Kapitel 103: jayalakṣaṇāni sāmādinītiś ca
Vorzeichen des Sieges und kluge Kriegführung: Güte, Nachsicht und Milde des Königs
Bhīṣma zählt günstige Vorzeichen und Zustände eines siegreichen Heeres auf und rät dann, den Kampf erst nach Güte, Spaltung und Gabe zu wählen; ferner lehrt er das rechte Maß von Strenge und Nachsicht gegenüber Feinden und Untertanen.
Yudhiṣṭhira sprach: „Welche siegverheißenden Kennzeichen gibt es, o Stier unter den Männern? Die für ein Heer günstigen [Zeichen] möchte ich kennenlernen.“
Wort für Wort
yudhiṣṭhira uvāca
Yudhiṣṭhira sprach (Perf.)
jaitryā vā kāni rūpāṇi bhavanti
welche siegbringenden Kennzeichen es gibt (jaitryā vā = jaitrāṇi [?]; Nom.Pl.n.; 3.Pl.Präs.)
puruṣarṣabha
o Stier unter den Männern (Vok.)
pṛtanāyāḥ praśastāni
für ein Heer günstige (Gen.Sg.f.; Nom.Pl.n.)
tāni icchāmi veditum
diese wünsche ich zu erkennen (Akk.Pl.n.; 1.Sg.Präs.; Inf.)
daivaṃ pūrvaṃ vikurute mānuṣe kālacodite; tad vidvāṃso 'nupaśyanti jñānadīrgheṇa cakṣuṣā
Das Schicksal bewirkt zuvor Veränderungen [in Form von Vorzeichen], wenn das Menschliche von der Zeit angetrieben wird; das nehmen die Wissenden wahr mit dem durch Wissen weitreichenden Auge.
Wort für Wort
daivaṃ pūrvaṃ vikurute
das Schicksal wirkt zuvor Veränderungen (Nom.Sg.n.; 3.Sg.Med.Präs.)
mānuṣe kālacodite
wenn das Menschliche von der Zeit angetrieben wird (Lok.abs.)
tad vidvāṃsaḥ anupaśyanti
das nehmen die Wissenden wahr (Akk.Sg.n.; Nom.Pl.m.; 3.Pl.Präs.)
jñānadīrgheṇa cakṣuṣā
mit dem durch Wissen weitreichenden Auge (Instr.Sg.n.)
prāyaścittavidhiṃ cātra japahomāṃś ca tadvidaḥ; maṅgalāni ca kurvantaḥ śamayanty ahitāny api
Und hierbei [kennen] die Kundigen das Sühneverfahren, Gebetsmurmeln und Opfer; indem sie Segensriten vollziehen, beschwichtigen sie selbst Unheilvolles.
Wort für Wort
prāyaścittavidhiṃ ca atra
und das Sühneverfahren hierbei (Akk.Sg.m.; Adv.)
japahomān ca tadvidaḥ
und Gebetsmurmeln und Opfer, die Kundigen davon (Akk.Pl.m.; Nom.Pl.m.)
maṅgalāni ca kurvantaḥ
und Segensriten vollziehend (Akk.Pl.n.; Part.Präs. Nom.Pl.m.)
śamayanti ahitāni api
beschwichtigen selbst Unheilvolles (3.Pl.Präs.Kaus.; Akk.Pl.n.)
Wenn das Feuer klar leuchtet, mit aufwärts gerichteten Strahlen, mit rechtsdrehend gewundener Flamme, rauchlos, und heilvolle Düfte der Opfergaben wehen, das nennt man das Kennzeichen eines künftigen Sieges.
Wort für Wort
prasannabhāḥ pāvakaḥ ūrdhvaraśmiḥ
das Feuer, klar leuchtend, mit aufwärts gerichteten Strahlen (Nom.Sg.m.; Bahuvrīhi)
pradakṣiṇāvartaśikhaḥ vidhūmaḥ
mit rechtsdrehender Flamme, rauchlos (Nom.Sg.m.)
puṇyāḥ gandhāḥ ca āhutīnām
und heilvolle Düfte der Opfergaben (Nom.Pl.m.; Gen.Pl.f.)
pravānti
wehen (3.Pl.Präs.)
jayasya etat bhāvinaḥ rūpam āhuḥ
dies nennen sie das Kennzeichen des künftigen Sieges (Gen.Sg.m.; Nom.Sg.n.; 3.Pl.Perf.)
gambhīraśabdāś ca mahāsvanāś ca; śaṅkhāś ca bheryaś ca nadanti yatra; yuyutsavaś cāpratīpā bhavanti; jayasyaitad bhāvino rūpam āhuḥ
Wo tiefe, gewaltig tönende Muschelhörner und Pauken erschallen und die Kampfbegierigen ohne Widerstreben sind, das nennt man das Kennzeichen eines künftigen Sieges.
Wort für Wort
gambhīraśabdāḥ ca mahāsvanāḥ ca
tief tönend und gewaltig lärmend (Nom.Pl.m.)
śaṅkhāḥ ca bheryaḥ ca
Muschelhörner und Pauken (Nom.Pl.m.; Nom.Pl.f.)
nadanti yatra
erschallen, wo (3.Pl.Präs.)
yuyutsavaḥ ca apratīpāḥ bhavanti
und die Kampfbegierigen sind nicht widerstrebend (Nom.Pl.m.; 3.Pl.Präs.)
jayasya etat bhāvinaḥ rūpam āhuḥ
dies nennen sie das Kennzeichen des künftigen Sieges
iṣṭā mṛgāḥ pṛṣṭhato vāmataś ca; saṃprasthitānāṃ ca gamiṣyatāṃ ca; jighāṃsatāṃ dakṣiṇāḥ siddhim āhur; ye tv agratas te pratiṣedhayanti
Günstig sind Wildtiere hinter [dem Heer] und links; für die Aufgebrochenen, die künftig Aufbrechenden und die Tötungswilligen nennen sie die rechts [Erscheinenden] als Erfolg [bringend]; die aber vorn sind, die halten ab.
Wort für Wort
iṣṭāḥ mṛgāḥ pṛṣṭhataḥ vāmataḥ ca
günstig sind Wildtiere hinten und links (Nom.Pl.m.; Adv.)
saṃprasthitānāṃ ca gamiṣyatāṃ ca
für die Aufgebrochenen und die künftig Gehenden (Gen.Pl.m.; Part.Fut.)
jighāṃsatāṃ dakṣiṇāḥ
für die Tötenwollenden [die] rechten (Gen.Pl.m.; Nom.Pl.m.)
siddhim āhuḥ
nennen sie Erfolg (Akk.Sg.f.; 3.Pl.Perf.)
ye tu agrataḥ te pratiṣedhayanti
die aber vorn [sind], die halten ab (Nom.Pl.; Adv.; 3.Pl.Kaus.)
Wenn Vögel segensverheißende Laute von sich geben, Gänse, Kraunca-Kraniche, Śatapatra-Vögel und Cāṣa-Vögel, und die Krieger froh und tapfer sind, das nennt man das Kennzeichen eines künftigen Sieges.
Wort für Wort
maṅgalyaśabdāḥ śakunāḥ vadanti
segensverheißend lautend, die Vögel sprechen (Nom.Pl.m.; 3.Pl.Präs.)
haṃsāḥ krauñcāḥ
Gänse, Kraunca-Kraniche (Nom.Pl.m.)
śatapatrāḥ ca cāṣāḥ
und Śatapatra-Vögel und Cāṣa-Vögel (Nom.Pl.m.)
hṛṣṭāḥ yodhāḥ sattvavantaḥ bhavanti
froh, die Krieger, tapfer sind sie (Nom.Pl.m.)
jayasya etat bhāvinaḥ rūpam āhuḥ
dies nennen sie das Kennzeichen des künftigen Sieges
Wenn sie gehorsam und nicht eingebildet sind, untereinander in Freundschaft verbunden, und die Krieger Lauterkeit üben, das nennt man das Kennzeichen eines künftigen Sieges.
Wort für Wort
śuśrūṣavaḥ ca anabhimāninaḥ ca
gehorsam und nicht eingebildet (Nom.Pl.m.)
parasparaṃ sauhṛdam āsthitāḥ ca
untereinander zur Freundschaft gelangt/ihr verpflichtet (Adv.; Akk.Sg.n.; Part.Perf.)
yeṣāṃ yodhāḥ śaucam anuṣṭhitāḥ ca
deren Krieger Lauterkeit üben (Gen.Pl.; Nom.Pl.m.; Akk.Sg.n.; Part.Perf.)
jayasya etat bhāvinaḥ rūpam āhuḥ
dies nennen sie das Kennzeichen des künftigen Sieges
Nachdem du ein großes, vierteiliges Heer gesammelt hast, Yudhiṣṭhira, sollst du dich zuerst durch bloße Güte um [des Feindes] Umkehr bemühen, [und erst] dann im Kampf.
Wort für Wort
saṃbhṛtya mahatīṃ senām
nachdem du ein großes Heer gesammelt (Abs.; Akk.Sg.f.)
caturaṅgāṃ yudhiṣṭhira
vierteilig, Yudhiṣṭhira (Akk.Sg.f.; Vok.)
sāmnā eva āvartane pūrvam
allein durch Güte, zuerst, für [seine] Umkehr (Instr.Sg.n.; Lok.Sg.n.; Adv.)
prayatethāḥ tathā yudhi
sollst dich bemühen, [und] so im Kampf [?] (2.Sg.Opt.Med.; Adv.; Lok.)
jaghanya eṣa vijayo yad yuddhaṃ nāma bhārata; yādṛcchiko yudhi jayo daivo veti vicāraṇam
Ein geringer Sieg ist dieser, o Bhārata, der „Kampf“ heißt; der Sieg im Kampf ist zufällig – ob er vom Schicksal [kommt], darüber [lässt sich nur] erwägen.
Wort für Wort
jaghanyaḥ eṣaḥ vijayaḥ
gering [ist] dieser Sieg (Nom.Sg.m.)
yat yuddhaṃ nāma bhārata
der, was „Kampf“ genannt wird, o Bhārata (Nom.Sg.n.; Adv.; Vok.)
yādṛcchikaḥ yudhi jayaḥ
zufällig [ist] der Sieg im Kampf (Nom.Sg.m.; Lok.Sg.f.)
daivaḥ vā iti vicāraṇam
ob vom Schicksal, so [lautet] die Erwägung (Nom.Sg.m.; Nom.Sg.n.)
„Es ist zerbrochen“ – so allein werden [sie] zerbrochen, selbst die Kundigen, ohne [sonstigen] Grund; ein großes Heer von edler Kraft gleicht einer Schar von Ruru-Antilopen.
Wort für Wort
bhagnā iti eva bhajyante
„es ist zerbrochen“, nur deshalb werden sie zerbrochen (Part.Nom.Sg.f.; 3.Pl.Pass.)
vidvāṃsaḥ api na kāraṇam
auch die Kundigen; nicht [ist] ein Grund [sonst] [?] (Nom.Pl.m.; Nom.Sg.n.)
udārasārā mahatī
von edler Kraft, groß (Nom.Sg.f.)
rurusaṃghopamā camūḥ
einer Herde von Ruru-Antilopen gleich, das Heer (Nom.Sg.f.)
Zweite Hälfte (nakāraṇam, rurusaṃghopamā) im Sinn unsicher.
saṃnipāto na gantavyaḥ śakye sati kathaṃ cana; sāntvabhedapradānānāṃ yuddham uttaram ucyate
In ein Zusammentreffen soll man auf keine Weise gehen, wenn es [anders] möglich ist; von Güte, Spaltung und Gabe [her gesehen] heißt der Kampf das letzte [Mittel].
Wort für Wort
saṃnipātaḥ na gantavyaḥ
ein Zusammenprall ist nicht einzugehen (Nom.Sg.m.; Gerundiv)
śakye sati kathaṃ cana
wenn es möglich ist, auf keine Weise (Lok.abs.; Adv.)
sāntvabhedapradānānām
von Güte, Spaltung und Gabe (Gen.Pl.n.)
yuddham uttaram ucyate
der Kampf wird das spätere/letzte genannt (Nom.Sg.n.; 3.Sg.Pass.)
saṃsarpaṇād dhi senāyā bhayaṃ bhīrūn prabādhate; vajrād iva prajvalitād iyaṃ kva nu patiṣyati
Denn beim Heranrücken des Heeres bedrängt die Furcht die Furchtsamen: „Wohin wird [der Schlag] wohl fallen, gleichsam wie von einem flammenden Donnerkeil?“
Wort für Wort
saṃsarpaṇāt hi senāyāḥ
denn durch das Heranrücken des Heeres (Abl.Sg.n.; Gen.Sg.f.)
bhayaṃ bhīrūn prabādhate
Furcht bedrängt die Furchtsamen (Nom.Sg.n.; Akk.Pl.m.; 3.Sg.Präs.)
vajrāt iva prajvalitāt
wie von einem flammenden Donnerkeil (Abl.Sg.m.; Part.)
iyaṃ kva nu patiṣyati
diese [?] wohin wird sie wohl fallen (Nom.Sg.f.; Fragepart.; 3.Sg.Fut.)
antarāṇāṃ ca bhedārthaṃ cārān abhyavacārayet; yaś ca tasmāt paro rājā tena saṃdhiḥ praśasyate
Und um die Bruchstellen [im feindlichen Gefüge] zu spalten, soll er Späher einschleusen; und mit dem König, der jenseits von ihm [steht], wird ein Bündnis empfohlen.
Wort für Wort
antarāṇāṃ ca bhedārtham
und zur Spaltung der Bruchstellen [?] (Gen.Pl.n.; Adv.)
cārān abhyavacārayet
soll Späher einschleusen (Akk.Pl.m.; 3.Sg.Opt.Kaus.)
yaḥ ca tasmāt paraḥ rājā
und der König, der jenseits von ihm [ist] (Nom.Sg.m.; Abl.; Nom.Sg.m.)
tena saṃdhiḥ praśasyate
mit diesem wird ein Bündnis empfohlen (Instr.; Nom.Sg.m.; 3.Sg.Pass.)
kṣamā vai sādhumāyā hi na hi sādhv akṣamā sadā; kṣamāyāś cākṣamāyāś ca viddhi pārtha prayojanam
Nachsicht ist wahrlich gleichsam ein Kunstgriff der Guten [?]; denn Unnachsichtigkeit ist nicht immer gut. Erkenne, Pārtha, den Nutzen der Nachsicht und der Unnachsichtigkeit.
Wort für Wort
kṣamā vai sādhumāyā hi
Nachsicht ist wahrlich List der Guten [?] (Nom.Sg.f.; Nom.Sg.f.)
na hi sādhu akṣamā sadā
denn Unnachsichtigkeit [ist] nicht immer gut (Nom.Sg.f.; Adv.)
kṣamāyāḥ ca akṣamāyāḥ ca
der Nachsicht und der Unnachsichtigkeit (Gen.Sg.f.)
viddhi pārtha prayojanam
erkenne, Pārtha, den Zweck (Imp.2.Sg.; Vok.; Akk.Sg.n.)
kṣamā vai sādhumāyā hi: Text schwierig, Wiedergabe unsicher.
manyate karśayitvā tu kṣamā sādhv iti śambaraḥ; asaṃtaptaṃ tu yad dāru pratyeti prakṛtiṃ punaḥ
Śambara hält Nachsicht für gut, nachdem man [den Feind] geschwächt hat; Holz aber, das nicht erhitzt wurde, kehrt wieder in seine [ursprüngliche] Natur zurück.
Wort für Wort
manyate karśayitvā tu
er hält, nachdem man geschwächt hat, aber (3.Sg.Med.Präs.; Abs.)
kṣamā sādhu iti śambaraḥ
Nachsicht sei gut, [so] Śambara (Nom.Sg.f.; Nom.Sg.m.)
asaṃtaptaṃ tu yat dāru
Holz aber, das nicht erhitzt ist (Part.Nom.Sg.n.; Nom.Sg.n.)
pratyeti prakṛtiṃ punaḥ
kehrt in seine Natur zurück, wieder (3.Sg.Präs.; Akk.Sg.f.; Adv.)
prahariṣyan priyaṃ brūyāt praharann api bhārata; prahṛtya ca kṛpāyeta śocann iva rudann iva
Im Begriff zu schlagen, soll er Liebes sagen, auch während des Schlagens, Bhārata; und nach dem Schlagen soll er Mitleid zeigen, gleichsam klagend, gleichsam weinend.
Wort für Wort
prahariṣyan priyaṃ brūyāt
im Begriff zu schlagen soll er Liebes sagen (Part.Fut.; Akk.Sg.n.; 3.Sg.Opt.)
praharan api bhārata
auch beim Schlagen, Bhārata (Part.Präs.; Vok.)
prahṛtya ca kṛpāyeta
und nach dem Schlagen soll er Mitleid haben (Abs.; 3.Sg.Opt.Med.)
Was die Schuldigen den Tötern und den [nicht] Erschlagenen [an Leid] zufügen mögen, darüber soll er, den Arm erhoben, laut klagen, wenn er die Zuneigung der Leute gewinnen will.
Wort für Wort
hantṝṇāṃ ca ahatānāṃ ca
der Töter und der Nichterschlagenen [?] (Gen.Pl.m.)
yat kuryuḥ aparādhinaḥ
was die Schuldigen tun mögen (Akk.Sg.n.; 3.Pl.Opt.; Nom.Pl.m.)
krośet bāhum pragṛhya api
soll er klagen, auch den Arm erhoben (3.Sg.Opt.; Akk.Sg.m.; Abs.)
cikīrṣan janasaṃgraham
wünschend die Gewinnung der Leute (Desid.Part.; Akk.Sg.m.)