Kapitel 232: yogakṛtya
Die Praxis des Yoga: Überwindung der fünf Fehler, Sammlung der Sinne und Schau des Selbst
Vyāsa legt seinem Sohn nach der Sāṃkhya-Darlegung nun die Yoga-Praxis dar: Überwindung der fünf Yoga-Fehler, Zügelung und Sammlung von Sinnen und Denken, Übungsorte, Gleichmut und die Schau des Selbst.
Vyāsa sprach: „Dir, der du fragtest, guter Sohn, wurde dies hier der Richtigkeit gemäß, dem Wesen nach, von mir verkündet, verbunden mit der Sāṃkhya-Methode.“
Wort für Wort
vyāsa uvāca
Vyāsa sprach (Perf.)
pṛcchatas tava satputra
dir, der du fragst, guter Sohn (Gen. Part. Präs./Vok.)
yathāvad iha tattvataḥ
der Richtigkeit gemäß, hier, dem Wesen nach (Adv.)
sāṃkhyanyāyena saṃyuktaṃ
verbunden mit der Sāṃkhya-Methode (Instr./Part. Pass.)
yad etat kīrtitaṃ mayā
was dies verkündet wurde von mir (Part. Pass./Instr.)
yogakṛtyaṃ tu te kṛtsnaṃ vartayiṣyāmi tac chṛṇu; ekatvaṃ buddhimanasor indriyāṇāṃ ca sarvaśaḥ; ātmano dhyāyinas tāta jñānam etad anuttamam
Die gesamte Yoga-Praxis will ich dir nun darlegen; höre sie. Die Einheit von Verstand und Denken und von den Sinnen allseits: dies, Lieber, ist für den, der über das Selbst meditiert, das unübertreffliche Wissen.
Wort für Wort
yogakṛtyaṃ tu te kṛtsnaṃ
die Yoga-Praxis dir ganz (Akk. Sg. n./Dat.)
vartayiṣyāmi tac chṛṇu
ich werde darlegen (1.Sg.Fut. Kaus.); das höre (Imp.)
ekatvaṃ buddhimanasor
Einheit von Verstand und Denken (Akk./Gen. Du.)
indriyāṇāṃ ca sarvaśaḥ
und der Sinne in jeder Hinsicht (Gen. Pl.)
ātmano dhyāyinas tāta
des über das Selbst Meditierenden, Lieber (Gen. Sg./Vok.)
jñānam etad anuttamam
dies ist das unübertreffliche Wissen (Nom. Sg. n.)
yogadoṣān samucchidya pañca yān kavayo viduḥ; kāmaṃ krodhaṃ ca lobhaṃ ca bhayaṃ svapnaṃ ca pañcamam
Nachdem er die Yoga-Fehler mit der Wurzel ausgerissen hat, die fünf, die die Weisen kennen: Begierde, Zorn und Gier, Furcht und als fünften den Schlaf.
Wort für Wort
yogadoṣān samucchidya
die Yoga-Fehler, ausgerottet habend (Akk. Pl./Gerund.)
Den Zorn besiegt man durch Gelassenheit, die Begierde durch das Meiden des Vorsatzes; der Besonnene vermag den Schlaf auszurotten durch die Pflege des Sattva [der Klarheit].
Wort für Wort
krodhaṃ śamena jayati
den Zorn besiegt man durch Gelassenheit (Akk./Instr./3.Sg.Präs.)
kāmaṃ saṃkalpavarjanāt
die Begierde durch Meiden des Vorsatzes (Akk./Abl.)
sattvasaṃsevanād dhīro
durch Pflege des Sattva, der Besonnene (Abl./Nom.)
nidrām ucchettum arhati
den Schlaf auszurotten (Inf.), vermag/soll er (3.Sg.Präs.)
Die Feuer und die Brahmanen verehre er, und vor den Gottheiten verneige er sich; er meide Rede, die gereizt und mit Gewalt verbunden ist und dem [bloßen] Denken folgt.
Wort für Wort
agnīṃś ca brāhmaṇāṃś cārced
die Feuer und die Brahmanen verehre er (Akk. Pl./Opt.)
devatāḥ praṇameta ca
vor den Gottheiten verneige er sich (Akk. Pl./Opt. Med.)
varjayed ruṣitāṃ vācaṃ
meiden möge er gereizte Rede (Opt. Kaus./Akk. Sg. f.)
hiṃsāyuktāṃ manonugām
mit Gewalt verbundene, dem Denken folgende (Akk. Sg. f.)
manonugām: wörtlich „dem Denken folgend“ (d. h. unbedacht aus dem Gemüt hervorgehend); Deutung unsicher.
Brahman, aus Glanz bestehend, hell, dessen Essenz dieses ganze [All] ist; vom einen Wesen her [ist] das Zweifache [entstanden], das Unbewegliche und das Bewegliche [?].
Wort für Wort
brahma tejomayaṃ śukraṃ
Brahman, aus Glanz bestehend, hell (Nom. Sg. n.)
yasya sarvam idaṃ rasaḥ
dessen dieses All die Essenz/der Saft ist (Gen./Nom.)
ekasya bhūtasya
des einen Wesens (Gen. Sg.)
bhūtaṃ dvayaṃ
geworden das Zweifache (Part. Perf. Pass./Nom. n.)
sthāvarajaṅgamam
Unbewegliches und Bewegliches (Dvandva)
Der Vers ist knapp und syntaktisch unklar (Bezug von ekasya bhūtasya und dvayam); Wiedergabe unsicher.
Gleich gegen alle Wesen, sich mit dem Erlangten und Nichterlangten durchbringend, mit abgeschüttelten Übeln, glanzvoll, mäßig essend, die Sinne besiegt; Begierde und Zorn unter seine Gewalt gebracht, möge er danach streben, [sich] zum Standort des Brahman zu führen.
Wort für Wort
samaḥ sarveṣu bhūteṣu
gleich gegen alle Wesen (Nom./Lok. Pl.)
labdhālabdhena vartayan
mit Erlangtem und Nichterlangtem lebend (Instr./Part. Präs.)
dhutapāpmā tu tejasvī
mit abgeschütteltem Übel, glanzvoll (Nom. Bahuvrīhi)
laghvāhāro jitendriyaḥ
mäßig essend, die Sinne besiegt (Nom.)
kāmakrodhau vaśe kṛtvā
Begierde und Zorn unter Gewalt gebracht (Akk. Du./Lok./Gerund.)
ninīṣed brahmaṇaḥ padam
möge hinzuführen wünschen (Opt. Desid.), zum Standort des Brahman (Gen./Akk.)
manasaś cendriyāṇāṃ ca kṛtvaikāgryaṃ samāhitaḥ; prāg rātrāpararātreṣu dhārayen mana ātmanā
Nachdem er Einspitzigkeit von Denken und Sinnen hergestellt hat, gesammelt, halte er in den ersten und den letzten Nachtwachen das Denken durch das Selbst fest.
jantoḥ pañcendriyasyāsya yad ekaṃ chidram indriyam; tato 'sya sravati prajñā dṛteḥ pādād ivodakam
Von diesem Wesen mit den fünf Sinnen: welcher einzelne Sinn die undichte Stelle ist, von dort rinnt ihm die Einsicht aus, wie das Wasser aus dem Fuß eines Schlauchs.
Wort für Wort
jantoḥ pañcendriyasyāsya
dieses Wesens mit fünf Sinnen (Gen. Sg.)
yad ekaṃ chidram indriyam
welcher eine Sinn ein Loch ist (Nom. Sg. n.)
tato 'sya sravati prajñā
von dort ihm rinnt aus die Einsicht (Abl./Gen./3.Sg.Präs./Nom.)
dṛteḥ pādād ivodakam
wie Wasser aus dem Fuß des Schlauchs (Gen./Abl./Nom.)
Die fünf, mit Erkenntnis verbunden, setze der Asket im Denken fest. Wenn diese, das Denken als sechstes, im Selbst verharren und, [darin] fest gegründet, sich klären, dann leuchtet Brahman auf.
Wort für Wort
pañca jñānena saṃdhāya
die fünf mit Erkenntnis verbunden (Akk./Instr./Gerund.)
manasi sthāpayed yatiḥ
im Denken festsetzen möge der Asket (Lok./Opt. Kaus.)
yadaitāny avatiṣṭhante
wenn diese verharren (3.Pl.Präs. Med.)
manaḥṣaṣṭhāni cātmani
das Denken als sechstes, im Selbst (Nom. Pl. n./Lok.)
prasīdanti ca saṃsthāya
und sie klären sich, [darin] fest gegründet (3.Pl.Präs./Gerund.)
vidhūma iva dīptārcir āditya iva dīptimān; vaidyuto 'gnir ivākāśe paśyaty ātmānam ātmanā; sarvaṃ ca tatra sarvatra vyāpakatvāc ca dṛśyate
Wie ein rauchloses, hell lodernd flammendes Feuer, wie die glänzende Sonne, wie ein Blitzfeuer am Himmel: [so] schaut er das Selbst durch das Selbst; und alles wird dort, überall, gesehen wegen der Alldurchdringung.
Wort für Wort
vidhūma iva dīptārcir
wie [Feuer] ohne Rauch, mit lodernder Flamme (Nom.)
āditya iva dīptimān
wie die Sonne, glänzend (Nom.)
vaidyuto 'gnir ivākāśe
wie ein Blitzfeuer am Himmel (Nom./Lok.)
paśyaty ātmānam ātmanā
er schaut das Selbst durch das Selbst (3.Sg.Präs./Akk./Instr.)
sarvaṃ ca tatra sarvatra
und alles dort überall (Nom. n./Adv.)
vyāpakatvāc ca dṛśyate
und wegen der Alldurchdringung wird gesehen (Abl./3.Sg.Präs. Pass.)
Die Eingebung und auch die Störungen, [sie] durch den Yoga wahrgenommen, jene übergehe der Wahrheitskundige unbeachtet und wende sie durch sein eigenes Selbst ab.
Wort für Wort
pratibhām upasargāṃś cāpy
die Eingebung und auch die Störungen (Akk.)
upasaṃgṛhya yogataḥ
erfasst habend, durch Yoga (Gerund./Abl. Adv.)
tāṃs tattvavid anādṛtya
jene, der Wahrheitskundige, unbeachtet lassend (Akk./Nom./Gerund.)
svātmanaiva nivartayet
durch sein eigenes Selbst wende er ab (Instr./Opt. Kaus.)
Vertrautheit im Yoga [Übung] zu den drei Tageszeiten pflege der gezügelte Weise; auf Berggipfeln, an Heiligtümern und auf Baumwipfeln versenke er sich [?].
Wort für Wort
kuryāt paricayaṃ yoge
pflegen möge er Vertrautheit im Yoga (Opt./Akk./Lok.)
traikālyaṃ niyato muniḥ
zu den drei Zeiten, der Gezügelte, der Weise (Adv./Nom.)
giriśṛṅge tathā caitye
auf dem Berggipfel und am Heiligtum (Lok.)
vṛkṣāgreṣu ca yojajet
und auf Baumwipfeln möge er sich versenken (Lok. Pl./Opt. [?])
yojajet ist vermutlich verderbt für yojayet („er möge sich versenken/verbinden“); Wiedergabe unsicher.
Die Sinnenschar gezügelt, wie einer, dessen Sinn im Kuhstall auf die Gefäße gerichtet ist [?], denke er einspitzig stets nach; durch den Yoga soll er das Denken nicht in Unruhe versetzen.
Wort für Wort
saṃniyamyendriyagrāmaṃ
die Sinnenschar gezügelt habend (Gerund./Akk.)
goṣṭhe bhāṇḍamanā iva
wie einer mit dem Sinn auf Gefäße im Kuhstall (Lok./Nom. [?])
ekāgraś cintayen nityaṃ
einspitzig denke er stets nach (Nom./Opt./Adv.)
yogān nodvejayen manaḥ
durch Yoga nicht beunruhigen möge er das Denken (Abl./Opt. Kaus./Akk.)
Das Gleichnis (goṣṭhe bhāṇḍamanā iva) ist unklar; wörtliche Wiedergabe.
Er soll keinen anderen bedrängen [?], weder mit Rede noch mit Tat noch auch nur mit dem Denken; gleichmütig, maßvoll essend, sei er gleich im Erlangten und im Nichterlangten.
Wort für Wort
nābhiṣvajet paraṃ vācā
er soll nicht bedrängen [?] einen anderen durch Rede (Opt./Akk./Instr.)
karmaṇā manasāpi vā
durch Tat oder auch durch Denken (Instr.)
upekṣako yatāhāro
gleichmütig, mit gezügelter Nahrung (Nom.)
labdhālabdhe samo bhavet
im Erlangten und Nichterlangten gleich sei er (Lok./Nom./Opt.)
abhiṣvajet (wörtlich „umarmen/anhängen“) ist hier unsicher; sinngemäß vermutlich „bedrängen/verfluchen“.
vedanārtāḥ prajā dṛṣṭvā samaloṣṭāśmakāñcanaḥ; etasmin nirato mārge viramen na vimohitaḥ
Wenn er die von Schmerz gequälten Geschöpfe gesehen hat, sei er, dem Erdklumpen, Stein und Gold gleich gelten, an diesem Weg erfreut; nicht verwirrt lasse er davon ab [?].
Wort für Wort
vedanārtāḥ prajā dṛṣṭvā
die von Schmerz gequälten Geschöpfe gesehen habend (Akk. Pl./Gerund.)
samaloṣṭāśmakāñcanaḥ
dem Erdklumpen, Stein, Gold gleich sind (Nom. Bahuvrīhi)
etasmin nirato mārge
an diesem Weg erfreut (Lok./Nom.)
viramen na vimohitaḥ
lasse er ab (Opt.), nicht verwirrt [?] (Part. Pass.)
Der Schluss (viramen na vimohitaḥ) ist syntaktisch mehrdeutig.
api varṇāv akṛṣṭas tu nārī vā dharmakāṅkṣiṇī; tāv apy etena mārgeṇa gacchetāṃ paramāṃ gatim
Selbst die beiden [niedrigeren] Stände [?] oder eine Frau, die nach dem Dharma verlangt: auch diese beiden mögen auf diesem Weg zum höchsten Ziel gehen.
Wort für Wort
api varṇāv akṛṣṭas tu
selbst zwei Stände [?], nicht ... [?] (Nom. Du./Text unsicher)
nārī vā dharmakāṅkṣiṇī
oder eine Frau, nach Dharma verlangend (Nom. Sg. f.)
tāv apy etena mārgeṇa
auch diese beiden auf diesem Weg (Nom. Du./Instr.)
gacchetāṃ paramāṃ gatim
mögen gehen zum höchsten Ziel (Opt. Du./Akk. Sg. f.)
akṛṣṭas ist wohl verderbt (etwa für apakṛṣṭau „niedrig“); auch der Bezug von tāv („diese beiden“) auf Ständepaar und Frau ist unklar.
Den Ungeborenen, Uralten, Alterslosen, Ewigen, den der unbewegte Mensch mit den Sinnen erfasst, kleiner als das Kleine, größer als das Große: den schaut der Gesammelte, der das Selbst besitzt, durch das Selbst.
Wort für Wort
ajaṃ purāṇam ajaraṃ sanātanaṃ
den Ungeborenen, Uralten, Alterslosen, Ewigen (Akk. Sg. n.)
yad indriyair upalabhate
den er mit den Sinnen erfasst (Akk./Instr. Pl./3.Sg.Präs. Med.)
naro 'calaḥ
der Mensch, unbewegt (Nom.)
aṇor aṇīyo mahato mahattaraṃ
kleiner als das Kleine, größer als das Große (Abl./Komp. Akk.)
tadātmanā paśyati
das schaut er durch das Selbst (Instr./3.Sg.Präs.)
Dieses Wort des großen Sehers, des Hochgesinnten, [ist] so, wie es gesagt wurde; mit dem Denken betrachtet und erwogen, möge man zur Wesensgleichheit mit dem Parameṣṭhin gelangen, zu dem Gang der Wesen, auf den die Weisen ziehen.
Wort für Wort
idaṃ maharṣer vacanaṃ mahātmano
dieses Wort des großen Sehers, des Hochgesinnten (Nom. n./Gen.)
yathāvad uktaṃ
der Richtigkeit gemäß gesagt (Part. Pass.)
manasānudṛśya ca
und mit dem Denken betrachtet (Instr./Gerund.)
avekṣya ceyāt
und erwogen habend möge man gelangen (Gerund./Opt.)
parameṣṭhisātmyatāṃ
zur Wesensgleichheit mit dem Parameṣṭhin (Akk. Sg. f.)
prayānti yāṃ bhūtagatiṃ manīṣiṇaḥ
auf die sie ziehen, das Ziel der Wesen, die Weisen (3.Pl.Präs./Akk./Nom.)