Kapitel 165: gautamasya rākṣasendrasakāśāt dhanalābhaḥ kṛtaghnatā ca
Gautama empfängt Gold vom Rākṣasa-Fürsten und plant Verrat am Freund
Der unwissende Brahmane Gautama wird von Virūpākṣa, dem Rākṣasa-König, freundlich aufgenommen und reich beschenkt, beschließt jedoch auf dem Rückweg, den gastfreundlichen Kranich Rājadharman zu töten. Beginn der Erzählung vom Undankbaren (kṛtaghna).
Bhīṣma sprach: Darauf trat er, dem König [als Gast] bekannt gemacht, in das vorzügliche Haus ein; vom Fürsten der Rākṣasas geehrt, setzte er sich auf einen erlesenen Sitz.
Wort für Wort
bhīṣma uvāca
Bhīṣma sprach (3.Sg.Perf.)
tataḥ sa vidito rājñaḥ
darauf er, dem König bekannt [gemacht] (Nom.; Gen.)
praviśya gṛham uttamam
eingetreten in das beste Haus (Abs.; Akk.)
pūjito rākṣasendreṇa
geehrt vom Rākṣasa-Fürsten (Part.Pass./Instr.)
niṣasāda āsanottame
setzte sich (3.Sg.Perf.) auf den besten Sitz (Lok.)
Dem, der ohne Glanz des Brahmanentums war und vom Veda-Studium abgelassen hatte, und der nur den Geschlechtsnamen kannte, fragte der König nach der Wohnstätte.
Wort für Wort
brahmavarcasahīnasya
dessen, dem der Glanz des Brahmanentums fehlt (Gen.Sg., Tatpuruṣa)
svādhyāyaviratasya ca
und der vom Veda-Studium abgelassen hat (Gen.Sg.)
gotramātravido rājā
der König, der [ihn] nur als Geschlechtskundigen [fand] (Nom.Sg.; wörtl. „nur-Geschlecht-Kenner“)
nivāsaṃ samapṛcchata
fragte nach dem Wohnort (Impf.3.Sg.Med.)
Syntax locker: die Genitive beziehen sich auf den Brahmanen, gotramātravid kann auch Attribut des Königs sein (‚der König, der [nur] das Geschlecht erfuhr‘) [?].
kva te nivāsaḥ kalyāṇa kiṃgotrā brāhmaṇī ca te; tattvaṃ brūhi na bhīḥ kāryā viśramasva yathāsukham
„Wo ist deine Wohnstätte, Glücklicher, und aus welchem Geschlecht ist deine Brahmanenfrau? Sag die Wahrheit, du brauchst keine Furcht zu haben; ruhe dich aus, wie es dir beliebt.“
Wort für Wort
kva te nivāsaḥ kalyāṇa
wo ist dein Wohnort, Glücklicher (Vok.)
kiṃgotrā brāhmaṇī ca te
und aus welchem Geschlecht [ist] deine Brahmanin (Nom.Sg.f.)
gautama uvāca; madhyadeśaprasūto 'haṃ vāso me śabarālaye; śūdrā punarbhūr bhāryā me satyam etad bravīmi te
Gautama sprach: „Ich bin im Mittelland geboren, meine Wohnstätte ist im Dorf der Śabaras; meine Frau ist eine wiederverheiratete Śūdrā-Frau. Das ist die Wahrheit, die ich dir sage.“
Wort für Wort
gautama uvāca
Gautama sprach (Perf.3.Sg.)
madhyadeśaprasūto ’haṃ
ich, im Mittelland geboren (Nom.Sg.)
vāso me śabarālaye
mein Wohnsitz [ist] in der Śabara-Siedlung (Lok.)
śūdrā punarbhūr bhāryā me
meine Frau [ist] eine Śūdrā, eine Wiederverheiratete (Nom.Sg.f.)
bhīṣma uvāca; tato rājā vimamṛśe kathaṃ kāryam idaṃ bhavet; kathaṃ vā sukṛtaṃ me syād iti buddhyānvacintayat
Bhīṣma sprach: Da überlegte der König: „Wie soll dies [nun] gehandhabt werden? Oder wie könnte mir eine gute Tat gelingen?“ So dachte er in seinem Verstand nach.
kārttikyām adya bhoktāraḥ sahasraṃ me dvijottamāḥ; tatrāyam api bhoktā vai deyam asmai ca me dhanam
„Heute, am Vollmondtag des Kārttika, werden tausend Zweimalgeborene, die Besten, bei mir speisen; auch dieser hier soll [dabei] Speisender sein, und ihm ist von mir Vermögen zu geben.“
Wort für Wort
kārttikyām adya
heute am Kārttika-Vollmond (Lok.)
bhoktāraḥ sahasraṃ me
Speisende, tausend, bei mir (Nom.Pl.)
dvijottamāḥ
beste Zweimalgeborene (Nom.Pl.)
tatra ayam api bhoktā vai
dort soll auch dieser Speisender sein (Nom.Sg.)
deyam asmai ca me dhanam
und diesem ist von mir Vermögen zu geben (Gerundiv)
bṛsyas teṣāṃ tu saṃnyastā rākṣasendrasya śāsanāt; bhūmau varakuthāstīrṇāḥ preṣyair bharatasattama
Auf Geheiß des Rākṣasa-Fürsten wurden für sie Sitzpolster hingelegt, mit prächtigen Kuśa-Decken überspannt, auf dem Boden von Dienern, Bester der Bharatas.
Wort für Wort
bṛsyas teṣāṃ tu saṃnyastā
Sitzkissen für sie aber wurden gelegt (Nom.Pl.f.; Part.Pass.)
rākṣasendrasya śāsanāt
auf Befehl des Rākṣasa-Fürsten (Abl.)
bhūmau varakuthāstīrṇāḥ
auf dem Boden, mit prächtigen Decken bedeckt (Lok.; Part.Pass.)
Dann wurden die Brahmanen mit Sesam, Darbha-Gras und Wasser vorschriftsgemäß verehrt; [sie galten als] Allgötter und Ahnen, und Feuer waren bereitgestellt; sie waren gesalbt, mit Blumen versehen, gut bedient und wohl geehrt.
Wort für Wort
tiladarbhodakena atha
dann mit Sesam, Darbha und Wasser (Instr.)
arcitā vidhivad dvijāḥ
verehrt vorschriftsgemäß, die Brahmanen (Part.Pass.Nom.Pl.)
viśvedevāḥ sapitaraḥ
Allgötter samt Ahnen (Nom.Pl.)
sāgnayaś ca upakalpitāḥ
und samt Feuern bereitgestellt (Part.Pass.)
viliptāḥ puṣpavantaś ca
gesalbt und mit Blumen versehen (Nom.Pl.)
supracārāḥ supūjitāḥ
gut bedient, gut geehrt (Nom.Pl.)
Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert). Syntax der Zusatzstrophe unsicher: viśvedevāḥ sapitaraḥ könnte auch heißen, dass die Brahmanen als Vertreter der Allgötter und Ahnen [beim Śrāddha] galten [?].
tato jāmbūnadāḥ pātrīr vajrāṅkā vimalāḥ śubhāḥ; varānnapūrṇā viprebhyaḥ prādān madhughṛtāplutāḥ
Darauf reichte er den Brahmanen goldene, vom Blitz[-Zeichen] gekennzeichnete, reine, glänzende Schalen, gefüllt mit bester Speise und mit Honig und Schmalz übergossen.
Wort für Wort
tato jāmbūnadāḥ pātrīr
darauf goldene Schalen (Akk.Pl.f.)
vajrāṅkā vimalāḥ śubhāḥ
mit Diamant-/Blitzzeichen, rein, schön (Akk.Pl.f.)
varānnapūrṇā viprebhyaḥ
voll bester Speise, den Brahmanen (Dat.Pl.)
prādān madhughṛtāplutāḥ
gab er, mit Honig und Schmalz übergossen (Impf.3.Sg.; Part.Pass.)
Bei ihm erhalten immer, so auch am Āṣāḍha[-Vollmond] und am Māgha[-Vollmond], viele Zweimalgeborene die gewünschte, vorzügliche Speise, stets ehrenvoll [dargeboten].
Wort für Wort
tasya nityaṃ tathā āṣāḍhyāṃ
bei ihm stets, ebenso am Āṣāḍha-Vollmond (Lok.)
māghyāṃ ca bahavo dvijāḥ
und am Māgha-Vollmond viele Zweimalgeborene (Nom.Pl.)
gṛhṇīta ratnāny etāni yathotsāhaṃ yatheṣṭataḥ; yeṣu yeṣu ca bhāṇḍeṣu bhuktaṃ vo dvijasattamāḥ; tāny evādāya gacchadhvaṃ svaveśmānīti bhārata
„Nehmt diese Juwelen, soweit es euch drängt und wie ihr wünscht; und in welchen Gefäßen ihr gespeist habt, ihr besten Zweimalgeborenen, genau diese nehmt und geht zu euren Häusern, Bhārata.“
Wort für Wort
gṛhṇīta ratnāni etāni
nehmt diese Juwelen (Imp.2.Pl.; Akk.Pl.)
yathā utsāhaṃ yatheṣṭataḥ
nach Kraft, nach Wunsch (Adv.)
yeṣu yeṣu ca bhāṇḍeṣu bhuktaṃ vaḥ
und in welchen Gefäßen von euch gegessen wurde (Lok.Pl.; Part.Pass.; Gen./Dat.)
tatas tān rākṣasendraś ca dvijān āha punar vacaḥ; nānādigāgatān rājan rākṣasān pratiṣidhya vai
Dann sprach der Fürst der Rākṣasas wieder zu den Zweimalgeborenen, o König, nachdem er die aus verschiedenen Himmelsrichtungen gekommenen Rākṣasas abgewehrt hatte:
Wort für Wort
tatas tān rākṣasendraś ca
darauf jene, und der Rākṣasa-Fürst (Akk.Pl.; Nom.)
dvijān āha punar vacaḥ
sprach zu den Zweimalgeborenen wiederum ein Wort (Perf.3.Sg.)
nānādigāgatān rājan
aus verschiedenen Richtungen gekommene, o König (Akk.Pl.; Vok.)
rākṣasān pratiṣidhya vai
Rākṣasas abgehalten habend (Akk.Pl.; Abs.)
Der Sinn von pratiṣidhya („abgehalten/zurückgewiesen“) bleibt im Kontext etwas unklar [?].
Auf jenem Lager quälte sich der Böswillige, blattlos/federlos [?].
Wort für Wort
niṣpatraḥ
federlos/ohne Blätter [?] (Nom.Sg.)
śayane tasmin
auf jenem Lager (Lok.)
paryatapyata
quälte sich / grübelte (Impf.3.Sg.Med.)
duṣṭadhīḥ
der Böswillige, dessen Sinn verdorben ist (Nom.Sg.)
Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert). niṣpatraḥ ist unsicher: ‚ohne Blätter/Federn‘ (für Lager?) oder Beiname des Vogels; Zusatzvers, verderbt [?].
Darauf machten die beiden, der Vogelfürst und der beste Brahmane, eine Verabredung; sie ließen sich, o großer König, auf dem weiten Nyagrodha-Baum nieder; und Gautama sann in der Nacht in seiner Nähe [nach].
Wort für Wort
tatas tau saṃvidaṃ kṛtvā
darauf beide, eine Verabredung getroffen habend (Abs.)
khagendradvijasattamau
Vogelfürst und bester Brahmane (Dvandva Nom.Du.)
nyaṣīdatāṃ mahārāja
setzten sich beide nieder, großer König (Impf.3.Du.; Vok.)
nyagrodhe vipule tathā
auf dem weiten Feigenbaum, und (Lok.)
gautamaś cintayām āsa
Gautama dachte nach (Perf.periphr.)
rātrau tasya samīpataḥ
in der Nacht in dessen Nähe (Lok.; Adv.)
Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert).
sa bhuktavān suviśrānto gautamo 'cintayat tadā; hāṭakasyābhirūpasya bhāro 'yaṃ sumahān mayā; gṛhīto lobhamohād vai dūraṃ ca gamanaṃ mama
Der gut ausgeruhte Gautama, der gegessen hatte, dachte damals: „Diese sehr große Last schönen Goldes ist von mir aus Gier und Verblendung genommen worden, und mein Weg ist weit.“
Wort für Wort
sa bhuktavān suviśrānto
er, der gegessen hat, gut ausgeruht (Part.Perf.Akt.; Part.Pass.)
gautamo ’cintayat tadā
Gautama dachte damals (Impf.3.Sg.)
hāṭakasya abhirūpasya
des Goldes, des schönen (Gen.Sg.)
bhāro ’yaṃ sumahān mayā
diese sehr große Last von mir (Nom.; Instr.)
gṛhīto lobhamohād vai
genommen aus Gier und Verblendung (Part.Pass.; Abl.)