Kapitel 24: śaṅkhalikhitopākhyāna
Die Geschichte von Śaṅkha und Likhita: Strafe als Sühne für König Sudyumna
Auf Yudhiṣṭhiras Frage nach König Sudyumna erzählt Vyāsa, wie Likhita nach dem Verzehr der Früchte seines Bruders Śaṅkha vom König die Strafe der Handabtrennung verlangt und dadurch gereinigt wird. Die Geschichte dient als Beleg, dass die Strafe die Pflicht des Kṣatriya ist.
Yudhiṣṭhira sprach: „Ehrwürdiger, durch welche Tat hat Sudyumna, der Herr der Erde, die höchste Vollendung erlangt? Ich möchte von diesem König hören.“
Wort für Wort
yudhiṣṭhira uvāca
Yudhiṣṭhira sprach (Perf. 3.Sg.)
bhagavan
Ehrwürdiger (Vok.)
karmaṇā kena
durch welche Tat (Instr.)
sudyumno vasudhādhipaḥ
Sudyumna, der Herr der Erde (Nom.)
saṃsiddhiṃ paramāṃ prāptaḥ
die höchste Vollendung erlangt hat (Akk.; Part. Perf. Pass.)
so 'bravīd bhrātaraṃ jyeṣṭham upaspṛśyābhivādya ca; ita eva gṛhītāni mayeti prahasann iva
Dieser sagte zu seinem älteren Bruder, nachdem er sich [rituell] gereinigt und ihn begrüßt hatte, gleichsam lachend: „Von hier eben habe ich sie genommen.“
Wort für Wort
so 'bravīd bhrātaraṃ jyeṣṭham
er sagte zum älteren Bruder (3.Sg.Impf.; Akk.)
upaspṛśya abhivādya ca
nachdem er das Wasser berührt [Reinigung] und begrüßt hatte (Abs.)
ita eva gṛhītāni
von hier eben genommen (Adv.; Part. Perf. Pass. Nom.Pl.n.)
tam abravīt tadā śaṅkhas tīvrakopasamanvitaḥ; steyaṃ tvayā kṛtam idaṃ phalāny ādadatā svayam; gaccha rājānam āsādya svakarma prathayasva vai
Da sprach Śaṅkha, von heftigem Zorn erfüllt, zu ihm: „Ein Diebstahl ist dies, von dir begangen, indem du selbst die Früchte nahmst. Geh, tritt vor den König und verkünde deine Tat!“
Wort für Wort
tam abravīt tadā śaṅkhaḥ
zu ihm sagte damals Śaṅkha (Akk.; 3.Sg.Impf.; Nom.)
tīvrakopasamanvitaḥ
von heftigem Zorn erfüllt (Nom.; Kompositum)
steyaṃ tvayā kṛtam idam
Diebstahl ist dies von dir getan (Nom.n.; Instr.; Part. Perf. Pass.)
phalāny ādadatā svayam
der du selbst Früchte nahmst (Akk.Pl.; Part. Präs. Instr.)
gaccha rājānam āsādya
geh, den König erreichend (Imp.; Akk.; Abs.)
svakarma prathayasva vai
deine eigene Tat mach bekannt (Akk.; Imp. Med.; Partikel)
Da ging Likhita, vom Wort des Bruders angetrieben, in das Reich Sudyumnas und sprach, o König, tief bekümmert, dies.
Wort für Wort
likhito 'tha tadā gatvā
Likhita da, dann gegangen (Nom.; Abs.)
bhrātur vākyena coditaḥ
vom Wort des Bruders angetrieben (Gen.; Instr.; Part. Perf. Pass.)
sudyumnaviṣayaṃ rājann
ins Reich Sudyumnas, o König (Akk.; Vok.)
uvāca idaṃ suduḥkhitaḥ
sprach dies, tief bekümmert (Perf.; Akk.n.; Nom.)
Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert). Zusatzpassage; Sprecherwechsel nur implizit, Likhita spricht in der folgenden Einheit.
adattādānam evedaṃ kṛtaṃ pārthivasattama; stenaṃ māṃ tvaṃ viditvā ca svadharmam anupālaya; śīghraṃ dhāraya caurasya mama daṇḍaṃ narādhipa
„Dies ist ein Nehmen von Nichtgegebenem, das ich begangen habe, bester der Fürsten. Erkenne mich als Dieb und wahre deine eigene Pflicht: Verhänge rasch, Herr der Menschen, die Strafe über mich, den Dieb.“
Wort für Wort
adattādānam evedaṃ kṛtam
ein Nehmen von Nichtgegebenem ist dies getan (Nom.n.; Part. Perf. Pass.)
pārthivasattama
bester der Fürsten (Vok.)
stenaṃ māṃ tvaṃ viditvā ca
und mich als Dieb erkannt habend, du (Akk.; Nom.; Abs.)
svadharmam anupālaya
die eigene Pflicht wahre (Akk.; Imp. Kaus.)
śīghraṃ dhāraya
verhänge rasch (Adv.; Imp. Kaus.)
caurasya mama daṇḍaṃ narādhipa
über mich, den Dieb, die Strafe, Herr der Menschen (Gen.; Akk.; Vok.)
evam uktaḥ sa viprarṣiḥ sudyumnam idam abravīt; pratiśrauṣi kariṣyeti śrutvā tat kartum arhasi
So angesprochen, sagte der Brahmanenseher dies zu Sudyumna: „Du hast versprochen: ‚Ich werde es tun.‘ Nachdem du es gehört hast, musst du es ausführen.
Wort für Wort
evam uktaḥ
so angesprochen (Part. Perf. Pass.)
sa viprarṣiḥ
jener Brahmanenseher (Nom.)
sudyumnam idam abravīt
sagte dies zu Sudyumna (Akk.; 3.Sg.Impf.)
pratiśrauṣi kariṣyeti
du hast versprochen: ich werde es tun (2.Sg.Aor.; 1.Sg.Fut. + iti)
śrutvā tat kartum arhasi
nachdem du es gehört hast, musst du es tun (Abs.; Inf.; 2.Sg.Präs.)
Sudyumna sprach: „Wenn der König dir als maßgebend gilt beim Verhängen der Strafe, so möge er auch beim Erlass [der Strafe] der Grund sein, Stier unter den Brahmanen.
Wort für Wort
sudyumna uvāca
Sudyumna sprach
pramāṇaṃ cet mato rājā
wenn maßgebend der König gilt (Nom.; Part. Perf. Pass.)
bhavato daṇḍadhāraṇe
für dich beim Verhängen der Strafe (Gen.; Lok.)
anujñāyām api tathā
auch bei der Erlaubnis/Freigabe ebenso (Lok.)
hetuḥ syād brāhmaṇarṣabha
Grund möge er sein, Stier unter den Brahmanen (Nom.; Opt.; Vok.)
„Brahmanenmord, Branntweintrinken, Diebstahl, Beischlaf mit der Frau des Lehrers: als große Sünden bezeichnet man sie, ebenso die Verbindung mit ihnen. Keine große Sünde, Brahmane, gleicht dem Diebstahl; in dieser Welt, Hochgesegneter, ist er dem Brahmanenmord gleich. Bei allen Sündern, Brahmane, heißt die Strafe die am Körper; beim Dieb besonders wird keine andere Strafe verhängt. Ob Brahmane, Kṣatriya oder Vaiśya, Śūdra oder Zweimalgeborener: alle sind, wenn die Sünde absichtlich begangen wurde, zu töten, ohne Zweifel. Menschen, die von Königen die Strafe erhalten haben, nachdem sie Sünden begangen haben, gehen makellos in den Himmel, wie die Guten, die Gutes getan haben. Unsere Familie ist gerettet, Brahmane, da vom König an dir die Strafe verhängt wurde.“
Wort für Wort
brahmahatyāṃ surāpānaṃ steyaṃ gurvaṅganāgamam
Brahmanenmord, Branntweintrinken, Diebstahl, Beischlaf mit der Frau des Lehrers (Akk.)
mahānti pātakāny āhuḥ
große Sünden nennt man sie (Akk.Pl.n.; 3.Pl.Perf.)
saṃyogaṃ caiva taiḥ saha
und auch die Verbindung mit ihnen (Akk.; Instr.)
na steyasadṛśaṃ brahman mahāpātakam asty uta
keine große Sünde gleicht dem Diebstahl, Brahmane (Nom.n.; Vok.; 3.Sg.Präs.)
jagaty asmin mahābhāga brahmahatyāsamaṃ hi tat
in dieser Welt, Hochgesegneter, ist es dem Brahmanenmord gleich (Lok.; Vok.; Nom.n.)
sarvapātakināṃ brahman daṇḍaḥ śārīra ucyate
bei allen Sündern, Brahmane, heißt die Strafe die körperliche (Gen.Pl.; Nom.; Pass.)
taskarasya viśeṣeṇa nānyo daṇḍo vidhīyate
beim Dieb besonders wird keine andere Strafe angeordnet (Gen.; Instr.; Pass.)
gerettet ist unsere Familie, Brahmane, da vom König an dir die Strafe verhängt wurde (Part.; Gen.; Nom.; Lok. absolutus)
Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert). Zusatzpassage. Der letzte Satz wörtlich: „Unsere Familie ist emporgehoben, da vom König an dir die Strafe verhängt wurde.“
Vyāsa sprach: „Als Likhita dieses Wort Śaṅkhas gehört hatte, tauchte er in den heiligen Fluss und schickte sich an, das Wasser [für die Spende zu schöpfen].“
Wort für Wort
vyāsa uvāca
Vyāsa sprach
tasya tad vacanaṃ śrutvā
dessen Wort gehört habend (Gen.; Akk.; Abs.)
śaṅkhasya likhitas tadā
Śaṅkhas [Wort], Likhita damals (Gen.; Nom.)
avagāhyāpagāṃ puṇyām
in den heiligen Fluss eingetaucht (Abs.; Akk.f.)
udakārthaṃ pracakrame
begann zwecks Wasser(spende) (Adv.; 3.Sg.Perf. Med.)
tatas tam abravīc chaṅkhas tapasedaṃ kṛtaṃ mayā; mā ca te 'tra viśaṅkā bhūd daivam eva vidhīyate
Da sagte Śaṅkha zu ihm: „Durch Askese ist dies von mir bewirkt worden; und du sollst hierüber keinen Zweifel haben: Es ist eben göttliche Fügung, die hier wirkt.“
Wort für Wort
tatas tam abravīc chaṅkhaḥ
da sagte Śaṅkha zu ihm (Akk.; 3.Sg.Impf.)
tapasā idaṃ kṛtaṃ mayā
durch Askese ist dies von mir getan (Instr.; Part.; Instr.)
mā ca te 'tra viśaṅkā bhūt
und du sollst hier keinen Zweifel haben (Prohib. Aor.)
śaṅkha uvāca; evam etan mayā kāryaṃ nāhaṃ daṇḍadharas tava; sa ca pūto narapatis tvaṃ cāpi pitṛbhiḥ saha
Śaṅkha sprach: „So musste dies von mir getan werden; ich bin nicht dein Strafverhänger. Auch jener König ist gereinigt, und du ebenfalls samt den Ahnen.“
vyāsa uvāca; sa rājā pāṇḍavaśreṣṭha śreṣṭho vai tena karmaṇā; prāptavān paramāṃ siddhiṃ dakṣaḥ prācetaso yathā
Vyāsa sprach: „Jener König, bester der Pāṇḍavas, wurde durch diese Tat zum Besten; er erlangte die höchste Vollendung wie der geschickte Dakṣa Prācetasa.“
Wort für Wort
vyāsa uvāca
Vyāsa sprach
sa rājā pāṇḍavaśreṣṭha
jener König, bester der Pāṇḍavas (Nom.; Vok.)
śreṣṭho vai tena karmaṇā
durch diese Tat der Beste (Nom.; Instr.)
prāptavān paramāṃ siddhim
erlangte die höchste Vollendung (Part. Perf. Akt.; Akk.)
dakṣaḥ prācetaso yathā
wie der geschickte Dakṣa, Sohn des Pracetas (Nom.)