Kapitel 18: videharājabhāryāsaṃvādaḥ
Arjunas Erzählung: die Königin von Videha tadelt Janakas Entsagung
Arjuna hält Yudhiṣṭhira, der die Königsherrschaft ausschlagen will, die alte Geschichte von König Janaka vor, dem seine Gattin die Wertlosigkeit seines Bettlerlebens vorhält; der Vergleich Gabe/Bettel und Hausvaterstand/Entsagung dient als Argument gegen den Rückzug in den Wald.
Als der Herr der Menschen, der König von Videha, die Herrschaft aufgegeben hatte und zum Betteln entschlossen war, sprach die Königin bekümmert zu ihm.
Wort für Wort
utsṛjya rājyam
nachdem er die Herrschaft aufgegeben hatte (Abs.)/Akk.Sg.
„Wie konntest du dein eigenes, mit Reichtum und Korn gefülltes Reich aufgeben und, die Lebensweise mit der Bettelschale annehmend, im Wald mit einer Handvoll Körner umherziehen?“
Wort für Wort
katham utsṛjya rājyaṃ svam
wie, nachdem du dein Reich aufgegeben hast (Abs./Akk.Sg.)
dhanadhānyasamācitam
mit Reichtum und Korn angefüllt (Akk.Sg.)
kāpālīṃ vṛttim āsthāya
die Lebensweise der Schädelschale/Bettelschale angenommen habend (Akk.Sg./Abs.)
dhānāmuṣṭiḥ
mit einer Handvoll Körner (Nom.Sg.)
vane acaraḥ
im Wald zogst du umher (Lok./Impf. 2.Sg.)
vane 'caraḥ: als vane acaraḥ (Impf. 2.Sg.) gedeutet.
yas tvaṃ traividyavṛddhānāṃ brāhmaṇānāṃ sahasraśaḥ; bhartā bhūtvā ca lokasya so 'dyānyair bhṛtim icchasi
„Du, der du für Tausende von in den drei Veden bewanderten, ehrwürdigen Brahmanen der Ernährer und der Erhalter der Welt warst, verlangst heute Unterhalt von anderen.“
Wort für Wort
yaḥ tvaṃ traividyavṛddhānām
du, der du für die in den drei Veden Bewanderten (Gen.Pl.)
brāhmaṇānāṃ sahasraśaḥ
der Brahmanen zu Tausenden (Gen.Pl./Adv.)
bhartā bhūtvā ca lokasya
Ernährer geworden und der Welt (Nom.Sg./Abs./Gen.)
„Die strahlende Pracht aufgebend, wirst du jetzt wie ein Hund angesehen; deine Mutter ist heute ohne Sohn, und Kausalyā [?] ist durch dich ohne Gatten.“
Wort für Wort
śriyaṃ hitvā pradīptām
die strahlende Pracht aufgebend (Akk.Sg./Abs.)
tvaṃ śvavat saṃprati
du wie ein Hund jetzt (Nom./Adv.)
vīkṣyase
wirst du angesehen (Präs.Pass. 2.Sg.)
aputrā jananī te adya
ohne Sohn deine Mutter heute (Nom.Sg.f.)
kausalyā ca apatiḥ tvayā
und Kausalyā ohne Gatten durch dich (Nom.Sg.f./Instr.)
kausalyā cāpatis tvayā: Bezug von Kausalyā unklar (Name der Mutter oder der Gattin bzw. Königin).
naiva te 'sti paro loko nāparaḥ pāpakarmaṇaḥ; dharmyān dārān parityajya yas tvam icchasi jīvitum
„Weder gibt es für dich die jenseitige Welt noch die andere, [denn du bist] ein Übeltäter, der du die rechtmäßigen Gattinnen verlässt und doch leben willst.“
Wort für Wort
na eva te asti paraḥ lokaḥ
nicht gibt es für dich die jenseitige Welt (Präs. 3.Sg.)
na aparaḥ pāpakarmaṇaḥ
auch nicht die andere, für den Übeltäter (Gen.Sg.)
dharmyān dārān parityajya
die rechtmäßigen Gattinnen verlassend (Akk.Pl./Abs.)
yaḥ tvam icchasi jīvitum
du, der du leben willst (Präs. 2.Sg./Inf.)
Sinn von na aparaḥ unsicher (etwa: auch die diesseitige/andere Welt nicht).
yas tv ayaṃ sarvam utsṛjya dhānāmuṣṭiparigrahaḥ; yadānena samaṃ sarvaṃ kim idaṃ mama dīyate; dhānāmuṣṭir ihārthaś cet pratijñā te vinaśyati
„Du aber, der du alles aufgegeben hast und nur eine Handvoll Körner behältst [?]: wenn dadurch alles gleich ist, was wird mir da gegeben? Ist eine Handvoll Körner hier dein Ziel, so geht dein Gelübde zugrunde.“
Wort für Wort
yaḥ tu ayaṃ sarvam utsṛjya
du aber, der du alles aufgegeben hast (Abs.)
dhānāmuṣṭiparigrahaḥ
eine Handvoll Körner als Besitz habend (Nom.Sg.)
yadā anena samaṃ sarvam
wenn durch dieses alles gleich ist (Instr./Nom.)
kim idam mama dīyate
was wird mir da gegeben (Präs.Pass. 3.Sg.)
dhānāmuṣṭiḥ iha arthaḥ cet
wenn hier eine Handvoll Körner das Ziel ist (Nom.)
pratijñā te vinaśyati
dein Gelübde geht zugrunde (Präs. 3.Sg.)
Text der Zeilen 2 und 3 knapp und syntaktisch unsicher; Wiedergabe sinngemäß.
kā vāhaṃ tava ko me tvaṃ ko 'dya te mayy anugrahaḥ; praśādhi pṛthivīṃ rājan yatra te 'nugraho bhavet; prāsādaṃ śayanaṃ yānaṃ vāsāṃsy ābharaṇāni ca
„Wer bin ich dir, und wer bist du mir? Was für Gunst erweist du mir heute? Regiere die Erde, König, wo dir Gunst zuteil werden mag [?]: Palast, Lager, Wagen, Gewänder und Schmuck.“
Wort für Wort
kā vā aham tava ko me tvam
wer bin ich dir, wer bist du mir (Nom.)
kaḥ adya te mayi anugrahaḥ
welche Gunst von dir an mich heute (Nom./Lok.)
praśādhi pṛthivīṃ rājan
regiere die Erde, König (Imp./Akk./Vok.)
yatra te anugrahaḥ bhavet
wo deine Gunst sein mag (Opt.)
prāsādaṃ śayanaṃ yānam
Palast, Lager, Fahrzeug (Akk.Sg.)
vāsāṃsi ābharaṇāni ca
Gewänder und Schmuck (Akk.Pl.)
Die letzte Zeile (prāsādaṃ śayanaṃ yānaṃ …) ist syntaktisch lose angefügt: Aufzählung dessen, was zur Herrschaft gehört.
śriyā nirāśair adhanais tyaktamitrair akiṃcanaiḥ; saukhikaiḥ saṃbhṛtān arthān yaḥ saṃtyajasi kiṃ nu tat
„Was soll das, dass du Güter, von Wohlhabenden angehäuft, aufgibst [?], [Güter, die] hoffnungslos, ohne Glück, besitzlos, ohne Freunde [Gebliebenen] …?“
Wort für Wort
śriyā nirāśaiḥ
von Glück her hoffnungslosen (Instr.Pl.)
adhanaiḥ tyaktamitraiḥ
mittellosen, von Freunden verlassenen (Instr.Pl.)
akiṃcanaiḥ
besitzlosen (Instr.Pl.)
saukhikaiḥ saṃbhṛtān arthān
von Wohlhabenden angehäufte Güter (Instr./Akk.Pl.)
yaḥ saṃtyajasi kiṃ nu tat
die du aufgibst: was soll das (Präs. 2.Sg./Nom.)
Vers syntaktisch schwer; Instrumentale (śriyā nirāśaiḥ …) nicht sicher zuzuordnen.
„Aus Nahrung [stammen] in dieser Welt die Hausväter, und daher ebenso die Bettelmönche; aus Nahrung entsteht der Lebensatem: der Speisegeber wäre ein Lebensgeber.“
Wort für Wort
annāt gṛhasthāḥ loke asmin
aus Nahrung die Hausväter in dieser Welt (Abl./Nom.Pl.)
bhikṣavaḥ tataḥ eva ca
und die Bettelmönche eben daher (Nom.Pl.)
annāt prāṇaḥ prabhavati
aus Nahrung entsteht der Lebenshauch (Abl./Präs. 3.Sg.)
tyāgān na bhikṣukaṃ vidyān na mauṇḍyān na ca yācanāt; ṛjus tu yo 'rthaṃ tyajati taṃ sukhaṃ viddhi bhikṣukam
„Nicht durch Entsagung soll man einen Bettelmönch erkennen, nicht durch Kahlscherung und nicht durch Betteln; wer aufrichtig den Besitz aufgibt, den erkenne als glücklichen Bettelmönch.“
Wort für Wort
tyāgāt na bhikṣukaṃ vidyāt
nicht durch Aufgeben soll man einen Bettelmönch erkennen (Abl./Opt.)
na mauṇḍyāt na ca yācanāt
nicht durch Kahlscherung, nicht durch Bitten (Abl.)
ṛjuḥ tu yaḥ artham tyajati
wer aber redlich den Besitz aufgibt (Nom./Präs.)
tam sukham viddhi bhikṣukam
den erkenne als glücklichen Bettelmönch (Imp. 2.Sg.)
asaktaḥ saktavad gacchan niḥsaṅgo muktabandhanaḥ; samaḥ śatrau ca mitre ca sa vai mukto mahīpate
„Ungebunden, doch wie ein Gebundener wandelnd, ohne Anhaftung, von den Fesseln gelöst, gleich gegenüber Feind und Freund: der ist wahrlich befreit, Herr der Erde.“
Wort für Wort
asaktaḥ saktavat gacchan
ungebunden, wie gebunden gehend (Nom./Part.Präs.)
niḥsaṅgaḥ muktabandhanaḥ
ohne Anhaftung, von Fesseln befreit (Nom.Sg.)
samaḥ śatrau ca mitre ca
gleich gegen Feind und Freund (Nom./Lok.)
saḥ vai muktaḥ mahīpate
der ist wahrlich befreit, Herr der Erde (Nom./Vok.)
„Sie wandern um der Gabe willen umher, Kahlgeschorene in ockerfarbenen Gewändern, mit vielerlei Fesseln gebunden, und häufen umsonst Beute [Köder] an.“
Wort für Wort
parivrajanti dānārtham
sie wandern umher, um der Gabe willen (Präs. 3.Pl./Adv.)
muṇḍāḥ kāṣāyavāsasaḥ
Kahlgeschorene, ockergewandet (Nom.Pl.)
sitāḥ bahuvidhaiḥ pāśaiḥ
gebunden mit vielerlei Fesseln (Part.Pass./Instr.Pl.)
„Bei nicht abgeklärter Leidenschaft ist das Ockergewand, wisse das, [ein Mittel] zum Streben nach Gewinn; für die kahlgeschorenen Träger von Dharma-Bannern dient es, so meine ich, dem Lebensunterhalt.“
Wort für Wort
aniṣkaṣāye kāṣāyam
bei nicht geläutert-leidenschaftsfreiem [Sinn] das Ockergewand (Lok.Sg./Nom.)
īhārtham iti viddhi tat
dies wisse als zum Streben (nach Gewinn) bestimmt (Imp.)
dharmadhvajānāṃ muṇḍānām
der Dharma-Banner-Träger, der Kahlgeschorenen (Gen.Pl.)
„Nährst du Fromme – in Ocker, Felle und Lumpen gekleidete, Nackte, Kahlgeschorene, Flechtenträger –, Großkönig, so gewinne dir die Welten, Bezwinger der Sinne.“
Wort für Wort
kāṣāyaiḥ ajinaiḥ cīraiḥ
mit Ockergewändern, Fellen, Lumpen (Instr.Pl.)
nagnān muṇḍān jaṭādharān
Nackte, Kahlgeschorene, Flechtenträger (Akk.Pl.)
bibhrat sādhūn mahārāja
ernährend die Frommen, Großkönig (Part.Präs./Akk.Pl./Vok.)
jaya lokān jitendriyaḥ
gewinne die Welten, Sinnenbezwinger (Imp. 2.Sg./Akk.Pl./Nom.)
„Ein Kenner der Wahrheit ist König Janaka“, so wird in dieser Welt gesungen; auch er war von Verblendung erfüllt: verfalle nicht der Macht der Verblendung.
Wort für Wort
tattvajñaḥ janakaḥ rājā
Wahrheitskenner [ist] König Janaka (Nom.Sg.)
loke asmin iti gīyate
in dieser Welt, so wird gesungen (Lok./Präs.Pass.)
saḥ api āsīt mohasaṃpannaḥ
auch er war verblendungsbehaftet (Impf. 3.Sg./Nom.)
mā mohavaśam anvagāḥ
geh nicht in die Gewalt der Verblendung (Prohib. 2.Sg.)
[Lücke im Text] … die Lehrer und Älteren Verehrenden, den Göttern, Gästen und Dienern nach Vorschrift Spenden darbringend, werden wir den ersehnten Ort erlangen [?].
Wort für Wort
**** ****
[Lücke]
guruvṛddhopacāyinaḥ
Lehrer und Ältere verehrend (Nom.Pl.)
devatātithibhṛtyānām
den Göttern, Gästen, Dienern (Gen.Pl.)
nirvapantaḥ yathāvidhi
Spenden darbringend nach Vorschrift (Part.Präs./Adv.)
sthānam iṣṭam avāpsyāmaḥ
den ersehnten Ort werden wir erlangen (Akk./Fut. 1.Pl.)
Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert). Zusatzpassage; Anfang lückenhaft (****), Schluss abgebrochen; Satz nicht vollständig überliefert.