Kapitel 116: bhṛtyaguṇāḥ rājyaphalaṃ ca
Yudhiṣṭhiras Frage nach Dienern und Beamten; Bhīṣma über die Früchte der Herrschaft
Yudhiṣṭhira fragt, welche Diener und Ratgeber ein König braucht; Bhīṣma beginnt mit einer Reihe von Bedingungen (Diener, Minister, Land, Schatz, Speicher, Rechtspflege), unter denen der König die Frucht der Herrschaft genießt.
yudhiṣṭhira uvāca; pitāmaha mahāprājña saṃśayo me mahān ayam; sa cchettavyas tvayā rājan bhavān kulakaro hi naḥ
Yudhiṣṭhira sprach: „Großvater, du sehr Weiser, dieser mein Zweifel ist groß; er ist von dir aufzulösen, König, denn du bist unser Geschlechtsbegründer.“
Wort für Wort
yudhiṣṭhira uvāca
Yudhiṣṭhira sprach (Perf.)
pitāmaha mahāprājña
Großvater, sehr Weiser (Vok.)
saṃśayo me mahān ayam
dieser große Zweifel [ist] mir (Nom./Gen.)
sa cchettavyas tvayā rājan
er ist von dir zu zerschneiden, König (Gerundiv/Instr./Vok.)
bhavān kulakaro hi naḥ
denn du bist der Begründer unseres Geschlechts (Nom./Gen. Pl.)
yad dhitaṃ rājyatantrasya kulasya ca sukhodayam; āyatyāṃ ca tadātve ca kṣemavṛddhikaraṃ ca yat
„Was für die Regierungsordnung und für das Geschlecht heilsam ist, was Glück und Aufstieg bringt, was in der Zukunft und in der Gegenwart Wohlergehen und Gedeihen bewirkt,
Wort für Wort
yad dhitaṃ rājyatantrasya
was heilsam [ist] für die Regierungsordnung (Nom./Gen.)
kulasya ca sukhodayam
und für das Geschlecht Glück und Aufstieg [bringend] (Gen./Nom.)
abhiṣikto hi yo rājā rājyastho mitrasaṃvṛtaḥ; asuhṛt samupeto vā sa kathaṃ rañjayet prajāḥ
„Ein König, der gesalbt ist, in der Herrschaft steht und von Freunden umgeben ist – oder aber von Nicht-Freunden umgeben –, wie soll der die Untertanen zufriedenstellen?
Wort für Wort
abhiṣikto hi yo rājā
denn der König, der gesalbt ist (Part. Pass./Nom.)
rājyastho mitrasaṃvṛtaḥ
in der Herrschaft stehend, von Freunden umgeben (Nom.)
asuhṛt samupeto vā
oder von Nicht-Freunden umgeben (Nom.)
sa kathaṃ rañjayet prajāḥ
wie soll er die Untertanen zufriedenstellen (Opt. Kaus./Akk. Pl.)
asuhṛt samupetaḥ: Deutung als „von Nicht-Freunden umgeben“ (alternativ „Nichtfreund, der ihn aufgesucht hat“).
yo hy asatpragraharatiḥ sneharāgabalātkṛtaḥ; indriyāṇām anīśatvād asajjanabubhūṣakaḥ
Wer nämlich Freude an der Begünstigung Schlechter hat, von der Gewalt der Zuneigung und Leidenschaft [dazu] getrieben, und wegen der Nichtbeherrschung der Sinne darauf aus ist, Nichtgute zu fördern [?],
Wort für Wort
yo hy asatpragraharatiḥ
wer nämlich Freude an der Begünstigung Schlechter [hat] (Nom.)
sneharāgabalātkṛtaḥ
durch die Gewalt von Zuneigung und Leidenschaft getrieben (Part. Pass./Nom.)
indriyāṇām anīśatvāt
wegen der Nichtbeherrschung der Sinne (Gen. Pl./Abl.)
asajjanabubhūṣakaḥ
Nichtgute zu fördern begehrend [?] (Nom.)
asatpragraharati und asajjanabubhūṣaka sind unsicher (pragraha: Ergreifen/Begünstigung/Zügel; bubhūṣ: fördern/ehren wollen). Der Satz läuft in Einheit 7 weiter.
tasya bhṛtyā viguṇatāṃ yānti sarve kulodgatāḥ; na ca bhṛtyaphalair arthaiḥ sa rājā saṃprayujyate
dessen Diener, alle aus edlem Geschlecht hervorgegangen, werden untüchtig; und jener König gelangt nicht zu den Gütern, die die Frucht der Dienerschaft sind.“
Wort für Wort
tasya bhṛtyā viguṇatāṃ yānti
dessen Diener geraten in Untauglichkeit (Gen./Nom. Pl./Akk./3.Pl.Präs.)
sarve kulodgatāḥ
alle aus [gutem] Geschlecht hervorgegangen (Nom. Pl.)
na ca bhṛtyaphalair arthaiḥ
und nicht mit den Gütern, die Frucht der Diener [sind] (Instr. Pl.)
„Du bist der Belehrer, Tiger unter den Männern, du, der am Wohl unseres Geschlechts Freude hat; und ebenso Kṣattṛ [Vidura] von scharfem Verstand, der uns allezeit unterweist.“
Wort für Wort
śaṃsitā puruṣavyāghra
Belehrer, Tiger unter den Männern (Nom./Vok.)
tvaṃ naḥ kulahite rataḥ
du, der am Wohl unseres Geschlechts Erfreute (Nom./Gen. Pl./Lok.)
kṣattā caiva paṭuprajñaḥ
und ebenso Kṣattṛ, scharfsinnig (Nom.)
yo naḥ śaṃsati sarvadā
der uns stets unterweist (3.Sg.Präs./Akk. Pl.)
kṣattā: hier wohl Vidura; die Zuordnung ist nicht gesichert.
Wenn ich von dir das für das Geschlecht heilsame, für das Reich Wohl und Aufstieg bringende Wort gehört habe, werde ich, wie von unvergänglichem Nektar gesättigt, glücklich schlafen.“
Wort für Wort
tvattaḥ kulahitaṃ vākyaṃ
von dir das für das Geschlecht heilsame Wort (Abl./Akk.)
śrutvā rājyahitodayam
nachdem ich gehört habe, das für das Reich Heil und Aufstieg [bringende] (Abs./Akk.)
amṛtasyāvyayasyeva
wie von unvergänglichem Unsterblichkeitstrank (Gen.)
tṛptaḥ svapsyāmy ahaṃ sukham
gesättigt werde ich schlafen, glücklich (Part. Pass./1.Sg.Fut./Adv.)
„Wie beschaffen sollen die in der Nähe [des Königs] stehenden Diener sein, oder mit welchen Vorzügen begabt? Mit welchen, oder aus welchem Geschlecht Stammenden wird die Lebensführung [des Reiches] eingerichtet?
Wort für Wort
kīdṛṣāḥ saṃnikarṣasthā
wie beschaffen, in der Nähe stehend (Nom. Pl.)
bhṛtyāḥ syur vā guṇānvitāḥ
Diener sollen sein, oder mit Vorzügen begabt (Opt./Nom. Pl.)
kīdṛśaiḥ kiṃkulīnair vā
mit wie Beschaffenen oder aus welchem Geschlecht Stammenden (Instr. Pl.)
saha yātrā vidhīyate
mit [ihnen] wird die Lebensführung eingerichtet (Pass. Präs.)
yātrā: Lebensführung/Unterhalt, hier Führung der Regierungsgeschäfte.
na hi praśāstuṃ rājyaṃ hi śakyam ekena bhārata; asahāyavatā tāta naivārthāḥ ke cid apy uta; labdhuṃ labdhvā cāpi sadā rakṣituṃ bharatarṣabha
Denn ein Reich zu regieren ist von einem allein nicht möglich, Bhārata; für einen ohne Helfer, Lieber, gibt es überhaupt keine Güter, [weder] sie zu erlangen, noch erlangt, sie stets zu bewahren, Stier der Bharatas.“
Wort für Wort
na hi praśāstuṃ rājyaṃ hi śakyam
denn ein Reich zu regieren ist nicht möglich (Inf./Nom.)
ekena bhārata
von einem allein, Bhārata (Instr./Vok.)
asahāyavatā tāta
für einen, der keine Helfer hat, Lieber (Instr./Vok.)
naivārthāḥ ke cid apy uta
überhaupt keine Güter (Nom. Pl.)
labdhuṃ labdhvā cāpi sadā rakṣitum
zu erlangen, erlangt auch stets zu schützen (Inf./Abs./Inf.)
bharatarṣabha
Stier der Bharatas (Vok.)
Die Einheit ist elliptisch; ergänzt nach dem Sinn.
Bhīṣma sprach: „Wessen ganzes Dienstvolk in Wissen und Erkenntnis bewandert, wohlmeinend, aus gutem Geschlecht und zugetan ist, der genießt die Frucht der Herrschaft.
Wort für Wort
bhīṣma uvāca
Bhīṣma sprach (Perf.)
yasya bhṛtyajanaḥ sarvaḥ
wessen ganzes Dienstvolk (Gen./Nom.)
jñānavijñānakovidaḥ
in Wissen und Erkenntnis bewandert (Nom.)
hitaiṣī kulajaḥ snigdhaḥ
wohlmeinend, edelgeboren, zugetan (Nom.)
sa rājyaphalam aśnute
der genießt die Frucht der Herrschaft (3.Sg.Präs./Akk.)
Wessen Minister aus edlem Geschlecht, unbestechlich und mit [ihm] aufgewachsen sind, dem König Rat gebend, in der Kenntnis der [Staats-]Beziehungen bewandert,
Wort für Wort
mantriṇo yasya kulajāḥ
wessen Minister edelgeboren [sind] (Nom. Pl.)
asaṃhāryāḥ sahoṣitāḥ
unbestechlich, [mit ihm] zusammen aufgewachsen (Nom. Pl.)
nṛpater matidāḥ santi
dem König Rat gebend sind [sie] (Gen./Nom. Pl.)
saṃbandhajñānakovidāḥ
in der Kenntnis der Beziehungen bewandert (Nom. Pl.)
saṃbandhajñāna: Kenntnis der Beziehungen (Bündnisse/Verwandtschaft), unsicher. Der Satz läuft in 16 weiter.
samaduḥkhasukhā yasya sahāyāḥ satyakāriṇaḥ; arthacintāparā yasya sa rājyaphalam aśnute
Wessen Helfer in Leid und Glück gleich, wahrhaft handelnd und auf das Wohl der Staatsangelegenheiten bedacht sind, der genießt die Frucht der Herrschaft.
Wort für Wort
samaduḥkhasukhā yasya
wessen [Helfer] in Leid und Glück gleich [sind] (Nom. Pl./Gen.)
sahāyāḥ satyakāriṇaḥ
Helfer, wahrhaft handelnd (Nom. Pl.)
arthacintāparā yasya
wessen [Leute] auf die Sorge um die Staatsziele bedacht [sind] (Nom. Pl./Gen.)
sa rājyaphalam aśnute
der genießt die Frucht der Herrschaft (3.Sg.Präs.)
yasya nārto janapadaḥ saṃnikarṣagataḥ sadā; akṣudraḥ satpathālambī sa rājyaphalabhāg bhavet
Wessen Land, das ihm nahesteht, nie in Not ist, [und der selbst] nicht kleinlich ist und den Pfad der Guten hält, der möge der Frucht der Herrschaft teilhaftig sein.
Wort für Wort
yasya nārto janapadaḥ
wessen Land nicht in Not [ist] (Nom.)
saṃnikarṣagataḥ sadā
stets in der Nähe befindlich (Part. Pass./Nom./Adv.)
akṣudraḥ satpathālambī
nicht kleinlich, den Weg der Guten stützend (Nom.)
sa rājyaphalabhāg bhavet
der möge der Frucht der Herrschaft teilhaftig sein (Nom./Opt.)
janapada saṃnikarṣagataḥ: „ihm nahe befindlich“ ist unsicher (auch „in der Nähe [der Hauptstadt]“ möglich).
kośākṣapaṭalaṃ yasya kośavṛddhikarair janaiḥ; āptais tuṣṭaiś ca satataṃ dhāryate sa nṛpottamaḥ
Wessen Schatzhaus und Rechnungsamt stets von zuverlässigen und zufriedenen Leuten, die den Schatz mehren, unterhalten wird, der ist der beste der Könige.
Wort für Wort
kośākṣapaṭalaṃ yasya
wessen Schatzhaus und Rechnungsamt (Nom./Gen.)
kośavṛddhikarair janaiḥ
von Leuten, die den Schatz mehren (Instr. Pl.)
āptais tuṣṭaiś ca satataṃ
von zuverlässigen und zufriedenen, stets (Instr. Pl./Adv.)
dhāryate sa nṛpottamaḥ
wird unterhalten, der [ist] der beste König (Pass. Präs./Nom.)
kośākṣapaṭala: Schatz(haus) und Rechnungs-/Archivamt.
koṣṭhāgāram asaṃhāryair āptaiḥ saṃcayatatparaiḥ; pātrabhūtair alubdhaiś ca pālyamānaṃ guṇībhavet
Der Speicher, wenn er von unbestechlichen, zuverlässigen, auf das Ansammeln bedachten, würdigen und nicht gierigen [Männern] behütet wird, möge zu Vorzüglichkeit gelangen.
Wort für Wort
koṣṭhāgāram asaṃhāryaiḥ
der Speicher, von Unbestechlichen (Nom./Instr. Pl.)
āptaiḥ saṃcayatatparaiḥ
von Zuverlässigen, auf das Ansammeln Bedachten (Instr. Pl.)
pātrabhūtair alubdhaiś ca
und von Würdigen, Nichtgierigen (Instr. Pl.)
pālyamānaṃ guṇībhavet
behütet, möge er trefflich werden (Part. Pass./Opt.)
vyavahāraś ca nagare yasya karmaphalodayaḥ; dṛśyate śaṅkhalikhitaḥ sa dharmaphalabhāg bhavet
Und wessen Rechtspflege in der Stadt, [bei der] die Frucht der Taten hervortritt, nach [der Ordnung von] Śaṅkha und Likhita gesehen wird, der möge der Frucht des Dharma teilhaftig sein.
Wort für Wort
vyavahāraś ca nagare yasya
und wessen Rechtspflege in der Stadt (Nom./Lok./Gen.)
karmaphalodayaḥ
[bei der] die Frucht der Taten hervortritt (Nom.)
dṛśyate śaṅkhalikhitaḥ
wird gesehen [als] von Śaṅkha und Likhita [geregelt] (Pass. Präs./Nom.)
sa dharmaphalabhāg bhavet
der möge der Dharma-Frucht teilhaftig sein (Nom./Opt.)
śaṅkhalikhita: Bezug auf die Dharma-Autoren Śaṅkha und Likhita bzw. ihre Rechtsordnung; unsicher.
saṃgṛhītamanuṣyaś ca yo rājā rājadharmavit; ṣaḍvargaṃ pratigṛhṇan sa dharmāt phalam upāśnute
Und der König, der Menschen [für sich] gewonnen hat und die Königspflicht kennt, erlangt, indem er den Sechserkreis im Zaum hält [?], die Frucht aus dem Dharma.
Wort für Wort
saṃgṛhītamanuṣyaś ca
und der, der die Menschen gewonnen hat (Nom.)
yo rājā rājadharmavit
der König, der Königspflicht kundig (Nom.)
ṣaḍvargaṃ pratigṛhṇan
den Sechserkreis im Zaum haltend [?] (Akk./Part. Präs.)
sa dharmāt phalam upāśnute
der erlangt aus dem Dharma die Frucht (Abl./Akk./3.Sg.Präs.)
ṣaḍvarga (Sechserkreis: die sechs inneren Feinde oder die sechs Mittel der Politik) und pratigṛhṇan (im Zaum haltend/aufnehmend) sind unsicher.