Quellen der Menschheit

Mahābhārata · Śāntiparva

Kapitel 71: rājavṛttaguṇasaṃgraha Sechsunddreißig Regeln für das rechte Verhalten des Königs

Yudhiṣṭhira fragt nach dem Verhalten, das einem König Erfolg hier und im Jenseits bringt; Bhīṣma antwortet mit einer Reihe von Regeln in Form von Gegensatzpaaren (tun, ohne ins Extrem zu verfallen).

yudhiṣṭhira uvāca; kena vṛttena vṛttajña vartamāno mahīpatiḥ; sukhenārthān sukhodarkān iha ca pretya cāpnuyāt

Yudhiṣṭhira sprach: „Durch welches Verhalten, o Kenner des Verhaltens, kann ein Erdherrscher, der [danach] lebt, mühelos Ziele erlangen, die ein glückliches Ende haben, hier und nach dem Tode?“

Wort für Wort
yudhiṣṭhira uvāca
Yudhiṣṭhira sprach (Nom.Sg.; 3.Sg.Perf.)
kena vṛttena vṛttajña
durch welches Verhalten, o Kenner des Verhaltens (Instr.Sg.; Vok.Sg.)
vartamāno mahīpatiḥ
der [so] lebende Erdherrscher (Part.Präs.Med., Nom.Sg.)
sukhena arthān sukhodarkān
mühelos Ziele, die glücklich enden (Instr.Sg.; Akk.Pl.; Kompositum)
iha ca pretya ca
hier und nach dem Tode (Adv.; Abs.)
āpnuyāt
möge er erlangen (3.Sg.Opt.)

bhīṣma uvāca; iyaṃ guṇānāṃ ṣaṭtriṃśat ṣaṭtriṃśad guṇasaṃyutā; yān guṇāṃs tu guṇopetaḥ kurvan guṇam avāpnuyāt

Bhīṣma sprach: „Dies ist die Sechsunddreißiger-Reihe der Eigenschaften, verbunden mit je sechsunddreißig Eigenschaften [?]; wer, mit Vorzügen begabt, diese Eigenschaften übt, erlangt [den] Vorzug [bzw. Gewinn].“

Wort für Wort
bhīṣma uvāca
Bhīṣma sprach (Nom.Sg.; 3.Sg.Perf.)
iyaṃ guṇānāṃ ṣaṭtriṃśat
dies ist die Sechsunddreißiger[gruppe] der Eigenschaften (Nom.Sg.f.; Gen.Pl.)
ṣaṭtriṃśad guṇasaṃyutā
verbunden mit sechsunddreißig Eigenschaften (Nom.Sg.f.; Kompositum)
yān guṇān tu guṇopetaḥ
welche Eigenschaften aber [einer], mit Vorzügen begabt (Akk.Pl.; Nom.Sg.)
kurvan
übend (Part.Präs., Nom.Sg.)
guṇam avāpnuyāt
erlangt Vorzug/Gewinn (Akk.Sg.; 3.Sg.Opt.)

Der Sinn von ṣaṭtriṃśad guṇasaṃyutā ist unsicher; die folgenden Verse zählen 36 Verhaltensregeln auf.

cared dharmān akaṭuko muñcet snehaṃ na nāstikaḥ; anṛśaṃsaś cared arthaṃ caret kāmam anuddhataḥ

Er soll die Pflichten üben, ohne schroff zu sein; er soll die Anhänglichkeit lassen, ohne ein Leugner [des Jenseits] zu sein; er soll das Nützliche verfolgen, ohne grausam zu sein; er soll das Begehren üben, ohne zügellos zu sein.

Wort für Wort
cared dharmān akaṭukaḥ
er soll die Pflichten üben, nicht schroff (3.Sg.Opt.; Akk.Pl.; Nom.Sg.)
muñcet sneham
er soll die Anhänglichkeit lassen (3.Sg.Opt.; Akk.Sg.)
na nāstikaḥ
nicht als Leugner (Nom.Sg.)
anṛśaṃsaḥ caret artham
ohne Grausamkeit soll er das Nützliche verfolgen (Nom.Sg.; 3.Sg.Opt.; Akk.Sg.)
caret kāmam anuddhataḥ
er soll das Begehren üben, nicht zügellos (3.Sg.Opt.; Akk.Sg.; Nom.Sg.)

priyaṃ brūyād akṛpaṇaḥ śūraḥ syād avikatthanaḥ; dātā nāpātravarṣī syāt pragalbhaḥ syād aniṣṭhuraḥ

Er soll Freundliches sprechen, ohne kläglich zu sein; er soll tapfer sein, ohne zu prahlen; er soll Geber sein, ohne auf Unwürdige zu regnen; er soll kühn sein, ohne hart zu sein.

Wort für Wort
priyaṃ brūyād akṛpaṇaḥ
Freundliches soll er sprechen, nicht kläglich (Akk.Sg.; 3.Sg.Opt.; Nom.Sg.)
śūraḥ syād avikatthanaḥ
tapfer soll er sein, nicht prahlend (Nom.Sg.; 3.Sg.Opt.)
dātā syāt
Geber soll er sein (Nom.Sg.; 3.Sg.Opt.)
na apātravarṣī
nicht auf Unwürdige regnend (Nom.Sg.; Kompositum)
pragalbhaḥ syād aniṣṭhuraḥ
kühn soll er sein, nicht hart (Nom.Sg.; 3.Sg.Opt.)

saṃdadhīta na cānāryair vigṛhṇīyān na bandhubhiḥ; nānāptaiḥ kārayec cāraṃ kuryāt kāryam apīḍayā

Er soll Frieden schließen, aber nicht mit Unedlen; er soll nicht mit Verwandten streiten; er soll nicht durch Unzuverlässige Späher [bzw. Sendboten] einsetzen; er soll seine Aufgabe ausführen, ohne [andere] zu bedrängen.

Wort für Wort
saṃdadhīta na ca anāryaiḥ
er soll Frieden schließen, doch nicht mit Unedlen (3.Sg.Opt.Med.; Instr.Pl.)
vigṛhṇīyān na bandhubhiḥ
er soll nicht streiten mit Verwandten (3.Sg.Opt.; Instr.Pl.)
na anāptaiḥ kārayet cāram
nicht durch Unzuverlässige soll er einen Späher einsetzen lassen (Instr.Pl.; 3.Sg.Opt.Kaus.; Akk.Sg.)
kuryāt kāryam
er soll die Aufgabe ausführen (3.Sg.Opt.; Akk.Sg.)
apīḍayā
ohne Bedrängnis (Instr.Sg.)

cāraṃ kārayet: Konstruktion mit „durch Unzuverlässige“ etwas frei wiedergegeben.

arthān brūyān na cāsatsu guṇān brūyān na cātmanaḥ; ādadyān na ca sādhubhyo nāsatpuruṣam āśrayet

Er soll seine Angelegenheiten nicht vor Schlechten aussprechen und nicht die eigenen Vorzüge rühmen; er soll nichts von den Guten nehmen und nicht einen schlechten Menschen zur Zuflucht nehmen.

Wort für Wort
arthān brūyān na ca asatsu
seine Angelegenheiten soll er nicht aussprechen vor Schlechten (Akk.Pl.; 3.Sg.Opt.; Lok.Pl.)
guṇān brūyān na ca ātmanaḥ
die Vorzüge soll er nicht nennen, die eigenen (Akk.Pl.; Gen.Sg.)
ādadyān na ca sādhubhyaḥ
er soll nicht nehmen von den Guten (3.Sg.Opt.; Abl.Pl.)
na asatpuruṣam āśrayet
einen schlechten Menschen soll er nicht zur Zuflucht nehmen (Akk.Sg.; 3.Sg.Opt.)

nāparīkṣya nayed daṇḍaṃ na ca mantraṃ prakāśayet; visṛjen na ca lubdhebhyo viśvasen nāpakāriṣu

Er soll nicht ohne Prüfung Strafe verhängen und seinen Ratschluss nicht offenbaren; er soll den Gierigen nichts überlassen und Übeltätern nicht vertrauen.

Wort für Wort
na aparīkṣya nayet daṇḍam
nicht ohne Prüfung soll er Strafe verhängen (Abs.; 3.Sg.Opt.; Akk.Sg.)
na ca mantraṃ prakāśayet
und den Ratschluss soll er nicht offenbaren (Akk.Sg.; 3.Sg.Opt.Kaus.)
visṛjet na ca lubdhebhyaḥ
er soll nichts hingeben an Gierige (3.Sg.Opt.; Dat.Pl.)
viśvasen na apakāriṣu
er soll nicht vertrauen Übeltätern (3.Sg.Opt.; Lok.Pl.)

anīrṣur guptadāraḥ syāc cokṣaḥ syād aghṛṇī nṛpaḥ; striyaṃ seveta nātyarthaṃ mṛṣṭaṃ bhuñjīta nāhitam

Er soll nicht eifersüchtig sein, seine Frauen bewachen, rein sein, ein König ohne Erbarmungslosigkeit [?]; er soll die Frau nicht übermäßig pflegen und Wohlschmeckendes essen, nicht Unbekömmliches.

Wort für Wort
anīrṣuḥ guptadāraḥ syāt
nicht eifersüchtig, mit behüteten Frauen soll er sein (Nom.Sg.; Kompositum; 3.Sg.Opt.)
cokṣaḥ syāt
rein soll er sein (Nom.Sg.)
aghṛṇī nṛpaḥ
der König nicht [voll] Abscheu [?] (Nom.Sg.; Nom.Sg.)
striyaṃ seveta na atyartham
die Frau soll er pflegen, nicht übermäßig (Akk.Sg.; 3.Sg.Opt.Med.; Adv.)
mṛṣṭaṃ bhuñjīta na ahitam
Wohlschmeckendes soll er essen, nicht Unbekömmliches (Akk.Sg.; 3.Sg.Opt.Med.)

aghṛṇī: mehrdeutig (frei von Abscheu/Mitleidlosigkeit oder von Ekel gegenüber Notwendigem); Lesart unsicher.

astabdhaḥ pūjayen mānyān gurūn seved amāyayā; arced devān na dambhena śriyam icched akutsitām

Ohne Starrsinn soll er die Verehrungswürdigen ehren, den Lehrern ohne Falsch dienen; er soll die Götter ohne Heuchelei verehren und ein untadeliges Glück wünschen.

Wort für Wort
astabdhaḥ pūjayet mānyān
ohne Starrsinn soll er ehren die Ehrwürdigen (Nom.Sg.; 3.Sg.Opt.Kaus.; Akk.Pl.)
gurūn sevet amāyayā
den Lehrern soll er dienen ohne Falsch (Akk.Pl.; 3.Sg.Opt.; Instr.Sg.)
arcet devān na dambhena
die Götter soll er verehren, nicht mit Heuchelei (3.Sg.Opt.; Akk.Pl.; Instr.Sg.)
śriyam icchet akutsitām
Glück soll er wünschen, ein untadeliges (Akk.Sg.; 3.Sg.Opt.; Akk.Sg.f.)

seveta praṇayaṃ hitvā dakṣaḥ syān na tv akālavit; sāntvayen na ca bhogārtham anugṛhṇan na cākṣipet

Er soll Umgang pflegen, [übergroße] Vertraulichkeit lassend [?]; er soll geschickt sein, doch nicht des rechten Zeitpunkts unkundig; er soll beschwichtigen, nicht um des Genusses willen; er soll Gunst erweisen, ohne [dabei] zu schmähen.

Wort für Wort
seveta praṇayaṃ hitvā
er soll pflegen, Vertraulichkeit lassend [?] (3.Sg.Opt.Med.; Akk.Sg.; Abs.)
dakṣaḥ syān na tu akālavit
geschickt soll er sein, doch nicht den Zeitpunkt verkennend (Nom.Sg.; 3.Sg.Opt.; Nom.Sg.)
sāntvayet na ca bhogārtham
er soll beschwichtigen, nicht um des Genusses willen (3.Sg.Opt.Kaus.; Akk./Adv.)
anugṛhṇan na ca ākṣipet
Gunst erweisend soll er nicht schmähen (Part.Präs., Nom.Sg.; 3.Sg.Opt.)

seveta praṇayaṃ hitvā: Objekt und Sinn von seveta unklar; wörtlich übersetzt.

praharen na tv avijñāya hatvā śatrūn na śeṣayet; krodhaṃ kuryān na cākasmān mṛduḥ syān nāpakāriṣu

Er soll nicht angreifen, ohne [die Lage] zu kennen; er soll nach dem Erschlagen der Feinde keinen Rest übriglassen; er soll nicht plötzlich Zorn hegen; er soll mild sein, nicht gegenüber Übeltätern.

Wort für Wort
praharet na tu avijñāya
er soll angreifen, doch nicht ohne Kenntnis (3.Sg.Opt.; Abs.)
hatvā śatrūn na śeṣayet
nach dem Erschlagen der Feinde soll er [keinen] Rest lassen (Abs.; Akk.Pl.; 3.Sg.Opt.Kaus.)
krodhaṃ kuryāt na ca akasmāt
Zorn soll er nicht hegen ohne Anlass/plötzlich (Akk.Sg.; 3.Sg.Opt.; Abl.Adv.)
mṛduḥ syāt na apakāriṣu
mild soll er sein, nicht gegen Übeltäter (Nom.Sg.; 3.Sg.Opt.; Lok.Pl.)

evaṃ carasva rājyastho yadi śreya ihecchasi; ato 'nyathā narapatir bhayam ṛcchaty anuttamam

So verhalte dich, im Reich stehend, wenn du hier das Heil wünschst; in anderer Weise gerät der Herr der Menschen in unübertreffliche Furcht.

Wort für Wort
evaṃ carasva rājyasthaḥ
so verhalte dich, im Reich stehend (Adv.; Imp.Med.; Nom.Sg.)
yadi śreyaḥ iha icchasi
wenn du das Heil hier wünschst (Konj.; Akk.Sg.; Adv.; 2.Sg.Präs.)
ataḥ anyathā narapatiḥ
in anderer Weise als dies der Herr der Menschen (Adv.; Nom.Sg.)
bhayam ṛcchati anuttamam
gerät in Furcht, eine unübertreffliche (Akk.Sg.; 3.Sg.Präs.; Akk.Sg.)

iti sarvān guṇān etān yathoktān yo 'nuvartate; anubhūyeha bhadrāṇi pretya svarge mahīyate

Wer all diese Eigenschaften, wie sie genannt wurden, befolgt, wird, nachdem er hier Glückliches erlebt hat, nach dem Tode im Himmel verherrlicht.

Wort für Wort
iti sarvān guṇān etān
so all diese Eigenschaften (Akk.Pl.)
yathoktān yaḥ anuvartate
wie genannt, wer befolgt (Part.Pass., Akk.Pl.; Nom.Sg.; 3.Sg.Präs.Med.)
anubhūya iha bhadrāṇi
erfahren habend hier Glückliches (Abs.; Adv.; Akk.Pl.n.)
pretya svarge mahīyate
nach dem Tode im Himmel wird er verherrlicht (Abs.; Lok.Sg.; 3.Sg.Pass./Med.)

vaiśaṃpāyana uvāca; idaṃ vacaḥ śāṃtanavasya śuśruvān; yudhiṣṭhiraḥ pāṇḍavamukhyasaṃvṛtaḥ; tadā vavande ca pitāmahaṃ nṛpo; yathoktam etac ca cakāra buddhimān

Vaiśaṃpāyana sprach: Als Yudhiṣṭhira, umgeben von den Führenden der Pāṇḍavas, diese Rede des Śāṃtanava gehört hatte, verneigte sich der König da vor dem Großvater, und der Verständige tat, wie es gesagt worden war.

Wort für Wort
vaiśaṃpāyana uvāca
Vaiśaṃpāyana sprach (Nom.Sg.; 3.Sg.Perf.)
idaṃ vacaḥ śāṃtanavasya śuśruvān
diese Rede des Śāṃtanava gehört habend (Akk.Sg.; Gen.Sg.; Part.Perf., Nom.Sg.)
yudhiṣṭhiraḥ pāṇḍavamukhyasaṃvṛtaḥ
Yudhiṣṭhira, von den Hauptpāṇḍavas umgeben (Nom.Sg.; Part.Pass.)
tadā vavande ca pitāmaham nṛpaḥ
da verneigte sich der König vor dem Großvater (Adv.; 3.Sg.Perf.Med.; Akk.Sg.; Nom.Sg.)
yathoktam etat ca cakāra buddhimān
und wie gesagt, dies tat der Verständige (Part.Pass., Adv.; Akk.Sg.; 3.Sg.Perf.; Nom.Sg.)

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