Quellen der Menschheit

Mahābhārata · Śāntiparva

Kapitel 208: mokṣasādhanopadeśaḥ Der Lehrer über Zügelung von Rede, Geist und Sinnen als Weg zur Erlösung

Fortsetzung der Unterweisung des Lehrers: Genügsamkeit, Wahrhaftigkeit und Sinnes- und Geistzügelung führen über Yoga-Übung und Wissen zum unvergänglichen Brahman. Die Zusatzverse (mit *) sind teils stark verderbt.

gurur uvāca; duranteṣv indriyārtheṣu saktāḥ sīdanti jantavaḥ; ye tv asaktā mahātmānas te yānti paramāṃ gatim

Der Lehrer sprach: „An die schlimm endenden Sinnesobjekte gebunden, versinken die Wesen; die Hochgesinnten aber, die ungebunden sind, gehen zum höchsten Ziel.“

Wort für Wort
guruḥ uvāca
der Lehrer sprach (Nom.Sg.; Perf. 3.Sg.)
duranteṣu indriyārtheṣu
in/an den schlimm endenden Sinnesobjekten (Lok.Pl.; Kompositum)
saktāḥ sīdanti jantavaḥ
[daran] gebunden versinken die Wesen (Nom.Pl.; Präs. 3.Pl.)
ye tu asaktāḥ mahātmānaḥ
die aber, die ungebunden sind, die Hochgesinnten (Nom.Pl.)
te yānti paramāṃ gatim
sie gehen zum höchsten Ziel (Präs. 3.Pl.; Akk.Sg.)

janmamṛtyujarāduḥkhair vyādhibhir manasaḥ klamaiḥ; dṛṣṭvemaṃ saṃtataṃ lokaṃ ghaṭen mokṣāya buddhimān

Durch Geburt, Tod, Alter und Leid, durch Krankheiten und Erschöpfungen des Geistes – wenn der Verständige diese Welt fortwährend [davon durchdrungen] sieht, soll er sich um die Erlösung bemühen.

Wort für Wort
janma-mṛtyu-jarā-duḥkhaiḥ
durch Geburt, Tod, Alter und Leid (Instr.Pl.; Kompositum)
vyādhibhiḥ manasaḥ klamaiḥ
durch Krankheiten, durch Erschöpfungen des Geistes (Instr.Pl.; Gen.Sg.)
dṛṣṭvā imaṃ saṃtataṃ lokam
gesehen habend diese fortwährend [davon erfüllte] Welt (Absolutiv; Akk.Sg.)
ghaṭet mokṣāya buddhimān
er soll sich bemühen um Erlösung, der Verständige (Opt. 3.Sg.; Dat.; Nom.Sg.)

vāṅmanobhyāṃ śarīreṇa śuciḥ syād anahaṃkṛtaḥ; praśānto jñānavān bhikṣur nirapekṣaś caret sukham

Mit Rede, Geist und Körper soll er rein und frei von Ichbezogenheit sein; friedvoll, wissend, als Bettelmönch soll er ohne Erwartung glücklich umherziehen.

Wort für Wort
vāc-manobhyāṃ śarīreṇa
mit Rede und Geist, mit dem Körper (Instr.Du.; Instr.Sg.)
śuciḥ syāt anahaṃkṛtaḥ
rein soll er sein, ohne Ichbezogenheit (Opt. 3.Sg.; Nom.Sg.)
praśāntaḥ jñānavān
friedvoll, wissend (Nom.Sg.)
bhikṣuḥ nirapekṣaḥ caret sukham
der Bettelmönch, ohne Erwartung, soll umherziehen, glücklich (Nom.Sg.; Opt. 3.Sg.; Adv.)

vaśā mokṣavatāṃ pāśās tāsāṃ rūpaṃ pradarśakam; durgrahaṃ paśyamāno 'pi manyate mohitas tadā; evaṃ paśyantam ātmānam anudhyātaṃ hi bandhuṣu; ayathātvena jānāmi bhedarūpeṇa saṃsthitam

Die Zügelungen [?] sind für die nach Erlösung Strebenden Fesseln; ihre Gestalt ist [nur] anzeigend [?]. Obwohl er [sie] als schwer fassbar sieht, meint er dann, verblendet, [sie zu begreifen]. So [ist] das Selbst, das man gesehen hat, in Verwandten [nur] bedacht [?]; nicht der Wirklichkeit gemäß erkenne ich [es], es besteht in der Gestalt der Getrenntheit.

Wort für Wort
vaśāḥ mokṣavatām pāśāḥ
die Zügelungen/Gewalten [?] sind für die Erlösungsstrebenden Fesseln (Nom.Pl.; Gen.Pl.)
tāsāṃ rūpaṃ pradarśakam
deren Gestalt ist anzeigend (Gen.Pl.; Nom.Sg.n.)
durgraham paśyamānaḥ api manyate mohitaḥ tadā
obwohl er es als schwer fassbar sieht, meint er dann verblendet (Part.Med.; Präs. 3.Sg.; Part.Pass.)
evaṃ paśyantam ātmānam anudhyātam hi bandhuṣu
so das sehende/gesehene Selbst, bedacht in Verwandten (Akk.Sg.; Part.Pass.; Lok.Pl.)
ayathātvena jānāmi bhedarūpeṇa saṃsthitam
nicht der Wirklichkeit gemäß erkenne ich es, in Gestalt der Getrenntheit bestehend (Instr.; Präs. 1.Sg.; Part.Pass.)

Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert). Zusatzpassage; Text erkennbar verderbt und syntaktisch unklar, die Wiedergabe ist unsicher.

atha vā manasaḥ saṅgaṃ paśyed bhūtānukampayā; atrāpy upekṣāṃ kurvīta jñātvā karmaphalaṃ jagat

Oder er soll aus Mitleid mit den Wesen die Anhaftung des Geistes betrachten; auch hierin soll er Gleichmut üben, in dem Wissen, dass die Welt Frucht des Handelns ist.

Wort für Wort
atha vā manasaḥ saṅgam
oder die Anhaftung des Geistes (Gen.Sg.; Akk.Sg.)
paśyet bhūta-anukampayā
er soll betrachten aus Mitleid mit den Wesen (Opt. 3.Sg.; Instr.Sg.)
atra api upekṣāṃ kurvīta
auch hierin soll er Gleichmut üben (Opt. Med. 3.Sg.; Akk.Sg.)
jñātvā karma-phalam jagat
erkannt habend, dass die Welt Frucht des Handelns ist (Absolutiv; Akk.Sg.n.)

yat kṛtaṃ prāk śubhaṃ karma pāpaṃ vā tad upāśnute; tasmāc chubhāni karmāṇi kuryād vāgbuddhikarmabhiḥ

Was man zuvor als gutes oder böses Werk getan hat, das erfährt man; darum soll man gute Werke tun, durch Rede, Verstand und Handlung.

Wort für Wort
yat kṛtaṃ prāk śubham karma
was zuvor getan wurde, als gutes Werk (Part.Pass.; Nom./Akk.Sg.n.)
pāpaṃ vā tat upāśnute
oder böses, das erfährt/erlangt man (Präs. Med. 3.Sg.)
tasmāt śubhāni karmāṇi
darum gute Werke (Abl.; Akk.Pl.)
kuryāt vāg-buddhi-karmabhiḥ
man soll tun durch Rede, Verstand und Handlung (Opt. 3.Sg.; Instr.Pl.)

ahiṃsā satyavacanaṃ sarvabhūteṣu cārjavam; kṣamā caivāpramādaś ca yasyaite sa sukhī bhavet

Gewaltlosigkeit, Wahrhaftigkeit, gegenüber allen Wesen Aufrichtigkeit, Nachsicht und Achtsamkeit – wer diese besitzt, der wird glücklich sein.

Wort für Wort
ahiṃsā satya-vacanam
Gewaltlosigkeit, Wahrhaftigkeit der Rede (Nom.Sg.f.; Nom.Sg.n.)
sarva-bhūteṣu ca ārjavam
und Aufrichtigkeit gegenüber allen Wesen (Lok.Pl.; Nom.Sg.n.)
kṣamā ca eva apramādaḥ ca
und Nachsicht und Achtsamkeit (Nom.Sg.)
yasya ete sa sukhī bhavet
wer diese hat, der soll/wird glücklich sein (Gen.Sg.; Nom.Pl.; Opt. 3.Sg.)

anakṣasādhyaṃ tad brahma nirmalaṃ jagataḥ param; svātmaprakāśam agrāhyam ahetukam acañcalam; vivekajñānavācistho hy āśurūpeṇa saṃsthitaḥ; vaikārikāt pradṛśyete gairike madhudhāravat

Jenes Brahman ist durch Sinnesorgane nicht zu erreichen, makellos, jenseits der Welt; selbstleuchtend, unfassbar, ohne Grund, unbewegt. In Unterscheidungswissen und Rede [?] weilend, besteht es in rascher [?] Gestalt; aus dem Veränderlichen [?] tritt es hervor, wie ein Honigstrom in Ockerfarbenem [?].

Wort für Wort
anakṣa-sādhyam tat brahma
nicht durch Sinnesorgane erreichbar, jenes Brahman (Nom.Sg.n.)
nirmalaṃ jagataḥ param
makellos, jenseits der Welt (Nom.Sg.n.; Abl./Gen.Sg.)
sva-ātma-prakāśam agrāhyam
selbstleuchtend, unfassbar (Nom.Sg.n.)
ahetukam acañcalam
ohne Grund, unbewegt (Nom.Sg.n.)
viveka-jñāna-vāci-sthaḥ hi āśu-rūpeṇa saṃsthitaḥ
in Unterscheidungswissen und Rede weilend [?], in rascher Gestalt bestehend [?] (Nom.Sg.m.)
vaikārikāt pradṛśyete gairike madhu-dhāra-vat
aus dem Veränderlichen [?] werden sie sichtbar, wie ein Honigstrom in Ockerfarbenem [?] (Abl.; Präs. Pass. 3.Du.; Lok.)

Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert). Zusatzpassage; Text sehr wahrscheinlich verderbt (Zeilen 3-4), Wiedergabe unsicher.

yaś cainaṃ paramaṃ dharmaṃ sarvabhūtasukhāvaham; duḥkhān niḥsaraṇaṃ veda sa tattvajñaḥ sukhī bhavet

Und wer diese höchste Pflicht, die allen Wesen Glück bringt, als Ausweg aus dem Leid kennt, der ist ein Kenner der Wahrheit und wird glücklich sein.

Wort für Wort
yaḥ ca enaṃ paramaṃ dharmam
und wer diese höchste Pflicht (Nom.Sg.; Akk.Sg.m.)
sarva-bhūta-sukha-āvaham
allen Wesen Glück bringend (Akk.Sg.m.)
duḥkhāt niḥsaraṇaṃ veda
als Ausweg aus dem Leid kennt (Abl.Sg.; Akk.Sg.n.; Präs. 3.Sg.)
sa tattva-jñaḥ sukhī bhavet
der ist ein Wahrheitskenner, er soll glücklich sein (Nom.Sg.; Opt. 3.Sg.)

tasmāt samāhitaṃ buddhyā mano bhūteṣu dhārayet; nāpadhyāyen na spṛhayen nābaddhaṃ cintayed asat

Darum soll er den durch den Verstand gesammelten Geist auf die Wesen richten; er soll nicht [Böses] sinnen, nicht begehren, nicht Unzusammenhängendes [und] Unwirkliches denken.

Wort für Wort
tasmāt samāhitaṃ buddhyā manaḥ
darum den gesammelten Geist durch den Verstand (Akk.Sg.n.; Instr.Sg.)
bhūteṣu dhārayet
er soll [ihn] auf die Wesen richten (Lok.Pl.; Opt. Kaus. 3.Sg.)
na apadhyāyet na spṛhayet
er soll nicht Böses sinnen, nicht begehren (Opt. 3.Sg.)
na abaddhaṃ cintayet asat
nicht Unzusammenhängendes denken, Unwirkliches (Akk.Sg.n.; Opt. 3.Sg.)

avāgyogaprayogeṇa manojñaṃ saṃpravartate; vivakṣatā vā sadvākyaṃ dharmaṃ sūkṣmam avekṣatā; satyāṃ vācam ahiṃsrāṃ ca vaded anapavādinīm

Aus dem Einsatz eines Sprachlosigkeit-Yoga [?] kommt Ansprechendes zustande; oder wer sprechen will und das feine Dharma bedenkt, soll ein gutes Wort sagen: wahre, nicht verletzende und nicht schmähende Rede.

Wort für Wort
avāc-yoga-prayogeṇa
durch Einsatz der Übung der Sprachlosigkeit [?] (Instr.Sg.)
manojñaṃ saṃpravartate
Ansprechendes entsteht (Nom.Sg.n.; Präs. Med. 3.Sg.)
vivakṣatā vā sat-vākyam
oder für den Sprechwilligen ein gutes Wort (Part.Desid. Instr.; Akk.Sg.n.)
dharmaṃ sūkṣmam avekṣatā
das feine Dharma bedenkend (Akk.Sg.; Part.Instr.)
satyāṃ vācam ahiṃsrām ca
wahre und nicht verletzende Rede (Akk.Sg.f.)
vadet anapavādinīm
er soll sprechen, nicht schmähende (Opt. 3.Sg.; Akk.Sg.f.)

Konstruktion des ersten Halbverses unsicher.

kalkāpetām aparuṣām anṛśaṃsām apaiśunām; īdṛg alpaṃ ca vaktavyam avikṣiptena cetasā

Frei von Falschheit, nicht rau, nicht grausam, nicht verleumderisch – von solcher Art und wenig soll man sprechen, mit ungestörtem Sinn.

Wort für Wort
kalka-apetām aparuṣām
frei von Falschheit, nicht rau (Akk.Sg.f.)
anṛśaṃsām apaiśunām
nicht grausam, nicht verleumderisch (Akk.Sg.f.)
īdṛk alpaṃ ca vaktavyam
von solcher Art und wenig ist zu sagen (Nom.Sg.n.; Gerundiv)
avikṣiptena cetasā
mit ungestörtem Sinn (Instr.Sg.)

vākprabuddho hi saṃrāgād virāgād vyāhared yadi; buddhyā hy anigṛhītena manasā karma tāmasam; rajobhūtair hi karaṇaiḥ karmaṇā pratipadyate

Wenn einer, durch die Rede aufgeregt [?], aus Leidenschaft oder aus Abneigung spricht – dann ist das Handeln finster [tamasisch], da der Geist vom Verstand nicht gezügelt ist; mit zu Rajas gewordenen Organen gerät er durch [sein] Handeln [dorthin] [?].

Wort für Wort
vāk-prabuddhaḥ hi saṃrāgāt
durch die Rede aufgeregt [?], aus Leidenschaft (Nom.Sg.; Abl.)
virāgāt vyāharet yadi
aus Abneigung, wenn er spricht (Abl.; Opt. 3.Sg.)
buddhyā hi anigṛhītena manasā
da durch den Verstand nicht gezügelt der Geist (Instr.Sg.)
karma tāmasam
Handeln, finsteres (Nom.Sg.n.)
rajobhūtaiḥ hi karaṇaiḥ
mit zu Rajas gewordenen Organen (Instr.Pl.)
karmaṇā pratipadyate
durch Handeln gerät/gelangt er [?] (Instr.Sg.; Präs. Med. 3.Sg.)

Syntax und vākprabuddhaḥ unsicher.

sa duḥkhaṃ prāpya loke 'smin narakāyopapadyate; tasmān manovākśarīrair ācared dhairyam ātmanaḥ

Der gerät, nachdem er in dieser Welt Leid erfahren hat, in die Hölle; darum soll man mit Geist, Rede und Körper Standhaftigkeit des Selbst üben.

Wort für Wort
sa duḥkhaṃ prāpya
er, Leid erlangt habend (Nom.Sg.; Absolutiv)
loke asmin narakāya upapadyate
in dieser Welt, gelangt er in die Hölle (Lok.Sg.; Dat.; Präs. Med. 3.Sg.)
tasmāt mano-vāk-śarīraiḥ
darum mit Geist, Rede und Körper (Abl.; Instr.Pl.)
ācaret dhairyam ātmanaḥ
er soll üben Standhaftigkeit des Selbst (Opt. 3.Sg.; Akk.Sg.; Gen.Sg.)

prakīrṇameṣabhāro hi yadvad dhāryeta dasyubhiḥ; pratilomāṃ diśaṃ buddhvā saṃsāram abudhās tathā

Wie eine zerstreute Schaflast [?] von Räubern in verkehrter Richtung fortgetragen wird, so [treiben] die Unwissenden im Kreislauf der Wiedergeburt, die die verkehrte Richtung [dafür] halten [?].

Wort für Wort
prakīrṇa-meṣa-bhāraḥ hi
eine zerstreute Last von Schafen [?] (Nom.Sg.m.)
yadvat dhāryeta dasyubhiḥ
wie sie getragen/getrieben würde von Räubern (Opt. Pass. 3.Sg.; Instr.Pl.)
pratilomāṃ diśaṃ buddhvā
die verkehrte Richtung erkannt/angenommen habend [?] (Akk.Sg.f.; Absolutiv)
saṃsāram abudhāḥ tathā
so [gehen] im Saṃsāra die Unwissenden (Akk.Sg.; Nom.Pl.)

Stelle verderbt bzw. elliptisch; Wiedergabe unsicher.

saṃsāramārgam āpannaḥ pratilomaṃ vivarjayet

Wer auf den Weg des Saṃsāra geraten ist, soll das Verkehrte meiden.

Wort für Wort
saṃsāra-mārgam āpannaḥ
auf den Weg des Kreislaufs geraten (Nom.Sg.; Part.Pass.)
pratilomaṃ vivarjayet
das Verkehrte soll er meiden (Akk.Sg.n.; Opt. 3.Sg.)

Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert).

tān eva ca yathā dasyūn kṣiptvā gacchec chivāṃ diśam; tathā rajastamaḥkarmāṇy utsṛjya prāpnuyāt sukham

Und wie man, jene Räuber selbst vertreibend, in die glückverheißende Richtung ginge, so soll man Handlungen aus Rajas und Tamas aufgeben und Glück erlangen.

Wort für Wort
tān eva ca yathā dasyūn
und wie jene Räuber eben (Akk.Pl.)
kṣiptvā gacchet śivāṃ diśam
vertrieben habend, ginge er in die glückverheißende Richtung (Absolutiv; Opt. 3.Sg.; Akk.Sg.f.)
tathā rajas-tamaḥ-karmāṇi
so die Handlungen aus Rajas und Tamas (Akk.Pl.)
utsṛjya prāpnuyāt sukham
aufgegeben habend, soll er erlangen Glück (Absolutiv; Opt. 3.Sg.)

niḥsaṃdigdham anīho vai muktaḥ sarvaparigrahaiḥ; viviktacārī laghvāśī tapasvī niyatendriyaḥ

Zweifelsfrei, ohne Streben, von allem Besitz befreit, einsam wandelnd, leicht essend, asketisch, mit gezügelten Sinnen –

Wort für Wort
niḥsaṃdigdham anīhaḥ vai
zweifelsfrei, ohne Streben (Adv.; Nom.Sg.)
muktaḥ sarva-parigrahaiḥ
befreit von allem Besitz (Part.Pass.; Instr.Pl.)
vivikta-cārī laghu-āśī
einsam wandelnd, leicht essend (Nom.Sg.)
tapasvī niyata-indriyaḥ
Asket, mit gezügelten Sinnen (Nom.Sg.)

jñānadagdhaparikleśaḥ prayogaratir ātmavān; niṣpracāreṇa manasā paraṃ tad adhigacchati

– dessen Leiden durch Wissen verbrannt sind, der an der Übung Freude hat, selbstbeherrscht: mit einem Geist, der nicht umherschweift, erreicht er jenes Höchste.

Wort für Wort
jñāna-dagdha-parikleśaḥ
dessen Leiden durch Wissen verbrannt sind (Nom.Sg.; Kompositum)
prayoga-ratiḥ ātmavān
an der Übung sich erfreuend, selbstbeherrscht (Nom.Sg.)
niṣpracāreṇa manasā
mit nicht umherschweifendem Geist (Instr.Sg.)
param tat adhigacchati
jenes Höchste erreicht er (Akk.Sg.n.; Präs. 3.Sg.)

dhṛtimān ātmavān buddhiṃ nigṛhṇīyād asaṃśayam; mano buddhyā nigṛhṇīyād viṣayān manasātmanaḥ

Standhaft und selbstbeherrscht soll er zweifellos den Verstand zügeln; den Geist soll er durch den Verstand zügeln, die Objekte durch den eigenen Geist.

Wort für Wort
dhṛtimān ātmavān
standhaft, selbstbeherrscht (Nom.Sg.)
buddhiṃ nigṛhṇīyāt asaṃśayam
den Verstand soll er zügeln, zweifellos (Akk.Sg.; Opt. 3.Sg.; Adv.)
manaḥ buddhyā nigṛhṇīyāt
den Geist soll er durch den Verstand zügeln (Akk.Sg.; Instr.Sg.)
viṣayān manasā ātmanaḥ
die Objekte durch den Geist des Selbst/seinen eigenen (Akk.Pl.; Instr.Sg.; Gen.Sg.)

yojayitvā manas tatra niścalaṃ paramātmani; yogābhisaṃdhiyuktasya brahma tat saṃprakāśate; aikāntyaṃ tad idaṃ viddhi sarvavastvantarasthitiḥ; viśeṣahīnaṃ gṛhṇanti viśeṣāṃ kāraṇātmikām; atha vā na prabhus tatra paramātmani vartitum; āgāmitattvaṃ yogātmā yogatantram upakramet

Nachdem er den Geist dort unbewegt auf das höchste Selbst gerichtet hat: Für den, der sich dem Yoga-Vorsatz widmet, leuchtet jenes Brahman auf. Wisse: dies ist die Ausschließlichkeit, das Bestehen im Innern aller Dinge [?]. Sie fassen das der Besonderheit Entbehrende [und] die Besonderheit, die auf einer Ursache beruht [?]. Oder [wenn] er dort nicht vermag, im höchsten Selbst zu verweilen [?], soll der Yoga-Selbst [Yogin] das kommende Wesen [?] [und] die Yoga-Lehre angehen.

Wort für Wort
yojayitvā manaḥ tatra niścalaṃ paramātmani
den Geist dort unbewegt auf das höchste Selbst gerichtet habend (Absolutiv; Lok.Sg.)
yoga-abhisaṃdhi-yuktasya brahma tat saṃprakāśate
für den dem Yoga-Vorsatz Ergebenen leuchtet jenes Brahman auf (Gen.Sg.; Präs. Med. 3.Sg.)
aikāntyaṃ tat idaṃ viddhi
dies ist Ausschließlichkeit, wisse [es] (Akk./Nom.Sg.n.; Imp. 2.Sg.)
sarva-vastu-antara-sthitiḥ
das Bestehen im Innern aller Dinge [?] (Nom.Sg.f.)
viśeṣa-hīnaṃ gṛhṇanti viśeṣām kāraṇa-ātmikām
sie fassen das der Besonderheit Entbehrende, die auf Ursache beruhende Besonderheit [?] (Akk.; Präs. 3.Pl.)
atha vā na prabhuḥ tatra paramātmani vartitum
oder er vermag dort nicht, im höchsten Selbst zu verweilen (Nom.Sg.; Inf.)
āgāmi-tattvaṃ yoga-ātmā yoga-tantram upakramet
das kommende Wesen [?], der Yoga-Selbst, die Yoga-Lehre soll angehen (Akk.; Nom.Sg.; Opt. 3.Sg.)

Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert). Zusatzpassage; Text stellenweise verderbt (Zeilen 3-4, 6), Wiedergabe unsicher.

nigṛhītendriyasyāsya kurvāṇasya mano vaśe; devatās tāḥ prakāśante hṛṣṭā yānti tam īśvaram

Wenn er, dessen Sinne gezügelt sind, den Geist in seine Gewalt bringt, erscheinen ihm jene Gottheiten; erfreut gehen sie zu ihm, dem Herrn.

Wort für Wort
nigṛhīta-indriyasya asya
dem, dessen Sinne gezügelt sind, diesem (Gen.Sg.)
kurvāṇasya mano vaśe
der den Geist in [seine] Gewalt bringt (Part.Med. Gen.Sg.; Lok.Sg.)
devatāḥ tāḥ prakāśante
jene Gottheiten erscheinen (Nom.Pl.; Präs. Med. 3.Pl.)
hṛṣṭāḥ yānti tam īśvaram
erfreut gehen sie zu ihm, dem Herrn (Nom.Pl.; Präs. 3.Pl.; Akk.Sg.)

tābhiḥ saṃsaktamanaso brahmavat saṃprakāśate; etaiś cāpagataiḥ sarvair brahmabhūyāya kalpate

Wer mit ihnen im Geist verbunden ist, leuchtet brahmagleich auf; und wenn diese alle verschwunden sind, wird er tauglich, Brahman zu werden.

Wort für Wort
tābhiḥ saṃsakta-manasaḥ
dessen Geist mit ihnen verbunden ist (Instr.Pl.f.; Gen.Sg.)
brahma-vat saṃprakāśate
brahmagleich leuchtet er auf (Adv.; Präs. Med. 3.Sg.)
etaiḥ ca apagataiḥ sarvaiḥ
und wenn diese alle verschwunden sind (Instr.Pl.; Part.Pass.; Abs. Lok.-artig)
brahma-bhūyāya kalpate
wird er tauglich zum Brahman-Werden (Dat.Sg.; Präs. Med. 3.Sg.)

atha vā na pravarteta yogatantrair upakramet; yena tantramayaṃ tantraṃ vṛttiḥ syāt tat tad ācaret

Oder er soll [darauf] nicht [weiter] eingehen und mit Yoga-Lehren vorgehen; wodurch sein Lebensunterhalt dem [Lehr-]System gemäß wäre [?], das soll er jeweils ausüben.

Wort für Wort
atha vā na pravarteta
oder er soll nicht [darauf] eingehen (Opt. Med. 3.Sg.)
yoga-tantraiḥ upakramet
mit Yoga-Lehren soll er vorgehen (Instr.Pl.; Opt. 3.Sg.)
yena tantra-mayaṃ tantram
wodurch das System, aus [Lehr-]System bestehend [?] (Instr.Sg.n.; Nom.Sg.n.)
vṛttiḥ syāt tat tat ācaret
[dadurch] Lebensweise sein soll, das jeweils soll er üben (Nom.Sg.f.; Opt. 3.Sg.)

Zweiter Halbvers unsicher.

kaṇapiṇyākakulmāṣaśākayāvakasaktavaḥ; tathā mūlaphalaṃ bhaikṣaṃ paryāyeṇopayojayet

Körnerbruch, Ölkuchen, Kulmāṣa-Brei, Gemüse, Gerstenschleim und Gerstenmehl, ebenso Wurzeln, Früchte [und] erbettelte Speise soll er abwechselnd verwenden.

Wort für Wort
kaṇa-piṇyāka-kulmāṣa
Körnerbruch, Ölkuchen, Kulmāṣa-Brei (Kompositum)
śāka-yāvaka-saktavaḥ
Gemüse, Gerstenschleim, Gerstenmehl (Nom.Pl.)
tathā mūla-phalaṃ bhaikṣam
ebenso Wurzeln und Früchte, erbettelte Speise (Nom./Akk.Sg.n.)
paryāyeṇa upayojayet
abwechselnd soll er verwenden (Instr.Sg.; Opt. Kaus. 3.Sg.)

āhāraṃ niyataṃ caiva deśe kāle ca sāttvikam; tat parīkṣyānuvarteta yat pravṛtty anuvartakam

Auch die Nahrung [soll] maßvoll, nach Ort und Zeit [passend] und sattvisch [sein]; das soll er prüfen und dem folgen, was die Tätigkeit fördert.

Wort für Wort
āhāraṃ niyataṃ ca eva
und auch die Nahrung, maßvoll (Akk.Sg.m.)
deśe kāle ca sāttvikam
nach Ort und Zeit, sattvisch (Lok.Sg.; Akk.Sg.m.)
tat parīkṣya anuvarteta
das geprüft habend, soll er folgen (Absolutiv; Opt. Med. 3.Sg.)
yat pravṛtti-anuvartakam
was dem Tätigsein förderlich/folgend ist (Nom.Sg.n.)

pravṛttaṃ noparundheta śanair agnim ivendhayet; jñānendhitaṃ tato jñānam arkavat saṃprakāśate

Das Begonnene soll er nicht hemmen, sondern es langsam wie ein Feuer anfachen; vom Wissen angefacht leuchtet dann das Wissen wie die Sonne auf.

Wort für Wort
pravṛttaṃ na uparundheta
das Begonnene soll er nicht hemmen (Part.Pass.; Opt. Med. 3.Sg.)
śanaiḥ agnim iva indhayet
langsam soll er wie ein Feuer anfachen (Adv.; Akk.Sg.; Opt. Kaus. 3.Sg.)
jñāna-indhitaṃ tataḥ jñānam
durch Wissen angefacht, dann das Wissen (Nom.Sg.n.)
arka-vat saṃprakāśate
sonnengleich leuchtet es auf (Adv.; Präs. Med. 3.Sg.)

jñānādhiṣṭhānam ajñānaṃ trīṃl lokān adhitiṣṭhati; vijñānānugataṃ jñānam ajñānād apakṛṣyate

Das Nichtwissen, das das Wissen zum Sitz hat, beherrscht die drei Welten; das vom Erkennen [Vijñāna] begleitete Wissen wird vom Nichtwissen abgezogen [?].

Wort für Wort
jñāna-adhiṣṭhānam ajñānam
das Nichtwissen, das Wissen zum Sitz habend (Nom.Sg.n.)
trīn lokān adhitiṣṭhati
die drei Welten beherrscht es (Akk.Pl.; Präs. 3.Sg.)
vijñāna-anugataṃ jñānam
das von Erkennen begleitete Wissen (Nom.Sg.n.)
ajñānāt apakṛṣyate
vom Nichtwissen wird es abgezogen [?] (Abl.; Präs. Pass. 3.Sg.)

pṛthaktvāt saṃprayogāc ca nāsūyur veda śāśvatam; sa tayor apavargajño vītarāgo vimucyate

Wegen der Getrenntheit und wegen der Verbindung [beider] ist er nicht missgünstig [und] kennt das Ewige; er, der die Lösung der beiden voneinander kennt, frei von Leidenschaft, wird erlöst.

Wort für Wort
pṛthaktvāt saṃprayogāt ca
wegen Getrenntheit und wegen Verbindung (Abl.Sg.)
na asūyuḥ veda śāśvatam
nicht missgünstig kennt er das Ewige (Nom.Sg.; Perf. 3.Sg.; Akk.Sg.n.)
sa tayoḥ apavarga-jñaḥ
er, der Kenner der Lösung der beiden (Gen.Du.; Nom.Sg.)
vīta-rāgaḥ vimucyate
leidenschaftsfrei wird er erlöst (Nom.Sg.; Präs. Pass. 3.Sg.)

Der Bezug von „der beiden“ (Wissen und Nichtwissen bzw. Ewiges und Vergängliches) ist im Text nicht ausdrücklich.

vayotīto jarāmṛtyū jitvā brahma sanātanam; amṛtaṃ tad avāpnoti yat tad akṣaram avyayam

Wer über das Alter hinaus ist, Alter und Tod besiegt und das ewige Brahman [erkannt hat], der erlangt jenes Unsterbliche, das jenes Unvergängliche, Unwandelbare ist.

Wort für Wort
vayaḥ-atītaḥ jarā-mṛtyū
über das Alter hinaus, Alter und Tod (Nom.Sg.; Akk.Du.)
jitvā brahma sanātanam
besiegt habend, [und] das ewige Brahman (Absolutiv; Akk.Sg.n.)
amṛtaṃ tat avāpnoti
das Unsterbliche, jenes erlangt er (Akk.Sg.n.; Präs. 3.Sg.)
yat tat akṣaram avyayam
was jenes Unvergängliche, Unwandelbare ist (Nom.Sg.n.)

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