Quellen der Menschheit

Mahābhārata · Śāntiparva

Kapitel 18: videharājabhāryāsaṃvādaḥ Arjunas Erzählung: die Königin von Videha tadelt Janakas Entsagung

Arjuna hält Yudhiṣṭhira, der die Königsherrschaft ausschlagen will, die alte Geschichte von König Janaka vor, dem seine Gattin die Wertlosigkeit seines Bettlerlebens vorhält; der Vergleich Gabe/Bettel und Hausvaterstand/Entsagung dient als Argument gegen den Rückzug in den Wald.

vaiśaṃpāyana uvāca; tūṣṇīṃbhūtaṃ tu rājānaṃ punar evārjuno 'bravīt; saṃtaptaḥ śokaduḥkhābhyāṃ rājño vākśalyapīḍitaḥ

Vaiśaṃpāyana sprach: Zu dem schweigenden König sprach Arjuna abermals, von Kummer und Leid durchglüht, von den Pfeilen der Worte des Königs gepeinigt.

Wort für Wort
vaiśaṃpāyana uvāca
Vaiśaṃpāyana sprach (Perf. 3.Sg.)
tūṣṇīṃbhūtaṃ tu rājānam
zu dem schweigend gewordenen König (Akk.Sg.)
punar eva arjunaḥ abravīt
abermals sprach Arjuna (Impf. 3.Sg.)
saṃtaptaḥ śokaduḥkhābhyām
durchglüht von Kummer und Leid (Part.Pass./Instr.Du.)
rājñaḥ vākśalyapīḍitaḥ
vom Wortpfeil des Königs gepeinigt (Gen./Kompositum, Nom.Sg.)

kathayanti purāvṛttam itihāsam imaṃ janāḥ; videharājñaḥ saṃvādaṃ bhāryayā saha bhārata

Die Leute erzählen diese alte Geschichte, die frühere Begebenheit: das Gespräch des Königs von Videha mit seiner Gattin, Bhārata.

Wort für Wort
kathayanti purāvṛttam
sie erzählen das früher Geschehene (3.Pl.Präs./Akk.Sg.)
itihāsam imaṃ janāḥ
diese Überlieferung, die Leute (Akk.Sg./Nom.Pl.)
videharājñaḥ saṃvādam
das Gespräch des Königs von Videha (Gen.Sg./Akk.Sg.)
bhāryayā saha
mit der Gattin (Instr.Sg.)
bhārata
Bhārata (Vok.Sg.)

utsṛjya rājyaṃ bhaikṣārthaṃ kṛtabuddhiṃ janeśvaram; videharājaṃ mahiṣī duḥkhitā pratyabhāṣata

Als der Herr der Menschen, der König von Videha, die Herrschaft aufgegeben hatte und zum Betteln entschlossen war, sprach die Königin bekümmert zu ihm.

Wort für Wort
utsṛjya rājyam
nachdem er die Herrschaft aufgegeben hatte (Abs.)/Akk.Sg.
bhaikṣārtham kṛtabuddhim
zum Betteln entschlossen (Akk.Sg.)
janeśvaram
den Herrn der Menschen (Akk.Sg.)
videharājam
den König von Videha (Akk.Sg.)
mahiṣī duḥkhitā
die Königin, betrübt (Nom.Sg.f.)
pratyabhāṣata
sie antwortete/sprach an (Impf. 3.Sg.Med.)

dhanāny apatyaṃ mitrāṇi ratnāni vividhāni ca; panthānaṃ pāvanaṃ hitvā janako mauṇḍyam āsthitaḥ

Besitz, Nachkommen, Freunde und mancherlei Kostbarkeiten sowie den läuternden Pfad [?] hinter sich lassend, nahm Janaka die Kahlscherung auf sich.

Wort für Wort
dhanāni apatyam mitrāṇi
Besitz, Nachkommen, Freunde (Akk.)
ratnāni vividhāni ca
und mannigfache Kostbarkeiten (Akk.Pl.)
panthānaṃ pāvanaṃ hitvā
den läuternden Pfad verlassend (Akk.Sg./Abs.)
janakaḥ
Janaka (Nom.Sg.)
mauṇḍyam āsthitaḥ
das Kahlgeschorensein angenommen habend (Akk.Sg./Part.Pass.)

panthānaṃ pāvanaṃ hitvā ist syntaktisch locker (Pfad des Hausvaters oder der Abkehr); Deutung unsicher.

taṃ dadarśa priyā bhāryā bhaikṣyavṛttim akiṃcanam; dhānāmuṣṭim upāsīnaṃ nirīhaṃ gatamatsaram

Ihn sah die geliebte Gattin: von Bettelnahrung lebend, besitzlos, eine Handvoll Körner bei sich, ohne Streben, frei von Neid.

Wort für Wort
tam dadarśa
ihn sah (Perf. 3.Sg.)
priyā bhāryā
die geliebte Gattin (Nom.Sg.f.)
bhaikṣyavṛttim akiṃcanam
von Almosen lebend, besitzlos (Akk.Sg.)
dhānāmuṣṭim upāsīnam
bei einer Handvoll Körner sitzend (Akk.Sg.)
nirīham gatamatsaram
ohne Bestreben, ohne Neid (Akk.Sg.)

tam uvāca samāgamya bhartāram akutobhayam; kruddhā manasvinī bhāryā vivikte hetumad vacaḥ

Nachdem sie zu ihm getreten war, sprach die zornige, verständige Gattin an einsamem Ort begründete Worte zu ihrem Gatten, der von nirgends Furcht hat.

Wort für Wort
tam uvāca samāgamya
sprach zu ihm, nachdem sie ihn erreicht hatte (Perf./Abs.)
bhartāram akutobhayam
zum Gatten, der nirgendher Furcht hat (Akk.Sg.)
kruddhā manasvinī bhāryā
zornig, klugsinnig, die Gattin (Nom.Sg.f.)
vivikte
an einsamem Ort (Lok.Sg.)
hetumat vacaḥ
begründete Rede (Akk.Sg.)

katham utsṛjya rājyaṃ svaṃ dhanadhānyasamācitam; kāpālīṃ vṛttim āsthāya dhānāmuṣṭir vane 'caraḥ

„Wie konntest du dein eigenes, mit Reichtum und Korn gefülltes Reich aufgeben und, die Lebensweise mit der Bettelschale annehmend, im Wald mit einer Handvoll Körner umherziehen?“

Wort für Wort
katham utsṛjya rājyaṃ svam
wie, nachdem du dein Reich aufgegeben hast (Abs./Akk.Sg.)
dhanadhānyasamācitam
mit Reichtum und Korn angefüllt (Akk.Sg.)
kāpālīṃ vṛttim āsthāya
die Lebensweise der Schädelschale/Bettelschale angenommen habend (Akk.Sg./Abs.)
dhānāmuṣṭiḥ
mit einer Handvoll Körner (Nom.Sg.)
vane acaraḥ
im Wald zogst du umher (Lok./Impf. 2.Sg.)

vane 'caraḥ: als vane acaraḥ (Impf. 2.Sg.) gedeutet.

pratijñā te 'nyathā rājan viceṣṭā cānyathā tava; yad rājyaṃ mahad utsṛjya svalpe tuṣyasi pārthiva

„Dein Gelübde ist ein anderes, König, und dein Tun ein anderes, da du ein großes Reich aufgibst und dich mit Geringem begnügst, Fürst.“

Wort für Wort
pratijñā te anyathā rājan
dein Gelöbnis ist anders, König (Nom.Sg./Gen./Vok.)
viceṣṭā ca anyathā tava
und dein Verhalten anders (Nom.Sg.f.)
yad rājyaṃ mahad utsṛjya
da du ein großes Reich aufgebend (Abs.)
svalpe tuṣyasi
du dich mit Geringem zufriedengibst (Lok./Präs. 2.Sg.)
pārthiva
Fürst (Vok.Sg.)

naitenātithayo rājan devarṣipitaras tathā; śakyam adya tvayā bhartuṃ moghas te 'yaṃ pariśramaḥ

„Damit, König, können heute weder Gäste noch göttliche Seher noch Ahnen von dir unterhalten werden; vergeblich ist diese deine Mühe.“

Wort für Wort
na etena atithayaḥ rājan
damit nicht Gäste, König (Instr.Sg./Nom.Pl.)
devarṣipitaraḥ tathā
göttliche Seher und Ahnen ebenso (Nom.Pl.)
śakyam adya tvayā bhartum
ist heute von dir zu ernähren möglich (Gerundiv/Inf.)
moghaḥ te ayaṃ pariśramaḥ
vergeblich ist diese deine Anstrengung (Nom.Sg.)

devatātithibhiś caiva pitṛbhiś caiva pārthiva; sarvair etaiḥ parityaktaḥ parivrajasi niṣkriyaḥ

„Von Göttern und Gästen und ebenso von den Ahnen, Fürst, von diesen allen verlassen, ziehst du untätig als Wanderasket umher.“

Wort für Wort
devatātithibhiḥ ca eva
von Göttern und Gästen (Instr.Pl.)
pitṛbhiḥ ca eva pārthiva
und von Ahnen, Fürst (Instr.Pl./Vok.)
sarvaiḥ etaiḥ parityaktaḥ
von allen diesen verlassen (Instr.Pl./Part.Pass.)
parivrajasi niṣkriyaḥ
du wanderst umher, untätig (Präs. 2.Sg./Nom.)

yas tvaṃ traividyavṛddhānāṃ brāhmaṇānāṃ sahasraśaḥ; bhartā bhūtvā ca lokasya so 'dyānyair bhṛtim icchasi

„Du, der du für Tausende von in den drei Veden bewanderten, ehrwürdigen Brahmanen der Ernährer und der Erhalter der Welt warst, verlangst heute Unterhalt von anderen.“

Wort für Wort
yaḥ tvaṃ traividyavṛddhānām
du, der du für die in den drei Veden Bewanderten (Gen.Pl.)
brāhmaṇānāṃ sahasraśaḥ
der Brahmanen zu Tausenden (Gen.Pl./Adv.)
bhartā bhūtvā ca lokasya
Ernährer geworden und der Welt (Nom.Sg./Abs./Gen.)
saḥ adya anyaiḥ
der heute von anderen (Nom./Instr.Pl.)
bhṛtim icchasi
Unterhalt begehrst du (Akk./Präs. 2.Sg.)

śriyaṃ hitvā pradīptāṃ tvaṃ śvavat saṃprati vīkṣyase; aputrā jananī te 'dya kausalyā cāpatis tvayā

„Die strahlende Pracht aufgebend, wirst du jetzt wie ein Hund angesehen; deine Mutter ist heute ohne Sohn, und Kausalyā [?] ist durch dich ohne Gatten.“

Wort für Wort
śriyaṃ hitvā pradīptām
die strahlende Pracht aufgebend (Akk.Sg./Abs.)
tvaṃ śvavat saṃprati
du wie ein Hund jetzt (Nom./Adv.)
vīkṣyase
wirst du angesehen (Präs.Pass. 2.Sg.)
aputrā jananī te adya
ohne Sohn deine Mutter heute (Nom.Sg.f.)
kausalyā ca apatiḥ tvayā
und Kausalyā ohne Gatten durch dich (Nom.Sg.f./Instr.)

kausalyā cāpatis tvayā: Bezug von Kausalyā unklar (Name der Mutter oder der Gattin bzw. Königin).

aśītir dharmakāmās tvāṃ kṣatriyāḥ paryupāsate; tvadāśām abhikāṅkṣantyaḥ kṛpaṇāḥ phalahetukāḥ

„Achtzig dharmaliebende Kṣatriyas dienen dir, auf deine Hoffnung erpicht, armselig, um des Lohnes willen.“

Wort für Wort
aśītiḥ dharmakāmāḥ
achtzig dharmaliebende (Nom.)
kṣatriyāḥ tvām paryupāsate
Kṣatriyas dich bedienen (Präs. 3.Pl.Med.)
tvadāśām abhikāṅkṣantyaḥ
auf deine Hoffnung erpicht (Part.Präs.f.Pl.)
kṛpaṇāḥ phalahetukāḥ
erbärmlich, um Lohn willen (Nom.Pl.)

abhikāṅkṣantyaḥ ist grammatisch feminin; Bezug unklar.

tāś ca tvaṃ viphalāḥ kurvan kāṃl lokān nu gamiṣyasi; rājan saṃśayite mokṣe paratantreṣu dehiṣu

„Diese machst du enttäuscht: in welche Welten wirst du gehen, König, wo die Erlösung zweifelhaft ist und die Verkörperten von anderem abhängig sind?“

Wort für Wort
tāḥ ca tvaṃ viphalāḥ kurvan
und diese du erfolglos machend (Akk.Pl.f./Part.Präs.)
kān lokān nu gamiṣyasi
in welche Welten wirst du wohl gehen (Akk.Pl./Fut. 2.Sg.)
rājan saṃśayite mokṣe
König, da die Erlösung zweifelhaft ist (Vok./Lok.abs.)
paratantreṣu dehiṣu
bei von anderen abhängigen Verkörperten (Lok.Pl.)

naiva te 'sti paro loko nāparaḥ pāpakarmaṇaḥ; dharmyān dārān parityajya yas tvam icchasi jīvitum

„Weder gibt es für dich die jenseitige Welt noch die andere, [denn du bist] ein Übeltäter, der du die rechtmäßigen Gattinnen verlässt und doch leben willst.“

Wort für Wort
na eva te asti paraḥ lokaḥ
nicht gibt es für dich die jenseitige Welt (Präs. 3.Sg.)
na aparaḥ pāpakarmaṇaḥ
auch nicht die andere, für den Übeltäter (Gen.Sg.)
dharmyān dārān parityajya
die rechtmäßigen Gattinnen verlassend (Akk.Pl./Abs.)
yaḥ tvam icchasi jīvitum
du, der du leben willst (Präs. 2.Sg./Inf.)

Sinn von na aparaḥ unsicher (etwa: auch die diesseitige/andere Welt nicht).

srajo gandhān alaṃkārān vāsāṃsi vividhāni ca; kimartham abhisaṃtyajya parivrajasi niṣkriyaḥ

„Kränze, Wohlgerüche, Schmuck und mancherlei Gewänder: weshalb wanderst du, sie verlassend, untätig umher?“

Wort für Wort
srajaḥ gandhān alaṃkārān
Kränze, Düfte, Schmuck (Akk.Pl.)
vāsāṃsi vividhāni ca
und vielerlei Gewänder (Akk.Pl.)
kimartham abhisaṃtyajya
wozu, sie ganz aufgegeben habend (Abs.)
parivrajasi niṣkriyaḥ
wanderst du umher, untätig (Präs. 2.Sg.)

nipānaṃ sarvabhūtānāṃ bhūtvā tvaṃ pāvanaṃ mahat; āḍhyo vanaspatir bhūtvā so 'dyānyān paryupāsase

„Der du für alle Wesen eine große, läuternde Tränke warst, ein reicher Baum, dienst du heute anderen.“

Wort für Wort
nipānaṃ sarvabhūtānām
Tränke aller Wesen (Akk.Sg./Gen.Pl.)
bhūtvā tvaṃ pāvanaṃ mahat
geworden du, läuternd, groß (Abs./Nom./Akk.)
āḍhyaḥ vanaspatiḥ bhūtvā
ein reicher Baum geworden (Nom.Sg./Abs.)
saḥ adya anyān paryupāsase
der bedienst du heute andere (Präs. 2.Sg.Med.)

khādanti hastinaṃ nyāse kravyādā bahavo 'py uta; bahavaḥ kṛmayaś caiva kiṃ punas tvām anarthakam

„Einen Elefanten fressen, wenn er hingestreckt daliegt [?], viele Fleischfresser, und viele Würmer ebenso; wie viel eher dich, den Nutzlosen.“

Wort für Wort
khādanti hastinam
sie fressen einen Elefanten (Präs. 3.Pl./Akk.Sg.)
nyāse
wenn er hingelegt ist [?] (Lok.Sg.)
kravyādāḥ bahavaḥ api uta
Fleischfresser, viele, auch (Nom.Pl.)
bahavaḥ kṛmayaḥ ca eva
und viele Würmer ebenso (Nom.Pl.)
kiṃ punaḥ tvām anarthakam
wie viel mehr dich, den Nutzlosen (Akk.Sg.)

nyāse: Bedeutung unsicher (etwa: wenn er niedergelegt/tot daliegt).

ya imāṃ kuṇḍikāṃ bhindyāt triviṣṭabdhaṃ ca te haret; vāsaś cāpaharet tasmin kathaṃ te mānasaṃ bhavet

„Wer diesen Wasserkrug zerbräche, deinen Dreistab stähle und das Gewand raubte: wie wäre dann dein Gemüt ihm gegenüber?“

Wort für Wort
yaḥ imāṃ kuṇḍikāṃ bhindyāt
wer diesen Wasserkrug zerbräche (Opt. 3.Sg.)
triviṣṭabdhaṃ ca te haret
und deinen Dreistab wegnähme (Akk./Opt. 3.Sg.)
vāsaḥ ca apaharet
und das Gewand raubte (Opt.)
tasmin katham te mānasam bhavet
wie wäre dir gegen ihn das Gemüt (Lok./Opt.)

yas tv ayaṃ sarvam utsṛjya dhānāmuṣṭiparigrahaḥ; yadānena samaṃ sarvaṃ kim idaṃ mama dīyate; dhānāmuṣṭir ihārthaś cet pratijñā te vinaśyati

„Du aber, der du alles aufgegeben hast und nur eine Handvoll Körner behältst [?]: wenn dadurch alles gleich ist, was wird mir da gegeben? Ist eine Handvoll Körner hier dein Ziel, so geht dein Gelübde zugrunde.“

Wort für Wort
yaḥ tu ayaṃ sarvam utsṛjya
du aber, der du alles aufgegeben hast (Abs.)
dhānāmuṣṭiparigrahaḥ
eine Handvoll Körner als Besitz habend (Nom.Sg.)
yadā anena samaṃ sarvam
wenn durch dieses alles gleich ist (Instr./Nom.)
kim idam mama dīyate
was wird mir da gegeben (Präs.Pass. 3.Sg.)
dhānāmuṣṭiḥ iha arthaḥ cet
wenn hier eine Handvoll Körner das Ziel ist (Nom.)
pratijñā te vinaśyati
dein Gelübde geht zugrunde (Präs. 3.Sg.)

Text der Zeilen 2 und 3 knapp und syntaktisch unsicher; Wiedergabe sinngemäß.

kā vāhaṃ tava ko me tvaṃ ko 'dya te mayy anugrahaḥ; praśādhi pṛthivīṃ rājan yatra te 'nugraho bhavet; prāsādaṃ śayanaṃ yānaṃ vāsāṃsy ābharaṇāni ca

„Wer bin ich dir, und wer bist du mir? Was für Gunst erweist du mir heute? Regiere die Erde, König, wo dir Gunst zuteil werden mag [?]: Palast, Lager, Wagen, Gewänder und Schmuck.“

Wort für Wort
kā vā aham tava ko me tvam
wer bin ich dir, wer bist du mir (Nom.)
kaḥ adya te mayi anugrahaḥ
welche Gunst von dir an mich heute (Nom./Lok.)
praśādhi pṛthivīṃ rājan
regiere die Erde, König (Imp./Akk./Vok.)
yatra te anugrahaḥ bhavet
wo deine Gunst sein mag (Opt.)
prāsādaṃ śayanaṃ yānam
Palast, Lager, Fahrzeug (Akk.Sg.)
vāsāṃsi ābharaṇāni ca
Gewänder und Schmuck (Akk.Pl.)

Die letzte Zeile (prāsādaṃ śayanaṃ yānaṃ …) ist syntaktisch lose angefügt: Aufzählung dessen, was zur Herrschaft gehört.

śriyā nirāśair adhanais tyaktamitrair akiṃcanaiḥ; saukhikaiḥ saṃbhṛtān arthān yaḥ saṃtyajasi kiṃ nu tat

„Was soll das, dass du Güter, von Wohlhabenden angehäuft, aufgibst [?], [Güter, die] hoffnungslos, ohne Glück, besitzlos, ohne Freunde [Gebliebenen] …?“

Wort für Wort
śriyā nirāśaiḥ
von Glück her hoffnungslosen (Instr.Pl.)
adhanaiḥ tyaktamitraiḥ
mittellosen, von Freunden verlassenen (Instr.Pl.)
akiṃcanaiḥ
besitzlosen (Instr.Pl.)
saukhikaiḥ saṃbhṛtān arthān
von Wohlhabenden angehäufte Güter (Instr./Akk.Pl.)
yaḥ saṃtyajasi kiṃ nu tat
die du aufgibst: was soll das (Präs. 2.Sg./Nom.)

Vers syntaktisch schwer; Instrumentale (śriyā nirāśaiḥ …) nicht sicher zuzuordnen.

yo 'tyantaṃ pratigṛhṇīyād yaś ca dadyāt sadaiva hi; tayos tvam antaraṃ viddhi śreyāṃs tābhyāṃ ka ucyate

„Wer unablässig annimmt und wer stets gibt: den Unterschied zwischen diesen beiden erkenne; wer von beiden gilt als der bessere?“

Wort für Wort
yaḥ atyantaṃ pratigṛhṇīyāt
wer unablässig annähme (Opt. 3.Sg.)
yaḥ ca dadyāt sadā eva hi
und wer gäbe, stets (Opt.)
tayoḥ tvam antaraṃ viddhi
von diesen beiden erkenne du den Unterschied (Imp. 2.Sg.)
śreyān tābhyāṃ kaḥ ucyate
welcher von beiden gilt als besser (Präs.Pass.)

sadaiva yācamāneṣu satsu dambhavivarjiṣu; eteṣu dakṣiṇā dattā dāvāgnāv iva durhutam

„Wenn man stets Bittenden, auch Guten, die ohne Heuchelei sind, Opfergaben gibt, [so] ist das wie schlecht in ein Waldfeuer geopfert.“

Wort für Wort
sadā eva yācamāneṣu
bei stets Bittenden (Lok.Pl.)
satsu dambhavivarjiṣu
bei Guten, frei von Heuchelei (Lok.Pl.)
eteṣu dakṣiṇā dattā
bei diesen ist die Gabe gegeben (Lok./Nom.Sg.f.)
dāvāgnau iva durhutam
wie ins Waldfeuer schlecht geopfert (Lok.Sg./Part.)

jātavedā yathā rājann ādagdhvaivopaśāmyati; sadaiva yācamāno vai tathā śāmyati na dvijaḥ

„Wie Agni Jātavedas, König, nicht eher ruht, als bis er verbrannt hat, so wird ein stets bittender Zweimalgeborener nicht zufrieden.“

Wort für Wort
jātavedāḥ yathā rājan
wie Agni, König (Nom./Vok.)
ādagdhvā eva upaśāmyati
erst nach dem Verbrennen zur Ruhe kommt (Abs./Präs. 3.Sg.)
sadā eva yācamānaḥ vai
stets bittend fürwahr (Part.Präs.Med.)
tathā śāmyati na dvijaḥ
so beruhigt sich nicht der Zweimalgeborene (Präs. 3.Sg.)

satāṃ ca vedā annaṃ ca loke 'smin prakṛtir dhruvā; na ced dātā bhaved dātā kutaḥ syur mokṣakāṅkṣiṇaḥ

„Der Guten Veden und Speise sind in dieser Welt der feste Grund. Wäre kein Geber ein Geber, woher gäbe es dann Erlösungsstrebende?“

Wort für Wort
satāṃ ca vedāḥ annaṃ ca
der Guten Veden und Speise (Gen.Pl./Nom.)
loke asmin prakṛtiḥ dhruvā
in dieser Welt feste Grundlage (Lok./Nom.Sg.f.)
na cet dātā bhavet dātā
wenn nicht ein Geber Geber wäre (Opt.)
kutaḥ syuḥ mokṣakāṅkṣiṇaḥ
woher gäbe es Erlösungswillige (Opt. 3.Pl./Nom.Pl.)

na ced dātā bhaved dātā: Text ungewöhnlich; sinngemäß wiedergegeben.

annād gṛhasthā loke 'smin bhikṣavas tata eva ca; annāt prāṇaḥ prabhavati annadaḥ prāṇado bhavet

„Aus Nahrung [stammen] in dieser Welt die Hausväter, und daher ebenso die Bettelmönche; aus Nahrung entsteht der Lebensatem: der Speisegeber wäre ein Lebensgeber.“

Wort für Wort
annāt gṛhasthāḥ loke asmin
aus Nahrung die Hausväter in dieser Welt (Abl./Nom.Pl.)
bhikṣavaḥ tataḥ eva ca
und die Bettelmönche eben daher (Nom.Pl.)
annāt prāṇaḥ prabhavati
aus Nahrung entsteht der Lebenshauch (Abl./Präs. 3.Sg.)
annadaḥ prāṇadaḥ bhavet
der Speisegeber wäre Lebensgeber (Opt.)

gṛhasthebhyo 'bhinirvṛttā gṛhasthān eva saṃśritāḥ; prabhavaṃ ca pratiṣṭhāṃ ca dāntā nindanta āsate

„Aus den Hausvätern hervorgegangen und nur bei Hausvätern Zuflucht nehmend, sitzen die Bezähmten da und schmähen ihren Ursprung und Halt.“

Wort für Wort
gṛhasthebhyaḥ abhinirvṛttāḥ
aus den Hausvätern hervorgegangen (Abl.Pl./Part.)
gṛhasthān eva saṃśritāḥ
eben bei Hausvätern Zuflucht genommen habend (Akk.Pl./Part.)
prabhavaṃ ca pratiṣṭhāṃ ca
Ursprung und Halt (Akk.Sg.)
dāntāḥ nindantaḥ āsate
die Bezähmten, schmähend, sie sitzen (Nom.Pl./Part./Präs. 3.Pl.)

tyāgān na bhikṣukaṃ vidyān na mauṇḍyān na ca yācanāt; ṛjus tu yo 'rthaṃ tyajati taṃ sukhaṃ viddhi bhikṣukam

„Nicht durch Entsagung soll man einen Bettelmönch erkennen, nicht durch Kahlscherung und nicht durch Betteln; wer aufrichtig den Besitz aufgibt, den erkenne als glücklichen Bettelmönch.“

Wort für Wort
tyāgāt na bhikṣukaṃ vidyāt
nicht durch Aufgeben soll man einen Bettelmönch erkennen (Abl./Opt.)
na mauṇḍyāt na ca yācanāt
nicht durch Kahlscherung, nicht durch Bitten (Abl.)
ṛjuḥ tu yaḥ artham tyajati
wer aber redlich den Besitz aufgibt (Nom./Präs.)
tam sukham viddhi bhikṣukam
den erkenne als glücklichen Bettelmönch (Imp. 2.Sg.)

asaktaḥ saktavad gacchan niḥsaṅgo muktabandhanaḥ; samaḥ śatrau ca mitre ca sa vai mukto mahīpate

„Ungebunden, doch wie ein Gebundener wandelnd, ohne Anhaftung, von den Fesseln gelöst, gleich gegenüber Feind und Freund: der ist wahrlich befreit, Herr der Erde.“

Wort für Wort
asaktaḥ saktavat gacchan
ungebunden, wie gebunden gehend (Nom./Part.Präs.)
niḥsaṅgaḥ muktabandhanaḥ
ohne Anhaftung, von Fesseln befreit (Nom.Sg.)
samaḥ śatrau ca mitre ca
gleich gegen Feind und Freund (Nom./Lok.)
saḥ vai muktaḥ mahīpate
der ist wahrlich befreit, Herr der Erde (Nom./Vok.)

parivrajanti dānārthaṃ muṇḍāḥ kāṣāyavāsasaḥ; sitā bahuvidhaiḥ pāśaiḥ saṃcinvanto vṛthāmiṣam

„Sie wandern um der Gabe willen umher, Kahlgeschorene in ockerfarbenen Gewändern, mit vielerlei Fesseln gebunden, und häufen umsonst Beute [Köder] an.“

Wort für Wort
parivrajanti dānārtham
sie wandern umher, um der Gabe willen (Präs. 3.Pl./Adv.)
muṇḍāḥ kāṣāyavāsasaḥ
Kahlgeschorene, ockergewandet (Nom.Pl.)
sitāḥ bahuvidhaiḥ pāśaiḥ
gebunden mit vielerlei Fesseln (Part.Pass./Instr.Pl.)
saṃcinvantaḥ vṛthā āmiṣam
anhäufend vergeblich Beute [?] (Part.Präs./Akk.Sg.)

āmiṣa: Fleisch/Beute/Köder; Wiedergabe unsicher.

trayīṃ ca nāma vārtāṃ ca tyaktvā putrāṃs tyajanti ye; triviṣṭabdhaṃ ca vāsaś ca pratigṛhṇanty abuddhayaḥ

„Die dreifache Wissenschaft, den Namen [?] und den Erwerb aufgebend, verlassen sie die Söhne; Dreistab und Gewand nehmen die Unverständigen an.“

Wort für Wort
trayīṃ ca nāma vārtāṃ ca
die Trayī und den Namen [?] und die Erwerbslehre (Akk.Sg.)
tyaktvā putrān tyajanti ye
aufgebend, die Söhne verlassen sie, die (Abs./Präs. 3.Pl.)
triviṣṭabdhaṃ ca vāsaḥ ca
Dreistab und Gewand (Akk.Sg.)
pratigṛhṇanti abuddhayaḥ
nehmen an die Unverständigen (Präs. 3.Pl./Nom.Pl.)

nāma vermutlich Partikel („nämlich, wie man sagt“) oder Gegenstand der Aufgabe; unsicher.

aniṣkaṣāye kāṣāyam īhārtham iti viddhi tat; dharmadhvajānāṃ muṇḍānāṃ vṛttyartham iti me matiḥ

„Bei nicht abgeklärter Leidenschaft ist das Ockergewand, wisse das, [ein Mittel] zum Streben nach Gewinn; für die kahlgeschorenen Träger von Dharma-Bannern dient es, so meine ich, dem Lebensunterhalt.“

Wort für Wort
aniṣkaṣāye kāṣāyam
bei nicht geläutert-leidenschaftsfreiem [Sinn] das Ockergewand (Lok.Sg./Nom.)
īhārtham iti viddhi tat
dies wisse als zum Streben (nach Gewinn) bestimmt (Imp.)
dharmadhvajānāṃ muṇḍānām
der Dharma-Banner-Träger, der Kahlgeschorenen (Gen.Pl.)
vṛttyartham iti me matiḥ
zum Lebensunterhalt, so meine Ansicht (Nom.Sg.f.)

Wortspiel kāṣāya (Ockerfarbe/Leidenschaft).

kāṣāyair ajinaiś cīrair nagnān muṇḍāñ jaṭādharān; bibhrat sādhūn mahārāja jaya lokāñ jitendriyaḥ

„Nährst du Fromme – in Ocker, Felle und Lumpen gekleidete, Nackte, Kahlgeschorene, Flechtenträger –, Großkönig, so gewinne dir die Welten, Bezwinger der Sinne.“

Wort für Wort
kāṣāyaiḥ ajinaiḥ cīraiḥ
mit Ockergewändern, Fellen, Lumpen (Instr.Pl.)
nagnān muṇḍān jaṭādharān
Nackte, Kahlgeschorene, Flechtenträger (Akk.Pl.)
bibhrat sādhūn mahārāja
ernährend die Frommen, Großkönig (Part.Präs./Akk.Pl./Vok.)
jaya lokān jitendriyaḥ
gewinne die Welten, Sinnenbezwinger (Imp. 2.Sg./Akk.Pl./Nom.)

agnyādheyāni gurvarthān kratūn sapaśudakṣiṇān; dadāty aharahaḥ pūrvaṃ ko nu dharmataras tataḥ

„Wer täglich zuerst Feuergründungen, gewichtige Opfer samt Tieren und Opfergaben darbringt: wer wäre gerechter als der?“

Wort für Wort
agnyādheyāni
Feuergründungen (Akk.Pl.)
gurvarthān kratūn
gewichtige Opfer [?] (Akk.Pl.)
sapaśudakṣiṇān
samt Tieren und Opfergaben (Akk.Pl.)
dadāti aharahaḥ pūrvam
gibt/bringt dar täglich zuerst (Präs. 3.Sg.)
kaḥ nu dharmataraḥ tataḥ
wer wäre gerechter als der (Nom./Abl.)

gurvarthān (etwa: bedeutende) und pūrvam unsicher.

tattvajño janako rājā loke 'sminn iti gīyate; so 'py āsīn mohasaṃpanno mā mohavaśam anvagāḥ

„Ein Kenner der Wahrheit ist König Janaka“, so wird in dieser Welt gesungen; auch er war von Verblendung erfüllt: verfalle nicht der Macht der Verblendung.

Wort für Wort
tattvajñaḥ janakaḥ rājā
Wahrheitskenner [ist] König Janaka (Nom.Sg.)
loke asmin iti gīyate
in dieser Welt, so wird gesungen (Lok./Präs.Pass.)
saḥ api āsīt mohasaṃpannaḥ
auch er war verblendungsbehaftet (Impf. 3.Sg./Nom.)
mā mohavaśam anvagāḥ
geh nicht in die Gewalt der Verblendung (Prohib. 2.Sg.)

evaṃ dharmam anukrāntaṃ sadā dānaparair naraiḥ; ānṛśaṃsyaguṇopetaiḥ kāmakrodhavivarjitāḥ

So [wurde] der Dharma von Männern, die stets der Gabe ergeben sind, [befolgt], begabt mit den Eigenschaften der Milde, frei von Begierde und Zorn.

Wort für Wort
evaṃ dharmam anukrāntam
so den Dharma befolgt (Akk./Part.Pass.)
sadā dānaparaiḥ naraiḥ
von stets der Gabe zugewandten Männern (Instr.Pl.)
ānṛśaṃsyaguṇopetaiḥ
mit den Tugenden der Milde ausgestattet (Instr.Pl.)
kāmakrodhavivarjitāḥ
frei von Begierde und Zorn (Nom.Pl.)

Konstruktion unvollständig: naraiḥ (Instr.) und vivarjitāḥ (Nom.) passen grammatisch nicht zusammen; ein Prädikat fehlt.

pālayantaḥ prajāś caiva dānam uttamam āsthitāḥ; iṣṭāṃl lokān avāpsyāmo brahmaṇyāḥ satyavādinaḥ

Die Untertanen schützend und die höchste Gabe pflegend, werden wir, brahmanenfreundlich und wahrhaftig, die ersehnten Welten erlangen.

Wort für Wort
pālayantaḥ prajāḥ ca eva
die Untertanen schützend (Part.Präs./Akk.Pl.)
dānam uttamam āsthitāḥ
die höchste Gabe erwählt habend (Akk./Part.Pass.)
iṣṭān lokān avāpsyāmaḥ
die ersehnten Welten werden wir erlangen (Fut. 1.Pl.)
brahmaṇyāḥ satyavādinaḥ
brahmanenfreundlich, wahrredend (Nom.Pl.)

**** **** guruvṛddhopacāyinaḥ; devatātithibhṛtyānāṃ nirvapanto yathāvidhi; sthānam iṣṭam avāpsyāmo

[Lücke im Text] … die Lehrer und Älteren Verehrenden, den Göttern, Gästen und Dienern nach Vorschrift Spenden darbringend, werden wir den ersehnten Ort erlangen [?].

Wort für Wort
**** ****
[Lücke]
guruvṛddhopacāyinaḥ
Lehrer und Ältere verehrend (Nom.Pl.)
devatātithibhṛtyānām
den Göttern, Gästen, Dienern (Gen.Pl.)
nirvapantaḥ yathāvidhi
Spenden darbringend nach Vorschrift (Part.Präs./Adv.)
sthānam iṣṭam avāpsyāmaḥ
den ersehnten Ort werden wir erlangen (Akk./Fut. 1.Pl.)

Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert). Zusatzpassage; Anfang lückenhaft (****), Schluss abgebrochen; Satz nicht vollständig überliefert.

Dieses Kapitel in der Leseansicht