Kapitel 148: śaunakopadeśaḥ pāpaśuddhiś ca
Śaunakas Belehrung des Janamejaya über Reinigung von Schuld durch Buße und Tugend
Śaunaka (Indrota) unterweist König Janamejaya, der sich zum Dharma gewandt hat, über Reinigungsmittel, heilige Orte und Sühne der Sünde; abschließend führt er für ihn das Rossopfer durch.
śaunaka uvāca; tasmāt te 'haṃ pravakṣyāmi dharmam āvṛttacetase; śrīmān mahābalas tuṣṭo yas tvaṃ dharmam avekṣase; purastād dāruṇo bhūtvā sucitrataram eva tat
Śaunaka sprach: „Darum will ich dir, der du den Sinn [dem Dharma] zugewandt hast, den Dharma verkünden. Du, glanzvoll, sehr mächtig und zufrieden, der du auf den Dharma blickst – dass du zuvor grausam warst und [dich] dann [so wandelst], ist umso wunderbarer.“
Wort für Wort
śaunaka uvāca
Śaunaka sprach (Perf.)
tasmāt te 'haṃ pravakṣyāmi
darum werde ich dir verkünden (Abl./Dat./1.Sg.Fut.)
dharmam āvṛttacetase
den Dharma dem, dessen Sinn sich gewendet hat (Akk./Dat.)
„Die Wesen erweisen einander Gunst durch ihr eigenes Verhalten, o Fürst. Gewiss hält die Welt Gutes und Schlechtes zusammen für ganz [gegeben] [?] – da du, der du so [gewesen] bist, nun auf den Dharma blickst.“
Wort für Wort
anugṛhṇanti bhūtāni
Gunst erweisen die Wesen (3.Pl.Präs./Nom.Pl.)
svena vṛttena pārthiva
durch ihr eigenes Verhalten, o Fürst (Instr./Vok.)
kṛtsne nūnaṃ sadasatī
gewiss vollständig Gutes und Schlechtes (Nom./Akk.Du.)
hitvā suruciraṃ bhakṣyaṃ bhogāṃś ca tapa āsthitaḥ; ity etad api bhūtānām adbhutaṃ janamejaya
Nachdem du die überaus köstliche Speise und die Genüsse aufgegeben hast, hast du dich der Askese zugewandt. Auch dies ist unter den Wesen ein Wunder, Janamejaya.
Wort für Wort
hitvā suruciraṃ bhakṣyam
verlassen habend die sehr schöne Speise (Abs./Akk.)
yo durbalo bhaved dātā kṛpaṇo vā tapodhanaḥ; anāścaryaṃ tad ity āhur nātidūre hi vartate
Wenn einer schwach ist und [dennoch] gibt, oder arm und [dennoch] reich an Askese, so nennt man das nicht verwunderlich; denn [der Grund] liegt nicht sehr fern.
Der Sarasvatī und der Dṛṣadvatī dienend, sollst du umherwandern; der Vedarezitation ergeben, sollst du an allen [heiligen] Plätzen die rituelle Berührung [mit Wasser] vollziehen.
Den Verzicht als Dharma [unter] den Reinigungsmitteln nannte er die Entsagung als das Höchste. Auch hierzu trägt man diese von Satyavat gedichteten Strophen vor:
Wort für Wort
tyāgadharmam
den Verzichts-Dharma (Akk.)
pavitrāṇāṃ saṃnyāsaṃ param abravīt
unter den Reinigungsmitteln die Entsagung als höchste nannte er (Gen./3.Sg.Impf.)
atrāpy udāharanti
auch hierzu tragen sie vor (3.Pl.Präs.)
imā gāthāḥ satyavatā kṛtāḥ
diese Strophen, von Satyavat gemacht (Nom.Pl.f./Instr.)
So [gilt es] für die im Naturzustand Befindlichen, die mit allem in Berührung Gehenden, die zumeist das Leben aufgeben, wenn Verdienst und Sünde offen [daliegen] [?].
Wort für Wort
evaṃ prakṛtibhūtānām
so für die im Naturzustand Seienden (Gen.Pl.)
sarvasaṃsargayāyinām
die in Berührung mit allem Gehenden (Gen.Pl.)
tyajatāṃ jīvitaṃ prāyaḥ
die das Leben aufgeben, meistens (Part.Gen.Pl./Adv.)
yat tv eva rājño jyāyo vai kāryāṇāṃ tad vadāmi te; balena saṃvibhāgaiś ca jaya svargaṃ punīṣva ca
Was aber für einen König vor den [anderen] Aufgaben das Bedeutendere ist, das sage ich dir: Erobere durch Stärke und durch Teilen den Himmel und reinige dich.
Wort für Wort
yat tv eva rājño jyāyo vai kāryāṇām
was aber für den König das Größere unter den Aufgaben ist (Nom./Gen.Pl.)
Selbsterkenntnis [übe], o Wissender: Zürne nicht [mit dem Gedanken] „Ich bin kein Schläger [?]“. In deinen eigenen Aufgaben dich mühend, tu das höchste Heilsame.
Wort für Wort
ātmano darśanaṃ vidvan
Selbsterkenntnis, o Wissender (Akk./Vok.)
nāhantāsmīti mā krudhaḥ
„ich bin kein Schläger“ – nicht zürne (Nom./Prohib.Aor.)
ghaṭamānaḥ svakāryeṣu
dich bemühend in eigenen Aufgaben (Part./Lok.Pl.)
kuru naiḥśreyasaṃ param
tu das höchste Heilbringende (Imp./Akk.)
nāhantāsmīti ist mehrdeutig (etwa „ich bin kein Töter/Schläger“); Wiedergabe unsicher.
na niḥśeṣeṇa mantavyam acikitsyena vā punaḥ; na jātu nāham asmīti prasaktavyam asādhuṣu
Man soll nicht [alles] ohne Rest [als verloren] ansehen, auch nicht als unheilbar; und niemals soll man unter den Schlechten am „Ich bin es nicht“ haften [?].
Wer über eine üble Tat Reue empfindet, wird von einem Viertel der Sünde befreit; „Dies darf nicht wieder geschehen“ – [damit] wird er vom zweiten [Viertel] befreit; „Ich werde den Dharma üben“ – [damit] wird er vom dritten befreit.
Wort für Wort
vikarmaṇā tapyamānaḥ
durch üble Tat sich quälend (Part.Pass.)
pādāt pāpasya mucyate
von einem Viertel der Sünde wird er befreit (Abl./Pass.)
kalyāṇam anumantavyaṃ puruṣeṇa bubhūṣatā; ye sugandhīni sevante tathāgandhā bhavanti te; ye durgandhīni sevante tathāgandhā bhavanti te
Das Heilsame soll ein Mann, der gedeihen will, hochschätzen. Die, die Wohlriechendes pflegen, werden ebenso duftend; die, die Übelriechendes pflegen, werden ebenso riechend.
Wort für Wort
kalyāṇam anumantavyam
das Heilsame ist zu billigen (Gerundiv)
puruṣeṇa bubhūṣatā
von einem Mann, der gedeihen will (Instr.Part.Des.)
ye sugandhīni sevante
die Wohlriechendes pflegen (3.Pl.Med.)
tathāgandhā bhavanti te
ebenso duftend werden sie (3.Pl.)
ye durgandhīni sevante
die Übelriechendes pflegen
tathāgandhā bhavanti te
ebenso riechend werden sie
In Zeile c ist tathāgandhā der Vorlage entsprechend wiedergegeben (wörtliche Wiederholung).
Wer sich der Askese widmet, wird sogleich von der Sünde befreit; wer ein Jahr lang das Feuer verehrt, wird als Beschuldigter frei; wer drei Jahre das Feuer verehrt, wird als Tötender der Leibesfrucht [Brahmanenmörder?] völlig frei.
Wort für Wort
tapaścaryāparaḥ sadyaḥ
der Askese-Übung ergeben, sogleich (Nom./Adv.)
pāpād dhi parimucyate
von der Sünde wird er befreit (Abl./Pass.)
saṃvatsaram upāsyāgnim
ein Jahr lang das Feuer verehrt habend (Akk./Abs.)
abhiśastaḥ pramucyate
der Beschuldigte wird frei (Nom./Pass.)
trīṇi varṣāṇy upāsyāgnim
drei Jahre das Feuer verehrt habend
bhrūṇahā vipramucyate
der Leibesfrucht-Töter wird ganz frei (Nom./Pass.)
bhrūṇahan: „Tötender der Leibesfrucht“ (auch: Mörder eines gelehrten Brahmanen).
Wie viele Lebewesen einer seiner Art gemäß von Natur aus töten mag – wenn er die, die getötet werden, befreit, wird der Töter der Leibesfrucht völlig frei [?].
Wort für Wort
yāvataḥ prāṇino hanyāt
wie viele Lebewesen er töten mag (Akk.Pl./Pot.)
tajjātīyān svabhāvataḥ
solche von derselben Art, von Natur aus (Akk.Pl./Abl.)
Den Bṛhaspati, den Lehrer der Götter, [befragten] alle Götter und Asuras, nachdem sie zusammengekommen waren, o Herrscher: „Du kennst die Frucht beim Dharma, den man getan hat, großer Seher, und ebenso im anderen [Fall], in der Hölle, der Welt der Sünder.“
Wort für Wort
bṛhaspatiṃ devaguruṃ
Bṛhaspati, den Lehrer der Götter (Akk.)
surāsurāḥ sametya sarve
Götter und Asuras, alle zusammengekommen (Nom.Pl./Abs.)
nṛpate 'nvayuñjan
o König, befragten sie (Vok./3.Pl.Impf.)
dharme phalaṃ vettha kṛte maharṣe
beim getanen Dharma kennst du die Frucht, großer Seher (2.Sg.Perf./Lok./Vok.)
tathetarasmin narake pāpaloke
und im anderen, in der Hölle, der Welt der Sünder (Lok.)
Zeile b setzt den Satz fort; das Verb anvayuñjan („sie befragten“) steht in Zeile b.
ubhe tu yasya sukṛte bhavetāṃ; kiṃ svit tayos tatra jayottaraṃ syāt; ācakṣva naḥ karmaphalaṃ maharṣe; kathaṃ pāpaṃ nudate puṇyaśīlaḥ
„Wenn aber bei jemandem beide [Arten von] guter Tat vorhanden wären – welche von beiden würde da überwiegen? Sag uns die Frucht der Tat, großer Seher: Wie schüttelt der von Verdienst geprägte [Mensch] die Sünde ab?“
Wort für Wort
ubhe tu yasya sukṛte bhavetām
wessen beide Taten aber vorhanden wären (Nom.Du./Pot.)
kiṃ svit tayos tatra
welche wohl von beiden dort (Nom./Gen.Du.)
jayottaraṃ syāt
überlegen/siegreicher wäre (Pot.)
ācakṣva naḥ karmaphalaṃ maharṣe
sag uns die Frucht der Tat, großer Seher (Imp./Akk./Vok.)
kathaṃ pāpaṃ nudate puṇyaśīlaḥ
wie vertreibt die Sünde der Tugendhafte (3.Sg.Med.)
ubhe sukṛte: wohl „gute und schlechte Taten“ (beide). Wiedergabe unsicher.
bṛhaspatir uvāca; kṛtvā pāpaṃ pūrvam abuddhipūrvaṃ; puṇyāni yaḥ kurute buddhipūrvam; sa tat pāpaṃ nudate puṇyaśīlo; vāso yathā malinaṃ kṣārayuktyā
Bṛhaspati sprach: „Wer zuerst Sünde begangen hat, ohne Absicht, dann aber mit Absicht verdienstvolle Taten vollbringt, der Tugendhafte schüttelt jene Sünde ab, wie ein Gewand den Schmutz durch die Anwendung von Lauge.“
Wort für Wort
bṛhaspatir uvāca
Bṛhaspati sprach
kṛtvā pāpaṃ pūrvam abuddhipūrvam
Sünde zuvor ohne Absicht begangen habend (Abs./Adv.)
puṇyāni yaḥ kurute buddhipūrvam
wer Verdienstvolles mit Absicht tut (3.Sg.Med.)
sa tat pāpaṃ nudate puṇyaśīlaḥ
der Tugendhafte vertreibt jene Sünde (3.Sg.Med.)
vāso yathā malinaṃ kṣārayuktyā
wie ein Gewand, schmutzig, durch Einsatz von Lauge (Nom./Akk./Instr.)
Wer wie die Löcher eines Gewandes [sie] durch einen Guten [?] aufdeckt/bedeckt – der Mann, der, nachdem er Sünde begangen hat, sich dem Heilsamen zuwendet [?].
Wort für Wort
chidrāṇi vasanasyeva
die Löcher wie die eines Gewandes (Akk.Pl./Gen.)
sādhunā vivṛṇoti yaḥ
wer durch Gutes/einen Guten aufdeckt [oder bedeckt] (Instr./3.Sg.)
yaḥ pāpaṃ puruṣaḥ kṛtvā
der Mann, der Sünde begangen habend (Abs.)
kalyāṇam abhipadyate
sich dem Heilsamen zuwendet (3.Sg.Med.)
Satzbau unvollständig (zwei yaḥ-Sätze ohne Hauptsatz); Sinn unsicher.
Darauf trat jener König, von Schuld befreit, mit Glanz begabt, der einem lodernden Feuer glich, als Vernichter der Feinde in sein Reich ein, wie der Mond mit vollem Körper in den Himmel.
Wort für Wort
tataḥ sa rājā vyapanītakalmaṣaḥ
darauf jener König, dessen Schuld entfernt ist (Nom.Sg.)
śriyā yutaḥ prajvalitāgnirūpayā
mit Glanz verbunden, der lodernder Feuergestalt (Instr.f./Part.)
viveśa rājyaṃ svam
trat ein in sein Reich (3.Sg.Perf./Akk.)
amitrakarśano
Feindeschwächer (Nom.Sg.)
divaṃ yathā pūrṇavapur niśākaraḥ
wie den Himmel der Mond mit vollem Körper (Akk./Nom.)