Kapitel 298: sāṃkhyatattvasargavarṇanam
Yājñavalkyas Lehre an Janaka: die Prinzipien des Sāṃkhya und die neun Schöpfungen
Yudhiṣṭhira fragt nach dem Absoluten jenseits von Recht und Unrecht; Bhīṣma erzählt das Gespräch zwischen König Janaka und Yājñavalkya. Das Kapitel beginnt mit Janakas Fragen und legt die vierundzwanzig Prinzipien sowie die neun Schöpfungen dar; danach kündigt Yājñavalkya die Lehre von der Zeitrechnung an.
yudhiṣṭhira uvāca; dharmādharmavimuktaṃ yad vimuktaṃ sarvasaṃśrayāt; janmamṛtyuvimuktaṃ ca vimuktaṃ puṇyapāpayoḥ
Yudhiṣṭhira sprach: Das, was frei ist von Recht und Unrecht, was frei ist von aller Stütze, was frei ist von Geburt und Tod und frei von Verdienst und Sünde –
Wort für Wort
yudhiṣṭhira uvāca
Yudhiṣṭhira sprach (Perf.)
dharmādharmavimuktaṃ yad
das, was frei von Recht und Unrecht ist (Kompositum, Akk./Nom. n.)
katīndriyāṇi viprarṣe kati prakṛtayaḥ smṛtāḥ; kim avyaktaṃ paraṃ brahma tasmāc ca paratas tu kim
„Wie viele Sinne gibt es, o Brahmanenseher, und wie viele Urnaturen (prakṛti) gelten als überliefert? Was ist das Unmanifeste, das höchste Brahman, und was ist noch jenseits davon?“
Wort für Wort
katīndriyāṇi viprarṣe
wie viele Sinne, o Brahmanenseher (Nom. n. Pl., Vok.)
kati prakṛtayaḥ smṛtāḥ
wie viele Urnaturen gelten als überliefert (Nom. Pl., Part.Pass.)
kim avyaktaṃ paraṃ brahma
was ist das Unmanifeste, das höchste Brahman (Nom. n.)
Acht Urnaturen (prakṛti) sind genannt und sechzehn Wandlungen (vikāra); dazu sieben Manifeste, so sagen die, die über das Selbst (adhyātman) nachsinnen.
Wort für Wort
aṣṭau prakṛtayaḥ proktā
acht Urnaturen sind genannt (Nom. Pl., Part.Pass.)
vikārāś cāpi ṣoḍaśa
und auch sechzehn Wandlungen (Nom. Pl.)
atha sapta tu vyaktāni
ferner sieben Manifeste (Nom. n. Pl.)
prāhur adhyātmacintakāḥ
sagen die Nachsinner über das Selbst (3.Pl.Perf., Nom. Pl.)
Die „sieben Manifeste“ (sapta vyaktāni) sind in der Überlieferung unterschiedlich gedeutet; hier wörtlich wiedergegeben.
Dies sind die Besonderheiten (viśeṣa) in den fünf Großelementen, o Herr der Könige; und diese Erkenntnissinne samt den Besonderheiten [sind dasselbe], o Maithila.
Wort für Wort
ete viśeṣā rājendra
dies sind die Besonderheiten, o Königsfürst (Nom. Pl., Vok.)
mahābhūteṣu pañcasu
in den fünf Großelementen (Lok. Pl.)
buddhīndriyāṇy athaitāni
und diese Erkenntnissinne (Nom. n. Pl.)
saviśeṣāṇi maithila
samt den Besonderheiten, o Maithila (Nom. n. Pl., Vok.)
Der zweite Halbvers ist syntaktisch knapp; die Ergänzung „sind dasselbe“ ist unsicher [?].
manaḥ ṣoḍaśakaṃ prāhur adhyātmagaticintakāḥ; tvaṃ caivānye ca vidvāṃsas tattvabuddhiviśāradāḥ
Den Geist (manas) nennen sie als das Sechzehnte, die über Weg und Gang des Selbst nachsinnen, du und andere Wissende, die im Erkennen der Wahrheitsprinzipien (tattva) geschult sind.
Wort für Wort
manaḥ ṣoḍaśakaṃ prāhur
den Geist nennen sie als sechzehnten (Nom./Akk., 3.Pl.Perf.)
adhyātmagaticintakāḥ
die über den Weg des Selbst Nachsinnenden (Nom. Pl.)
Aus dem Unmanifesten entsteht das Große Selbst (mahān ātmā), o Fürst; dies nennen die Weisen die erste Schöpfung, die aus der Urnatur (pradhāna) stammende.
Wort für Wort
avyaktāc ca mahān ātmā
und aus dem Unmanifesten das große Selbst (Abl., Nom.)
samutpadyati pārthiva
entsteht, o Fürst (3.Sg.Präs., Vok.)
prathamaṃ sargam ity etad
die erste Schöpfung, so [heißt] dies (Akk., Nom. n.)
āhuḥ prādhānikaṃ budhāḥ
nennen die Weisen die pradhāna-bezogene (3.Pl.Perf., Nom. Pl.)
Und aus dem Großen entsteht die Ich-Bildung, o Herr der Menschen; dies nennen sie die zweite Schöpfung, sie gilt als von der Erkenntnis (buddhi) her bestimmt.
Wort für Wort
mahataś cāpy ahaṃkāra
und aus dem Großen die Ich-Bildung (Abl., Nom.)
utpadyati narādhipa
entsteht, o Menschenherr (3.Sg.Präs., Vok.)
dvitīyaṃ sargam ity āhur
die zweite Schöpfung nennen sie (Akk., 3.Pl.Perf.)
etad buddhyātmakaṃ smṛtam
dies gilt als von buddhi geprägt (Nom. n., Part.Pass.)
ahaṃkārāc ca saṃbhūtaṃ mano bhūtaguṇātmakam; tṛtīyaḥ sarga ity eṣa āhaṃkārika ucyate
Aus der Ich-Bildung ist der Geist (manas) entstanden, dessen Wesen die Eigenschaften der Elemente sind; dies heißt die dritte Schöpfung, die aus der Ich-Bildung stammende.
Wort für Wort
ahaṃkārāc ca saṃbhūtaṃ
und aus der Ich-Bildung entstanden (Abl., Part.)
mano bhūtaguṇātmakam
der Geist, dessen Wesen die Elementeigenschaften sind (Nom. n.)
tṛtīyaḥ sarga ity eṣa
die dritte Schöpfung, so [heißt] diese (Nom.)
āhaṃkārika ucyate
wird die ahaṃkāra-bezogene genannt (Nom., 3.Sg.Pass.)
„bhūtaguṇātmakam“ ist unsicher zu deuten (Eigenschaften der Elemente oder der Wesen) [?].
aus dem Geist sind die Großelemente entstanden, o Fürst;
Wort für Wort
samudbhūtāni
entstanden (Part., Nom. n. Pl.)
manaso
aus dem Geist (Abl.)
mahābhūtāni
die Großelemente (Nom. n. Pl.)
pārthiva
o Fürst (Vok.)
Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert). Zusatzvers (Sternzeile) der kritischen Ausgabe; Variante des Halbverses in Einheit 19.
Nach unten entsteht die Gesamtheit der Hörsinn-Organe [?], o Herr der Menschen; dies nennen sie die siebte Schöpfung, sie gilt als die sinnliche (aindriyaka).
Wort für Wort
adhaḥ
nach unten (Adv.)
śrotrendriyagrāma
die Gesamtheit der Hörsinne (Nom. m.)
utpadyati narādhipa
entsteht, o Menschenherr (3.Sg.Präs., Vok.)
saptamaṃ sargam ity āhur
die siebte Schöpfung nennen sie (Akk., 3.Pl.Perf.)
etad aindriyakaṃ smṛtam
dies gilt als die sinnliche (Nom. n., Part.Pass.)
„adhaḥ śrotrendriyagrāma“ ist im Text schwer verständlich und möglicherweise verderbt.
Ebenso entsteht der aufwärts gerichtete Strom (ūrdhvasrotas) und der Querströmende, o Herr der Menschen; dies nennen sie die achte Schöpfung, die gerade (ārjavaka) genannte, sagen die Weisen.
Wort für Wort
ūrdhvasrotas tathā tiryag
der aufwärts Strömende und ebenso der Quergerichtete (Nom. n./Adv.)
utpadyati narādhipa
entsteht, o Menschenherr (3.Sg.Präs., Vok.)
aṣṭamaṃ sargam ity āhur
die achte Schöpfung nennen sie (Akk., 3.Pl.Perf.)
etad ārjavakaṃ budhāḥ
dies die ārjavaka-Schöpfung, die Weisen (Nom. n., Nom. Pl.)
„ūrdhvasrotas tathā tiryag“ ist knapp; Text und Zuordnung der Bezeichnung „ārjavaka“ (hier in Vers 25 und 26 gleichlautend überliefert) sind unsicher [?].
Der Querströmende (tiryaksrotas) und der Abwärtsströmende (adhaḥsrotas) entsteht, o Herr der Menschen; dies nennen sie die neunte Schöpfung, die ārjavaka genannte, sagen die Weisen.
Wort für Wort
tiryak srotas tv adhaḥsrota
der Querströmende, aber der Abwärtsströmende (Nom. n., Nom.)
utpadyati narādhipa
entsteht, o Menschenherr (3.Sg.Präs., Vok.)
navamaṃ sargam ity āhur
die neunte Schöpfung nennen sie (Akk., 3.Pl.Perf.)
etad ārjavakaṃ budhāḥ
dies die ārjavaka-Schöpfung, die Weisen (Nom. n., Nom. Pl.)
Die Bezeichnung „ārjavaka“ steht wortgleich in Vers 25 und 26; wahrscheinlich Überlieferungsproblem [?].
etāni nava sargāṇi tattvāni ca narādhipa; caturviṃśatir uktāni yathāśruti nidarśanāt
Dies sind die neun Schöpfungen und die Prinzipien (tattva), o Herr der Menschen; vierundzwanzig sind sie genannt, gemäß der Überlieferung (śruti) und nach Darlegung.
Wort für Wort
etāni nava sargāṇi
dies sind die neun Schöpfungen (Nom. n. Pl.)
tattvāni ca narādhipa
und die Prinzipien, o Menschenherr (Nom. n. Pl., Vok.)
caturviṃśatir uktāni
vierundzwanzig sind genannt (Nom. f. Sg., Part.Pass.)
yathāśruti nidarśanāt
gemäß dem Gehörten, aufgrund der Darlegung (Adv., Abl.)
„yathāśruti nidarśanāt“: „gemäß dem Gehörten“ und „aufgrund der Veranschaulichung“.
ata ūrdhvaṃ mahārāja guṇasyaitasya tattvataḥ; mahātmabhir anuproktāṃ kālasaṃkhyāṃ nibodha me
Danach, o Großkönig, vernimm von mir die von den Großen (mahātman) überlieferte, genau dieser Eigenschaft (guṇa) entsprechende Zeitrechnung, wie sie in Wahrheit ist.
Wort für Wort
ata ūrdhvaṃ mahārāja
danach, o Großkönig (Adv., Vok.)
guṇasyaitasya tattvataḥ
dieser Eigenschaft gemäß, der Wahrheit nach (Gen., Adv.)
mahātmabhir anuproktāṃ
von den Großen überliefert (Instr. Pl., Part.Pass. Akk. f.)
kālasaṃkhyāṃ nibodha me
die Zeitrechnung vernimm von mir (Akk., Imp., Dat./Gen.)
„guṇasyaitasya“: Bezug unklar (dieses guṇa/Strang) [?]; „anuproktām“ ist Akk. f. zu kālasaṃkhyām.