Kapitel 140: dasyumaryādā-rājadharmopadeśaḥ
Verstand, Strenge und Schranke gegen Räuber: Unterweisung im Königsdharma
Yudhiṣṭhira zweifelt an der Härte des Königsdharma; Bhīṣma antwortet mit der Vielfalt der Einsicht im Dharma, der Notwendigkeit der Strenge (Śakras Lehre) und dem Dienst an den Brahmanen. Der Text ist stellenweise dunkel oder verderbt.
yudhiṣṭhira uvāca; yad idaṃ ghoram uddiṣṭam aśraddheyam ivānṛtam; asti svid dasyumaryādā yām ahaṃ parivarjaye
Yudhiṣṭhira sprach: „Dieses Furchtbare, das da dargelegt wurde, gleichsam Unglaubliches, Unwahres – gibt es etwa eine Räuber-Schranke [dasyumaryādā], die ich meiden könnte?“
Wort für Wort
yudhiṣṭhira uvāca
Yudhiṣṭhira sprach (Perf.)
yad idaṃ ghoram uddiṣṭam
was dieses Furchtbare, Dargelegte (Nom./Part. Pass.)
aśraddheyam ivānṛtam
gleichsam Unglaubliches, Unwahres (Nom. n.)
asti svid dasyumaryādā
gibt es wohl eine Räuber-Schranke (3.Sg.Präs./Nom. f.)
yām ahaṃ parivarjaye
die ich meiden möge (Akk. f./1.Sg.Opt.)
Sinn von dasyumaryādā (Grenze, die Räuber setzen / Regel gegenüber Räubern) unsicher.
Bhīṣma sprach: „Diese deine Unterweisung im Dharma beruht nicht allein auf reiner Überlieferung; sie ist die Herabkunft der Einsicht, ein von Dichtern [Weisen] gesammelter Honig.“
Wort für Wort
bhīṣma uvāca
Bhīṣma sprach (Perf.)
naitac chuddhāgamād eva
nicht dies allein aus reiner Überlieferung (Abl.)
tava dharmānuśāsanam
deine Dharma-Unterweisung (Gen./Nom. n.)
prajñāsamavatāro 'yam
dies ist die Herabkunft der Einsicht (Nom. m.)
kavibhiḥ saṃbhṛtaṃ madhu
von Dichtern gesammelter Honig (Instr. Pl./Part. Pass. Nom. n.)
Nicht mit einem Dharma von nur einem Zweig wird das Dharma der Könige bestimmt; wie [sollte] der Schwache Einsicht [haben]? Zuvor [ist es] nicht dargelegt worden.
Wort für Wort
naikaśākhena dharmeṇa
nicht durch ein einästiges Dharma (Instr.)
rājñāṃ dharmo vidhīyate
das Dharma der Könige wird festgelegt (Gen. Pl./Nom./3.Sg.Präs. Pass.)
durbalasya kutaḥ prajñā
beim Schwachen: woher Einsicht? (Gen./Interrog./Nom. f.)
Wer die Zweiteilung nicht kennt, kann auf einem Weg der Zwiespältigkeit in Zweifel geraten; die Zwiespältigkeit des Verstandes ist im Voraus zu erkennen, Bhārata.
Wort für Wort
advaidhajñaḥ pathi dvaidhe
wer Zwiespalt nicht kennt, auf einem Weg im Zwiespalt (Nom./Lok.)
saṃśayaṃ prāptum arhati
kann in Zweifel geraten (Akk./Inf./3.Sg.Präs.)
buddhidvaidhaṃ veditavyaṃ
die Verstandes-Zwiespältigkeit ist zu erkennen (Nom./Gerundiv)
Einsicht ist ein Seitwärtshandeln [Abwandeln], doch wie ein Fluss, der sich nach allen Seiten hin ergießt; die Leute erfassen das ausgesprochene Dharma jeweils so und so anders.
Wort für Wort
pārśvataḥkaraṇaṃ prajñā
Einsicht ist ein Zur-Seite-Machen (Nom. n./Nom. f.)
viṣūcī tv āpagā iva
doch nach allen Seiten gehend, wie ein Fluss (Nom. f./Nom. f.)
janas tūccāritaṃ dharmaṃ
das Volk – das ausgesprochene Dharma (Nom./Part. Pass. Akk.)
vijānāty anyathānyathā
erfasst so und anders (3.Sg.Präs./Adv.)
pārśvataḥkaraṇam: Bedeutung [?], wörtlich „Seitwärts-Machen“.
parimuṣṇanti śāstrāṇi dharmasya paripanthinaḥ; vaiṣamyam arthavidyānāṃ nairarthyāt khyāpayanti te
Sie plündern die Lehrwerke, die Lauerer auf dem Weg des Dharma; die Uneinheitlichkeit der Wissenschaften vom Nutzen verkünden sie wegen [deren] Nutzlosigkeit.
Wort für Wort
parimuṣṇanti śāstrāṇi
sie plündern die Lehrwerke (3.Pl.Präs./Akk. Pl.)
dharmasya paripanthinaḥ
Wegelagerer des Dharma (Gen./Nom. Pl.)
vaiṣamyam arthavidyānām
die Ungleichheit der Nutzenlehren (Akk./Gen. Pl.)
nairarthyāt khyāpayanti te
wegen Nutzlosigkeit verkünden sie (Abl./3.Pl.Kaus.)
parimuṣṇanti śāstrāṇi śāstradoṣānudarśinaḥ; vijñānam atha vidyānāṃ na samyag iti vartate
Sie plündern die Lehrwerke, indem sie [nur] die Fehler der Lehrwerke sehen; „die Erkenntnis der Wissenschaften ist nicht recht“, so lautet [ihr Urteil].
Wort für Wort
parimuṣṇanti śāstrāṇi
sie plündern die Lehrwerke (3.Pl.Präs.)
śāstradoṣānudarśinaḥ
die Fehler der Lehrwerke Sehende (Nom. Pl.)
vijñānam atha vidyānām
die Erkenntnis der Wissenschaften (Nom. n./Gen. Pl.)
na samyag iti vartate
„nicht recht“, so verhält es sich (Adv./3.Sg.Präs.)
Die durch Tadel fremder Wissenschaften die eigene verkünden – Wortwaffen, Wortmesser tragend, [ihre] Wissensfrucht gleichsam ausgemolken [?] –, diese Wissenshändler halte für gleichsam Rākṣasas, Bhārata.
Wort für Wort
nindayā paravidyānām
durch Tadel fremder Wissenschaften (Instr./Gen. Pl.)
svāṃ vidyāṃ khyāpayanti ye
die eigene Wissenschaft verkünden, welche (Akk./3.Pl.Kaus./Nom. Pl.)
vāgastrā vākchurīmattvā
Wortwaffen, Wortmesser besitzend (Nom. Pl.)
dugdhavidyāphalā iva
gleichsam mit ausgemolkener Wissensfrucht (Nom. Pl.)
tān vidyāvaṇijo viddhi
diese Wissenshändler wisse (Akk./Imp.)
rākṣasān iva bhārata
wie Rākṣasas, Bhārata (Akk. Pl./Vok.)
vākchurīmattvā und dugdhavidyāphalā: Text vermutlich verderbt, Wiedergabe unsicher.
vyājena kṛtsno vidito dharmas te parihāsyate; na dharmavacanaṃ vācā na buddhyā ceti naḥ śrutam
Durch einen Vorwand [Trick] wird dir das ganze erkannte Dharma verloren gehen; Dharma-Rede [gelingt] weder durch bloße Rede noch durch [bloßen] Verstand, so haben wir gehört.
Wort für Wort
vyājena kṛtsno vidito
durch Vorwand das ganz Erkannte (Instr./Nom. m.)
dharmas te parihāsyate
das Dharma wird dir entgehen (Nom./Dat./3.Sg.Fut. Pass.)
na dharmavacanaṃ vācā
nicht die Dharma-Aussage durch Rede (Nom. n./Instr.)
na buddhyā ceti naḥ śrutam
und nicht durch Verstand, so ist von uns gehört (Instr./Part. Nom. n.)
samuddiṣṭaṃ satāṃ dharmaṃ svayam ūhen na paṇḍitaḥ; amarṣāc chāstrasaṃmohād avijñānāc ca bhārata
Ein Gelehrter soll das dargelegte Dharma der Guten nicht selbst [neu] erschließen – aus Unduldsamkeit, aus Verwirrung über die Lehrwerke und aus Nichtwissen, Bhārata.
Wort für Wort
samuddiṣṭaṃ satāṃ dharmaṃ
das dargelegte Dharma der Guten (Part. Akk./Gen. Pl./Akk.)
svayam ūhen na paṇḍitaḥ
selbst erschließen soll nicht der Gelehrte (Adv./3.Sg.Opt./Nom.)
amarṣāc chāstrasaṃmohād
aus Unduldsamkeit, aus Lehrwerk-Verwirrung (Abl.)
avijñānāc ca bhārata
und aus Nichterkenntnis, Bhārata (Abl./Vok.)
Bezug der Ablative (Grund für Fehlschluss) etwas offen.
Das Lehrwerk verschwindet [sichtbar] beim redenden Klugen in der Versammlung; durch eine Einsicht mit überkommener Überlieferung wird er in der Rede gepriesen.
Wort für Wort
śāstraṃ prājñasya vadataḥ
das Lehrwerk beim Klugen, der spricht (Nom./Gen./Part. Gen.)
samūhe yāty adarśanam
in der Versammlung geht in Unsichtbarkeit (Lok./3.Sg.Präs./Akk.)
āgatāgamayā buddhyā
durch Einsicht mit überkommener Überlieferung (Instr. f.)
vacanena praśasyate
durch Rede wird er gepriesen (Instr./3.Sg.Präs. Pass.)
ugrāyaiva hi sṛṣṭo 'si karmaṇe na tv avekṣase; aṅgemām anvavekṣasva rājanītiṃ bubhūṣitum; yayā pramucyate tv anyo yadarthaṃ ca pramodate
Du bist ja zu grausamem Werk erschaffen, doch du achtest [darauf] nicht; wohlan, betrachte diese Königspolitik, um [Herrscher] zu sein – [die Politik], durch die ein anderer befreit wird und derentwegen er sich freut [?].
Wort für Wort
ugrāyaiva hi sṛṣṭo 'si
denn zum Grausamen eben bist du geschaffen (Dat./Part. Nom./2.Sg.)
karmaṇe na tv avekṣase
zum Werk, doch du beachtest nicht (Dat./2.Sg.Präs. Med.)
aṅgemām anvavekṣasva
wohlan, betrachte diese (Part./Akk. f./Imp. Med.)
rājanītiṃ bubhūṣitum
die Königspolitik, um zu sein (Akk./Desid. Inf.)
yayā pramucyate tv anyo
durch die ein anderer befreit wird (Instr./3.Sg.Pass./Nom.)
yadarthaṃ ca pramodate
und weswegen er sich freut (Adv./3.Sg.Präs.)
Vers dunkel; besonders die letzte Vershälfte unsicher.
yasya dasyugaṇā rāṣṭre dhvāṅkṣā matsyāñ jalād iva; viharanti parasvāni sa vai kṣatriyapāṃsanaḥ
In dessen Reich Räuberscharen umherstreifen und fremdes Gut nehmen, wie Krähen Fische aus dem Wasser – der ist wahrlich der Schmutz unter den Kṣatriyas.
Wort für Wort
yasya dasyugaṇā rāṣṭre
in dessen Reich Räuberscharen (Gen./Nom. Pl./Lok.)
dhvāṅkṣā matsyāñ jalād iva
wie Krähen Fische aus dem Wasser (Nom. Pl./Akk. Pl./Abl.)
[Wer] die Wahrheit von Veda und Vedāṅgas kennt, dem Murmeln und Opfern hingegeben ist und stets Segen spricht – dieser ist der Hauspriester [des Königs].
Wort für Wort
vedavedāṅgatattvajño
Kenner der Wahrheit von Veda und Vedāṅga (Nom.)
japahomaparāyaṇaḥ
dem Murmeln und Opfer ergeben (Nom.)
āśīrvādaparo nityam
stets auf Segenssprechen bedacht (Nom./Adv.)
eṣa rājā purohitaḥ
dieser ist des Königs Hauspriester (Nom.)
Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert). Zusatzpassage; „rājā“ steht wohl für rājñaḥ [?].
vihīnajam akarmāṇaṃ yaḥ pragṛhṇāti bhūmipaḥ; ubhayasyāviśeṣajñas tad vai kṣatraṃ napuṃsakam
Der Erdherr, der einen Niedriggeborenen und Untätigen [zu sich] nimmt und beider Unterschied nicht kennt – das ist wahrlich ein Kṣatra-Stand, der Eunuch ist.
Wort für Wort
vihīnajam akarmāṇaṃ
den Niedriggeborenen, Untätigen (Akk.)
yaḥ pragṛhṇāti bhūmipaḥ
der aufnimmt, Erdherr (3.Sg.Präs./Nom.)
ubhayasyāviśeṣajñas
beider Unterschied nicht kennend (Nom.)
tad vai kṣatraṃ napuṃsakam
das ist wahrlich ein Kṣatra, ein Eunuch (Nom. n.)
vihīnajam: „niedrig Geborener“ oder „aus Mangel Entstandener“, unsicher [?].
yudhiṣṭhira uvāca; asti svid dasyumaryādā yām anyo nātilaṅghayet; pṛcchāmi tvāṃ satāṃ śreṣṭha tan me brūhi pitāmaha
Yudhiṣṭhira sprach: „Gibt es etwa eine Räuber-Schranke, die kein anderer überschreiten soll? Ich frage dich, Bester der Guten – das sage mir, Großvater.“
Wort für Wort
yudhiṣṭhira uvāca
Yudhiṣṭhira sprach (Perf.)
asti svid dasyumaryādā
gibt es wohl eine Räuber-Schranke (3.Sg.Präs./Nom. f.)
yām anyo nātilaṅghayet
die ein anderer nicht überschreiten soll (Akk./Nom./3.Sg.Opt.)
pṛcchāmi tvāṃ satāṃ śreṣṭha
ich frage dich, Bester der Guten (1.Sg./Akk./Gen. Pl./Vok.)
bhīṣma uvāca; brāhmaṇān eva seveta vidyāvṛddhāṃs tapasvinaḥ; śrutacāritravṛttāḍhyān pavitraṃ hy etad uttamam
Bhīṣma sprach: „Den Brahmanen allein soll er dienen, den wissensälteren, asketischen, reich an Schriftkenntnis und Wandel; denn dies ist das höchste Reinigende.“
Wort für Wort
bhīṣma uvāca
Bhīṣma sprach (Perf.)
brāhmaṇān eva seveta
den Brahmanen allein soll er dienen (Akk. Pl./3.Sg.Opt. Med.)
vidyāvṛddhāṃs tapasvinaḥ
den wissensälteren, Asketen (Akk. Pl.)
śrutacāritravṛttāḍhyān
reich an Schriftkunde, Wandel, Lebensführung (Akk. Pl.)
yā devatāsu vṛttis te sāstu vipreṣu sarvadā; kruddhair hi vipraiḥ karmāṇi kṛtāni bahudhā nṛpa
Die Haltung, die du gegenüber den Göttern hast, die sei dir allezeit gegenüber den Brahmanen; denn von erzürnten Brahmanen sind vielfach Werke vollbracht worden, König.
Wort für Wort
yā devatāsu vṛttis te
die Haltung gegenüber den Göttern, die du hast (Nom. f./Lok. Pl./Gen.)
sāstu vipreṣu sarvadā
die sei gegenüber den Brahmanen stets (3.Sg.Imp./Lok. Pl.)
kruddhair hi vipraiḥ
denn von erzürnten Brahmanen (Instr. Pl.)
karmāṇi kṛtāni bahudhā nṛpa
Werke wurden vielfach getan, König (Nom. Pl./Part./Adv./Vok.)