs.)
tam āha śaraṇāgatam
zu ihm sagte er, dem Schutzsuchenden (Akk.; Perf.)
pratāpaya suvisrabdhaṃ
wärme [dich], ganz zutraulich (Imp. 2.Sg. Kaus.; Adv.)
svagātrāṇy akutobhayaḥ
die eigenen Glieder, ohne Furcht von irgendwoher (Akk.Pl.; Nom.)

sa tathoktas tathety uktvā lubdho gātrāṇy atāpayat; agnipratyāgataprāṇas tataḥ prāha vihaṃgamam

So angesprochen, sprach der Jäger „So sei es“ und wärmte seine Glieder; als die Lebenskräfte durch das Feuer zurückgekehrt waren, sprach er dann zum Vogel.

Wort für Wort
sa tathoktas tathety uktvā
so angesprochen, „so sei es“ gesagt habend (Part.; Abs.)
lubdho gātrāṇy atāpayat
der Jäger wärmte die Glieder (Nom.; Impf. Kaus.)
agnipratyāgataprāṇaḥ
durch Feuer die zurückgekehrte Lebenskraft habend (Bahuvrīhi, Nom.)
tataḥ prāha vihaṃgamam
dann sprach er zum Vogel (Perf.; Akk.)

harṣeṇa mahatāviṣṭo vākyaṃ vyākulalocanaḥ; tathemaṃ śakuniṃ dṛṣṭvā vidhidṛṣṭena karmaṇā

Von großer Freude erfüllt, [sprach er] das Wort, mit verwirrten Augen; und so, nachdem er diesen Vogel nach dem vorschriftsgemäßen Tun gesehen hatte.

Wort für Wort
harṣeṇa mahatāviṣṭaḥ
von großer Freude erfüllt (Instr.; Nom.)
vākyaṃ vyākulalocanaḥ
das Wort, mit verwirrten Augen (Akk.; Bahuvrīhi Nom.)
tathemaṃ śakuniṃ dṛṣṭvā
und so, diesen Vogel gesehen habend (Akk.; Abs.)
vidhidṛṣṭena karmaṇā
durch das vorschriftsgemäße Tun (Instr.)

Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert). Zusatzstrophe, wohl Dublette zu 142.021 und 142.022; Satzbau lückenhaft [Anm.: Verb fehlt].

dattam āhāram icchāmi tvayā kṣud bādhate hi mām; tad vacaḥ sa pratiśrutya vākyam āha vihaṃgamaḥ

„Ich wünsche Nahrung, von dir gegeben, denn der Hunger plagt mich.“ Als er diese Worte gehört hatte, sprach der Vogel eine Rede.

Wort für Wort
dattam āhāram icchāmi tvayā
gegebene Nahrung wünsche ich von dir (Part.; Akk.; Instr.)
kṣud bādhate hi mām
denn Hunger bedrängt mich (Nom.; 3.Sg.; Akk.)
tad vacaḥ sa pratiśrutya
diese Rede, er nachdem er sie vernommen (Akk.; Abs.)
vākyam āha vihaṃgamaḥ
eine Rede sprach der Vogel (Akk.; Perf.; Nom.)

na me 'sti vibhavo yena nāśayāmi tava kṣudhām; utpannena hi jīvāmo vayaṃ nityaṃ vanaukasaḥ

„Ich habe keinen Besitz, womit ich deinen Hunger stillen könnte. Wir leben ja stets vom Erworbenen, wir Waldbewohner.

Wort für Wort
na me 'sti vibhavo yena
nicht ist mir Vermögen, womit (Gen./Dat.; Nom.; Instr.)
nāśayāmi tava kṣudhām
ich vertreiben könnte deinen Hunger (1.Sg.; Gen.; Akk.)
utpannena hi jīvāmo vayam
vom Aufgekommenen leben wir (Instr.; 1.Pl.)
nityaṃ vanaukasaḥ
stets, Waldbewohner (Adv.; Nom.Pl.)

saṃcayo nāsti cāsmākaṃ munīnām iva kānane; ity uktvā sa tadā tatra vivarṇavadano 'bhavat

Vorrat gibt es bei uns nicht, wie bei den Weisen im Wald.“ So gesprochen habend, wurde er dort da mit verfärbtem Gesicht.

Wort für Wort
saṃcayo nāsti cāsmākam
Ansammlung ist nicht bei uns (Nom.; Gen.)
munīnām iva kānane
wie bei Weisen im Wald (Gen.Pl.; Lok.)
ity uktvā sa tadā tatra
so gesagt habend, er dann dort (Abs.)
vivarṇavadano 'bhavat
mit verfärbtem Gesicht wurde er (Bahuvrīhi; Impf.)

kathaṃ nu khalu kartavyam iti cintāparaḥ sadā; babhūva bharataśreṣṭha garhayan vṛttim ātmanaḥ

„Wie nur soll ich handeln?“, so war er stets in Gedanken versunken, o Bester der Bharatas, und tadelte seine Lebensweise.

Wort für Wort
kathaṃ nu khalu kartavyam
wie nur ist zu tun (Gerundiv)
iti cintāparaḥ sadā
so, in Gedanken versunken, stets (Nom.)
babhūva bharataśreṣṭha
wurde er, o Bester der Bharatas (Perf.; Vok.)
garhayan vṛttim ātmanaḥ
tadelnd die Lebensweise seiner selbst (Part.; Akk.; Gen.)

muhūrtāl labdhasaṃjñas tu sa pakṣī pakṣighātakam; uvāca tarpayiṣye tvāṃ muhūrtaṃ pratipālaya

Nach einem Augenblick zu Bewusstsein gekommen, sprach der Vogel zu dem Vogeltöter: „Ich werde dich sättigen; warte einen Augenblick.“

Wort für Wort
muhūrtāl labdhasaṃjñas tu
nach einem Augenblick des Bewusstseins Habhaft (Abl.; Nom.)
sa pakṣī pakṣighātakam
der Vogel den Vogeltöter (Nom.; Akk.)
uvāca tarpayiṣye tvām
sprach: ich werde sättigen dich (Perf.; Fut. Kaus. 1.Sg.)
muhūrtaṃ pratipālaya
einen Augenblick warte (Akk.; Imp. 2.Sg.)

ity uktvā śuṣkaparṇaiḥ sa saṃprajvālya hutāśanam; harṣeṇa mahatā yuktaḥ kapotaḥ punar abravīt

So gesprochen, entfachte die Taube mit trockenen Blättern das Feuer und sprach, von großer Freude erfüllt, abermals.

Wort für Wort
ity uktvā śuṣkaparṇaiḥ
so gesagt habend, mit trockenen Blättern (Abs.; Instr.Pl.)
sa saṃprajvālya hutāśanam
er, angezündet habend das Feuer (Abs.; Akk.)
harṣeṇa mahatā yuktaḥ
von großer Freude erfüllt (Instr.; Nom.)
kapotaḥ punar abravīt
die Taube sprach wieder (Nom.; Impf.)

devānāṃ ca munīnāṃ ca pitṝṇāṃ ca mahātmanām; śrutapūrvo mayā dharmo mahān atithipūjane

„Von Göttern, Weisen und den hochgesinnten Ahnen habe ich früher gehört, dass es eine große Pflicht in der Ehrung des Gastes gibt.

Wort für Wort
devānāṃ ca munīnāṃ ca
der Götter und der Weisen (Gen.Pl.)
pitṝṇāṃ ca mahātmanām
und der hochgesinnten Ahnen (Gen.Pl.)
śrutapūrvo mayā dharmaḥ
früher von mir gehört die Pflicht (Nom.; Instr.)
mahān atithipūjane
groß bei der Gastverehrung (Nom.; Lok.)

kuruṣvānugrahaṃ me 'dya satyam etad bravīmi te; niścitā khalu me buddhir atithipratipūjane

Erweise mir heute Gnade; dies sage ich dir wahrhaftig: Fest ist mein Entschluss zur Ehrung des Gastes.“

Wort für Wort
kuruṣvānugrahaṃ me 'dya
erweise mir heute Gunst (Imp. Med.; Akk.)
satyam etad bravīmi te
Wahrheit ist dies, sage ich dir (Akk.; 1.Sg.)
niścitā khalu me buddhiḥ
fest ist wahrlich mein Verstand (Nom.f.)
atithipratipūjane
in der Verehrung des Gastes (Lok.)

tataḥ satyapratijño vai sa pakṣī prahasann iva; tam agniṃ triḥ parikramya praviveśa mahīpate

Darauf umschritt der Vogel, seiner Zusage treu und wie lächelnd, dreimal das Feuer und trat hinein, o Herr der Erde.

Wort für Wort
tataḥ satyapratijño vai
dann, der Zusage Wahrhaftige (Nom.)
sa pakṣī prahasann iva
der Vogel gleichsam lächelnd (Part.)
tam agniṃ triḥ parikramya
jenes Feuer dreimal umkreist habend (Akk.; Abs.)
praviveśa mahīpate
trat er ein, o Fürst (Perf.; Vok.)

agnimadhyaṃ praviṣṭaṃ taṃ lubdho dṛṣṭvātha pakṣiṇam; cintayām āsa manasā kim idaṃ nu kṛtaṃ mayā

Als der Jäger den Vogel mitten im Feuer sah, dachte er bei sich: „Was habe ich da nur getan?“

Wort für Wort
agnimadhyaṃ praviṣṭaṃ taṃ
in die Feuermitte eingetreten, ihn (Akk.)
lubdho dṛṣṭvātha pakṣiṇam
der Jäger, gesehen habend, dann den Vogel (Abs.)
cintayām āsa manasā
dachte er im Geiste (Perf. periphr.; Instr.)
kim idaṃ nu kṛtaṃ mayā
was ist dies nur von mir getan (Pass.Part.; Instr.)

aho mama nṛśaṃsasya garhitasya svakarmaṇā; adharmaḥ sumahān ghoro bhaviṣyati na saṃśayaḥ

„Ach, ich Grausamer, durch mein eigenes Tun Verachteter: Ein sehr großes, furchtbares Unrecht wird mich treffen, kein Zweifel.“

Wort für Wort
aho mama nṛśaṃsasya
ach, meiner, des Grausamen (Gen.)
garhitasya svakarmaṇā
des Getadelten durch eigenes Tun (Gen.; Instr.)
adharmaḥ sumahān ghoraḥ
Unrecht, sehr groß, furchtbar (Nom.)
bhaviṣyati na saṃśayaḥ
wird sein, kein Zweifel (Fut.; Nom.)

evaṃ bahuvidhaṃ bhūri vilalāpa sa lubdhakaḥ; garhayan svāni karmāṇi dvijaṃ dṛṣṭvā tathāgatam

So jammerte jener Jäger vielfältig und lang, seine eigenen Taten tadelnd, als er den Brahmanen [Vogel] so gekommen sah.

Wort für Wort
evaṃ bahuvidhaṃ bhūri
so vielfach, reichlich (Adv.)
vilalāpa sa lubdhakaḥ
jammerte jener Jäger (Perf.; Nom.)
garhayan svāni karmāṇi
tadelnd seine eigenen Taten (Part.; Akk.Pl.)
dvijaṃ dṛṣṭvā tathāgatam
den Zweimalgeborenen [Vogel] gesehen habend, so gekommen (Akk.; Abs.)

dvija bezeichnet hier den Vogel („Zweimalgeborener“); der Text spielt auf den Brahmanen an.

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