Kapitel 28: aśmagītā
Aśmas Belehrung an König Janaka: Leid und Freude folgen der Zeit und der Fügung, darum soll man die Trauer lassen
Vyāsa erzählt Yudhiṣṭhira zum Trost die alte Geschichte vom Gespräch zwischen König Janaka von Videha und dem Brahmanen Aśma über den Umgang mit Verlust und Leid. Das Kapitel läuft bis zur Anwendung auf Yudhiṣṭhira (Vers 58).
Vaiśaṃpāyana sprach: Dem von Trauer um die Verwandten Gequälten, der [seine] Lebensatem aufzugeben trachtete, dem ältesten Sohn Pāṇḍus, vertrieb Vyāsa den Kummer.
Wort für Wort
vaiśaṃpāyana uvāca
Vaiśaṃpāyana sprach (Perf.3.Sg.)
jñātiśokābhitaptasya
dem von Trauer um die Verwandten Gequälten (Gen.Sg., Kompositum)
prāṇān abhyutsisṛkṣataḥ
der die Lebenshauche aufzugeben wünschte (Akk.Pl. / Gen.Sg. Part.Desid.)
jyeṣṭhasya pāṇḍuputrasya
des ältesten Sohnes Pāṇḍus (Gen.Sg.)
vyāsaḥ śokam apānudat
Vyāsa vertrieb den Kummer (Nom.Sg. / Akk.Sg. / Impf.3.Sg.)
teṣām anyatarāpattau yad yad evopasevate; tat tad dhi cetanām asya haraty abhram ivānilaḥ
Sobald einem von beiden [Leid oder Freude] etwas widerfährt, dem er sich hingibt, das raubt ihm jeweils den Verstand, wie der Wind eine Wolke [fortträgt].
Wort für Wort
teṣām anyatarāpattau
beim Eintritt einer von diesen (Lok.Sg., Kompositum)
yad yad evopasevate
was immer er pflegt/erfährt (3.Sg.Med.Präs.)
tat tad dhi cetanām asya
eben dies [nimmt] ihm das Bewusstsein (Nom. / Akk.Sg. / Gen.Sg.)
haraty abhram ivānilaḥ
raubt, wie der Wind eine Wolke (3.Sg.Präs. / Akk.Sg. / Nom.Sg.)
Für diese äußerst schmerzhaften [Leiden] soll man durch Einsicht das Heilmittel verordnen, indem man den Lebenslauf aller Wesen hier und dort betrachtet.
Wort für Wort
teṣāṃ paramaduḥkhānāṃ
dieser überaus schmerzlichen (Gen.Pl.)
buddhyā bheṣajam ādiśet
durch Einsicht ein Heilmittel verordne man (Instr.Sg. / Akk.Sg. / Opt.3.Sg.)
sarvaprāṇabhṛtāṃ vṛttaṃ
das Verhalten/Geschick aller Lebewesen (Gen.Pl. / Akk.Sg.)
prekṣamāṇas tatas tataḥ
betrachtend, von da und dort (Part.Präs.Med. / Adv.)
pūrve vayasi madhye vāpy uttame vā narādhipa; avarjanīyās te 'rthā vai kāṅkṣitāś ca tato 'nyathā
Ob in der ersten, mittleren oder letzten Lebenszeit, Herr der Menschen: jene Dinge sind unvermeidlich, und ebenso das Erwünschte, [wenn es] anders [kommt].
Wort für Wort
pūrve vayasi madhye vā
im früheren Alter oder in der Mitte (Lok.Sg.)
apy uttame vā narādhipa
oder auch im letzten, Herr der Menschen (Lok.Sg. / Vok.Sg.)
avarjanīyās te 'rthā vai
unvermeidlich sind jene Dinge fürwahr (Gerundiv Nom.Pl.)
kāṅkṣitāś ca tato 'nyathā
und Ersehntes [ist] danach anders (Part.Nom.Pl. / Adv.)
Zweiter Halbvers etwas dunkel; „kāṅkṣitāś ca tato 'nyathā“ als „und das Erwünschte [tritt] anders ein“ gefasst [?].
niryāṇaṃ yasya yad diṣṭaṃ tena gacchati hetunā; dṛśyate nābhyatikrāmann atikrānto na vā punaḥ
Auf welchem Weg [zum Tod] einem bestimmt ist zu gehen, auf jenem Weg geht er; man sieht nicht, dass einer [dem] entgeht, [weder] wer entkommen [ist] noch [wer] nicht.
Wort für Wort
niryāṇaṃ yasya yad diṣṭaṃ
der Abgang, der jemandem bestimmt ist (Nom.Sg. / Gen.Sg. / Part.)
tena gacchati hetunā
auf diesem Grund/Weg geht er (Instr.Sg. / 3.Sg.)
dṛśyate nābhyatikrāman
man sieht nicht, dass er entkommt (Pass.3.Sg. / Part.Präs.)
Frauen, Würfelspiel, Jagd und Trunk sind wegen der Anhänglichkeit [an sie] von den Weisen getadelt; und doch sieht man viele, auch Vielgelehrte, ihnen ergeben.
ye cāpi puruṣaiḥ strībhir gītavādyair upasthitāḥ; ye cānāthāḥ parānnādāḥ kālas teṣu samakriyaḥ
Auch die, die von Männern und Frauen mit Gesang und Instrumentenspiel umgeben sind, und die, die schutzlos sind und von fremder Speise leben – die Zeit verfährt an ihnen gleich.
Wort für Wort
ye ca api puruṣaiḥ strībhiḥ
und auch die, die von Männern, Frauen (Nom.Pl./Instr.Pl.)
gītavādyair upasthitāḥ
mit Gesang und Musik umgeben (Instr.Pl./Part.Nom.Pl.)
ye ca anāthāḥ parānnādāḥ
und die, die schutzlos sind, fremde Speise essend (Nom.Pl.)
kālas teṣu samakriyaḥ
die Zeit an ihnen gleich handelnd (Nom.Sg./Lok.Pl./Adj.)
mātṛpitṛsahasrāṇi putradāraśatāni ca; saṃsāreṣv anubhūtāni kasya te kasya vā vayam
Tausende von Müttern und Vätern und Hunderte von Söhnen und Frauen sind in den Wiedergeburten erfahren worden; wessen [sind] jene, oder wessen sind wir?
Wort für Wort
mātṛpitṛsahasrāṇi
Tausende von Müttern und Vätern (Nom.Pl.)
putradāraśatāni ca
und Hunderte von Söhnen und Frauen (Nom.Pl.)
saṃsāreṣu anubhūtāni
in den Daseinskreisläufen erfahren (Lok.Pl./Part.Nom.Pl.)
kasya te kasya vā vayam
wessen [sind] jene, oder wessen wir (Gen.Sg./Nom.Pl.)
Weder wird jemand ihm angehören, noch gehört dieser jemandem; nur ein Zusammentreffen auf dem Weg ist dies mit der Schar der Frauen, Verwandten und Freunde.
Wort für Wort
na eva asya kaś cid bhavitā
auch nicht wird ihm jemand [zugehörig] sein (Gen./Nom./Fut.)
na ayaṃ bhavati kasya cit
und dieser gehört nicht jemandem (Nom./3.Sg.Präs./Gen.)
pathi saṃgatam eva idam
auf dem Weg nur ein Zusammentreffen ist dies (Lok./Part.Nom.Sg.n.)
dārabandhusuhṛdgaṇaiḥ
mit den Scharen von Frauen, Verwandten, Freunden (Instr.Pl.)
kvāsaṃ kvāsmi gamiṣyāmi ko nv ahaṃ kim ihāsthitaḥ; kasmāt kam anuśoceyam ity evaṃ sthāpayen manaḥ; anitye priyasaṃvāse saṃsāre cakravad gatau
„Wo war ich, wo bin ich, wohin werde ich gehen? Wer bin ich, wozu stehe ich hier? Weshalb, wen sollte ich beklagen?“ – so soll man den Geist festigen [angesichts] der vergänglichen Welt lieber Gemeinschaft, des Daseinskreislaufs, der wie ein Rad läuft.
Wort für Wort
kva āsaṃ kva asmi gamiṣyāmi
wo war ich, wo bin ich, [wohin] werde ich gehen (Impf./Präs./Fut.1.Sg.)
kaḥ nu aham kim iha āsthitaḥ
wer [bin] ich, was [tue ich] hier stehend (Nom.Sg./Part.)
kasmāt kam anuśoceyam
weshalb, wen sollte ich beklagen (Abl./Akk./1.Sg.Opt.)
iti evaṃ sthāpayet manaḥ
so soll man festigen den Geist (Kaus.3.Sg.Opt./Akk.Sg.)
anitye priyasaṃvāse
im vergänglichen, in dem lieben Zusammenleben (Lok.Sg.)
saṃsāre cakravad gatau
im Kreislauf, radgleich im Gang (Lok.Sg./Lok.Sg.)
Der letzte Pāda ist syntaktisch lose angeschlossen; Lokative als Bezugsrahmen gedeutet.
na dṛṣṭapūrvaṃ pratyakṣaṃ paralokaṃ vidur budhāḥ; āgamāṃs tv anatikramya śraddhātavyaṃ bubhūṣatā
Die Weisen kennen die jenseitige Welt nicht als je zuvor unmittelbar gesehen; ohne die Überlieferungen zu übertreten, soll man Glauben haben, wer gedeihen will.
Wort für Wort
na dṛṣṭapūrvaṃ pratyakṣam
nicht früher gesehen, unmittelbar (Part.Akk.Sg./Adv.)
paralokaṃ vidur budhāḥ
die jenseitige Welt kennen die Weisen (Akk./3.Pl.Perf./Nom.Pl.)
āgamān tu anatikramya
die Überlieferungen aber nicht übertretend (Akk.Pl./Abs.)
śraddhātavyaṃ bubhūṣatā
Glauben ist zu haben von dem, der gedeihen will (Gerundiv/Part.Des.Instr.)
kurvīta pitṛdaivatyaṃ dharmāṇi ca samācaret; yajec ca vidvān vidhivat trivargaṃ cāpy anuvrajet
Man soll den Ahnen und Göttern [die Riten] darbringen, die Pflichten ausüben, als Wissender vorschriftsgemäß opfern und dem Dreiklang [Dharma, Artha, Kāma] folgen.
Wort für Wort
kurvīta pitṛdaivatyam
man soll vollziehen den Ahnen- und Götterdienst (3.Sg.Opt.Med./Akk.)
dharmāṇi ca samācaret
und die Pflichten üben (Akk.Pl./3.Sg.Opt.)
yajet ca vidvān vidhivat
und opfern soll der Wissende nach Vorschrift (3.Sg.Opt./Nom./Adv.)
te pibantaḥ kaṣāyāṃś ca sarpīṃṣi vividhāni ca; na mṛtyum ativartante velām iva mahodadhiḥ
Sie trinken Absude und vielerlei Butterschmalz-Zubereitungen und überschreiten doch den Tod nicht, so wie das große Meer seine Küste nicht [überschreitet].
Auch die Kenner der Verjüngungsmittel, die die Verjüngungsmittel richtig anwenden, sieht man vom Alter gebrochen, wie Bäume von den mächtigsten Elefanten.
Wort für Wort
rasāyanavidaḥ ca eva
und auch die Kenner der Verjüngungskunst (Nom.Pl.)
suprayuktarasāyanāḥ
die die Verjüngungsmittel gut angewendet haben (Nom.Pl., Bahuvrīhi)
dṛśyante jarayā bhagnāḥ
man sieht vom Alter gebrochen (3.Pl.Pass./Instr./Part.Nom.Pl.)
nagā nāgair iva uttamaiḥ
Bäume wie von den besten Elefanten (Nom.Pl./Instr.Pl.)
tathaiva tapasopetāḥ svādhyāyābhyasane ratāḥ; dātāro yajñaśīlāś ca na taranti jarāntakau
Ebenso überwinden weder die, die mit Askese begabt und dem Vedastudium und seiner Übung ergeben sind, noch die Gebenden und Opferfreudigen Alter und Tod.
Wort für Wort
tathā eva tapasā upetāḥ
ebenso mit Askese begabt (Instr./Part.Nom.Pl.)
svādhyāyābhyasane ratāḥ
an Vedarezitation und deren Übung erfreut (Lok.Sg./Nom.Pl.)
dātāro yajñaśīlāḥ ca
Gebende und dem Opfer Zugetane (Nom.Pl.)
na taranti jarāntakau
überwinden nicht Alter und Tod (3.Pl.Präs./Akk.Du.)
Entweder kommt der Körper zum Lebenden heran, oder der Lebensträger kommt vom Körper her; nur ein Zusammentreffen auf dem Weg ist dies mit Ehefrauen und anderen Verwandten.
Wort für Wort
deho vā jīvataḥ abhyeti
der Körper kommt zum Lebenden (Nom./Gen.Sg./3.Sg.Präs.)
jīvo vā abhyeti dehataḥ
oder der Lebensträger kommt vom Körper (Nom./Abl.)
pathi saṃgatam eva idam
auf dem Weg nur ein Zusammentreffen ist dies (Lok./Part.Nom.Sg.n.)
dārair anyaiḥ ca bandhubhiḥ
mit Ehefrauen und anderen Verwandten (Instr.Pl.)
Die Halbverszeile deho vā jīvato 'bhyeti … ist syntaktisch knapp; Deutung mit Vorbehalt [?].
caritabrahmacaryo hi prajāyeta yajeta ca; pitṛdevamaharṣīṇām ānṛṇyāyānasūyakaḥ
Wer die Keuschheit [des Schülerstandes] durchlebt hat, soll Nachkommen zeugen und opfern, ohne Missgunst, um die Schuld gegenüber den Ahnen, Göttern und Großen Sehern zu begleichen.
Wort für Wort
caritabrahmacaryo hi
denn wer den Brahmacarya-Stand vollzogen hat (Nom.Sg., Bahuvrīhi)
prajāyeta yajeta ca
soll sich fortpflanzen und opfern (3.Sg.Opt.Med.)
pitṛdevamaharṣīṇām
gegenüber Ahnen, Göttern und Großen Sehern (Gen.Pl.)
ānṛṇyāya anasūyakaḥ
zur Schuldenfreiheit, nicht missgünstig (Dat./Nom.Sg.)
sa yajñaśīlaḥ prajane niviṣṭaḥ; prāg brahmacārī pravibhaktapakṣaḥ; ārādhayan svargam imaṃ ca lokaṃ; paraṃ ca muktvā hṛdayavyalīkam
Er, dem Opfer ergeben, auf Fortpflanzung bedacht, zuvor Brahmacārin, mit wohlgeordneten Seiten [?], gewinnt sich diese Welt und den Himmel und die jenseitige, nachdem er den Kummer des Herzens abgelegt hat.
Wort für Wort
sa yajñaśīlaḥ prajane niviṣṭaḥ
er, dem Opfer zugetan, der Zeugung hingegeben (Nom./Lok./Part.)
prāg brahmacārī
zuvor Brahmacārin (Adv./Nom.Sg.)
pravibhaktapakṣaḥ
mit gesonderten/geordneten Seiten (Nom.Sg., Bahuvrīhi) [?]
ārādhayan svargam imaṃ ca lokam
zufriedenstellend/erwerbend den Himmel und diese Welt (Part.Kaus./Akk.)
paraṃ ca muktvā hṛdayavyalīkam
und die jenseitige, nachdem er den Herzenskummer abgelegt (Akk./Abs./Akk.)
pravibhaktapakṣaḥ und die Konstruktion von ārādhayan sind unsicher.
Denn für den König, der recht den Dharma übt und Güter der Ordnung gemäß herbeischafft, dessen Rad [der Herrschaft] in Gang ist, wächst der Ruhm in allen Welten, den beweglichen und unbeweglichen.
Wort für Wort
samyak hi dharmaṃ carato nṛpasya
denn dem König, der recht den Dharma übt (Adv./Akk./Part.Gen.)
dravyāṇi ca api āharato yathāvat
und Güter herbeibringt, wie es sich gehört (Akk.Pl./Part.Gen./Adv.)
pravṛttacakrasya
dessen Rad in Gang gesetzt ist (Gen.Sg., Bahuvrīhi)
yaśo abhivardhate
der Ruhm wächst (Nom.Sg./3.Sg.Präs.Med.)
sarveṣu lokeṣu carācareṣu
in allen Welten, beweglichen und unbeweglichen (Lok.Pl.)
Vyāsa sprach: So hatte der König der Videher die ganze Rede erfasst, [er], dessen Anliegen vollständig erfüllt war; er verabschiedete sich von Aśman, mit geläutertem Verstand, und ging in sein Haus, mit gestilltem Kummer.
Wort für Wort
vyāsa uvāca
Vyāsa sprach (Nom./3.Sg.Perf.)
iti evam ājñāya videharājo
so nach dem Verstehen, der König der Videher (Abs./Nom.Sg.)
vākyaṃ samagraṃ paripūrṇahetuḥ
die ganze Rede, dessen Beweggrund erfüllt war (Akk./Adj./Nom.Sg.) [?]
aśmānam āmantrya viśuddhabuddhiḥ
Aśman anredend/verabschiedend, mit geläutertem Verstand (Akk./Abs./Nom.)
yayau gṛhaṃ svaṃ prati śāntaśokaḥ
ging zu seinem Haus, dessen Kummer gestillt war (3.Sg.Perf./Akk./Adv./Nom.)
So lass auch du, Acyuta, den Kummer fahren; steh auf, dem Śakra Gleicher, komm zur Freude! Durch den Kṣatriya-Dharma ist die Erde von dir gewonnen; genieße sie, Sohn der Kuntī, verzage nicht!
Wort für Wort
tathā tvam api acyuta muñca śokam
so lass auch du, Unerschütterter, den Kummer (Imp.2.Sg./Akk.)
uttiṣṭha śakropama harṣam ehi
steh auf, dem Śakra Gleicher, komm zur Freude (Imp./Vok./Akk./Imp.)
kṣātreṇa dharmeṇa mahī jitā te
durch Kṣatriya-Pflicht die Erde gewonnen von dir (Instr./Nom./Part./Instr.)
tāṃ bhuṅkṣva kuntīsuta mā viṣādīḥ
genieße sie, Sohn der Kuntī, verzage nicht (Imp.Med./Vok./Injunktiv)