Kapitel 39: cārvākavadha
Yudhiṣṭhiras Einzug in Hāstinapura und die Tötung des Rākṣasa Cārvāka
Nach dem Einzug in die Stadt wird Yudhiṣṭhira im Palast von Brahmanen gesegnet; der als Asket verkleidete Rākṣasa Cārvāka, ein Freund Duryodhanas, beschimpft ihn und wird von den Brahmanen durch die Kraft ihres Wortes vernichtet. Kṛṣṇa erzählt danach Cārvākas Vorgeschichte und ermahnt Yudhiṣṭhira, seine Herrscherpflicht zu erfüllen.
betrat der König das Haus, das dem Palast des Götterkönigs glich, und stieg, nachdem er [die Worte] gehört hatte, die vom Sieg handelten, hinten vom Wagen herab.
Wort für Wort
praviśya bhavanaṃ rājā
eingetreten in das Haus, der König (Abs./Akk./Nom.)
devarājagṛhopamam
dem Haus des Götterkönigs gleich (Akk.)
śrutvā vijayasaṃyuktam
gehört habend, mit dem Sieg verbunden (Abs./Akk.) [?]
rathāt paścād avātarat
stieg danach vom Wagen herab (Abl./Adv./Impf. 3.Sg.)
śrutvā vijayasaṃyuktam ist unklar (etwa: [Segensworte] über den Sieg gehört habend); Wiedergabe unsicher.
Der König betrat die Versammlungshalle Sudharmā, wie Vāsava [sie betritt].
Wort für Wort
praviveśa sabhāṃ rājā
betrat die Halle, der König (Perf. 3.Sg./Akk./Nom.)
sudharmāṃ vāsavo yathā
Sudharmā, wie Vāsava (Akk./Nom./Adv.)
Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert). Zusatzvers der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften). Sudharmā ist die Versammlungshalle Indras.
sumanomodakai ratnair hiraṇyena ca bhūriṇā; gobhir vastraiś ca rājendra vividhaiś ca kim icchakaiḥ
[Er beschenkte die Brahmanen] mit Blumen und Süßgebäck, mit Juwelen, mit reichlich Gold, mit Kühen und Gewändern, o König der Könige, und mit mannigfachem, was sie sich wünschten.
Wort für Wort
sumanomodakai ratnaiḥ
mit Blumen und Süßspeisen, mit Juwelen (Instr.Pl.) [?]
hiraṇyena ca bhūriṇā
und mit viel Gold (Instr.Sg.)
gobhir vastraiś ca rājendra
mit Kühen und Gewändern, Herr der Könige (Instr.Pl./Vok.)
vividhaiś ca kim icchakaiḥ
und mit mannigfachem, was gewünscht wurde (Instr.Pl.) [?]
sumanomodakaiḥ: „mit Blumen und Modaka-Süßigkeiten“ (Deutung); das Verb fehlt, ergänzt aus dem Zusammenhang.
Dann erhob sich ein Segensruf mit „Puṇyāha“, der gleichsam den Himmel erstarren ließ, o Bhārata, heilvoll, den Freunden Freude bringend und dem Gehör wohltuend.
Wort für Wort
tataḥ puṇyāhaghoṣo 'bhūt
dann war da ein Puṇyāha-Ruf (Nom./Aor.)
divaṃ stabdhveva bhārata
als ob er den Himmel erstarren ließe, o Bhārata (Akk./Vok.)
ime prāhur dvijāḥ sarve samāropya vaco mayi; dhig bhavantaṃ kunṛpatiṃ jñātighātinam astu vai
Diese Zweimalgeborenen alle sagen, [ihr] Wort auf mich legend [mich als Sprecher vorschiebend]: „Pfui über dich, den schlechten König, den Verwandtenmörder – so sei es!“
Wort für Wort
ime prāhur dvijāḥ sarve
diese sagten/sagen die Zweimalgeborenen alle (Nom.Pl.; prāhuḥ Perf.3.Pl.)
samāropya vaco mayi
[das] Wort auf mich legend (Abs.; Akk.Sg.n.; Lok.Sg.)
kiṃ te rājyena kaunteya kṛtvemaṃ jñātisaṃkṣayam; ghātayitvā gurūṃś caiva mṛtaṃ śreyo na jīvitam
„Was [nützt] dir die Herrschaft, Sohn der Kuntī, nachdem du diese Vernichtung der Verwandten bewirkt und auch die Lehrer hast töten lassen? Der Tod ist besser als das Leben.“
Wort für Wort
kiṃ te rājyena kaunteya
was [nützt] dir die Herrschaft, Kaunteya (Instr./Vok.)
kṛtvemaṃ jñātisaṃkṣayam
nachdem du diese Vernichtung der Verwandten bewirkt hast (Abs.; Akk.)
ghātayitvā gurūṃś caiva
und nachdem du die Lehrer hast töten lassen (Abs. Kaus.; Akk.Pl.)
iti te vai dvijāḥ śrutvā tasya ghorasya rakṣasaḥ; vivyathuś cukruśuś caiva tasya vākyapradharṣitāḥ
So [sprach er]. Da gerieten jene Zweimalgeborenen, als sie diese Worte jenes furchtbaren Rākṣasa hörten, in Bestürzung und schrien auf, von seiner Rede überwältigt.
Wort für Wort
iti te vai dvijāḥ śrutvā
so; diese Zweimalgeborenen, [als sie] gehört hatten (Abs.)
tasya ghorasya rakṣasaḥ
jenes furchtbaren Rākṣasa (Gen.Sg.)
vivyathuś cukruśuś caiva
gerieten in Bestürzung und schrien auf (Perf.3.Pl.)
yudhiṣṭhira uvāca; prasīdantu bhavanto me praṇatasyābhiyācataḥ; pratyāpannaṃ vyasaninaṃ na māṃ dhikkartum arhatha
Yudhiṣṭhira sprach: „Seid mir gnädig, ihr Herren, der ich mich verneige und euch anflehe. Mich, der ich ins Unglück geraten und in Not bin, dürft ihr nicht mit Schmähung belegen.“
Wort für Wort
yudhiṣṭhira uvāca
Yudhiṣṭhira sprach (Perf.3.Sg.)
prasīdantu bhavanto me
mögen gnädig sein die Herren mir (3.Pl.Imp.; Nom.Pl.; Dat./Gen.)
praṇatasyābhiyācataḥ
dem Sichverneigenden, dem Flehenden (Gen.Sg., Part.)
pratyāpannaṃ vyasaninaṃ
der ins Unglück geraten, in Not [ist] (Akk.Sg.)
na māṃ dhikkartum arhatha
mich nicht mit „Pfui“ belegen dürft ihr (Inf.; 2.Pl.Präs.)
Die Brahmanen sprachen: „Dies ist Cārvāka mit Namen, ein Rākṣasa, der Freund Duryodhanas; in der Gestalt eines Wandermönchs will er dessen Wohl bewirken.“
Wort für Wort
brāhmaṇā ūcuḥ
die Brahmanen sprachen
eṣa duryodhanasakhā
dieser [ist] Freund des Duryodhana (Nom.Sg., Komp.)
cārvāko nāma rākṣasaḥ
Cārvāka mit Namen, ein Rākṣasa (Nom.Sg.)
parivrājakarūpeṇa
in der Gestalt eines Wandermönchs (Instr.Sg.)
hitaṃ tasya cikīrṣati
Wohl/Nutzen für ihn zu tun wünscht er (Akk.; Gen.; Desid.3.Sg.)
Vāsudeva sprach: „Lieber, die Brahmanen sind in dieser Welt von mir stets zu verehren. Sie sind auf Erden wandelnde Götter, deren Wort Gift ist, [doch] leicht zu besänftigen.“
Wort für Wort
vāsudeva uvāca
Vāsudeva sprach
brāhmaṇās tāta loke 'sminn
die Brahmanen, Lieber, in dieser Welt (Nom.Pl.; Vok.; Lok.)
arcanīyāḥ sadā mama
zu verehren stets von mir (Gerundiv Nom.Pl.; Gen.)
ete bhūmicarā devā
diese sind erdwandelnde Götter (Nom.Pl.)
vāgviṣāḥ suprasādakāḥ
deren Rede Gift ist, [aber] leicht zu besänftigen (Nom.Pl.)
„vāgviṣāḥ suprasādakāḥ“: wörtlich „Gift im Wort“ und „leicht Gnade gewährend/leicht zu besänftigen“.
tatrainaṃ ruṣitā viprā viprakārapradharṣitāḥ; dhakṣyanti vāgbalāḥ pāpaṃ tato nāśaṃ gamiṣyati
„Dort werden ihn die erzürnten Brahmanen, durch die Kränkung bedrängt, deren Kraft in der Rede liegt, den Bösen verbrennen; dadurch wird er zugrunde gehen.“
Wort für Wort
tatrainaṃ ruṣitā viprā
dort ihn erzürnt die Brahmanen (Akk.; Nom.Pl.)
viprakārapradharṣitāḥ
von der Kränkung überwältigt (Nom.Pl.)
dhakṣyanti vāgbalāḥ pāpaṃ
werden verbrennen, die Kraft der Rede besitzend, den Bösen (Fut.3.Pl.; Akk.)
tato nāśaṃ gamiṣyati
dadurch wird er zum Untergang gelangen (Fut.3.Sg.)
„Dieser da liegt nun, durch den Brahmanenstab [Brahmanenfluch] erschlagen, der Rākṣasa Cārvāka, o bester der Fürsten. Trauere nicht, Stier der Bharatas.“
Wort für Wort
sa eṣa nihataḥ śete
dieser da liegt erschlagen (Part.Pass.; 3.Sg.Präs.)
brahmadaṇḍena rākṣasaḥ
durch den Brahmanenstab, der Rākṣasa (Instr.; Nom.)
cārvāko nṛpatiśreṣṭha
Cārvāka, o Bester der Fürsten (Vok.)
mā śuco bharatarṣabha
trauere nicht (Prohib.), Stier der Bharatas (Vok.)
hatās te kṣatradharmeṇa jñātayas tava pārthiva; svargatāś ca mahātmāno vīrāḥ kṣatriyapuṃgavāḥ
„Deine Verwandten wurden gemäß dem Dharma der Kṣatriyas erschlagen, o Fürst, und die hochgesinnten Helden, die Stiere unter den Kṣatriyas, sind in den Himmel gegangen.“
Wort für Wort
hatās te kṣatradharmeṇa
erschlagen wurden sie gemäß dem Kriegerdharma (Nom.Pl.; Instr.)
jñātayas tava pārthiva
deine Verwandten, o Fürst (Nom.Pl.; Vok.)
svargatāś ca mahātmāno
und in den Himmel gegangen [sind] die Hochgesinnten (Nom.Pl.)
sa tvam ātiṣṭha kalyāṇaṃ mā te bhūd glānir acyuta; śatrūñ jahi prajā rakṣa dvijāṃś ca pratipālaya
„So halte du dich an das Heilsame; kein Kummer soll dir kommen, o Unerschütterlicher. Erschlage die Feinde, schütze die Untertanen und pflege die Zweimalgeborenen.“
Wort für Wort
sa tvam ātiṣṭha kalyāṇaṃ
so tue du, halte dich an das Heilsame (Nom.; Imp.2.Sg.; Akk.)
mā te bhūd glānir acyuta
nicht soll dir sein Verzagtheit, o Unerschütterlicher (Aor.Prohib.; Nom.; Vok.)
śatrūñ jahi prajā rakṣa
erschlage die Feinde, schütze die Untertanen (Imp.2.Sg.)
dvijāṃś ca pratipālaya
und die Zweimalgeborenen pflege/beachte (Imp.Kaus.2.Sg.)