Kapitel 177: bhūtaviśeṣaguṇavarṇanā
Die fünf Elemente, die Beseeltheit der Bäume und die Eigenschaften der Elemente
Fortsetzung der Belehrung Bhṛgus an Bharadvāja: Warum die fünf Elemente „groß“ heißen, Beweise für Sinneswahrnehmung und Leben bei Bäumen, die fünf Stoffgruppen im Körper und die Eigenschaften von Erde, Wasser, Licht, Wind und Raum.
bharadvāja uvāca; ete te dhātavaḥ pañca brahmā yān asṛjat purā; āvṛtā yair ime lokā mahābhūtābhisaṃjñitaiḥ
Bharadvāja sprach: „Das sind deine fünf Grundstoffe, die Brahmā einst erschuf, von denen diese Welten umhüllt sind, [Stoffe], die ‚die großen Wesenselemente‘ genannt werden.“
Wort für Wort
bharadvāja uvāca
Bharadvāja sprach (Perf.)
ete te dhātavaḥ pañca
diese deine fünf Grundstoffe (Nom.Pl.)
brahmā yān asṛjat purā
die Brahmā einst erschuf (Impf./Akk.Pl.)
āvṛtā yair ime lokā
von denen diese Welten umhüllt sind (Part.Pass./Instr.Pl.)
Bhṛgu sprach: „Von den unermesslichen [Dingen] gilt der große Name; die Wesen gehen [aus ihnen] in die Entstehung ein; darum trifft ihnen diese Bezeichnung ‚große Elemente‘ zu.“ [?]
Wort für Wort
bhṛgur uvāca
Bhṛgu sprach (Perf.)
amitānāṃ mahāśabdo
von den Unermesslichen der große Name (Gen.Pl./Nom.Sg.)
yānti bhūtāni saṃbhavam
die Wesen gehen in die Entstehung (3.Pl.Präs./Nom.Pl./Akk.)
tatas teṣāṃ
daher ihnen (Abl.-Adv./Gen.Pl.)
mahābhūtaśabdo 'yam
dieser Name ‚große Elemente‘ (Nom.Sg.)
upapadyate
kommt zu (3.Sg.Pass.Präs.)
Der Vers ist syntaktisch knapp; die Bezugnahme von amitānām (Gen.Pl.) ist unsicher.
Bewegung ist der Wind, der Raum ist der Äther; Hitze ist das Feuer, das Fließende das Wasser; die Erde ist hierbei das Feste [Zusammengefügte]; der Körper ist aus den fünf Elementen [gebildet].
Wort für Wort
ceṣṭā vayūḥ
Bewegung [ist] Wind (Nom.Sg.)
kham ākāśam
der Raum [ist] Äther (Nom.Sg.)
ūṣmāgniḥ
Hitze [ist] Feuer (Nom.Sg.)
salilaṃ dravaḥ
Wasser [ist] das Flüssige (Nom.Sg.)
pṛthivī cātra saṃghātaḥ
und die Erde ist hier das Feste/Verdichtete (Nom.Sg.)
śarīraṃ pāñcabhautikam
der Körper ist fünfelementig (Nom.Sg.n.)
vayūḥ ist die überlieferte Form; gemeint ist vāyuḥ.
Mit diesen fünf Elementen ist das Unbewegliche und das Bewegliche verbunden; Gehör, Geruchssinn, Geschmack, Berührung und Sehen werden als Sinne bezeichnet.
Wort für Wort
ity etaiḥ pañcabhir bhūtair
so mit diesen fünf Elementen (Instr.Pl.)
yuktaṃ sthāvarajaṅgamam
verbunden [ist] das Unbewegliche und Bewegliche (Part.Pass./Nom.Sg.n.)
bharadvāja uvāca; pañcabhir yadi bhūtais tu yuktāḥ sthāvarajaṅgamāḥ; sthāvarāṇāṃ na dṛśyante śarīre pañca dhātavaḥ
Bharadvāja sprach: „Wenn das Unbewegliche und das Bewegliche mit fünf Elementen verbunden ist, so sieht man bei den Unbeweglichen im Körper die fünf Stoffe nicht.“
Wort für Wort
bharadvāja uvāca
Bharadvāja sprach (Perf.)
pañcabhir yadi bhūtais tu
wenn mit fünf Elementen (Instr.Pl.)
yuktāḥ sthāvarajaṅgamāḥ
verbunden [sind] Unbewegliche und Bewegliche (Nom.Pl.)
sthāvarāṇāṃ na dṛśyante
bei den Unbeweglichen werden nicht gesehen (Gen.Pl./3.Pl.Pass.)
na śṛṇvanti na paśyanti na gandharasavedinaḥ; na ca sparśaṃ vijānanti te kathaṃ pāñcabhautikāḥ
„Sie hören nicht, sie sehen nicht, sie erkennen weder Geruch noch Geschmack und nehmen auch die Berührung nicht wahr – wie sollen sie aus den fünf Elementen bestehen?“
Wort für Wort
na śṛṇvanti na paśyanti
sie hören nicht, sie sehen nicht (3.Pl.Präs.)
na gandharasavedinaḥ
nicht Geruch und Geschmack wahrnehmend (Nom.Pl.)
na ca sparśaṃ vijānanti
und Berührung erkennen sie nicht (Akk./3.Pl.Präs.)
Weil sie nicht flüssig, nicht feurig, nicht erdhaft und [nicht] windhaft sind und weil der Raum nicht messbar ist, gibt es bei Bäumen nichts Elementhaftes.
Wort für Wort
adravatvād anagnitvād
wegen Nicht-Flüssigkeit, Nicht-Feurigkeit (Abl.Sg.)
abhaumatvād avāyutaḥ
wegen Nicht-Erdhaftigkeit, wegen Windlosigkeit (Abl.Sg./Abl.)
ākāśasyāprameyatvād
weil der Raum nicht messbar ist (Gen./Abl.Sg.)
vṛkṣāṇāṃ nāsti bhautikam
bei Bäumen gibt es nichts Elementhaftes (Gen.Pl./3.Sg.Präs./Nom.n.)
avāyutaḥ (Abl. auf -taḥ) ist ungewöhnlich; sinngemäß ‚wegen Fehlens von Wind‘.
bhṛgur uvāca; ghanānām api vṛkṣāṇām ākāśo 'sti na saṃśayaḥ; teṣāṃ puṣpaphale vyaktir nityaṃ samupalabhyate
Bhṛgu sprach: „Auch bei dichten Bäumen ist Raum vorhanden, daran ist kein Zweifel; an ihren Blüten und Früchten wird [er] stets als offenbar wahrgenommen.“
Wort für Wort
bhṛgur uvāca
Bhṛgu sprach (Perf.)
ghanānām api vṛkṣāṇām
auch bei dichten Bäumen (Gen.Pl.)
ākāśo 'sti na saṃśayaḥ
Raum ist da, kein Zweifel (3.Sg.Präs./Nom.Sg.)
teṣāṃ puṣpaphale vyaktir
an ihren Blüte und Frucht [ist] Sichtbarkeit (Lok.Du.-Nom./Nom.Sg.)
ūṣmato glānaparṇānāṃ tvak phalaṃ puṣpam eva ca; mlāyate caiva śīte na sparśas tenātra vidyate
Durch Hitze werden die Blätter matt; Rinde, Frucht und Blüte welken, und ebenso in der Kälte; darum ist hier der Tastsinn vorhanden.
Wort für Wort
ūṣmato glānaparṇānāṃ
durch Hitze [werden] matt die Blätter (Abl./Gen.Pl.)
tvak phalaṃ puṣpam eva ca
Rinde, Frucht und Blüte (Nom.Sg.)
mlāyate caiva śīte
welkt auch in der Kälte (3.Sg.Präs./Lok.)
na sparśas tenātra vidyate
nicht Berührung? – deshalb ist hier [Tastsinn] vorhanden
Der Text ist verderbt bzw. elliptisch (na sparśas … vidyate): wörtlich ‚nicht … Berührung … ist vorhanden‘; hier sinngemäß als Begründung des Tastsinns gedeutet [?].
pādaiḥ salilapānaṃ ca vyādhīnām api darśanam; vyādhipratikriyatvāc ca vidyate rasanaṃ drume
Mit den Füßen [Wurzeln] trinken sie Wasser, man sieht bei ihnen auch Krankheiten und Heilung von Krankheit; darum gibt es beim Baum den Geschmackssinn.
Wort für Wort
pādaiḥ salilapānaṃ ca
und das Wassertrinken mit den Füßen (Instr.Pl./Nom.Sg.)
vyādhīnām api darśanam
auch das Sehen von Krankheiten (Gen.Pl./Nom.Sg.)
vyādhipratikriyatvāc ca
und wegen der Krankheitsheilung (Abl.Sg.)
vidyate rasanaṃ drume
es gibt Geschmack(ssinn) beim Baum (3.Sg.Pass./Nom./Lok.)
Vom Erdelement erkennt der Körperträger die Geruchseigenschaften, vom Wasser den Geschmack; das Licht sieht er mit den Augen, und die Berührung erkennt er durch den Wind.
Wort für Wort
bhūmer gandhaguṇān vetti
aus der Erde erkennt er die Geruchseigenschaften (Abl./Akk.Pl./3.Sg.Präs.)
rasaṃ cādbhyaḥ śarīravān
und Geschmack aus den Wassern, der Körperträger (Akk./Abl.Pl./Nom.)
jyotiḥ paśyati cakṣurbhyām
Licht sieht er mit beiden Augen (Akk./3.Sg./Instr.Du.)
sparśaṃ vetti ca vāyunā
und Berührung erkennt er durch den Wind (Akk./3.Sg./Instr.)
śabdaḥ sparśaś ca rūpaṃ ca rasaś cāpāṃ guṇāḥ smṛtāḥ; rasajñānaṃ tu vakṣyāmi tan me nigadataḥ śṛṇu
Schall, Berührung, Gestalt und Geschmack gelten als die Eigenschaften der Wasser; die Geschmackserkenntnis will ich [nun] darlegen – höre mich sie aussprechen.
Wort für Wort
śabdaḥ sparśaś ca rūpaṃ ca
Schall, Berührung und Gestalt (Nom.Sg.)
rasaś cāpāṃ guṇāḥ smṛtāḥ
und Geschmack gelten als Eigenschaften der Wasser (Nom./Gen.Pl./Nom.Pl.)
rasajñānaṃ tu vakṣyāmi
die Geschmackserkenntnis aber will ich sagen (Akk./1.Sg.Fut.)
tan me nigadataḥ śṛṇu
das höre von mir, der es spricht (Imp./Gen.Sg.Part.)
Der Geschmack wird von den Weisen, deren Selbst berühmt ist, als vielfältig bezeichnet: süß, salzig, bitter, herb, sauer und scharf; diese sechsfache Ausfaltung gilt als der wasserhafte Geschmack.
Wort für Wort
raso bahuvidhaḥ proktaḥ
der Geschmack ist vielfältig genannt (Nom./Part.Pass.)
sūribhiḥ prathitātmabhiḥ
von Weisen mit berühmtem Selbst (Instr.Pl.)
madhuro lavaṇas tiktaḥ
süß, salzig, bitter (Nom.Sg.)
kaṣāyo 'mlaḥ kaṭus tathā
herb, sauer, scharf (Nom.Sg.)
eṣa ṣaḍvidhavistāro
diese sechsfache Ausfaltung (Nom.Sg.)
raso vārimayaḥ smṛtaḥ
der Geschmack gilt als wasserhaft (Nom./Part.Pass.)
Kurz, lang und dick, viereckig, fein und rund; weiß, schwarz, rot, blau, gelb und rötlich: so gilt die Gestalteigenschaft des Lichts als zwölffach ausgefaltet.
Wort für Wort
hrasvo dīrghas tathā sthūlaś
kurz, lang, dick (Nom.Sg.)
caturasro 'ṇu vṛttavān
viereckig, fein, rund (Nom.Sg.)
śuklaḥ kṛṣṇas tathā rakto
weiß, schwarz, rot (Nom.Sg.)
nīlaḥ pīto 'ruṇas tathā
blau, gelb, rötlich (Nom.Sg.)
evaṃ dvādaśavistāro
so zwölffach ausgefaltet (Nom.Sg.)
jyotīrūpaguṇaḥ smṛtaḥ
die Gestalteigenschaft des Lichts gilt (Nom./Part.)
śabdasparśau tu vijñeyau dviguṇo vāyur ucyate; vāyavyas tu guṇaḥ sparśaḥ sparśaś ca bahudhā smṛtaḥ
Schall und Berührung sind [als Eigenschaften] des Windes zu erkennen; der Wind wird zweieigenschaftig genannt; die Windeigenschaft aber ist die Berührung, und die Berührung gilt als vielfältig.
Wort für Wort
śabdasparśau tu vijñeyau
Schall und Berührung sind zu erkennen (Nom.Du./Gerundiv)
dviguṇo vāyur ucyate
zweieigenschaftig wird der Wind genannt (Nom./3.Sg.Pass.)
vāyavyas tu guṇaḥ sparśaḥ
die Windeigenschaft aber ist Berührung (Nom.Sg.)
sparśaś ca bahudhā smṛtam
und Berührung gilt als vielfältig (Nom./Adv./Part.)
[Er ist] ruhig, schrecklich und verwirrend, und die aus Nicht-Reibung Entstandenen … [?]
Wort für Wort
śānto ghoraś ca mūḍhaś ca
ruhig, schrecklich und verwirrend (Nom.Sg.)
tān asaṃgharṣajas tathā
jene …, ebenso aus Nicht-Reibung Entstandener (Akk.Pl./Nom.Sg.)
Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert). Verderbter oder unklarer Text (tān asaṃgharṣajas); Wiedergabe unsicher.
Dies ist die siebenfache Eigenschaft, die das Kennzeichen des Raums ist; [sie ist] mit drei Tonlagen überall [vorhanden], auch bei Trommeln und dergleichen.
Wort für Wort
eṣa saptavidhaḥ prokto
dies ist als siebenfach genannt (Nom./Part.Pass.)
guṇa ākāśalakṣaṇaḥ
Eigenschaft mit dem Raum als Kennzeichen (Nom.Sg.)
Bei Mṛdaṅga, Bherī und Muscheln, beim Donner und beim Wagen: jeder Schall, der gehört wird, von Belebtem oder Unbelebtem – im Bereich eben aller dieser ist er verkündet; so vielgestaltig ist der aus dem Raum entstandene Schall.
Wort für Wort
mṛdaṅgabherīśaṅkhānāṃ
von Mṛdaṅga, Bherī, Muscheln (Gen.Pl.)
stanayitno rathasya ca
des Donners und des Wagens (Gen.Sg.)
yaḥ kaś cic chrūyate śabdaḥ
jeder Schall, der gehört wird (Nom./3.Sg.Pass.)
prāṇino 'prāṇino 'pi vā
von Belebtem oder Unbelebtem (Gen./Abl.)
eteṣām eva sarveṣāṃ
eben aller dieser (Gen.Pl.)
viṣaye saṃprakīrtitaḥ
im Bereich verkündet (Lok./Part.Pass.)
evaṃ bahuvidhākāraḥ
so vielgestaltig (Adv./Nom.Sg.)
śabda ākāśasaṃbhavaḥ
der Schall, raumentstanden (Nom.Sg.)
Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert).
Den Schall nennen sie raumgeboren, zusammen mit diesen Windeigenschaften; mit den unbehinderten [Eigenschaften] nimmt [das Wesen] wahr, bei den gestörten dagegen erkennt es nicht.
Wort für Wort
ākāśajaṃ śabdam āhur
raumgeboren den Schall nennen sie (Akk./3.Pl.Perf.)
ebhir vāyuguṇaiḥ saha
zusammen mit diesen Windeigenschaften (Instr.Pl.)
avyāhataiś cetayate
mit unbehinderten nimmt es wahr (Instr.Pl./3.Sg.Präs.Med.)
na vetti viṣamāgataiḥ
es erkennt nicht bei gestörten (3.Sg.Präs./Instr.Pl.)
Der Vers ist knapp; die Bezüge von avyāhataiḥ und viṣamāgataiḥ sind unsicher [?].