Quellen der Menschheit

Mahābhārata · Śāntiparva

Kapitel 237: bhikṣulakṣaṇa Kennzeichen des Bettelmönchs: Alleinsein, Gleichmut und Gewaltlosigkeit

Vyāsa unterweist Śuka über den letzten Lebensstand, die Wanderschaft, und über die Furchtlosigkeit durch Gewaltlosigkeit; im zweiten Teil folgen kosmisch-innere Opfer- und Selbstschau-Verse.

śuka uvāca; vartamānas tathaivātra vānaprasthāśrame yathā; yoktavyo ''tmā yathā śaktyā paraṃ vai kāṅkṣatā padam

Śuka sprach: „Wie [man] hier im Stand des Waldeinsiedlers lebt, ebenso [soll man verfahren]; das Selbst ist nach Kräften zu sammeln von dem, der das höchste Ziel ersehnt.“

Wort für Wort
śuka uvāca
Śuka sprach (Perf.)
vartamānas tathaiva atra
lebend/sich verhaltend, ebenso hier (Part.Präs.Med. Nom.)
vānaprasthāśrame yathā
im Waldeinsiedler-Stand, wie (Lok.)
yoktavyaḥ ātmā
zu sammeln/zu üben ist das Selbst (Gerundiv Nom.Sg.m./Nom.)
yathāśaktyā
nach Kräften (Instr.)
param vai kāṅkṣatā padam
für den, der das höchste Ziel ersehnt (Part.Präs. Instr.; Akk.)

Der Satz ist knapp und elliptisch; „ebenso“ nimmt ein ausgelassenes Korrelat auf.

vyāsa uvāca; prāpya saṃskāram etābhyām āśramābhyāṃ tataḥ param; yat kāryaṃ paramārthārthaṃ tad ihaikamanāḥ śṛṇu

Vyāsa sprach: „Nachdem man durch diese beiden Lebensstände die Läuterung erlangt hat, [gilt] danach: Was um des höchsten Zieles willen zu tun ist, das höre hier mit gesammeltem Geist.“

Wort für Wort
vyāsa uvāca
Vyāsa sprach (Perf.)
prāpya saṃskāram
nachdem man die Läuterung erlangt hat (Abs.; Akk.Sg.)
etābhyām āśramābhyām
durch diese beiden Lebensstände (Instr./Abl.Du.)
tataḥ param
danach weiter (Adv.)
yat kāryaṃ paramārthārtham
was zu tun ist um des höchsten Zieles willen (Gerundiv Nom.; Dat.-Ersatz Kompositum)
tad iha ekamanāḥ śṛṇu
das höre hier einsgerichteten Geistes (Imp.2.Sg.; Nom.)

kaṣāyaṃ pācayitvā tu śreṇisthāneṣu ca triṣu; pravrajec ca paraṃ sthānaṃ parivrajyām anuttamām

Nachdem er aber den Makel in den drei Stufenstellungen ausgereift hat, soll er in den höchsten Stand hinausziehen, in die unübertreffliche Wanderschaft.

Wort für Wort
kaṣāyaṃ pācayitvā tu
nachdem er den Makel/das Schädliche ausgereift hat (Abs.; Akk.)
śreṇisthāneṣu ca triṣu
in den drei Stufenstellungen (Lok.Pl.)
pravrajet ca
und soll hinausziehen (Opt.3.Sg.)
param sthānam
in den höchsten Stand (Akk.)
parivrajyām anuttamām
in die unübertreffliche Wanderschaft (Akk.Sg.f.)

kaṣāya wörtlich „Herbes/Trübung“, hier als Bild für die zu reifenden Läuterungsreste; „Stufenstellungen“ [?] bezieht sich wohl auf die drei früheren Lebensstände.

tad bhavān evam abhyasya vartatāṃ śrūyatāṃ tathā; eka eva caren nityaṃ siddhyartham asahāyavān

Darum möge Eure Ehren, so übend, [danach] leben, und ebenso möge [es] gehört werden: Allein soll man stets wandeln, um der Vollendung willen, ohne Gefährten.

Wort für Wort
tad bhavān evam abhyasya
darum Ihr, so übend (Abs.; Nom.)
vartatāṃ
möge leben/handeln (Imp.3.Sg.Med.)
śrūyatāṃ tathā
ebenso möge [es] gehört werden (Imp.Pass.)
ekaḥ eva caret nityam
allein soll man stets wandeln (Opt.3.Sg.)
siddhyartham
um der Vollendung willen (Adv.)
asahāyavān
ohne Gefährten (Nom.Sg.m.)

Der Halbvers „vartatāṃ śrūyatāṃ tathā“ ist knapp; Wiedergabe [?].

ekaś carati yaḥ paśyan na jahāti na hīyate; anagnir aniketaḥ syād grāmam annārtham āśrayet

Wer allein wandelt und [dabei] sieht, der verlässt nicht und wird nicht verlassen [bzw. gemindert]. Er sei ohne Feuer, ohne Haus; ein Dorf suche er um der Nahrung willen auf.

Wort für Wort
ekaḥ carati yaḥ paśyan
wer allein wandelt, sehend (3.Sg.Präs.; Part.)
na jahāti na hīyate
verlässt nicht, wird nicht verlassen/gemindert (Präs.; Pass.)
anagniḥ aniketaḥ syāt
ohne Feuer, ohne Haus soll er sein (Opt.)
grāmam annārtham āśrayet
ein Dorf um der Nahrung willen soll er aufsuchen (Akk.; Opt.)

aśvastanavidhānaḥ syān munir bhāvasamanvitaḥ; laghvāśī niyatāhāraḥ sakṛd annaniṣevitā

Er sei keiner, der für morgen Vorsorge trifft, ein Muni, von [rechter] Gesinnung erfüllt, leicht essend, maßvoll in der Nahrung, nur einmal [am Tag] Speise genießend.

Wort für Wort
aśvastanavidhānaḥ syāt
nicht für morgen vorsorgend soll er sein (Bahuvrīhi; Opt.)
muniḥ bhāvasamanvitaḥ
ein Muni, von [rechter] Gesinnung/Haltung erfüllt (Nom.)
laghvāśī
leicht essend (Nom.Sg.m.)
niyatāhāraḥ
maßvoll in der Nahrung (Nom.)
sakṛd annaniṣevitā
einmal Speise zu sich nehmend (Nom.Sg.m., Nomen agentis)

kapālaṃ vṛkṣamūlāni kucelam asahāyatā; upekṣā sarvabhūtānām etāvad bhikṣulakṣaṇam

Bettelschale, Baumwurzeln [als Lager], Lumpenkleid, Alleinsein, Gleichmut gegenüber allen Wesen: so viel [nur] ist das Kennzeichen eines Bettelmönchs.

Wort für Wort
kapālaṃ
Bettelschale/Schale (Nom.Sg.n.)
vṛkṣamūlāni
Baumwurzeln (Nom.Pl.n.)
kucelam
Lumpenkleid (Nom.Sg.n.)
asahāyatā
Gefährtenlosigkeit (Nom.Sg.f.)
upekṣā sarvabhūtānām
Gleichmut gegenüber allen Wesen (Nom.; Gen.Pl.)
etāvat bhikṣulakṣaṇam
so viel ist das Kennzeichen des Bettlers (Nom.)

yasmin vācaḥ praviśanti kūpe prāptāḥ śilā iva; na vaktāraṃ punar yānti sa kaivalyāśrame vaset

In wem Worte eintreten wie Steine, die in einen Brunnen geraten sind, und nicht wieder zum Sprecher zurückkehren, der möge im Stand der Alleinheit weilen.

Wort für Wort
yasmin vācaḥ praviśanti
in dem Worte eintreten (Lok.; 3.Pl.Präs.)
kūpe prāptāḥ śilāḥ iva
wie in den Brunnen geratene Steine (Lok.; Part.Pass.)
na vaktāraṃ punar yānti
gehen nicht wieder zum Sprecher (Akk.)
saḥ kaivalyāśrame vaset
der soll im Stand der Alleinheit wohnen (Lok.; Opt.)

naiva paśyen na śṛṇuyād avācyaṃ jātu kasya cit; brāhmaṇānāṃ viśeṣeṇa naiva brūyāt kathaṃ cana

Er soll niemals etwas Unsagbares [Übles] von irgendjemandem sehen noch hören; zumal über Brahmanen soll er auf keine Weise so reden.

Wort für Wort
na eva paśyet na śṛṇuyāt
er soll weder sehen noch hören (Opt.)
avācyaṃ jātu kasya cit
Unsagbares, jemals, von irgendwem (Akk.Sg.n.)
brāhmaṇānāṃ viśeṣeṇa
besonders über Brahmanen (Gen.Pl.; Instr.)
na eva brūyāt kathaṃ cana
er soll auf keine Weise sprechen (Opt.)

avācya „was nicht gesagt werden darf“; genaue Deutung (Übles/Verleumderisches) [?].

yad brāhmaṇasya kuśalaṃ tad eva satataṃ vadet; tūṣṇīm āsīta nindāyāṃ kurvan bheṣajam ātmanaḥ

Was dem Brahmanen heilsam ist, das allein soll er stets sagen; bei Tadel soll er schweigend dasitzen und sich selbst ein Heilmittel bereiten.

Wort für Wort
yat brāhmaṇasya kuśalam
was dem Brahmanen heilsam ist (Nom.Sg.n.; Gen.)
tad eva satataṃ vadet
das allein soll er stets sagen (Opt.)
tūṣṇīm āsīta
schweigend soll er sitzen (Opt.Med.)
nindāyām
beim Tadel (Lok.Sg.f.)
kurvan bheṣajam ātmanaḥ
sich ein Heilmittel bereitend (Part.; Akk.; Gen.)

yena pūrṇam ivākāśaṃ bhavaty ekena sarvadā; śūnyaṃ yena janākīrṇaṃ taṃ devā brāhmaṇaṃ viduḥ

Durch wen allein der Raum stets wie erfüllt ist und durch wen [ein] von Menschen überfüllter [Ort] leer [wird] – den kennen die Götter als Brahmanen.

Wort für Wort
yena pūrṇam iva ākāśam
durch den der Raum wie voll (Instr.; Nom.)
bhavati ekena sarvadā
wird durch den Einen allezeit (Präs.)
śūnyaṃ yena janākīrṇam
leer durch den, [obwohl] von Menschen überfüllt (Nom.Sg.n.)
taṃ devāḥ brāhmaṇaṃ viduḥ
den kennen die Götter als Brahmanen (Perf.3.Pl.)

Der Sinn des ersten Halbverses (Fülle/Leere durch die bloße Gegenwart eines Einzelnen) ist knapp; Wiedergabe [?].

yena kena cid ācchanno yena kena cid āśitaḥ; yatrakvacanaśāyī ca taṃ devā brāhmaṇaṃ viduḥ

Der mit irgendetwas bekleidet, mit irgendetwas gespeist ist und irgendwo schläft – den kennen die Götter als Brahmanen.

Wort für Wort
yena kena cit ācchannaḥ
der mit irgendetwas bedeckt ist (Part.Pass.)
yena kena cit āśitaḥ
mit irgendetwas gespeist (Part.Pass.)
yatrakvacanaśāyī ca
und wo auch immer schlafend (Nom.)
taṃ devāḥ brāhmaṇaṃ viduḥ
den kennen die Götter als Brahmanen

aher iva gaṇād bhītaḥ sauhityān narakād iva; kuṇapād iva ca strībhyas taṃ devā brāhmaṇaṃ viduḥ

Der vor der Menge wie vor einer Schlange erschrickt, vor Übersättigung wie vor der Hölle und vor Frauen wie vor einem Leichnam – den kennen die Götter als Brahmanen.

Wort für Wort
aheḥ iva gaṇāt bhītaḥ
wie vor einer Schlange vor der Menge erschrocken (Abl.; Part.Pass.)
sauhityāt narakāt iva
vor Übersättigung wie vor der Hölle (Abl.)
kuṇapāt iva ca strībhyaḥ
und wie vor einem Leichnam vor Frauen (Abl.)
taṃ devāḥ brāhmaṇaṃ viduḥ
den kennen die Götter als Brahmanen

na krudhyen na prahṛṣyec ca mānito 'mānitaś ca yaḥ; sarvabhūteṣv abhayadas taṃ devā brāhmaṇaṃ viduḥ

Der weder zürnt noch frohlockt, ob geehrt oder nicht geehrt, und allen Wesen Furchtlosigkeit gibt – den kennen die Götter als Brahmanen.

Wort für Wort
na krudhyet na prahṛṣyet ca
er zürnt nicht und frohlockt nicht (Opt. als Norm)
mānitaḥ amānitaḥ ca yaḥ
wer geehrt oder nicht geehrt ist (Part.Pass.)
sarvabhūteṣu abhayadaḥ
allen Wesen gegenüber Furchtlosigkeit gebend (Lok.; Nom.)
taṃ devāḥ brāhmaṇaṃ viduḥ
den kennen die Götter als Brahmanen

nābhinandeta maraṇaṃ nābhinandeta jīvitam; kālam eva pratīkṣeta nideśaṃ bhṛtako yathā

Den Tod soll er nicht begrüßen, das Leben soll er nicht begrüßen; die Zeit allein soll er abwarten, wie ein Lohnarbeiter den Auftrag.

Wort für Wort
na abhinandeta maraṇam
er soll den Tod nicht begrüßen (Opt.Med.)
na abhinandeta jīvitam
das Leben nicht begrüßen
kālam eva pratīkṣeta
die Zeit allein soll er abwarten (Opt.Med.)
nideśaṃ bhṛtakaḥ yathā
wie ein Lohnarbeiter den Auftrag (Akk.; Nom.)

anabhyāhatacittaḥ syād anabhyāhatavāk tathā; nirmuktaḥ sarvapāpebhyo niramitrasya kiṃ bhayam

Sein Geist sei unerschüttert, ebenso seine Rede; von allen Übeln befreit – was hat einer ohne Feinde zu fürchten?

Wort für Wort
anabhyāhatacittaḥ syāt
unbeeinträchtigten Geistes soll er sein (Bahuvrīhi; Opt.)
anabhyāhatavāk tathā
ebenso unbeeinträchtigter Rede
nirmuktaḥ sarvapāpebhyaḥ
befreit von allen Übeln (Part.Pass.; Abl.)
niramitrasya kiṃ bhayam
was für Furcht [hat] einer ohne Feinde? (Gen.; Nom.)

abhayaṃ sarvabhūtebhyo bhūtānām abhayaṃ yataḥ; tasya dehād vimuktasya bhayaṃ nāsti kutaś cana

Furchtlosigkeit [besteht] vor allen Wesen [für den], durch den den Wesen Furchtlosigkeit [zuteil wird]; für den vom Leib Befreiten gibt es nirgends Furcht.

Wort für Wort
abhayaṃ sarvabhūtebhyaḥ
Furchtlosigkeit vor allen Wesen (Abl.Pl.)
bhūtānām abhayaṃ yataḥ
weil/wodurch für die Wesen Furchtlosigkeit [ist] (Gen.Pl.; Abl.)
tasya dehāt vimuktasya
für ihn, den vom Körper Befreiten (Gen.; Abl.)
bhayaṃ na asti kutaścana
Furcht gibt es nirgends (3.Sg.Präs.)

Der erste Halbvers ist elliptisch; Wiedergabe [?].

yathā nāgapade 'nyāni padāni padagāminām; sarvāṇy evāpidhīyante padajātāni kauñjare

Wie im Fußabdruck des Elefanten die anderen Fußspuren der Fußgänger, alle Arten von Spuren, verdeckt werden [, so ...].

Wort für Wort
yathā nāgapade
wie im Fußabdruck des Elefanten (Lok.)
anyāni padāni
die anderen Fußspuren (Nom.Pl.n.)
padagāminām
der Fußgänger (Gen.Pl.)
sarvāṇi eva apidhīyante
alle werden verdeckt (Pass.3.Pl.)
padajātāni kauñjare
die Arten von Spuren im Elefantenabdruck (Nom.; Lok.)

Der Vergleich wird im folgenden Vers fortgeführt.

evaṃ sarvam ahiṃsāyāṃ dharmārtham apidhīyate; amṛtaḥ sa nityaṃ vasati yo 'hiṃsāṃ pratipadyate

So wird alles, was dem Dharma dient, in der Gewaltlosigkeit einbegriffen; unsterblich weilt der stets, der die Gewaltlosigkeit ergreift.

Wort für Wort
evaṃ sarvam ahiṃsāyām
so alles in der Gewaltlosigkeit (Lok.)
dharmārtham apidhīyate
was dem Dharma dient, wird einbegriffen (Pass.)
amṛtaḥ saḥ nityaṃ vasati
unsterblich weilt er stets (Nom.; 3.Sg.)
yaḥ ahiṃsāṃ pratipadyate
wer die Gewaltlosigkeit ergreift/befolgt (Präs.Med.)

dharmārtham ist grammatisch unsicher (Adv. „um des Dharma willen“ oder „was das Ziel des Dharma ist“) [?].

ahiṃsakaḥ samaḥ satyo dhṛtimān niyatendriyaḥ; śaraṇyaḥ sarvabhūtānāṃ gatim āpnoty anuttamām

Gewaltlos, gleichmütig, wahrhaftig, standhaft, mit gezügelten Sinnen, Zuflucht aller Wesen, erlangt er das unübertreffliche Ziel.

Wort für Wort
ahiṃsakaḥ samaḥ satyaḥ
gewaltlos, gleichmütig, wahrhaftig (Nom.Sg.m.)
dhṛtimān niyatendriyaḥ
standhaft, mit gezügelten Sinnen
śaraṇyaḥ sarvabhūtānām
Zuflucht für alle Wesen (Gen.Pl.)
gatim āpnoti anuttamām
erlangt das unübertreffliche Ziel (Akk.; 3.Sg.Präs.)

evaṃ prajñānatṛptasya nirbhayasya manīṣiṇaḥ; na mṛtyur atigo bhāvaḥ sa mṛtyum adhigacchati

So [ist es] für den an Erkenntnis Gesättigten, Furchtlosen, Weisen: Der Tod ist ihm kein überwältigendes Wesen; er gewinnt den Tod [für sich] [?].

Wort für Wort
evaṃ prajñānatṛptasya
so für den an Erkenntnis Gesättigten (Gen.)
nirbhayasya manīṣiṇaḥ
des Furchtlosen, des Weisen (Gen.)
na mṛtyuḥ atigaḥ bhāvaḥ
der Tod ist kein überwältigendes Wesen (Nom.)
saḥ mṛtyum adhigacchati
er erreicht/bewältigt den Tod (Akk.; 3.Sg.Präs.)

Der zweite Halbvers ist mehrdeutig (adhigacchati „gewinnt, meistert“ oder „erlangt“); Wiedergabe unsicher.

vimuktaṃ sarvasaṅgebhyo munim ākāśavat sthitam; asvam ekacaraṃ śāntaṃ taṃ devā brāhmaṇaṃ viduḥ

Von allen Bindungen gelöst, ein Muni, der wie der Raum dasteht, besitzlos, allein wandelnd, friedvoll – den kennen die Götter als Brahmanen.

Wort für Wort
vimuktaṃ sarvasaṅgebhyaḥ
von allen Anhaftungen befreit (Part.; Abl.Pl.)
munim ākāśavat sthitam
den Muni, wie der Raum dastehend (Akk.)
asvam ekacaram
besitzlos, einsam wandelnd
śāntaṃ
friedvoll (Akk.)
taṃ devāḥ brāhmaṇaṃ viduḥ
den kennen die Götter als Brahmanen

jīvitaṃ yasya dharmārthaṃ dharmo 'ratyartham eva ca; ahorātrāś ca puṇyārthaṃ taṃ devā brāhmaṇaṃ viduḥ

Dessen Leben dem Dharma dient, dessen Dharma der Lustlosigkeit [Loslösung] dient und dessen Tage und Nächte dem Verdienst dienen – den kennen die Götter als Brahmanen.

Wort für Wort
jīvitaṃ yasya dharmārtham
dessen Leben dem Dharma dient (Nom.)
dharmaḥ aratyartham eva ca
und der Dharma nur der Lustlosigkeit dienend
ahorātrāḥ ca puṇyārtham
und Tage und Nächte dem Verdienst dienend (Nom.Pl.)
taṃ devāḥ brāhmaṇaṃ viduḥ
den kennen die Götter als Brahmanen

arati „Lustlosigkeit, Nicht-Vergnügen“ [?].

nirāśiṣam anārambhaṃ nirnamaskāram astutim; akṣīṇaṃ kṣīṇakarmāṇaṃ taṃ devā brāhmaṇaṃ viduḥ

Ohne Wünsche, ohne Unternehmungen, ohne Ehrerbietung [und] Lob, unvergänglich, mit erschöpften Werken – den kennen die Götter als Brahmanen.

Wort für Wort
nirāśiṣam anārambham
wunschlos, ohne Unternehmungen (Akk.Sg.m.)
nirnamaskāram astutim
ohne Verneigung, ohne Lob
akṣīṇaṃ
unvergänglich (Akk.)
kṣīṇakarmāṇam
dessen Werke erschöpft sind
taṃ devāḥ brāhmaṇaṃ viduḥ
den kennen die Götter als Brahmanen

sarvāṇi bhūtāni sukhe ramante; sarvāṇi duḥkhasya bhṛśaṃ trasanti; teṣāṃ bhayotpādanajātakhedaḥ; kuryān na karmāṇi hi śraddadhānaḥ

Alle Wesen freuen sich am Glück; alle erschrecken sehr vor dem Leid; wer Kummer empfindet über das Erzeugen ihrer Furcht, der soll als Gläubiger keine [solchen] Werke tun.

Wort für Wort
sarvāṇi bhūtāni sukhe ramante
alle Wesen freuen sich am Glück (Lok.; 3.Pl.Med.)
sarvāṇi duḥkhāt bhṛśaṃ trasanti
alle erschrecken sehr vor dem Leid (3.Pl.Präs.)
teṣāṃ bhayotpādanajātakhedaḥ
wem aus dem Erzeugen ihrer Furcht Kummer entstand (Bahuvrīhi)
kuryāt na karmāṇi hi
soll keine Werke tun (Opt.)
śraddadhānaḥ
als Gläubiger (Part.Med.)

duḥkhasya im Text; als Ablativ-Genitiv „vor dem Leid“ gedeutet.

dānaṃ hi bhūtābhayadakṣiṇāyāḥ; sarvāṇi dānāny adhitiṣṭhatīha; tīkṣṇāṃ tanuṃ yaḥ prathamaṃ jahāti; so 'nantam āpnoty abhayaṃ prajābhyaḥ

Denn die Gabe der Furchtlosigkeit für die Wesen als Opferlohn übertrifft hier alle [anderen] Gaben; wer zuerst die scharfe [gewalttätige] Gestalt ablegt, erlangt unendliche Furchtlosigkeit vor den Geschöpfen.

Wort für Wort
dānaṃ hi bhūtābhayadakṣiṇāyāḥ
denn die Gabe der Furchtlosigkeit-für-Wesen als Opferlohn (Nom.; Gen.)
sarvāṇi dānāni adhitiṣṭhati iha
übertrifft/steht über allen Gaben hier
tīkṣṇāṃ tanuṃ yaḥ prathamaṃ jahāti
wer zuerst die scharfe Gestalt aufgibt (Akk.; 3.Sg.)
saḥ anantam āpnoti abhayam prajābhyaḥ
er erlangt unendliche Furchtlosigkeit vor den Geschöpfen (Abl.Pl.)

Der erste Halbvers ist syntaktisch schwierig (Genitiv dakṣiṇāyāḥ); Wiedergabe [?].

uttāna āsyena havir juhoti; lokasya nābhir jagataḥ pratiṣṭhā; tasyāṅgam aṅgāni kṛtākṛtaṃ ca; vaiśvānaraḥ sarvam eva prapede

[Der,] aufwärts gerichtet, mit dem Mund die Opfergabe darbringt, der Nabel der Welt, der Halt des Alls: Sein Glied, die Glieder, Getanes und Nicht-Getanes – Vaiśvānara [das Feuer] hat alles erreicht.

Wort für Wort
uttānaḥ āsyena haviḥ juhoti
aufwärts gerichtet, opfert er mit dem Mund die Gabe
lokasya nābhiḥ jagataḥ pratiṣṭhā
Nabel der Welt, Halt des Alls (Gen.)
tasya aṅgam aṅgāni
sein Glied, die Glieder
kṛtākṛtaṃ ca
und Getanes und Ungetanes
vaiśvānaraḥ sarvam eva prapede
Vaiśvānara hat alles erreicht (Perf.)

Deutung dunkel (wohl Vaiśvānara als inneres Feuer im Menschen); [?].

prādeśamātre hṛdi niśritaṃ yat; tasmin prāṇān ātmayājī juhoti; tasyāgnihotraṃ hutam ātmasaṃsthaṃ; sarveṣu lokeṣu sadaivateṣu

Was handbreit im Herzen ruht – darin opfert der Selbstopferer die Lebenshauche; sein Agnihotra ist dargebracht, im Selbst gegründet, in allen Welten samt den Göttern.

Wort für Wort
prādeśamātre hṛdi niśritam yat
was, spannenlang, im Herzen ruht (Lok.; Part.)
tasmin prāṇān ātmayājī juhoti
darin opfert der Selbstopferer die Lebenshauche
tasya agnihotraṃ hutam
sein Agnihotra ist geopfert (Part.Pass.)
ātmasaṃstham
im Selbst gegründet
sarveṣu lokeṣu sadaivateṣu
in allen Welten mit den Göttern (Lok.Pl.)

daivaṃ tridhātuṃ trivṛtaṃ suparṇaṃ; ye vidyur agryaṃ paramārthatāṃ ca; te sarvalokeṣu mahīyamānā; devāḥ samarthāḥ sukṛtaṃ vrajanti

Das göttliche, dreiteilige, dreifache Suparṇa: Die, die es als das Erste und als das höchste Ziel kennen – diese Götter, in allen Welten geehrt, [sind] fähig und gehen zum Guten-Getanen.

Wort für Wort
daivaṃ tridhātuṃ trivṛtaṃ suparṇam
das göttliche, dreiteilige, dreifache Suparṇa (Akk.)
ye vidyuḥ agryam
die, die als Erstes kennen (Opt.3.Pl.)
paramārthatāṃ ca
und das Höchste-Zielsein (Akk.)
te sarvalokeṣu mahīyamānāḥ
diese, in allen Welten geehrt
devāḥ samarthāḥ sukṛtaṃ vrajanti
die Götter, fähig, gehen zum guten Werk (3.Pl.Präs.)

Suparṇa „Vogel“ hier wohl als Bild des Selbst/der Sonne; die Konstruktion ist unsicher [?].

vedāṃś ca vedyaṃ ca vidhiṃ ca kṛtsnam; atho niruktaṃ paramārthatāṃ ca; sarvaṃ śarīrātmani yaḥ praveda; tasmai sma devāḥ spṛhayanti nityam

Die Veden, das zu Wissende und die ganze Vorschrift, dazu das Nirukta und das Höchste – wer all das im Körper-Selbst erkennt, nach dem sehnen sich die Götter stets.

Wort für Wort
vedān ca vedyaṃ ca
die Veden und das zu Wissende (Akk.)
vidhiṃ ca kṛtsnam
und die ganze Vorschrift
atho niruktaṃ paramārthatāṃ ca
dazu das Nirukta und das Höchste
sarvaṃ śarīrātmani yaḥ praveda
wer alles im Körper-Selbst erkennt (Perf.)
tasmai sma devāḥ spṛhayanti nityam
nach dem sehnen sich die Götter stets (Dat.; 3.Pl.)

bhūmāv asaktaṃ divi cāprameyaṃ; hiraṇmayaṃ yo 'ṇḍajam aṇḍamadhye; patatriṇaṃ pakṣiṇam antarikṣe; yo veda bhogyātmani dīptaraśmiḥ

Der in der Erde ungebunden, im Himmel unermesslich, golden, ei-geboren in der Mitte des Eis, ein Geflügelter, ein Vogel im Luftraum ist – wer ihn kennt, [ist] mit leuchtenden Strahlen im Selbst des Genießbaren.

Wort für Wort
bhūmau asaktaṃ divi ca aprameyam
auf der Erde ungebunden, im Himmel unermesslich (Lok.)
hiraṇmayaṃ yaḥ aṇḍajam aṇḍamadhye
der goldene, eigeborene in des Eies Mitte (Lok.)
patatriṇaṃ pakṣiṇam antarikṣe
der Geflügelte, der Vogel im Luftraum (Lok.)
yaḥ veda
wer weiß/kennt (3.Sg.Perf.)
bhogyātmani dīptaraśmiḥ
im Selbst des Genießbaren, strahlenleuchtend

Satzbau und Bezug von dīptaraśmiḥ unsicher [?].

āvartamānam ajaraṃ vivartanaṃ; ṣaṇṇemikaṃ dvādaśāraṃ suparva; yasyedam āsye pariyāti viśvaṃ; tat kālacakraṃ nihitaṃ guhāyām

Sich drehend, unalternd, Umlauf, sechsfelgig, zwölfspeichig, gut gefügt; in dessen Mund dieses All umläuft – jenes Zeitrad ist in der Höhle verborgen.

Wort für Wort
āvartamānam ajaram vivartanam
sich drehend, alterslos, Umlauf
ṣaṇṇemikaṃ dvādaśāraṃ suparva
sechs Felgen, zwölf Speichen, gut gegliedert
yasya idam āsye pariyāti viśvam
in dessen Mund dieses All umläuft (Lok.; 3.Sg.)
tat kālacakraṃ nihitaṃ guhāyām
jenes Zeitrad ist in der Höhle niedergelegt (Part.Pass.; Lok.)

yaḥ saṃprasādaṃ jagataḥ śarīraṃ; sarvān sa lokān adhigacchatīha; tasmin hutaṃ tarpayatīha devāṃs; te vai tṛptās tarpayanty āsyam asya

Wer die Klarheit, der Leib der Welt ist, der erlangt hier alle Welten; in ihn Geopfertes sättigt hier die Götter, und diese, gesättigt, sättigen dessen Mund.

Wort für Wort
yaḥ saṃprasādaṃ jagataḥ śarīram
wer die Klarheit/Ruhe, den Leib der Welt [kennt/ist] (Akk.; Gen.)
sarvān sa lokān adhigacchati iha
der erlangt hier alle Welten
tasmin hutaṃ tarpayati iha devān
darin Geopfertes sättigt hier die Götter (Part.; Akk.)
te vai tṛptāḥ tarpayanti āsyam asya
diese, gesättigt, sättigen dessen Mund (Part.; 3.Pl.)

saṃprasāda „Klarheit, Heiterkeit“ (auch Tiefschlaf-Zustand); Bezug unsicher [?].

tejomayo nityatanuḥ purāṇo; lokān anantān abhayān upaiti; bhūtāni yasmān na trasante kadā cit; sa bhūtebhyo na trasate kadā cit

Lichtvoll, von ewigem Leib, uralt, gelangt er zu unendlichen, furchtlosen Welten; vor dem die Wesen nie erschrecken, der erschrickt nie vor den Wesen.

Wort für Wort
tejomayaḥ nityatanuḥ purāṇaḥ
lichtvoll, ewigen Leibes, uralt (Nom.)
lokān anantān abhayān upaiti
gelangt zu unendlichen, furchtlosen Welten (3.Sg.Präs.)
bhūtāni yasmāt na trasante kadā cit
vor dem die Wesen nie erschrecken (Abl.)
saḥ bhūtebhyaḥ na trasate kadā cit
der erschrickt nie vor den Wesen (Abl.)

agarhaṇīyo na ca garhate 'nyān; sa vai vipraḥ paramātmānam īkṣet; vinītamoho vyapanītakalmaṣo; na ceha nāmutra ca yo 'rtham ṛcchati

Wer nicht zu tadeln ist und andere nicht tadelt, der Weise soll das höchste Selbst schauen; mit vertriebener Verblendung, entfernter Schuld, der weder hier noch im Jenseits ein Ziel verfolgt.

Wort für Wort
agarhaṇīyaḥ na ca garhate anyān
nicht tadelnswert und tadelt andere nicht
saḥ vai vipraḥ paramātmānam īkṣet
der Weise soll das höchste Selbst schauen (Opt.)
vinītamohaḥ vyapanītakalmaṣaḥ
dessen Verblendung/Schuld beseitigt ist
na ca iha na amutra ca
weder hier noch drüben
yaḥ artham ṛcchati
der ein Ziel/einen Vorteil erstrebt (3.Sg.Präs.)

aroṣamohaḥ samaloṣṭakāñcanaḥ; prahīṇaśoko gatasaṃdhivigrahaḥ; apetanindāstutir apriyāpriyaś; carann udāsīnavad eṣa bhikṣukaḥ

Ohne Zorn und Verblendung, Erdklumpen und Gold gleichachtend, Kummer aufgegeben, Bündnis und Streit verlassen, Tadel und Lob abgetan, Liebes und Unliebes [gleich], wie ein Unbeteiligter wandelnd – dieser ist ein Bettelmönch.

Wort für Wort
aroṣamohaḥ samaloṣṭakāñcanaḥ
ohne Zorn und Verblendung, Erdscholle und Gold gleich (Nom.)
prahīṇaśokaḥ gatasaṃdhivigrahaḥ
kummerfrei, Bündnis und Streit los
apetanindāstutiḥ
Tadel und Lob abgetan
apriyāpriyaḥ
Liebes und Unliebes [aufgegeben/gleich]
caran udāsīnavat
wandelnd wie ein Unbeteiligter (Part.)
eṣaḥ bhikṣukaḥ
dieser ist ein Bettelmönch

apriyāpriyaḥ ist dunkel (wohl „ohne Liebes und Unliebes“) [?].

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