Kapitel 237: bhikṣulakṣaṇa
Kennzeichen des Bettelmönchs: Alleinsein, Gleichmut und Gewaltlosigkeit
Vyāsa unterweist Śuka über den letzten Lebensstand, die Wanderschaft, und über die Furchtlosigkeit durch Gewaltlosigkeit; im zweiten Teil folgen kosmisch-innere Opfer- und Selbstschau-Verse.
Śuka sprach: „Wie [man] hier im Stand des Waldeinsiedlers lebt, ebenso [soll man verfahren]; das Selbst ist nach Kräften zu sammeln von dem, der das höchste Ziel ersehnt.“
Wort für Wort
śuka uvāca
Śuka sprach (Perf.)
vartamānas tathaiva atra
lebend/sich verhaltend, ebenso hier (Part.Präs.Med. Nom.)
vānaprasthāśrame yathā
im Waldeinsiedler-Stand, wie (Lok.)
yoktavyaḥ ātmā
zu sammeln/zu üben ist das Selbst (Gerundiv Nom.Sg.m./Nom.)
yathāśaktyā
nach Kräften (Instr.)
param vai kāṅkṣatā padam
für den, der das höchste Ziel ersehnt (Part.Präs. Instr.; Akk.)
Der Satz ist knapp und elliptisch; „ebenso“ nimmt ein ausgelassenes Korrelat auf.
Vyāsa sprach: „Nachdem man durch diese beiden Lebensstände die Läuterung erlangt hat, [gilt] danach: Was um des höchsten Zieles willen zu tun ist, das höre hier mit gesammeltem Geist.“
Wort für Wort
vyāsa uvāca
Vyāsa sprach (Perf.)
prāpya saṃskāram
nachdem man die Läuterung erlangt hat (Abs.; Akk.Sg.)
etābhyām āśramābhyām
durch diese beiden Lebensstände (Instr./Abl.Du.)
tataḥ param
danach weiter (Adv.)
yat kāryaṃ paramārthārtham
was zu tun ist um des höchsten Zieles willen (Gerundiv Nom.; Dat.-Ersatz Kompositum)
tad iha ekamanāḥ śṛṇu
das höre hier einsgerichteten Geistes (Imp.2.Sg.; Nom.)
kaṣāyaṃ pācayitvā tu śreṇisthāneṣu ca triṣu; pravrajec ca paraṃ sthānaṃ parivrajyām anuttamām
Nachdem er aber den Makel in den drei Stufenstellungen ausgereift hat, soll er in den höchsten Stand hinausziehen, in die unübertreffliche Wanderschaft.
Wort für Wort
kaṣāyaṃ pācayitvā tu
nachdem er den Makel/das Schädliche ausgereift hat (Abs.; Akk.)
śreṇisthāneṣu ca triṣu
in den drei Stufenstellungen (Lok.Pl.)
pravrajet ca
und soll hinausziehen (Opt.3.Sg.)
param sthānam
in den höchsten Stand (Akk.)
parivrajyām anuttamām
in die unübertreffliche Wanderschaft (Akk.Sg.f.)
kaṣāya wörtlich „Herbes/Trübung“, hier als Bild für die zu reifenden Läuterungsreste; „Stufenstellungen“ [?] bezieht sich wohl auf die drei früheren Lebensstände.
tad bhavān evam abhyasya vartatāṃ śrūyatāṃ tathā; eka eva caren nityaṃ siddhyartham asahāyavān
Darum möge Eure Ehren, so übend, [danach] leben, und ebenso möge [es] gehört werden: Allein soll man stets wandeln, um der Vollendung willen, ohne Gefährten.
Wort für Wort
tad bhavān evam abhyasya
darum Ihr, so übend (Abs.; Nom.)
vartatāṃ
möge leben/handeln (Imp.3.Sg.Med.)
śrūyatāṃ tathā
ebenso möge [es] gehört werden (Imp.Pass.)
ekaḥ eva caret nityam
allein soll man stets wandeln (Opt.3.Sg.)
siddhyartham
um der Vollendung willen (Adv.)
asahāyavān
ohne Gefährten (Nom.Sg.m.)
Der Halbvers „vartatāṃ śrūyatāṃ tathā“ ist knapp; Wiedergabe [?].
ekaś carati yaḥ paśyan na jahāti na hīyate; anagnir aniketaḥ syād grāmam annārtham āśrayet
Wer allein wandelt und [dabei] sieht, der verlässt nicht und wird nicht verlassen [bzw. gemindert]. Er sei ohne Feuer, ohne Haus; ein Dorf suche er um der Nahrung willen auf.
Wort für Wort
ekaḥ carati yaḥ paśyan
wer allein wandelt, sehend (3.Sg.Präs.; Part.)
na jahāti na hīyate
verlässt nicht, wird nicht verlassen/gemindert (Präs.; Pass.)
anagniḥ aniketaḥ syāt
ohne Feuer, ohne Haus soll er sein (Opt.)
grāmam annārtham āśrayet
ein Dorf um der Nahrung willen soll er aufsuchen (Akk.; Opt.)
Er sei keiner, der für morgen Vorsorge trifft, ein Muni, von [rechter] Gesinnung erfüllt, leicht essend, maßvoll in der Nahrung, nur einmal [am Tag] Speise genießend.
Wort für Wort
aśvastanavidhānaḥ syāt
nicht für morgen vorsorgend soll er sein (Bahuvrīhi; Opt.)
muniḥ bhāvasamanvitaḥ
ein Muni, von [rechter] Gesinnung/Haltung erfüllt (Nom.)
laghvāśī
leicht essend (Nom.Sg.m.)
niyatāhāraḥ
maßvoll in der Nahrung (Nom.)
sakṛd annaniṣevitā
einmal Speise zu sich nehmend (Nom.Sg.m., Nomen agentis)
yasmin vācaḥ praviśanti kūpe prāptāḥ śilā iva; na vaktāraṃ punar yānti sa kaivalyāśrame vaset
In wem Worte eintreten wie Steine, die in einen Brunnen geraten sind, und nicht wieder zum Sprecher zurückkehren, der möge im Stand der Alleinheit weilen.
Wort für Wort
yasmin vācaḥ praviśanti
in dem Worte eintreten (Lok.; 3.Pl.Präs.)
kūpe prāptāḥ śilāḥ iva
wie in den Brunnen geratene Steine (Lok.; Part.Pass.)
na vaktāraṃ punar yānti
gehen nicht wieder zum Sprecher (Akk.)
saḥ kaivalyāśrame vaset
der soll im Stand der Alleinheit wohnen (Lok.; Opt.)
Der vor der Menge wie vor einer Schlange erschrickt, vor Übersättigung wie vor der Hölle und vor Frauen wie vor einem Leichnam – den kennen die Götter als Brahmanen.
Wort für Wort
aheḥ iva gaṇāt bhītaḥ
wie vor einer Schlange vor der Menge erschrocken (Abl.; Part.Pass.)
Furchtlosigkeit [besteht] vor allen Wesen [für den], durch den den Wesen Furchtlosigkeit [zuteil wird]; für den vom Leib Befreiten gibt es nirgends Furcht.
Wort für Wort
abhayaṃ sarvabhūtebhyaḥ
Furchtlosigkeit vor allen Wesen (Abl.Pl.)
bhūtānām abhayaṃ yataḥ
weil/wodurch für die Wesen Furchtlosigkeit [ist] (Gen.Pl.; Abl.)
tasya dehāt vimuktasya
für ihn, den vom Körper Befreiten (Gen.; Abl.)
bhayaṃ na asti kutaścana
Furcht gibt es nirgends (3.Sg.Präs.)
Der erste Halbvers ist elliptisch; Wiedergabe [?].
jīvitaṃ yasya dharmārthaṃ dharmo 'ratyartham eva ca; ahorātrāś ca puṇyārthaṃ taṃ devā brāhmaṇaṃ viduḥ
Dessen Leben dem Dharma dient, dessen Dharma der Lustlosigkeit [Loslösung] dient und dessen Tage und Nächte dem Verdienst dienen – den kennen die Götter als Brahmanen.
Wort für Wort
jīvitaṃ yasya dharmārtham
dessen Leben dem Dharma dient (Nom.)
dharmaḥ aratyartham eva ca
und der Dharma nur der Lustlosigkeit dienend
ahorātrāḥ ca puṇyārtham
und Tage und Nächte dem Verdienst dienend (Nom.Pl.)
sarvāṇi bhūtāni sukhe ramante; sarvāṇi duḥkhasya bhṛśaṃ trasanti; teṣāṃ bhayotpādanajātakhedaḥ; kuryān na karmāṇi hi śraddadhānaḥ
Alle Wesen freuen sich am Glück; alle erschrecken sehr vor dem Leid; wer Kummer empfindet über das Erzeugen ihrer Furcht, der soll als Gläubiger keine [solchen] Werke tun.
Wort für Wort
sarvāṇi bhūtāni sukhe ramante
alle Wesen freuen sich am Glück (Lok.; 3.Pl.Med.)
sarvāṇi duḥkhāt bhṛśaṃ trasanti
alle erschrecken sehr vor dem Leid (3.Pl.Präs.)
teṣāṃ bhayotpādanajātakhedaḥ
wem aus dem Erzeugen ihrer Furcht Kummer entstand (Bahuvrīhi)
kuryāt na karmāṇi hi
soll keine Werke tun (Opt.)
śraddadhānaḥ
als Gläubiger (Part.Med.)
duḥkhasya im Text; als Ablativ-Genitiv „vor dem Leid“ gedeutet.
dānaṃ hi bhūtābhayadakṣiṇāyāḥ; sarvāṇi dānāny adhitiṣṭhatīha; tīkṣṇāṃ tanuṃ yaḥ prathamaṃ jahāti; so 'nantam āpnoty abhayaṃ prajābhyaḥ
Denn die Gabe der Furchtlosigkeit für die Wesen als Opferlohn übertrifft hier alle [anderen] Gaben; wer zuerst die scharfe [gewalttätige] Gestalt ablegt, erlangt unendliche Furchtlosigkeit vor den Geschöpfen.
Wort für Wort
dānaṃ hi bhūtābhayadakṣiṇāyāḥ
denn die Gabe der Furchtlosigkeit-für-Wesen als Opferlohn (Nom.; Gen.)
sarvāṇi dānāni adhitiṣṭhati iha
übertrifft/steht über allen Gaben hier
tīkṣṇāṃ tanuṃ yaḥ prathamaṃ jahāti
wer zuerst die scharfe Gestalt aufgibt (Akk.; 3.Sg.)
saḥ anantam āpnoti abhayam prajābhyaḥ
er erlangt unendliche Furchtlosigkeit vor den Geschöpfen (Abl.Pl.)
Der erste Halbvers ist syntaktisch schwierig (Genitiv dakṣiṇāyāḥ); Wiedergabe [?].
[Der,] aufwärts gerichtet, mit dem Mund die Opfergabe darbringt, der Nabel der Welt, der Halt des Alls: Sein Glied, die Glieder, Getanes und Nicht-Getanes – Vaiśvānara [das Feuer] hat alles erreicht.
Wort für Wort
uttānaḥ āsyena haviḥ juhoti
aufwärts gerichtet, opfert er mit dem Mund die Gabe
lokasya nābhiḥ jagataḥ pratiṣṭhā
Nabel der Welt, Halt des Alls (Gen.)
tasya aṅgam aṅgāni
sein Glied, die Glieder
kṛtākṛtaṃ ca
und Getanes und Ungetanes
vaiśvānaraḥ sarvam eva prapede
Vaiśvānara hat alles erreicht (Perf.)
Deutung dunkel (wohl Vaiśvānara als inneres Feuer im Menschen); [?].
Was handbreit im Herzen ruht – darin opfert der Selbstopferer die Lebenshauche; sein Agnihotra ist dargebracht, im Selbst gegründet, in allen Welten samt den Göttern.
daivaṃ tridhātuṃ trivṛtaṃ suparṇaṃ; ye vidyur agryaṃ paramārthatāṃ ca; te sarvalokeṣu mahīyamānā; devāḥ samarthāḥ sukṛtaṃ vrajanti
Das göttliche, dreiteilige, dreifache Suparṇa: Die, die es als das Erste und als das höchste Ziel kennen – diese Götter, in allen Welten geehrt, [sind] fähig und gehen zum Guten-Getanen.
Wort für Wort
daivaṃ tridhātuṃ trivṛtaṃ suparṇam
das göttliche, dreiteilige, dreifache Suparṇa (Akk.)
ye vidyuḥ agryam
die, die als Erstes kennen (Opt.3.Pl.)
paramārthatāṃ ca
und das Höchste-Zielsein (Akk.)
te sarvalokeṣu mahīyamānāḥ
diese, in allen Welten geehrt
devāḥ samarthāḥ sukṛtaṃ vrajanti
die Götter, fähig, gehen zum guten Werk (3.Pl.Präs.)
Suparṇa „Vogel“ hier wohl als Bild des Selbst/der Sonne; die Konstruktion ist unsicher [?].
vedāṃś ca vedyaṃ ca vidhiṃ ca kṛtsnam; atho niruktaṃ paramārthatāṃ ca; sarvaṃ śarīrātmani yaḥ praveda; tasmai sma devāḥ spṛhayanti nityam
Die Veden, das zu Wissende und die ganze Vorschrift, dazu das Nirukta und das Höchste – wer all das im Körper-Selbst erkennt, nach dem sehnen sich die Götter stets.
Wort für Wort
vedān ca vedyaṃ ca
die Veden und das zu Wissende (Akk.)
vidhiṃ ca kṛtsnam
und die ganze Vorschrift
atho niruktaṃ paramārthatāṃ ca
dazu das Nirukta und das Höchste
sarvaṃ śarīrātmani yaḥ praveda
wer alles im Körper-Selbst erkennt (Perf.)
tasmai sma devāḥ spṛhayanti nityam
nach dem sehnen sich die Götter stets (Dat.; 3.Pl.)
bhūmāv asaktaṃ divi cāprameyaṃ; hiraṇmayaṃ yo 'ṇḍajam aṇḍamadhye; patatriṇaṃ pakṣiṇam antarikṣe; yo veda bhogyātmani dīptaraśmiḥ
Der in der Erde ungebunden, im Himmel unermesslich, golden, ei-geboren in der Mitte des Eis, ein Geflügelter, ein Vogel im Luftraum ist – wer ihn kennt, [ist] mit leuchtenden Strahlen im Selbst des Genießbaren.
Wort für Wort
bhūmau asaktaṃ divi ca aprameyam
auf der Erde ungebunden, im Himmel unermesslich (Lok.)
yaḥ saṃprasādaṃ jagataḥ śarīraṃ; sarvān sa lokān adhigacchatīha; tasmin hutaṃ tarpayatīha devāṃs; te vai tṛptās tarpayanty āsyam asya
Wer die Klarheit, der Leib der Welt ist, der erlangt hier alle Welten; in ihn Geopfertes sättigt hier die Götter, und diese, gesättigt, sättigen dessen Mund.
Wort für Wort
yaḥ saṃprasādaṃ jagataḥ śarīram
wer die Klarheit/Ruhe, den Leib der Welt [kennt/ist] (Akk.; Gen.)
sarvān sa lokān adhigacchati iha
der erlangt hier alle Welten
tasmin hutaṃ tarpayati iha devān
darin Geopfertes sättigt hier die Götter (Part.; Akk.)
te vai tṛptāḥ tarpayanti āsyam asya
diese, gesättigt, sättigen dessen Mund (Part.; 3.Pl.)
agarhaṇīyo na ca garhate 'nyān; sa vai vipraḥ paramātmānam īkṣet; vinītamoho vyapanītakalmaṣo; na ceha nāmutra ca yo 'rtham ṛcchati
Wer nicht zu tadeln ist und andere nicht tadelt, der Weise soll das höchste Selbst schauen; mit vertriebener Verblendung, entfernter Schuld, der weder hier noch im Jenseits ein Ziel verfolgt.
Ohne Zorn und Verblendung, Erdklumpen und Gold gleichachtend, Kummer aufgegeben, Bündnis und Streit verlassen, Tadel und Lob abgetan, Liebes und Unliebes [gleich], wie ein Unbeteiligter wandelnd – dieser ist ein Bettelmönch.
Wort für Wort
aroṣamohaḥ samaloṣṭakāñcanaḥ
ohne Zorn und Verblendung, Erdscholle und Gold gleich (Nom.)
prahīṇaśokaḥ gatasaṃdhivigrahaḥ
kummerfrei, Bündnis und Streit los
apetanindāstutiḥ
Tadel und Lob abgetan
apriyāpriyaḥ
Liebes und Unliebes [aufgegeben/gleich]
caran udāsīnavat
wandelnd wie ein Unbeteiligter (Part.)
eṣaḥ bhikṣukaḥ
dieser ist ein Bettelmönch
apriyāpriyaḥ ist dunkel (wohl „ohne Liebes und Unliebes“) [?].