Kapitel 341: brāhmaṇasya dharmavicāraḥ
Ein zweifelnder Brahmane sinnt über den rechten Dharma nach
Bhīṣma erzählt Yudhiṣṭhira eine Rahmengeschichte: Ein frommer Brahmane am Ufer der Gaṅgā grübelt, welcher der drei Erscheinungsformen des Dharma (Veda, Lehrschriften, Brauch der Guten) er folgen soll, und kann zu keiner Gewissheit kommen. Da trifft ein Gast bei ihm ein, den er ehrenvoll aufnimmt und anspricht - die Erzählung leitet offenbar eine folgende Lehrunterweisung ein.
Bhīṣma sprach: Es gab, so heißt es, oh Bester der Kurus, in Mahāpadma, der besten der Städte, am südlichen Ufer der Gaṅgā, einen gewissen Brahmanen von gesammeltem Geist.
Wort für Wort
bhīṣma uvāca
Bhīṣma sprach (Nom./3.Sg.Perf.)
āsīt kila
es war, so heißt es (3.Sg.Impf. + Partikel)
kuruśreṣṭha
oh Bester der Kurus (Vok.)
mahāpadme purottame
in Mahāpadma, der besten Stadt (Lok.)
gaṅgāyā dakṣiṇe tīre
am südlichen Ufer der Gaṅgā (Gen./Lok.)
kaś cid vipraḥ
irgendein Brahmane (Nom.)
samāhitaḥ
gesammelten Geistes, andächtig (Nom. Adj.)
Mahāpadma wird hier als Name einer Stadt verstanden (daher „purottama“, die beste Stadt); der Name könnte auch auf einen dortigen See oder Teich verweisen, doch legt der Kontext eine Stadt nahe.
saumyaḥ somānvaye vede gatādhvā chinnasaṃśayaḥ; dharmanityo jitakrodho nityatṛpto jitendriyaḥ
Sanftmütig, aus der Familie des Soma stammend, im Veda bewandert, frei von Zweifeln, dem Dharma beständig ergeben, den Zorn bezwungen, stets zufrieden, die Sinne bezwungen.
Wort für Wort
saumyaḥ
sanftmütig, mild (Nom. Adj.)
somānvaye
in der Familie/Linie des Soma (Lok.)
vede gatādhvā
der den Weg im Veda durchschritten hat, vederfahren (Nom. Bahuvrīhi)
chinnasaṃśayaḥ
dessen Zweifel geschwunden waren (Nom. Bahuvrīhi)
dharmanityaḥ
beständig im Dharma (Nom. Bahuvrīhi)
jitakrodhaḥ
der den Zorn besiegt hatte (Nom. Bahuvrīhi)
nityatṛptaḥ
stets zufrieden (Nom. Bahuvrīhi)
jitendriyaḥ
der die Sinne bezwungen hatte (Nom. Bahuvrīhi)
somānvaye: unklar, ob eine Abstammung von Soma (dem Mondgott) oder die Zugehörigkeit zu einer auf Soma-Opfer spezialisierten Priesterfamilie gemeint ist; hier neutral als Familienzugehörigkeit wiedergegeben.
Stets der Gewaltlosigkeit ergeben, wahrhaftig, von den Rechtschaffenen geachtet, ausgestattet mit rechtmäßig erworbenem Vermögen und eigenem [gutem] Charakter.
Wort für Wort
ahiṃsānirataḥ nityaṃ
stets der Gewaltlosigkeit zugetan (Nom. Bahuvrīhi/Adv.)
Er, der viele Söhne gesehen hatte, beständig in umfangreichem [rituellem] Wirken, dem Familien-Dharma zugewandt, oh König, wurde ganz der Ausübung des Dharma hingegeben.
Wort für Wort
sa putrān bahulān dṛṣṭvā
er, nachdem er zahlreiche Söhne gesehen hatte (Nom./Akk./Ger.)
vipule karmaṇi sthitaḥ
beständig in umfangreichem Wirken (Lok./Nom. Part.)
tataḥ sa dharmaṃ vedoktaṃ yathāśāstroktam eva ca; śiṣṭācīrṇaṃ ca dharmaṃ ca trividhaṃ cintya cetasā
Darauf bedachte er im Geiste den dreifachen Dharma: den im Veda verkündeten, ebenso den wie in den Lehrschriften verkündeten, und den von den Rechtschaffenen geübten.
Wort für Wort
tataḥ sa
darauf er (Adv./Nom.)
dharmaṃ vedoktaṃ
den im Veda verkündeten Dharma (Akk.)
yathāśāstroktam eva ca
und ebenso den wie in den Lehrschriften verkündeten (Akk./Adv.)
śiṣṭācīrṇaṃ ca dharmaṃ ca
und den von den Rechtschaffenen geübten Dharma (Akk.)
kiṃ nu me syāc chubhaṃ kṛtvā kiṃ kṣamaṃ kiṃ parāyaṇam; ity evaṃ khidyate nityaṃ na ca yāti viniścayam
„Was nur wäre mir zum Heil, was angemessen, was das letzte Ziel?“ – so quälte er sich beständig und kam doch zu keiner Gewissheit.
Wort für Wort
kiṃ nu me syāt śubhaṃ
was könnte mir wohl heilsam sein (3.Sg.Opt./Dat.)
kṛtvā
getan habend, [durch welches Tun] (Ger., elliptisch)
kiṃ kṣamaṃ
was ist angemessen (Nom.)
kiṃ parāyaṇam
was ist das letzte Ziel (Nom.)
ity evaṃ khidyate nityaṃ
so quälte er sich beständig (3.Sg.Präs.Med./Adv.)
na ca yāti viniścayam
und kam nicht zu einer Entscheidung (3.Sg.Präs./Akk.)
kṛtvā ist elliptisch gebraucht (etwa „was tuend“, mit zu ergänzendem kim); die Wendung drückt die Frage aus, welche Handlungsweise ihm zum Heil gereichen würde.
Er erwies ihm die gebührende Ehrung, mit einer den [heiligen] Handlungen entsprechenden Vorgehensweise, und zu ihm, der sich ausgeruht hatte und [nun] saß, sprach er dieses Wort:
Wort für Wort
sa tasmai satkriyāṃ cakre
er erwies ihm gebührende Ehrung (Nom./Dat./Akk./3.Sg.Perf.)
kriyāyuktena hetunā
aus einem den [heiligen] Handlungen entsprechenden Grund (Instr.)
viśrāntaṃ cainam
und zu ihm, der sich ausgeruht hatte (Akk. Part./Pron.)