Quellen der Menschheit

Mahābhārata · Śāntiparva

Kapitel 131: kośasaṃgrahaḥ Schatzmehrung des Königs und rechtes Maß auch gegenüber Räubern

Bhīṣma erläutert, dass der Schatz Grundlage von Kraft, Königtum und Recht ist und in der Not auch mit mittleren Mitteln gemehrt werden darf. Zugleich mahnt er zu Maß und Schranken, selbst im Umgang mit Räubern.

bhīṣma uvāca; svarāṣṭrāt pararāṣṭrāc ca kośaṃ saṃjanayen nṛpaḥ; kośād dhi dharmaḥ kaunteya rājyamūlaḥ pravartate

Bhīṣma sprach: „Aus dem eigenen Reich und aus dem fremden Reich soll der König einen Schatz schaffen; denn aus dem Schatz, Sohn der Kuntī, geht das im Königtum wurzelnde Recht hervor.“

Wort für Wort
bhīṣma uvāca
Bhīṣma sprach (Perf.)
svarāṣṭrāt pararāṣṭrāc ca
aus dem eigenen Reich und aus dem fremden Reich (Abl.Sg.)
kośaṃ saṃjanayen nṛpaḥ
einen Schatz soll schaffen der König (Akk.Sg./Opt.Kaus./Nom.Sg.)
kośād dhi dharmaḥ kaunteya
denn aus dem Schatz [geht] das Recht [hervor], Sohn der Kuntī (Abl./Nom./Vok.)
rājyamūlaḥ pravartate
im Königtum wurzelnd, geht hervor (Nom.Sg./3.Sg.Präs.Med.)

tasmāt saṃjanayet kośaṃ saṃhṛtya paripālayet; paripālyānugṛhṇīyād eṣa dharmaḥ sanātanaḥ

Darum soll er den Schatz schaffen, ihn zusammenbringen und bewahren; ist er bewahrt, soll er [den Untertanen] Gunst erweisen. Dies ist das ewige Recht.

Wort für Wort
tasmāt saṃjanayet kośam
darum soll er schaffen den Schatz (Abl./Opt./Akk.)
saṃhṛtya paripālayet
nachdem er ihn zusammengebracht, soll er bewahren (Abs./Opt.Kaus.)
paripālya anugṛhṇīyāt
nachdem er bewahrt, soll er Gunst erweisen (Abs./Opt.)
eṣa dharmaḥ sanātanaḥ
dies [ist] das ewige Recht (Nom.Sg.)

na kośaḥ śuddhaśaucena na nṛśaṃsena jāyate; padaṃ madhyamam āsthāya kośasaṃgrahaṇaṃ caret

Ein Schatz entsteht weder durch makellose Lauterkeit noch durch Grausamkeit; den mittleren Weg einschlagend, soll man den Schatz sammeln.

Wort für Wort
na kośaḥ śuddhaśaucena
nicht [entsteht] ein Schatz durch reine Lauterkeit (Nom./Instr.)
na nṛśaṃsena jāyate
nicht durch Grausamkeit entsteht er (Instr./3.Sg.Präs.Med.)
padaṃ madhyamam āsthāya
den mittleren Weg beschritten habend (Akk./Abs.)
kośasaṃgrahaṇaṃ caret
die Schatzsammlung soll man betreiben (Akk./Opt.)

abalasya kutaḥ kośo hy akośasya kuto balam; abalasya kuto rājyam arājñaḥ śrīḥ kuto bhavet

Woher hat der Kraftlose einen Schatz, woher der Schatzlose Kraft? Woher Königtum für den Kraftlosen, woher soll Glück dem Nicht-König werden?

Wort für Wort
abalasya kutaḥ kośaḥ
dem Kraftlosen woher ein Schatz (Gen./Nom.)
hi akośasya kutaḥ balam
denn dem Schatzlosen woher Kraft (Gen./Nom.)
abalasya kutaḥ rājyam
dem Kraftlosen woher Königtum (Gen./Nom.)
arājñaḥ śrīḥ kutaḥ bhavet
dem Nicht-König woher Glück soll es sein (Gen./Nom./Opt.)

uccair vṛtteḥ śriyo hānir yathaiva maraṇaṃ tathā; tasmāt kośaṃ balaṃ mitrāṇy atha rājā vivardhayet

Für den, der hoch lebt, ist der Verlust des Glücks wie der Tod; darum soll der König Schatz, Kraft und Freunde mehren.

Wort für Wort
uccaiḥ vṛtteḥ
für den hoch Lebenden (Gen.Sg.)
śriyaḥ hāniḥ yathā eva maraṇam tathā
Verlust des Glücks [ist] gerade wie der Tod, so (Nom.)
tasmāt kośaṃ balaṃ mitrāṇi
darum Schatz, Kraft, Freunde (Akk.)
atha rājā vivardhayet
der König soll mehren (Nom./Opt.Kaus.)

atha im zweiten Pāda als Füllpartikel gedeutet.

hīnakośaṃ hi rājānam avajānanti mānavāḥ; na cāsyālpena tuṣyanti kāryam abhyutsahanti ca

Einen König mit leerem Schatz verachten die Menschen; sie sind mit wenig von ihm nicht zufrieden und wagen [gegen ihn] ein Vorhaben [?].

Wort für Wort
hīnakośaṃ hi rājānam
einen König mit geschwundenem Schatz (Akk.Sg.)
avajānanti mānavāḥ
verachten die Menschen (3.Pl.Präs./Nom.Pl.)
na ca asya alpena tuṣyanti
und nicht sind sie mit seinem Wenigen zufrieden (Instr./3.Pl.)
kāryam abhyutsahanti ca
und sie unternehmen ein Vorhaben (Akk./3.Pl.Präs.)

kāryam abhyutsahanti ist mehrdeutig (Vorhaben gegen den König / eifriges Betreiben ihrer Sache).

śriyo hi kāraṇād rājā satkriyāṃ labhate parām; sāsya gūhati pāpāni vāso guhyam iva striyāḥ

Um des Glückes willen erlangt der König höchste Ehrung; dieses [Glück] verbirgt seine Sünden, wie ein Gewand das zu Verhüllende einer Frau.

Wort für Wort
śriyaḥ hi kāraṇāt rājā
denn aus Grund des Glücks der König (Gen./Abl./Nom.)
satkriyāṃ labhate parām
erlangt Ehrung, die höchste (Akk./3.Sg.Präs.Med.)
sā asya gūhati pāpāni
sie verbirgt seine Sünden (Nom.Fem./3.Sg./Akk.Pl.)
vāsaḥ guhyam iva striyāḥ
wie ein Gewand das Verborgenzuhaltende einer Frau (Nom./Akk./Gen.)

ṛddhim asyānuvartante purā viprakṛtā janāḥ; śālāvṛkā ivājasraṃ jighāṃsūn iva vindati; īdṛśasya kuto rājñaḥ sukhaṃ bharatasattama

Seinem Wohlstand folgen Leute, die früher von ihm geschädigt wurden, nach, ständig wie Schakale; er findet [sie] gleichsam als Tötungswillige. Woher soll einem solchen König Glück kommen, bester der Bharata?

Wort für Wort
ṛddhim asya anuvartante
seinem Wohlstand folgen sie nach (Akk./Gen./3.Pl.Med.)
purā viprakṛtāḥ janāḥ
früher Geschädigte, Leute (Part.Pass.Nom.Pl.)
śālāvṛkāḥ iva ajasram
wie Schakale, beständig (Nom.Pl./Adv.)
jighāṃsūn iva vindati
findet [sie] gleichsam Tötungswillige (Part.Des.Akk.Pl./3.Sg.)
īdṛśasya kutaḥ rājñaḥ sukham
einem solchen König woher Glück (Gen./Nom.)
bharatasattama
bester der Bharata (Vok.)

Der zweite und dritte Pāda sind syntaktisch unklar (Subjekt von vindati, Bezug des Schakalvergleichs); Wiedergabe mit Vorbehalt [?].

udyacched eva na glāyed udyamo hy eva pauruṣam; apy aparvaṇi bhajyeta na nameteha kasya cit

Man soll sich aufraffen und nicht ermatten, denn Aufraffen ist Mannhaftigkeit; lieber breche man auch an einer Nicht-Gelenkstelle, als dass man sich hier vor irgendjemandem beugte.

Wort für Wort
udyacchet eva na glāyet
aufraffen soll man sich, nicht ermatten (Opt./Opt.)
udyamaḥ hi eva pauruṣam
denn Aufraffen ist Mannhaftigkeit (Nom./Nom.)
api aparvaṇi bhajyeta
auch an einer Nicht-Gelenkstelle möge man brechen (Lok./Opt.Pass.)
na nameta iha kasya cit
man beuge sich nicht hier vor irgendwem (Opt.Med./Dat.)

apy araṇyaṃ samāśritya cared dasyugaṇaiḥ saha; na tv evoddhṛtamaryādair dasyubhiḥ sahitaś caret; dasyūnāṃ sulabhā senā raudrakarmasu bhārata

Auch in den Wald sich flüchtend, mag er mit Räuberscharen umherziehen; doch nie soll er sich mit Räubern zusammentun, die alle Schranken aufgehoben haben. Räubern ist ein Heer bei grausigen Taten leicht zu haben, Bhārata.

Wort für Wort
api araṇyaṃ samāśritya
auch in den Wald sich geflüchtet habend (Akk./Abs.)
caret dasyugaṇaiḥ saha
mag er umherziehen mit Räuberscharen (Opt./Instr.Pl.)
na tu eva uddhṛtamaryādaiḥ dasyubhiḥ sahitaḥ caret
doch nie mit Räubern, deren Schranken aufgehoben sind, verbunden soll er ziehen (Instr.Pl./Nom./Opt.)
dasyūnām sulabhā senā
für Räuber ist ein Heer leicht zu haben (Gen.Pl./Nom.Fem.)
raudrakarmasu bhārata
bei grausigen Taten, Bhārata (Lok.Pl./Vok.)

ekāntena hy amaryādāt sarvo 'py udvijate janaḥ; dasyavo 'py upaśaṅkante niranukrośakāriṇaḥ

Denn vor dem völlig Schrankenlosen schreckt jedermann zurück; auch Räuber beargwöhnen die Erbarmungslos Handelnden.

Wort für Wort
ekāntena hi amaryādāt
denn gänzlich vor dem Schrankenlosen (Instr./Abl.)
sarvaḥ api udvijate janaḥ
jeder Mensch schreckt zurück (Nom./3.Sg.Präs.Med.)
dasyavaḥ api upaśaṅkante
auch Räuber beargwöhnen [sie] (Nom.Pl./3.Pl.Med.)
niranukrośakāriṇaḥ
die Erbarmungslos-Handelnden (Akk.Pl.)

sthāpayed eva maryādāṃ janacittaprasādinīm; alpāpy atheha maryādā loke bhavati pūjitā

Man soll eine Ordnung festsetzen, die das Herz der Menschen erfreut; auch eine kleine Ordnung wird in der Welt hier geehrt.

Wort für Wort
sthāpayet eva maryādām
man soll festsetzen eine Ordnung (Opt.Kaus./Akk.)
janacittaprasādinīm
das Herz der Leute erheiternd (Akk.Fem.)
alpā api atha iha maryādā
auch eine kleine Ordnung hier (Nom.Fem.)
loke bhavati pūjitā
in der Welt wird sie geehrt (Lok./3.Sg./Part.Nom.Fem.)

nāyaṃ loko 'sti na para iti vyavasito janaḥ; nālaṃ gantuṃ ca viśvāsaṃ nāstike bhayaśaṅkini

Der Mensch, der überzeugt ist „Es gibt weder dieses noch ein anderes Jenseits“, ist nicht geeignet, Vertrauen zu finden – bei einem Ungläubigen, der Furcht und Argwohn hegt [?].

Wort für Wort
na ayaṃ lokaḥ asti na paraḥ
nicht gibt es diese Welt, nicht die andere (Nom./3.Sg.)
iti vyavasitaḥ janaḥ
so entschlossen/überzeugt, der Mensch (Part.Nom.Sg.)
na alaṃ gantuṃ ca viśvāsam
nicht geeignet, zu erlangen Vertrauen (Inf./Akk.)
nāstike bhayaśaṅkini
bei einem Ungläubigen, furchtsam-argwöhnisch (Lok.Sg.)

Die Konstruktion des zweiten Halbverses ist unsicher; bhayaśaṅkin kann auch ‚Furcht [bei anderen] erregend/argwöhnend‘ bedeuten.

yathā sadbhiḥ parādānam ahiṃsā dasyubhis tathā; anurajyanti bhūtāni samaryādeṣu dasyuṣu

Wie unter Guten das Wegnehmen fremden Gutes [gemieden ist] und Gewaltlosigkeit [gilt], so auch bei Räubern; die Wesen fassen Zuneigung zu Räubern, die Schranken haben [?].

Wort für Wort
yathā sadbhiḥ parādānam
wie bei Guten das Nehmen von Fremdem (Instr.Pl./Nom.)
ahiṃsā dasyubhiḥ tathā
Gewaltlosigkeit, bei Räubern ebenso (Nom./Instr.Pl.)
anurajyanti bhūtāni
fassen Zuneigung die Wesen (3.Pl.Präs.Pass./Med./Nom.Pl.)
samaryādeṣu dasyuṣu
zu Räubern mit Schranken (Lok.Pl.)

Erster Halbvers elliptisch und im Sinn unsicher.

ayudhyamānasya vadho dārāmarśaḥ kṛtaghnatā; brahmavittasya cādānaṃ niḥśeṣakaraṇaṃ tathā; striyā moṣaḥ paristhānaṃ dasyuṣv etad vigarhitam

Das Töten eines Nichtkämpfenden, das Antasten von Frauen, Undankbarkeit, das Wegnehmen des Brahmanenguts, das Nichts-Übriglassen, der Raub an einer Frau und das Paristhāna [?] – dies ist bei Räubern verpönt.

Wort für Wort
ayudhyamānasya vadhaḥ
das Töten eines Nichtkämpfenden (Gen./Nom.)
dārāmarśaḥ kṛtaghnatā
Antasten von Frauen, Undankbarkeit (Nom.)
brahmavittasya ca ādānam
und das Wegnehmen des Brahmanenguts (Gen./Nom.)
niḥśeṣakaraṇaṃ tathā
ebenso das Nichts-Übriglassen (Nom.)
striyāḥ moṣaḥ paristhānam
Raub an einer Frau, Paristhāna (Gen./Nom./Nom.)
dasyuṣu etat vigarhitam
bei Räubern ist dies verpönt (Lok.Pl./Nom./Part.)

paristhāna unklar (Bedeutung ‚Umstellen/Einschließen‘ o. ä. denkbar); unübersetzt gelassen.

sa eṣa eva bhavati dasyur etāni varjayan; abhisaṃdadhate ye na vināśāyāsya bhārata; naśeṣam evopālabhya na kurvantīti niścayaḥ

Wer dies meidet, wird gerade so [zum rechten] Räuber; jene, die nicht auf sein Verderben sinnen, Bhārata – nachdem sie ihn [ohne Rest] getroffen, tun sie [es] nicht: das ist gewiss [?].

Wort für Wort
sa eṣa eva bhavati dasyuḥ
der wird gerade Räuber (Nom.Sg./3.Sg.Präs.)
etāni varjayan
dies meidend (Akk.Pl./Part.Präs.)
abhisaṃdadhate ye na vināśāya asya bhārata
die nicht auf sein Verderben sinnen, Bhārata (3.Pl.Med./Dat./Gen./Vok.)
na aśeṣam eva upālabhya na kurvanti iti niścayaḥ
nicht ohne Rest ihn erfassend, tun sie [es] nicht – so [ist] die Gewissheit (Abs./3.Pl./Nom.)

Zweiter Halbvers syntaktisch dunkel, evtl. verderbt; Wiedergabe mit Vorbehalt.

tasmāt saśeṣaṃ kartavyaṃ svādhīnam api dasyubhiḥ; na balastho 'ham asmīti nṛśaṃsāni samācaret

Darum soll man einen Rest lassen, selbst wenn Räuber [einem] in eigener Gewalt sind; nicht: „Ich bin mächtig“ [denkend] soll man Grausamkeiten begehen.

Wort für Wort
tasmāt saśeṣaṃ kartavyam
darum ist mit Rest zu handeln (Abl./Gerundiv)
svādhīnam api dasyubhiḥ
auch wenn [es] in eigener Gewalt [ist] gegenüber Räubern (Nom.n./Instr.Pl.)
na balasthaḥ aham asmi iti
nicht: ‚ich bin mächtig‘ – so [denkend] (Nom./1.Sg.)
nṛśaṃsāni samācaret
Grausamkeiten soll man begehen (Akk.Pl./Opt.)

svādhīnam api dasyubhiḥ syntaktisch unsicher.

saśeṣakāriṇas tāta śeṣaṃ paśyanti sarvataḥ; niḥśeṣakāriṇo nityam aśeṣakaraṇād bhayam

Die einen Rest lassen, Lieber, sehen ringsum Rest [übrig]; für die aber, die nichts übrig lassen, besteht stets Furcht, weil [sie] nichts übrig lassen.

Wort für Wort
saśeṣakāriṇaḥ tāta
die mit Rest Handelnden, Lieber (Nom.Pl./Vok.)
śeṣaṃ paśyanti sarvataḥ
sehen Rest ringsum (Akk./3.Pl./Adv.)
niḥśeṣakāriṇaḥ nityam
für die ohne Rest Handelnden stets (Gen.Pl./Adv.)
aśeṣakaraṇāt bhayam
aus dem Nichts-Übriglassen Furcht (Abl./Nom.)

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