Quellen der Menschheit

Mahābhārata · Śāntiparva

Kapitel 122: daṇḍotpatti Vasuhoma erzählt Māndhātar vom Ursprung der Strafgewalt und ihrer Weitergabe

Der König Vasuhoma belehrt Māndhātar über die Entstehung der Daṇḍa (Strafgewalt) aus Mahādeva nach dem Verschwinden beim Opfer Brahmās. Das Kapitel umfasst die Schöpfung der Daṇḍanīti, die Einsetzung der Herren und die Überlieferung des Daṇḍa bis zu Manu.

bhīṣma uvāca; atrāpy udāharantīmam itihāsaṃ purātanam; aṅgeṣu rājā dyutimān vasuhoma iti śrutaḥ

Bhīṣma sprach: Hierzu erzählt man auch diese alte Geschichte: Unter den Aṅgas gab es einen glanzvollen König, der als Vasuhoma bekannt war.

Wort für Wort
bhīṣma uvāca
Bhīṣma sprach (Perf.)
atrāpy udāharanti imam itihāsaṃ purātanam
auch hierzu führt man diese alte Geschichte an (3.Pl.Präs.; Akk.)
aṅgeṣu rājā dyutimān
bei den Aṅgas [war] ein König, glanzvoll (Lok.Pl.; Nom.)
vasuhoma iti śrutaḥ
Vasuhoma, so bekannt (Part.Pass. Nom.)

sa rājā dharmanityaḥ san saha patnyā mahātapāḥ; muñjapṛṣṭhaṃ jagāmātha devarṣigaṇapūjitam

Dieser König, stets dem Dharma ergeben und von großer Askese, ging mit seiner Gattin zum Muñjapṛṣṭha, das von Scharen göttlicher Seher verehrt wird.

Wort für Wort
sa rājā dharmanityaḥ san
dieser König, dem Dharma stets ergeben seiend (Nom.; Part.Präs.)
saha patnyā mahātapāḥ
zusammen mit der Gattin, von großer Askese (Instr.; Nom.)
muñjapṛṣṭhaṃ jagāma atha
zum Muñjapṛṣṭha ging er da (Akk.; Perf. 3.Sg.)
devarṣigaṇapūjitam
von Scharen göttlicher Seher verehrt (Akk.; Kompositum, Part.Pass.)

tatra śṛṅge himavato merau kanakaparvate; yatra muñjavaṭe rāmo jaṭāharaṇam ādiśat

Dort auf dem Gipfel des Himavat, auf dem Meru, dem Goldberg, wo Rāma unter der Muñja-Feige das Abscheren des Haarknotens [der Verfilzung] anordnete.

Wort für Wort
tatra śṛṅge himavataḥ
dort auf dem Gipfel des Himavat (Lok.; Gen.)
merau kanakaparvate
auf dem Meru, dem Goldberg (Lok.; Karmadhāraya)
yatra muñjavaṭe rāmaḥ
wo unter dem Muñja-Feigenbaum Rāma (Lok.; Nom.)
jaṭāharaṇam ādiśat
das Wegnehmen der Filzlocken ordnete er an (Akk.; Aor./Impf. 3.Sg.)

Muñjavaṭa und jaṭāharaṇa sind nicht sicher zu deuten; Rāma vermutlich Paraśurāma bzw. Rāma Dāśarathi (unklar).

tadāprabhṛti rājendra ṛṣibhiḥ saṃśitavrataiḥ; muñjapṛṣṭha iti proktaḥ sa deśo rudrasevitaḥ

Von jener Zeit an, Herr der Könige, wurde jener von Rudra besuchte Landstrich von den Sehern mit strengen Gelübden „Muñjapṛṣṭha“ genannt.

Wort für Wort
tadāprabhṛti rājendra
von da an, Herr der Könige (Adv.; Vok.)
ṛṣibhiḥ saṃśitavrataiḥ
von den Sehern mit scharfen/strengen Gelübden (Instr.Pl.; Bahuvrīhi)
muñjapṛṣṭha iti proktaḥ
‚Muñjapṛṣṭha‘, so genannt (Part.Pass. Nom.)
sa deśo rudrasevitaḥ
jener Landstrich, von Rudra aufgesucht/verehrt (Nom.; Part.Pass.)

sa tatra bahubhir yuktaḥ sadā śrutimayair guṇaiḥ; brāhmaṇānām anumato devarṣisadṛśo 'bhavat

Dort war er stets mit vielen aus der Offenbarung [Veda] stammenden Vorzügen ausgestattet, von den Brahmanen gebilligt, und wurde einem göttlichen Seher gleich.

Wort für Wort
sa tatra bahubhir yuktaḥ
er dort mit vielen versehen (Nom.; Instr.Pl.; Part.Pass.)
sadā śrutimayair guṇaiḥ
stets mit aus Überlieferung bestehenden Eigenschaften (Instr.Pl.)
brāhmaṇānām anumataḥ
von den Brahmanen gebilligt (Gen.Pl.; Nom.Part.Pass.)
devarṣisadṛśaḥ abhavat
einem göttlichen Seher gleich wurde er (Nom.; Impf. 3.Sg.)

taṃ kadā cid adīnātmā sakhā śakrasya mānitaḥ; abhyāgacchan mahīpālo māndhātā śatrukarśanaḥ

Zu ihm kam einmal der hochgeehrte König Māndhātar, der Freund Śakras, Vernichter der Feinde, mit ungebeugtem Sinn.

Wort für Wort
taṃ kadā cid
zu ihm einmal (Akk.; Adv.)
adīnātmā sakhā śakrasya
mit unverzagtem Geist, Freund Śakras (Nom.; Gen.)
mānitaḥ abhyāgacchat
geehrt kam er heran (Part.Pass.; Impf. 3.Sg.)
mahīpālo māndhātā śatrukarśanaḥ
der Erdenhüter Māndhātar, Feindeplager (Nom.)

so 'bhisṛtya tu māndhātā vasuhomaṃ narādhipam; dṛṣṭvā prakṛṣṭaṃ tapasā vinayenābhyatiṣṭhata

Māndhātar trat an König Vasuhoma heran, und als er ihn an Askese vortrefflich sah, empfing er ihn mit Bescheidenheit.

Wort für Wort
so 'bhisṛtya tu māndhātā
er aber, herangetreten, Māndhātar (Abs.; Nom.)
vasuhomaṃ narādhipam
den Vasuhoma, den Herrn der Menschen (Akk.)
dṛṣṭvā prakṛṣṭaṃ tapasā
[ihn] gesehen habend, hervorragend durch Askese (Abs.; Akk.; Instr.)
vinayena abhyatiṣṭhata
mit Bescheidenheit trat er ihm entgegen (Instr.; Impf. Med. 3.Sg.)

abhyatiṣṭhata: eigentlich ‚trat entgegen, ehrte‘; hier als ehrerbietiger Empfang gedeutet [?].

vasuhomo 'pi rājño vai gām arghyaṃ ca nyavedayat; aṣṭāṅgasya ca rājyasya papraccha kuśalaṃ tadā

Auch Vasuhoma bot dem König eine Kuh und Wasser zur Ehrung dar und erkundigte sich dann nach dem Wohlergehen seines achtgliedrigen Reiches.

Wort für Wort
vasuhomo 'pi rājñaḥ vai
auch Vasuhoma dem König fürwahr (Nom.; Dat.)
gām arghyaṃ ca nyavedayat
eine Kuh und Ehrengabe bot er dar (Akk.; Impf. 3.Sg.)
aṣṭāṅgasya ca rājyasya
und des achtgliedrigen Reiches (Gen.)
papraccha kuśalaṃ tadā
fragte nach dem Wohlergehen da (Perf. 3.Sg.; Akk.)

sadbhir ācaritaṃ pūrvaṃ yathāvad anuyāyinam; apṛcchad vasuhomas taṃ rājan kiṃ karavāṇi te

Er fragte den, der in rechter Weise dem folgte, was die Guten von alters her getan haben: „König, was soll ich für dich tun?“

Wort für Wort
sadbhir ācaritaṃ pūrvam
von den Guten früher Geübtes (Instr.Pl.; Part.Pass.)
yathāvad anuyāyinam
in gebührender Weise Nachfolgenden (Akk.)
apṛcchad vasuhomas taṃ
fragte Vasuhoma ihn (Impf. 3.Sg.)
rājan kiṃ karavāṇi te
König, was soll ich tun für dich? (Vok.; Konj. 1.Sg.; Dat./Gen.)

Die Beziehung von anuyāyinam ist grammatisch nur locker (Akk. zu taṃ, Māndhātar).

so 'bravīt paramaprīto māndhātā rājasattamam; vasuhomaṃ mahāprājñam āsīnaṃ kurunandana

Hocherfreut sprach Māndhātar zu dem trefflichsten der Könige, dem sehr weisen Vasuhoma, der dasaß, o Freudenspender der Kurus:

Wort für Wort
so 'bravīt paramaprītaḥ
er sprach, höchst erfreut (Impf. 3.Sg.; Nom.)
māndhātā rājasattamam
Māndhātar zum besten der Könige (Nom.; Akk.)
vasuhomaṃ mahāprājñam
zu Vasuhoma, dem sehr Weisen (Akk.)
āsīnaṃ kurunandana
der dasaß, Freude der Kurus (Part.Präs. Akk.; Vok.)

bṛhaspater mataṃ rājann adhītaṃ sakalaṃ tvayā; tathaivauśanasaṃ śāstraṃ vijñātaṃ te narādhipa

„König, die Lehre des Bṛhaspati hast du vollständig durchstudiert, ebenso ist dir die Lehre des Uśanas bekannt, Herr der Menschen.

Wort für Wort
bṛhaspater mataṃ rājan
des Bṛhaspati Lehre, König (Gen.; Akk.; Vok.)
adhītaṃ sakalaṃ tvayā
studiert, ganz, von dir (Part.Pass.; Instr.)
tathā eva auśanasaṃ śāstraṃ
ebenso die Uśanas-Lehre (Akk.)
vijñātaṃ te narādhipa
erkannt/gewusst von dir, Herr der Menschen (Part.Pass.; Gen. als Agens; Vok.)

tad ahaṃ śrotum icchāmi daṇḍa utpadyate katham; kiṃ vāpi pūrvaṃ jāgarti kiṃ vā paramam ucyate

Das möchte ich hören: Wie entsteht die Strafgewalt? Was wacht zuerst, oder was wird als das Höchste bezeichnet?

Wort für Wort
tad ahaṃ śrotum icchāmi
das möchte ich hören (Inf.; 1.Sg.Präs.)
daṇḍa utpadyate katham
wie entsteht der Stab/die Strafe? (Passiv/Med. 3.Sg.)
kiṃ vā api pūrvaṃ jāgarti
oder was wacht zuvor? (3.Sg.Präs.)
kiṃ vā paramam ucyate
oder was wird das Höchste genannt? (Pass. 3.Sg.)

kathaṃ kṣatriyasaṃsthaś ca daṇḍaḥ saṃpraty avasthitaḥ; brūhi me sumahāprājña dadāmy ācāryavetanam

Und wie ist die Strafgewalt nun im Stand der Kṣatriyas verankert? Sage es mir, sehr weiser Mann, ich gebe [dir] das Lehrgeld für den Lehrer.“

Wort für Wort
kathaṃ kṣatriyasaṃsthaḥ ca
wie im Kṣatriya-Stand befindlich und (Adv.; Nom.)
daṇḍaḥ saṃprati avasthitaḥ
die Strafgewalt jetzt fest gegründet (Nom.; Part.Pass.)
brūhi me sumahāprājña
sprich zu mir, sehr Weiser (Imp.; Dat./Gen.; Vok.)
dadāmi ācāryavetanam
ich gebe das Lehrergehalt (1.Sg.Präs.; Akk.)

vasuhoma uvāca; śṛṇu rājan yathā daṇḍaḥ saṃbhūto lokasaṃgrahaḥ; prajāvinayarakṣārthaṃ dharmasyātmā sanātanaḥ

Vasuhoma sprach: Höre, König, wie die Strafgewalt entstand, das Zusammenhaltsmittel der Welt, zum Schutz und zur Zucht der Geschöpfe, das ewige Wesen des Dharma.

Wort für Wort
vasuhoma uvāca
Vasuhoma sprach
śṛṇu rājan yathā daṇḍaḥ
höre, König, wie der Stab (Imp.; Vok.)
saṃbhūto lokasaṃgrahaḥ
entstanden, Weltzusammenhalt (Part.Pass.; Nom.)
prajāvinayarakṣārtham
zu Zucht und Schutz der Geschöpfe (Adv./Akk.)
dharmasya ātmā sanātanaḥ
des Dharma Selbst/Wesen, ewig (Gen.; Nom.)

brahmā yiyakṣur bhagavān sarvalokapitāmahaḥ; ṛtvijaṃ nātmanā tulyaṃ dadarśeti hi naḥ śrutam

Der ehrwürdige Brahmā, der Großvater aller Welten, wollte opfern und fand keinen Opferpriester, der ihm selbst gleich war, so haben wir gehört.

Wort für Wort
brahmā yiyakṣuḥ bhagavān
Brahmā, opfern wollend, ehrwürdig (Nom.; Desiderativ-Adj.)
sarvalokapitāmahaḥ
der Großvater aller Welten (Nom.)
ṛtvijaṃ na ātmanā tulyaṃ
einen Priester sich selbst gleich nicht (Akk.; Instr.)
dadarśa iti hi naḥ śrutam
sah [er], so ist von uns gehört worden (Perf. 3.Sg.; Part.Pass.)

sa garbhaṃ śirasā devo varṣapūgān adhārayat; pūrṇe varṣasahasre tu sa garbhaḥ kṣuvato 'patat

Da trug der Gott einen Embryo viele Jahre lang im Kopf; als tausend Jahre voll waren, fiel der Embryo beim Niesen heraus.

Wort für Wort
sa garbhaṃ śirasā devaḥ
der Gott den Keim mit dem Kopf (Akk.; Instr.)
varṣapūgān adhārayat
viele Jahre lang trug er (Akk.Pl.; Impf. 3.Sg.)
pūrṇe varṣasahasre tu
als tausend Jahre voll waren aber (Lok.abs.)
sa garbhaḥ kṣuvataḥ apatat
der Keim fiel von dem Niesenden (Gen.; Impf. 3.Sg.)

śirasā: ‚mit/in dem Kopf‘, gemeint ist vermutlich ‚im Haupt‘ [?].

sa kṣupo nāma saṃbhūtaḥ prajāpatir ariṃdama; ṛtvig āsīt tadā rājan yajñe tasya mahātmanaḥ

Er wurde als Kṣupa geboren, ein Prajāpati, Bezwinger der Feinde, und war da, König, Opferpriester bei dem Opfer jenes Hochgesinnten.

Wort für Wort
sa kṣupo nāma saṃbhūtaḥ
der, Kṣupa mit Namen, entstanden (Nom.; Part.Pass.)
prajāpatiḥ ariṃdama
ein Prajāpati, Feindbezwinger (Nom.; Vok.)
ṛtvig āsīt tadā rājan
Priester war er da, König (Impf. 3.Sg.; Vok.)
yajñe tasya mahātmanaḥ
beim Opfer jenes Hochgesinnten (Lok.; Gen.)

tasmin pravṛtte satre tu brahmaṇaḥ pārthivarṣabha; hṛṣṭarūpapracāratvād daṇḍaḥ so 'ntarhito 'bhavat

Als aber Brahmās Opfersitzung begonnen hatte, Bester der Fürsten, verschwand die Strafgewalt, weil die [Beteiligten] sich freudig [dem Opfer] widmeten.

Wort für Wort
tasmin pravṛtte satre tu
als diese Sitzung begonnen hatte aber (Lok.abs.)
brahmaṇaḥ pārthivarṣabha
des Brahmā, Stier der Fürsten (Gen.; Vok.)
hṛṣṭarūpapracāratvāt
wegen des Verhaltens in freudiger Gestalt (Abl.; Abstraktum)
daṇḍaḥ so 'ntarhitaḥ abhavat
die Strafgewalt verschwunden wurde (Nom.; Part.Pass.)

hṛṣṭarūpapracāratvāt: Bezug nicht sicher [?].

tasminn antarhite cātha prajānāṃ saṃkaro 'bhavat; naiva kāryaṃ na cākāryaṃ bhojyābhojyaṃ na vidyate

Als sie verschwunden war, entstand eine Vermischung unter den Geschöpfen: Es gab weder Tun noch Nichttun, [kein Unterschied von] Essbarem und Nichtessbarem.

Wort für Wort
tasmin antarhite ca atha
und als jene verschwunden war da (Lok.abs.)
prajānāṃ saṃkaraḥ abhavat
der Geschöpfe Vermischung entstand (Gen.Pl.; Impf. 3.Sg.)
na eva kāryaṃ na ca akāryam
weder Zutuendes noch Nichtzutuendes (Nom.)
bhojyābhojyaṃ na vidyate
Essbares-Nichtessbares gibt es nicht (Nom.; Pass. 3.Sg.)

peyāpeyaṃ kutaḥ siddhir hiṃsanti ca parasparam; gamyāgamyaṃ tadā nāsīt parasvaṃ svaṃ ca vai samam

[Auch] Trinkbares und Nichttrinkbares [gab es nicht]; woher [dann] Erfolg? Sie verletzten einander. Erlaubter und unerlaubter Beischlaf bestand damals nicht, fremdes und eigenes Gut waren wahrlich gleich.

Wort für Wort
peyāpeyaṃ kutaḥ siddhiḥ
Trinkbares-Nichttrinkbares, woher Gelingen? (Nom.)
hiṃsanti ca parasparam
und sie verletzen einander (3.Pl.Präs.)
gamyāgamyaṃ tadā na āsīt
Erlaubter-Unerlaubter Umgang gab es damals nicht (Impf.)
parasvaṃ svaṃ ca vai samam
fremdes Gut und eigenes fürwahr gleich (Nom.)

Zu peyāpeyaṃ kutaḥ siddhiḥ: Konstruktion elliptisch [?].

parasparaṃ vilumpante sārameyā ivāmiṣam; abalaṃ balino jaghnur nirmaryādam avartata

Sie plünderten einander aus wie Hunde ein Stück Fleisch; die Starken erschlugen die Schwachen; es herrschte Grenzenlosigkeit [ohne Maß und Ordnung].

Wort für Wort
parasparaṃ vilumpante
sie plündern einander (3.Pl.Med.)
sārameyā iva āmiṣam
wie Hunde ein Fleischstück (Nom.Pl.; Akk.)
abalaṃ balinaḥ jaghnuḥ
den Schwachen erschlugen die Starken (Akk.; Nom.Pl.; Perf. 3.Pl.)
nirmaryādam avartata
ohne Schranke verlief es (Adv.; Impf. Med. 3.Sg.)

tataḥ pitāmaho viṣṇuṃ bhagavantaṃ sanātanam; saṃpūjya varadaṃ devaṃ mahādevam athābravīt

Da verehrte der Großvater [Brahmā] den ehrwürdigen, ewigen Viṣṇu, den Gott, der Wünsche gewährt, und sprach dann zu Mahādeva:

Wort für Wort
tataḥ pitāmahaḥ viṣṇuṃ
da der Großvater den Viṣṇu (Nom.; Akk.)
bhagavantaṃ sanātanam
den Ehrwürdigen, Ewigen (Akk.)
saṃpūjya varadaṃ devam
verehrt habend, den Gabenspender, den Gott (Abs.; Akk.)
mahādevam atha abravīt
zu Mahādeva da sprach er (Akk.; Impf. 3.Sg.)

Syntax der Verse 22 – 23 ist eng verzahnt; die Verehrung gilt vermutlich Mahādeva (varadaṃ devam), Viṣṇu wird als Begleiter genannt [?].

atra sādhv anukampāṃ vai kartum arhasi kevalam

„Du solltest hierin einzig gütiges Erbarmen erweisen.

Wort für Wort
atra sādhu anukampāṃ
hierin gut Mitgefühl (Adv.; Akk.)
vai kartum arhasi kevalam
fürwahr zu tun bist du wert, nur (Inf.; 2.Sg.)

Satzfortsetzung in 25 (Halbvers-Aufteilung in der Ausgabe).

ayaṃ viṣṇuḥ sakhā tubhyaṃ dharmasya parirakṣaṇe; tvaṃ hi sarvavidhānajñaḥ sattvānāṃ tvaṃ gatiḥ parā

Dieser Viṣṇu ist dein Freund beim Schutz des Dharma; du bist ja der Kenner aller Anordnungen, du bist für die Wesen die höchste Zuflucht.

Wort für Wort
ayaṃ viṣṇuḥ sakhā tubhyam
dieser Viṣṇu [ist] Freund dir (Nom.; Dat.)
dharmasya parirakṣaṇe
beim Schutz des Dharma (Gen.; Lok.)
tvaṃ hi sarvavidhānajñaḥ
du ja Kenner aller Vorkehrungen (Nom.)
sattvānāṃ tvaṃ gatiḥ parā
der Wesen bist du die höchste Zuflucht (Gen.Pl.; Nom.)

Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert).

saṃkaro na bhaved atra yathā vai tad vidhīyatām

Damit hier keine Vermischung entstehe, möge so vorgesorgt werden.“

Wort für Wort
saṃkaraḥ na bhavet atra
Vermischung soll nicht sein hier (Pot. 3.Sg.)
yathā vai tad vidhīyatām
wie fürwahr das eingerichtet wird (Imp. Pass. 3.Sg.)

tataḥ sa bhagavān dhyātvā ciraṃ śūlajaṭādharaḥ

Darauf sann der Ehrwürdige lange nach, der Träger von Dreizack und Filzlocken.

Wort für Wort
tataḥ sa bhagavān
darauf jener Ehrwürdige (Nom.)
dhyātvā ciram
nachgedacht habend, lange (Abs.; Adv.)
śūlajaṭādharaḥ
Träger von Dreizack und Filzlocken (Nom.; Kompositum)

devadevo mahādevaḥ kāraṇaṃ jagataḥ param; brahmaviṣṇvindrasahitaḥ sarvaiś ca sa surāsuraiḥ; lokasaṃdhāraṇārthaṃ ca lokasaṃkaranāśanam

Der Gott der Götter, Mahādeva, die höchste Ursache der Welt, [gemeinsam] mit Brahmā, Viṣṇu und Indra und mit allen Göttern und Asuras, [schuf] zur Stützung der Welt und zur Vernichtung der Weltvermischung.

Wort für Wort
devadevo mahādevaḥ
der Götter Gott, Mahādeva (Nom.)
kāraṇaṃ jagataḥ param
Ursache der Welt, höchste (Akk./Nom.; Gen.)
brahmaviṣṇvindrasahitaḥ
mit Brahmā, Viṣṇu und Indra versehen (Nom.; Kompositum)
sarvaiḥ ca sa surāsuraiḥ
und mit allen samt Göttern und Asuras (Instr.Pl.)
lokasaṃdhāraṇārthaṃ ca
und zum Zweck der Erhaltung der Welt (Adv.)
lokasaṃkaranāśanam
Weltvermischung-Vernichtung (Akk.)

Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert). Halbvers-Abfolge unklar: das Prädikat folgt in 28; ergänzt wurde ‚[schuf]‘ nur sinngemäß [?].

ātmānam ātmanā daṇḍam asṛjad devasattamaḥ

Der beste der Götter schuf sich selbst durch sich selbst als Strafgewalt.

Wort für Wort
ātmānam ātmanā
sich selbst durch sich selbst (Akk.; Instr.)
daṇḍam asṛjat
als Stab/Strafe schuf er (Akk.; Impf. 3.Sg.)
devasattamaḥ
der beste der Götter (Nom.)

tasmāc ca dharmacaraṇāṃ nītiṃ devīṃ sarasvatīm; asṛjad daṇḍanītiḥ sā triṣu lokeṣu viśrutā

Und aus ihr schuf er die Leitlinie, die dem Dharma folgt, die Göttin Sarasvatī; sie, die Daṇḍanīti [Politik der Strafgewalt], ist in den drei Welten berühmt.

Wort für Wort
tasmāt ca dharmacaraṇāṃ
und aus ihr die den Dharma Übende (Abl.; Akk.)
nītiṃ devīṃ sarasvatīm
die Leitung, die Göttin Sarasvatī (Akk.)
asṛjat daṇḍanītiḥ sā
schuf er; Daṇḍanīti [ist] sie (Impf.; Nom.)
triṣu lokeṣu viśrutā
in den drei Welten berühmt (Lok.; Part.Pass.)

yayāsau nīyate daṇḍaḥ satataṃ pāpakāriṣu; daṇḍasya nayanāt sā hi daṇḍanītir ihocyate; bhūyaḥ sa bhagavān dhyātvā ciraṃ śūladharaḥ prabhuḥ; asṛjat sarvaśāstrāṇi mahādevo maheśvaraḥ; daṇḍanīteḥ prayogārthaṃ pramāṇāni ca sarvaśaḥ; vidyāś catasraḥ kūṭasthās tāsāṃ bhedavikalpanāḥ; aṅgāni vedāś catvāro mīmāṃsā nyāyavistaraḥ; purāṇaṃ dharmaśāstraṃ ca vidyā hy etāś caturdaśa; āyurvedo dhanurvedo gāndharvaś ceti te trayaḥ; arthaśāstraṃ caturthaṃ tu vidyā hy aṣṭādaśaiva tu; daśa cāṣṭau ca vikhyātā etā dharmasya saṃhitāḥ; etāsām eva vidyānāṃ vyāsam āha maheśvaraḥ; śatāni trīṇi śāstrāṇām āha tantrāṇi saptatim; vyāsa eva tu vidyānāṃ mahādevena kīrtitaḥ; tantraṃ pāśupataṃ nāma pāñcarātraṃ ca viśrutam; yogaśāstraṃ ca sāṃkhyaṃ ca tantraṃ lokāyataṃ tathā; tantraṃ brahmatulā nāma tarkavidyā divaukasām; sukhaduḥkhārthajijñāsā kārakaṃ ceti viśrutam; tarkavidyās tathā cāṣṭau sa cokto nyāyavistaraḥ; daśa cāṣṭau ca vijñeyāḥ paurāṇā yajñasaṃhitāḥ; purāṇāś ca praṇītāś ca tāvad eva hi saṃhitāḥ; dharmaśāstrāṇi tadvac ca ekārthānīti nānyathā; ekārthāni purāṇāni vedāś caikārthasaṃhitāḥ; nānārthāni ca sarvāṇi tarkaśāstrāṇi śaṃkaraḥ; provāca bhagavān devaḥ kālajñānāni yāni ca; catuḥṣaṣṭipramāṇāni āyurvedaṃ ca sottaram; aṣṭādaśa vikalpāntāṃ daṇḍanītiṃ ca śāśvatīm; gāndharvam itihāsaṃ ca nānāvistaram uktavān; ity etāḥ śaṃkaraproktā vidyāḥ śabdārthasaṃyutāḥ; punar bhedasahasraṃ ca tāsām eva tu vistaraḥ; ṛṣibhir devagandharvaiḥ savikalpaḥ savistaraḥ; śaśvad abhyasyate loke veda eva ca sarvaśaḥ; vidyāś catasraḥ saṃkṣiptā vedavādāś ca te smṛtāḥ; etāsāṃ pārago yaś ca sa cokto vedapāragaḥ; vedānāṃ pārago rudro viṣṇur indro bṛhaspatiḥ; śukraḥ svāyaṃbhuvaś caiva manuḥ paramadharmavit; brahmā ca paramo devaḥ sadā sarvaiḥ surāsuraiḥ; śarvasyānugrahāc caiva vyāso vai vedapāragaḥ; ahaṃ śāṃtanavo bhīṣmaḥ prasādān mādhavasya ca; śaṃkarasya prasādāc ca brahmaṇaś ca kurūdvaha; vedapāraga ity ukto yājñavalkyaś ca sarvaśaḥ; kalpe kalpe mahābhāgair ṛṣibhis tattvadarśibhiḥ; ṛṣiputrair ṛṣīkaiś ca bhidyante miśrakair api; śivena brahmaṇā caiva viṣṇunā ca vikalpitaḥ; ādikalpe punaś caiva bhidyante sādhubhiḥ punaḥ; idānīm api vidvadbhir bhidyante ca vikalpakaiḥ; pūrvajanmānusāreṇa bahudheyaṃ sarasvatī

Durch sie wird die Strafe stets gegen die Übeltäter geführt; weil sie die Strafe führt, heißt sie hier Daṇḍanīti. Wiederum sann jener ehrwürdige Herr, der Dreizackträger, lange nach; Mahādeva Maheśvara schuf alle Lehrschriften und alle Maßstäbe zur Anwendung der Daṇḍanīti. Vier Wissenschaften stehen fest; deren Untergliederungen und Abwandlungen [sind vielfältig]. Die [Veda-]Glieder, die vier Veden, die Mīmāṃsā, die Ausführung der Nyāya, das Purāṇa und das Dharmaśāstra: das sind die vierzehn Wissenschaften. Ayurveda, Bogenkunst und Gandharva[-Kunst], das sind diese drei; die Arthaśāstra ist die vierte: so sind es genau achtzehn Wissenschaften. Zehn und acht sind diese als Sammlungen des Dharma berühmt. Von eben diesen Wissenschaften nannte Maheśvara eine Ausführung (Vyāsa); dreihundert Lehrschriften und siebzig Lehrsysteme nannte er. Doch eine [solche] Ausführung der Wissenschaften wurde von Mahādeva selbst verkündet: das Lehrsystem namens Pāśupata, ebenso das berühmte Pāñcarātra, das Yogaśāstra und das Sāṃkhya, so auch das Lokāyata-System; das System namens Brahmatulā, die Denkwissenschaft der Himmelsbewohner; das Erforschen von Glück, Leid und Zweck sowie das ‚Kāraka‘: so ist es berühmt. Ebenso [gibt es] acht Denkwissenschaften, und dies wird als die Ausführung der Nyāya genannt. Zehn und acht sind als Purāṇa-Opfersammlungen zu kennen; Purāṇas und Verfasstes [gibt es] ebenso viele Sammlungen. Ebenso die Dharmaśāstras: sie haben einen einzigen Sinn, nicht anders. Einen Sinn haben die Purāṇas, und die Veden sind Sammlungen eines Sinnes; vielfältigen Sinnes aber sind alle Denkschriften. Śaṃkara, der ehrwürdige Gott, verkündete auch die Zeitkenntnisse, die es gibt, vierundsechzig Maßstäbe, und die Heilkunde samt Nachtrag, die ewige Daṇḍanīti mit achtzehn Abwandlungen, das Gandharva[-Wissen] und die Itihāsa in vielfacher Ausführung. So sind diese von Śaṃkara verkündeten Wissenschaften mit Wort und Sinn verbunden; abermals gibt es tausend Unterteilungen und deren Ausführung. Von Sehern, Göttern und Gandharvas werden sie mit Abwandlungen und Ausführung stets in der Welt studiert, und ebenso überall der Veda. Die vier Wissenschaften sind zusammengefasst, und jene gelten als Veda-Lehren. Wer diese ganz durchdringt, von dem heißt es, er habe den Veda durchdrungen. Den Veda durchdrungen haben Rudra, Viṣṇu, Indra, Bṛhaspati, Śukra und Svāyaṃbhuva Manu, der den höchsten Dharma kennt, und Brahmā, der höchste Gott, stets zusammen mit allen Göttern und Asuras. Und durch Śarvas Gnade hat Vyāsa den Veda durchdrungen; ich, Bhīṣma, Śaṃtanus Sohn, durch die Gnade Mādhavas, und durch die Gnade Śaṃkaras und Brahmās, Kuru-Stier, [ich ebenfalls]; und Yājñavalkya wird überall als Veda-Kundiger genannt. In jedem Weltalter werden sie von hochgesegneten, wahrheitsschauenden Sehern, von Sehersöhnen und Ṛṣīkas und Gemischten unterteilt; von Śiva, Brahmā und Viṣṇu wurde [es] gegliedert; im ersten Weltalter werden sie von den Guten wiederum unterteilt; und auch jetzt werden sie von den Gelehrten und Zergliedernden unterteilt. Entsprechend der früheren Geburt [wird] diese Sarasvatī [vielfach gestaltet].

Wort für Wort
yayā asau nīyate daṇḍaḥ; satataṃ pāpakāriṣu; daṇḍasya nayanāt sā hi
durch welche dieser Stab geführt wird (Instr.; Pass. 3.Sg.); stets gegen Übeltäter (Lok.Pl.); wegen des Führens der Strafe sie ja (Abl.)
daṇḍanītiḥ iha ucyate; bhūyaḥ sa bhagavān dhyātvā ciraṃ
Daṇḍanīti hier wird sie genannt (Pass.); wiederum jener Ehrwürdige, nachgedacht habend lange (Abs.)
śūladharaḥ prabhuḥ; asṛjat sarvaśāstrāṇi; mahādevo maheśvaraḥ
Dreizackträger, Herr (Nom.); schuf alle Lehrschriften (Impf.; Akk.Pl.); Mahādeva Maheśvara (Nom.)
daṇḍanīteḥ prayogārthaṃ pramāṇāni ca sarvaśaḥ
zur Anwendung der Daṇḍanīti, und Maßstäbe allseits (Gen.; Akk.Pl.)
vidyāḥ catasraḥ kūṭasthāḥ; tāsāṃ bhedavikalpanāḥ; aṅgāni vedāḥ catvāraḥ
vier Wissenschaften, feststehend (Nom.Pl.f.); deren Untergliederungen und Abwandlungen (Gen.; Nom.Pl.); die Glieder, vier Veden (Nom.Pl.)
mīmāṃsā nyāyavistaraḥ; purāṇaṃ dharmaśāstraṃ ca
Mīmāṃsā, Nyāya-Ausführung (Nom.); Purāṇa und Dharmaśāstra (Nom.)
vidyāḥ hi etāḥ caturdaśa; āyurvedaḥ dhanurvedaḥ gāndharvaḥ ca; iti te trayaḥ
Wissenschaften ja diese, vierzehn (Nom.Pl.); Heilkunde, Bogenkunde, Gandharva-Kunst (Nom.); so diese drei (Nom.)
arthaśāstraṃ caturthaṃ tu
Arthaśāstra als viertes aber (Nom.)
vidyāḥ hi aṣṭādaśa eva tu; daśa ca aṣṭau ca vikhyātāḥ; etāḥ dharmasya saṃhitāḥ
Wissenschaften ja genau achtzehn (Nom.Pl.); zehn und acht, berühmt (Nom.Pl.); diese Sammlungen des Dharma (Nom.Pl.f.; Gen.)
etāsām eva vidyānāṃ; vyāsam āha maheśvaraḥ
dieser Wissenschaften eben (Gen.Pl.); eine Ausführung nannte Maheśvara (Akk.; Perf. 3.Sg.)
śatāni trīṇi śāstrāṇām
dreihundert der Lehrschriften (Nom.; Gen.Pl.)
āha tantrāṇi saptatim; vyāsa eva tu vidyānāṃ
nannte er, Lehrsysteme siebzig (Akk.); eine Ausführung jedenfalls der Wissenschaften (Nom.; Gen.Pl.)
mahādevena kīrtitaḥ
von Mahādeva verkündet (Instr.; Part.Pass.)
tantraṃ pāśupataṃ nāma; pāñcarātraṃ ca viśrutam
das System namens Pāśupata (Nom.); und das berühmte Pāñcarātra (Nom.)
yogaśāstraṃ ca sāṃkhyaṃ ca
Yogalehre und Sāṃkhya (Nom.)
tantraṃ lokāyataṃ tathā; tantraṃ brahmatulā nāma
ebenso das Lokāyata-System (Nom.); das System namens Brahmatulā (Nom.)
tarkavidyā divaukasām
die Denkwissenschaft der Himmelsbewohner (Nom.; Gen.Pl.)
sukhaduḥkhārthajijñāsā kārakaṃ ca iti viśrutam; tarkavidyāḥ tathā ca aṣṭau
Erforschen von Glück, Leid, Zweck, und ‚Kāraka‘, so berühmt (Nom.); Denkwissenschaften ebenso acht (Nom.Pl.)
sa ca uktaḥ nyāyavistaraḥ
und dies genannt Nyāya-Ausführung (Part.Pass.)
daśa ca aṣṭau ca vijñeyāḥ paurāṇāḥ yajñasaṃhitāḥ; purāṇāḥ ca praṇītāḥ ca tāvat eva hi saṃhitāḥ
zehn und acht zu erkennen, Purāṇa-Opfersammlungen (Gerundiv Nom.Pl.); Purāṇas und Verfasstes, ebenso viele Sammlungen (Nom.Pl.)
dharmaśāstrāṇi tadvat ca ekārthāni iti na anyathā
Dharmaśāstras ebenso, einen Sinn habend, so, nicht anders (Nom.Pl.)
ekārthāni purāṇāni vedāḥ ca ekārthasaṃhitāḥ; nānārthāni ca sarvāṇi tarkaśāstrāṇi śaṃkaraḥ
einsinnig die Purāṇas, und Veden einsinnige Sammlungen (Nom.Pl.); vielsinnig alle Denkschriften; Śaṃkara (Nom.)
provāca bhagavān devaḥ kālajñānāni yāni ca
verkündete, der ehrwürdige Gott, auch die Zeitkenntnisse, welche es gibt (Perf.; Akk.Pl.)
catuḥṣaṣṭipramāṇāni āyurvedaṃ ca sottaram; aṣṭādaśavikalpāntāṃ daṇḍanītiṃ ca śāśvatīm
vierundsechzig Maßstäbe, und Heilkunde samt Nachtrag (Akk.); die ewige Daṇḍanīti mit achtzehn Abwandlungen (Akk.f.)
gāndharvam itihāsaṃ ca nānāvistaram uktavān
Gandharva-Wissen und Itihāsa in vielfacher Ausführung sprach er (Part.Perf.Akt.)
iti etāḥ śaṃkaraproktāḥ vidyāḥ śabdārthasaṃyutāḥ; punaḥ bhedasahasraṃ ca tāsām eva tu vistaraḥ
so diese von Śaṃkara verkündeten Wissenschaften, mit Wort und Sinn verbunden (Nom.Pl.); abermals tausend Unterteilungen und deren Ausführung (Nom.)
ṛṣibhiḥ devagandharvaiḥ savikalpaḥ savistaraḥ
von Sehern, Göttern und Gandharvas, mit Abwandlungen, mit Ausführung (Instr.Pl.)
śaśvat abhyasyate loke veda eva ca sarvaśaḥ; vidyāḥ catasraḥ saṃkṣiptāḥ vedavādāḥ ca te smṛtāḥ
stets wird studiert in der Welt, der Veda ebenso überall (Pass.); vier Wissenschaften zusammengefasst, und jene als Veda-Lehren überliefert (Nom.Pl.)
etāsāṃ pāragaḥ yaḥ ca sa ca uktaḥ vedapāragaḥ
wer dieser Kundiger ist, der wird als Veda-Durchdringer genannt (Nom.)
vedānāṃ pāragaḥ rudraḥ viṣṇuḥ indraḥ bṛhaspatiḥ; śukraḥ svāyaṃbhuvaḥ ca eva manuḥ paramadharmavit
der Veden Durchdringer: Rudra, Viṣṇu, Indra, Bṛhaspati (Nom.); Śukra und Svāyaṃbhuva Manu, Kenner des höchsten Dharma (Nom.)
brahmā ca paramaḥ devaḥ sadā sarvaiḥ surāsuraiḥ
und Brahmā, der höchste Gott, stets mit allen Göttern und Asuras (Nom.; Instr.Pl.)
śarvasya anugrahāt ca eva vyāsaḥ vai vedapāragaḥ; ahaṃ śāṃtanavaḥ bhīṣmaḥ prasādāt mādhavasya ca
und durch Śarvas Gnade Vyāsa fürwahr Veda-Durchdringer (Abl.); ich, Śaṃtanus Sohn Bhīṣma, durch Gunst Mādhavas (Nom.; Abl.)
śaṃkarasya prasādāt ca brahmaṇaḥ ca kurūdvaha
und durch Gunst Śaṃkaras und Brahmās, Kuru-Stier (Abl.; Vok.)
vedapāragaḥ iti uktaḥ yājñavalkyaḥ ca sarvaśaḥ; kalpe kalpe mahābhāgaiḥ ṛṣibhiḥ tattvadarśibhiḥ
‚Veda-Kundiger‘ so genannt Yājñavalkya auch überall (Part.Pass.); in jedem Weltalter von hochgesegneten, wahrheitsschauenden Sehern (Lok.; Instr.Pl.)
ṛṣiputraiḥ ṛṣīkaiḥ ca bhidyante miśrakaiḥ api
von Sehersöhnen, Ṛṣīkas und Gemischten werden sie unterteilt (Pass. 3.Pl.)
śivena brahmaṇā ca eva viṣṇunā ca vikalpitaḥ; ādikalpe punaḥ ca eva bhidyante sādhubhiḥ punaḥ
von Śiva, Brahmā, Viṣṇu gegliedert (Instr.; Part.Pass.); im ersten Weltalter wieder werden sie von den Guten unterteilt (Lok.; Pass.)
idānīm api vidvadbhiḥ bhidyante ca vikalpakaiḥ
auch jetzt von Gelehrten und Zergliedernden unterteilt (Instr.Pl.)
pūrvajanmānusāreṇa bahudhā iyaṃ sarasvatī
nach früherer Geburt vielfach diese Sarasvatī (Instr.; Adv.; Nom.)

Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert). Sehr langer Zusatztext (Stern); Teile syntaktisch und inhaltlich unsicher: z. B. ‚Vyāsa‘ (Ausführung/Zusammenfassung), ‚kārakam‘, ‚sottaram‘, ‚ṛṣīkaiḥ‘, ‚miśrakaiḥ‘, das Ende (Sarasvatī ‚bahudhā‘) [?].

bhūyaḥ sa bhagavān dhyātvā ciraṃ śūlavarāyudhaḥ; tasya tasya nikāyasya cakāraikaikam īśaram

Wiederum sann jener ehrwürdige [Gott], der Dreizack als vortreffliche Waffe [führt], lange nach; für jede einzelne Schar schuf er je einen Herrn.

Wort für Wort
bhūyaḥ sa bhagavān dhyātvā ciram
wiederum jener Ehrwürdige, nachgedacht habend lange (Abs.)
śūlavarāyudhaḥ
dessen vorzügliche Waffe der Dreizack ist (Nom.; Bahuvrīhi)
tasya tasya nikāyasya
für jede einzelne Schar (Gen./Dat.)
cakāra ekaikam īśaram
machte er je einen Herrn (Perf. 3.Sg.; Akk.)

devānām īśvaraṃ cakre devaṃ daśaśatekṣaṇam; yamaṃ vaivasvataṃ cāpi pitṝṇām akarot patim

Zum Herrn der Götter machte er den Gott mit tausend Augen [Indra]; auch Yama Vaivasvata machte er zum Herrn der Väter.

Wort für Wort
devānām īśvaraṃ cakre
der Götter Herrn machte er (Gen.Pl.; Perf.)
devaṃ daśaśatekṣaṇam
den Gott mit tausend Augen (Akk.; Bahuvrīhi)
yamaṃ vaivasvataṃ ca api
Yama Vaivasvata auch (Akk.)
pitṝṇām akarot patim
der Väter machte er zum Herrn (Gen.Pl.; Impf.; Akk.)

dhanānāṃ rakṣasāṃ cāpi kuberam api ceśvaram; parvatānāṃ patiṃ meruṃ saritāṃ ca mahodadhim

Auch über die Reichtümer und die Rākṣasas setzte er Kubera als Herrn ein, über die Berge Meru als Gebieter, über die Flüsse den großen Ozean.

Wort für Wort
dhanānāṃ rakṣasāṃ ca api
der Reichtümer und der Rākṣasas auch (Gen.Pl.)
kuberam api ceśvaram
Kubera als Herrn (Akk.Sg.)
parvatānāṃ patiṃ merum
der Berge Gebieter, Meru (Gen.Pl./Akk.Sg.)
saritāṃ ca mahodadhim
und der Flüsse den großen Ozean (Gen.Pl./Akk.Sg.)

apāṃ rājye surāṇāṃ ca vidadhe varuṇaṃ prabhum; mṛtyuṃ prāṇeśvaram atho tejasāṃ ca hutāśanam

Über die Herrschaft der Gewässer und der Götter setzte er den Herrn Varuṇa ein, den Tod als Herrn der Lebenshauche, und über die Glanzkräfte den Opferverzehrer Agni.

Wort für Wort
apāṃ rājye surāṇāṃ ca
in der Herrschaft der Wasser und der Götter (Lok./Gen.Pl.)
vidadhe varuṇaṃ prabhum
setzte ein Varuṇa, den Herrn (3.Sg.Perf.Med./Akk.)
mṛtyuṃ prāṇeśvaram
den Tod als Herrn der Lebenshauche (Akk.Sg., Tatpuruṣa)
atho tejasāṃ ca hutāśanam
und ferner der Glanzkräfte Agni, den Opferverzehrer (Gen.Pl./Akk.Sg.)

rudrāṇām api ceśānaṃ goptāraṃ vidadhe prabhuḥ; mahātmānaṃ mahādevaṃ viśālākṣaṃ sanātanam

Auch über die Rudras setzte der Herr einen Gebieter und Beschützer ein: den hohen Mahādeva, den Weitäugigen, den Ewigen.

Wort für Wort
rudrāṇām api ceśānam
auch der Rudras den Gebieter (Gen.Pl./Akk.Sg.)
goptāraṃ vidadhe prabhuḥ
als Beschützer setzte ein der Herr (Akk.Sg./3.Sg.Perf./Nom.)
mahātmānaṃ mahādevam
den Hochgesinnten, Mahādeva (Akk.Sg.)
viśālākṣaṃ sanātanam
den Weitäugigen, Ewigen (Akk.Sg.)

daśa caikaṃ ca ye rudrās tasyaite mūrtisaṃbhavāḥ; nānārūpadharo devaḥ sa eva bhagavāñ śivaḥ

Die elf Rudras, die es gibt, sind Erscheinungsformen eben von ihm; vielfältige Gestalten tragend ist der Gott, er ist der erhabene Śiva selbst.

Wort für Wort
daśa caikaṃ ca ye rudrāḥ
zehn und einer, die Rudras (Nom.Pl.)
tasyaite mūrtisaṃbhavāḥ
seine sind diese, aus Gestalten entstanden (Gen./Nom.Pl., Tatpuruṣa)
nānārūpadharo devaḥ
vielfältige Gestalten tragend, der Gott (Nom.Sg.)
sa eva bhagavāñ śivaḥ
er ist der erhabene Śiva (Nom.Sg.)

Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert). Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften).

vasiṣṭham īśaṃ viprāṇāṃ vasūnāṃ jātavedasam; tejasāṃ bhāskaraṃ cakre nakṣatrāṇāṃ niśākaram

Vasiṣṭha [setzte er] als Herrn der Brahmanen [ein], Agni als [Herrn] der Vasus; unter den Glanzkräften machte er die Sonne, unter den Sternbildern den Nachtmacher [den Mond] [zum Herrn].

Wort für Wort
vasiṣṭham īśaṃ viprāṇām
Vasiṣṭha als Herrn der Brahmanen (Akk.Sg./Gen.Pl.)
vasūnāṃ jātavedasam
der Vasus Jātavedas [Agni] (Gen.Pl./Akk.Sg.)
tejasāṃ bhāskaraṃ cakre
der Glanzkräfte den Lichtmacher [Sonne] machte er (Gen.Pl./Akk./3.Sg.Perf.)
nakṣatrāṇāṃ niśākaram
der Sternbilder den Nachtmacher [Mond] (Gen.Pl./Akk.Sg.)

vīrudhām aṃśumantaṃ ca bhūtānāṃ ca prabhuṃ varam; kumāraṃ dvādaśabhujaṃ skandaṃ rājānam ādiśat

Über die Pflanzen [setzte er] den Strahlenträger [Soma], über die Wesen den vortrefflichen Herrn; den Kumāra Skanda mit zwölf Armen bestimmte er zum König.

Wort für Wort
vīrudhām aṃśumantaṃ ca
und der Gewächse den Strahlenträger (Gen.Pl./Akk.Sg.)
bhūtānāṃ ca prabhuṃ varam
und der Wesen den Herrn, den vortrefflichen (Gen.Pl./Akk.Sg.)
kumāraṃ dvādaśabhujam
den Knaben, zwölfarmig (Akk.Sg.)
skandaṃ rājānam ādiśat
Skanda zum König wies er an (Akk./3.Sg.Impf.)

Der „Strahlenträger“ ist vermutlich der Mond bzw. Soma; das Verb (vidadhe/cakre) ist aus dem Vorvers zu ergänzen.

kālaṃ sarveśam akarot saṃhāravinayātmakam; mṛtyoś caturvibhāgasya duḥkhasya ca sukhasya ca

Die Zeit machte er zum Herrn über alles, deren Wesen Vernichtung und Zügelung ist, [auch zum Herrn] über den vierfach gegliederten Tod, über das Leid und das Glück.

Wort für Wort
kālaṃ sarveśam akarot
die Zeit, Herrn von allem, machte er (Akk./3.Sg.Impf.)
saṃhāravinayātmakam
dessen Wesen Vernichtung und Zügelung ist (Akk.Sg., Bahuvrīhi)
mṛtyoś caturvibhāgasya
des vierfach geteilten Todes (Gen.Sg.)
duḥkhasya ca sukhasya ca
und des Leids und des Glücks (Gen.Sg.)

Die Wiedergabe von „caturvibhāgasya“ als „vierfach gegliedert“ ist unsicher.

īśvaraḥ sarvadehas tu rājarājo dhanādhipaḥ; sarveṣām eva rudrāṇāṃ śūlapāṇir iti śrutiḥ

Īśvara, dessen Leib alles ist, der Königskönig, der Herr der Schätze – von allen Rudras, so heißt es in der Überlieferung, ist er der Speerträger.

Wort für Wort
īśvaraḥ sarvadehas tu
Īśvara, dessen Leib alles ist, aber (Nom.Sg., Bahuvrīhi)
rājarājo dhanādhipaḥ
Königskönig, Herr der Schätze (Nom.Sg.)
sarveṣām eva rudrāṇām
aller Rudras eben (Gen.Pl.)
śūlapāṇir iti śrutiḥ
Speerträger, so [lautet] die Überlieferung (Nom.Sg./Nom.Sg.)

īśvaraś cetanaḥ kartā puruṣaḥ kāraṇaṃ śivaḥ; viṣṇur brahmā śaśī sūryaḥ śakro devāś ca sānvayāḥ; jñānātmakaḥ śivo hy eva eteṣām api kāraṇam; sṛjate grasate caiva tamobhūtam idaṃ yathā; aprajñātaṃ jagat sarvaṃ tadā hy eko maheśvaraḥ

Īśvara ist der Bewusste, der Täter, der Puruṣa, die Ursache, Śiva; Viṣṇu, Brahmā, Mond, Sonne, Śakra und die Götter mit ihren Geschlechtern [sind seine Formen]. Śiva, dessen Wesen Erkenntnis ist, ist auch für diese die Ursache. Wie er dieses [Weltall] als finstergewordenes erschafft und verschlingt – dann ist die ganze Welt unerkennbar, und einzig der Maheśvara [bleibt].

Wort für Wort
īśvaraś cetanaḥ kartā
Īśvara, der Bewusste, der Täter (Nom.Sg.)
puruṣaḥ kāraṇaṃ śivaḥ
Puruṣa, Ursache, Śiva (Nom.Sg.)
viṣṇur brahmā śaśī sūryaḥ
Viṣṇu, Brahmā, Mond, Sonne (Nom.Sg.)
śakro devāś ca sānvayāḥ
Śakra und die Götter samt Geschlechtern (Nom.Sg./Nom.Pl.)
jñānātmakaḥ śivo hy eva
dessen Wesen Erkenntnis ist, Śiva ja eben (Nom.Sg.)
eteṣām api kāraṇam
auch dieser Ursache (Gen.Pl./Nom.Sg.)
sṛjate grasate caiva
er erschafft und verschlingt (3.Sg.Präs.Med.)
tamobhūtam idaṃ yathā
dieses [All] finstergeworden, wie (Akk.Sg.)
aprajñātaṃ jagat sarvam
unerkennbar die ganze Welt (Nom.Sg.)
tadā hy eko maheśvaraḥ
dann [ist] eben einzig der große Herr (Nom.Sg.)

Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert). Zusatzpassage; Satzbau des zweiten Teils („sṛjate grasate caiva tamobhūtam idaṃ yathā“) unsicher, Deutung unsicher [?].

tam ekaṃ brahmaṇaḥ putram anujātaṃ kṣupaṃ dadau; prajānām adhipaṃ śreṣṭhaṃ sarvadharmabhṛtām api

Ihn, den einen, den nachgeborenen Sohn Brahmās, gab er dem Kṣupa, [als] den höchsten Gebieter der Geschöpfe und [als Herrn] auch aller Dharma-Träger.

Wort für Wort
tam ekaṃ brahmaṇaḥ putram
ihn, den einen, Brahmās Sohn (Akk.Sg.)
anujātaṃ kṣupaṃ dadau
den nachgeborenen, dem Kṣupa gab er (Akk./Akk.[Dat.]/3.Sg.Perf.)
prajānām adhipaṃ śreṣṭham
der Geschöpfe Oberherrn, den besten (Gen.Pl./Akk.Sg.)
sarvadharmabhṛtām api
auch der Träger aller Dharmas (Gen.Pl.)

Der Kasus von „kṣupam“ ist unsicher (Objekt der Gabe oder Empfänger); hier ist der Daṇḍa als Objekt, Kṣupa als Empfänger gefasst.

mahādevas tatas tasmin vṛtte yajñe yathāvidhi; daṇḍaṃ dharmasya goptāraṃ viṣṇave satkṛtaṃ dadau

Als dann das Opfer nach Vorschrift vollendet war, gab Mahādeva dem Viṣṇu, den er ehrte, den Stab [daṇḍa], den Beschützer des Dharma.

Wort für Wort
mahādevas tatas tasmin
Mahādeva dann in diesem (Nom.Sg./Lok.)
vṛtte yajñe yathāvidhi
als das Opfer vollendet war, nach Vorschrift (Lok.abs./Adv.)
daṇḍaṃ dharmasya goptāram
den Stab, des Dharma Beschützer (Akk.Sg.)
viṣṇave satkṛtaṃ dadau
dem Viṣṇu, den Geehrten, gab er (Dat./Akk.Ptz./3.Sg.Perf.)

„satkṛtam“ kann auch auf den Daṇḍa bezogen werden („den wohlgeehrten Stab“).

viṣṇur aṅgirase prādād aṅgirā munisattamaḥ; prādād indramarīcibhyāṃ marīcir bhṛgave dadau

Viṣṇu gab ihn dem Aṅgiras; Aṅgiras, der beste der Weisen, gab ihn Indra und Marīci; Marīci gab ihn dem Bhṛgu.

Wort für Wort
viṣṇur aṅgirase prādāt
Viṣṇu dem Aṅgiras gab (Nom./Dat./3.Sg.Aor.)
aṅgirā munisattamaḥ
Aṅgiras, der beste der Weisen (Nom.Sg.)
prādād indramarīcibhyām
gab dem Indra und dem Marīci (3.Sg./Dat.Du.)
marīcir bhṛgave dadau
Marīci dem Bhṛgu gab (Nom./Dat./3.Sg.Perf.)

„indramarīcibhyām“ als Dual-Dativ „Indra und Marīci“ gefasst [?].

bhṛgur dadāv ṛṣibhyas tu taṃ daṇḍaṃ dharmasaṃhitam; ṛṣayo lokapālebhyo lokapālāḥ kṣupāya ca

Bhṛgu gab diesen vom Dharma durchdrungenen Stab den Sehern; die Seher [gaben ihn] den Weltenhütern, und die Weltenhüter dem Kṣupa.

Wort für Wort
bhṛgur dadāv ṛṣibhyas tu
Bhṛgu gab den Sehern aber (Nom./3.Sg./Dat.Pl.)
taṃ daṇḍaṃ dharmasaṃhitam
diesen Stab, vom Dharma begleitet (Akk.Sg.)
ṛṣayo lokapālebhyaḥ
die Seher den Weltenhütern (Nom.Pl./Dat.Pl.)
lokapālāḥ kṣupāya ca
die Weltenhüter dem Kṣupa (Nom.Pl./Dat.Sg.)

kṣupas tu manave prādād ādityatanayāya ca; putrebhyaḥ śrāddhadevas tu sūkṣmadharmārthakāraṇāt; taṃ dadau sūryaputras tu manur vai rakṣaṇātmakam

Kṣupa aber gab ihn Manu, dem Sohn des Āditya. Śrāddhadeva [Manu] aber [gab ihn] seinen Söhnen wegen der Feinheit von Dharma und Nutzen; der Sonnensohn Manu gab ihn, der auf Schutz beruht.

Wort für Wort
kṣupas tu manave prādāt
Kṣupa aber gab dem Manu (Nom./Dat./3.Sg.Aor.)
ādityatanayāya ca
dem Sohn des Āditya (Dat.Sg.)
putrebhyaḥ śrāddhadevas tu
den Söhnen, Śrāddhadeva aber (Dat.Pl./Nom.Sg.)
sūkṣmadharmārthakāraṇāt
wegen der Feinheit von Dharma und Artha (Abl.Sg., Kompositum)
taṃ dadau sūryaputras tu
ihn gab der Sonnensohn (Akk./3.Sg./Nom.)
manur vai rakṣaṇātmakam
Manu ja, der auf Schutz beruht [ist er] (Nom./Akk.Sg.)

Der Vers ist metrisch überladen (drei Pādas); „sūkṣmadharmārthakāraṇāt“ und „rakṣaṇātmakam“ sind unsicher [?].

vibhajya daṇḍaḥ kartavyo dharmeṇa na yadṛcchayā; durvācā nigraho bandho hiraṇyaṃ bāhyataḥkriyā

Nach Unterscheidung ist der Stab dem Dharma gemäß einzusetzen, nicht nach Willkür: [als Strafen gelten] Schelten, Zurückhaltung, Fesselung, Geldbuße [und] Ausstoßung.

Wort für Wort
vibhajya daṇḍaḥ kartavyaḥ
nach Unterscheidung ist die Strafe anzuwenden (Abs./Nom.Sg.Gerundiv)
dharmeṇa na yadṛcchayā
gemäß dem Dharma, nicht nach Zufall/Willkür (Instr.Sg.)
durvācā nigraho bandhaḥ
Schelten, Zurückhaltung, Fesselung (Instr./Nom.Sg.)
hiraṇyaṃ bāhyataḥkriyā
Gold [Geldbuße], Ausstoßung nach außen (Nom.Sg.)

„durvācā“ evtl. auch „durvācāḥ“ [?]; „bāhyataḥkriyā“ als „Nach-außen-Setzen“ gedeutet.

vyaṅgatvaṃ ca śarīrasya vadho vā nālpakāraṇāt; śarīrapīḍās tās tās tu dehatyāgo vivāsanam

Verstümmelung des Körpers, oder Tötung – nicht aus geringem Anlass; die verschiedenen Körperqualen, das Verlassen des Körpers [Hinrichtung] und Verbannung.

Wort für Wort
vyaṅgatvaṃ ca śarīrasya
und Verstümmelung des Körpers (Nom.Sg./Gen.Sg.)
vadho vā nālpakāraṇāt
oder Tötung, nicht aus geringem Grund (Nom.Sg./Abl.Sg.)
śarīrapīḍās tās tās tu
die einzelnen Körperqualen (Nom.Pl.)
dehatyāgo vivāsanam
Körperaufgabe, Verbannung (Nom.Sg.)

ānupūrvyā ca daṇḍo 'sau prajā jāgarti pālayan; indro jāgarti bhagavān indrād agnir vibhāvasuḥ

In [dieser] Reihenfolge wacht dieser Stab, die Geschöpfe schützend: Indra, der Erhabene, wacht, von Indra Agni, der Glanzreiche.

Wort für Wort
ānupūrvyā ca daṇḍo 'sau
und in Reihenfolge dieser Stab (Instr.Sg./Nom.Sg.)
prajā jāgarti pālayan
die Geschöpfe wacht, schützend (Akk.Pl./3.Sg.Präs./Ptz.)
indro jāgarti bhagavān
Indra wacht, der Erhabene (Nom.Sg.)
indrād agnir vibhāvasuḥ
von Indra Agni, der Glanzreiche (Abl./Nom.Sg.)

agner jāgarti varuṇo varuṇāc ca prajāpatiḥ; prajāpates tato dharmo jāgarti vinayātmakaḥ

Von Agni her wacht Varuṇa, von Varuṇa her Prajāpati; von Prajāpati her der Dharma, dessen Wesen Zügelung ist.

Wort für Wort
agner jāgarti varuṇaḥ
von Agni her wacht Varuṇa (Abl.Sg./3.Sg.Präs./Nom.)
varuṇāc ca prajāpatiḥ
und von Varuṇa Prajāpati (Abl./Nom.)
prajāpates tato dharmaḥ
von Prajāpati dann der Dharma (Abl./Nom.)
jāgarti vinayātmakaḥ
wacht, dessen Wesen Zügelung ist (3.Sg.Präs./Nom.Sg.)

dharmāc ca brahmaṇaḥ putro vyavasāyaḥ sanātanaḥ; vyavasāyāt tatas tejo jāgarti paripālayan

Vom Dharma her [wacht] Brahmās Sohn, der ewige Entschluss [vyavasāya]; vom Entschluss her wacht dann der Glanz [tejas], [alles] behütend.

Wort für Wort
dharmāc ca brahmaṇaḥ putraḥ
und vom Dharma her Brahmās Sohn (Abl./Gen./Nom.)
vyavasāyaḥ sanātanaḥ
der Entschluss, der ewige (Nom.Sg.)
vyavasāyāt tatas tejaḥ
vom Entschluss dann der Glanz (Abl./Nom.Sg.)
jāgarti paripālayan
wacht, behütend (3.Sg.Präs./Ptz.)

oṣadhyas tejasas tasmād oṣadhibhyaś ca parvatāḥ; parvatebhyaś ca jāgarti raso rasaguṇāt tathā

Vom Glanz her die Pflanzen, von den Pflanzen her die Berge; von den Bergen her wacht der Saft [rasa], und ebenso von den Eigenschaften des Saftes her.

Wort für Wort
oṣadhyas tejasas tasmāt
die Pflanzen, von dem Glanz, daher (Nom.Pl./Abl./Abl.)
oṣadhibhyaś ca parvatāḥ
und von den Pflanzen die Berge (Abl.Pl./Nom.Pl.)
parvatebhyaś ca jāgarti
und von den Bergen wacht (Abl.Pl./3.Sg.Präs.)
raso rasaguṇāt tathā
der Saft, von der Saft-Eigenschaft ebenso (Nom.Sg./Abl.Sg.)

Der Vers ist knapp und die Kette der „Wachenden“ elliptisch [?].

jāgarti nirṛtir devī jyotīṃṣi nirṛter api; vedāḥ pratiṣṭhā jyotirbhyas tato hayaśirāḥ prabhuḥ

Es wacht die Göttin Nirṛti, von Nirṛti her auch die Lichter; die Veden sind die Grundlage der Lichter, von diesen her der Herr Hayaśiras.

Wort für Wort
jāgarti nirṛtir devī
es wacht Nirṛti, die Göttin (3.Sg.Präs./Nom.Sg.)
jyotīṃṣi nirṛter api
die Lichter, von Nirṛti auch (Nom.Pl./Abl.Sg.)
vedāḥ pratiṣṭhā jyotirbhyaḥ
die Veden [sind] Grundlage, von den Lichtern (Nom.Pl./Nom.Sg./Abl.Pl.)
tato hayaśirāḥ prabhuḥ
dann Hayaśiras, der Herr (Nom.Sg.)

Die Zuordnung von „jyotirbhyaḥ“ ist unklar [?].

brahmā pitāmahas tasmāj jāgarti prabhur avyayaḥ; pitāmahān mahādevo jāgarti bhagavāñ śivaḥ

Von diesem her wacht Brahmā, der Großvater, der Herr, der Unvergängliche; vom Großvater her wacht Mahādeva, der erhabene Śiva.

Wort für Wort
brahmā pitāmahas tasmāt
Brahmā, der Großvater, von diesem (Nom.Sg./Abl.)
jāgarti prabhur avyayaḥ
wacht, der Herr, der Unvergängliche (3.Sg.Präs./Nom.Sg.)
pitāmahān mahādevaḥ
vom Großvater her Mahādeva (Abl./Nom.)
jāgarti bhagavāñ śivaḥ
wacht der erhabene Śiva (3.Sg.Präs./Nom.Sg.)

viśvedevāḥ śivāc cāpi viśvebhyaś ca tatharṣayaḥ; ṛṣibhyo bhagavān somaḥ somād devāḥ sanātanāḥ

Von Śiva her die Allgötter, von den Allgöttern her die Seher; von den Sehern her der erhabene Soma, von Soma her die ewigen Götter.

Wort für Wort
viśvedevāḥ śivāc ca api
die Allgötter, von Śiva auch (Nom.Pl./Abl.Sg.)
viśvebhyaś ca tatharṣayaḥ
und von den Allgöttern ebenso die Seher (Abl.Pl./Nom.Pl.)
ṛṣibhyo bhagavān somaḥ
von den Sehern der erhabene Soma (Abl.Pl./Nom.Sg.)
somād devāḥ sanātanāḥ
von Soma her die Götter, die ewigen (Abl./Nom.Pl.)

devebhyo brāhmaṇā loke jāgratīty upadhāraya; brāhmaṇebhyaś ca rājanyā lokān rakṣanti dharmataḥ; sthāvaraṃ jaṅgamaṃ caiva kṣatriyebhyaḥ sanātanam

Von den Göttern her wachen die Brahmanen in der Welt – das merke dir; von den Brahmanen her schützen die Rājanyas [Kṣatriyas] die Welten dem Dharma gemäß; das Unbewegliche und das Bewegliche, das Ewige, [ist] von den Kṣatriyas her.

Wort für Wort
devebhyo brāhmaṇā loke
von den Göttern her die Brahmanen in der Welt (Abl.Pl./Nom.Pl./Lok.)
jāgratīty upadhāraya
wachen, so begreife (3.Pl.Präs./2.Sg.Imp.)
brāhmaṇebhyaś ca rājanyāḥ
und von den Brahmanen her die Rājanyas (Abl.Pl./Nom.Pl.)
lokān rakṣanti dharmataḥ
die Welten schützen sie dem Dharma gemäß (Akk.Pl./3.Pl.Präs./Adv.)
sthāvaraṃ jaṅgamaṃ caiva
das Unbewegliche und das Bewegliche (Nom.Sg.n.)
kṣatriyebhyaḥ sanātanam
von den Kṣatriyas her, das Ewige (Abl.Pl./Nom.Sg.)

Der Vers hat drei Pādas; der letzte Halbvers ist syntaktisch knapp (Verb zu ergänzen) [?].

prajā jāgrati loke 'smin daṇḍo jāgarti tāsu ca; sarvasaṃkṣepako daṇḍaḥ pitāmahasamaḥ prabhuḥ

Die Geschöpfe wachen in dieser Welt, und der Stab wacht in ihnen; der Stab, der alles zusammenhält, der Herr, dem Großvater [Brahmā] gleich.

Wort für Wort
prajā jāgrati loke 'smin
die Geschöpfe wachen in dieser Welt (Nom.Pl./3.Pl.Präs./Lok.)
daṇḍo jāgarti tāsu ca
der Stab wacht in ihnen (Nom.Sg./3.Sg./Lok.Pl.f.)
sarvasaṃkṣepako daṇḍaḥ
der Stab, der alles zusammenfasst/zügelt (Nom.Sg.)
pitāmahasamaḥ prabhuḥ
dem Großvater gleich, der Herr (Nom.Sg.)

„sarvasaṃkṣepaka“ auch „alles zusammenfassend/vernichtend“ [?].

jāgarti kālaḥ pūrvaṃ ca madhye cānte ca bhārata; īśvaraḥ sarvalokasya mahādevaḥ prajāpatiḥ

Es wacht die Zeit, am Anfang, in der Mitte und am Ende, Bhārata; der Herr der ganzen Welt, Mahādeva, [ist] Prajāpati.

Wort für Wort
jāgarti kālaḥ pūrvaṃ ca
es wacht die Zeit, zuerst und (3.Sg./Nom./Adv.)
madhye cānte ca bhārata
in der Mitte und am Ende, Bhārata (Lok./Lok./Vok.)
īśvaraḥ sarvalokasya
der Herr der ganzen Welt (Nom.Sg./Gen.Sg.)
mahādevaḥ prajāpatiḥ
Mahādeva, Prajāpati (Nom.Sg.)

devadevaḥ śivaḥ śarvo jāgarti satataṃ prabhuḥ; kapardī śaṃkaro rudro bhavaḥ sthāṇur umāpatiḥ

Der Götter Gott Śiva, Śarva, wacht beständig, der Herr; Kapardin, Śaṃkara, Rudra, Bhava, Sthāṇu, der Gemahl der Umā.

Wort für Wort
devadevaḥ śivaḥ śarvaḥ
der Götter Gott, Śiva, Śarva (Nom.Sg.)
jāgarti satataṃ prabhuḥ
wacht beständig, der Herr (3.Sg.Präs./Adv./Nom.)
kapardī śaṃkaro rudraḥ
Kapardin, Śaṃkara, Rudra (Nom.Sg.)
bhavaḥ sthāṇur umāpatiḥ
Bhava, Sthāṇu, Umās Gemahl (Nom.Sg.)

ity eṣa daṇḍo vikhyāta ādau madhye tathāvare; bhūmipālo yathānyāyaṃ vartetānena dharmavit

So ist dieser Stab bekannt: am Anfang, in der Mitte und ebenso am Ende. Der Erdenhüter, der den Dharma kennt, soll nach der Gerechtigkeit mit ihm verfahren.

Wort für Wort
ity eṣa daṇḍo vikhyātaḥ
so ist dieser Stab bekannt (Nom.Sg.Ptz.)
ādau madhye tathāvare
am Anfang, in der Mitte, ebenso am Ende (Lok.)
bhūmipālo yathānyāyam
der Erdhüter [König] dem Recht gemäß (Nom.Sg./Adv.)
vartetānena dharmavit
soll verfahren mit diesem, der Dharma-Kenner (3.Sg.Opt./Instr./Nom.)

bhīṣma uvāca; itīdaṃ vasuhomasya śṛṇuyād yo mataṃ naraḥ; śrutvā ca samyag varteta sa kāmān āpnuyān nṛpaḥ

Bhīṣma sprach: Welcher Mensch diese Lehre über Vasuhoma hört und nach dem Hören recht verfährt, dieser König erlangt [seine] Wünsche.

Wort für Wort
bhīṣma uvāca
Bhīṣma sprach (Nom./3.Sg.Perf.)
itīdaṃ vasuhomasya
so diese des Vasuhoma (Gen.Sg.)
śṛṇuyād yo mataṃ naraḥ
hören möge, welcher Mann, die Lehre (3.Sg.Opt./Akk./Nom.)
śrutvā ca samyag varteta
und nach dem Hören recht verfahre (Abs./3.Sg.Opt.Med.)
sa kāmān āpnuyān nṛpaḥ
der erlange die Wünsche, der König (3.Sg.Opt./Akk.Pl./Nom.)

„mataṃ“ als „Lehre, Ansicht“ gefasst; das Subjekt „naraḥ … nṛpaḥ“ ist ungewöhnlich verdoppelt.

iti te sarvam ākhyātaṃ yo daṇḍo manujarṣabha; niyantā sarvalokasya dharmākrāntasya bhārata

So ist dir alles erzählt worden, was der Stab ist, Stier unter den Menschen: der Lenker der ganzen Welt, wenn sie vom Dharma überschritten wird, Bhārata.

Wort für Wort
iti te sarvam ākhyātam
so ist dir alles erzählt (Dat./Nom.Sg.Ptz.)
yo daṇḍo manujarṣabha
welcher der Stab [ist], Stier unter den Menschen (Nom./Vok.)
niyantā sarvalokasya
Lenker der ganzen Welt (Nom.Sg./Gen.Sg.)
dharmākrāntasya bhārata
der vom Dharma überschrittenen [Welt], Bhārata (Gen.Sg./Vok.)

„dharmākrāntasya“ ist unsicher: eher „wenn sie den Dharma übertritt“ als „vom Dharma erfüllt“ [?].

vasuhomāc chrutaṃ rājñā māndhātrā bhūbhṛtā purā; mayāpi kathitaṃ puṇyam ākhyānaṃ prathitaṃ tathā

Von der Vasuhoma-Lehre wurde dies einst vom König Māndhātar, dem Erdenträger, gehört; auch von mir wurde [es] erzählt, die heilige Geschichte, [die] so berühmt [ist].

Wort für Wort
vasuhomāc chrutaṃ rājñā
von Vasuhoma gehört von dem König (Abl./Ptz./Instr.)
māndhātrā bhūbhṛtā purā
von Māndhātar, dem Erdenträger, einst (Instr./Instr./Adv.)
mayāpi kathitaṃ puṇyam
auch von mir erzählt, heilig (Instr./Ptz./Nom.n.)
ākhyānaṃ prathitaṃ tathā
die Erzählung, berühmt, ebenso (Nom.Sg./Ptz./Adv.)

Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert). Zusatzpassage der kritischen Ausgabe.

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