Kapitel 66: āśramapadāni rājadharme
Die Lebensstufen des Königs: Schutz der Wesen als Erfüllung aller Stufen
Yudhiṣṭhira fragt nach den vier Lebensstufen; Bhīṣma zeigt, wie ein König durch Rechtspflege, Freigebigkeit und Schutz die Aufgaben aller Lebensstufen in seinem Stand erfüllt.
yudhiṣṭhira uvāca; śrutā me kathitāḥ pūrvaiś catvāro mānavāśramāḥ; vyākhyānam eṣām ācakṣva pṛcchato me pitāmaha
Yudhiṣṭhira sprach: „Gehört habe ich, von den Früheren verkündet, die vier Lebensstufen der Menschen. Lege mir deren Auslegung dar, der ich dich frage, Großvater.“
Wort für Wort
yudhiṣṭhira uvāca
Yudhiṣṭhira sprach (Perf.)
śrutā me kathitāḥ pūrvaiḥ
gehört [wurden] von mir, verkündet von den Früheren (Nom.Pl./Instr.Pl.)
catvāro mānavāśramāḥ
die vier Lebensstufen der Menschen (Nom.Pl.)
vyākhyānam eṣām ācakṣva
die Auslegung dieser (Gen.Pl.) lege dar (Imp.Med.)
pṛcchato me pitāmaha
mir, der ich frage (Dat./Gen.Sg.), Großvater (Vok.)
Bhīṣma sprach: „Bekannt sind dir hier alle Pflichten, Yudhiṣṭhira, so wie sie mir bekannt sind, Starkarmiger, [nämlich] die von den Guten gebilligten.“
yat tu liṅgāntaragataṃ pṛcchase māṃ yudhiṣṭhira; dharmaṃ dharmabhṛtāṃ śreṣṭha tan nibodha narādhipa
„Was du mich aber fragst, das in ein anderes Erscheinungsbild [?] übergegangen ist, Yudhiṣṭhira, den Dharma, Bester der Dharma-Träger, den vernimm, Herr der Menschen.“
Wort für Wort
yat tu liṅgāntaragataṃ pṛcchase māṃ yudhiṣṭhira
was aber, in ein anderes Kennzeichen/Erscheinungsbild übergegangen (Akk., Kompositum), du mich fragst (2.Sg.Med.), Yudhiṣṭhira
dharmaṃ dharmabhṛtāṃ śreṣṭha
den Dharma (Akk.), Bester der Dharma-Träger (Vok., Gen.Pl.)
tan nibodha narādhipa
das vernimm (Imp.), Herr der Menschen (Vok.)
liṅgāntaragata ist unsicher: wörtlich „zu einem anderen Kennzeichen gegangen“; gemeint wohl die Anwendung der āśrama-Bezeichnungen auf andere Lebensweisen.
„Alle diese [Pflichten] sind vorhanden, Kaunteya, Tiger unter den Menschen, bei denen, die im guten Wandel stehen und die Werke der vier Lebensstufen üben.“
Wort für Wort
sarvāṇy etāni kaunteya
alle diese (Nom.Pl.n.), Sohn der Kuntī (Vok.)
vidyante manujarṣabha
sind vorhanden (3.Pl.Pass./Med.), Stier unter den Menschen (Vok.)
sādhvācārapravṛttānām
bei denen, die zum guten Wandel Aufgebrochenen/in ihm Befindlichen (Gen.Pl.)
cāturāśramyakarmaṇām
die die Werke der Vier-Lebensstufen-Ordnung [tun] (Gen.Pl.)
akāmadveṣayuktasya daṇḍanītyā yudhiṣṭhira; samekṣiṇaś ca bhūteṣu bhaikṣāśramapadaṃ bhavet
„Für den, der frei ist von Begehren und Hass, Yudhiṣṭhira, der nach der Regel der Rechtspflege handelt und die Wesen mit gleichem Blick ansieht, möge es die Stätte der Bettel-Lebensstufe sein.“
Wort für Wort
akāmadveṣayuktasya
für den, der mit Nicht-Begehren und Nicht-Hass verbunden ist (Gen.Sg.)
daṇḍanītyā yudhiṣṭhira
durch die Rechtspflege/Strafordnung (Instr.), Yudhiṣṭhira
samekṣiṇaś ca bhūteṣu
und für den, der gleichmäßig blickt, auf die Wesen (Gen.Sg./Lok.Pl.)
bhaikṣāśramapadaṃ bhavet
die Stätte der Bettel-Lebensstufe möge sein (3.Sg.Opt.)
vetty ādānavisargaṃ yo nigrahānugrahau tathā; yathoktavṛtter vīrasya kṣemāśramapadaṃ bhavet
„Wer Nehmen und Geben kennt sowie Bändigung und Gunst, der Held, der wie vorgeschrieben lebt, für den möge es die Stätte der Lebensstufe der Sicherheit sein.“
Wort für Wort
vetty ādānavisargaṃ yaḥ
wer Nehmen und Geben kennt (3.Sg.Präs.)
nigrahānugrahau tathā
Bändigung und Gunst (Akk.Du.) ebenso
yathoktavṛtter vīrasya
für den Helden, dessen Lebensweise wie gesagt ist (Gen.Sg.)
kṣemāśramapadaṃ bhavet
die Stätte der Lebensstufe der Sicherheit möge sein (Opt.)
„Wenn Verwandte, Angeheiratete und Freunde ins Unglück geraten sind, Yudhiṣṭhira, und man sie [daraus] emporhebt, dessen Stätte möge die Lebensstufe der Weihe sein.“
„Wer den Angesehensten der Welt und den Hauptvertretern der Zeichenträger [Asketen] wiederholt Ehrerbietung erweist, Kaunteya, für den möge es die Stätte der Waldlebensstufe sein.“
Wort für Wort
lokamukhyeṣu satkāram
gegenüber den Vornehmsten der Welt, Ehrerbietung (Lok.Pl./Akk.)
liṅgimukhyeṣu cāsakṛt
und gegenüber den Hauptvertretern der Zeichenträger, wiederholt
kurvatas tasya kaunteya
für den, der [das] tut (Gen.Sg.Part.), Kaunteya
vanyāśramapadaṃ bhavet
die Stätte der Waldlebensstufe möge sein
Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert).
āhnikaṃ bhūtayajñāṃś ca pitṛyajñāṃś ca mānuṣān; kurvataḥ pārtha vipulān vanyāśramapadaṃ bhavet
„Wer die täglichen [Opfer], die Wesensopfer und die Ahnenopfer sowie die menschlichen [Gastopfer] in Fülle vollzieht, Pārtha, für den möge es die Stätte der Waldlebensstufe sein.“
Wort für Wort
āhnikaṃ bhūtayajñāṃś ca
das tägliche [Opfer] und die Wesensopfer (Akk.)
pitṛyajñāṃś ca mānuṣān
und die Ahnenopfer, die menschlichen (Akk.Pl.)
kurvataḥ pārtha vipulān
für den, der [sie] vollzieht (Gen.Sg.), Pārtha, reichlich (Akk.Pl.)
vanyāśramapadaṃ bhavet
die Stätte der Waldlebensstufe möge sein
mānuṣān wohl als Gastopfer (manuṣyayajña) gefasst; Bezug im Satz nicht ganz eindeutig.
„Durch das Teilen mit den Wesen und durch die Verehrung der Gäste, und durch Götteropfer, König der Könige, möge es die Stätte der Waldlebensstufe sein. Wer die Reiche der Feinde niederwirft um der Guten willen, wahrhaft Tapferer, Tiger unter den Männern, für den möge es die Stätte der Waldlebensstufe sein.“
Wort für Wort
saṃvibhāgena bhūtānām
durch das Teilen mit den Wesen (Instr., Gen.Pl.)
atithīnāṃ tathārcanāt
und durch die Verehrung der Gäste (Gen.Pl., Abl.)
devayajñaiś ca rājendra
und durch Götteropfer (Instr.Pl.), König der Könige (Vok.)
vanyāśramapadaṃ bhavet
die Stätte der Waldlebensstufe möge sein
mardanaṃ pararāṣṭrāṇām
das Niederwerfen der Reiche der Feinde (Akk., Gen.Pl.)
śiṣṭārthaṃ satyavikrama
um der Guten willen, dessen Tapferkeit wahr ist (Vok.)
kurvataḥ puruṣavyāghra
für den, der [es] tut, Tiger unter den Männern (Vok.)
vanyāśramapadaṃ bhavet
die Stätte der Waldlebensstufe möge sein
Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert).
„Beständigkeit im Vedastudium, Nachsicht und Verehrung des Lehrers, ebenso der Dienst am Unterlehrer: das möge die Stätte der Brahman-Lebensstufe sein.“
„Wer täglich [Gebete] murmelt und stets die Götter verehrt, gemäß dem Dharma, Tiger unter den Männern, für den möge es die Stätte der Dharma-Lebensstufe sein. Oder: „Tod oder Schutz“ – ist dies der Entschluss eines Königs, dann möge für ihn, im Einsatz des Lebens [wie im Würfelspiel], die Stätte der Brahman-Lebensstufe sein.“
Wort für Wort
āhnikaṃ japamānasya
für den, der täglich murmelt (Gen.Sg.Part.)
devān pūjayataḥ sadā
für den, der die Götter ehrt, stets
dharmeṇa puruṣavyāghra
gemäß dem Dharma (Instr.), Tiger unter den Männern
dharmāśramapadaṃ bhavet
die Stätte der Dharma-Lebensstufe möge sein
mṛtyur vā rakṣaṇaṃ veti
Tod oder Schutz, so [lautet]
yasya rājño viniścayaḥ
wessen Entschluss als König [ist] (Gen.)
prāṇadyūte tatas tasya
im Lebenseinsatz (Lok.), dann für ihn
brahmāśramapadaṃ bhavet
die Stätte der Brahman-Lebensstufe möge sein
Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert). Das Zitat „Tod oder Schutz“ ist in der Übersetzung mit einfachen Mitteln gesetzt; Sinn von prāṇadyūta: Einsatz des Lebens wie im Würfelspiel.
„Wer einen geraden, nicht-hinterlistigen Weg geht, Bhārata, gegenüber allen Wesen zu jeder Zeit, für den möge es die Stätte der Brahman-Lebensstufe sein.“
Wort für Wort
ajihmam aśaṭhaṃ mārgam
einen geraden, nicht-trügerischen Weg (Akk.)
sevamānasya bhārata
für den, der [ihn] befolgt (Gen.Sg.Part.), Bhārata
vānaprastheṣu vipreṣu traividyeṣu ca bhārata; prayacchato 'rthān vipulān vanyāśramapadaṃ bhavet
„Wer den Waldeinsiedlern und den brahmanischen Kennern der drei Veden, Bhārata, reiche Güter schenkt, für den möge es die Stätte der Waldlebensstufe sein.“
Wort für Wort
vānaprastheṣu vipreṣu
unter/den Waldeinsiedlern, Brahmanen (Lok.Pl.)
traividyeṣu ca bhārata
und den Kennern der drei Veden (Lok.Pl.), Bhārata
prayacchato 'rthān vipulān
für den, der Güter (Akk.Pl.) reichlich gibt (Gen.Sg.Part.)
„Für Wesen, denen Gewalt angetan wurde, Rettung [gewährend], Nachkomme des Kuru, und für Schutzsuchende, Kauravya: so handelnd, möge man im Hausstand wohnen.“
Wort für Wort
balātkṛteṣu bhūteṣu
gegenüber gewaltsam Bedrängten, den Wesen (Lok.Pl.)
paritrāṇaṃ kurūdvaha
Rettung (Akk.), Träger der Kurus (Vok.)
śaraṇāgateṣu kauravya
gegenüber Schutzsuchenden (Lok.Pl.), Kauravya
kurvan gārhasthyam āvaset
[dies] tuend, möge man im Hausstand wohnen (Part., 3.Sg.Opt.)
jyeṣṭhānujyeṣṭhapatnīnāṃ bhrātṝṇāṃ putranaptṛṇām; nigrahānugrahau pārtha gārhasthyam iti tat tapaḥ
„Gegenüber den Älteren und den [nach ihnen] Jüngeren, den Ehefrauen, den Brüdern, Söhnen und Enkeln: Bändigung und Gunst, Pārtha – das ist der Hausstand, das ist [seine] Askese.“
Wort für Wort
jyeṣṭhānujyeṣṭhapatnīnām
der Älteren, der auf die Älteren Folgenden [?] und der Ehefrauen (Gen.Pl.)
bhrātṝṇāṃ putranaptṛṇām
der Brüder, Söhne und Enkel (Gen.Pl.)
nigrahānugrahau pārtha
Bändigung und Gunst (Nom.Du.), Pārtha
gārhasthyam iti tat tapaḥ
„Hausstand“ – das ist Askese
Das Kompositum jyeṣṭhānujyeṣṭhapatnīnām ist mehrdeutig (z. B. „Ältere, Jüngere, Ehefrauen“ oder „Ehefrauen der älteren und jüngeren Brüder“).
„Der guten, verehrungswürdigen [Menschen], die unter den Geschöpfen als Selbstkundige bekannt sind, Schutz, Tiger unter den Männern, möge die Stätte der Hausherren-Lebensstufe sein.“
Wort für Wort
sādhūnām arcanīyānām
der Guten, Verehrungswürdigen (Gen.Pl.)
prajāsu viditātmanām
unter den Geschöpfen als Selbstkundige Bekannten (Lok.Pl., Gen.Pl.) [?]
yasmin na naśyanti guṇāḥ kaunteya puruṣe sadā; āśramasthaṃ tam apy āhur naraśreṣṭhaṃ yudhiṣṭhira
„Bei welchem Mann, Kaunteya, die Tugenden niemals zugrunde gehen, den nennen sie auch [dann] einen in einer Lebensstufe Stehenden, den Besten der Männer, Yudhiṣṭhira.“
Wort für Wort
yasmin na naśyanti guṇāḥ
in dem die Tugenden nicht zugrunde gehen (3.Pl.Präs.)
kaunteya puruṣe sadā
Kaunteya, im Mann, stets (Lok.)
āśramasthaṃ tam apy āhuḥ
auch den nennen sie einen in einer Lebensstufe Stehenden (3.Pl.Perf.)
„Die in der Welt im Dharma Kundigen, die Guten, die den Dharma üben: sind sie im Reich eines [Königs] beschützt, so gehört diesem Herrscher ein Viertel [davon] als Anteil.“
Wort für Wort
ye dharmakuśalā loke
die im Dharma Geschickten in der Welt (Nom.Pl.)
dharmaṃ kurvanti sādhavaḥ
die den Dharma üben, die Guten (3.Pl.Präs.)
pālitā yasya viṣaye
beschützt in wessen Herrschaftsgebiet (Part., Lok.)
pādo 'ṃśas tasya bhūpateḥ
ein Viertel als Anteil [gehört] diesem Herrscher (Nom., Gen.)
dharmārāmān dharmaparān ye na rakṣanti mānavān; pārthivāḥ puruṣavyāghra teṣāṃ pāpaṃ haranti te
„Die Herrscher, Tiger unter den Männern, die die Menschen, die sich am Dharma erfreuen und dem Dharma ergeben sind, nicht schützen, deren Sünde nehmen jene auf sich [?].“
Wort für Wort
dharmārāmān dharmaparān
die am Dharma sich Erfreuenden, dem Dharma Ergebenen (Akk.Pl.)
ye na rakṣanti mānavān
die nicht schützen, die Menschen (3.Pl.Präs.)
pārthivāḥ puruṣavyāghra
die Herrscher (Nom.), Tiger unter den Männern
teṣāṃ pāpaṃ haranti te
deren Sünde nehmen sie (3.Pl.Präs.) [?]
Bezug von teṣām/te unklar: entweder nehmen die Könige die Sünde der Ungeschützten auf sich, oder umgekehrt.
sarvāśramapade hy āhur gārhasthyaṃ dīptanirṇayam; pāvanaṃ puruṣavyāghra yaṃ vayaṃ paryupāsmahe
„Im Hinblick auf die Stätte aller Lebensstufen, sagen sie, ist der Hausstand von strahlender Entscheidung [?], reinigend, Tiger unter den Männern; ihm dienen wir.“
Wort für Wort
sarvāśramapade hy āhuḥ
für die Stätte aller Lebensstufen sagen sie (Lok., 3.Pl.Perf.)
gārhasthyaṃ dīptanirṇayam
den Hausstand, von glänzender Entscheidung/klarem Ausgang [?] (Akk.)
„Aus dem Dharma erhoben, mit Wesenskraft und Stärke, mit dem Dharma als Damm [und mit Tauen] [?], vom Wind des Verzichts getrieben, schnell: [so] wird das Schiff dich hinüberführen.“
Wort für Wort
dharmotthitā sattvavīryā
aus dem Dharma erhoben, mit Wesenskraft und Stärke (Nom.Sg.f.)
dharmasetuvaṭākarā
mit dem Dharma als Damm/Brücke und Tauen/Halt [?] (Nom.Sg.f.)
tyāgavātādhvagā śīghrā
vom Wind des Verzichts fahrend, schnell (Nom.Sg.f.)
cāturāśramyam ekāgraḥ cāturvarṇyaṃ ca pāṇḍava; dharmaṃ puruṣaśārdūla prāpsyase pālane rataḥ
„Die Vier-Lebensstufen-Ordnung [und] die Vier-Stände-Ordnung [beachtend], gesammelt, Pāṇḍava, wirst du den Dharma erlangen, Tiger unter den Männern, im Schützen ergeben.“
Wort für Wort
cāturāśramyam ekāgraḥ
die Vier-Lebensstufen-Ordnung (Akk.), gesammelt (Nom.)
cāturvarṇyaṃ ca pāṇḍava
und die Vier-Stände-Ordnung (Akk.), Pāṇḍava
dharmaṃ puruṣaśārdūla
den Dharma, Tiger unter den Männern
prāpsyase pālane rataḥ
wirst du erlangen, im Schützen ergeben
Die beiden ersten Akkusative sind ohne Verb; ein Verb wie „beachtend“ ist zu ergänzen. Der Halbvers wiederholt Vers 37.