Kapitel 133: kāpavyopākhyāna
Der Räuber Kāpavya und die Ordnung der Räuber nach Dharma
Bhīṣma erzählt Yudhiṣṭhira die alte Geschichte vom Niṣāda-Jäger Kāpavya, der, zum Anführer einer Räuberschar gewählt, ihr Grenzen des Dharma setzt (Schonung von Frauen, Kindern, Brahmanen, Saat) und dadurch Vollendung erlangt. Der Text ist an einigen Stellen (v. 4, 17–19, 23) knapp bzw. verderbt.
Bhīṣma sprach: Hierzu führt man diese alte Geschichte an: wie ein Räuber, der ein Maß [der Ordnung] einhält, im Dasein nach dem Tode nicht zugrunde geht.
Wort für Wort
bhīṣma uvāca
Bhīṣma sprach (Nom.Sg.; Perf.3.Sg.)
atrāpy udāharanti imam itihāsaṃ purātanam
auch hierzu führen sie an diese alte Geschichte (3.Pl.Präs.; Akk.Sg.)
yathā dasyuḥ samaryādaḥ
wie ein Räuber, der Maß und Grenze hat (Nom.Sg.; Bahuvrīhi)
pretyabhāve na naśyati
im Dasein nach dem Tode geht nicht zugrunde (Lok.Sg.; 3.Sg.Präs.)
[Er war] ein Kämpfer, verständig, tapfer, gelehrt und nicht grausam, der den unvergänglichen Dharma hütete, den Brahmanen zugetan, ein Verehrer der Lehrer.
Wort für Wort
prahartā matimāñ śūraḥ
Kämpfer, verständig, tapfer (Nom.Sg.)
śrutavān anṛśaṃsavān
gelehrt, nicht grausam (Nom.Sg.)
rakṣann akṣayiṇaṃ dharmam
den unvergänglichen Dharma hütend (Part.Präs.Nom.; Akk.Sg.)
Von einem Kṣatriya mit einer Niṣāda-Frau gezeugt, die Pflicht des Kriegers bewahrend, der Niṣāda-Sohn namens Kāpavya erlangte durch das Räubertum Vollendung.
Wort für Wort
niṣādyāṃ kṣatriyāj jātaḥ
von einem Kṣatriya mit einer Niṣāda-Frau geboren (Lok.Sg.f.; Abl.Sg.; PPP.Nom.)
Im Wald, am Abend und am Vormittag, von Wildherden erregt [?] –
Wort für Wort
araṇye
im Wald (Lok.Sg.)
sāyapūrvāhṇe
am Abend und am Vormittag (Lok.Sg.; Dvandva)
mṛgayūthaprakopitā
von Wildherden erregt/aufgescheucht [?] (PPP.Kaus.Nom.Sg.f.; Kompositum)
Der Vers ist als Satz unvollständig; die Konstruktion (Bezug von prakopitā, f.) bleibt unklar. Die Fortsetzung steht in der folgenden Einheit bzw. dem Zusatzvers.
Es gibt [einen] namens Kāpalyasa [?], einen Jäger, kundig des Dharma.
Wort für Wort
asti kāpalyasa iti
es gibt (einen) Kāpalyasa [?], so (heißend) (3.Sg.Präs.)
mṛgayur
Jäger (Nom.Sg.)
dharmakovidaḥ
des Dharma kundig (Nom.Sg.)
Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert). Zusatzvers. Der Name (kāpalyasa) ist unsicher, vermutlich Variante von Kāpavya.
Er kannte alle Waldgegenden, streifte stets im Pāriyātra-Gebirge umher, kannte den Dharma aller Wesen, seine Pfeile gingen nie fehl, seine Waffen waren fest.
Wort für Wort
sarvakānanadeśajñaḥ
kundig aller Waldgegenden (Nom.Sg.)
pāriyātracaraḥ sadā
im Pāriyātra umherziehend, stets (Nom.Sg.)
dharmajñaḥ sarvabhūtānām
den Dharma kennend, der [Kunde] aller Wesen (Nom.Sg.; Gen.Pl.)
amogheṣur dṛḍhāyudhaḥ
mit nie fehlgehenden Pfeilen, mit festen Waffen (Nom.Sg.; Bahuvrīhi)
āraṇyakān pravrajitān brāhmaṇān paripālayan; api tebhyo mṛgān hatvā nināya ca mahāvane
Die im Wald lebenden, [in die Hauslosigkeit] fortgezogenen Brahmanen beschützte er; auch erlegte er für sie Wild und brachte es [ihnen] im großen Wald.
Wort für Wort
āraṇyakān pravrajitān brāhmaṇān
die Waldbewohner, Fortgezogenen, Brahmanen (Akk.Pl.)
paripālayan
beschützend (Part.Präs.Nom.Sg.)
api tebhyo mṛgān hatvā
auch für sie Wild erlegt habend (Dat.Pl.; Akk.Pl.; Abs.)
nināya ca mahāvane
und er brachte [es] im großen Wald (Perf.3.Sg.; Lok.Sg.)
dasyava ūcuḥ; muhūrtadeśakālajña prājña śīladṛḍhāyudha; grāmaṇīr bhava no mukhyaḥ sarveṣām eva saṃmataḥ
Die Räuber sprachen: „Kenner der rechten Stunde, des Ortes und der Zeit, Weiser, Tugendhafter mit festen Waffen, sei unser Anführer, der Erste, von allen anerkannt.“
Wort für Wort
dasyava ūcuḥ
die Räuber sprachen (Nom.Pl.; Perf.3.Pl.)
muhūrtadeśakālajña prājña
Kenner von Stunde, Ort und Zeit, Weiser (Vok.Sg.)
śīladṛḍhāyudha
Tugendhafter mit festen Waffen (Vok.Sg.)
grāmaṇīr bhava no mukhyaḥ
sei unser Anführer, Erster (Imp.2.Sg.; Gen.Pl.; Nom.Sg.)
kāpavya uvāca; mā vadhīs tvaṃ striyaṃ bhīruṃ mā śiśuṃ mā tapasvinam; nāyudhyamāno hantavyo na ca grāhyā balāt striyaḥ
Kāpavya sprach: „Töte nicht eine Frau, die sich fürchtet, nicht ein Kind, nicht einen Asketen. Wer nicht kämpft, ist nicht zu töten, und Frauen sind nicht mit Gewalt zu ergreifen.“
Wort für Wort
kāpavya uvāca
Kāpavya sprach (Nom.Sg.; Perf.3.Sg.)
mā vadhīs tvaṃ striyaṃ bhīrum
töte du nicht eine furchtsame Frau (Aor.Prohib.2.Sg.; Akk.Sg.)
mā śiśuṃ mā tapasvinam
nicht ein Kind, nicht einen Asketen (Akk.Sg.)
nāyudhyamāno hantavyaḥ
wer nicht kämpft, ist nicht zu töten (Part.Präs.Med.Nom.; Gerundiv)
na ca grāhyā balāt striyaḥ
und nicht zu ergreifen mit Gewalt sind Frauen (Gerundiv Nom.Pl.f.; Abl.)
sarvathā strī na hantavyā sarvasattveṣu yudhyatā; nityaṃ gobrāhmaṇe svasti yoddhavyaṃ ca tadarthataḥ
„Keinesfalls ist eine Frau zu töten von dem, der gegen alle Wesen kämpft. Stets [gelte] Heil den Kühen und Brahmanen, und um ihretwillen ist zu kämpfen.“
Wort für Wort
sarvathā strī na hantavyā
auf keine Weise ist eine Frau zu töten (Gerundiv Nom.Sg.f.)
sarvasattveṣu yudhyatā
von dem, der unter allen Wesen kämpft (Lok.Pl.; Part.Präs.Instr.)
nityaṃ gobrāhmaṇe svasti
stets Heil den Kühen und Brahmanen (Lok.Sg. Dvandva; Indekl.)
yoddhavyaṃ ca tadarthataḥ
und zu kämpfen ist um ihretwillen (Gerundiv n.; Adv.)
„Ahnen, Götter [und] Brahmanen verfluchen hierbei, wenn [es] verhindert wird.“
Wort für Wort
pitaro devatā viprāḥ
Ahnen, Götter, Brahmanen (Nom.Pl.)
śapanty atra
verfluchen hierbei (3.Pl.Präs.)
nivārite
wenn [es] verhindert wird (PPP.Kaus.Lok.abs.)
Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert). Zusatzvers; Bezug von nivārite (Lok.abs.) unklar, vermutlich die Behinderung der Saat bzw. der Verehrung.
sarvabhūteṣv api ca vai brāhmaṇo mokṣam arhati; kāryā cāpacitis teṣāṃ sarvasvenāpi yā bhavet
„Auch unter allen Wesen verdient der Brahmane Verschonung [Loslösung], und ihre Verehrung ist zu leisten, selbst mit dem ganzen Besitz, [wie immer] es sein mag.“
Wort für Wort
sarvabhūteṣv api ca vai
auch unter allen Wesen fürwahr (Lok.Pl.)
brāhmaṇo mokṣam arhati
der Brahmane verdient Verschonung (Nom.Sg.; Akk.Sg.; 3.Sg.Präs.)
kāryā cāpacitis teṣām
und ihre Verehrung ist zu leisten (Gerundiv Nom.Sg.f.; Gen.Pl.)
sarvasvenāpi yā bhavet
selbst mit dem ganzen Besitz, die sein möge (Instr.Sg.; Opt.3.Sg.)
mokṣa hier als „Freilassung, Verschonung“ gedeutet [?].
śiṣṭyarthaṃ vihito daṇḍo na vadhārthaṃ viniścayaḥ; ye ca śiṣṭān prabādhante dharmas teṣāṃ vadhaḥ smṛtaḥ
„Zur Zurechtweisung der Guten ist die Strafe eingesetzt, nicht ist ihre Bestimmung das Töten. Die aber die Guten bedrängen, für die gilt Tötung als Dharma.“
Wort für Wort
śiṣṭyarthaṃ vihito daṇḍaḥ
zur Zurechtweisung eingesetzt ist die Strafe (Adv.; PPP.Nom.Sg.)
na vadhārthaṃ viniścayaḥ
nicht zum Töten ist die Bestimmung (Nom.Sg.)
ye ca śiṣṭān prabādhante
und die, welche die Guten bedrängen (Akk.Pl.; 3.Pl.Präs.Med.)
dharmas teṣāṃ vadhaḥ smṛtaḥ
Dharma ist für sie die Tötung, gilt (Nom.Sg.; Gen.Pl.; PPP.)
ye hi rāṣṭroparodhena vṛttiṃ kurvanti ke cana; tad eva te 'nu mīyante kuṇapaṃ kṛmayo yathā
„Die aber, die irgendeinen Lebensunterhalt durch Bedrückung des Reiches betreiben, werden eben darin [dem] gleichgestellt [?]: wie Würmer [einem] Aas.“
Wort für Wort
ye hi rāṣṭroparodhena
die nämlich durch Bedrückung des Reiches (Nom.Pl.; Instr.Sg.)
bhayaṃ tasya na martyebhyo nāmartyebhyaḥ kathaṃ cana; na sato nāsato rājan sa hy araṇyeṣu gopatiḥ
Furcht hat er nicht vor Sterblichen, keinesfalls vor Nicht-Sterblichen, weder vor Guten noch vor Schlechten, König; denn er ist in den Wäldern ein Herr [Hüter] der Rinder.
Wort für Wort
bhayaṃ tasya na martyebhyaḥ
Furcht hat er nicht vor Sterblichen (Nom.Sg.; Gen.Sg.; Abl.Pl.)
nāmartyebhyaḥ kathaṃ cana
nicht vor Unsterblichen, auf keine Weise (Abl.Pl.)
na sato nāsato rājan
nicht vor Guten, nicht vor Schlechten, König (Abl.Sg.; Vok.Sg.)
sa hy araṇyeṣu gopatiḥ
denn er ist in den Wäldern ein Herr der Rinder (Lok.Pl.; Nom.Sg.)
gopati hier als „Herr, Hüter der [Wild-]Herden“ verstanden [?].