Kapitel 75: mucukunda-vaiśravaṇa-saṃvādaḥ
Brahmanentum und Kriegertum: das Gespräch zwischen Mucukunda und Vaiśravaṇa
Bhīṣma erläutert, dass das Reich von Brahmanen und Kriegern gemeinsam abhängt, und erzählt die Geschichte von König Mucukunda, der die von Kubera geschenkte Herrschaft ablehnt und eine durch eigene Armkraft erworbene wünscht.
bhīṣma uvāca; yogakṣemo hi rāṣṭrasya rājanyāyatta ucyate; yogakṣemaś ca rājño 'pi samāyattaḥ purohite
Bhīṣma sprach: Erwerb und Bewahrung des Reiches, König, heißt es, hängen von [dem König] ab; und auch der Erwerb und die Bewahrung des Königs hängen vom Hauspriester ab.
Wort für Wort
bhīṣma uvāca
Bhīṣma sprach (Perf.)
yogakṣemo hi rāṣṭrasya
denn Erwerb und Bewahrung des Reiches (Nom.Sg./Gen.Sg.)
rājan āyatta ucyate
König (Vok.), abhängig (Nom.Sg.) heißt es (3.Sg.Pass.)
yogakṣemaś ca rājño 'pi
und Erwerb und Bewahrung auch des Königs (Nom.Sg./Gen.Sg.)
yudhiṣṭhira uvāca; brahmakṣatrasya sāmarthyaṃ kathitaṃ te pitāmaha; purohitaprabhāvaś ca lakṣaṇaṃ ca purodhasaḥ; idānīṃ śrotum icchāmi brahmakṣatravinirṇayam; brahmakṣatraṃ hi sarvasya kāraṇaṃ jagataḥ param; yogakṣemo hi rāṣṭrasya tābhyām āyatta eva hi
Yudhiṣṭhira sprach: „Die Leistungskraft von Brahmanentum und Kriegertum hast du mir dargelegt, Großvater, und auch die Wirkmacht des Hauspriesters und das Kennzeichen des Hauspriesters. Nun möchte ich die Klärung [des Verhältnisses] von Brahmanentum und Kriegertum hören; denn Brahmanentum und Kriegertum sind der höchste Grund der ganzen Welt, und von diesen beiden hängen Erwerb und Bewahrung des Reiches ab.“
Wort für Wort
yudhiṣṭhira uvāca
Yudhiṣṭhira sprach (Perf.)
brahmakṣatrasya sāmarthyaṃ kathitaṃ te pitāmaha
die Leistungskraft von Brahmanentum und Kriegertum (Gen.Sg./Nom.) ist dargelegt (Part.Pass.) von dir (Instr./Gen.), Großvater (Vok.)
purohitaprabhāvaś ca lakṣaṇaṃ ca purodhasaḥ
und die Wirkmacht des Hauspriesters (Nom.Sg.) und das Kennzeichen (Nom.Sg.) des Hauspriesters (Gen.Sg.)
idānīṃ śrotum icchāmi
jetzt will ich hören (Inf.; 1.Sg.Präs.)
brahmakṣatravinirṇayam
die Klärung von Brahmanentum und Kriegertum (Akk.Sg.)
brahmakṣatraṃ hi sarvasya kāraṇaṃ jagataḥ param
denn Brahmanentum und Kriegertum sind der höchste Grund (Nom.) der ganzen Welt (Gen.)
yogakṣemo hi rāṣṭrasya tābhyām āyatta eva hi
denn Erwerb und Bewahrung des Reiches (Nom.Sg.) hängen ab (Part.) von diesen beiden (Instr.Du.)
Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert). Zusatzpassage (Sternzeilen); die Sprecherangabe leitet einen eingeschobenen Einwurf Yudhiṣṭhiras ein.
yatādṛṣṭaṃ bhayaṃ brahma prajānāṃ śamayaty uta; dṛṣṭaṃ ca rājā bāhubhyāṃ tad rāṣṭraṃ sukham edhate
Die Furcht der Geschöpfe, die nicht sichtbar ist, besänftigt das Brahman [der Brahmane]; die sichtbare aber [besänftigt] der König mit seinen Armen; ein solches Reich gedeiht in Wohlergehen.
Wort für Wort
yatādṛṣṭaṃ bhayaṃ
was unsichtbar ist, [die] Furcht (Akk.Sg.) [?]
brahma prajānāṃ śamayaty uta
das Brahman [Brahmanentum] besänftigt (3.Sg.Präs.Kaus.) [die Furcht] der Geschöpfe (Gen.Pl.), fürwahr
dṛṣṭaṃ ca rājā bāhubhyām
und die sichtbare [Furcht] (Akk.) der König (Nom.) mit den beiden Armen (Instr.Du.)
tad rāṣṭraṃ sukham edhate
dieses Reich (Nom.Sg.) gedeiht (3.Sg.Med.) in Glück (Adv./Akk.)
yatādṛṣṭam: Lesung unsicher, vermutlich yad adṛṣṭam (metrisch/handschriftlich bedingte Form).
brahmakṣatram idaṃ sṛṣṭam ekayoni svayaṃbhuvā; pṛthag balavidhānaṃ ca tal lokaṃ parirakṣati
„Dieses Brahmanentum und Kriegertum wurde vom Selbstentstandenen [Brahmā] geschaffen, aus einem einzigen Schoß; getrennt ist die Zuweisung ihrer Kräfte, und so schützt es die Welt.
Wort für Wort
brahmakṣatram idaṃ sṛṣṭam
dieses (Nom.) Brahmanentum und Kriegertum (Nom.Sg.n.) ist geschaffen (Part.Pass.)
ekayoni svayaṃbhuvā
aus einem Schoß (Nom.), vom Selbstentstandenen (Instr.Sg.)
pṛthag balavidhānaṃ ca
und getrennt (Adv.) die Zuteilung der Kräfte (Nom.Sg.)
Mucukunda sprach: „Ich will die von dir gegebene Herrschaft nicht genießen, Erdherrscher; ich wünsche eine Herrschaft zu genießen, die durch Armkraft erworben ist.“
Wort für Wort
mucukunda uvāca
Mucukunda sprach (Perf.)
na aham rājyaṃ bhavaddattaṃ
nicht ich, Herrschaft (Akk.), von dir gegeben (Akk.)
bhoktum icchāmi pārthiva
zu genießen (Inf.) wünsche ich (1.Sg.Präs.), Erdherrscher (Vok.)
bāhuvīryārjitaṃ rājyam
durch Armkraft erworbene (Akk.) Herrschaft (Akk.)
aśnīyām iti kāmaye
ich möge genießen (1.Sg.Opt.) so (iti) wünsche ich (1.Sg.Präs.)
nityodako brāhmaṇaḥ syān nityaśastraś ca kṣatriyaḥ; tayor hi sarvam āyattaṃ yat kiṃ cij jagatīgatam
Ein Brahmane soll stets Wasser [zum Ritual] bereit haben, und ein Kṣatriya stets die Waffe; denn von diesen beiden hängt alles ab, was es auf der Welt gibt.
Wort für Wort
nityodako brāhmaṇaḥ syāt
stets Wasser bereit habend (Nom.), Brahmane (Nom.), soll sein (3.Sg.Opt.)
nityaśastraś ca kṣatriyaḥ
und stets die Waffe tragend (Nom.), Kṣatriya (Nom.)
tayor hi sarvam āyattam
von diesen beiden (Gen./Lok.Du.) denn alles (Nom.) abhängig (Nom.)
yat kiṃ cij jagatīgatam
was auch immer (Nom.) in der Welt befindlich (Nom.)
yaśaś ca tejaś ca mahīṃ ca kṛtsnāṃ; prāpnoti rājan vipulāṃ ca kīrtim; pradhānadharmaṃ nṛpate niyaccha; tathā ca dharmasya caturtham aṃśam
Ruhm und Glanz und die ganze Erde und weite Berühmtheit erlangt er, König; halte, Herr der Menschen, an dem vorrangigen Dharma fest, und so auch an dem vierten Teil des Dharma.
Wort für Wort
yaśaś ca tejaś ca mahīṃ ca kṛtsnām
Ruhm (Akk.), Glanz (Akk.) und die ganze Erde (Akk.)
prāpnoti rājan vipulāṃ ca kīrtim
erlangt (3.Sg.Präs.), König (Vok.), und weite (Akk.) Berühmtheit (Akk.)
pradhānadharmaṃ nṛpate niyaccha
den vorrangigen Dharma (Akk.), Herr der Menschen (Vok.), halte fest/zügle (2.Sg.Imp.)
tathā ca dharmasya caturtham aṃśam
und ebenso den vierten Teil (Akk.) des Dharma (Gen.)
Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert). Sternzeile; Bezug und Sinn (Subjekt von prāpnoti, „vierter Teil des Dharma“) unsicher [?].