Kapitel 174: karmaphalavicāraḥ
Die Tat folgt dem Täter: Früchte guter und schlechter Werke
Auf Yudhiṣṭhiras Frage nach der Frucht von Gabe, Opfer, Askese und Lehrerdienst antwortet Bhīṣma mit einer Lehre von der Unentrinnbarkeit des eigenen Karman, das dem Menschen wie ein Schatten folgt, und von der läuternden Kraft der Askese.
yudhiṣṭhira uvāca; yady asti dattam iṣṭaṃ vā tapas taptaṃ tathaiva ca; gurūṇāṃ cāpi śuśrūṣā tan me brūhi pitāmaha
Yudhiṣṭhira sprach: „Wenn es etwas gibt: Gegebenes oder Geopfertes, ebenso Askese, die geübt wurde, und auch den Dienst an den Lehrern – das sage mir, Großvater.“
Wort für Wort
yudhiṣṭhira uvāca
Yudhiṣṭhira sprach (Perf.)
yady asti dattaṃ iṣṭaṃ vā
wenn es gibt Gegebenes oder Geopfertes (3.Sg.Präs./Part.Pass.)
tapas taptaṃ tathaiva ca
Askese Geübtes ebenso (Nom.Sg.n./Part.Pass.)
gurūṇāṃ cāpi śuśrūṣā
und auch der Dienst an den Lehrern (Gen.Pl./Nom.Sg.f.)
tan me brūhi pitāmaha
das sage mir, Großvater (Imp.2.Sg./Vok.)
Der Satz ist knapp; „tan me brūhi“ wird als Bitte um Belehrung über die Früchte dieser Dinge verstanden.
yathāsmiṃś ca tathā tatra jānīyāṃ nṛpasattama; duṣkartāro yathā loke yat kurvanti tathā śṛṇu
Wie [es] hier [ist], so möchte ich [es] dort erkennen, bester der Könige [?]; wie die Übeltäter in der Welt [handeln] und was sie tun, so höre [es].
Wort für Wort
yathāsmiṃś ca tathā tatra
wie hier, so dort (Lok./Adv.)
jānīyāṃ nṛpasattama
möchte ich erkennen, bester der Könige (Opt.1.Sg./Vok.)
duṣkartāro yathā loke
wie die Übeltäter in der Welt (Nom.Pl./Lok.Sg.)
yat kurvanti tathā śṛṇu
was sie tun, so höre (3.Pl.Präs./Imp.2.Sg.)
Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert). Zusatzpassage; der Text ist elliptisch, die Beziehung von „asmin“ und „tatra“ (hier/dort) ist unsicher.
Bhīṣma sprach: „Wessen Geist, durch sich selbst mit Unheil verbunden, sich dem Bösen zuwendet, der wird, nachdem er eine befleckte Tat getan hat, in großes Leid versetzt.“
Wort für Wort
bhīṣma uvāca
Bhīṣma sprach (Perf.)
ātmanānarthayuktena
durch sich selbst, mit Unheil verbunden (Instr.Sg.)
pāpe niviśate manaḥ
im Bösen findet Aufnahme der Geist (3.Sg.Med./Nom.Sg.n.)
sa karma kaluṣaṃ kṛtvā
er, eine befleckte Tat getan habend (Nom./Akk./Abs.)
vyālakuñjaradurgeṣu sarpacorabhayeṣu ca; hastāvāpena gacchanti nāstikāḥ kim ataḥ param
In Gefahrenstätten voller wilder Tiere und Elefanten, in Gefahren durch Schlangen und Diebe gehen die Ungläubigen [nur] mit Handschutz [?] – was ist schlimmer als dies?
Wort für Wort
vyālakuñjaradurgeṣu
in Orten, unwegsam durch Raubtiere und Elefanten (Lok.Pl./Kompositum)
sarpacorabhayeṣu ca
und in Gefahren durch Schlangen und Diebe (Lok.Pl.)
hastāvāpena gacchanti
mit Handschutz gehen sie (Instr.Sg./3.Pl.Präs.)
nāstikāḥ
die Ungläubigen (Nom.Pl.)
kim ataḥ param
was [ist] darüber hinaus [schlimmer] (Nom.Sg.n./Adv.)
„hastāvāpa“ (Handschutz, z. B. Bogenschützen-Handschuh) ist hier unsicher; möglich ist auch der Sinn „mit erhobener/zur Abwehr bereiter Hand“.
pulākā iva dhānyeṣu puttikā iva pakṣiṣu; tadvidhās te manuṣyeṣu yeṣāṃ dharmo na kāraṇam
Wie Spreu unter den Getreidearten, wie Puttikā-Insekten unter den Vögeln, so sind unter den Menschen jene, für die der Dharma nicht der Beweggrund ist.
Wort für Wort
pulākā iva dhānyeṣu
wie taube Ähren unter Getreide (Nom.Pl./Lok.Pl.)
puttikā iva pakṣiṣu
wie Puttikā-Insekten unter Vögeln (Nom.Pl./Lok.Pl.)
tadvidhās te manuṣyeṣu
von solcher Art sind sie unter den Menschen (Nom.Pl./Lok.Pl.)
yeṣāṃ dharmo na kāraṇam
deren Grund nicht der Dharma ist (Gen.Pl./Nom.Sg.)
„puttikā“: eine Art Insekt (Biene/Fliege?), unsicher.
bālo yuvā ca vṛddhaś ca yat karoti śubhāśubham; tasyāṃ tasyām avasthāyāṃ bhuṅkte janmani janmani
Was auch immer ein Kind, ein Junger und ein Alter an Gutem und Schlechtem tut, das genießt er in genau der jeweiligen Lebensphase, in Geburt um Geburt.
Wort für Wort
bālo yuvā ca vṛddhaś ca
ein Kind, ein Junger und ein Alter (Nom.Sg.)
yat karoti śubhāśubham
was er tut an Gutem und Schlechtem (Rel./3.Sg./Akk.)
tasyāṃ tasyām avasthāyām
in jeder jeweiligen Lebensphase (Lok.Sg.f.)
bhuṅkte janmani janmani
genießt er in Geburt um Geburt (3.Sg.Med./Lok.)
Die Zuordnung von „tasyāṃ tasyām avasthāyām“ (in der jeweiligen Lebensphase) und „janmani janmani“ ist knapp; sinngemäß wird jede Tat in der entsprechenden Phase eines Lebens erfahren.
Ein Gewand, das zuvor durchnässt [?] wurde, wird hinterher durch Bearbeitung rein.
Wort für Wort
samunnam agrato vastram
durchnässt zuvor ein Gewand (Part.Nom.Sg.n./Adv./Nom.)
paścāc chudhyati
hinterher wird rein (Adv./3.Sg.)
karmaṇā
durch Tat bzw. Bearbeitung (Instr.Sg.)
Zeilenanfang von 174.017; „samunna“ (durchnässt/befleckt) und „karmaṇā“ (durch Arbeit/Tat) sind mehrdeutig. Der Vers wird in der folgenden Zusatzzeile und in Einheit 20 fortgesetzt.
Ebenso wird auch der, der Böses getan hat, später durch verdienstvolle Tat gereinigt; durch Askese wird der Körper geläutert, durch Askese erlangt man Großes.
Wort für Wort
duṣkarmāpi tathā paścāt
auch der Übeltäter ebenso später (Nom.Sg./Adv.)
pūyate puṇyakarmaṇā
wird gereinigt durch verdienstvolle Tat (3.Sg.Pass./Instr.)
tapasā tapyate dehaḥ
durch Askese wird durchglüht der Körper (Instr./3.Sg.Pass./Nom.)
tapasā vindate mahat
durch Askese erlangt man Großes (Instr./3.Sg.Med./Akk.Sg.n.)
Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert). Zusatzzeile, eingeschoben zwischen die beiden Hälften von 174.017.