Quellen der Menschheit

Mahābhārata · Śāntiparva

Kapitel 140: dasyumaryādā-rājadharmopadeśaḥ Verstand, Strenge und Schranke gegen Räuber: Unterweisung im Königsdharma

Yudhiṣṭhira zweifelt an der Härte des Königsdharma; Bhīṣma antwortet mit der Vielfalt der Einsicht im Dharma, der Notwendigkeit der Strenge (Śakras Lehre) und dem Dienst an den Brahmanen. Der Text ist stellenweise dunkel oder verderbt.

yudhiṣṭhira uvāca; yad idaṃ ghoram uddiṣṭam aśraddheyam ivānṛtam; asti svid dasyumaryādā yām ahaṃ parivarjaye

Yudhiṣṭhira sprach: „Dieses Furchtbare, das da dargelegt wurde, gleichsam Unglaubliches, Unwahres – gibt es etwa eine Räuber-Schranke [dasyumaryādā], die ich meiden könnte?“

Wort für Wort
yudhiṣṭhira uvāca
Yudhiṣṭhira sprach (Perf.)
yad idaṃ ghoram uddiṣṭam
was dieses Furchtbare, Dargelegte (Nom./Part. Pass.)
aśraddheyam ivānṛtam
gleichsam Unglaubliches, Unwahres (Nom. n.)
asti svid dasyumaryādā
gibt es wohl eine Räuber-Schranke (3.Sg.Präs./Nom. f.)
yām ahaṃ parivarjaye
die ich meiden möge (Akk. f./1.Sg.Opt.)

Sinn von dasyumaryādā (Grenze, die Räuber setzen / Regel gegenüber Räubern) unsicher.

saṃmuhyāmi viṣīdāmi dharmo me śithilīkṛtaḥ; udyamaṃ nādhigacchāmi kutaś cit paricintayan

Ich bin verwirrt, ich bin niedergeschlagen, meine Pflicht ist mir gelockert; Tatkraft finde ich nicht, wenn ich von irgendeiner Seite her nachsinne.

Wort für Wort
saṃmuhyāmi viṣīdāmi
ich bin verwirrt, ich sinke nieder (1.Sg.Präs.)
dharmo me śithilīkṛtaḥ
die Pflicht ist mir gelockert (Nom./Gen.-Dat./Part. Pass.)
udyamaṃ nādhigacchāmi
Tatkraft erlange ich nicht (Akk./1.Sg.Präs.)
kutaś cit paricintayan
von irgendwoher nachsinnend (Adv./Part. Präs. Nom.)

bhīṣma uvāca; naitac chuddhāgamād eva tava dharmānuśāsanam; prajñāsamavatāro 'yaṃ kavibhiḥ saṃbhṛtaṃ madhu

Bhīṣma sprach: „Diese deine Unterweisung im Dharma beruht nicht allein auf reiner Überlieferung; sie ist die Herabkunft der Einsicht, ein von Dichtern [Weisen] gesammelter Honig.“

Wort für Wort
bhīṣma uvāca
Bhīṣma sprach (Perf.)
naitac chuddhāgamād eva
nicht dies allein aus reiner Überlieferung (Abl.)
tava dharmānuśāsanam
deine Dharma-Unterweisung (Gen./Nom. n.)
prajñāsamavatāro 'yam
dies ist die Herabkunft der Einsicht (Nom. m.)
kavibhiḥ saṃbhṛtaṃ madhu
von Dichtern gesammelter Honig (Instr. Pl./Part. Pass. Nom. n.)

bahvyaḥ pratividhātavyāḥ prajñā rājñā tatas tataḥ; naikaśākhena dharmeṇa yātraiṣā saṃpravartate

Viele Einsichten sind vom König hier und dort [je nach Lage] anzuwenden; nicht mit einem einzigen Zweig des Dharma vollzieht sich dieser Lebensgang.

Wort für Wort
bahvyaḥ pratividhātavyāḥ prajñā
viele Einsichten sind anzuwenden (Nom. Pl. f./Gerundiv)
rājñā tatas tataḥ
vom König, je von dort und dort (Instr./Adv.)
naikaśākhena dharmeṇa
nicht durch ein Dharma mit nur einem Zweig (Instr.)
yātraiṣā saṃpravartate
dieser Lebensgang kommt in Gang (Nom. f./3.Sg.Präs. Med.)

buddhisaṃjananaṃ rājñāṃ dharmam ācaratāṃ sadā; jayo bhavati kauravya tadā tad viddhi me vacaḥ

Verstand erzeugend ist es für Könige, die stets das Dharma üben; dann entsteht Sieg, Kauravya – das wisse als mein Wort.

Wort für Wort
buddhisaṃjananaṃ rājñām
Verstand erzeugend für Könige (Nom. n./Gen. Pl.)
dharmam ācaratāṃ sadā
die stets Dharma üben (Akk./Part. Präs. Gen. Pl.)
jayo bhavati kauravya
Sieg entsteht, Kauravya (Nom./3.Sg.Präs./Vok.)
tadā tad viddhi me vacaḥ
dann: das wisse als mein Wort (Adv./Imp./Akk. n.)

Bezug von „tadā“ und Syntax der zweiten Vershälfte etwas locker.

buddhiśreṣṭhā hi rājāno jayanti vijayaiṣiṇaḥ; dharmaḥ pratividhātavyo buddhyā rājñā tatas tataḥ

Denn die Könige, die durch Verstand die Besten sind, siegen, nach Sieg strebend; das Dharma ist vom König durch Verstand je nach Lage anzupassen.

Wort für Wort
buddhiśreṣṭhā hi rājāno
denn Könige, im Verstand die besten (Nom. Pl.)
jayanti vijayaiṣiṇaḥ
sie siegen, nach Sieg strebend (3.Pl.Präs./Nom. Pl.)
dharmaḥ pratividhātavyo
das Dharma ist anzupassen (Nom./Gerundiv)
buddhyā rājñā tatas tataḥ
durch Verstand vom König, je nach Lage (Instr./Instr./Adv.)

naikaśākhena dharmeṇa rājñāṃ dharmo vidhīyate; durbalasya kutaḥ prajñā purastād anudāhṛtā

Nicht mit einem Dharma von nur einem Zweig wird das Dharma der Könige bestimmt; wie [sollte] der Schwache Einsicht [haben]? Zuvor [ist es] nicht dargelegt worden.

Wort für Wort
naikaśākhena dharmeṇa
nicht durch ein einästiges Dharma (Instr.)
rājñāṃ dharmo vidhīyate
das Dharma der Könige wird festgelegt (Gen. Pl./Nom./3.Sg.Präs. Pass.)
durbalasya kutaḥ prajñā
beim Schwachen: woher Einsicht? (Gen./Interrog./Nom. f.)
purastād anudāhṛtā
zuvor nicht dargelegt (Adv./Part. Pass. Nom. f.)

Zweite Vershälfte syntaktisch unsicher.

advaidhajñaḥ pathi dvaidhe saṃśayaṃ prāptum arhati; buddhidvaidhaṃ veditavyaṃ purastād eva bhārata

Wer die Zweiteilung nicht kennt, kann auf einem Weg der Zwiespältigkeit in Zweifel geraten; die Zwiespältigkeit des Verstandes ist im Voraus zu erkennen, Bhārata.

Wort für Wort
advaidhajñaḥ pathi dvaidhe
wer Zwiespalt nicht kennt, auf einem Weg im Zwiespalt (Nom./Lok.)
saṃśayaṃ prāptum arhati
kann in Zweifel geraten (Akk./Inf./3.Sg.Präs.)
buddhidvaidhaṃ veditavyaṃ
die Verstandes-Zwiespältigkeit ist zu erkennen (Nom./Gerundiv)
purastād eva bhārata
gerade im Voraus, Bhārata (Adv./Vok.)

pārśvataḥkaraṇaṃ prajñā viṣūcī tv āpagā iva; janas tūccāritaṃ dharmaṃ vijānāty anyathānyathā

Einsicht ist ein Seitwärtshandeln [Abwandeln], doch wie ein Fluss, der sich nach allen Seiten hin ergießt; die Leute erfassen das ausgesprochene Dharma jeweils so und so anders.

Wort für Wort
pārśvataḥkaraṇaṃ prajñā
Einsicht ist ein Zur-Seite-Machen (Nom. n./Nom. f.)
viṣūcī tv āpagā iva
doch nach allen Seiten gehend, wie ein Fluss (Nom. f./Nom. f.)
janas tūccāritaṃ dharmaṃ
das Volk – das ausgesprochene Dharma (Nom./Part. Pass. Akk.)
vijānāty anyathānyathā
erfasst so und anders (3.Sg.Präs./Adv.)

pārśvataḥkaraṇam: Bedeutung [?], wörtlich „Seitwärts-Machen“.

samyag vijñāninaḥ ke cin mithyāvijñānino 'pare; tad vai yathātathaṃ buddhvā jñānam ādadate satām

Die einen haben rechte Erkenntnis, andere falsche; wer dies wirklich, so wie es ist, erkennt, nimmt das Wissen der Guten an.

Wort für Wort
samyag vijñāninaḥ ke cin
manche mit rechter Erkenntnis (Adv./Nom. Pl.)
mithyāvijñānino 'pare
andere mit falscher Erkenntnis (Nom. Pl.)
tad vai yathātathaṃ buddhvā
das wahrlich wie es ist erkennend (Abs.)
jñānam ādadate satām
nehmen das Wissen der Guten an (Akk./3.Pl.Präs. Med./Gen. Pl.)

parimuṣṇanti śāstrāṇi dharmasya paripanthinaḥ; vaiṣamyam arthavidyānāṃ nairarthyāt khyāpayanti te

Sie plündern die Lehrwerke, die Lauerer auf dem Weg des Dharma; die Uneinheitlichkeit der Wissenschaften vom Nutzen verkünden sie wegen [deren] Nutzlosigkeit.

Wort für Wort
parimuṣṇanti śāstrāṇi
sie plündern die Lehrwerke (3.Pl.Präs./Akk. Pl.)
dharmasya paripanthinaḥ
Wegelagerer des Dharma (Gen./Nom. Pl.)
vaiṣamyam arthavidyānām
die Ungleichheit der Nutzenlehren (Akk./Gen. Pl.)
nairarthyāt khyāpayanti te
wegen Nutzlosigkeit verkünden sie (Abl./3.Pl.Kaus.)

ājijīviṣavo vidyāṃ yaśaskāmāḥ samantataḥ; te sarve narapāpiṣṭhā dharmasya paripanthinaḥ

Sie, die von Wissen leben wollen und überall nach Ruhm gieren – alle sind sie die schlimmsten der Menschen, Wegelagerer des Dharma.

Wort für Wort
ājijīviṣavo vidyām
vom Wissen leben wollend (Nom. Pl./Akk.)
yaśaskāmāḥ samantataḥ
ruhmbegierig überall (Nom. Pl./Adv.)
te sarve narapāpiṣṭhā
diese alle, schlimmste unter Menschen (Nom. Pl.)
dharmasya paripanthinaḥ
Wegelagerer des Dharma (Gen./Nom. Pl.)

apakvamatayo mandā na jānanti yathātatham; sadā hy aśāstrakuśalāḥ sarvatrāpariniṣṭhitāḥ

Unreifen Verstandes, dumm, wissen sie nicht, wie es wirklich ist; stets sind sie in den Lehrwerken ungeschickt und nirgends gefestigt.

Wort für Wort
apakvamatayo mandā
unreifen Sinnes, dumm (Nom. Pl.)
na jānanti yathātatham
sie wissen nicht, wie es ist (3.Pl.Präs./Adv.)
sadā hy aśāstrakuśalāḥ
denn stets in den Lehrwerken unkundig (Adv./Nom. Pl.)
sarvatrāpariniṣṭhitāḥ
überall nicht gefestigt (Adv./Part. Nom. Pl.)

parimuṣṇanti śāstrāṇi śāstradoṣānudarśinaḥ; vijñānam atha vidyānāṃ na samyag iti vartate

Sie plündern die Lehrwerke, indem sie [nur] die Fehler der Lehrwerke sehen; „die Erkenntnis der Wissenschaften ist nicht recht“, so lautet [ihr Urteil].

Wort für Wort
parimuṣṇanti śāstrāṇi
sie plündern die Lehrwerke (3.Pl.Präs.)
śāstradoṣānudarśinaḥ
die Fehler der Lehrwerke Sehende (Nom. Pl.)
vijñānam atha vidyānām
die Erkenntnis der Wissenschaften (Nom. n./Gen. Pl.)
na samyag iti vartate
„nicht recht“, so verhält es sich (Adv./3.Sg.Präs.)

Zweite Vershälfte im Sinn unsicher [?].

nindayā paravidyānāṃ svāṃ vidyāṃ khyāpayanti ye; vāgastrā vākchurīmattvā dugdhavidyāphalā iva; tān vidyāvaṇijo viddhi rākṣasān iva bhārata

Die durch Tadel fremder Wissenschaften die eigene verkünden – Wortwaffen, Wortmesser tragend, [ihre] Wissensfrucht gleichsam ausgemolken [?] –, diese Wissenshändler halte für gleichsam Rākṣasas, Bhārata.

Wort für Wort
nindayā paravidyānām
durch Tadel fremder Wissenschaften (Instr./Gen. Pl.)
svāṃ vidyāṃ khyāpayanti ye
die eigene Wissenschaft verkünden, welche (Akk./3.Pl.Kaus./Nom. Pl.)
vāgastrā vākchurīmattvā
Wortwaffen, Wortmesser besitzend (Nom. Pl.)
dugdhavidyāphalā iva
gleichsam mit ausgemolkener Wissensfrucht (Nom. Pl.)
tān vidyāvaṇijo viddhi
diese Wissenshändler wisse (Akk./Imp.)
rākṣasān iva bhārata
wie Rākṣasas, Bhārata (Akk. Pl./Vok.)

vākchurīmattvā und dugdhavidyāphalā: Text vermutlich verderbt, Wiedergabe unsicher.

vyājena kṛtsno vidito dharmas te parihāsyate; na dharmavacanaṃ vācā na buddhyā ceti naḥ śrutam

Durch einen Vorwand [Trick] wird dir das ganze erkannte Dharma verloren gehen; Dharma-Rede [gelingt] weder durch bloße Rede noch durch [bloßen] Verstand, so haben wir gehört.

Wort für Wort
vyājena kṛtsno vidito
durch Vorwand das ganz Erkannte (Instr./Nom. m.)
dharmas te parihāsyate
das Dharma wird dir entgehen (Nom./Dat./3.Sg.Fut. Pass.)
na dharmavacanaṃ vācā
nicht die Dharma-Aussage durch Rede (Nom. n./Instr.)
na buddhyā ceti naḥ śrutam
und nicht durch Verstand, so ist von uns gehört (Instr./Part. Nom. n.)

Zweite Vershälfte knapp und unsicher [?].

iti bārhaspataṃ jñānaṃ provāca maghavā svayam; na tv eva vacanaṃ kiṃ cid animittād ihocyate

So hat Maghavan [Indra] selbst die Erkenntnis des Bṛhaspati verkündet; doch wird hier keine Aussage ohne Grund gesprochen.

Wort für Wort
iti bārhaspataṃ jñānaṃ
so das Bṛhaspati-Wissen (Akk. n.)
provāca maghavā svayam
verkündete Maghavan selbst (Perf./Nom.)
na tv eva vacanaṃ kiṃ cid
doch keine Aussage irgendwie (Nom. n.)
animittād ihocyate
ohne Grund hier gesprochen (Abl./3.Sg.Präs. Pass.)

svavinītena śāstreṇa vyavasyanti tathāpare; lokayātrām ihaike tu dharmam āhur manīṣiṇaḥ

Nach dem eigenen, geschulten Lehrwerk entscheiden andere; manche Weise hier nennen aber den Weltlauf das Dharma.

Wort für Wort
svavinītena śāstreṇa
durch das selbst geschulte Lehrwerk (Instr.)
vyavasyanti tathāpare
entscheiden, ebenso andere (3.Pl.Präs./Nom. Pl.)
lokayātrām ihaike tu
den Weltlauf hier aber manche (Akk./Nom. Pl.)
dharmam āhur manīṣiṇaḥ
nennen Dharma, die Weisen (Akk./3.Pl.Perf./Nom. Pl.)

samuddiṣṭaṃ satāṃ dharmaṃ svayam ūhen na paṇḍitaḥ; amarṣāc chāstrasaṃmohād avijñānāc ca bhārata

Ein Gelehrter soll das dargelegte Dharma der Guten nicht selbst [neu] erschließen – aus Unduldsamkeit, aus Verwirrung über die Lehrwerke und aus Nichtwissen, Bhārata.

Wort für Wort
samuddiṣṭaṃ satāṃ dharmaṃ
das dargelegte Dharma der Guten (Part. Akk./Gen. Pl./Akk.)
svayam ūhen na paṇḍitaḥ
selbst erschließen soll nicht der Gelehrte (Adv./3.Sg.Opt./Nom.)
amarṣāc chāstrasaṃmohād
aus Unduldsamkeit, aus Lehrwerk-Verwirrung (Abl.)
avijñānāc ca bhārata
und aus Nichterkenntnis, Bhārata (Abl./Vok.)

Bezug der Ablative (Grund für Fehlschluss) etwas offen.

śāstraṃ prājñasya vadataḥ samūhe yāty adarśanam; āgatāgamayā buddhyā vacanena praśasyate

Das Lehrwerk verschwindet [sichtbar] beim redenden Klugen in der Versammlung; durch eine Einsicht mit überkommener Überlieferung wird er in der Rede gepriesen.

Wort für Wort
śāstraṃ prājñasya vadataḥ
das Lehrwerk beim Klugen, der spricht (Nom./Gen./Part. Gen.)
samūhe yāty adarśanam
in der Versammlung geht in Unsichtbarkeit (Lok./3.Sg.Präs./Akk.)
āgatāgamayā buddhyā
durch Einsicht mit überkommener Überlieferung (Instr. f.)
vacanena praśasyate
durch Rede wird er gepriesen (Instr./3.Sg.Präs. Pass.)

Sinn unsicher [?].

ajñānāj jñānahetutvād vacanaṃ sādhu manyate; anapāhatam evedaṃ nedaṃ śāstram apārthakam

Aus Unwissen, weil es Ursache von Wissen ist, hält man die Aussage für gut; unwiderlegt ist dies, dieses Lehrwerk ist nicht zwecklos.

Wort für Wort
ajñānāj jñānahetutvād
aus Nichtwissen, wegen Wissens-Ursächlichkeit (Abl.)
vacanaṃ sādhu manyate
die Aussage hält man für gut (Akk./3.Sg.Präs. Med.)
anapāhatam evedaṃ
unwiderlegt eben dies (Part. Nom. n.)
nedaṃ śāstram apārthakam
nicht dieses Lehrwerk zwecklos (Nom. n.)

Verderbt oder sehr elliptisch [?].

daiteyān uśanāḥ prāha saṃśayacchedane purā; jñānam avyapadeśyaṃ hi yathā nāsti tathaiva tat

Uśanas sprach einst zu den Daiteyas bei der Beseitigung des Zweifels: „Wissen ist nicht zu bezeichnen; wie es nicht ist, so ist es eben.“

Wort für Wort
daiteyān uśanāḥ prāha
zu den Daiteyas sprach Uśanas (Akk. Pl./Nom./Perf.)
saṃśayacchedane purā
bei der Zweifelsbeseitigung einst (Lok./Adv.)
jñānam avyapadeśyaṃ hi
Wissen ist nicht bezeichenbar (Nom./Gerundiv)
yathā nāsti tathaiva tat
wie es nicht ist, so eben das (3.Sg.Präs.)

Zitat-Ende und Sinn unsicher [?].

tena tvaṃ chinnamūlena kaṃ toṣayitum arhasi; atathyavihitaṃ yo vā nedaṃ vākyam upāśnuyāt

Wen willst du damit, [mit] abgeschnittener Wurzel, zufriedenstellen? Oder wer könnte diese unwahr gefügte Rede erreichen [?]

Wort für Wort
tena tvaṃ chinnamūlena
damit, du, mit abgeschnittener Wurzel (Instr./Nom./Instr.)
kaṃ toṣayitum arhasi
wen zufriedenzustellen vermagst du (Akk./Inf./2.Sg.Präs.)
atathyavihitaṃ yo vā
oder wer das unwahr Eingerichtete (Part. Akk./Nom.)
nedaṃ vākyam upāśnuyāt
nicht diese Rede erreichen möge (Akk./3.Sg.Opt.)

Verderbter Vers, Wiedergabe unsicher.

ugrāyaiva hi sṛṣṭo 'si karmaṇe na tv avekṣase; aṅgemām anvavekṣasva rājanītiṃ bubhūṣitum; yayā pramucyate tv anyo yadarthaṃ ca pramodate

Du bist ja zu grausamem Werk erschaffen, doch du achtest [darauf] nicht; wohlan, betrachte diese Königspolitik, um [Herrscher] zu sein – [die Politik], durch die ein anderer befreit wird und derentwegen er sich freut [?].

Wort für Wort
ugrāyaiva hi sṛṣṭo 'si
denn zum Grausamen eben bist du geschaffen (Dat./Part. Nom./2.Sg.)
karmaṇe na tv avekṣase
zum Werk, doch du beachtest nicht (Dat./2.Sg.Präs. Med.)
aṅgemām anvavekṣasva
wohlan, betrachte diese (Part./Akk. f./Imp. Med.)
rājanītiṃ bubhūṣitum
die Königspolitik, um zu sein (Akk./Desid. Inf.)
yayā pramucyate tv anyo
durch die ein anderer befreit wird (Instr./3.Sg.Pass./Nom.)
yadarthaṃ ca pramodate
und weswegen er sich freut (Adv./3.Sg.Präs.)

Vers dunkel; besonders die letzte Vershälfte unsicher.

ajo 'śvaḥ kṣatram ity etat sadṛśaṃ brahmaṇā kṛtam; tasmān natīkṣṇabhūtānāṃ yātrā kā cit prasidhyati

Ziege, Pferd, Kṣatra: dies hat Brahmā als ähnlich geschaffen; darum gelingt der Lebensgang der nicht Scharfen in keiner Weise.

Wort für Wort
ajo 'śvaḥ kṣatram ity etat
Ziege, Pferd, Kṣatra – dies (Nom./Nom./Nom. n.)
sadṛśaṃ brahmaṇā kṛtam
ähnlich von Brahmā gemacht (Nom. n./Instr./Part.)
tasmān natīkṣṇabhūtānāṃ
darum bei den nicht scharf Gewordenen (Abl./Gen. Pl.)
yātrā kā cit prasidhyati
irgendein Lebensgang gelingt (Nom. f./3.Sg.Präs.)

Sinn der Gleichung Ziege–Pferd–Kṣatra unsicher [?].

yas tv avadhyavadhe doṣaḥ sa vadhyasyāvadhe smṛtaḥ; eṣaiva khalu maryādā yām ayaṃ parivarjayet

Die Schuld, die im Töten des Nichttötbaren liegt, gilt ebenso beim Nichttöten des Tötbaren; eben dies ist die Schranke, die dieser meiden soll.

Wort für Wort
yas tv avadhyavadhe doṣaḥ
die Schuld aber, die im Töten des Nichttötbaren (Nom./Lok.)
sa vadhyasyāvadhe smṛtaḥ
dieselbe gilt beim Nichttöten des Tötbaren (Gen./Lok./Part. Nom.)
eṣaiva khalu maryādā
dies eben ist wahrlich die Schranke (Nom. f.)
yām ayaṃ parivarjayet
die dieser meiden soll (Akk./3.Sg.Opt.)

tasmāt tīkṣṇaḥ prajā rājā svadharme sthāpayed uta; anyonyaṃ bhakṣayanto hi pracareyur vṛkā iva

Darum soll der König, [selbst] scharf, die Untertanen im eigenen Dharma festsetzen; denn sonst würden sie einander fressend umherziehen wie Wölfe.

Wort für Wort
tasmāt tīkṣṇaḥ prajā rājā
darum der scharfe König die Untertanen (Abl./Nom./Akk. Pl./Nom.)
svadharme sthāpayed uta
im Eigendharma soll er festsetzen (Lok./3.Sg.Opt. Kaus.)
anyonyaṃ bhakṣayanto hi
einander fressend nämlich (Adv./Part. Nom. Pl.)
pracareyur vṛkā iva
würden umherziehen wie Wölfe (3.Pl.Opt./Nom. Pl.)

yasya dasyugaṇā rāṣṭre dhvāṅkṣā matsyāñ jalād iva; viharanti parasvāni sa vai kṣatriyapāṃsanaḥ

In dessen Reich Räuberscharen umherstreifen und fremdes Gut nehmen, wie Krähen Fische aus dem Wasser – der ist wahrlich der Schmutz unter den Kṣatriyas.

Wort für Wort
yasya dasyugaṇā rāṣṭre
in dessen Reich Räuberscharen (Gen./Nom. Pl./Lok.)
dhvāṅkṣā matsyāñ jalād iva
wie Krähen Fische aus dem Wasser (Nom. Pl./Akk. Pl./Abl.)
viharanti parasvāni
streifen umher, Fremdgut nehmend (3.Pl.Präs./Akk. Pl.)
sa vai kṣatriyapāṃsanaḥ
der ist wahrlich Schmutz der Kṣatriyas (Nom.)

kulīnān sacivān kṛtvā vedavidyāsamanvitān; praśādhi pṛthivīṃ rājan prajā dharmeṇa pālayan

Mache Adlige, mit Veda-Wissen Begabte, zu Ministern und regiere die Erde, König, die Untertanen dem Dharma gemäß schützend.

Wort für Wort
kulīnān sacivān kṛtvā
Adlige zu Ministern machend (Akk. Pl./Abs.)
vedavidyāsamanvitān
mit Veda-Wissen versehen (Akk. Pl.)
praśādhi pṛthivīṃ rājan
regiere die Erde, König (Imp./Akk./Vok.)
prajā dharmeṇa pālayan
die Untertanen dem Dharma gemäß schützend (Akk. Pl./Instr./Part.)

vedavedāṅgatattvajño japahomaparāyaṇaḥ; āśīrvādaparo nityam eṣa rājā purohitaḥ

[Wer] die Wahrheit von Veda und Vedāṅgas kennt, dem Murmeln und Opfern hingegeben ist und stets Segen spricht – dieser ist der Hauspriester [des Königs].

Wort für Wort
vedavedāṅgatattvajño
Kenner der Wahrheit von Veda und Vedāṅga (Nom.)
japahomaparāyaṇaḥ
dem Murmeln und Opfer ergeben (Nom.)
āśīrvādaparo nityam
stets auf Segenssprechen bedacht (Nom./Adv.)
eṣa rājā purohitaḥ
dieser ist des Königs Hauspriester (Nom.)

Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert). Zusatzpassage; „rājā“ steht wohl für rājñaḥ [?].

vihīnajam akarmāṇaṃ yaḥ pragṛhṇāti bhūmipaḥ; ubhayasyāviśeṣajñas tad vai kṣatraṃ napuṃsakam

Der Erdherr, der einen Niedriggeborenen und Untätigen [zu sich] nimmt und beider Unterschied nicht kennt – das ist wahrlich ein Kṣatra-Stand, der Eunuch ist.

Wort für Wort
vihīnajam akarmāṇaṃ
den Niedriggeborenen, Untätigen (Akk.)
yaḥ pragṛhṇāti bhūmipaḥ
der aufnimmt, Erdherr (3.Sg.Präs./Nom.)
ubhayasyāviśeṣajñas
beider Unterschied nicht kennend (Nom.)
tad vai kṣatraṃ napuṃsakam
das ist wahrlich ein Kṣatra, ein Eunuch (Nom. n.)

vihīnajam: „niedrig Geborener“ oder „aus Mangel Entstandener“, unsicher [?].

naivograṃ naiva cānugraṃ dharmeṇeha praśasyate; ubhayaṃ na vyatikrāmed ugro bhūtvā mṛdur bhava

Weder das Grausame noch das Nicht-Grausame wird hier im Dharma gepriesen; keines von beidem soll er überschreiten: grausam geworden, sei milde.

Wort für Wort
naivograṃ naiva cānugraṃ
weder grausam noch nicht grausam (Nom. n.)
dharmeṇeha praśasyate
gemäß Dharma hier gepriesen (Instr./Adv./3.Sg.Pass.)
ubhayaṃ na vyatikrāmed
beides soll er nicht überschreiten (Akk./3.Sg.Opt.)
ugro bhūtvā mṛdur bhava
grausam geworden, sei milde (Nom./Abs./Nom./Imp.)

kaṣṭaḥ kṣatriyadharmo 'yaṃ sauhṛdaṃ tvayi yat sthitam; ugre karmaṇi sṛṣṭo 'si tasmād rājyaṃ praśādhi vai

Hart ist dieses Kṣatriya-Dharma, dass in dir Freundlichkeit besteht; du bist zu grausamem Werk erschaffen, darum regiere wahrlich das Reich.

Wort für Wort
kaṣṭaḥ kṣatriyadharmo 'yaṃ
mühsam ist dieses Kṣatriya-Dharma (Nom.)
sauhṛdaṃ tvayi yat sthitam
dass Freundlichkeit in dir besteht (Nom. n./Lok./Part.)
ugre karmaṇi sṛṣṭo 'si
zu grausamem Werk bist du erschaffen (Lok./Part. Nom./2.Sg.)
tasmād rājyaṃ praśādhi vai
darum regiere das Reich wahrlich (Abl./Akk./Imp.)

aruṣṭaḥ kasya cid rājann evam eva samācara

Ohne über irgendjemanden erzürnt zu sein, König, verfahre ebenso.

Wort für Wort
aruṣṭaḥ kasya cid rājann
nicht erzürnt gegen irgendwen, König (Part. Nom./Gen./Vok.)
evam eva samācara
genau so verfahre (Adv./Imp.)

Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert). Zusatzpassage; Sinn von aruṣṭa nicht ganz sicher [?].

aśiṣṭanigraho nityaṃ śiṣṭasya paripālanam; iti śakro 'bravīd dhīmān āpatsu bharatarṣabha

Zügelung der Unbotmäßigen stets, Schutz der Botmäßigen – so sprach der kluge Śakra in Notlagen, Stier der Bharatas.

Wort für Wort
aśiṣṭanigraho nityaṃ
Zügelung der Unbotmäßigen stets (Nom./Adv.)
śiṣṭasya paripālanam
Schutz des Botmäßigen (Gen./Nom. n.)
iti śakro 'bravīd dhīmān
so sprach Śakra, der Kluge (Nom./Impf./Nom.)
āpatsu bharatarṣabha
in Notlagen, Stier der Bharatas (Lok. Pl./Vok.)

yudhiṣṭhira uvāca; asti svid dasyumaryādā yām anyo nātilaṅghayet; pṛcchāmi tvāṃ satāṃ śreṣṭha tan me brūhi pitāmaha

Yudhiṣṭhira sprach: „Gibt es etwa eine Räuber-Schranke, die kein anderer überschreiten soll? Ich frage dich, Bester der Guten – das sage mir, Großvater.“

Wort für Wort
yudhiṣṭhira uvāca
Yudhiṣṭhira sprach (Perf.)
asti svid dasyumaryādā
gibt es wohl eine Räuber-Schranke (3.Sg.Präs./Nom. f.)
yām anyo nātilaṅghayet
die ein anderer nicht überschreiten soll (Akk./Nom./3.Sg.Opt.)
pṛcchāmi tvāṃ satāṃ śreṣṭha
ich frage dich, Bester der Guten (1.Sg./Akk./Gen. Pl./Vok.)
tan me brūhi pitāmaha
das sage mir, Großvater (Akk./Dat./Imp./Vok.)

bhīṣma uvāca; brāhmaṇān eva seveta vidyāvṛddhāṃs tapasvinaḥ; śrutacāritravṛttāḍhyān pavitraṃ hy etad uttamam

Bhīṣma sprach: „Den Brahmanen allein soll er dienen, den wissensälteren, asketischen, reich an Schriftkenntnis und Wandel; denn dies ist das höchste Reinigende.“

Wort für Wort
bhīṣma uvāca
Bhīṣma sprach (Perf.)
brāhmaṇān eva seveta
den Brahmanen allein soll er dienen (Akk. Pl./3.Sg.Opt. Med.)
vidyāvṛddhāṃs tapasvinaḥ
den wissensälteren, Asketen (Akk. Pl.)
śrutacāritravṛttāḍhyān
reich an Schriftkunde, Wandel, Lebensführung (Akk. Pl.)
pavitraṃ hy etad uttamam
denn dies ist das höchste Reinigende (Nom. n.)

yā devatāsu vṛttis te sāstu vipreṣu sarvadā; kruddhair hi vipraiḥ karmāṇi kṛtāni bahudhā nṛpa

Die Haltung, die du gegenüber den Göttern hast, die sei dir allezeit gegenüber den Brahmanen; denn von erzürnten Brahmanen sind vielfach Werke vollbracht worden, König.

Wort für Wort
yā devatāsu vṛttis te
die Haltung gegenüber den Göttern, die du hast (Nom. f./Lok. Pl./Gen.)
sāstu vipreṣu sarvadā
die sei gegenüber den Brahmanen stets (3.Sg.Imp./Lok. Pl.)
kruddhair hi vipraiḥ
denn von erzürnten Brahmanen (Instr. Pl.)
karmāṇi kṛtāni bahudhā nṛpa
Werke wurden vielfach getan, König (Nom. Pl./Part./Adv./Vok.)

teṣāṃ prītyā yaśo mukhyam aprītyā tu viparyayaḥ; prītyā hy amṛtavad viprāḥ kruddhāś caiva yathā viṣam

Durch ihre Zuneigung [entsteht] vor allem Ruhm, durch Unzuneigung das Gegenteil; bei Zuneigung sind Brahmanen wie Nektar, erzürnt aber wie Gift.

Wort für Wort
teṣāṃ prītyā yaśo mukhyam
durch ihre Zuneigung ist Ruhm das Wichtigste (Gen./Instr./Nom.)
aprītyā tu viparyayaḥ
durch Unzuneigung aber das Gegenteil (Instr./Nom.)
prītyā hy amṛtavad viprāḥ
bei Zuneigung sind Brahmanen wie Nektar (Instr./Adv./Nom. Pl.)
kruddhāś caiva yathā viṣam
erzürnt aber wie Gift (Part. Nom. Pl./Nom. n.)

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