Quellen der Menschheit

Mahābhārata · Śāntiparva

Kapitel 143: lubdhakasya vairāgyam Die Reue des Vogelfängers und sein Entschluss zur Buße

Der Vogelfänger, ergriffen vom Opfer der Taube im Feuer, verurteilt sein bisheriges Leben und beschließt zu fasten und Dharma zu üben. Fortsetzung der Taubengeschichte (Kapotalubdhaka-Episode) in Bhīṣmas Belehrung.

bhīṣma uvāca; tatas taṃ lubdhakaḥ paśyan kṛpayābhipariplutaḥ; kapotam agnau patitaṃ vākyaṃ punar uvāca ha

Bhīṣma sprach: Da sprach der Vogelfänger, als er die Taube ins Feuer gefallen sah, von Mitleid überflutet, abermals diese Worte:

Wort für Wort
bhīṣma uvāca
Bhīṣma sprach (Perf. 3.Sg.)
tataḥ taṃ lubdhakaḥ paśyan
da, jener Vogelfänger, sehend (Nom.Sg.m., Part.Präs.)
kṛpayābhipariplutaḥ
von Mitleid überflutet (Instr.Sg. + Nom.Sg.m., Part.Perf.Pass.)
kapotam agnau patitam
die Taube, ins Feuer gefallen (Akk.Sg.m. / Lok.Sg. / Part.Perf.Pass.)
vākyaṃ punar uvāca ha
Rede abermals sprach er (Akk.Sg.n. / Perf. 3.Sg.)

kim īdṛśaṃ nṛśaṃsena mayā kṛtam abuddhinā; bhaviṣyati hi me nityaṃ pātakaṃ hṛdi jīvataḥ

„Was habe ich Grausamer, Unverständiger da Derartiges getan! Ständig wird mir, solange ich lebe, die Sünde im Herzen bleiben.“

Wort für Wort
kim īdṛśam
was Derartiges (Akk.Sg.n.)
nṛśaṃsena mayā kṛtam abuddhinā
von mir, dem Grausamen, getan, dem Unverständigen (Instr.Sg., Part.Perf.Pass.)
bhaviṣyati hi me nityam
wird ja mir stets sein (3.Sg.Fut. / Gen.Sg.)
pātakaṃ hṛdi
Sünde im Herzen (Nom.Sg.n. / Lok.Sg.)
jīvataḥ
[solange ich] lebe (Gen.Sg.m., Part.Präs., Gen. abs.)

sa vinindann athātmānaṃ punaḥ punar uvāca ha; dhiṅ mām astu sudurbuddhiṃ sadā nikṛtiniścayam; śubhaṃ karma parityajya yo 'haṃ śakunilubdhakaḥ

Er schmähte sich darauf selbst und sprach immer wieder: „Verflucht sei ich, der ich sehr verblendet bin und stets auf Betrug bedacht! Ich, der ich das Gute Tun aufgegeben habe und ein Vogelfänger von Vögeln bin!“

Wort für Wort
sa vinindann athātmānam
er, sich schmähend, dann sich selbst (Nom.Sg.m., Part.Präs. / Akk.Sg.)
punaḥ punar uvāca ha
wieder und wieder sprach er (Perf. 3.Sg.)
dhiṅ mām astu
Schande über mich sei (Imp. 3.Sg.)
sudurbuddhiṃ sadā nikṛtiniścayam
den sehr Verblendeten, immer auf Betrug Entschlossenen (Akk.Sg.m., Bahuvrīhi)
śubhaṃ karma parityajya
gutes Tun aufgegeben habend (Akk.Sg.n., Abs.)
yo 'haṃ śakunilubdhakaḥ
der ich [bin], Vogelfänger (Nom.Sg.m., Tatpuruṣa)

nṛśaṃsasya mamādyāyaṃ pratyādeśo na saṃśayaḥ; dattaḥ svamāṃsaṃ dadatā kapotena mahātmanā

„Dies ist mir Grausamem heute zweifellos eine Zurückweisung: Sie ist mir gegeben worden von der großmütigen Taube, die ihr eigenes Fleisch hingab.“

Wort für Wort
nṛśaṃsasya mama adya ayam
dem Grausamen, mir, heute dieses (Gen.Sg. / Nom.Sg.m.)
pratyādeśo na saṃśayaḥ
Zurückweisung, kein Zweifel (Nom.Sg.m.)
dattaḥ
gegeben (Nom.Sg.m., Part.Perf.Pass.)
svamāṃsaṃ dadatā
eigenes Fleisch gebend (Instr.Sg.m., Part.Präs.)
kapotena mahātmanā
von der Taube, der großmütigen (Instr.Sg.m.)

pratyādeśa hier als Zurückweisung/Abweisung, wohl im Sinn von Rüge bzw. Lehre durch das Beispiel [?].

so 'haṃ tyakṣye priyān prāṇān putradāraṃ visṛjya ca; upadiṣṭo hi me dharmaḥ kapotenātidharmiṇā

„Ich also werde die geliebten Lebenshauche aufgeben, nachdem ich Sohn und Frau verlassen habe; denn belehrt wurde ich über den Dharma von der überaus dharmatreuen Taube.“

Wort für Wort
so 'haṃ tyakṣye
ich, der [bin], werde aufgeben (Nom.Sg.m. / 1.Sg.Fut.)
priyān prāṇān
die lieben Lebenshauche (Akk.Pl.m.)
putradāraṃ visṛjya ca
und Sohn [und] Frau verlassen habend (Akk.Sg.m., Dvandva / Abs.)
upadiṣṭo hi me dharmaḥ
denn gelehrt wurde mir der Dharma (Part.Perf.Pass. / Gen.Sg. / Nom.Sg.m.)
kapotena atidharmiṇā
von der Taube, der überaus dharmatreuen (Instr.Sg.m.)

adya prabhṛti dehaṃ svaṃ sarvabhogair vivarjitam; yathā svalpaṃ jalaṃ grīṣme śoṣayiṣyāmy ahaṃ tathā

„Von heute an werde ich meinen Leib, der aller Genüsse beraubt ist, austrocknen lassen, wie [man] in der Hitzezeit wenig Wasser [austrocknen lässt].“

Wort für Wort
adya prabhṛti
von heute an (Adv.)
dehaṃ svaṃ sarvabhogair vivarjitam
den eigenen Leib, aller Genüsse beraubt (Akk.Sg.m. / Instr.Pl. / Part.Perf.Pass.)
yathā svalpaṃ jalaṃ grīṣme
wie wenig Wasser in der Hitzezeit (Nom./Akk.Sg.n. / Lok.Sg.)
śoṣayiṣyāmy ahaṃ tathā
werde ich austrocknen lassen, ich, so (1.Sg.Fut.Kaus.)

kṣutpipāsātapasahaḥ kṛśo dhamanisaṃtataḥ; upavāsair bahuvidhaiś cariṣye pāralaukikam

„Hunger, Durst und Hitze ertragend, abgemagert, von Adern überzogen, werde ich durch vielerlei Fasten den Weg für die jenseitige Welt gehen.“

Wort für Wort
kṣutpipāsātapasahaḥ
Hunger, Durst und Sonnenglut ertragend (Nom.Sg.m., Tatpuruṣa)
kṛśo dhamanisaṃtataḥ
abgemagert, von Adern überzogen (Nom.Sg.m.)
upavāsair bahuvidhaiḥ
durch vielerlei Fasten (Instr.Pl.m.)
cariṣye pāralaukikam
werde ich üben [das] auf das Jenseits Bezogene (1.Sg.Fut.Med. / Akk.Sg.n.)

aho dehapradānena darśitātithipūjanā; tasmād dharmaṃ cariṣyāmi dharmo hi paramā gatiḥ; dṛṣṭo hi dharmo dharmiṣṭhair yādṛśo vihagottame

„Ah, durch das Hingeben des Leibes wurde [mir] die Verehrung des Gastes gezeigt! Darum werde ich den Dharma üben, denn der Dharma ist das höchste Ziel; denn gesehen wurde der Dharma, wie er von den Dharmatreuesten [gelebt wird], am Besten der Vögel.“

Wort für Wort
aho dehapradānena
ah, durch das Hingeben des Leibes (Interj. / Instr.Sg.n.)
darśitātithipūjanā
gezeigt die Gastverehrung (Nom.Sg.f., Part.Perf.Pass.)
tasmād dharmaṃ cariṣyāmi
deshalb den Dharma werde ich üben (Abl. / Akk.Sg.m. / 1.Sg.Fut.)
dharmo hi paramā gatiḥ
denn der Dharma ist das höchste Ziel (Nom.Sg.m. / Nom.Sg.f.)
dṛṣṭo hi dharmo dharmiṣṭhaiḥ
denn gesehen der Dharma von den Dharmatreuesten (Part.Perf.Pass. / Instr.Pl.m., Superl.)
yādṛśo vihagottame
wie er ist, am Besten der Vögel (Nom.Sg.m. / Lok.Sg.m.)

Die zweite Vershälfte ist knapp; „dṛṣṭo dharmo dharmiṣṭhair yādṛśaḥ“ wörtlich: ‚gesehen ist der Dharma, wie er bei den Dharmatreuesten [ist]‘. Wiedergabe mit [?] im Anschluss.

evam uktvā viniścitya raudrakarmā sa lubdhakaḥ; mahāprasthānam āśritya prayayau saṃśitavrataḥ

So gesprochen und den Entschluss gefasst habend, brach jener Vogelfänger, dessen Tun grausam gewesen war, strengen Gelübdes, zur Großen Wanderung [in den Tod] auf.

Wort für Wort
evam uktvā viniścitya
so gesprochen habend, entschlossen (Abs., Abs.)
raudrakarmā sa lubdhakaḥ
jener Vogelfänger, dessen Taten grausam waren (Nom.Sg.m., Bahuvrīhi)
mahāprasthānam āśritya
zur Großen Wanderung Zuflucht nehmend (Akk.Sg.n. / Abs.)
prayayau saṃśitavrataḥ
brach er auf, streng im Gelübde (Perf. 3.Sg. / Nom.Sg.m.)

mahāprasthāna: die ‚Große Ausfahrt‘, Wanderung bis zum Tod.

tato yaṣṭiṃ śalākāś ca kṣārakaṃ pañjaraṃ tathā; tāṃś ca baddhā kapotān sa saṃpramucyotsasarja ha

Darauf löste er den Stock, die Stäbe, das Kṣāraka[?] und den Käfig, und die gebundenen Tauben befreite er vollständig und ließ sie fliegen.

Wort für Wort
tato yaṣṭiṃ śalākāś ca
darauf den Stock und die Stäbe (Akk.Sg.f. / Akk.Pl.f.)
kṣārakaṃ pañjaraṃ tathā
das Kṣāraka[?] und den Käfig ebenso (Akk.Sg.n.)
tāṃś ca baddhān kapotān
und jene gebundenen Tauben (Akk.Pl.m., Part.Perf.Pass.)
sa saṃpramucya
er, gänzlich befreit habend (Abs.)
utsasarja ha
ließ er frei (Perf. 3.Sg.)

kṣāraka unsicher (Fanggerät, etwa Leimrute o. Ä.).

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