Kapitel 258: cirakārikopākhyāna
Die Geschichte von Cirakārin: Wer lange prüft, handelt nicht fehl
Auf Yudhiṣṭhiras Frage nach Prüfen und Zögern erzählt Bhīṣma die Geschichte von Gautamas Sohn Cirakārin, der den Befehl, die Mutter zu töten, lange erwägt. Die erste Hälfte enthält sein Abwägen zwischen Vater- und Mutterpflicht.
Yudhiṣṭhira sprach: „Wie soll man ein Vorhaben prüfen – schnell oder erst nach langer Zeit? In jeder Hinsicht bist du uns in dieser schwierigen Lage des Handelns der höchste Lehrer.“
Wort für Wort
yudhiṣṭhira uvāca
Yudhiṣṭhira sprach (Perf. 3.Sg.)
kathaṃ kāryaṃ parīkṣeta
wie soll man das Vorhaben prüfen (Akk.; Opt. Med. 3.Sg.)
śīghraṃ vātha cireṇa vā
schnell oder mit Länge/nach langer Zeit (Adv./Instr.)
sarvathā kāryadurge asmin
in jeder Weise, in dieser Handlungs-Schwierigkeit/Klemme (Adv./Lok.)
bhavān naḥ paramo guruḥ
du bist unser höchster Lehrer (Nom.Sg.; Gen.Pl. naḥ)
Bei einem gewissen Fehltritt [der Mutter] wurde er – während der Vater die anderen Söhne übergangen hatte – vom erzürnten Vater angesprochen: „Töte diese Mutter!“
Wort für Wort
vyabhicāre tu kasmiṃścit
bei einem gewissen Fehltritt/Vergehen (Lok.Sg.)
vyatikramya aparān sutān
die anderen Söhne übergehend (Abs.; Akk.Pl.)
pitrā uktaḥ kupitena atha
vom Vater angesprochen, dem erzürnten, dann (Instr.; Part.Perf.Pass.)
jahi imāṃ jananīm iti
töte diese Mutter, so [sprach er] (Imp. 2.Sg.; Akk.Sg.)
Der Sinn von vyatikramya aparān sutān (‚die anderen Söhne übergehend‘) ist knapp; der Vater wendet sich nur an Cirakārin.
„Wie soll ich des Vaters Befehl ausführen? Wie soll ich die Mutter nicht töten? Wie soll ich nicht in diesen Trug der Pflicht wie ein Unedler versinken?“
Wort für Wort
pituḥ ājñāṃ kathaṃ kuryām
des Vaters Befehl, wie soll ich ausführen (Gen.; Akk.; Opt. 1.Sg.)
na hanyāṃ mātaraṃ katham
wie soll ich die Mutter nicht töten (Opt. 1.Sg.; Akk.)
pitur ājñā paro dharmaḥ svadharmo mātṛrakṣaṇam; asvatantraṃ ca putratvaṃ kiṃ nu māṃ nātra pīḍayet
„Des Vaters Befehl ist die höchste Pflicht; die eigene Pflicht ist der Schutz der Mutter. Und das Sohnsein ist unfrei – was sollte mich hier nicht bedrängen?“
Wort für Wort
pituḥ ājñā paraḥ dharmaḥ
des Vaters Befehl ist höchste Pflicht (Nom.Sg.)
svadharmaḥ mātṛrakṣaṇam
eigene Pflicht [ist] der Schutz der Mutter (Nom.Sg. n.)
„Nichtmissachtung des Vaters ist angemessen, [ebenso] Unterhalt und Schutz der Mutter; beide sind angemessen und tragbar – wie könnte ich sie nicht überschreiten?“
Wort für Wort
anavajñā pituḥ yuktā
Nichtmissachtung des Vaters ist angemessen (Nom.f.)
dhāraṇaṃ mātṛrakṣaṇam
Unterhalt [und] Schutz der Mutter (Nom.n.)
yuktakṣamau ubhau etau
angemessen und tragbar, diese beiden (Nom.Du.)
na ativarteta imām katham
wie sollte man/ich nicht überschreiten [?] (Opt.)
Die letzte Zeile ist in der Überlieferung vermutlich verderbt (nātivartetamāṃ); die Deutung ist unsicher.
pitā hy ātmānam ādhatte jāyāyāṃ jajñiyām iti; śīlacāritragotrasya dhāraṇārthaṃ kulasya ca
„Denn der Vater legt sich selbst in die Gattin, [im Gedanken:] ‚Ich möge geboren werden‘ – zur Erhaltung von Charakter, Wandel und Geschlecht sowie der Familie.“
Wort für Wort
pitā hi ātmānam ādhatte
denn der Vater legt sich selbst nieder/setzt sich ein (3.Sg.Präs.Med.)
jāyāyāṃ jajñiyām iti
in die Gattin, „ich möge geboren werden“, so (Lok.; Zitat)
śīlacāritragotrasya
des Charakters, Wandels und Geschlechts (Gen.Sg.; Kompositum)
dhāraṇārthaṃ kulasya ca
zur Erhaltung und der Familie (Adv.; Gen.)
jajñiyām ist als Zitat einer Formel aufgefasst; unsicher.
so 'ham ātmā svayaṃ pitrā putratve prakṛtaḥ punaḥ; vijñānaṃ me kathaṃ na syād bubudhe cātmasaṃbhavam
„Ich, dieses Selbst, bin vom Vater selbst wieder zur Sohnschaft bestimmt worden. Wie sollte mir die Einsicht fehlen, da ich erkannt habe, dass ich aus [seinem] Selbst entstanden bin?“
Wort für Wort
saḥ aham ātmā svayam pitrā
ich, das Selbst, durch den Vater selbst (Nom.; Instr.)
putratve prakṛtaḥ punaḥ
zur Sohnschaft bestimmt, wiederum (Lok.; Part.Perf.Pass.)
vijñānaṃ me kathaṃ na syāt
wie sollte mir Erkenntnis nicht sein (Opt. 3.Sg.)
bubudhe ca ātmasaṃbhavam
ich habe erkannt die Entstehung aus dem Selbst (Perf. 1.Sg.Med.; Akk.)
„Was der Vater bei der Geburtszeremonie sagt und was bei der Einführung: das genügt als Bekräftigung für die Feststellung der Verehrungswürdigkeit des Vaters.“
Wort für Wort
jātakarmaṇi yat prāha pitā
bei der Geburtszeremonie, was der Vater sagt (Lok.; Perf. 3.Sg.)
yat ca upakarmaṇi
und [was] bei der Einführung (Lok.)
paryāptaḥ sa dṛḍhīkāraḥ
genügend ist diese Bekräftigung (Nom.)
pituḥ gauravaniścaye
bei der Bestimmung der Ehrwürdigkeit des Vaters (Lok.)
gurur agryaḥ paro dharmaḥ poṣaṇādhyayanād dhitaḥ; pitā yad āha dharmaḥ sa vedeṣv api suniścitaḥ
„Der Vater ist der erste Lehrer, die höchste Pflicht, dem Sohn wohltuend durch Ernährung und Unterricht; was der Vater sagt, ist Pflicht, auch in den Veden fest bestimmt.“
Wort für Wort
guruḥ agryaḥ paraḥ dharmaḥ
Lehrer, erster, höchste Pflicht (Nom.Sg.)
poṣaṇa adhyayanāt hitaḥ
wohltuend durch Ernähren und Unterrichten (Abl.; Nom.)
mucyate bandhanāt puṣpaṃ phalaṃ vṛntāt pramucyate; kliśyann api sutasnehaiḥ pitā snehaṃ na muñcati
„Die Blume löst sich vom Band, die Frucht löst sich vom Stiel; doch der Vater, auch wenn er durch die Zuneigung zum Sohn leidet, lässt die Zuneigung nicht los.“
Wort für Wort
mucyate bandhanāt puṣpam
die Blume löst sich vom Band (Pass. 3.Sg.; Abl.)
phalaṃ vṛntāt pramucyate
die Frucht löst sich vom Stiel (Abl.)
kliśyan api sutasnehaiḥ
obwohl leidend durch die Zuneigungen zum Sohn (Part.Präs.; Instr.Pl.)
pitā snehaṃ na muñcati
der Vater lässt die Zuneigung nicht los (3.Sg.Präs.)
„So weit ist das Gewicht des Vaters für den Sohn erwogen worden. Der Vater aber [nimmt] einen geringeren Rang [ein]; [nun] werde ich die Mutter bedenken.“
Wort für Wort
etat vicintitaṃ tāvat
dies ist erwogen soweit (Part.Perf.Pass.)
putrasya pitṛgauravam
des Sohnes Vaterehrung/Gewicht des Vaters (Gen.; Nom.n.)
pitā hi alpataraṃ sthānam
der Vater [hat] ja einen geringeren Rang (Komp.; Akk./Nom.)
cintayiṣyāmi mātaram
ich werde bedenken die Mutter (Fut. 1.Sg.; Akk.)
Der Halbvers pitā hy alpataraṃ sthānam ist knapp und in der Konstruktion unsicher.
yo hy ayaṃ mayi saṃghāto martyatve pāñcabhautikaḥ; asya me jananī hetuḥ pāvakasya yathāraṇiḥ; mātā dehāraṇiḥ puṃsāṃ sarvasyārtasya nirvṛtiḥ
„Denn dieser aus den fünf Elementen bestehende Verband in mir im Sterblichsein – dessen Ursache ist mir die Mutter, wie das Reibholz für das Feuer; die Mutter ist das Körper-Reibholz der Männer, für jeden Bedrängten Erquickung.“
Wort für Wort
yaḥ hi ayaṃ mayi saṃghātaḥ
denn dieser Verband in mir (Nom.; Lok.)
martyatve pāñcabhautikaḥ
im Sterblichsein, aus fünf Elementen bestehend (Lok.; Nom.)
asya me jananī hetuḥ
dessen Ursache ist mir die Mutter (Gen.; Dat./Gen.)
pāvakasya yathā araṇiḥ
wie das Reibholz des Feuers (Gen.; Nom.)
mātā deha araṇiḥ puṃsām
die Mutter [ist] das Körper-Reibholz der Männer (Gen.Pl.)
Freude würde eben jener nachdenkliche Mensch von selbst erlangen. [?]
Wort für Wort
prāpnuyāt eva harṣam
erlangen würde er eben Freude (Opt. 3.Sg.)
sa cintātmā mānuṣaḥ
jener, der Sinnende, Mensch (Nom.)
svayam
von selbst (Adv.)
Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert). Zusatzzeile, im Zusammenhang schwer einzuordnen; Deutung unsicher.
„Weil sie im Leib trägt, heißt sie Trägerin (dhātrī); weil sie gebiert, Gebärerin (jananī); weil sie die Glieder wachsen lässt, Ambā; weil sie Helden gebiert, Heldenmutter (vīrasū).“
Wort für Wort
kukṣisaṃdhāraṇāt dhātrī
wegen des Tragens im Leib: dhātrī (Abl.; Nom.)
jananāt jananī smṛtā
wegen des Gebärens gilt sie als jananī (Abl.; Part.Perf.Pass.)
aṅgānāṃ vardhanāt ambā
wegen des Wachsenlassens der Glieder: ambā (Gen.Pl.; Abl.)
„Wegen der Pflege des Kindes [heißt sie] śuśrū; die Mutter [ist] unmittelbar der Körper [selbst]. Würde ein besonnener Mann [sie] töten, dessen Kopf nicht hohl ist?“
Wort für Wort
śiśoḥ śuśrūṣaṇāt śuśrūḥ
wegen der Pflege des Kindes: śuśrū (Gen.; Abl.; Nom.)
mātā deham anantaram
die Mutter [ist] unmittelbar der Körper [?] (Nom.; Akk./Adv.)
cetanāvān naraḥ hanyāt
ein verständiger Mann würde töten (Nom.; Opt. 3.Sg.)
yasya na asuṣiraṃ śiraḥ
dessen Kopf nicht hohl ist (Gen.; Nom.n.)
deham anantaram ist unsicher; die Etymologie śuśrū – śuśrūṣā ist ein Wortspiel.
dampatyoḥ prāṇasaṃśleṣe yo 'bhisaṃdhiḥ kṛtaḥ kila; taṃ mātā vā pitā veda bhūtārtho mātari sthitaḥ
„Die Absicht, die beim Zusammenfügen der Lebenshauche des Ehepaars gefasst wurde, wie man sagt – die kennt die Mutter oder der Vater; die wahre Sache liegt bei der Mutter.“
Wort für Wort
dampatyoḥ prāṇasaṃśleṣe
des Ehepaares bei der Verbindung der Lebenshauche (Gen.Du.; Lok.)
yaḥ abhisaṃdhiḥ kṛtaḥ kila
welche Absicht gefasst wurde, wie es heißt (Nom.; Part.; Part.)
taṃ mātā vā pitā veda
diese kennt die Mutter oder der Vater (Perf. 3.Sg.)
„Die Mutter weiß, welchem Geschlecht [jemand angehört], die Mutter weiß, wessen [Kind] er ist; allein durch das Unterhalten der Mutter [entstehen] dem Vater Freude, Zuneigung und Nachkommen.“
Wort für Wort
mātā jānāti yat gotram
die Mutter weiß, welches Geschlecht (3.Sg.Präs.; Akk.)
mātā jānāti yasya saḥ
die Mutter weiß, wessen er ist (Gen.)
mātuḥ bharaṇamātreṇa
allein durch das Unterhalten der Mutter (Gen.; Instr.)
prītiḥ snehaḥ pituḥ prajāḥ
Freude, Zuneigung, Nachkommen des Vaters (Nom.; Gen.)
„Nachdem sie [die Frau] an der Hand genommen und die Gemeinschaft der Pflicht eingegangen sind – wenn Männer sie dann abtun [?], so verdienen Frauen es nicht, abgetan zu werden.“
Wort für Wort
pāṇibandhaṃ svayaṃ kṛtvā
die Handverbindung selbst vollzogen habend (Abs.)
sahadharmam upetya ca
und die Pflichtgemeinschaft eingegangen (Abs.)
yadi yāpyanti puruṣāḥ
wenn Männer [sie] abtun/wegschaffen [?] (3.Pl.; Nom.)
striyaḥ na arhanti yāpyatām
Frauen verdienen nicht, abgetan zu werden (Nom.; 3.Pl.; Akk.)
yāpyanti / yāpyatām: Bedeutung (‚verstoßen, geringschätzig behandeln‘) unsicher.
bharaṇād dhi striyo bhartā pātyāc caiva striyāḥ patiḥ; guṇasyāsya nivṛttau tu na bhartā na patiḥ patiḥ
„Denn Gatte ist er den Frauen wegen des Unterhalts, und Herr der Frau wegen des Schützens; entfällt diese Eigenschaft aber, ist der Gatte kein Gatte und der Herr kein Herr.“
Wort für Wort
bharaṇāt hi striyaḥ bhartā
denn wegen des Unterhalts [ist er] der Frauen Gatte (Abl.)
pātyāt ca eva striyāḥ patiḥ
und wegen des Schützens der Frau Herr (Abl.; Gen.)
striyā hi paramo bhartā daivataṃ paramaṃ smṛtam; tasyātmanā tu sadṛśam ātmānaṃ paramaṃ dadau; sarvakāryāparādhyatvān nāparādhyanti cāṅganāḥ
„Denn für die Frau ist der Gatte der Höchste, als höchste Gottheit gilt er; ihm aber gab sie ihr höchstes, seinem Selbst gleiches Selbst; weil [die Fehlbarkeit] bei allen Handlungen [beim Mann liegt] [?], fehlen die Frauen nicht.“
Wort für Wort
striyāḥ hi paramaḥ bhartā
denn für die Frau [ist] der Gatte der Höchste (Gen.; Nom.)
daivataṃ paramaṃ smṛtam
als höchste Gottheit gilt er (Part.Perf.Pass.)
tasya ātmanā tu sadṛśam
seinem Selbst aber gleich (Instr.; Akk.)
ātmānaṃ paramaṃ dadau
sie gab [ihr] höchstes Selbst (Akk.; Perf. 3.Sg.)
sarvakārya aparādhyatvāt
wegen der Fehlbarkeit in allen Handlungen [?] (Abl.)
na aparādhyanti ca aṅganāḥ
es fehlen nicht die Frauen (3.Pl.; Nom.)
Die letzte Zeile (sarvakāryāparādhyatvāt) ist nur unsicher zu deuten.
Und die Weisung, die [so] nicht ausgesprochen [?] wurde, zur Befriedigung der Frau im Beischlaf – für den, der sie in Erinnerung ruft, liegt offenkundig Adharma vor; daran besteht kein Zweifel.
Wort für Wort
yaś canokto hi nirdeśaḥ
und die Weisung, die nicht/so ausgesprochen ist [?] (Nom.Sg.m., Part.Pass.)
striyā maithunatṛptaye
für die Frau zur Befriedigung im Beischlaf (Instr./Gen. [?], Dat.)
tasya smārayato vyaktam
für den, der [daran] erinnert, offenkundig (Gen.Sg., Part.Präs.Kaus./Adv.)
adharmo nātra saṃśayaḥ
Adharma [liegt vor]; hierin kein Zweifel (Nom.Sg.)
Der Halbvers a ist syntaktisch und lexikalisch unsicher (canokto: ca + nokto/anukto?).
Den Vater kennen sie als die an einer Stelle vereinte Gesamtheit der Götter; aus Zuneigung zu den Sterblichen und den Göttern tritt man [dagegen] zur Mutter heran [?].
Wort für Wort
devatānāṃ samāvāyam
die Gesamtheit/Vereinigung der Götter (Gen.Pl., Akk.Sg.)
ekasthaṃ pitaraṃ viduḥ
an einem Ort vereint, den Vater kennen sie (Akk.Sg., 3.Pl.Perf.)
martyānāṃ devatānāṃ ca
der Sterblichen und der Götter (Gen.Pl.)
snehād abhyeti mātaram
aus Zuneigung tritt zur Mutter heran (Abl.Sg., 3.Sg.Präs.)
medhātithir mahāprājño gautamas tapasi sthitaḥ; vimṛśya tena kālena patnyāḥ saṃsthāvyatikramam
Medhātithi Gautama, der sehr weise, in Askese Verharrende, nachdem er in jener Zeit über den Verstoß seiner Gattin gegen die [Ehe-]Ordnung nachgedacht hatte –
Wort für Wort
medhātithir mahāprājño
Medhātithi, sehr weise (Nom.Sg.)
gautamas tapasi sthitaḥ
Gautama, in Askese verharrend (Nom.Sg., Lok.Sg., Part.)
vimṛśya tena kālena
nachdem er überlegt hatte, in jener Zeit (Ger., Instr.Sg.)
patnyāḥ saṃsthāvyatikramam
der Gattin Verstoß gegen die Ordnung [?] (Gen.Sg., Akk.Sg.)
Der Satz setzt sich in der folgenden Einheit fort; saṃsthāvyatikrama („Überschreiten der Ordnung“) ist nicht ganz sicher gedeutet.
āśramaṃ mama saṃprāptas trilokeśaḥ puraṃdaraḥ; atithivratam āsthāya brāhmaṇaṃ rūpam āsthitaḥ
Zu meiner Einsiedelei ist der Herr der drei Welten, Puraṃdara, gekommen, der die Gastpflicht auf sich genommen und die Gestalt eines Brahmanen angenommen hatte.
Wort für Wort
āśramaṃ mama saṃprāptaḥ
zu meiner Einsiedelei gekommen (Akk.Sg., Gen.Sg., Part.Pass.)
trilokeśaḥ puraṃdaraḥ
Herr der drei Welten, Puraṃdara [Indra] (Nom.Sg.)
atithivratam āsthāya
das Gelübde der Gastlichkeit auf sich nehmend (Akk.Sg., Ger.)
brāhmaṇaṃ rūpam āsthitaḥ
eine Brahmanengestalt angenommen habend (Akk.Sg., Part.Pass.)
„Ich bin von einem anderen abhängig“, wurde auch [von ihr] gesagt; „ich werde [dich] mit Klugheit [behandeln/führen]“ [?]. Und wenn hierbei ein Unheil geschehen ist, so ist der Frau kein Verstoß [anzulasten].
Wort für Wort
paravaty asmi cāpy uktaḥ
„ich bin abhängig“ wurde auch gesagt (Nom.Sg.f., 1.Sg.Präs., Part.Pass.)
praṇayiṣye nayena ca
ich werde führen/behandeln [?], durch Klugheit (1.Sg.Fut.Med., Instr.Sg.)
atra cākuśale jāte
und hierbei, da Unheil geschehen ist (Lok.Sg.n., Lok.Abs.)
striyo nāsti vyatikramaḥ
bei der Frau ist kein Verstoß (Gen./Abl.Sg.f., Nom.Sg.m.)
evaṃ na strī na caivāhaṃ nādhvagas tridaśeśvaraḥ; aparādhyati dharmasya pramādas tv aparādhyati
So verstößt weder die Frau noch ich noch der Wanderer, der Herr der Dreißig [Götter], gegen den Dharma; vielmehr verstößt die Nachlässigkeit [gegen ihn].
Wort für Wort
evaṃ na strī na caivāham
so weder die Frau noch ich (Nom.Sg.)
nādhvagas tridaśeśvaraḥ
noch der Wanderer, der Herr der Dreißig [Götter] (Nom.Sg.m.)
aparādhyati dharmasya
verstößt gegen den Dharma (3.Sg.Präs., Gen.Sg.)
pramādas tv aparādhyati
die Nachlässigkeit aber verstößt (Nom.Sg.m., 3.Sg.Präs.)
īrṣyājaṃ vyasanaṃ prāhus tena caivordhvaretasaḥ; īrṣyayā tv aham ākṣipto magno duṣkṛtasāgare
Aus Eifersucht geborenes Unheil, sagen sie, [trifft] deshalb auch die Enthaltsamen [?]; ich aber wurde von Eifersucht getrieben und bin im Meer des Übeltuns versunken.
Wort für Wort
īrṣyājaṃ vyasanaṃ prāhuḥ
aus Eifersucht geborenes Unheil sagen sie (Akk.Sg.n., 3.Pl.Perf.)
tena caivordhvaretasaḥ
und deshalb auch die [mit] aufwärts [gerichtetem] Samen [?] (Instr.Sg., Akk.Pl./Gen.Sg.)
īrṣyayā tv aham ākṣiptaḥ
durch Eifersucht aber wurde ich fortgerissen (Instr.Sg., Nom.Sg.m.)
magno duṣkṛtasāgare
versunken im Meer des Übeltuns (Nom.Sg.m., Lok.Sg.m.)
hatvā sādhvīṃ ca nārīṃ ca vyasanitvāc ca śāsitām; bhartavyatvena bhāryāṃ ca ko nu māṃ tārayiṣyati
Wenn ich [sie] erschlagen hätte, die tugendhafte Frau, die auch wegen [meiner] Verfallenheit [an den Zorn] gestraft [worden wäre], und die als Gattin zu unterhalten ist – wer wird mich dann erretten?
Wort für Wort
hatvā sādhvīṃ ca nārīṃ ca
nachdem ich erschlagen hätte, die tugendhafte und Frau (Ger., Akk.Sg.f.)
vyasanitvāc ca śāsitām
und wegen Verfallenheit gestraft (Abl.Sg.n., Akk.Sg.f. Part.Pass.)
bhartavyatvena bhāryāṃ ca
weil zu unterhaltend, die Gattin (Instr.Sg.n., Akk.Sg.f.)
antareṇa mayājñaptaś cirakārī hy udāradhīḥ; yady adya cirakārī syāt sa māṃ trāyeta pātakāt
Der edelgesinnte Cirakārin ist von mir in der Zwischenzeit [?] angewiesen worden; wenn Cirakārin heute wahrhaft ein Bedächtiger wäre, würde er mich vor der Sünde bewahren.
Wort für Wort
antareṇa mayājñaptaḥ
in der Zwischenzeit [?] von mir angewiesen (Adv., Instr.Sg., Part.Pass.)
cirakārī hy udāradhīḥ
Cirakārin, der Edelgesinnte (Nom.Sg.)
yady adya cirakārī syāt
wenn er heute ein Bedächtiger wäre (3.Sg.Opt.)
sa māṃ trāyeta pātakāt
der würde mich retten vor der Sünde (3.Sg.Opt.Med., Abl.Sg.)
na hi sā tena saṃbhedaṃ patnī nītā mahātmanā; vijane cāśramasthena putraś cāpi samāhitaḥ
Denn die Gattin war von jenem Hochgesinnten nicht [in] Zerwürfnis geführt worden [?]; [er weilte] in der Einsiedelei an einem einsamen Ort, und auch der Sohn war gesammelt [?].
Wort für Wort
na hi sā tena saṃbhedam
denn nicht sie von ihm in Zerwürfnis/Vermischung [?] (Instr.Sg., Akk.Sg.m.)
patnī nītā mahātmanā
die Gattin geführt, von dem Hochgesinnten (Nom.Sg.f., Part.Pass., Instr.Sg.)
vijane cāśramasthena
und an einsamem Ort, in der Einsiedelei weilend (Lok.Sg.n., Instr.Sg.m.)
putraś cāpi samāhitaḥ
und auch der Sohn gesammelt (Nom.Sg.m., Part.Pass.)
hanyāt tv anapavādena śastrapāṇau sute sthite; vinītaṃ praśnayitvā ca vyavasyed ātmakarmasu
Er [der Vater] würde [ihn] wohl tadellos [?] töten, wenn der Sohn mit der Waffe in der Hand dasteht; doch soll er den Wohlerzogenen zuerst befragen und dann über seine eigenen Handlungen entscheiden.
Wort für Wort
hanyāt tv anapavādena
er würde töten, jedoch ohne Tadel [?] (3.Sg.Opt., Instr.Sg.m.)
śastrapāṇau sute sthite
wenn der Sohn mit Waffe in der Hand steht (Lok.Sg., Lok.Abs.)
vinītaṃ praśnayitvā ca
und nachdem er den Wohlerzogenen befragt hat (Akk.Sg.m., Ger.)
vyavasyed ātmakarmasu
soll entscheiden über die eigenen Handlungen (3.Sg.Opt., Lok.Pl.)
Dann wurde er vom Vater lange gepriesen, lange auf dem Scheitel beschnuppert [geküsst], lange mit beiden Armen umarmt, und es wurde ihm zugerufen: „Lebe lange!“
Wort für Wort
tataḥ pitrā ciraṃ stutvā
dann vom Vater, lange gepriesen habend (Instr.Sg., Ger.)
ciraṃ cāghrāya mūrdhani
und lange beschnuppert am Scheitel (Ger., Lok.Sg.)
ciraṃ dorbhyāṃ pariṣvajya
lange mit beiden Armen umarmt habend (Instr.Du., Ger.)
ciraṃ jīvety udāhṛtaḥ
„lebe lange“, so angesprochen (Imp.2.Sg., Part.Pass.)
cireṇa mitraṃ badhnīyāc cireṇa ca kṛtaṃ tyajet; cireṇa hi kṛtaṃ mitraṃ ciraṃ dhāraṇam arhati
Nach langer [Prüfung] soll man einen Freund gewinnen, nach langer [Prüfung] auch das Geschaffene [d. h. die Bindung?] lösen [?]; denn ein nach langer Zeit gewonnener Freund verdient es, lange bewahrt zu werden.
Wort für Wort
cireṇa mitraṃ badhnīyāt
nach langer [Zeit] soll man einen Freund binden (Instr.Sg., Akk.Sg., 3.Sg.Opt.)
cireṇa ca kṛtaṃ tyajet
und nach langer [Zeit] das Getane aufgeben [?] (Part.Pass., 3.Sg.Opt.)
cireṇa hi kṛtaṃ mitram
denn ein nach langer [Zeit] gewonnener Freund (Nom.Sg.n.)
So gelangt ein Mensch bei allen Angelegenheiten, nachdem er sie überlegt und nach langer [Zeit] einen Entschluss gefasst hat, [dahin, dass] er nicht lange Reue leidet.
Wort für Wort
evaṃ sarveṣu kāryeṣu
so in allen Angelegenheiten (Lok.Pl.n.)
vimṛśya puruṣas tataḥ
nachdem er überlegt hat, der Mensch dann (Ger., Nom.Sg.)
cireṇa niścayaṃ kṛtvā
nach langer [Zeit] einen Entschluss gefasst habend (Instr.Sg., Akk.Sg., Ger.)