Quellen der Menschheit

Mahābhārata · Śāntiparva

Kapitel 232: yogakṛtya Die Praxis des Yoga: Überwindung der fünf Fehler, Sammlung der Sinne und Schau des Selbst

Vyāsa legt seinem Sohn nach der Sāṃkhya-Darlegung nun die Yoga-Praxis dar: Überwindung der fünf Yoga-Fehler, Zügelung und Sammlung von Sinnen und Denken, Übungsorte, Gleichmut und die Schau des Selbst.

vyāsa uvāca; pṛcchatas tava satputra yathāvad iha tattvataḥ; sāṃkhyanyāyena saṃyuktaṃ yad etat kīrtitaṃ mayā

Vyāsa sprach: „Dir, der du fragtest, guter Sohn, wurde dies hier der Richtigkeit gemäß, dem Wesen nach, von mir verkündet, verbunden mit der Sāṃkhya-Methode.“

Wort für Wort
vyāsa uvāca
Vyāsa sprach (Perf.)
pṛcchatas tava satputra
dir, der du fragst, guter Sohn (Gen. Part. Präs./Vok.)
yathāvad iha tattvataḥ
der Richtigkeit gemäß, hier, dem Wesen nach (Adv.)
sāṃkhyanyāyena saṃyuktaṃ
verbunden mit der Sāṃkhya-Methode (Instr./Part. Pass.)
yad etat kīrtitaṃ mayā
was dies verkündet wurde von mir (Part. Pass./Instr.)

yogakṛtyaṃ tu te kṛtsnaṃ vartayiṣyāmi tac chṛṇu; ekatvaṃ buddhimanasor indriyāṇāṃ ca sarvaśaḥ; ātmano dhyāyinas tāta jñānam etad anuttamam

Die gesamte Yoga-Praxis will ich dir nun darlegen; höre sie. Die Einheit von Verstand und Denken und von den Sinnen allseits: dies, Lieber, ist für den, der über das Selbst meditiert, das unübertreffliche Wissen.

Wort für Wort
yogakṛtyaṃ tu te kṛtsnaṃ
die Yoga-Praxis dir ganz (Akk. Sg. n./Dat.)
vartayiṣyāmi tac chṛṇu
ich werde darlegen (1.Sg.Fut. Kaus.); das höre (Imp.)
ekatvaṃ buddhimanasor
Einheit von Verstand und Denken (Akk./Gen. Du.)
indriyāṇāṃ ca sarvaśaḥ
und der Sinne in jeder Hinsicht (Gen. Pl.)
ātmano dhyāyinas tāta
des über das Selbst Meditierenden, Lieber (Gen. Sg./Vok.)
jñānam etad anuttamam
dies ist das unübertreffliche Wissen (Nom. Sg. n.)

tad etad upaśāntena dāntenādhyātmaśīlinā; ātmārāmeṇa buddhena boddhavyaṃ śucikarmaṇā

Dies ist von dem, der befriedet, gebändigt, im Selbst geübt ist, der sich am Selbst erfreut, erwacht ist und dessen Handeln rein ist, zu erkennen.

Wort für Wort
tad etad upaśāntena
dies hier von dem Befriedeten (Instr. Sg.)
dāntenādhyātmaśīlinā
von dem Gebändigten, der im Selbstbezug geübt ist (Instr.)
ātmārāmeṇa buddhena
von dem, der am Selbst sich erfreut, dem Erwachten (Instr.)
boddhavyaṃ śucikarmaṇā
ist zu erkennen (Gerundiv), von dem mit reinem Handeln (Instr.)

yogadoṣān samucchidya pañca yān kavayo viduḥ; kāmaṃ krodhaṃ ca lobhaṃ ca bhayaṃ svapnaṃ ca pañcamam

Nachdem er die Yoga-Fehler mit der Wurzel ausgerissen hat, die fünf, die die Weisen kennen: Begierde, Zorn und Gier, Furcht und als fünften den Schlaf.

Wort für Wort
yogadoṣān samucchidya
die Yoga-Fehler, ausgerottet habend (Akk. Pl./Gerund.)
pañca yān kavayo viduḥ
fünf, welche die Weisen kennen (3.Pl.Perf.)
kāmaṃ krodhaṃ ca lobhaṃ ca
Begierde, Zorn und Gier (Akk. Sg.)
bhayaṃ svapnaṃ ca pañcamam
Furcht und Schlaf als fünften (Akk. Sg.)

krodhaṃ śamena jayati kāmaṃ saṃkalpavarjanāt; sattvasaṃsevanād dhīro nidrām ucchettum arhati

Den Zorn besiegt man durch Gelassenheit, die Begierde durch das Meiden des Vorsatzes; der Besonnene vermag den Schlaf auszurotten durch die Pflege des Sattva [der Klarheit].

Wort für Wort
krodhaṃ śamena jayati
den Zorn besiegt man durch Gelassenheit (Akk./Instr./3.Sg.Präs.)
kāmaṃ saṃkalpavarjanāt
die Begierde durch Meiden des Vorsatzes (Akk./Abl.)
sattvasaṃsevanād dhīro
durch Pflege des Sattva, der Besonnene (Abl./Nom.)
nidrām ucchettum arhati
den Schlaf auszurotten (Inf.), vermag/soll er (3.Sg.Präs.)

dhṛtyā śiśnodaraṃ rakṣet pāṇipādaṃ ca cakṣuṣā; cakṣuḥ śrotre ca manasā mano vācaṃ ca karmaṇā

Durch Festigkeit hüte man Geschlecht und Bauch, Hand und Fuß durch das Auge; Auge und Ohr durch das Denken, das Denken und die Rede durch das Handeln.

Wort für Wort
dhṛtyā śiśnodaraṃ rakṣet
durch Festigkeit hüte man Geschlecht und Bauch (Instr./Akk./Opt.)
pāṇipādaṃ ca cakṣuṣā
und Hand und Fuß durch das Auge (Akk. Dvandva/Instr.)
cakṣuḥ śrotre ca manasā
Auge und Ohren durch das Denken (Akk. Du./Instr.)
mano vācaṃ ca karmaṇā
das Denken und die Rede durch Handeln (Akk./Instr.)

apramādād bhayaṃ jahyāl lobhaṃ prājñopasevanāt; evam etān yogadoṣāñ jayen nityam atandritaḥ

Durch Unachtsamkeitslosigkeit meide man die Furcht, die Gier durch den Umgang mit Weisen; so überwinde man diese Yoga-Fehler stets, unermüdlich.

Wort für Wort
apramādād bhayaṃ jahyāl
durch Achtsamkeit die Furcht möge man aufgeben (Abl./Akk./Opt.)
lobhaṃ prājñopasevanāt
die Gier durch Umgang mit Weisen (Akk./Abl.)
evam etān yogadoṣāñ
so diese Yoga-Fehler (Akk. Pl.)
jayen nityam atandritaḥ
möge man besiegen, stets, unermüdet (Opt./Adv./Nom.)

agnīṃś ca brāhmaṇāṃś cārced devatāḥ praṇameta ca; varjayed ruṣitāṃ vācaṃ hiṃsāyuktāṃ manonugām

Die Feuer und die Brahmanen verehre er, und vor den Gottheiten verneige er sich; er meide Rede, die gereizt und mit Gewalt verbunden ist und dem [bloßen] Denken folgt.

Wort für Wort
agnīṃś ca brāhmaṇāṃś cārced
die Feuer und die Brahmanen verehre er (Akk. Pl./Opt.)
devatāḥ praṇameta ca
vor den Gottheiten verneige er sich (Akk. Pl./Opt. Med.)
varjayed ruṣitāṃ vācaṃ
meiden möge er gereizte Rede (Opt. Kaus./Akk. Sg. f.)
hiṃsāyuktāṃ manonugām
mit Gewalt verbundene, dem Denken folgende (Akk. Sg. f.)

manonugām: wörtlich „dem Denken folgend“ (d. h. unbedacht aus dem Gemüt hervorgehend); Deutung unsicher.

brahma tejomayaṃ śukraṃ yasya sarvam idaṃ rasaḥ; ekasya bhūtaṃ bhūtasya dvayaṃ sthāvarajaṅgamam

Brahman, aus Glanz bestehend, hell, dessen Essenz dieses ganze [All] ist; vom einen Wesen her [ist] das Zweifache [entstanden], das Unbewegliche und das Bewegliche [?].

Wort für Wort
brahma tejomayaṃ śukraṃ
Brahman, aus Glanz bestehend, hell (Nom. Sg. n.)
yasya sarvam idaṃ rasaḥ
dessen dieses All die Essenz/der Saft ist (Gen./Nom.)
ekasya bhūtasya
des einen Wesens (Gen. Sg.)
bhūtaṃ dvayaṃ
geworden das Zweifache (Part. Perf. Pass./Nom. n.)
sthāvarajaṅgamam
Unbewegliches und Bewegliches (Dvandva)

Der Vers ist knapp und syntaktisch unklar (Bezug von ekasya bhūtasya und dvayam); Wiedergabe unsicher.

dhyānam adhyayanaṃ dānaṃ satyaṃ hrīr ārjavaṃ kṣamā; śaucam āhārasaṃśuddhir indriyāṇāṃ ca nigrahaḥ

Meditation, Studium, Gabe, Wahrhaftigkeit, Scham, Geradheit, Nachsicht, Reinheit, Reinheit der Nahrung und die Zügelung der Sinne.

Wort für Wort
dhyānam adhyayanaṃ dānaṃ
Meditation, Studium, Gabe (Nom. Sg. n.)
satyaṃ hrīr ārjavaṃ kṣamā
Wahrheit, Scham, Geradheit, Nachsicht (Nom. Sg.)
śaucam āhārasaṃśuddhir
Reinheit, Reinheit der Nahrung (Nom. Sg.)
indriyāṇāṃ ca nigrahaḥ
und Zügelung der Sinne (Gen. Pl./Nom.)

etair vivardhate tejaḥ pāpmānaṃ cāpakarṣati; sidhyanti cāsya sarvārthā vijñānaṃ ca pravartate

Hierdurch wächst der Glanz, und das Übel zieht er ab; und ihm gelingen alle Ziele, und die Erkenntnis kommt in Gang.

Wort für Wort
etair vivardhate tejaḥ
durch diese wächst der Glanz (Instr. Pl./3.Sg.Präs. Med./Nom.)
pāpmānaṃ cāpakarṣati
und das Übel zieht er ab (Akk./3.Sg.Präs.)
sidhyanti cāsya sarvārthā
und ihm gelingen alle Ziele (3.Pl.Präs./Gen./Nom. Pl.)
vijñānaṃ ca pravartate
und die Erkenntnis kommt in Gang (Nom./3.Sg.Präs. Med.)

samaḥ sarveṣu bhūteṣu labdhālabdhena vartayan; dhutapāpmā tu tejasvī laghvāhāro jitendriyaḥ; kāmakrodhau vaśe kṛtvā ninīṣed brahmaṇaḥ padam

Gleich gegen alle Wesen, sich mit dem Erlangten und Nichterlangten durchbringend, mit abgeschüttelten Übeln, glanzvoll, mäßig essend, die Sinne besiegt; Begierde und Zorn unter seine Gewalt gebracht, möge er danach streben, [sich] zum Standort des Brahman zu führen.

Wort für Wort
samaḥ sarveṣu bhūteṣu
gleich gegen alle Wesen (Nom./Lok. Pl.)
labdhālabdhena vartayan
mit Erlangtem und Nichterlangtem lebend (Instr./Part. Präs.)
dhutapāpmā tu tejasvī
mit abgeschütteltem Übel, glanzvoll (Nom. Bahuvrīhi)
laghvāhāro jitendriyaḥ
mäßig essend, die Sinne besiegt (Nom.)
kāmakrodhau vaśe kṛtvā
Begierde und Zorn unter Gewalt gebracht (Akk. Du./Lok./Gerund.)
ninīṣed brahmaṇaḥ padam
möge hinzuführen wünschen (Opt. Desid.), zum Standort des Brahman (Gen./Akk.)

manasaś cendriyāṇāṃ ca kṛtvaikāgryaṃ samāhitaḥ; prāg rātrāpararātreṣu dhārayen mana ātmanā

Nachdem er Einspitzigkeit von Denken und Sinnen hergestellt hat, gesammelt, halte er in den ersten und den letzten Nachtwachen das Denken durch das Selbst fest.

Wort für Wort
manasaś cendriyāṇāṃ ca
des Denkens und der Sinne (Gen.)
kṛtvaikāgryaṃ samāhitaḥ
Einspitzigkeit hergestellt habend, gesammelt (Gerund./Nom.)
prāg rātrāpararātreṣu
in der frühen und der späten Nacht (Lok. Pl.)
dhārayen mana ātmanā
festhalten möge er das Denken durch das Selbst (Opt. Kaus./Akk./Instr.)

jantoḥ pañcendriyasyāsya yad ekaṃ chidram indriyam; tato 'sya sravati prajñā dṛteḥ pādād ivodakam

Von diesem Wesen mit den fünf Sinnen: welcher einzelne Sinn die undichte Stelle ist, von dort rinnt ihm die Einsicht aus, wie das Wasser aus dem Fuß eines Schlauchs.

Wort für Wort
jantoḥ pañcendriyasyāsya
dieses Wesens mit fünf Sinnen (Gen. Sg.)
yad ekaṃ chidram indriyam
welcher eine Sinn ein Loch ist (Nom. Sg. n.)
tato 'sya sravati prajñā
von dort ihm rinnt aus die Einsicht (Abl./Gen./3.Sg.Präs./Nom.)
dṛteḥ pādād ivodakam
wie Wasser aus dem Fuß des Schlauchs (Gen./Abl./Nom.)

manas tu pūrvam ādadyāt kumīnān iva matsyahā; tataḥ śrotraṃ tataś cakṣur jihvāṃ ghrāṇaṃ ca yogavit

Das Denken aber fasse er zuerst, wie der Fischer die kleinen Fische; dann das Ohr, dann das Auge, die Zunge und die Nase, der Yoga-Kundige.

Wort für Wort
manas tu pūrvam ādadyāt
das Denken aber zuerst möge er ergreifen (Akk./Adv./Opt.)
kumīnān iva matsyahā
wie der Fischer kleine Fische (Akk. Pl./Nom.)
tataḥ śrotraṃ tataś cakṣur
dann das Ohr, dann das Auge (Akk.)
jihvāṃ ghrāṇaṃ ca yogavit
die Zunge und die Nase, der Yoga-Kundige (Akk./Nom.)

tata etāni saṃyamya manasi sthāpayed yatiḥ; tathaivāpohya saṃkalpān mano hy ātmani dhārayet

Danach, diese gezügelt, setze der Asket sie im Denken fest; ebenso halte er, die Vorsätze abgewiesen, das Denken im Selbst.

Wort für Wort
tata etāni saṃyamya
danach diese gezügelt habend (Akk. Pl. n./Gerund.)
manasi sthāpayed yatiḥ
im Denken festsetzen möge der Asket (Lok./Opt. Kaus./Nom.)
tathaivāpohya saṃkalpān
ebenso, die Vorsätze beiseite gewiesen habend (Gerund./Akk. Pl.)
mano hy ātmani dhārayet
das Denken im Selbst halte er (Akk./Lok./Opt. Kaus.)

pañca jñānena saṃdhāya manasi sthāpayed yatiḥ; yadaitāny avatiṣṭhante manaḥṣaṣṭhāni cātmani; prasīdanti ca saṃsthāya tadā brahma prakāśate

Die fünf, mit Erkenntnis verbunden, setze der Asket im Denken fest. Wenn diese, das Denken als sechstes, im Selbst verharren und, [darin] fest gegründet, sich klären, dann leuchtet Brahman auf.

Wort für Wort
pañca jñānena saṃdhāya
die fünf mit Erkenntnis verbunden (Akk./Instr./Gerund.)
manasi sthāpayed yatiḥ
im Denken festsetzen möge der Asket (Lok./Opt. Kaus.)
yadaitāny avatiṣṭhante
wenn diese verharren (3.Pl.Präs. Med.)
manaḥṣaṣṭhāni cātmani
das Denken als sechstes, im Selbst (Nom. Pl. n./Lok.)
prasīdanti ca saṃsthāya
und sie klären sich, [darin] fest gegründet (3.Pl.Präs./Gerund.)
tadā brahma prakāśate
dann leuchtet Brahman auf (Nom./3.Sg.Präs. Med.)

vidhūma iva dīptārcir āditya iva dīptimān; vaidyuto 'gnir ivākāśe paśyaty ātmānam ātmanā; sarvaṃ ca tatra sarvatra vyāpakatvāc ca dṛśyate

Wie ein rauchloses, hell lodernd flammendes Feuer, wie die glänzende Sonne, wie ein Blitzfeuer am Himmel: [so] schaut er das Selbst durch das Selbst; und alles wird dort, überall, gesehen wegen der Alldurchdringung.

Wort für Wort
vidhūma iva dīptārcir
wie [Feuer] ohne Rauch, mit lodernder Flamme (Nom.)
āditya iva dīptimān
wie die Sonne, glänzend (Nom.)
vaidyuto 'gnir ivākāśe
wie ein Blitzfeuer am Himmel (Nom./Lok.)
paśyaty ātmānam ātmanā
er schaut das Selbst durch das Selbst (3.Sg.Präs./Akk./Instr.)
sarvaṃ ca tatra sarvatra
und alles dort überall (Nom. n./Adv.)
vyāpakatvāc ca dṛśyate
und wegen der Alldurchdringung wird gesehen (Abl./3.Sg.Präs. Pass.)

taṃ paśyanti mahātmāno brāhmaṇā ye manīṣiṇaḥ; dhṛtimanto mahāprājñāḥ sarvabhūtahite ratāḥ

Ihn schauen die Hochgesinnten, die Brahmanen, die Weisen: die Standhaften, Hochweisen, die am Wohl aller Wesen Freude haben.

Wort für Wort
taṃ paśyanti mahātmāno
ihn schauen die Hochgesinnten (Akk./3.Pl.Präs./Nom. Pl.)
brāhmaṇā ye manīṣiṇaḥ
Brahmanen, die Weisen sind (Nom. Pl.)
dhṛtimanto mahāprājñāḥ
die Standhaften, Hochweisen (Nom. Pl.)
sarvabhūtahite ratāḥ
am Wohl aller Wesen sich erfreuend (Lok./Nom. Pl.)

evaṃ parimitaṃ kālam ācaran saṃśitavrataḥ; āsīno hi rahasy eko gacched akṣarasātmyatām

Wer so eine bemessene Zeit übt, streng im Gelübde, sitzend, in der Einsamkeit, allein, der möge zur Wesensgleichheit mit dem Unvergänglichen gelangen.

Wort für Wort
evaṃ parimitaṃ kālam
so eine bemessene Zeit (Akk. Sg.)
ācaran saṃśitavrataḥ
übend, mit scharfem Gelübde (Part. Präs./Nom.)
āsīno hi rahasy eko
sitzend, in der Einsamkeit, allein (Part. Präs. Med./Lok./Nom.)
gacched akṣarasātmyatām
möge gelangen zur Wesensgleichheit mit dem Unvergänglichen (Opt./Akk. Sg. f.)

pramoho bhrama āvarto ghrāṇaśravaṇadarśane; adbhutāni rasasparśe śītoṣṇe mārutākṛtiḥ

Verwirrung, Irrung, Wirbel im Riechen, Hören und Sehen; Wunderbares bei Geschmack und Berührung; Kälte und Hitze; eine Windgestalt [?].

Wort für Wort
pramoho bhrama āvarto
Verwirrung, Irrung, Wirbel (Nom. Sg.)
ghrāṇaśravaṇadarśane
beim Riechen, Hören, Sehen (Lok. Du./Sg. n.)
adbhutāni rasasparśe
Wunderbares bei Geschmack und Berührung (Nom. Pl. n./Lok.)
śītoṣṇe mārutākṛtiḥ
Kälte und Hitze, Windgestalt (Nom./Lok. Du.)

Aufzählung möglicher Erscheinungen während der Übung; der Vers ist elliptisch, die Bedeutung von mārutākṛtiḥ unsicher.

pratibhām upasargāṃś cāpy upasaṃgṛhya yogataḥ; tāṃs tattvavid anādṛtya svātmanaiva nivartayet

Die Eingebung und auch die Störungen, [sie] durch den Yoga wahrgenommen, jene übergehe der Wahrheitskundige unbeachtet und wende sie durch sein eigenes Selbst ab.

Wort für Wort
pratibhām upasargāṃś cāpy
die Eingebung und auch die Störungen (Akk.)
upasaṃgṛhya yogataḥ
erfasst habend, durch Yoga (Gerund./Abl. Adv.)
tāṃs tattvavid anādṛtya
jene, der Wahrheitskundige, unbeachtet lassend (Akk./Nom./Gerund.)
svātmanaiva nivartayet
durch sein eigenes Selbst wende er ab (Instr./Opt. Kaus.)

kuryāt paricayaṃ yoge traikālyaṃ niyato muniḥ; giriśṛṅge tathā caitye vṛkṣāgreṣu ca yojajet

Vertrautheit im Yoga [Übung] zu den drei Tageszeiten pflege der gezügelte Weise; auf Berggipfeln, an Heiligtümern und auf Baumwipfeln versenke er sich [?].

Wort für Wort
kuryāt paricayaṃ yoge
pflegen möge er Vertrautheit im Yoga (Opt./Akk./Lok.)
traikālyaṃ niyato muniḥ
zu den drei Zeiten, der Gezügelte, der Weise (Adv./Nom.)
giriśṛṅge tathā caitye
auf dem Berggipfel und am Heiligtum (Lok.)
vṛkṣāgreṣu ca yojajet
und auf Baumwipfeln möge er sich versenken (Lok. Pl./Opt. [?])

yojajet ist vermutlich verderbt für yojayet („er möge sich versenken/verbinden“); Wiedergabe unsicher.

saṃniyamyendriyagrāmaṃ goṣṭhe bhāṇḍamanā iva; ekāgraś cintayen nityaṃ yogān nodvejayen manaḥ

Die Sinnenschar gezügelt, wie einer, dessen Sinn im Kuhstall auf die Gefäße gerichtet ist [?], denke er einspitzig stets nach; durch den Yoga soll er das Denken nicht in Unruhe versetzen.

Wort für Wort
saṃniyamyendriyagrāmaṃ
die Sinnenschar gezügelt habend (Gerund./Akk.)
goṣṭhe bhāṇḍamanā iva
wie einer mit dem Sinn auf Gefäße im Kuhstall (Lok./Nom. [?])
ekāgraś cintayen nityaṃ
einspitzig denke er stets nach (Nom./Opt./Adv.)
yogān nodvejayen manaḥ
durch Yoga nicht beunruhigen möge er das Denken (Abl./Opt. Kaus./Akk.)

Das Gleichnis (goṣṭhe bhāṇḍamanā iva) ist unklar; wörtliche Wiedergabe.

yenopāyena śakyeta saṃniyantuṃ calaṃ manaḥ; taṃ taṃ yukto niṣeveta na caiva vicalet tataḥ

Durch welches Mittel das unstete Denken gezügelt werden kann, dieses jeweilige übe der Yoga-Gesammelte aus, und er weiche davon nicht ab.

Wort für Wort
yenopāyena śakyeta
durch welches Mittel gekonnt werden kann (Instr./Opt. Pass.)
saṃniyantuṃ calaṃ manaḥ
zu zügeln (Inf.) das unstete Denken (Akk. n.)
taṃ taṃ yukto niṣeveta
jeweils dieses, der Gesammelte, übe aus (Akk./Nom./Opt. Med.)
na caiva vicalet tataḥ
und nicht weiche er davon ab (Opt./Adv.)

śūnyā giriguhāś caiva devatāyatanāni ca; śūnyāgārāṇi caikāgro nivāsārtham upakramet

Leere Berghöhlen und Götterheiligtümer und leere Häuser: [diese] suche er einspitzig zum Wohnen auf.

Wort für Wort
śūnyā giriguhāś caiva
leere Berghöhlen (Nom./Akk. Pl. f.)
devatāyatanāni ca
und Götterheiligtümer (Akk. Pl. n.)
śūnyāgārāṇi caikāgro
und leere Häuser, einspitzig (Akk. Pl./Nom.)
nivāsārtham upakramet
zum Wohnen (Adv.) möge er aufsuchen (Opt.)

nābhiṣvajet paraṃ vācā karmaṇā manasāpi vā; upekṣako yatāhāro labdhālabdhe samo bhavet

Er soll keinen anderen bedrängen [?], weder mit Rede noch mit Tat noch auch nur mit dem Denken; gleichmütig, maßvoll essend, sei er gleich im Erlangten und im Nichterlangten.

Wort für Wort
nābhiṣvajet paraṃ vācā
er soll nicht bedrängen [?] einen anderen durch Rede (Opt./Akk./Instr.)
karmaṇā manasāpi vā
durch Tat oder auch durch Denken (Instr.)
upekṣako yatāhāro
gleichmütig, mit gezügelter Nahrung (Nom.)
labdhālabdhe samo bhavet
im Erlangten und Nichterlangten gleich sei er (Lok./Nom./Opt.)

abhiṣvajet (wörtlich „umarmen/anhängen“) ist hier unsicher; sinngemäß vermutlich „bedrängen/verfluchen“.

yaś cainam abhinandeta yaś cainam apavādayet; samas tayoś cāpy ubhayor nābhidhyāyec chubhāśubham

Und wer ihn preist und wer ihn schmäht: gegen diese beiden sei er gleich, und er sinne über keinen Gutes oder Schlechtes.

Wort für Wort
yaś cainam abhinandeta
und wer ihn preist (Nom./Akk./Opt. Med.)
yaś cainam apavādayet
und wer ihn schmäht (Opt. Kaus.)
samas tayoś cāpy ubhayor
gleich gegen jene und beide (Nom./Lok. Du.)
nābhidhyāyec chubhāśubham
nicht wünsche/sinne er Gutes oder Schlechtes (Opt./Akk.)

na prahṛṣyeta lābheṣu nālābheṣu ca cintayet; samaḥ sarveṣu bhūteṣu sadharmā mātariśvanaḥ

Er frohlocke nicht bei Gewinnen und grüble nicht bei Nichtgewinnen; gleich gegen alle Wesen, von gleicher Wesensart wie der Wind.

Wort für Wort
na prahṛṣyeta lābheṣu
nicht frohlocke er bei Gewinnen (Opt. Med./Lok. Pl.)
nālābheṣu ca cintayet
und nicht grüble er bei Nichtgewinnen (Lok. Pl./Opt.)
samaḥ sarveṣu bhūteṣu
gleich gegen alle Wesen (Nom./Lok. Pl.)
sadharmā mātariśvanaḥ
von gleicher Natur wie der Wind (Nom./Gen. Sg.)

evaṃ sarvātmanaḥ sādhoḥ sarvatra samadarśinaḥ; ṣaṇmāsān nityayuktasya śabdabrahmātivartate

So überschreitet er, der Gute, dessen Selbst alles umfasst, der überall gleich sieht und stets gesammelt ist, in sechs Monaten das Wort-Brahman.

Wort für Wort
evaṃ sarvātmanaḥ sādhoḥ
so dessen, der das All als Selbst hat, des Guten (Gen. Sg.)
sarvatra samadarśinaḥ
überall gleich Sehenden (Gen. Sg.)
ṣaṇmāsān nityayuktasya
nach sechs Monaten, des stets Gesammelten (Abl. Pl./Gen. Sg.)
śabdabrahmātivartate
das Wort-Brahman überschreitet er (Akk./3.Sg.Präs.)

vedanārtāḥ prajā dṛṣṭvā samaloṣṭāśmakāñcanaḥ; etasmin nirato mārge viramen na vimohitaḥ

Wenn er die von Schmerz gequälten Geschöpfe gesehen hat, sei er, dem Erdklumpen, Stein und Gold gleich gelten, an diesem Weg erfreut; nicht verwirrt lasse er davon ab [?].

Wort für Wort
vedanārtāḥ prajā dṛṣṭvā
die von Schmerz gequälten Geschöpfe gesehen habend (Akk. Pl./Gerund.)
samaloṣṭāśmakāñcanaḥ
dem Erdklumpen, Stein, Gold gleich sind (Nom. Bahuvrīhi)
etasmin nirato mārge
an diesem Weg erfreut (Lok./Nom.)
viramen na vimohitaḥ
lasse er ab (Opt.), nicht verwirrt [?] (Part. Pass.)

Der Schluss (viramen na vimohitaḥ) ist syntaktisch mehrdeutig.

api varṇāv akṛṣṭas tu nārī vā dharmakāṅkṣiṇī; tāv apy etena mārgeṇa gacchetāṃ paramāṃ gatim

Selbst die beiden [niedrigeren] Stände [?] oder eine Frau, die nach dem Dharma verlangt: auch diese beiden mögen auf diesem Weg zum höchsten Ziel gehen.

Wort für Wort
api varṇāv akṛṣṭas tu
selbst zwei Stände [?], nicht ... [?] (Nom. Du./Text unsicher)
nārī vā dharmakāṅkṣiṇī
oder eine Frau, nach Dharma verlangend (Nom. Sg. f.)
tāv apy etena mārgeṇa
auch diese beiden auf diesem Weg (Nom. Du./Instr.)
gacchetāṃ paramāṃ gatim
mögen gehen zum höchsten Ziel (Opt. Du./Akk. Sg. f.)

akṛṣṭas ist wohl verderbt (etwa für apakṛṣṭau „niedrig“); auch der Bezug von tāv („diese beiden“) auf Ständepaar und Frau ist unklar.

ajaṃ purāṇam ajaraṃ sanātanaṃ; yad indriyair upalabhate naro 'calaḥ; aṇor aṇīyo mahato mahattaraṃ; tadātmanā paśyati yukta ātmavān

Den Ungeborenen, Uralten, Alterslosen, Ewigen, den der unbewegte Mensch mit den Sinnen erfasst, kleiner als das Kleine, größer als das Große: den schaut der Gesammelte, der das Selbst besitzt, durch das Selbst.

Wort für Wort
ajaṃ purāṇam ajaraṃ sanātanaṃ
den Ungeborenen, Uralten, Alterslosen, Ewigen (Akk. Sg. n.)
yad indriyair upalabhate
den er mit den Sinnen erfasst (Akk./Instr. Pl./3.Sg.Präs. Med.)
naro 'calaḥ
der Mensch, unbewegt (Nom.)
aṇor aṇīyo mahato mahattaraṃ
kleiner als das Kleine, größer als das Große (Abl./Komp. Akk.)
tadātmanā paśyati
das schaut er durch das Selbst (Instr./3.Sg.Präs.)
yukta ātmavān
der Gesammelte, selbstbesitzend (Nom.)

idaṃ maharṣer vacanaṃ mahātmano; yathāvad uktaṃ manasānudṛśya ca; avekṣya ceyāt parameṣṭhisātmyatāṃ; prayānti yāṃ bhūtagatiṃ manīṣiṇaḥ

Dieses Wort des großen Sehers, des Hochgesinnten, [ist] so, wie es gesagt wurde; mit dem Denken betrachtet und erwogen, möge man zur Wesensgleichheit mit dem Parameṣṭhin gelangen, zu dem Gang der Wesen, auf den die Weisen ziehen.

Wort für Wort
idaṃ maharṣer vacanaṃ mahātmano
dieses Wort des großen Sehers, des Hochgesinnten (Nom. n./Gen.)
yathāvad uktaṃ
der Richtigkeit gemäß gesagt (Part. Pass.)
manasānudṛśya ca
und mit dem Denken betrachtet (Instr./Gerund.)
avekṣya ceyāt
und erwogen habend möge man gelangen (Gerund./Opt.)
parameṣṭhisātmyatāṃ
zur Wesensgleichheit mit dem Parameṣṭhin (Akk. Sg. f.)
prayānti yāṃ bhūtagatiṃ manīṣiṇaḥ
auf die sie ziehen, das Ziel der Wesen, die Weisen (3.Pl.Präs./Akk./Nom.)

ceyāt ist als ca + iyāt (Opt. von i) aufgefasst.

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