Quellen der Menschheit

Mahābhārata · Śāntiparva

Kapitel 145: lubdhakasya svargagamanam Der Jäger erlangt durch Selbstverbrennung den Himmel; Lob des Schutzgewährens

Schluss der Taubengeschichte: Der Jäger, vom Anblick des himmlischen Taubenpaares erschüttert, entsagt und geht ins Feuer. Bhīṣma schließt mit dem Lob des Zuhörens und der Pflicht gegenüber Schutzsuchenden.

bhīṣma uvāca; vimānasthau tu tau rājaṃl lubdhako vai dadarśa ha; dṛṣṭvā tau daṃpatī duḥkhād acintayata sadgatim

Bhīṣma sprach: Der Jäger aber erblickte, o König, die beiden im himmlischen Wagen [stehend]; als er das Paar sah, sann er aus Kummer auf den guten Weg.

Wort für Wort
bhīṣma uvāca
Bhīṣma sprach (Perf.3.Sg.)
vimānasthau tu tau rājan
die beiden im Luftwagen Stehenden aber, o König (Nom.Du./Vok.)
lubdhako vai dadarśa ha
der Jäger erblickte fürwahr (Nom.Sg.; Perf.3.Sg.)
dṛṣṭvā tau daṃpatī
als er das Paar gesehen hatte (Abs.; Akk.Du.)
duḥkhād acintayata sadgatim
aus Kummer dachte er nach über den guten Weg (Abl.; Impf.3.Sg.; Akk.)

kīdṛśeneha tapasā gaccheyaṃ paramāṃ gatim; iti buddhyā viniścitya gamanāyopacakrame

„Mit welcher Askese könnte ich hier die höchste Bahn erreichen?“ So im Geiste entschlossen, machte er sich zum Aufbruch auf.

Wort für Wort
kīdṛśeneha tapasā
durch welche Art von Askese hier (Instr.)
gaccheyaṃ paramāṃ gatim
könnte ich erreichen die höchste Bahn (Opt.1.Sg.; Akk.)
iti buddhyā viniścitya
so durch den Verstand entschieden habend (Abs.)
gamanāyopacakrame
machte sich auf zum Gehen (Dat.; Perf.3.Sg.Med.)

mahāprasthānam āśritya lubdhakaḥ pakṣijīvanaḥ; niśceṣṭo mārutāhāro nirmamaḥ svargakāṅkṣayā

Er nahm den Großen Auszug auf sich, der Jäger, der von Vögeln lebte: regungslos, von Luft sich nährend, ohne Besitzdenken, aus Verlangen nach dem Himmel.

Wort für Wort
mahāprasthānam āśritya
zum Großen Auszug Zuflucht genommen habend (Akk.; Abs.)
lubdhakaḥ pakṣijīvanaḥ
der Jäger, der von Vögeln lebte (Nom.Sg.; Bahuvrīhi)
niśceṣṭo mārutāhāro
regungslos, Wind als Nahrung habend (Nom.Sg.)
nirmamaḥ svargakāṅkṣayā
ohne Ichbezug/Besitzdenken, aus Himmelsverlangen (Nom.Sg.; Instr.)

tato 'paśyat suvistīrṇaṃ hṛdyaṃ padmavibhūṣitam; nānādvijagaṇākīrṇaṃ saraḥ śītajalaṃ śubham; pipāsārto 'pi tad dṛṣṭvā tṛptaḥ syān nātra saṃśayaḥ

Da sah er einen sehr weiten, herzerfreuenden, von Lotos geschmückten, von Scharen mannigfacher Vögel erfüllten, lieblichen See mit kühlem Wasser; selbst von Durst gequält wäre man bei seinem Anblick gesättigt, daran ist kein Zweifel.

Wort für Wort
tato 'paśyat suvistīrṇaṃ hṛdyam
da sah er einen sehr weiten, herzgewinnenden [See] (Impf.3.Sg.; Akk.)
padmavibhūṣitam
von Lotosblumen geschmückt (Akk.)
nānādvijagaṇākīrṇaṃ saraḥ
von Scharen verschiedener Vögel erfüllt, den See (Akk.)
śītajalaṃ śubham
kaltes Wasser habend, lieblich (Akk.)
pipāsārto 'pi tad dṛṣṭvā
auch von Durst Geplagter, wenn er dies gesehen hat (Nom.; Abs.)
tṛptaḥ syān nātra saṃśayaḥ
wäre gesättigt, hier ist kein Zweifel (Opt.3.Sg.; Nom.)

upavāsakṛśo 'tyarthaṃ sa tu pārthiva lubdhakaḥ; upasarpata saṃhṛṣṭaḥ śvāpadādhyuṣitaṃ vanam

Durch Fasten über die Maßen abgemagert, o König, näherte sich der Jäger erfreut dem von Raubtieren bewohnten Wald.

Wort für Wort
upavāsakṛśo 'tyartham
durch Fasten sehr abgemagert (Nom.Sg.; Adv.)
sa tu pārthiva lubdhakaḥ
er aber, o König, der Jäger (Nom.; Vok.)
upasarpata saṃhṛṣṭaḥ
näherte sich, hocherfreut (Impf.3.Sg.Med.; Nom.)
śvāpadādhyuṣitaṃ vanam
von Raubtieren bewohnt, den Wald (Akk.)

upasarpata: Impf. Med. ohne Augment, metrisch.

mahāntaṃ niścayaṃ kṛtvā lubdhakaḥ praviveśa ha; praviśann eva ca vanaṃ nigṛhītaḥ sa kaṇṭakaiḥ

Einen großen Entschluss gefasst, trat der Jäger ein; und kaum den Wald betreten, wurde er von Dornen gepackt.

Wort für Wort
mahāntaṃ niścayaṃ kṛtvā
einen großen Entschluss gefasst habend (Akk.; Abs.)
lubdhakaḥ praviveśa ha
der Jäger trat ein (Perf.3.Sg.)
praviśann eva ca vanam
und eben beim Betreten des Waldes (Part.Präs.; Akk.)
nigṛhītaḥ sa kaṇṭakaiḥ
wurde er von Dornen ergriffen (PPP; Instr.Pl.)

sa kaṇṭakavibhugnāṅgo lohitārdrīkṛtacchaviḥ; babhrāma tasmin vijane nānāmṛgasamākule

Mit von Dornen zerrissenen Gliedern, die Haut von Blut benetzt, irrte er in jener menschenleeren, von vielerlei Wild wimmelnden [Wildnis] umher.

Wort für Wort
sa kaṇṭakavibhugnāṅgo
er, dessen Glieder von Dornen zerrissen waren (Nom.Sg.; Bahuvrīhi)
lohitārdrīkṛtacchaviḥ
dessen Haut von Blut nass gemacht war (Nom.Sg.)
babhrāma tasmin vijane
irrte umher in jener Einöde (Perf.3.Sg.; Lok.)
nānāmṛgasamākule
von vielerlei Wild erfüllt (Lok.)

tato drumāṇāṃ mahatāṃ pavanena vane tadā; udatiṣṭhata saṃgharṣāt sumahān havyavāhanaḥ

Da erhob sich damals im Wald, durch den Wind und die Reibung der großen Bäume, ein gewaltiges Feuer.

Wort für Wort
tato drumāṇāṃ mahatām
da der großen Bäume (Gen.Pl.)
pavanena vane tadā
durch den Wind, im Wald, damals (Instr.; Lok.)
udatiṣṭhata saṃgharṣāt
erhob sich aus Reibung (Impf.3.Sg.Med.; Abl.)
sumahān havyavāhanaḥ
ein sehr großer Opfergut-Träger, das Feuer (Nom.Sg.)

tad vanaṃ vṛkṣasaṃkīrṇaṃ latāviṭapasaṃkulam; dadāha pāvakaḥ kruddho yugāntāgnisamaprabhaḥ

Jenen von Bäumen dichten, von Ranken und Zweigen erfüllten Wald verbrannte das zornige Feuer, gleißend wie das Feuer am Weltende.

Wort für Wort
tad vanaṃ vṛkṣasaṃkīrṇam
jenen Wald, von Bäumen dicht besetzt (Akk.)
latāviṭapasaṃkulam
von Ranken und Zweigen erfüllt (Akk.)
dadāha pāvakaḥ kruddho
verbrannte, das Feuer, zornig (Perf.3.Sg.; Nom.)
yugāntāgnisamaprabhaḥ
dem Feuer am Ende des Weltalters gleich an Glanz (Nom.Sg.)

sajvālaiḥ pavanoddhūtair visphuliṅgaiḥ samanvitaḥ; dadāha tad vanaṃ ghoraṃ mṛgapakṣisamākulam

Mit Flammen, vom Wind aufgewirbelt, und mit Funken versehen, verbrannte es den schrecklichen, von Wild und Vögeln wimmelnden Wald.

Wort für Wort
sajvālaiḥ pavanoddhūtaiḥ
mit Flammen, vom Wind aufgewirbelt (Instr.Pl.)
visphuliṅgaiḥ samanvitaḥ
mit Funken versehen (Instr.Pl.; Nom.Sg.)
dadāha tad vanaṃ ghoram
verbrannte jenen schrecklichen Wald (Perf.3.Sg.; Akk.)
mṛgapakṣisamākulam
von Wild und Vögeln erfüllt (Akk.)

tataḥ sa dehamokṣārthaṃ saṃprahṛṣṭena cetasā; abhyadhāvata saṃvṛddhaṃ pāvakaṃ lubdhakas tadā

Da lief der Jäger damals, um den Leib abzulegen, mit hocherfreutem Geist dem mächtig angewachsenen Feuer entgegen.

Wort für Wort
tataḥ sa dehamokṣārtham
da er, um den Körper abzulegen (Adv.; Nom.; Akk.)
saṃprahṛṣṭena cetasā
mit hocherfreutem Geist (Instr.)
abhyadhāvata saṃvṛddhaṃ pāvakam
lief zu dem stark angewachsenen Feuer hin (Impf.3.Sg.; Akk.)
lubdhakas tadā
der Jäger damals (Nom.)

saṃvṛddha: 'angewachsen, mächtig geworden'.

tatas tenāgninā dagdho lubdhako naṣṭakilbiṣaḥ; jagāma paramāṃ siddhiṃ tadā bharatasattama

Da, von jenem Feuer verbrannt, ging der Jäger, von Schuld befreit, damals zur höchsten Vollendung, o Bester der Bharatas.

Wort für Wort
tatas tenāgninā dagdho
da von jenem Feuer verbrannt (Instr.; PPP Nom.)
lubdhako naṣṭakilbiṣaḥ
der Jäger, dessen Schuld vergangen war (Nom.; Bahuvrīhi)
jagāma paramāṃ siddhim
ging zur höchsten Vollendung (Perf.3.Sg.; Akk.)
tadā bharatasattama
damals, o Bester der Bharatas (Vok.)

tataḥ svargastham ātmānaṃ so 'paśyad vigatajvaraḥ; yakṣagandharvasiddhānāṃ madhye bhrājantam indravat

Dann sah er sich im Himmel weilend, fieberfrei, inmitten von Yakṣas, Gandharvas und Siddhas strahlend wie Indra.

Wort für Wort
tataḥ svargastham ātmānam
dann sich selbst im Himmel befindlich (Akk.)
so 'paśyad vigatajvaraḥ
er sah, fieberfrei (Impf.3.Sg.; Nom.)
yakṣagandharvasiddhānām
der Yakṣas, Gandharvas und Siddhas (Gen.Pl.)
madhye bhrājantam indravat
inmitten strahlend, wie Indra (Lok.; Part.Akk.; Adv.)

evaṃ khalu kapotaś ca kapotī ca pativratā; lubdhakena saha svargaṃ gatāḥ puṇyena karmaṇā

So gelangten fürwahr der Täuberich und die Taube, dem Gatten treu ergeben, zusammen mit dem Jäger durch verdienstvolles Werk in den Himmel.

Wort für Wort
evaṃ khalu kapotaś ca
so fürwahr der Täuberich und (Nom.Sg.)
kapotī ca pativratā
und die Taube, dem Gatten gelobt/treu (Nom.Sg.f.)
lubdhakena saha svargam
mit dem Jäger zusammen, in den Himmel (Instr.; Akk.)
gatāḥ puṇyena karmaṇā
gegangen, durch verdienstvolles Werk (PPP Nom.Pl.; Instr.)

yāpi caivaṃvidhā nārī bhartāram anuvartate; virājate hi sā kṣipraṃ kapotīva divi sthitā

Und auch die Frau von solcher Art, die ihrem Gatten folgt, glänzt rasch, im Himmel weilend, gleich der Taube.

Wort für Wort
yāpi caivaṃvidhā nārī
und auch jede Frau von solcher Art (Nom.Sg.f.)
bhartāram anuvartate
folgt dem Gatten (Akk.; Präs.3.Sg.Med.)
virājate hi sā kṣipram
sie glänzt fürwahr rasch (Präs.3.Sg.Med.)
kapotīva divi sthitā
wie die Taube im Himmel weilend (Lok.; PPP Nom.f.)

evam etat purā vṛttaṃ lubdhakasya mahātmanaḥ; kapotasya ca dharmiṣṭhā gatiḥ puṇyena karmaṇā

So hat sich dies einst ereignet mit dem hochgesinnten Jäger; und der Weg des Täuberichs, der rechtschaffene, [führte] durch verdienstvolles Werk [zum Ziel].

Wort für Wort
evam etat purā vṛttam
so dies früher geschehen (PPP Nom.n.)
lubdhakasya mahātmanaḥ
des hochgesinnten Jägers (Gen.)
kapotasya ca
und des Täuberichs (Gen.)
dharmiṣṭhā gatiḥ
der rechtschaffenste Weg (Nom.Sg.f.)
puṇyena karmaṇā
durch verdienstvolles Werk (Instr.)

Zweiter Halbvers elliptisch, ohne Verb; ergänzt.

yaś cedaṃ śṛṇuyān nityaṃ yaś cedaṃ parikīrtayet; nāśubhaṃ vidyate tasya manasāpi pramādyataḥ

Wer dies stets hört und wer dies verkündet: bei dem findet sich nichts Unheilvolles, auch nicht im Geist, selbst wenn er nachlässig ist.

Wort für Wort
yaś cedaṃ śṛṇuyān nityam
und wer dies stets hören sollte (Opt.3.Sg.)
yaś cedaṃ parikīrtayet
und wer dies preisen/verkünden sollte (Opt.3.Sg.Kaus.)
nāśubhaṃ vidyate tasya
nichts Unheilvolles findet sich bei ihm (Nom.; Pass.3.Sg.; Gen.)
manasāpi pramādyataḥ
auch nicht durch den Geist, wenn er sich verfehlt (Instr.; Part.Gen.)

pramādyataḥ: Gen. Part. 'wenn er nachlässig/fehlerhaft handelt'; Deutung leicht unsicher.

yudhiṣṭhira mahān eṣa dharmo dharmabhṛtāṃ vara; goghneṣv api bhaved asmin niṣkṛtiḥ pāpakarmaṇaḥ; niṣkṛtir na bhavet tasmin yo hanyāc charaṇāgatam

Yudhiṣṭhira, groß ist dieser Dharma, o Bester der Dharma-Träger: Bei ihm gäbe es selbst für Rinderschläger Sühne; keine Sühne gäbe es [dort] für den, der einen Schutzsuchenden erschlüge.

Wort für Wort
yudhiṣṭhira mahān eṣa
Yudhiṣṭhira, groß dieser (Vok.; Nom.)
dharmo dharmabhṛtāṃ vara
Dharma, o Bester der Dharmaträger (Nom.; Gen.Pl.; Vok.)
goghneṣv api bhaved asmin
auch für Rindertöter gäbe es bei diesem (Lok.Pl.; Opt.3.Sg.; Lok.)
niṣkṛtiḥ pāpakarmaṇaḥ
Sühne für den Übeltäter (Nom.; Gen.)
niṣkṛtir na bhavet tasmin
keine Sühne gäbe es bei jenem (Opt.; Lok.)
yo hanyāc charaṇāgatam
der einen Schutzsuchenden erschlüge (Opt.3.Sg.; Akk.)

Sinn des zweiten und dritten Pādas-Paares: Für den Töter eines Schutzsuchenden gibt es keine Sühne; Lesart mit asmin/tasmin als Lok. leicht unsicher.

itihāsam imaṃ putra śrutvā pāpavināśanam; na durgatim avāpnoti svargalokaṃ ca gacchati

Wenn man, mein Sohn, diese Geschichte gehört hat, die Sünde vernichtet, gerät man nicht auf einen schlechten Weg und gelangt in die Himmelswelt.

Wort für Wort
itihāsam imaṃ putra
diese Geschichte, mein Sohn (Akk.; Vok.)
śrutvā pāpavināśanam
gehört habend, sündenvernichtend (Abs.; Akk.)
na durgatim avāpnoti
gerät nicht in schlechten Weg (Präs.3.Sg.; Akk.)
svargalokaṃ ca gacchati
und geht in die Himmelswelt (Akk.; Präs.3.Sg.)

Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert).

ārtā gṛhāgatāḥ pūjyās tathaiva śaraṇāgatāḥ

Die Bedrängten, die ins Haus Gekommenen sind zu ehren, ebenso die Schutzsuchenden.

Wort für Wort
ārtā gṛhāgatāḥ
die Bedrängten, die ins Haus Gekommenen (Nom.Pl.)
pūjyās tathaiva śaraṇāgatāḥ
zu ehren, ebenso die Schutzsuchenden (Gerundiv Nom.Pl.)

Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert).

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