Kapitel 78: kekayarājarākṣasasaṃvāda
Der Kekaya-König und der Rākṣasa: Warum Könige Brahmanen schützen
Bhīṣma erläutert Yudhiṣṭhira, dass der König für die Vergehen der Brahmanen seines Reiches mitverantwortlich ist, und erzählt dazu die alte Geschichte vom Kekaya-König, der von einem Rākṣasa gepackt, durch die Rechtschaffenheit seines Reiches freikommt.
yudhiṣṭhira uvāca; keṣāṃ rājā prabhavati vittasya bharatarṣabha; kayā ca vṛttyā varteta tan me brūhi pitāmaha
Yudhiṣṭhira sprach: „Über wessen Vermögen gebietet der König, du Stier unter den Bharatas? Und auf welche Weise soll er sich verhalten? Das sage mir, Großvater.“
Wort für Wort
yudhiṣṭhira uvāca
Yudhiṣṭhira sprach (Perf.3.Sg.)
keṣāṃ rājā prabhavati vittasya
über wessen (Gen.Pl.) der König gebietet (3.Sg.Präs.), über das Vermögen (Gen.Sg.)
bharatarṣabha
Stier unter den Bharatas (Vok.)
kayā ca vṛttyā varteta
und mit welchem Verhalten (Instr.Sg.) er sich verhalten soll (3.Sg.Opt.Med.)
tan me brūhi pitāmaha
das (Akk.) mir (Dat./Gen.) sage (Imp.2.Sg.), Großvater (Vok.)
bhīṣma uvāca; abrāhmaṇānāṃ vittasya svāmī rājeti vaidikam; brāhmaṇānāṃ ca ye ke cid vikarmasthā bhavanty uta
Bhīṣma sprach: „Der Herr über das Vermögen der Nicht-Brahmanen ist der König, so lautet die vedische Regel; [ebenso über das] der Brahmanen, die irgendwie zu verbotenem Tun abgeglitten sind.“
Wort für Wort
bhīṣma uvāca
Bhīṣma sprach (Perf.3.Sg.)
abrāhmaṇānāṃ vittasya svāmī
der Nicht-Brahmanen (Gen.Pl.) des Vermögens (Gen.Sg.) Herr (Nom.Sg.)
rājā iti vaidikam
der König (Nom.Sg.), so (Partikel), vedisch [= vedische Lehre] (Nom.Sg.n.)
brāhmaṇānāṃ ca ye ke cid
und der Brahmanen (Gen.Pl.), welche auch immer (Nom.Pl.)
vikarmasthā bhavanty uta
im Unrechttun stehend (Nom.Pl.), sind (3.Pl.Präs.), fürwahr/oder
Der Satz ist elliptisch; 'vittasya svāmī' wird für die zweite Hälfte ergänzt.
Doch Brahmanen, die verbotenem Tun ergeben sind, darf der König keinesfalls übergehen; so sprechen die Guten von dem, was Könige seit alters getan haben.
Wort für Wort
vikarmasthāś ca nopekṣyā
und die im Unrechttun Stehenden (Nom.Pl.), nicht zu übergehen (Gerundiv Nom.Pl.)
viprā rājñā kathaṃ cana
Brahmanen (Nom.Pl.), vom König (Instr.Sg.), auf keine Weise
iti rājñāṃ purāvṛttam
so (Partikel), der Könige (Gen.Pl.) früheres Verhalten (Akk.Sg.)
Hierzu erzählt man auch diese alte Geschichte, die vom König der Kekaya gesungen wurde, als er von einem Rākṣasa fortgeschleppt wurde.
Wort für Wort
atra api udāharanti imam
hierzu auch, führen an (3.Pl.Präs.), diese (Akk.Sg.)
itihāsaṃ purātanam
Geschichte (Akk.Sg.), alte (Akk.Sg.)
gītaṃ kekayarājena
gesungen/verkündet (Part.Pass.Nom.Sg.n.), vom Kekaya-König (Instr.Sg.)
hriyamāṇena rakṣasā
der fortgetragen wurde (Part.Pass.Präs.Instr.Sg.), von einem Rākṣasa (Instr.Sg.)
Konstruktion: hriyamāṇena rakṣasā ist als 'von einem Rākṣasa fortgetragen werdend' auf den König zu beziehen (Instr. statt Nom.); Text evtl. unregelmäßig. [?]
rājovāca; na me steno janapade na kadaryo na madyapaḥ; nānāhitāgnir nāyajvā māmakāntaram āviśaḥ
Der König sprach: „In meinem Land gibt es keinen Dieb, keinen Geizigen, keinen Trinker, keinen ohne Weihefeuer, keinen ohne Opfer; so dringe [nur] in mein Inneres ein, [wenn du es wagst]!“
Wort für Wort
rājā uvāca
der König sprach (Perf.3.Sg.)
na me steno janapade
nicht [ist] mir (Gen.), ein Dieb (Nom.Sg.), im Land (Lok.Sg.)
na kadaryo na madyapaḥ
kein Geizhals (Nom.Sg.), kein Weintrinker (Nom.Sg.)
na anāhitāgnir na ayajvā
kein Nicht-Feuerbegründer (Nom.Sg.), kein Nicht-Opferer (Nom.Sg.)
māmakāntaram āviśaḥ
in mein Inneres/meine Nähe (Akk.Sg.) dringst du ein (Aor./Impf.2.Sg. āviś-)
Der Refrain 'māmakāntaram āviśaḥ' ist syntaktisch schwierig (Form 'āviśaḥ' als 2.Sg. Injunktiv/Impf.); Wiedergabe als Herausforderung an den Rākṣasa unsicher. [?]
na ca me brāhmaṇo 'vidvān nāvratī nāpy asomapaḥ; nānāhitāgnir viṣaye māmakāntaram āviśaḥ
„Auch ist mir kein Brahmane unwissend, keiner ohne Gelübde, keiner ohne Somatrinken, keiner ohne Weihefeuer in meinem Reich; so dringe in mein Inneres ein!“
Wort für Wort
na ca me brāhmaṇo avidvān
und nicht [ist] mir ein Brahmane (Nom.Sg.) unwissend (Nom.Sg.)
na avratī na api asomapaḥ
nicht gelübdelos (Nom.Sg.), auch nicht ohne Somatrank (Nom.Sg.)
na anāhitāgnir viṣaye
nicht ohne Feuerweihe (Nom.Sg.), im Reich (Lok.Sg.)
„In meinem Reich opfert niemand mit Opfern, für die keine Opferlohn-Gaben gegeben wurden; keiner, der ohne Gelübde ist, studiert [die Veden]; so dringe in mein Inneres ein!“
Wort für Wort
na anāptadakṣiṇair yajñair
nicht mit nicht erlangten/entrichteten Opfergaben (Instr.Pl.), durch Opfer (Instr.Pl.)
yajante viṣaye mama
sie opfern (3.Pl.Präs.Med.), im Reich (Lok.Sg.), mein (Gen.)
adhīte na avratī kaś cin
er studiert (3.Sg.Präs.Med.), kein Gelübdeloser (Nom.Sg.), irgendeiner
māmakāntaram āviśaḥ
in mein Inneres (Akk.Sg.) dringst du ein (2.Sg.)
'anāptadakṣiṇa' als 'ohne erlangte (= entrichtete) Dakṣiṇā' gedeutet.
pūjitāḥ saṃvibhaktāś ca mṛdavaḥ satyavādinaḥ; brāhmaṇā me svakarmasthā māmakāntaram āviśaḥ
„Geehrt, mit [Gaben] bedacht, sanft und wahrhaftig sind die Brahmanen, die in ihrem eigenen Werk stehen, in meinem Reich; so dringe in mein Inneres ein!“
Wort für Wort
pūjitāḥ saṃvibhaktāś ca
geehrt (Nom.Pl.), und mit Anteilen bedacht (Nom.Pl.)
mṛdavaḥ satyavādinaḥ
sanft (Nom.Pl.), wahrhaft redend (Nom.Pl.)
brāhmaṇā me svakarmasthā
Brahmanen (Nom.Pl.), mir/meine, im eigenen Werk stehend (Nom.Pl.)
na yācante prayacchanti satyadharmaviśāradāḥ; nādhyāpayanty adhīyante yajante na ca yājakāḥ
Sie bitten nicht [um Gaben], sie geben [nur], sie sind kundig der Wahrheit und des Rechts; sie lehren nicht [und] studieren, sie opfern, doch sind keine Opferpriester für andere.
Wort für Wort
na yācante prayacchanti
sie bitten nicht (3.Pl.Med.), sie geben (3.Pl.)
satyadharmaviśāradāḥ
kundig in Wahrheit und Recht (Nom.Pl.)
na adhyāpayanty adhīyante
sie lehren nicht (3.Pl.), sie studieren (3.Pl.Med.)
yajante na ca yājakāḥ
sie opfern (3.Pl.Med.), und nicht Opferleiter (Nom.Pl.)
Der Vers steht offenbar in Zusammenhang mit der Gruppe der Brahmanen von Vers 12; die Aussage 'sie lehren nicht ... ' meint wohl das Verhalten bestimmter Brahmanen-Gruppen. [?]
brāhmaṇān parirakṣanti saṃgrāmeṣv apalāyinaḥ; kṣatriyā me svakarmasthā māmakāntaram āviśaḥ
Sie beschützen die Brahmanen, weichen in Schlachten nicht zurück: [solche] Kṣatriyas, die im eigenen Werk stehen, sind in meinem Reich; so dringe in mein Inneres ein!
Wort für Wort
brāhmaṇān parirakṣanti
Brahmanen (Akk.Pl.), sie schützen (3.Pl.)
saṃgrāmeṣv apalāyinaḥ
in Schlachten (Lok.Pl.), nicht fliehend (Nom.Pl.)
kṣatriyā me svakarmasthā
Kṣatriyas (Nom.Pl.), meine, im eigenen Werk stehend (Nom.Pl.)
saṃvibhāgaṃ damaṃ śaucaṃ sauhṛdaṃ ca vyapāśritāḥ; mama vaiśyāḥ svakarmasthā māmakāntaram āviśaḥ
Auf das Teilen, die Selbstbeherrschung, die Reinheit und die Freundschaft stützen sie sich: [solche] Vaiśyas, die im eigenen Werk stehen, sind bei mir; so dringe in mein Inneres ein!
trīn varṇān anutiṣṭhanti yathāvad anasūyakāḥ; mama śūdrāḥ svakarmasthā māmakāntaram āviśaḥ
Den drei Ständen dienen sie, wie es sich gehört, ohne Missgunst: [solche] Śūdras, die im eigenen Werk stehen, sind bei mir; so dringe in mein Inneres ein!
Wort für Wort
trīn varṇān anutiṣṭhanti
die drei (Akk.Pl.) Stände (Akk.Pl.), sie folgen/dienen (3.Pl.)
yathāvad anasūyakāḥ
gebührend (Adv.), nicht missgünstig (Nom.Pl.)
mama śūdrāḥ svakarmasthā
meine, Śūdras (Nom.Pl.), im eigenen Werk stehend (Nom.Pl.)
„Den Elenden, Schutzlosen und Alten, den Schwachen, Kranken und Frauen bin ich allen eine Teilende [= gebe ich ihren Anteil]; so dringe in mein Inneres ein!“
Wort für Wort
kṛpaṇānāthavṛddhānāṃ
der Elenden, Schutzlosen und Alten (Gen.Pl.)
durbalāturayoṣitām
der Schwachen, Kranken und Frauen (Gen.Pl.)
saṃvibhaktā asmi sarveṣāṃ
ein Teilender/Versorger (Nom.Sg.) bin ich (1.Sg.), aller (Gen.Pl.)
māmakāntaram āviśaḥ
in mein Inneres (Akk.Sg.) dringst du ein (2.Sg.)
'saṃvibhaktā asmi' hier wohl als 'saṃvibhaktāsmi' = 'ich bin Verteiler'; die grammatische Form ist überliefert unregelmäßig (Fem.?). [?]
„Der allgemein bekannten Rechtsordnungen der Familien, Landschaften und dergleichen bin ich, wie es vorgeschrieben ist, bei allen der Nichtunterbrecher [= ich lasse sie nicht abreißen]; so dringe in mein Inneres ein!“
Wort für Wort
kuladeśādidharmāṇāṃ
der Rechtsbräuche von Familie, Land usw. (Gen.Pl.)
prathitānāṃ yathāvidhi
der bekannten (Gen.Pl.), vorschriftsgemäß
avyucchettā asmi sarveṣāṃ
Nichtabbrecher (Nom.Sg.) bin ich (1.Sg.), aller (Gen.Pl.)
nāsaṃvibhajya bhoktāsmi na viśāmi parastriyam; svatantro jātu na krīḍe māmakāntaram āviśaḥ
„Ich esse nicht, ohne [anderen] zu teilen, ich gehe nicht zur Frau eines anderen, ich vergnüge mich nie nach Belieben [ohne Bindung]; so dringe in mein Inneres ein!“
Wort für Wort
na asaṃvibhajya bhoktā asmi
nicht ohne zu teilen (Gerundium), ein Essender (Nom.Sg.) bin ich
na viśāmi parastriyam
nicht gehe ich ein zu (1.Sg.), die Frau eines anderen (Akk.Sg.)
svatantro jātu na krīḍe
unabhängig/nach eigenem Willen (Nom.Sg.), je, nicht spiele ich (1.Sg.Med.)
„Kein Nicht-Keuscher [erlangt] Bettelspeise, und kein Bettelmönch ist unkeusch; ein Opfer ohne Opferpriester gibt es nicht; so dringe in mein Inneres ein!“
Wort für Wort
na abrahmacārī bhikṣāvān
kein Nicht-Brahmacārin (Nom.Sg.), mit Almosen [versehen] (Nom.Sg.)
bhikṣur vā abrahmacārikaḥ
oder ein Bettler (Nom.Sg.), unkeusch (Nom.Sg.)
anṛtvijaṃ hutaṃ na asti
ohne Ṛtvij (Akk./Nom.n.) das Opfer (Nom.n.), nicht ist (3.Sg.)
māmakāntaram āviśaḥ
in mein Inneres (Akk.Sg.) dringst du ein (2.Sg.)
Der erste Pāda ist elliptisch und mehrdeutig; Wiedergabe ist unsicher. [?]
„Alles Königtum habe ich geführt, wie es einem Herrscher zukommt; ich bin nie von der Wahrheit abgewichen; so wagst du dich nicht in mein Inneres!“
Wort für Wort
kṛtaṃ rājyaṃ mayā sarvaṃ
getan/geführt (Part.Pass.Nom.n.), Königtum (Nom.n.), von mir (Instr.), alles
rājyasthena api kāryavat
vom im Reich Stehenden (Instr.Sg.), auch, zweckmäßig (Adv.)
na aham vyutkrāmitaḥ satyān
nicht ich (Nom.), abgewichen (Part.Pass.Nom.Sg.), von der Wahrheit (Abl.Pl.)
māmakāntaram ābibhaḥ
in mein Inneres (Akk.Sg.) fürchtest du dich (Perf./Impf.2.Sg. bhī) [?]
Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert). Zusatzpassage; der Refrain lautet hier 'ābibhaḥ' statt 'āviśaḥ' (Lesart unsicher, vielleicht verderbt). [?]
śuklakarmāsmi sarvatra na durgatibhayaṃ mama; dharmacārī gṛhasthaś ca māmakāntaram ābibhaḥ
„Rein ist mein Tun überall, ich habe keine Furcht vor schlechtem Los; als Rechtswandelnder und Hausherr [lebe ich]; so fürchtest du dich vor meinem Inneren.“
Wort für Wort
śuklakarmā asmi sarvatra
von reinem Tun (Nom.Sg.) bin ich (1.Sg.), überall
na durgatibhayaṃ mama
nicht Furcht vor schlimmem Ausgang (Nom.Sg.n.), mir
dharmacārī gṛhasthaś ca
Rechtswandler (Nom.Sg.), und Hausvater (Nom.Sg.)
māmakāntaram ābibhaḥ
in mein Inneres fürchtest du dich (2.Sg.) [?]
Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert). Zusatzpassage; Refrain wie in Einheit 23 unsicher. [?]
vedādhyayanasaṃpannas tapasvī sarvadharmavit; svāmī sarvasya rājyasya śrīmān mama purohitaḥ
[Mein] Hauspriester ist mit dem Studium des Veda ausgestattet, ein Asket, kundig alles Rechts, Herr über das ganze Reich [in geistlichen Dingen] und glanzvoll.
Wort für Wort
vedādhyayanasaṃpannas
mit Vedastudium ausgestattet (Nom.Sg.)
tapasvī sarvadharmavit
Asket (Nom.Sg.), alles Recht kennend (Nom.Sg.)
svāmī sarvasya rājyasya
Herr (Nom.Sg.), des ganzen (Gen.Sg.) Reiches (Gen.Sg.)
dānena divyān abhivāñchāmi lokān; satyenātho brāhmaṇānāṃ ca guptyā; śuśrūṣayā cāpi gurūn upaimi; na me bhayaṃ vidyate rākṣasebhyaḥ
„Durch Gaben erstrebe ich die himmlischen Welten, durch Wahrheit und durch den Schutz der Brahmanen; durch Dienst gehe ich die Lehrer an; ich habe keine Furcht vor Rākṣasas.“
Wort für Wort
dānena divyān abhivāñchāmi lokān
durch Geben (Instr.), himmlische (Akk.Pl.), ich erstrebe (1.Sg.), Welten (Akk.Pl.)
satyena atho brāhmaṇānāṃ ca guptyā
durch Wahrheit (Instr.), sodann, der Brahmanen (Gen.Pl.), und durch Schutz (Instr.Sg.)
śuśrūṣayā ca api gurūn upaimi
durch Dienstbereitschaft (Instr.), auch, Lehrer (Akk.Pl.), ich nahe mich (1.Sg.)
na me bhayaṃ vidyate rākṣasebhyaḥ
nicht mir Furcht (Nom.), ist vorhanden (3.Sg.Pass.), vor Rākṣasas (Abl.Pl.)
na me rāṣṭre vidhavā brahmabandhur; na brāhmaṇaḥ kṛpaṇo nota coraḥ; na pārajāyī na ca pāpakarmā; na me bhayaṃ vidyate rākṣasebhyaḥ
„In meinem Reich gibt es keine Witwe, keinen [nur dem Namen nach] Brahmanen, keinen elenden Brahmanen und keinen Dieb, keinen Ehebrecher, keinen Übeltäter; ich habe keine Furcht vor Rākṣasas.“
Wort für Wort
na me rāṣṭre vidhavā
nicht in meinem Reich (Lok.), Witwe (Nom.Sg.) [ohne Versorgung]
brahmabandhur na brāhmaṇaḥ kṛpaṇo
Brahmanenverwandter/Unwürdiger (Nom.Sg.), nicht Brahmane, elend (Nom.Sg.)
na uta coraḥ na pārajāyī
noch auch Dieb (Nom.Sg.), nicht Ehebrecher (Nom.Sg.)
na ca pāpakarmā
und nicht Übeltäter (Nom.Sg.)
na me bhayaṃ vidyate rākṣasebhyaḥ
nicht mir Furcht ist vorhanden vor Rākṣasas (Abl.Pl.)
'vidhavā' und 'brahmabandhu' hier als Fälle von Elend/Unwürdigkeit gedeutet; genaue Absicht unsicher. [?]
na me śastrair anirbhinnam aṅge dvyaṅgulam antaram; dharmārthaṃ yudhyamānasya māmakāntaram āviśaḥ
„Kein zwei Finger breiter Zwischenraum an meinem Körper war von Waffen unverwundet, als ich für das Recht und den Nutzen kämpfte; so dringe in mein Inneres ein!“
Wort für Wort
na me śastrair anirbhinnam
nicht mir, von Waffen (Instr.Pl.), unverletzt (Nom.n.)
aṅge dvyaṅgulam antaram
am Körper (Lok.Sg.), zwei Finger breit (Nom.n.), Zwischenraum (Nom.n.)
dharmārthaṃ yudhyamānasya
um des Rechts willen (Adv.), des Kämpfenden (Gen.Sg.)
rākṣasa uvāca; nārīṇāṃ vyabhicārāc ca anyāyāc ca mahīkṣitām; viprāṇāṃ karmadoṣāc ca prajānāṃ jāyate bhayam; avṛṣṭir mārako rogaḥ satataṃ kṣudbhayāni ca; vigrahaś ca sadā tasmin deśe bhavati dāruṇaḥ; yakṣarakṣaḥpiśācebhyo nāsurebhyaḥ kathaṃ cana; bhayam utpadyate tatra yatra viprāḥ susaṃyatāḥ; gandharvāpsarasaḥsiddhāḥ pannagāś ca sarīsṛpāḥ; mānavān na jighāṃsanti yatra nāryaḥ pativratāḥ; brāhmaṇāḥ kṣatriyā vaiśyā yatra śūdrāś ca dhārmikāḥ; nānāvṛṣṭibhayaṃ tatra na durbhikṣaṃ na vibhramaḥ; dhārmiko yatra bhūpālo na tatrāsti parābhavaḥ; utpātā na ca dṛśyante na divyā na ca mānuṣāḥ
Der Rākṣasa sprach: „Aus dem Ehebruch der Frauen, aus dem Unrecht der Könige und aus dem Fehltun der Brahmanen entsteht den Untertanen Furcht: Dürre, tödliche Seuche, ständig Hungersnot und Furcht; und Streit herrscht immer furchtbar in jenem Land. Vor Yakṣas, Rākṣasas, Piśācas und keinesfalls vor Asuras entsteht dort Furcht, wo Brahmanen wohlbeherrscht sind. Gandharvas, Apsaras, Siddhas, Schlangen und Kriechtiere wollen die Menschen nicht töten, wo die Frauen ihren Gatten treu sind. Wo Brahmanen, Kṣatriyas, Vaiśyas und Śūdras rechtschaffen sind, dort gibt es keine Furcht vor mancherlei Dürre, keine Hungersnot, keine Verwirrung. Wo ein rechtschaffener Erdenhüter herrscht, dort gibt es keine Niederlage; Unheilszeichen sieht man nicht, weder himmlische noch menschliche.“
Wort für Wort
rākṣasa uvāca
der Rākṣasa sprach (Perf.3.Sg.)
nārīṇāṃ vyabhicārāc ca anyāyāc ca mahīkṣitām
aus dem Fehltritt der Frauen (Abl.), und aus Unrecht (Abl.) der Könige (Gen.Pl.)
viprāṇāṃ karmadoṣāc ca prajānāṃ jāyate bhayam
der Brahmanen Fehltat (Abl.), der Untertanen (Gen.) entsteht (3.Sg.) Furcht (Nom.)
vor Yakṣas, Rākṣasas, Piśācas (Abl.Pl.), nicht vor Asuras (Abl.Pl.), auf keine Weise
gandharvāpsarasaḥsiddhāḥ pannagāś ca sarīsṛpāḥ mānavān na jighāṃsanti
Gandharvas, Apsaras, Siddhas, Schlangen, Kriechtiere (Nom.Pl.), Menschen (Akk.Pl.), sie wollen nicht töten (3.Pl.Desid.)
brāhmaṇāḥ kṣatriyā vaiśyā yatra śūdrāś ca dhārmikāḥ
wo Brahmanen, Kṣatriyas, Vaiśyas und Śūdras rechtschaffen (Nom.Pl.) sind
dhārmiko yatra bhūpālo na tatra asti parābhavaḥ
wo ein gerechter König (Nom.Sg.), dort nicht ist Niederlage (Nom.Sg.)
Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert). Zusatzpassage; die Aussagen zu den Asuras (nāsurebhyaḥ) sind syntaktisch knapp und das Metrum stellenweise unregelmäßig. [?]
yeṣāṃ purogamā viprā yeṣāṃ brahmabalaṃ balam; priyātithyās tathā dārās te vai svargajito narāḥ
„Deren Vorangehende [= Anführer] Brahmanen sind, deren Kraft die Kraft des Brahman ist, die Gäste lieben und ihre Frauen [achten]: diese Männer erobern den Himmel.“
Wort für Wort
yeṣāṃ purogamā viprā
deren (Gen.Pl.), Vorangehende (Nom.Pl.), Brahmanen (Nom.Pl.)
yeṣāṃ brahmabalaṃ balam
deren (Gen.Pl.), Brahmanenkraft (Nom.n.), Kraft (Nom.n.)
bhīṣma uvāca; tasmād dvijātīn rakṣeta te hi rakṣanti rakṣitāḥ; āśīr eṣāṃ bhaved rājñāṃ rāṣṭraṃ samyak pravardhate
Bhīṣma sprach: „Darum soll [der König] die Zweimalgeborenen schützen; denn sie schützen, wenn sie geschützt sind. Ihr Segenswunsch gilt den Königen, [und] das Reich gedeiht recht.“
Wort für Wort
bhīṣma uvāca
Bhīṣma sprach (Perf.3.Sg.)
tasmād dvijātīn rakṣeta
darum, die Zweimalgeborenen (Akk.Pl.), er soll schützen (3.Sg.Opt.)
te hi rakṣanti rakṣitāḥ
sie nämlich schützen (3.Pl.), geschützt (Nom.Pl.)
āśīr eṣāṃ bhaved rājñāṃ
Segenswunsch (Nom.), ihr (Gen.Pl.), möge sein (3.Sg.Opt.), der Könige (Gen.Pl.)
tasmād rājñā viśeṣeṇa vikarmasthā dvijātayaḥ; niyamyāḥ saṃvibhajyāś ca prajānugrahakāraṇāt
Darum sollen vom König die Zweimalgeborenen, die verbotenem Tun ergeben sind, besonders gezügelt und [zugleich] mit Anteilen versorgt werden, um der Förderung der Untertanen willen.
Wort für Wort
tasmād rājñā viśeṣeṇa
darum, vom König (Instr.Sg.), besonders (Instr.Adv.)
vikarmasthā dvijātayaḥ
im Unrechttun Stehende (Nom.Pl.), Zweimalgeborene (Nom.Pl.)
niyamyāś ca saṃvibhajyāś ca
zu zügeln (Gerundiv Nom.Pl.), und mit Anteilen zu versorgen (Gerundiv)
prajānugrahakāraṇāt
aus dem Grund der Gunsterweisung an die Untertanen (Abl.Sg.)
ya evaṃ vartate rājā paurajānapadeṣv iha; anubhūyeha bhadrāṇi prāpnotīndrasalokatām
Der König, der sich so unter den Stadt- und Landbewohnern hier verhält, erfährt hier Glück und erlangt [danach] die Gemeinschaft mit Indra [= dessen Welt].
Wort für Wort
ya evaṃ vartate rājā
der (Nom.Sg.), so (Adv.), sich verhält (3.Sg.Präs.Med.), König (Nom.Sg.)