Kapitel 209: svapnanirūpaṇam
Vom Wesen des Traums, den Guṇas und dem Weg zum höchsten Brahman
Der Lehrer belehrt über das Meiden des Schlafes für den Keuschheitsübenden und erklärt den Traum als Wirken des Geistes bei ruhenden Sinnen; danach folgt die Einordnung der drei Guṇas als göttlich bzw. asurisch und der Hinweis auf das erkennbare Brahman.
Der Lehrer sprach: „Wer stets makellose Keuschheit (brahmacarya) zu üben wünscht, muss den Schlaf mit seinem ganzen Wesen aufgeben, indem er die Fehler des Traums bedenkt.“
Wort für Wort
gurur uvāca
der Lehrer sprach (Nom.Sg.; Perf.3.Sg.)
niṣkalmaṣaṃ brahmacaryam
makellose Keuschheit/Brahmacarya (Akk.Sg.n.)
icchatā carituṃ sadā
vom Wünschenden, [sie] stets zu üben (Instr.Sg.Part.; Inf.)
nidrā sarvātmanā tyājyā
der Schlaf ist mit ganzem Wesen aufzugeben (Nom.Sg.f.; Instr.; Gerundiv)
svapnadoṣān avekṣatā
vom die Fehler des Traums Beachtenden (Akk.Pl.; Instr.Sg.Part.)
jñānābhyāsāj jāgarato jijñāsārtham anantaram; vijñānābhiniveśāt tu jāgaraty aniśaṃ sadā
Wer durch Übung des Wissens wach ist, [ist es] sodann zum Zweck des Erforschens; aus der Hingabe an die Erkenntnis aber ist er unaufhörlich, allezeit wach.
Wort für Wort
jñānābhyāsāj jāgarataḥ
durch Übung des Wissens vom Wachenden (Abl.Sg.; Gen.Sg.Part.)
jijñāsārtham anantaram
zum Zweck des Erkennenwollens, unmittelbar danach (Adv.; Adv.)
vijñānābhiniveśāt tu
aber aus der Hinwendung/Versenkung in die Erkenntnis (Abl.Sg.)
jāgaraty aniśaṃ sadā
ist er wach, unaufhörlich, allezeit (3.Sg.Präs.; Adv.)
Der Vers ist knapp und syntaktisch nicht eindeutig; Subjekt und Verhältnis der beiden Halbverse sind ergänzt.
Hierzu [fragt man]: „Was ist dieser Zustand im Traum, der gleichsam Sinnesobjekte hat? Während die Sinne aufgelöst sind, weilt der Verkörperte gleichsam körperhaft.“
Wort für Wort
atrāha
hierzu spricht [man] (3.Sg.Perf.)
ko nv ayaṃ bhāvaḥ
was ist wohl dieser Zustand (Nom.Sg.m.)
svapne viṣayavān iva
im Traum gleichsam mit Sinnesobjekten (Lok.; Nom.Sg.m.)
pralīnair indriyair
bei aufgelösten Sinnen (Instr.Pl.; Abl.abs.-artig)
dehī vartate dehavān iva
der Verkörperte weilt gleichsam körperhaft (Nom.Sg.; 3.Sg.Präs.)
Sie sagen, die Sinne seien davon durchdrungen [tanmaya], und sie gehen nur so weit. Hierzu sagen sie: „Die Dreiheit [der Zustände] ist stets unwahr.“ – Wenn [man so meint], so ist es nicht [so]. Der im ersten [Zustand] Weilende kennt die Dreiheit allezeit; die beiden anderen erreicht er nie und erkennt sie in keiner Weise. Im Traumzustand befindlich, erkennt er nur „Traum“; auch das ist der Vernunft nach nicht stimmig [?]; die Dreiheit ist Kennzeichen der Verblendung. Wenn er von der Dreiheit des Selbst befreit ist, dann erkennt er, [von ihr] unbeeinträchtigt [?].
Wort für Wort
tanmayānīndriyāṇy āhus tāvad gacchanti tāni vai
aus jenem bestehend seien die Sinne, sagen sie; soweit gehen sie (Nom.Pl.n.; 3.Pl.Perf.; 3.Pl.Präs.)
atrāhus tritayaṃ nityam atathyam iti cec ca na
hierzu sagen sie: die Dreiheit sei stets unwahr; wenn [man das meint], so [ist es] nicht [so]
prathame vartamāno 'sau tritayaṃ vetti sarvadā
der im ersten Weilende kennt die Dreiheit allezeit (Lok.Sg.; Part.Nom.; 3.Sg.Präs.)
netarāv upasaṃgamya vijānāti kathaṃ cana
die beiden anderen nie erreichend, erkennt er sie in keiner Weise (Akk.Du.; Abs.)
svapnāvasthāgato hy eṣa svapna ity eva vetti ca
im Traumzustand befindlich erkennt er nur „Traum“ (Nom.Sg.m.; 3.Sg.Präs.)
tad apy asadṛśaṃ yuktyā tritayaṃ mohalakṣaṇam
auch das ist der Vernunft nach unpassend; die Dreiheit hat Verblendung als Kennzeichen (Instr.Sg.; Nom.Sg.n.)
yadātmatritayān muktas tadā jānāty asatkṛtaḥ
wenn von der Selbst-Dreiheit befreit, dann erkennt er, unbeeinträchtigt [?] (Abl.Sg.; Nom.Sg.m.Part.; 3.Sg.Präs.)
Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert). Zusatzpassage; Text und Sinn (besonders tritaya, asatkṛta, atathya) unsicher.
kāryavyāsaktamanasaḥ saṃkalpo jāgrato hy api; yadvan manorathaiśvaryaṃ svapne tadvan manogatam
Auch beim Wachenden gibt es Vorstellung, dessen Geist in ein Geschäft vertieft ist; wie die Herrschaft der Wunschträume, so ist im Traum das im Geist Befindliche.
Wort für Wort
kāryavyāsaktamanasaḥ
dessen Geist an ein Geschäft geheftet ist (Bahuvrīhi Gen.Sg.)
saṃkalpo jāgrato hy api
Vorstellung [ist da], auch beim Wachenden (Nom.Sg.; Gen.Sg.Part.)
yadvan manorathaiśvaryaṃ
wie die Herrschaft der Wunschgebilde (Nom.Sg.n.)
svapne tadvan manogatam
im Traum ebenso das im Geist Befindliche (Lok.Sg.; Nom.Sg.n.)
saṃsārāṇām asaṃkhyānāṃ kāmātmā tad avāpnuyāt; manasy antarhitaṃ sarvaṃ veda sottamapūruṣaḥ
Der von Begierde bestimmte [Mensch] könnte dies aus zahllosen Kreisläufen des Daseins erlangen. Im Geist verborgen weiß alles jener höchste Puruṣa [?].
Wort für Wort
saṃsārāṇām asaṃkhyānām
von den zahllosen Daseinskreisläufen (Gen.Pl.)
kāmātmā tad avāpnuyāt
der Begierdenwesen erlangte jenes (Nom.Sg.; Opt.3.Sg.)
manasy antarhitaṃ sarvaṃ
im Geist verborgen alles (Lok.Sg.; Part. Akk.Sg.n.)
veda sottamapūruṣaḥ
weiß der (sa) höchste Person (3.Sg.Perf.; Nom.Sg.)
tataḥ paśyaty asaṃbaddhān vātapittakaphottarān; rajastamobhavair bhāvais tad apy āhur duranvayam
Dann sieht er unzusammenhängende [Dinge], bei denen Wind, Galle und Schleim überwiegen, aus Zuständen, die aus Rajas und Tamas entstanden sind; auch das, sagen sie, ist schwer nachzuvollziehen.
Wort für Wort
tataḥ paśyaty asaṃbaddhān
dann sieht er Unzusammenhängendes (3.Sg.Präs.; Akk.Pl.m.)
vātapittakaphottarān
bei denen Wind, Galle, Schleim überwiegen (Bahuvrīhi Akk.Pl.)
rajastamobhavair bhāvais
durch aus Rajas und Tamas entstandene Zustände (Instr.Pl.)
tad apy āhur duranvayam
auch das nennen sie schwer zu verfolgen (3.Pl.Perf.; Akk.Sg.n.)
lipseta manasā yaś ca saṃkalpād aiśvaraṃ guṇam; ātmaprabhāvāt taṃ vidyāt sarvā hy ātmani devatāḥ
Wer mit dem Geist aus Vorstellung die herrscherliche Eigenschaft erlangen will, den soll man aus der Macht des Selbst erkennen; alle Gottheiten sind ja im Selbst.
Wort für Wort
lipseta manasā yaś ca
und wer zu erlangen wünscht mit dem Geist (Opt.3.Sg.Med.; Instr.Sg.)
saṃkalpād aiśvaraṃ guṇam
aus Vorstellung die herrscherliche Eigenschaft (Abl.Sg.; Akk.Sg.m.)
ātmaprabhāvāt taṃ vidyāt
aus der Macht des Selbst soll man ihn erkennen (Abl.Sg.; Opt.3.Sg.)
sarvā hy ātmani devatāḥ
alle Gottheiten [sind] ja im Selbst (Nom.Pl.f.; Lok.Sg.)
So [ist] der mit Askese Verbundene sonnengleich jenseits der Finsternis; der Verkörperte, Urstoff der drei Welten, [erlangt] durch Askese jenen großen Herrn.
Wort für Wort
evaṃ hi tapasā yuktam
so, mit Askese verbunden (Instr.Sg.; Part. Akk.Sg.m.)
arkavat tamasaḥ param
sonnengleich jenseits der Finsternis (Adv.; Abl.Sg.)
trailokyaprakṛtir dehī
der Verkörperte, Urgrund der drei Welten (Nom.Sg.)
tapo hy adhiṣṭhitaṃ devais tapoghnam asurais tamaḥ; etad devāsurair guptaṃ tad āhur jñānalakṣaṇam
Askese wird von den Göttern getragen; askesezerstörend ist von den Asuras die Finsternis. Dies, von Göttern und Asuras behütet, nennen sie das Kennzeichen des Wissens.
Wort für Wort
tapo hy adhiṣṭhitaṃ devaiḥ
Askese ist von den Göttern bewohnt/beherrscht (Nom.Sg.n.; Instr.Pl.)
tapoghnam asurais tamaḥ
askesevernichtend von den Asuras die Finsternis (Nom.Sg.n.; Instr.Pl.)
etad devāsurair guptam
dies, von Göttern und Asuras behütet (Part. Nom.Sg.n.)
tad āhur jñānalakṣaṇam
das nennen sie Kennzeichen des Wissens (3.Pl.Perf.; Akk.Sg.n.)
Sattva, Rajas und Tamas kennt man als Guṇas der Götter und Asuras; Sattva soll man als göttliche Eigenschaft erkennen, die beiden anderen als asurische Guṇas.
Wort für Wort
sattvaṃ rajas tamaś ceti
Sattva, Rajas und Tamas
devāsuraguṇān viduḥ
als Guṇas von Göttern und Asuras kennen sie (Akk.Pl.; 3.Pl.Perf.)
sattvaṃ devaguṇaṃ vidyāt
Sattva soll man als göttliche Eigenschaft erkennen (Opt.3.Sg.)
itarāv āsurau guṇau
die beiden anderen [sind] asurische Guṇas (Nom.Du.m.)
sattvaṃ manas tathā buddhir devā ity abhiśabditāḥ; tair eva hi vṛtas tasmāj jñātvaivaṃ paramaṃ * *; nidrāvikalpena satāṃ * * viśati lokavat; svastho bhavati gūḍhātmā kaluṣaiḥ parivarjitaḥ; niśādikā ye kathitā lokānāṃ kaluṣā matāḥ; tair hīnaṃ yat puraṃ śuddhaṃ bāhyābhyantaravartinam; sadānandamayaṃ nityaṃ bhūtvā tat param anviyāt; evam ākhyātam atyarthaṃ brahmacaryam akalmaṣam; sarvasaṃyogahīnaṃ tad viṣṇvākhyaṃ paramaṃ padam; acintyam adbhutaṃ loke jñānena parivartate
Sattva, Geist und Erkenntnis werden „Götter“ genannt; von ihnen ist er umgeben; daher, dies so erkannt habend, das Höchste * *. Durch die Vorstellung [?] vom Schlaf der Guten * * dringt er ein wie ein Weltlicher. Gesund/in sich ruhend wird er, das Selbst verborgen, von Trübungen frei. Was die Weltlichen als Trübungen ansehen, mit der Nacht beginnend, davon frei, ist die reine Stadt/Wohnstatt, die Äußeres und Inneres durchwaltet; stets aus Wonne bestehend, ewig geworden, soll er dem Höchsten nachgehen. So ist die makellose Keuschheit im höchsten Maße dargelegt; frei von aller Verbindung heißt sie Viṣṇus höchster Ort; unausdenkbar, wunderbar in der Welt, verwandelt sie sich durch Wissen.
Wort für Wort
sattvaṃ manas tathā buddhir devā ity abhiśabditāḥ
Sattva, Geist und Erkenntnis heißen „Götter“ (Nom.Pl.; Part.Pass.)
tair eva hi vṛtas tasmāj jñātvaivaṃ paramaṃ * *
von eben diesen umgeben; daher dies erkannt habend, das Höchste [Lücke]
nidrāvikalpena satāṃ * * viśati lokavat
durch Schlaf-Vorstellung/-Unterscheidung [?] der Guten [Lücke] tritt er ein wie ein Weltlicher (Instr.; Gen.Pl.; 3.Sg.)
svastho bhavati gūḍhātmā kaluṣaiḥ parivarjitaḥ
in sich ruhend wird er, das Selbst verborgen, von Trübungen befreit
niśādikā ye kathitā lokānāṃ kaluṣā matāḥ
die mit der Nacht beginnenden, von den Weltlichen als Trübungen geltenden (Nom.Pl.)
tair hīnaṃ yat puraṃ śuddhaṃ bāhyābhyantaravartinam
was, von jenen frei, die reine Stadt [ist], außen und innen weilend (Akk./Nom.Sg.n.)
sadānandamayaṃ nityaṃ bhūtvā tat param anviyāt
stets aus Wonne bestehend, ewig geworden, soll er dem Höchsten folgen (Abs.; Opt.3.Sg.)
so ist die makellose Keuschheit überaus dargelegt; frei von aller Verbindung, Viṣṇu genannt, der höchste Ort, unausdenkbar, wunderbar in der Welt, wandelt sich durch Wissen (3.Sg.Med.)
Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert). Zusatzpassage mit Lücken (* *) und teils verderbtem Text; mehrere Stellen (nidrāvikalpena, puram, parivartate) unsicher.
brahma tat paramaṃ vedyam amṛtaṃ jyotir akṣaram; ye vidur bhāvitātmānas te yānti paramāṃ gatim
Jenes höchste Brahman ist zu erkennen, das Unsterbliche, das Licht, das Unvergängliche; die, die es kennen, mit geläutertem Selbst, gehen zum höchsten Ziel.
Wort für Wort
brahma tat paramaṃ vedyam
jenes höchste Brahman ist zu erkennen (Nom.Sg.n.; Gerundiv)
amṛtaṃ jyotir akṣaram
das Unsterbliche, Licht, Unvergängliche (Nom.Sg.n.)
ye vidur bhāvitātmānaḥ
die es kennen, geläuterten Selbstes (3.Pl.Perf.; Nom.Pl.)
te yānti paramāṃ gatim
die gehen zum höchsten Ziel (3.Pl.Präs.; Akk.Sg.f.)
Mit Begründung kann so weit dargelegt werden, für das Auge des Wissens; oder durch das Zurückziehen der Sinne (pratyāhāra) kann das unoffenbare Brahman erkannt werden.
Wort für Wort
hetumac chakyam ākhyātum
mit Grund ist es möglich darzulegen (Adj.; Inf.)
etāvaj jñānacakṣuṣā
so weit, mit dem Wissensauge (Adv.; Instr.Sg.)
pratyāhāreṇa vā śakyam
oder durch Sinnenrückzug ist möglich (Instr.Sg.)
avyaktaṃ brahma veditum
das unoffenbare Brahman zu erkennen (Akk.Sg.n.; Inf.)