Kapitel 264: ahiṃsāyajñopākhyāna
Die Geschichte vom Ährenleser-Brahmanen: Opfer ohne Töten und die Gewaltlosigkeit als ganzes Dharma
Auf Yudhiṣṭhiras Frage, wie ein Opfer dem Dharma und nicht dem Genuss dienen kann, erzählt Bhīṣma (nach Nārada) von einem Ähren lesenden Brahmanen in Vidarbha und einem Reh; der Text der ersten Verse ist stark verderbt und syntaktisch oft unklar. Die Lehre lautet: Töten beim Opfer ist nicht opfergemäß.
Yudhiṣṭhira sprach: „Bei den vielen Opfern und Askesen, die auf ein und dasselbe Ziel gerichtet sind, Großvater – wie wird ein Opfer [recht] gefügt, [so dass es] um des Dharma willen [geschieht], nicht um des Genusses willen?“
Wort für Wort
yudhiṣṭhira uvāca
Yudhiṣṭhira sprach (Nom.; Perf.3.Sg.)
bahūnāṃ yajñatapasām
von den vielen Opfern und Askesen (Gen.Pl.; Dvandva)
ekārthānāṃ pitāmaha
die auf ein Ziel gerichtet sind (Gen.Pl., Bahuvrīhi); Großvater (Vok.)
dharmārthaṃ na sukhārthārtham
um des Dharma willen, nicht um des Zwecks von Glück/Genuss willen (Akk. adv.; Tatpuruṣa)
kathaṃ yajñaḥ samāhitaḥ
wie [ist] das Opfer recht gefügt/gesammelt (Nom.Sg.; Part.Perf.Pass.)
bhīṣma uvāca; atra te vartayiṣyāmi nāradenānukīrtitam; uñchavṛtteḥ purāvṛttaṃ yajñārthe brāhmaṇasya ha
Bhīṣma sprach: „Hierüber will ich dir berichten, was von Nārada erzählt wurde: eine frühere Begebenheit von einem Ähren lesenden Brahmanen, [die] das Opfer betrifft.“
Wort für Wort
bhīṣma uvāca
Bhīṣma sprach (Nom.; Perf.3.Sg.)
atra te vartayiṣyāmi
hierzu will ich dir erzählen (Adv.; Dat./Gen.Sg.; 1.Sg.Fut.Kaus.)
nāradena anukīrtitam
von Nārada verkündet (Instr.Sg.; Part.Perf.Pass.)
uñchavṛtteḥ purāvṛttam
die frühere Begebenheit des von Ährenlese Lebenden (Gen.Sg.; Nom.Sg.n.)
yajñārthe brāhmaṇasya ha
im Zusammenhang mit dem Opfer, eines Brahmanen, fürwahr (Lok.Sg.; Gen.Sg.; Partikel)
Im vorzüglichen, dharmareichen Reich der Vidarbhas lebte ein Zweigeborener, ein Seher, der von Ährenlese lebte; er fügte im Opfer das Opfer [zusammen] [?].
Wort für Wort
rāṣṭre dharmottare śreṣṭhe
im Reich, das im Dharma hervorragt, vorzüglich (Lok.Sg.n.; Bahuvrīhi)
vidarbheṣu abhavad dvijaḥ
bei den Vidarbhas war ein Zweigeborener (Lok.Pl.; 3.Sg.Impf.; Nom.Sg.)
uñchavṛttiḥ ṛṣiḥ kaś cit
ein Ährenleser-Seher, irgendeiner (Nom.Sg.; Nom.Sg.; Pron.)
yajñe yajñaṃ samādadhe
im Opfer das Opfer fügte/stiftete er (Lok.Sg.; Akk.Sg.; 3.Sg.Med.Perf.)
Der Sinn von „yajñe yajñaṃ samādadhe“ ist unklar; vielleicht: er fügte sein [inneres] Opfer in das [äußere] Opfer.
upagamya vane pṛthvīṃ sarvabhūtavihiṃsayā; api mūlaphalair ijyo yajñaḥ svargyaḥ paraṃtapa
Nachdem man im Wald die Erde aufgesucht hat, ist – ohne Verletzung aller Wesen, selbst mit Wurzeln und Früchten – das Opfer zu vollziehen, das zum Himmel führt, Bezwinger der Feinde [?].
Wort für Wort
upagamya vane pṛthvīm
nachdem man in den Wald [gekommen] / die Erde aufgesucht hat (Abs.; Lok.Sg.; Akk.Sg.f.)
sarvabhūtavihiṃsayā
durch Nichtverletzen aller Wesen (Instr.Sg.f.; Tatpuruṣa)
api mūlaphalaiḥ ijyaḥ
selbst mit Wurzeln und Früchten ist zu opfern (Instr.Pl.; Gerundiv)
yajñaḥ svargyaḥ
das Opfer [ist] himmelfördernd (Nom.Sg.m.)
paraṃtapa
Bezwinger der Feinde (Vok.Sg.)
Text vermutlich verderbt; „upagamya … pṛthvīm“ unsicher.
tasya bhāryā vratakṛśā śuciḥ puṣkaracāriṇī; yajñapatnītvam ānītā satyenānuvidhīyate; sā tu śāpaparitrastā na svabhāvānuvartinī
Seine Frau, durch Gelübde abgemagert, rein, im Lotos wandelnd [?], wurde zur Opfergattin gemacht; durch Wahrheit wird [ihr] gefolgt/entsprochen [?]. Sie aber, vom Fluch verängstigt, folgte nicht ihrer [eigenen] Natur.
Wort für Wort
tasya bhāryā vratakṛśā
seine Frau, durch Gelübde abgemagert (Gen.; Nom.Sg.f.; Tatpuruṣa)
śuciḥ puṣkaracāriṇī
rein, im Lotos/Wasser/Himmel wandelnd [?] (Nom.Sg.f.)
yajñapatnītvam ānītā
zur Opfergattinschaft gebracht (Akk.Sg.n.; Part.Perf.Pass.f.)
satyena anuvidhīyate
durch Wahrheit wird [ihr] entsprochen (Instr.Sg.; 3.Sg.Pass.)
sā tu śāpaparitrastā
sie aber, vom Fluch erschreckt (Nom.Sg.f.; Part.Perf.Pass.)
na svabhāvānuvartinī
nicht der eigenen Natur folgend (Nom.Sg.f.)
Textzustand unsicher; „puṣkaracāriṇī“ und „satyenānuvidhīyate“ unklar.
mayūrajīrṇaparṇānāṃ vastraṃ tasyāś ca parṇinām; akāmāyāḥ kṛtaṃ tatra yajñe hotrānumārgataḥ
Aus Pfauen-[Federn] und alten Blättern von Laubbäumen wurde ihr dort ein Gewand gemacht, gegen ihren Willen, beim Opfer nach der Weise des Hotṛ-Priesters [?].
Wort für Wort
mayūrajīrṇaparṇānām
aus alten Federn/Blättern von Pfauen [?] (Gen.Pl.; Tatpuruṣa)
vastraṃ tasyāḥ ca parṇinām
ein Gewand ihr, und aus Laubbäumen (Nom.Sg.n.; Gen.Sg.f.; Gen.Pl.)
akāmāyāḥ kṛtam tatra
gegen ihren Willen gemacht dort (Gen.Sg.f.; Part.Perf.Pass.; Adv.)
yajñe hotrānumārgataḥ
beim Opfer nach der Hotṛ-Weise/-Regel (Lok.Sg.; Abl.-Adv.)
Text unsicher; „hotrānumārgataḥ“ evtl. „nach dem Weg des Hotṛ/der Opferspende“.
[Es kam] eine Wiedergeburt des Śukra [?] infolge böser Gedanken; [er,] der das Dharma nicht kannte, wurde in jenem Wald zu einem nahestehenden Reh, einem Weggefährten. Mit Worten sprach er Wahres: „Von dir wurde Übles getan.“
Wort für Wort
śukrasya punar ājātiḥ
des Śukra [?] erneute Geburt (Gen.Sg.; Adv.; Nom.Sg.f.)
apadhyānād adharmavit
infolge böser Gedanken, das Dharma nicht kennend (Abl.Sg.; Nom.Sg.m.)
tasmin vane samīpasthaḥ
in jenem Wald nahe stehend (Lok.Sg.; Nom.Sg.m.)
mṛgaḥ abhūt sahacārikaḥ
wurde ein Reh, ein Begleiter (Nom.Sg.; 3.Sg.Aor.; Nom.Sg.)
vacobhiḥ abravīt satyam
mit Worten sprach er Wahres (Instr.Pl.; 3.Sg.Impf.; Akk.Sg.n.)
tvayā duṣkṛtakaṃ kṛtam
von dir wurde Übles getan (Instr.Sg.; Nom.Sg.n.; Part.Perf.Pass.)
Stark verderbter Text; „śukrasya“ und der Bezug der Wiedergeburt unklar.
„Wenn dieses Opfer ohne die Glieder der Mantras ist [und so] mangelhaft wird, dann wirf mich, o Herr, in [die Spende für] den Hotṛ, und geh du unermüdlich in den Himmel.“
Wort für Wort
yadi mantrāṅgahīnaḥ ayaṃ yajñaḥ
wenn dieses Opfer der Mantra-Glieder entbehrt (Nom.Sg.m.; Tatpuruṣa)
bhavati vaikṛtaḥ
mangelhaft/verfehlt wird (3.Sg.Präs.; Nom.Sg.m.)
mām bhoḥ prakṣipa hotre
mich, o Herr, wirf hinein in den Hotṛ-Anteil [?] (Akk.; Vok.; Imp.2.Sg.; Lok./Dat.Sg.)
Da, nachdem er [es] sehr schön gesehen hatte mit einem Auge, das von Sehnsucht ergriffen war, und auf das Reh geblickt hatte, befürwortete er im Töten den Aufenthalt im Himmel [?].
Wort für Wort
tataḥ suruciram dṛṣṭvā
darauf, sehr Schönes gesehen habend (Adv.; Akk.Sg.n.; Abs.)
spṛhālagnena cakṣuṣā
mit von Sehnsucht ergriffenem Auge (Instr.Sg.n.; Tatpuruṣa)
mṛgam ālokya
auf das Reh blickend (Akk.Sg.; Abs.)
hiṃsāyām svargavāsam
beim Töten, den Himmelsaufenthalt (Lok.Sg.f.; Akk.Sg.m.)
samarthayat
befürwortete/hielt für möglich (3.Sg.Impf.Kaus.)
Subjekt unklar (der Brahmane oder das Reh); Text unsicher.
ahiṃsā sakalo dharmo hiṃsā yajñe 'samāhitā; satyaṃ te 'haṃ pravakṣyāmi yo dharmaḥ satyavādinām
Gewaltlosigkeit ist das ganze Dharma; Töten beim Opfer ist nicht recht gefügt. Wahres will ich dir sagen, [nämlich] welches das Dharma der Wahrheitsredner ist.
Wort für Wort
ahiṃsā sakalaḥ dharmaḥ
Gewaltlosigkeit [ist] das ganze Dharma (Nom.Sg.f.; Nom.Sg.m.; Nom.Sg.m.)
hiṃsā yajñe asamāhitā
Töten im Opfer [ist] nicht recht gefügt (Nom.Sg.f.; Lok.Sg.; Part.Nom.f.)
satyaṃ te aham pravakṣyāmi
Wahres dir ich werde verkünden (Akk.Sg.n.; Dat.Sg.; Nom.; 1.Sg.Fut.)
yaḥ dharmaḥ satyavādinām
welches das Dharma der Wahrheitsredner [ist] (Rel.Nom.; Nom.Sg.; Gen.Pl.)