Kapitel 236: vānaprasthadharmaḥ
Die Lebensweise des Waldeinsiedlers und der Übergang zur Entsagung
Vyāsa beschreibt dem Sohn (Śuka) die dritte Lebensstufe, den Waldeinsiedler-Stand, mit ihren Askeseformen, seinen Vorbildern und dem Übergang zur vierten Stufe, der Entsagung.
bhīṣma uvāca; proktā gṛhasthavṛttis te vihitā yā manīṣiṇām; tadanantaram uktaṃ yat tan nibodha yudhiṣṭhira
Bhīṣma sprach: „Die Lebensweise des Hausvaters, die von den Weisen festgesetzt wurde, ist dir dargelegt; was danach gesagt wird, das vernimm, Yudhiṣṭhira.“
Wort für Wort
bhīṣma uvāca
Bhīṣma sprach (Perf.)
proktā gṛhasthavṛttis te
dargelegt [wurde] die Hausvater-Lebensweise dir (Part.Perf.Pass./Nom.; Dat./Gen.)
vihitā yā manīṣiṇām
die festgesetzt ist von den Weisen (Part.Perf.Pass.; Gen.Pl.)
kramaśas tv avadhūyaināṃ tṛtīyāṃ vṛttim uttamām; saṃyogavratakhinnānāṃ vānaprasthāśramaukasām
Nachdem man diese [Hausvater-Stufe] der Reihe nach abgeschüttelt hat, [vernimm] die dritte, höchste Lebensweise der Waldbewohner, die der Gelübde der [ehelichen] Verbindung müde sind.[?]
Wort für Wort
kramaśas tv avadhūya
der Reihe nach aber abgeschüttelt habend (Adv.; Abs.)
enāṃ
diese (Akk.Sg.f.)
tṛtīyāṃ vṛttim uttamām
die dritte, höchste Lebensweise (Akk.Sg.f.)
saṃyogavratakhinnānāṃ
der von den Gelübden der Verbindung Ermüdeten (Kompositum; Gen.Pl.)
vānaprasthāśramaukasām
der Bewohner der Waldeinsiedler-Stufe (Kompositum; Gen.Pl.)
Syntax unklar: avadhūya (‚abschütteln, aufgeben‘) hat kein klares Objekt; ‚enām‘ bezieht sich vermutlich auf die Hausvater-Stufe, der Satz bleibt elliptisch.
niyato niyatāhāraḥ ṣaṣṭhabhakto 'pramādavān; tad agnihotraṃ tā gāvo yajñāṅgāni ca sarvaśaḥ
Gezügelt, mäßig in der Nahrung, nur zur sechsten [Mahlzeit] essend, unachtsam nie: [so soll er] dasselbe Agnihotra, jene Kühe und alle Opfergeräte [halten].
Wort für Wort
niyato niyatāhāraḥ
gezügelt, mit gezügelter Nahrung (Nom.Sg.; Kompositum)
ṣaṣṭhabhakto 'pramādavān
wer zur sechsten Mahlzeit isst, nicht nachlässig (Nom.Sg.)
tad agnihotraṃ
dasselbe Agnihotra (Nom./Akk.Sg.n.)
tā gāvo
jene Kühe (Nom./Akk.Pl.f.)
yajñāṅgāni ca sarvaśaḥ
und alle Opferbestandteile vollständig (Nom./Akk.Pl.; Adv.)
Der Satz ist elliptisch; das regierende Verb (‚halten, behalten‘) ist ergänzt.
vānaprasthāśrame 'py etāś catasro vṛttayaḥ smṛtāḥ; sadyaḥprakṣālakāḥ ke cit ke cin māsikasaṃcayāḥ
Auch im Waldeinsiedler-Stand gelten diese vier Lebensweisen: manche spülen sogleich [ihre Gefäße aus, sammeln also nichts], manche haben einen Monatsvorrat.
Wort für Wort
vānaprasthāśrame 'py etāś
auch im Waldeinsiedler-Stand diese (Lok.; Nom.Pl.f.)
catasro vṛttayaḥ smṛtāḥ
vier Lebensweisen gelten als überliefert (Nom.Pl.; Part.Perf.Pass.)
abhrāvakāśā varṣāsu hemante jalasaṃśrayāḥ; grīṣme ca pañcatapasaḥ śaśvac ca mitabhojanāḥ
[Manche leben] in der Regenzeit unter freiem Himmel, im Winter im Wasser Zuflucht suchend, im Sommer mit den fünf Feuern der Askese, und stets mäßig im Essen.
Wort für Wort
abhrāvakāśā varṣāsu
unter freiem Himmel in den Regenzeiten (Nom.Pl.; Lok.Pl.)
hemante jalasaṃśrayāḥ
im Winter im Wasser Zuflucht nehmend (Lok.; Nom.Pl.)
grīṣme ca pañcatapasaḥ
und im Sommer die Fünffeuer-Askese Übende (Lok.; Nom.Pl.)
Manche trinken im dunklen Halbmonat, und [manche] essen der Reihe nach; manche [leben] von Wurzeln, manche von Früchten, manche von Blüten, fest im Gelübde.
Wort für Wort
kṛṣṇapakṣe pibanty eke
im dunklen Halbmonat trinken manche (Lok.; 3.Pl.)
bhuñjate ca yathākramam
und sie essen der Reihe nach (3.Pl.Med.; Adv.)
mūlair eke phalair eke
manche mit Wurzeln, manche mit Früchten (Instr.Pl.)
puṣpair eke dṛḍhavratāḥ
manche mit Blüten, fest im Gelübde (Instr.Pl.; Nom.Pl.)
In eben diesem Zeitalter, Lieber, [gelangten] von den Brahmanen, die alles Wesentliche schauten, Agastya, die sieben Ṛṣis, Madhucchandas, Aghamarṣaṇa [in den Himmel].
Wort für Wort
asminn eva yuge tāta
in eben diesem Zeitalter, Lieber (Lok.; Vok.)
vipraiḥ sarvārthadarśibhiḥ
mit Brahmanen, alles Wesentliche Schauenden (Instr.Pl.)
agastyaḥ sapta ṛṣayaḥ
Agastya, die sieben Ṛṣis (Nom.)
madhucchando 'ghamarṣaṇaḥ
Madhucchandas, Aghamarṣaṇa (Nom.Sg.)
Der Satz wird in V. 19 mit ‚svargam upāgaman‘ vollendet.
Lieber, [es gab] auch die Dharma unmittelbar Erfahrenden und die Scharen der Yāyāvaras, der Ṛṣis von grimmiger Askese, die die Feinheit des Dharma sehen.
Wort für Wort
tāta pratyakṣadharmāṇas
Lieber, die Dharma unmittelbar Erfahrenden (Vok.; Nom.Pl.)
tathā yāyāvarā gaṇāḥ
und ebenso die Yāyāvara-Scharen (Nom.Pl.)
ṛṣīṇām ugratapasāṃ
der Ṛṣis von gewaltiger Askese (Gen.Pl.)
dharmanaipuṇadarśinām
die die Kunstfertigkeit im Dharma schauen (Kompositum; Gen.Pl.)
karmabhis te nirānandā dharmanityā jitendriyāḥ; gatāḥ pratyakṣadharmāṇas te sarve vanam āśritāḥ; anakṣatrā anādhṛṣyā dṛśyante jyotiṣāṃ gaṇāḥ
Durch Werke ohne Freude, dem Dharma stets ergeben, die Sinne bezwungen, [so] gingen sie, die den Dharma unmittelbar erfuhren, alle, die im Wald Zuflucht nahmen; unbezwingbar und ohne Sternbild[?] werden sie als Scharen von Lichtern gesehen.
Wort für Wort
karmabhis te nirānandā
durch Werke sie ohne Freude (Instr.Pl.; Nom.Pl.)
dharmanityā jitendriyāḥ
dem Dharma stets ergeben, Sinne bezwungen (Nom.Pl.)
gatāḥ pratyakṣadharmāṇas
gegangen, den Dharma unmittelbar Erfahrende (Part.Perf.; Nom.Pl.)
te sarve vanam āśritāḥ
sie alle, die zum Wald Zuflucht genommen (Nom.Pl.; Akk.)
anakṣatrā anādhṛṣyā
ohne Sternbild[?], unangreifbar (Nom.Pl.)
dṛśyante jyotiṣāṃ gaṇāḥ
werden gesehen als Scharen von Lichtern (3.Pl.Pass.; Gen.Pl.; Nom.Pl.)
Zusatz in der kritischen Ausgabe möglich; ‚anakṣatrāḥ‘ unklar (‚nicht den Sternbildern zugehörig‘ oder ‚unvergänglich‘?). ‚nirānandāḥ karmabhiḥ‘ könnte auch ‚[der Freude an] Werken ledig‘ bedeuten.
jarayā ca paridyūno vyādhinā ca prapīḍitaḥ; caturthe cāyuṣaḥ śeṣe vānaprasthāśramaṃ tyajet; sadyaskārāṃ nirūpyeṣṭiṃ sarvavedasadakṣiṇām
Von Alter erschöpft und von Krankheit bedrängt, soll er im vierten [Rest] des Lebens den Waldeinsiedler-Stand verlassen, nachdem er ein rasch [auszuführendes] Opfer festgesetzt hat, mit [der Hingabe] seines ganzen Besitzes als Opferlohn.
Wort für Wort
jarayā ca paridyūno
und vom Alter erschöpft (Instr.; Nom.Sg.)
vyādhinā ca prapīḍitaḥ
und von Krankheit bedrängt (Instr.; Part.Perf.Pass.)
caturthe cāyuṣaḥ śeṣe
und im vierten Rest des Lebens (Lok.; Gen.; Lok.)
vānaprasthāśramaṃ tyajet
den Waldeinsiedler-Stand soll er verlassen (Akk.; Opt.3.Sg.)
sadyaskārāṃ nirūpyeṣṭiṃ
ein Sadyaskra-Opfer festgesetzt habend (Akk.Sg.f.; Abs.)
sarvavedasadakṣiṇām
mit dem gesamten Besitz als Opferlohn (Kompositum; Akk.Sg.f.)
‚caturthe … śeṣe‘: das letzte Viertel des Lebens; ‚vedasa‘ = Besitz, Vermögen.
ātmayājī so ''tmaratir ātmakrīḍātmasaṃśrayaḥ; ātmany agnīn samāropya tyaktvā sarvaparigrahān
Selbstopferer, am Selbst sich erfreuend, mit dem Selbst spielend, im Selbst seine Zuflucht [habend], die Feuer auf das Selbst gelegt, alle Besitztümer aufgegeben.
Wort für Wort
ātmayājī so 'tmaratir
er, der Selbstopferer, am Selbst Freude Findende (Nom.Sg.)
ātmakrīḍātmasaṃśrayaḥ
mit dem Selbst spielend, im Selbst Zuflucht habend (Nom.Sg.)
ātmany agnīn samāropya
im Selbst die Feuer angelegt/hinaufgelegt habend (Lok.; Akk.Pl.; Abs.)
tyaktvā sarvaparigrahān
aufgegeben habend alle Besitztümer (Abs.; Akk.Pl.)
Er soll auch die Sadyaskra-Opfer und die Iṣṭis hier stets darbringen; bei stets Opfernden nämlich hört vom [äußeren] Opfer aus das Selbstopfer nicht auf [?].
Wort für Wort
sadyaskrāṃś ca yajed yajñān
und rasch zu vollendende Opfer soll er darbringen (Akk.Pl.; Opt.3.Sg.; Akk.Pl.)
iṣṭīś caiveha sarvadā
und auch Iṣṭis hier allezeit (Akk.Pl.; Adv.)
sadaiva yājināṃ yajñād
stets bei den Opfernden aus dem Opfer (Gen.Pl.; Abl.)
ātmanījyā nivartate
das Opfer im Selbst kehrt zurück/hört auf (Nom.Sg.f.; 3.Sg.Med.)
Zweiter Halbvers unsicher: ‚nivartate‘ kann ‚aufhören‘ oder ‚sich abwenden‘ bedeuten; Sinn nicht gesichert.
Auch die drei Feuer soll er recht opfern, allein im Selbst, wegen der Befreiung [der Feuer] in das Selbst; den Lebenshauchen [soll er] mit einer Yajus-Formel fünf oder sechs [Bissen] darbringen und essen, ohne zu tadeln.[?]
Wort für Wort
trīṃś caivāgnīn yajet samyag
und auch die drei Feuer soll er recht opfern (Akk.Pl.; Opt.3.Sg.; Adv.)
ātmany evātmamokṣaṇāt
im Selbst eben, wegen der Loslösung ins Selbst[?] (Lok.; Abl.)
prāṇebhyo yajuṣā pañca
den Lebenshauchen mit einer Yajus-Formel fünf (Dat.Pl.; Instr.)
ṣaṭ prāśnīyād akutsayan
sechs soll er essen, ohne zu schmähen (Opt.3.Sg.; Part.Präs.)
‚ātmamokṣaṇāt‘ und der Bezug von ‚pañca ṣaṭ‘ (Bissen) sind unsicher.
Der Zweimalgeborene, der allen Wesen Furchtlosigkeit gegeben hat und [dann] als Wanderasket hinauszieht: für ihn [gibt es] lichtvolle Welten, und nach dem Tod erlangt er Unendlichkeit.
Wort für Wort
abhayaṃ sarvabhūtebhyo
Furchtlosigkeit allen Wesen (Akk.; Dat.Pl.)
yo dattvā pravrajed dvijaḥ
wer, gegeben habend, als Wanderasket hinausziehen soll, der Zweimalgeborene (Abs.; Opt.3.Sg.; Nom.)
lokās tejomayās tasya
Welten, aus Glanz bestehend, sein (Nom.Pl.; Gen.)
pretya cānantyam aśnute
und nach dem Tod erlangt er Unendlichkeit (Abs.; Akk.; 3.Sg.Med.)
suśīlavṛtto vyapanītakalmaṣo; na ceha nāmutra ca kartum īhate; aroṣamoho gatasaṃdhivigraho; bhaved udāsīnavad ātmavin naraḥ
Von gutem Wandel, von Makel befreit, strebt er weder hier noch im Jenseits nach irgendeinem Tun; ohne Zorn und Verblendung, ohne Frieden[sschluss] und Krieg soll der Selbstkundige wie ein Unbeteiligter sein.
Wort für Wort
suśīlavṛtto vyapanītakalmaṣo
von gutem Wandel, dessen Makel entfernt ist (Nom.Sg.)
na ceha nāmutra ca
und weder hier noch dort (Adv.)
kartum īhate
strebt zu tun (Inf.; 3.Sg.Med.)
aroṣamoho gatasaṃdhivigraho
ohne Zorn und Verblendung, ohne Bündnis und Streit (Nom.Sg.)
yameṣu caivātmagateṣu na vyathet; svaśāstrasūtrāhutimantravikramaḥ; bhaved yatheṣṭā gatir ātmayājino; na saṃśayo dharmapare jītendriye
Und bei den im Selbst verankerten Zügelungen soll er nicht wanken; [wer] Kraft in der eigenen Lehre, im Sūtra, in Spende und Mantra hat: für den Selbstopferer wird der Weg sein, wie er wünscht; kein Zweifel [besteht] bei dem auf den Dharma Gerichteten, dem Sinnesbezwinger.
Wort für Wort
yameṣu caivātmagateṣu
und bei den Zügelungen, die im Selbst [verankert] sind (Lok.Pl.)
na vyathet
er soll nicht wanken (Opt.3.Sg.)
svaśāstrasūtrāhutimantravikramaḥ
dessen Kraft in eigener Lehre, Sūtra, Spende, Mantra liegt (Kompositum; Nom.Sg.)
bhaved yatheṣṭā gatir
der Weg wird sein nach Wunsch (Opt.3.Sg.; Nom.Sg.f.)
ātmayājino
für den Selbstopferer (Gen./Dat.Sg.)
na saṃśayo dharmapare jitendriye
kein Zweifel bei dem dem Dharma Ergebenen, Sinnesbezwinger (Lok.Sg.)
Erster Halbvers syntaktisch unsicher; ‚jītendriye‘ metrisch für ‚jitendriye‘.
Danach höre [von] der vierten, höchsten Stufe, die als die vorzüglichste, mit guten Eigenschaften über die Maßen ausgestattete, die drei [anderen] überragende, beste verkündet wird, als höchste Zuflucht.
Wort für Wort
tataḥ paraṃ śreṣṭham atīva sadguṇair
danach das Vorzüglichste, überaus durch gute Eigenschaften (Adv.; Akk.; Instr.Pl.)
adhiṣṭhitaṃ trīn adhivṛttam uttamam
ausgestattet, die drei überragend, höchste (Part.Perf.Pass.; Akk.Pl.; Akk.Sg.)
caturtham uktaṃ paramāśramaṃ śṛṇu
die vierte, genannte, höchste Stufe höre (Akk.; Part.Perf.Pass.; Imp.2.Sg.)
prakīrtyamānaṃ paramaṃ parāyaṇam
die verkündet wird, als höchste Zuflucht (Part.Präs.Pass.; Akk.)