Kapitel 91: utathyopadeśaḥ rājadharmaḥ
Utathyas Belehrung Māndhātṛs: Der König als Hüter des Dharma
Bhīṣma gibt die Unterweisung wieder, die der Aṅgirasa Utathya dem Māndhātṛ über die Pflichten des Kṣatriya erteilte: Der König ist um des Dharma willen da; Nachlässigkeit und Hochmut (darpa) des Königs stürzen Reich und Untertanen ins Unheil.
Bhīṣma sprach: Was für Kṣatriya-Pflichten der Aṅgirasa Utathya, der beste unter den Brahmankennern, dem Māndhātṛ, dem Sohn des Yuvanāśva, wohlwollend verkündete –
Wort für Wort
bhīṣma uvāca
Bhīṣma sprach (Nom.Sg., Perf.3.Sg.)
yān aṅgirāḥ kṣatradharmān
welche Kṣatriya-Pflichten der Aṅgirasa (Akk.Pl./Nom.Sg.)
utathyo brahmavittamaḥ
Utathya, der beste Brahmankenner (Nom.Sg., Superl.)
māndhātre yauvanāśvāya
dem Māndhātṛ, dem Yauvanāśva (Dat.Sg.)
prītimān abhyabhāṣata
wohlwollend, freundlich gesinnt, sprach an (Nom.Sg.; Impf.3.Sg.Med.)
Ein König, [selbst] höchst dharmagesinnt, [aber nur] glückbegabt, wird ein Übeltäter genannt [?]; und die Götter geraten in Tadel, und es heißt: „Dharma gibt es nicht.“
Wort für Wort
rājā paramadharmātmā
ein König höchst dharmagesinnt (Nom.Sg.; Bahuvrīhi)
lakṣmīvān pāpa ucyate
glückbegabt wird Übeltäter genannt [?] (Nom.Sg.; Präs.Pass.3.Sg.)
devāś ca garhāṃ gacchanti
und die Götter geraten in Tadel (Nom.Pl.; Akk.Sg.; Präs.3.Pl.)
dharmo nāstīti cocyate
und es wird gesagt: „Dharma gibt es nicht“ (Nom.Sg.; Präs.Pass.3.Sg.)
Die Konstruktion der ersten Vershälfte ist unklar; wahrscheinlich ist gemeint, dass das Glück eines Frevlers den Dharma und die Götter in Verruf bringt (vgl. Vers 7).
Die Lebensweise des Dharma wird abgeschnitten, gewaltiger Adharma herrscht; Furcht, sagt man, [herrscht] bei Tag und Nacht, wenn der Übeltäter nicht abgehalten wird.
Wort für Wort
ucchidyate dharmavṛttam
wird abgeschnitten die Dharma-Lebensweise (Präs.Pass.3.Sg.; Nom.Sg.)
adharmo vartate mahān
der Adharma herrscht, gewaltig (Nom.Sg.; Präs.3.Sg.)
bhayam āhur divārātram
Furcht, sagt man, Tag und Nacht (Akk.Sg.; Perf.3.Pl.; Adv.)
yadā pāpo na vāryate
wenn der Übeltäter nicht abgehalten wird (Nom.Sg.; Präs.Pass.3.Sg.)
mamedam iti nedaṃ ca sādhūnāṃ tāta dharmataḥ; naiva vyavasthā bhavati yadā pāpo na vāryate; naiva bhāryā na paśavo na kṣetraṃ na niveśanam; saṃdṛśyeta manuṣyāṇāṃ yadā pāpabalaṃ bhavet; devāḥ pūjāṃ na jānanti na svadhāṃ pitaras tathā; na pūjyante hy atithayo yadā pāpo na vāryate
„Dies ist mein, dies nicht“ – diese Festsetzung besteht bei den Guten, mein Lieber, nach dem Dharma nicht mehr, wenn der Übeltäter nicht abgehalten wird. Weder Ehefrau noch Vieh noch Feld noch Wohnstätte würde man bei den Menschen erblicken, wenn die Macht des Bösen [herrscht]. Die Götter kennen keine Verehrung, ebenso die Ahnen keine Svadhā-Spende; Gäste werden nicht verehrt, wenn der Übeltäter nicht abgehalten wird.
Wort für Wort
mamedam iti nedaṃ ca
„mein dies“ und „nicht dies“ (Gen.Sg.; Pron.)
sādhūnāṃ tāta dharmataḥ
bei den Guten, Lieber, gemäß dem Dharma (Gen.Pl.; Vok.Sg.; Abl.-Adv.)
naiva vyavasthā bhavati yadā pāpo na vāryate
keine Festsetzung besteht, wenn der Übeltäter nicht abgehalten wird (Nom.Sg.f.; Präs.3.Sg.)
naiva bhāryā na paśavo na kṣetraṃ na niveśanam
weder Ehefrau noch Vieh noch Feld noch Wohnstätte (Nom.)
saṃdṛśyeta manuṣyāṇāṃ yadā pāpabalaṃ bhavet
würde man erblicken bei den Menschen, wenn Macht des Bösen wäre (Opt.Pass.3.Sg.; Gen.Pl.; Opt.3.Sg.)
devāḥ pūjāṃ na jānanti
die Götter kennen keine Verehrung (Nom.Pl.; Akk.Sg.; Präs.3.Pl.)
na svadhāṃ pitaras tathā
nicht Svadhā-Spende die Ahnen ebenso (Akk.Sg.; Nom.Pl.)
na pūjyante hy atithayo yadā pāpo na vāryate
nicht werden verehrt die Gäste, wenn der Übeltäter nicht abgehalten wird (Präs.Pass.3.Pl.; Nom.Pl.)
Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert). Zusatzpassage (Sternstelle 8*0217). Die erste Zeile ist knapp formuliert: „mama idam iti na idam ca“.
vṛṣo hi bhagavān dharmo yas tasya kurute hy alam; vṛṣalaṃ taṃ vidur devās tasmād dharmaṃ na lopayet
Denn Vṛṣa ist der erhabene Dharma; wer ihm ein „Genug“ bereitet [ihn abwehrt?], den kennen die Götter als Vṛṣala; darum soll man den Dharma nicht zerstören.
Wort für Wort
vṛṣo hi bhagavān dharmaḥ
denn Vṛṣa ist der erhabene Dharma (Nom.Sg.)
yas tasya kurute hy alam
wer ihm ein „Genug“ macht [?] (Rel.Nom.; Präs.3.Sg.Med.; Adv.)
vṛṣalaṃ taṃ vidur devāḥ
als Vṛṣala kennen ihn die Götter (Akk.Sg.; Perf.3.Pl.)
tasmād dharmaṃ na lopayet
darum soll man den Dharma nicht zerstören (Abl.; Opt.Kaus.3.Sg.)
Wortspiel vṛṣa/vṛṣala; „alaṃ kṛ“ hier wohl „abwehren, verwehren“, sonst „genug tun“ [?].
dhanāt sravati dharmo hi dhāraṇād veti niścayaḥ; akāryāṇāṃ manuṣyendra sa sīmāntakaraḥ smṛtaḥ
„Aus dem Reichtum strömt der Dharma“ [?] oder „vom Tragen her“ – so die feste Meinung; er gilt als der, der dem Unzulässigen, Herr der Menschen, die Grenze setzt.
Wort für Wort
dhanāt sravati dharmo hi
aus dem Reichtum strömt [?] der Dharma (Abl.Sg.; Präs.3.Sg.)
dhāraṇād veti niścayaḥ
oder vom Tragen her, so die feste Meinung (Abl.Sg.; Nom.Sg.)
akāryāṇāṃ manuṣyendra
des Unzulässigen, Herr der Menschen (Gen.Pl.; Vok.Sg.)
sa sīmāntakaraḥ smṛtaḥ
er gilt als Grenzsetzer (Nom.Sg.; Part.Pass.)
Erste Vershälfte unsicher: Etymologisierung (dharma aus dhāraṇa „tragen, halten“) und der Ansatz dhanāt sravati („strömt aus dem Reichtum“ oder „schwindet durch Reichtum“) sind unklar.
Sogar Feinde [und] Freunde werden dann auch zum Freund [?].
Wort für Wort
śatravo hy api mitrāṇi
Feinde gar, Freunde (Nom.Pl.)
tadā mitraṃ bhavanty api
dann zum Freund werden sie auch [?] (Nom.Sg.n.; Präs.3.Pl.)
Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert). Zusatzpassage (Sternstelle 20*0218); der Sinn ist unklar, vermutlich verderbt; sinngemäß wäre die Umkehrung zu erwarten (Freunde werden zu Feinden).
Auf die Brahmanen war er damals missgünstig, als Bali, der Sohn des Virocana, [König war]; da wich Śrī von ihm, die glanzvolle, die in ihm gewesen war.
Wort für Wort
brāhmaṇān vai tadāsūyāt
die Brahmanen fürwahr war er damals neidisch auf (Akk.Pl.; Impf.3.Sg.)
yadā vairocano baliḥ
als Bali Vairocana [war] (Nom.Sg.)
athāsmāc chrīr apākrāmat
da wich von ihm Śrī (Abl.Sg.; Nom.Sg.; Impf.3.Sg.)
yāsminn āsīt pratāpinī
die in ihm gewesen war, die Glanzvolle (Lok.Sg.; Impf.3.Sg.; Nom.Sg.f.)
Darpa [Hochmut] mit Namen wurde als Sohn der Śrī aus dem Adharma geboren, so die Überlieferung; von ihm wurden Götter und Asuras, König, sehr oft in seine Gewalt gebracht.
Wort für Wort
darpo nāma śriyaḥ putraḥ
Darpa mit Namen, der Sohn der Śrī (Nom.Sg.; Gen.Sg.)
jajñe 'dharmād iti śrutiḥ
wurde geboren aus dem Adharma, so die Überlieferung (Perf.3.Sg.Med.; Abl.Sg.; Nom.Sg.)
tena devāsurā rājan
von ihm die Götter und Asuras, König (Instr.Sg.; Nom.Pl.; Vok.Sg.)
nītāḥ subahuśo vaśam
wurden gebracht sehr oft in Gewalt (Part.Pass.Nom.Pl.; Adv.; Akk.Sg.)
mattāt pramattāt pogaṇḍād unmattāc ca viśeṣataḥ; tadabhyāsād upāvartād ahitānāṃ ca sevanāt
Vor einem Berauschten, einem Nachlässigen, einem Kind, besonders einem Wahnsinnigen; vor dem Umgang mit diesen, [vor] Umkehr [?], und vor dem Pflegen von Schädlichem;
Wort für Wort
mattāt pramattāt
vor einem Berauschten, einem Nachlässigen (Abl.Sg.)
pogaṇḍād unmattāc ca viśeṣataḥ
vor einem Kind und einem Wahnsinnigen, besonders (Abl.Sg.; Adv.)
tadabhyāsād upāvartāt
vor dem Umgang damit, vor Umkehr [?] (Abl.Sg.)
ahitānāṃ ca sevanāt
und vor dem Pflegen von Schädlichem (Gen.Pl.; Abl.Sg.)
Konstruktion mit Ablativen der Gefahr, Satz setzt sich in 30-31 fort. „upāvartāt“ unsicher.
kuleṣu pāparakṣāṃsi jāyante varṇasaṃkarāt; apumāṃso 'ṅgahīnāś ca sthūlajihvā vicetasaḥ
In den Geschlechtern werden durch Vermischung der Stände böse, rākṣasa-artige [Wesen] geboren: Unmänner, Gliedlose bzw. Gliederversehrte, Dickzüngige, Unverständige.
Wort für Wort
kuleṣu pāparakṣāṃsi
in den Geschlechtern böse Rākṣasas [d. h. rākṣasa-artige] (Lok.Pl.; Nom.Pl.)
jāyante varṇasaṃkarāt
werden geboren durch Standesvermischung (Präs.Pass.3.Pl.; Abl.Sg.)