Quellen der Menschheit

Mahābhārata · Śāntiparva

Kapitel 242: ātmajñānopadeśaḥ Belehrung über die höchste Pflicht: Sinnenzügelung, Selbstschau und Durchquerung des Stroms

Vyāsa unterweist seinen Sohn Śuka: Höchster Dharma ist die Einspitzigkeit von Geist und Sinnen, die zur Schau des Selbst im Selbst führt. Das Bild vom Strom des Saṃsāra, den man mit Einsicht durchschwimmt, beschließt die Lehre; am Ende steht die Regel, wem sie weiterzugeben ist.

śuka uvāca; yasmād dharmāt paro dharmo vidyate neha kaś cana; yo viśiṣṭaś ca dharmebhyas taṃ bhavān prabravītu me

Śuka sprach: „Jenen Dharma, über den hinaus es hier keinen höheren Dharma gibt und der vor allen [anderen] Dharmas der ausgezeichnete ist – den möge Eure Ehren mir verkünden.“

Wort für Wort
śuka uvāca
Śuka sprach (Perf. 3.Sg.)
yasmād dharmāt paro dharmo vidyate neha kaś cana
als welcher Dharma [Abl.] kein höherer Dharma hier existiert (3.Sg.Pass.Präs.; na iha)
yo viśiṣṭaś ca dharmebhyaḥ
der [Dharma], der ausgezeichnet ist vor den Dharmas (Nom.Sg.; Abl.Pl.)
taṃ bhavān prabravītu me
den möge Euer Ehren verkünden mir (Akk.; Nom.; Imp. 3.Sg.; Dat./Gen.)

vyāsa uvāca; dharmaṃ te saṃpravakṣyāmi purāṇam ṛṣisaṃstutam; viśiṣṭaṃ sarvadharmebhyas tam ihaikamanāḥ śṛṇu

Vyāsa sprach: „Den Dharma will ich dir verkünden, den alten, von Ṛṣis gepriesenen, der vor allen Dharmas ausgezeichnet ist; den höre hier mit gesammeltem Geist.“

Wort für Wort
vyāsa uvāca
Vyāsa sprach (Perf. 3.Sg.)
dharmaṃ te saṃpravakṣyāmi
den Dharma dir werde ich verkünden (Akk.; Dat.; Fut. 1.Sg.)
purāṇam ṛṣisaṃstutam
den alten, von Ṛṣis gepriesenen (Akk.Sg.; Kompositum, Part.Pass.)
viśiṣṭaṃ sarvadharmebhyaḥ
ausgezeichnet vor allen Dharmas (Akk.Sg.; Abl.Pl.)
tam iha ekamanāḥ śṛṇu
den höre hier einpunktigen Geistes (Akk.; Adv.; Nom.Sg.; Imp. 2.Sg.)

indriyāṇi pramāthīni buddhyā saṃyamya yatnataḥ; sarvato niṣpatiṣṇūni pitā bālān ivātmajān

Die aufwühlenden, nach allen Seiten hinausstürmenden Sinne soll man mit dem Verstand sorgsam zügeln, wie ein Vater seine Söhne, [wenn sie noch] Kinder [sind].

Wort für Wort
indriyāṇi pramāthīni
die Sinne, aufwühlenden (Nom./Akk.Pl.n.)
buddhyā saṃyamya yatnataḥ
mit dem Verstand gezügelt habend, mit Mühe (Instr.Sg.; Ger.; Adv.)
sarvato niṣpatiṣṇūni
nach allen Seiten hinausstürzenden (Adv.; Nom./Akk.Pl.n.)
pitā bālān iva ātmajān
wie ein Vater Kinder, [die] Söhne (Nom.Sg.; Akk.Pl.; Akk.Pl.)

manasaś cendriyāṇāṃ ca hy aikāgryaṃ paramaṃ tapaḥ; taj jyāyaḥ sarvadharmebhyaḥ sa dharmaḥ para ucyate

Die Einspitzigkeit von Geist und Sinnen ist die höchste Askese (tapas); sie ist besser als alle Dharmas; sie wird der höchste Dharma genannt.

Wort für Wort
manasaś ca indriyāṇāṃ ca
des Geistes und der Sinne (Gen.Sg.; Gen.Pl.)
hi aikāgryaṃ paramaṃ tapaḥ
ja, Einspitzigkeit [ist] die höchste Askese (Nom.Sg.n.; Nom.Sg.n.)
tat jyāyaḥ sarvadharmebhyaḥ
sie [ist] besser als alle Dharmas (Nom.; Kompar.; Abl.Pl.)
sa dharmaḥ paraḥ ucyate
sie [ist] der höchste Dharma, wird genannt (Nom.Sg.; Pass.Präs. 3.Sg.)

tāni sarvāṇi saṃdhāya manaḥṣaṣṭhāni medhayā; ātmatṛpta ivāsīta bahu cintyam acintayan

Hat man sie alle mit Einsicht zusammengefasst, mit dem Geist als sechstem, so soll man dasitzen, wie im Selbst gesättigt, und dabei vieles Bedenkenswerte nicht bedenken.

Wort für Wort
tāni sarvāṇi saṃdhāya
diese alle zusammengefügt habend (Akk.Pl.n.; Ger.)
manaḥṣaṣṭhāni medhayā
mit dem Geist als sechstem, mit Einsicht (Akk.Pl.n.; Instr.Sg.)
ātmatṛpta iva āsīta
wie am Selbst gesättigt soll man sitzen (Nom.Sg.; Opt.Med. 3.Sg.)
bahu cintyam acintayan
vieles Bedenkenswerte nicht bedenkend (Akk.Sg.n.; Part.Präs. Nom.Sg.)

gocarebhyo nivṛttāni yadā sthāsyanti veśmani; tadā tvam ātmanātmānaṃ paraṃ drakṣyasi śāśvatam

Wenn sie, von ihren Weidegründen [den Sinnesobjekten] zurückgekehrt, im Haus stehen bleiben werden, dann wirst du durch das Selbst das höchste, ewige Selbst erblicken.

Wort für Wort
gocarebhyo nivṛttāni
von den Weidegründen (Sinnesobjekten) zurückgekehrt (Abl.Pl.; Part.Pass. Nom.Pl.n.)
yadā sthāsyanti veśmani
wenn sie stehen werden im Haus (Fut. 3.Pl.; Lok.Sg.)
tadā tvam ātmanā ātmānam
dann du durch das Selbst das Selbst (Nom.; Instr.Sg.; Akk.Sg.)
param drakṣyasi śāśvatam
das höchste wirst erblicken, das ewige (Akk.Sg.; Fut. 2.Sg.; Akk.Sg.)

sarvātmānaṃ mahātmānaṃ vidhūmam iva pāvakam; taṃ paśyanti mahātmāno brāhmaṇā ye manīṣiṇaḥ

Den Allselbst, den Hochgemuten, gleich einem rauchlosen Feuer – ihn sehen die Hochgesinnten, die Brahmanen, die Weisen.

Wort für Wort
sarvātmānaṃ mahātmānam
den, der das Selbst von allem ist, den Großgesinnten (Akk.Sg.)
vidhūmam iva pāvakam
wie ein rauchloses Feuer (Akk.Sg.)
taṃ paśyanti mahātmānaḥ
ihn sehen Hochgesinnte (Akk.; Präs. 3.Pl.; Nom.Pl.)
brāhmaṇā ye manīṣiṇaḥ
Brahmanen, die weise sind (Nom.Pl.; Rel.Nom.Pl.; Nom.Pl.)

yathā puṣpaphalopeto bahuśākho mahādrumaḥ; ātmano nābhijānīte kva me puṣpaṃ kva me phalam

Wie ein großer, vielästiger Baum, mit Blüten und Früchten versehen, von sich selbst nicht weiß: „Wo ist meine Blüte, wo meine Frucht?“

Wort für Wort
yathā puṣpaphalopetaḥ
wie mit Blüten und Früchten versehen (Nom.Sg.)
bahuśākho mahādrumaḥ
vielästig, ein großer Baum (Nom.Sg.)
ātmano na abhijānīte
über sich [selbst] nicht weiß (Gen.Sg.; 3.Sg.Präs.Med.)
kva me puṣpaṃ kva me phalam
wo [ist] meine Blüte, wo meine Frucht (Nom.Sg.n.; Gen./Dat.)

evam ātmā na jānīte kva gamiṣye kuto nv aham; anyo hy atrāntar ātmāsti yaḥ sarvam anupaśyati

So weiß das Selbst nicht: „Wohin werde ich gehen, woher [bin ich gekommen]?“ Denn ein anderes Selbst ist hier im Innern, das alles beobachtet.

Wort für Wort
evam ātmā na jānīte
so das Selbst weiß nicht (Nom.Sg.; 3.Sg.Präs.Med.)
kva gamiṣye kuto nu aham
wohin werde ich gehen, woher doch ich (Fut. 1.Sg.; Abl.-Adv.; Nom.)
anyo hi atra antar ātmā asti
ein anderes ja hier im Innern Selbst ist (Nom.Sg.; Adv.; Nom.Sg.; 3.Sg.Präs.)
yaḥ sarvam anupaśyati
das alles beobachtet (Rel.Nom.; Akk.Sg.n.; 3.Sg.Präs.)

kuto nv aham: Ergänzung „bin ich gekommen“ nach dem Zusammenhang.

jñānadīpena dīptena paśyaty ātmānam ātmanā; dṛṣṭvā tvam ātmanātmānaṃ nirātmā bhava sarvavit

Mit der entzündeten Lampe des Wissens erblickt man das Selbst durch das Selbst; hast du das Selbst durch das Selbst geschaut, so werde selbstlos, allwissend.

Wort für Wort
jñānadīpena dīptena
mit der Lampe des Wissens, der entzündeten (Instr.Sg.; Part.Pass.)
paśyati ātmānam ātmanā
man erblickt das Selbst durch das Selbst (3.Sg.Präs.; Akk.; Instr.)
dṛṣṭvā tvam ātmanā ātmānam
gesehen habend du durch das Selbst das Selbst (Ger.; Nom.; Instr.; Akk.)
nirātmā bhava sarvavit
selbstlos werde, allwissend (Nom.Sg.; Imp. 2.Sg.; Nom.Sg.)

nirātmā: „selbstlos“ hier wohl „ohne [Ich-]Selbst, ohne Ichbezogenheit“ (Lesart unsicher) [?].

vimuktaḥ sarvapāpebhyo muktatvaca ivoragaḥ; parāṃ buddhim avāpyeha vipāpmā vigatajvaraḥ

Befreit von allen Übeln, wie eine Schlange, deren Haut abgestreift ist; nachdem du hier die höchste Einsicht erlangt hast, frei von Übel, frei von Fieber [der Leidenschaft].

Wort für Wort
vimuktaḥ sarvapāpebhyaḥ
befreit von allen Übeln (Part.Pass. Nom.Sg.; Abl.Pl.)
muktatvaca iva uragaḥ
wie eine Schlange mit abgestreifter Haut (Nom.Sg.)
parāṃ buddhim avāpya iha
die höchste Einsicht erlangt habend hier (Akk.Sg.f.; Ger.; Adv.)
vipāpmā vigatajvaraḥ
übelfrei, fieberfrei (Nom.Sg.)

sarvataḥsrotasaṃ ghorāṃ nadīṃ lokapravāhinīm; pañcendriyagrāhavatīṃ manaḥsaṃkalparodhasam

[Durchschwimme] den Fluss, der nach allen Seiten strömt, furchtbar, der die Welt dahinträgt, mit den fünf Sinnen als Krokodilen, mit Denken und Wollen des Geistes als Ufer,

Wort für Wort
sarvataḥsrotasaṃ ghorām
den nach allen Seiten strömenden, furchtbaren (Akk.Sg.f.)
nadīṃ lokapravāhinīm
Fluss, die Welt dahintragend (Akk.Sg.f.)
pañcendriyagrāhavatīm
die fünf Sinne als Krokodile habend (Akk.Sg.f.)
manaḥsaṃkalparodhasam
Denken und Wollen des Geistes als Ufer habend (Akk.Sg.f.)

Fortsetzung in den folgenden Versen (Imperativ pratarasva in V. 14).

lobhamohatṛṇacchannāṃ kāmakrodhasarīsṛpām; satyatīrthānṛtakṣobhāṃ krodhapaṅkāṃ saridvarām

von Gier und Verblendung als Gras bedeckt, mit Begierde und Zorn als Kriechtieren, mit der Wahrheit als Furt, dem Trug als Aufruhr, mit Zorn als Schlamm, den vortrefflichsten der Flüsse,

Wort für Wort
lobhamohatṛṇacchannām
von Gier und Verblendung als Gras bedeckt (Akk.Sg.f.)
kāmakrodhasarīsṛpām
Begierde und Zorn als Kriechtiere habend (Akk.Sg.f.)
satyatīrthānṛtakṣobhām
Wahrheit als Furt, Unwahrheit als Aufruhr (Akk.Sg.f.)
krodhapaṅkāṃ saridvarām
Zorn als Schlamm, die beste der Flüsse (Akk.Sg.f.)

krodha steht in dieser Strophe zweimal (Kriechtiere, Schlamm) wie im Text überliefert.

avyaktaprabhavāṃ śīghrāṃ dustarām akṛtātmabhiḥ; pratarasva nadīṃ buddhyā kāmagrāhasamākulām

dessen Ursprung unmanifest ist, den schnellen, für Ungeschulte schwer zu durchqueren: Durchschwimme den Fluss mit dem Verstand, der von den Krokodilen der Begierde wimmelt.

Wort für Wort
avyaktaprabhavāṃ śīghrām
deren Ursprung unmanifest ist, schnell (Akk.Sg.f.)
dustarām akṛtātmabhiḥ
schwer zu durchqueren von Ungeschulten (Akk.Sg.f.; Instr.Pl.)
pratarasva nadīṃ buddhyā
durchschwimme den Fluss mit dem Verstand (Imp.Med. 2.Sg.; Akk.; Instr.)
kāmagrāhasamākulām
von Begierde-Krokodilen erfüllt (Akk.Sg.f.)

akṛtātman: „dessen Selbst nicht [durch Übung] bereitet ist“.

saṃsārasāgaragamāṃ yonipātāladustarām; ātmajanmodbhavāṃ tāta jihvāvartāṃ durāsadām

der zum Ozean des Saṃsāra geht, die durch den Abgrund der Mutterschöße schwer zu durchqueren ist, die aus der Geburt des Selbst entsprungen ist, mein Sohn, deren Strudel die Zunge ist, die schwer zu erreichen ist.

Wort für Wort
saṃsārasāgaragamām
zum Ozean des Saṃsāra gehend (Akk.Sg.f.)
yonipātāladustarām
durch den Abgrund der Mutterschöße schwer zu durchqueren (Akk.Sg.f.)
ātmajanmodbhavām tāta
aus der Geburt des Selbst entsprungen, mein Sohn (Akk.Sg.f.; Vok.)
jihvāvartāṃ durāsadām
mit der Zunge als Strudel, schwer zugänglich (Akk.Sg.f.)

ātmajanmodbhavām unsicher: „aus der Geburt des Selbst (Ātman-Geburt) entstanden“ [?].

yāṃ taranti kṛtaprajñā dhṛtimanto manīṣiṇaḥ; tāṃ tīrṇaḥ sarvatomukto vipūtātmātmavic chuciḥ

den [Fluss], den die Weisen mit vollendeter Einsicht, standhaft, überqueren; hast du ihn überquert, bist du allseits frei, mit gereinigtem Selbst, selbstkundig, rein.

Wort für Wort
yāṃ taranti kṛtaprajñāḥ
welchen überqueren Menschen mit vollendeter Einsicht (Akk.Sg.f.; Präs. 3.Pl.; Nom.Pl.)
dhṛtimanto manīṣiṇaḥ
standhafte, weise (Nom.Pl.)
tāṃ tīrṇaḥ sarvato muktaḥ
diesen [Fluss] überquert habend, allseits befreit (Akk.; Part.Pass. Nom.Sg.; Adv.; Nom.Sg.)
vipūtātmā ātmavit śuciḥ
mit gereinigtem Selbst, selbstkundig, rein (Nom.Sg.)

uttamāṃ buddhim āsthāya brahmabhūyaṃ gamiṣyasi; saṃtīrṇaḥ sarvasaṃkleśān prasannātmā vikalmaṣaḥ

Hast du die höchste Einsicht bestiegen, wirst du zum Brahman-Sein gelangen, hinübergelangt über alle Bedrängnisse, klaren Selbstes, ohne Makel.

Wort für Wort
uttamāṃ buddhim āsthāya
die höchste Einsicht bestiegen habend (Akk.Sg.f.; Ger.)
brahmabhūyaṃ gamiṣyasi
das Brahman-Werden wirst du erreichen (Akk.Sg.n.; Fut. 2.Sg.)
saṃtīrṇaḥ sarvasaṃkleśān
hinübergelangt über alle Bedrängnisse (Part.Pass. Nom.Sg.; Akk.Pl.)
prasannātmā vikalmaṣaḥ
klaren Selbstes, makellos (Nom.Sg.)

bhūmiṣṭhānīva bhūtāni parvatastho niśāmaya; akrudhyann aprahṛṣyaṃś ca nanṛśaṃsamatis tathā; tato drakṣyasi bhūtānāṃ sarveṣāṃ prabhavāpyayau

Betrachte die Wesen, als stünden sie [unten] auf der Erde, [selbst] auf einem Berge stehend; zürne nicht, frohlocke nicht und sei ebenso nicht grausamen Sinnes. Dann wirst du Ursprung und Vergehen aller Wesen erblicken.

Wort für Wort
bhūmiṣṭhāni iva bhūtāni
wie auf der Erde stehende Wesen (Akk.Pl.n.)
parvatastho niśāmaya
auf dem Berg stehend, betrachte (Nom.Sg.; Imp. 2.Sg.)
akrudhyan aprahṛṣyan ca
nicht zürnend und nicht frohlockend (Part.Präs. Nom.Sg.)
na nṛśaṃsamatiḥ tathā
und ebenso nicht von grausamem Sinn (Nom.Sg.)
tato drakṣyasi bhūtānāṃ sarveṣāṃ prabhavāpyayau
dann wirst du sehen aller Wesen Ursprung und Vergehen (Fut. 2.Sg.; Gen.Pl.; Akk.Du.)

evaṃ vai sarvadharmebhyo viśiṣṭaṃ menire budhāḥ; dharmaṃ dharmabhṛtāṃ śreṣṭha munayas tattvadarśinaḥ

So hielten die Weisen den Dharma für den vor allen Dharmas ausgezeichneten, o Bester der Dharma-Träger – die Munis, die die Wahrheit schauen.

Wort für Wort
evaṃ vai sarvadharmebhyaḥ
so fürwahr, vor allen Dharmas (Adv.; Abl.Pl.)
viśiṣṭaṃ menire budhāḥ
ausgezeichnet hielten [ihn] die Weisen (Akk.Sg.; Perf. 3.Pl.; Nom.Pl.)
dharmaṃ dharmabhṛtāṃ śreṣṭha
den Dharma, o Bester der Dharma-Träger (Akk.; Gen.Pl.; Vok.)
munayas tattvadarśinaḥ
die Munis, die Wahrheit schauenden (Nom.Pl.)

ātmano 'vyayino jñātvā idaṃ putrānuśāsanam; prayatāya pravaktavyaṃ hitāyānugatāya ca

Hat man dies als Unterweisung an den Sohn über das unvergängliche Selbst erkannt, so ist es einem Gesammelten und Ergebenen zu seinem Heil zu verkünden.

Wort für Wort
ātmano 'vyayinaḥ jñātvā
des unvergänglichen Selbst erkannt habend (Gen.Sg.; Ger.)
idaṃ putrānuśāsanam
diese Unterweisung an den Sohn (Akk.Sg.n.)
prayatāya pravaktavyam
einem Gesammelten ist zu verkünden (Dat.Sg.; Gerundiv)
hitāya anugatāya ca
zum Heil, und einem Ergebenen (Dat.Sg.)

ātmajñānam idaṃ guhyaṃ sarvaguhyatamaṃ mahat; abruvaṃ yad ahaṃ tāta ātmasākṣikam añjasā

Dies ist das Selbst-Wissen, das geheime, das Geheimste von allem, das große, das ich, mein Sohn, [dir] gerade heraus mitgeteilt habe, mit dem Selbst als Zeugen.

Wort für Wort
ātmajñānam idaṃ guhyam
Selbst-Wissen dies, geheim (Nom.Sg.n.)
sarvaguhyatamaṃ mahat
das Geheimste von allem, groß (Nom.Sg.n.)
abruvaṃ yad ahaṃ tāta
was ich gesprochen habe, mein Sohn (Impf. 1.Sg.; Rel.; Nom.; Vok.)
ātmasākṣikam añjasā
das Selbst als Zeugen habend, geradewegs (Nom.Sg.n.; Adv.)

naiva strī na pumān etan naiva cedaṃ napuṃsakam; aduḥkham asukhaṃ brahma bhūtabhavyabhavātmakam

Weder Frau noch Mann ist dies, noch ist dies ein Neutrum; frei von Leid und Freude ist das Brahman, dessen Wesen das Gewesene, das Künftige und das Seiende ist.

Wort für Wort
na eva strī na pumān etat
weder Frau noch Mann [ist] dies (Nom.Sg.f.; Nom.Sg.m.; Nom.Sg.n.)
na eva ca idaṃ napuṃsakam
und auch nicht dies ein Neutrum (Nom.Sg.n.)
aduḥkham asukhaṃ brahma
leidlos, freudlos [ist] das Brahman (Nom.Sg.n.)
bhūtabhavyabhavātmakam
dessen Wesen Gewordenes, Künftiges, Seiendes ist (Nom.Sg.n.)

bhūtabhavyabhavātmakam wortnah wiedergegeben.

naitaj jñātvā pumān strī vā punarbhavam avāpnuyāt; abhavapratipattyartham etad vartma vidhīyate

Wer dies erkannt hat, sei er Mann oder Frau, würde nicht wieder ins Dasein gelangen; zum Erreichen des Nicht-Werdens wird dieser Weg gelehrt.

Wort für Wort
na etat jñātvā pumān strī vā
nicht, dies erkannt habend, ein Mann oder eine Frau (Ger.; Nom.Sg.; Nom.Sg.)
punarbhavam avāpnuyāt
Wiederdasein würde erlangen (Akk.Sg.; Opt. 3.Sg.)
abhavapratipattyartham
zum Erreichen des Nicht-Werdens (Adv./Akk.Sg.n.)
etad vartma vidhīyate
dieser Weg wird bestimmt/gelehrt (Nom.Sg.n.; Pass.Präs. 3.Sg.)

yathā matāni sarvāṇi na caitāni yathā tathā; kathitāni mayā putra bhavanti na bhavanti ca

Wie alle Lehrmeinungen [es sind], so sind auch diese von mir, mein Sohn, nicht beliebig-so-und-so dargelegt worden; sie gelten und gelten [doch] auch nicht.

Wort für Wort
yathā matāni sarvāṇi
wie alle Ansichten [sind] (Adv.; Nom.Pl.n.)
na ca etāni yathā tathā
und diese [sind] nicht so-wie-es-kommt (Nom.Pl.n.; Adv.)
kathitāni mayā putra
vorgetragen von mir, Sohn (Part.Pass. Nom.Pl.n.; Instr.; Vok.)
bhavanti na bhavanti ca
sie sind und sind nicht (Präs. 3.Pl.)

Stelle schwer; Konstruktion und Bezug von yathā tathā unsicher [?] (etwa: die Lehrmeinungen sind nicht willkürlich so oder so vorgetragen, sondern gelten nur bedingt).

tat prītiyuktena guṇānvitena; putreṇa satputraguṇānvitena; pṛṣṭo hīdaṃ prītimatā hitārthaṃ; brūyāt sutasyeha yad uktam etat

Von einem solchen Sohn, der von Zuneigung erfüllt, tugendhaft und mit den Eigenschaften eines guten Sohnes begabt ist, gefragt, soll man diesem liebevollen Sohn hier zum Heil sagen, was hier gesagt worden ist.

Wort für Wort
tat prītiyuktena guṇānvitena
von einem solchen, mit Zuneigung verbundenen, tugendbegabten (Instr.Sg.m.)
putreṇa satputraguṇānvitena
Sohn, mit den Eigenschaften eines guten Sohnes begabt (Instr.Sg.)
pṛṣṭo hi idaṃ prītimatā
gefragt, ja, dies von einem liebevollen (Part.Pass. Nom.Sg.; Akk.; Instr.Sg.)
hitārthaṃ brūyāt sutasya iha
zum Heil, soll man sagen, dem Sohn hier (Adv.; Opt. 3.Sg.; Gen./Dat.; Adv.)
yad uktam etat
was gesagt worden ist, dieses (Rel.; Part.Pass.; Nom.Sg.n.)

Konstruktion des zweiten Halbverses etwas unklar; Zuordnung von prītimatā unsicher [?].

Dieses Kapitel in der Leseansicht