Quellen der Menschheit

Mahābhārata · Śāntiparva

Kapitel 158: nṛśaṃsalakṣaṇa Die Merkmale des Grausamen und das Meiden der Grausamkeit

Yudhiṣṭhira bittet um Belehrung über den nṛśaṃsa, den Grausamen oder Erbarmungslosen. Bhīṣma zählt dessen Merkmale auf und schließt mit einer Regel des rechten Speisens.

yudhiṣṭhira uvāca; ānṛśaṃsyaṃ vijānāmi darśanena satāṃ sadā; nṛśaṃsān na vijānāmi teṣāṃ karma ca bhārata

Yudhiṣṭhira sprach: „Die Schonungslosigkeit [Mitleidlosigkeit] erkenne ich stets am Anblick der Guten [an ihrem Erscheinungsbild]; die Grausamen aber und ihr Handeln erkenne ich nicht, Bhārata.“

Wort für Wort
yudhiṣṭhira uvāca
Yudhiṣṭhira sprach (Nom. / Perf.3.Sg.)
ānṛśaṃsyaṃ vijānāmi
die Mitleidigkeit/Nicht-Grausamkeit erkenne ich (Akk. / 1.Sg.Präs.)
darśanena satāṃ sadā
durch den Anblick der Guten stets (Instr. / Gen.Pl. / Adv.)
nṛśaṃsān na vijānāmi
die Grausamen erkenne ich nicht (Akk.Pl. / 1.Sg.Präs.)
teṣāṃ karma ca bhārata
und deren Handeln, Bhārata (Akk. / Vok.)

Text und Sinn des ersten Halbverses sind knapp; ānṛśaṃsya = Nicht-Grausamkeit, Milde.

kaṇṭakān kūpam agniṃ ca varjayanti yathā narāḥ; tathā nṛśaṃsakarmāṇaṃ varjayanti narā naram

Wie Menschen Dornen, einen Brunnen [Grube] und Feuer meiden, so meiden Menschen den Menschen, dessen Handeln grausam ist.

Wort für Wort
kaṇṭakān kūpam agniṃ ca
Dornen, Brunnen und Feuer (Akk.Pl./Sg.)
varjayanti yathā narāḥ
meiden, wie Menschen (3.Pl.Präs. / Nom.Pl.)
tathā nṛśaṃsakarmāṇaṃ
so den, dessen Handeln grausam ist (Akk. Bahuvrīhi)
varjayanti narā naram
meiden Menschen den Menschen (3.Pl. / Nom.Pl. / Akk.Sg.)

nṛśaṃso hy adhamo nityaṃ pretya ceha ca bhārata; tasmād bravīhi kauravya tasya dharmaviniścayam

Der Grausame ist ja stets der Niedrigste, im Jenseits und hier, Bhārata. Darum sprich, Kauravya, über die Bestimmung des Rechts für ihn.

Wort für Wort
nṛśaṃso hy adhamo nityam
der Grausame ist ja stets der Niedrigste (Nom. / Nom. / Adv.)
pretya ceha ca bhārata
im Jenseits und hier, Bhārata (Abs.Gerundium / Adv. / Vok.)
tasmād bravīhi kauravya
darum sprich, Kauravya (Abl. / Imp.2.Sg. / Vok.)
tasya dharmaviniścayam
dessen Rechtsentscheidung/Rechtsbestimmung (Gen. / Akk.)

bhīṣma uvāca; spṛhāsyāntarhitā caiva viditārthā ca karmaṇā; ākroṣṭā kruśyate caiva bandhitā badhyate ca yaḥ

Bhīṣma sprach: „[Wer] dessen Begehren verborgen ist und dessen Absicht sich durch sein Handeln zeigt [?], wer schmäht und [selbst] geschmäht wird, wer fesselt und [selbst] gefesselt wird …“

Wort für Wort
bhīṣma uvāca
Bhīṣma sprach (Nom. / Perf.)
spṛhāsyāntarhitā caiva
und dessen Begehren verborgen ist (spṛhā asya antarhitā; Nom.f. / Gen. / Part.)
viditārthā ca karmaṇā
und dessen Ziel durch sein Handeln erkannt wird [?] (Bahuvrīhi, Nom.f. / Instr.)
ākroṣṭā kruśyate caiva
der Schmähende wird auch geschmäht (Nom. Agens / Pass.3.Sg.)
bandhitā badhyate ca yaḥ
der Fesselnde wird auch gefesselt, wer [so ist] (Nom. Agens / Pass.3.Sg. / Rel.)

Verse 4-7 bilden eine zusammenhängende Aufzählung von Merkmalen des nṛśaṃsa; der erste Halbvers ist syntaktisch schwierig (Femininformen spṛhā ... antarhitā ... viditārthā), die Deutung ist unsicher.

dattānukīrtir viṣamaḥ kṣudro naikṛtikaḥ śaṭhaḥ; asaṃbhogī ca mānī ca tathā saṅgī vikatthanaḥ

[Er ist] einer, der Gegebenes ausposaunt, unredlich [ungleich], gemein, betrügerisch, hinterhältig, der nichts teilt [nicht mit anderen genießt], eingebildet, anhänglich [an Besitz/Dinge haftend] und ein Prahler.

Wort für Wort
dattānukīrtir viṣamaḥ
der Gegebenes ausruft, ungleich/unredlich (Nom.m.)
kṣudro naikṛtikaḥ śaṭhaḥ
gemein, betrügerisch, hinterhältig (Nom.m.)
asaṃbhogī ca mānī ca
der nicht gemeinsam genießt und eingebildet (Nom.m.)
tathā saṅgī vikatthanaḥ
ebenso anhaftend, Prahler (Nom.m.)

sarvātiśaṅkī paruṣo bāliśaḥ kṛpaṇas tathā; vargapraśaṃsī satatam āśramadveṣasaṃkarī

Er misstraut allen, ist rau [hart], töricht und geizig, lobt stets seine eigene Gruppe und stiftet Vermengung und Hass gegenüber den [Lebens-]Ständen.

Wort für Wort
sarvātiśaṅkī paruṣaḥ
der allem/allen gegenüber übermäßig argwöhnisch ist, rau (Nom.m.)
bāliśaḥ kṛpaṇas tathā
töricht und ebenso erbärmlich/geizig (Nom.m.)
vargapraśaṃsī satatam
der die eigene Gruppe stets lobt (Nom.m. / Adv.)
āśramadveṣasaṃkarī
der Hass gegen die Āśramas und Vermischung [der Ordnungen] bewirkt [?] (Nom.m., Kompositum)

āśramadveṣasaṃkarī: Deutung des Kompositums unsicher.

hiṃsāvihārī satatam aviśeṣaguṇāguṇaḥ; bahvalīko manasvī ca lubdho 'tyarthaṃ nṛśaṃsakṛt

Er ist stets an Gewalttat sein Vergnügen findend, macht keinen Unterschied zwischen Vorzügen und Fehlern, ist voller Falschheit, hochmütig [oder: hochgesinnt] und über die Maßen gierig: ein Grausamer.

Wort für Wort
hiṃsāvihārī satatam
der an Gewalt Vergnügen hat, stets (Nom.m. / Adv.)
aviśeṣaguṇāguṇaḥ
der keinen Unterschied zwischen Tugenden und Untugenden macht (Nom.m., Kompositum)
bahvalīko manasvī ca
voller Falschheit/Unrecht und selbstbewusst (Nom.m.)
lubdho 'tyarthaṃ nṛśaṃsakṛt
gierig über die Maßen, Grausames tuend (Nom.m. / Adv. / Nom.m.)

dharmaśīlaṃ guṇopetaṃ pāpa ity avagacchati; ātmaśīlānumānena na viśvasiti kasya cit

Den Rechtschaffenen und Tugendhaften hält er für schlecht; nach dem Schluss von seiner eigenen Art vertraut er niemandem.

Wort für Wort
dharmaśīlaṃ guṇopetam
den, dessen Wesen das Recht ist, mit Vorzügen ausgestattet (Akk.m.)
pāpa ity avagacchati
für schlecht hält er [ihn] (Nom./Zitat / 3.Sg.Präs.)
ātmaśīlānumānena
durch Schluss von der eigenen Wesensart (Instr.)
na viśvasiti kasya cit
er vertraut niemandem (3.Sg.Präs. / Gen.)

pareṣāṃ yatra doṣaḥ syāt tad guhyaṃ saṃprakāśayet; samāneṣv eva doṣeṣu vṛttyartham upaghātayet

Wo bei anderen ein Fehler sein mag, das Verborgene würde er offenbaren; bei gleichen Fehlern aber würde er [jemanden] um des Lebensunterhalts willen zu Fall bringen [verletzen].

Wort für Wort
pareṣāṃ yatra doṣaḥ syāt
wo bei anderen ein Fehler wäre (Gen.Pl. / Adv. / Nom. / Opt.3.Sg.)
tad guhyaṃ saṃprakāśayet
das Geheime würde er offenbaren (Akk. / Opt.Kaus.3.Sg.)
samāneṣv eva doṣeṣu
bei eben gleichen Fehlern (Lok.Pl.)
vṛttyartham upaghātayet
um des Lebensunterhalts willen würde er verletzen/vernichten (Akk.Adv. / Opt.Kaus.3.Sg.)

Der zweite Halbvers ist knapp und in der Deutung nicht sicher.

tathopakāriṇaṃ caiva manyate vañcitaṃ param; dattvāpi ca dhanaṃ kāle saṃtapaty upakāriṇe

Ebenso hält er den Wohltäter für einen [vom anderen] Betrogenen [?], und selbst wenn er zur rechten Zeit Vermögen gegeben hat, bereut er es gegenüber dem Wohltäter.

Wort für Wort
tathopakāriṇaṃ caiva
und ebenso den Wohltäter (Akk.)
manyate vañcitaṃ param
hält er für betrogen, den anderen [?] (3.Sg.Präs. / Part.Pass. / Akk.)
dattvāpi ca dhanaṃ kāle
und obwohl er Vermögen zur rechten Zeit gegeben hat (Gerundium / Akk. / Lok.)
saṃtapaty upakāriṇe
empfindet er Reue/Ärger gegenüber dem Wohltäter (3.Sg.Präs. / Dat.)

manyate vañcitaṃ param: Konstruktion unsicher; wohl „hält den anderen für betrogen [durch seine Wohltat]“ oder „sich selbst betrogen“.

bhakṣyaṃ bhojyam atho lehyaṃ yac cānyat sādhu bhojanam; prekṣamāṇeṣu yo 'śnīyān nṛśaṃsa iti taṃ viduḥ

Speise zum Kauen, zum Essen, zum Lecken und jede andere gute Nahrung: wer sie isst, während andere zusehen, den nennt man einen Grausamen.

Wort für Wort
bhakṣyaṃ bhojyam atho lehyam
Kaubares, Essbares, sodann Leckbares (Nom.n.)
yac cānyat sādhu bhojanam
und was sonst an guter Speise [ist] (Rel. / Nom.n.)
prekṣamāṇeṣu yo 'śnīyāt
wer isst, während [sie] zusehen (Part.Lok.Pl. / Rel. / Opt.3.Sg.)
nṛśaṃsa iti taṃ viduḥ
als Grausamen kennen sie ihn (Zitat / Akk. / 3.Pl.Perf.)

brāhmaṇebhyaḥ pradāyāgraṃ yaḥ suhṛdbhiḥ sahāśnute; sa pretya labhate svargam iha cānantyam aśnute

Wer [Speise] zuerst den Brahmanen gegeben hat und dann mit Freunden zusammen isst, gewinnt nach dem Tod den Himmel und erlangt hier Unvergänglichkeit.

Wort für Wort
brāhmaṇebhyaḥ pradāyāgram
den Brahmanen zuerst gegeben habend (Dat.Pl. / Gerundium / Akk.)
yaḥ suhṛdbhiḥ sahāśnute
wer mit Freunden zusammen isst (Rel. / Instr.Pl. / Adv. / 3.Sg.Präs.)
sa pretya labhate svargam
der erlangt nach dem Tod den Himmel (Nom. / Gerundium / 3.Sg.Präs. / Akk.)
iha cānantyam aśnute
und erlangt hier Unendlichkeit/Unvergänglichkeit (Adv. / Akk. / 3.Sg.Präs.)

eṣa te bharataśreṣṭha nṛśaṃsaḥ parikīrtitaḥ; sadā vivarjanīyo vai puruṣeṇa bubhūṣatā

So ist dir, bester der Bharatas, der Grausame beschrieben worden; er ist stets zu meiden von einem Mann, der gedeihen will.

Wort für Wort
eṣa te bharataśreṣṭha
dieser [ist] dir, Bester der Bharatas (Nom. / Dat. / Vok.)
nṛśaṃsaḥ parikīrtitaḥ
der Grausame beschrieben/bezeichnet (Nom. / Part.Pass.)
sadā vivarjanīyo vai
stets zu meiden fürwahr (Adv. / Gerundiv)
puruṣeṇa bubhūṣatā
von einem Mann, der gedeihen/etwas werden will (Instr. / Part.Desid.)

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