Kapitel 111: durgātitaraṇa
Wer die Unwegsamkeiten überwindet: Lebensweisen und Hingabe an Nārāyaṇa
Yudhiṣṭhira fragt nach dem Mittel, die Bedrängnisse und Unwegsamkeiten des Daseins zu überwinden. Bhīṣma antwortet mit einer langen Reihung von Verhaltensweisen, jeweils mit dem Refrain „sie überwinden die Unwegsamkeiten“, und schließt mit der Hingabe an Nārāyaṇa-Kṛṣṇa.
yudhiṣṭhira uvāca; kliśyamāneṣu bhūteṣu tais tair bhāvais tatas tataḥ; durgāṇy atitared yena tan me brūhi pitāmaha
Yudhiṣṭhira sprach: „Da die Wesen durch dieses und jenes Ergehen hier und dort bedrängt werden: Sage mir, Großvater, wodurch man die Unwegsamkeiten überwinden kann.“
Wort für Wort
yudhiṣṭhira uvāca
Yudhiṣṭhira sprach (Perf.)
kliśyamāneṣu bhūteṣu
unter den bedrängten Wesen (Lok. Pl., Part. Pass.)
tais tair bhāvais tatas tataḥ
durch jene und jene Zustände, von da und da (Instr. Pl.; Adv.)
durgāṇy atitaret
man möge die Unwegsamkeiten überwinden (Akk. Pl.; Opt. 3.Sg.)
bhīṣma uvāca; āśrameṣu yathokteṣu yathoktaṃ ye dvijātayaḥ; vartante saṃyatātmāno durgāṇy atitaranti te
Bhīṣma sprach: „Die Zweimalgeborenen, die in den Lebensstufen, wie sie gelehrt sind, so wie es gelehrt ist, mit gezügeltem Selbst verweilen, überwinden die Unwegsamkeiten.“
Wort für Wort
bhīṣma uvāca
Bhīṣma sprach (Perf.)
āśrameṣu yathokteṣu
in den Lebensstufen, wie sie gelehrt sind (Lok. Pl.)
yathoktaṃ ye dvijātayaḥ
wie gelehrt, welche Zweimalgeborenen (Adv.; Nom. Pl.)
vartante saṃyatātmānaḥ
verweilen, mit gezügeltem Selbst (3.Pl. Med.; Nom. Pl., Bahuvrīhi)
durgāṇy atitaranti te
die Unwegsamkeiten überwinden sie (Akk. Pl.; 3.Pl. Präs.)
ye dambhān na japanti sma yeṣāṃ vṛttiś ca saṃvṛtā; viṣayāṃś ca nigṛhṇanti durgāṇy atitaranti te
Die, die nicht aus Heuchelei Gebete murmelten, deren Lebensunterhalt verborgen [bescheiden] ist und die die Sinnesgegenstände bezwingen, überwinden die Unwegsamkeiten.
Wort für Wort
ye dambhān na japanti sma
die aus Heuchelei nicht murmeln (Abl.; Präs. + sma, Vergangenheitssinn)
yeṣāṃ vṛttiś ca saṃvṛtā
und deren Lebensunterhalt verborgen ist (Gen. Pl.; Nom. Sg. f., Part.)
viṣayāṃś ca nigṛhṇanti
und die Sinnesgegenstände bezwingen (Akk. Pl.; 3.Pl.)
pratyāhur nocyamānā ye na hiṃsanti ca hiṃsitāḥ; prayacchanti na yācante durgāṇy atitaranti te
Die, die auf Anrede nicht [zornig] antworten, die nicht verletzen, auch wenn sie verletzt wurden, die geben und nicht bitten, überwinden die Unwegsamkeiten.
Wort für Wort
pratyāhur nocyamānā ye
die nicht antworten, wenn zu ihnen gesprochen wird (Perf. 3.Pl.; Part. Pass.)
na hiṃsanti ca hiṃsitāḥ
und nicht verletzen, [obwohl] verletzt (3.Pl.; Part. Pass.)
prayacchanti na yācante
geben, bitten nicht (3.Pl.; 3.Pl. Med.)
durgāṇy atitaranti te
die Unwegsamkeiten überwinden sie (3.Pl.)
Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert).
vāsayanty atithīn nityaṃ nityaṃ ye cānasūyakāḥ; nityaṃ svādhyāyaśīlāś ca durgāṇy atitaranti te
Die, die stets Gäste beherbergen, die stets ohne Missgunst sind und die stets dem Selbststudium [Veda-Rezitation] zugetan sind, überwinden die Unwegsamkeiten.
Die, die sich bei ihren eigenen Frauen [nur] in rechtmäßigem Verhalten, zu jeder Jahreszeit [der Empfängnis] verhalten und, gut, dem Agnihotra ergeben sind, überwinden die Unwegsamkeiten.
Wort für Wort
sveṣu dāreṣu vartante
bei den eigenen Frauen verhalten sich (Lok. Pl.; 3.Pl. Med.)
nyāyavṛtteṣv ṛtāv ṛtau
im rechtmäßigen Verhalten, jeweils zur Fruchtzeit (Lok. Pl.; Lok. Sg. distributiv)
agnihotraparāḥ santaḥ
dem Agnihotra ergeben, gute [Männer] (Nom. Pl.)
durgāṇy atitaranti te
die Unwegsamkeiten überwinden sie (3.Pl.)
ṛtāv ṛtau: jeweils in der fruchtbaren Zeit (Deutung).
ye na lobhān nayanty arthān rājāno rajasāvṛtāḥ; viṣayān parirakṣanto durgāṇy atitaranti te
Die Könige, die, von Leidenschaft [Rajas] umhüllt, aus Gier keine Angelegenheiten [Güter] herbeiführen [an sich reißen] und ihre Länder [Herrschaftsbereiche] beschützen, überwinden die Unwegsamkeiten.
Wort für Wort
ye na lobhān nayanty arthān
die nicht aus Gier Güter an sich bringen (Abl.; 3.Pl.; Akk. Pl.)
rājāno rajasāvṛtāḥ
Könige, von Rajas umhüllt (Nom. Pl.; Part. Pass.)
viṣayān parirakṣantaḥ
die Herrschaftsgebiete schützend (Akk. Pl.; Part. Präs.)
durgāṇy atitaranti te
die Unwegsamkeiten überwinden sie (3.Pl.)
arthān nayanti: Sinn „Güter/Belange an sich bringen“; Lesart mit Vorbehalt.
āhaveṣu ca ye śūrās tyaktvā maraṇajaṃ bhayam; dharmeṇa jayam icchanto durgāṇy atitaranti te
Und die, die in Schlachten tapfer sind, die aus Todesfurcht Entstandene abgelegt haben und durch Dharma den Sieg wünschen, überwinden die Unwegsamkeiten.
Wort für Wort
āhaveṣu ca ye śūrāḥ
und die in Schlachten Helden sind (Lok. Pl.; Nom. Pl.)
tyaktvā maraṇajaṃ bhayam
nachdem sie die aus dem Tod geborene Furcht abgelegt haben (Abs.; Akk. Sg.)
dharmeṇa jayam icchantaḥ
durch Dharma den Sieg wünschend (Instr.; Akk.; Part. Präs.)
ye vadantīha satyāni prāṇatyāge 'py upasthite; pramāṇabhūtā bhūtānāṃ durgāṇy atitaranti te
Die, die hier Wahres sprechen, auch wenn der Verlust des Lebens bevorsteht, die den Wesen zum Maßstab [Vertrauensmaß] geworden sind, überwinden die Unwegsamkeiten.
Wort für Wort
ye vadantīha satyāni
die hier Wahres sprechen (3.Pl.; Akk. Pl. n.)
prāṇatyāge 'py upasthite
auch wenn der Lebensverlust bevorsteht (Lok. abs.)
pramāṇabhūtā bhūtānām
zum Maßstab geworden für die Wesen (Nom. Pl.; Gen. Pl.)
anadhyāyeṣu ye viprāḥ svādhyāyaṃ naiva kurvate; taponityāḥ sutapaso durgāṇy atitaranti te
Die Brahmanen, die an den Nicht-Lesetagen das Selbststudium keineswegs betreiben, stets der Askese ergeben, von guter Askese, überwinden die Unwegsamkeiten.
Wort für Wort
anadhyāyeṣu ye viprāḥ
an den Tagen ohne Veda-Studium, die Brahmanen (Lok. Pl.; Nom. Pl.)
ye ca saṃśāntarajasaḥ saṃśāntatamasaś ca ye; satye sthitā mahātmāno durgāṇy atitaranti te
Und die, deren Rajas völlig beruhigt ist und deren Tamas völlig beruhigt ist, die Großgesinnten, die in der Wahrheit stehen, überwinden die Unwegsamkeiten.
Wort für Wort
ye ca saṃśāntarajasaḥ
und die, deren Rajas beruhigt ist (Nom. Pl., Bahuvrīhi)
saṃśāntatamasaś ca ye
und deren Tamas beruhigt ist (Nom. Pl.)
satye sthitā mahātmānaḥ
in der Wahrheit stehend, Großgesinnte (Lok.; Nom. Pl.)
yeṣāṃ na kaś cit trasati trasanti na ca kasya cit; yeṣām ātmasamo loko durgāṇy atitaranti te
Die, vor denen niemand erschrickt und die vor niemandem erschrecken, deren Welt [Weltbild] dem eigenen Selbst gleich ist, überwinden die Unwegsamkeiten.
Wort für Wort
yeṣāṃ na kaś cit trasati
vor denen niemand erschrickt (Gen. Pl.; Nom. Sg.; 3.Sg.)
trasanti na ca kasya cit
und sie erschrecken nicht vor irgendwem (3.Pl.; Gen. Sg.)
yeṣām ātmasamo lokaḥ
deren Welt dem Selbst gleich ist (Gen. Pl.; Nom. Sg., Tatpuruṣa)
paraśriyā na tapyante ye santaḥ puruṣarṣabhāḥ; grāmyād annān nivṛttāś ca durgāṇy atitaranti te
Die guten Männer, Stiere unter den Menschen, die sich über fremdes Glück nicht grämen und sich von gewöhnlicher [dörflicher] Speise abgewandt haben, überwinden die Unwegsamkeiten.
Wort für Wort
paraśriyā na tapyante
über fremdes Glück grämen sich nicht (Instr. Sg.; 3.Pl. Pass.)
ye santaḥ puruṣarṣabhāḥ
die Guten, Stiere unter den Männern (Nom. Pl.)
grāmyād annān nivṛttāś ca
und von gewöhnlicher Speise abgewandt (Abl.; Nom. Pl., Part.)
durgāṇy atitaranti te
die Unwegsamkeiten überwinden sie (3.Pl.)
grāmyād annāt: eher „von gemeiner/weltlicher Speise“; Deutung unsicher [?].
yātrārthaṃ bhojanaṃ yeṣāṃ saṃtānārthaṃ ca maithunam; vāk satyavacanārthāya durgāṇy atitaranti te
Die, deren Essen dem Lebensunterhalt dient, deren Beischlaf der Nachkommenschaft, und deren Rede dem Aussprechen der Wahrheit, überwinden die Unwegsamkeiten.
Wort für Wort
yātrārthaṃ bhojanaṃ yeṣām
zum Lebensunterhalt das Essen, deren (Adv./Nom. Sg. n.; Gen. Pl.)
saṃtānārthaṃ ca maithunam
und zur Nachkommenschaft der Beischlaf (Nom. Sg. n.)
vāk satyavacanārthāya
die Rede zum Aussprechen von Wahrheit (Nom. Sg. f.; Dat. Sg.)
asminn arpitakarmāṇaḥ sarvabhāvena bhārata; kṛṣṇe kamalapatrākṣe durgāṇy atitaranti te; lokarakṣārtham utpannam adityāṃ kaśyapātmajam; devam indraṃ namasyanti durgāṇy atitaranti te; brahmāṇaṃ lokakartāraṃ ye namasyanti satpatim; yaṣṭavyaṃ kratubhir devaṃ durgāṇy atitaranti te; yaṃ viṣṇur indraḥ śaṃbhuś ca brahmā lokapitāmahaḥ; stuvanti vividhaiḥ stotrair devadevaṃ maheśvaram; tam arcayanti ye śaśvad durgāṇy atitaranti te
Die, die in ihn alle Werke niedergelegt haben, mit ganzem Wesen, Bhārata, in Kṛṣṇa, den Lotusblatt-Äugigen, überwinden die Unwegsamkeiten. Den zum Schutz der Welt Geborenen, Sohn Kaśyapas von Aditi, den Gott Indra, verehren sie – sie überwinden die Unwegsamkeiten. Die Brahmā, den Weltenschöpfer, den Herrn der Guten, den durch Opfer zu verehrenden Gott verehren, überwinden die Unwegsamkeiten. Den, den Viṣṇu, Indra, Śambhu und Brahmā, der Großvater der Welt, mit mannigfachen Preisliedern preisen, den Gott der Götter, den großen Herrn: wer ihn stets verehrt, überwindet die Unwegsamkeiten.
Wort für Wort
asminn arpitakarmāṇaḥ sarvabhāvena bhārata
in ihn Werke niedergelegt habend, mit ganzem Wesen, Bhārata (Lok.; Nom. Pl.; Instr.; Vok.)
kṛṣṇe kamalapatrākṣe
in Kṛṣṇa, den Lotusblatt-Äugigen (Lok. Sg.)
durgāṇy atitaranti te
die Unwegsamkeiten überwinden sie (3.Pl.)
lokarakṣārtham utpannam
zum Schutz der Welt entstanden (Adv./Akk.; Part. Pass.)
adityāṃ kaśyapātmajam
von Aditi, Sohn des Kaśyapa (Lok. Sg.; Akk. Sg.)
devam indraṃ namasyanti
den Gott Indra verehren sie (Akk.; 3.Pl.)
brahmāṇaṃ lokakartāram
Brahmā, den Weltenschöpfer (Akk. Sg.)
ye namasyanti satpatim
die den Herrn der Guten verehren (3.Pl.; Akk.)
yaṣṭavyaṃ kratubhir devam
den durch Opfer zu verehrenden Gott (Gerundiv; Instr. Pl.; Akk.)
yaṃ viṣṇur indraḥ śaṃbhuś ca brahmā lokapitāmahaḥ
den Viṣṇu, Indra, Śambhu und Brahmā, der Weltengroßvater (Nom. Sg.)
stuvanti vividhaiḥ stotrair
preisen mit mannigfachen Preisliedern (3.Pl.; Instr. Pl.)
devadevaṃ maheśvaram
den Gott der Götter, den großen Herrn (Akk. Sg.)
tam arcayanti ye śaśvad durgāṇy atitaranti te
ihn verehren, die stets [ihn verehren], die Unwegsamkeiten überwinden sie (Akk.; 3.Pl.; Adv.)
Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert). Zusatzpassage (star). Die Aussage über Indra und Brahmā als Objekte der Verehrung steht neben Viṣṇu/Kṛṣṇa; Bezug von maheśvaram (Śiva oder allgemein „großer Herr“) unsicher [?].
iti kṛtyasamuddeśaḥ kīrtitas te mayānagha; saṃtared yena durgāṇi paratreha ca mānavaḥ
So ist dir, Makelloser, von mir die Bestimmung des Zu-Tuenden verkündet worden, wodurch ein Mensch die Unwegsamkeiten hier und im Jenseits überwinden kann.
Wort für Wort
iti kṛtyasamuddeśaḥ
so die Zusammenfassung des Zu-Tuenden (Adv.; Nom. Sg.)
kīrtitas te mayānagha
verkündet dir von mir, Makelloser (Part. Pass.; Dat./Gen.; Instr.; Vok.)
saṃtared yena durgāṇi
man möge überwinden, wodurch die Unwegsamkeiten (Opt. 3.Sg.; Instr.; Akk. Pl.)