Quellen der Menschheit

Mahābhārata · Śāntiparva

Kapitel 168: śokāpanodanam Wie man den Kummer überwindet: Senajit und der Brahmane, Piṅgalās Lied

Auf Yudhiṣṭhiras Frage, wie man Trauer um Verlorenes vertreibt, erzählt Bhīṣma, wie ein Brahmane den trauernden König Senajit belehrt, und schließt Piṅgalās Gāthā über die Befreiung vom Begehren an.

nārāyaṇaṃ namaskṛtya naraṃ caiva narottamam; devīṃ sarasvatīṃ caiva tato jayam udīrayet

Nachdem man Nārāyaṇa verehrt hat und Nara, den Besten der Männer, und ebenso die Göttin Sarasvatī, soll man danach „Jaya“ verkünden.

Wort für Wort
nārāyaṇaṃ namaskṛtya
Nārāyaṇa verehrt habend (Akk.; Abs.)
naraṃ caiva narottamam
und Nara, den Besten der Männer (Akk.)
devīṃ sarasvatīṃ caiva
und die Göttin Sarasvatī (Akk.)
tato jayam udīrayet
dann soll man „Jaya“ verkünden (Opt.)

Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert).

śuklāmbaradharaṃ viṣṇuṃ śaśivarṇaṃ caturbhujam; prasannavadanaṃ dhyāyet sarvavighnopaśāntaye

Man soll Viṣṇu meditieren, den Weißgewandeten, Mondfarbenen, Vierarmigen, mit heiterem Antlitz, zur Beschwichtigung aller Hindernisse.

Wort für Wort
śuklāmbaradharaṃ viṣṇuṃ
Viṣṇu, den Weißgewandtragenden (Akk.)
śaśivarṇaṃ caturbhujam
den Mondfarbenen, Vierarmigen (Akk.)
prasannavadanaṃ dhyāyet
mit heiterem Gesicht soll man meditieren (Akk.; Opt.)
sarvavighnopaśāntaye
zur Beruhigung aller Hindernisse (Dat.)

Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert).

yudhiṣṭhira uvāca; dharmāḥ pitāmahenoktā rājadharmāśritāḥ śubhāḥ; dharmam āśramiṇāṃ śreṣṭhaṃ vaktum arhasi pārthiva

Yudhiṣṭhira sprach: „Die vom Großvater verkündeten, heilvollen Pflichten, die auf der Königspflicht beruhen [, sind mir bekannt]; die beste Pflicht der Angehörigen der Lebensstufen solltest du darlegen, o Fürst.“

Wort für Wort
yudhiṣṭhira uvāca
Yudhiṣṭhira sprach (Perf.)
dharmāḥ pitāmahenoktā
die Pflichten, vom Großvater gesagt (Nom.Pl.; Instr.; PPP)
rājadharmāśritāḥ śubhāḥ
auf die Königspflicht gestützt, heilvoll (Nom.Pl.)
dharmam āśramiṇāṃ śreṣṭhaṃ
die beste Pflicht der Lebensstufen-Angehörigen (Akk.; Gen.Pl.)
vaktum arhasi pārthiva
du solltest sagen, o Fürst (Inf.; 2.Sg.; Vok.)

Der Halbvers 1ab ist elliptisch; „sind mir bekannt“ ergänzt.

bhīṣma uvāca; sarvatra vihito dharmaḥ svargyaḥ satyaphalaṃ tapaḥ; bahudvārasya dharmasya nehāsti viphalā kriyā

Bhīṣma sprach: „Überall ist der Dharma vorgeschrieben, führt zum Himmel; die Askese hat die Wahrheit zur Frucht; bei dem Dharma mit den vielen Toren gibt es hier kein fruchtloses Tun.“

Wort für Wort
bhīṣma uvāca
Bhīṣma sprach (Perf.)
sarvatra vihito dharmaḥ
überall vorgeschrieben ist der Dharma (PPP; Nom.)
svargyaḥ satyaphalaṃ tapaḥ
himmelführend; die Askese, deren Frucht Wahrheit ist (Nom.)
bahudvārasya dharmasya
des Dharma mit vielen Toren (Gen.)
nehāsti viphalā kriyā
hier gibt es kein fruchtloses Tun (3.Sg.Präs.; Nom.)

yasmin yasmiṃs tu vinaye yo yo yāti viniścayam; sa tam evābhijānāti nānyaṃ bharatasattama

„Bei welcher Zucht auch immer jemand zu einer Gewissheit gelangt, genau diese erkennt er [als richtig] und keine andere, bester der Bharata.“

Wort für Wort
yasmin yasmiṃs tu vinaye
in welcher jeweiligen Zucht (Lok.)
yo yo yāti viniścayam
wer auch immer zur Gewissheit gelangt (3.Sg.Präs.; Akk.)
sa tam evābhijānāti
der erkennt eben diese (3.Sg.Präs.)
nānyaṃ bharatasattama
nicht eine andere, bester der Bharata (Akk.; Vok.)

yathā yathā ca paryeti lokatantram asāravat; tathā tathā virāgo 'tra jāyate nātra saṃśayaḥ

„Wie immer das wesenlose Getriebe der Welt sich dreht, so und so entsteht hier Leidenschaftslosigkeit; daran ist kein Zweifel.“

Wort für Wort
yathā yathā ca paryeti
und wie immer es sich dreht (3.Sg.Präs.)
lokatantram asāravat
das Getriebe der Welt, wesenlos (Nom./Akk.; Adj.)
tathā tathā virāgo 'tra
so und so [entsteht] hier Abkehr (Nom.)
jāyate nātra saṃśayaḥ
er entsteht; hier ist kein Zweifel (3.Sg.Med.; Nom.)

evaṃ vyavasite loke bahudoṣe yudhiṣṭhira; ātmamokṣanimittaṃ vai yateta matimān naraḥ

„Da die Welt so beschaffen [bzw. so bestimmt] ist und viele Fehler hat, Yudhiṣṭhira, soll der verständige Mensch um der Erlösung seines Selbst willen streben.“

Wort für Wort
evaṃ vyavasite loke
da die Welt so beschaffen ist (Lok.abs.; PPP)
bahudoṣe yudhiṣṭhira
voller Fehler, Yudhiṣṭhira (Lok.; Vok.)
ātmamokṣanimittaṃ vai
um der Erlösung des Selbst willen (Akk.Adv.)
yateta matimān naraḥ
soll sich bemühen der verständige Mensch (Opt.Med.; Nom.)

yudhiṣṭhira uvāca; naṣṭe dhane vā dāre vā putre pitari vā mṛte; yayā buddhyā nudec chokaṃ tan me brūhi pitāmaha

Yudhiṣṭhira sprach: „Wenn Vermögen oder Gattin verloren sind oder Sohn oder Vater gestorben ist – mit welcher Einsicht kann man den Kummer vertreiben? Das sage mir, Großvater.“

Wort für Wort
yudhiṣṭhira uvāca
Yudhiṣṭhira sprach (Perf.)
naṣṭe dhane vā dāre vā
wenn Vermögen oder Gattin verloren (Lok.abs.)
putre pitari vā mṛte
wenn Sohn oder Vater gestorben (Lok.abs.)
yayā buddhyā nudec chokaṃ
durch welche Einsicht man den Kummer vertreiben soll (Instr.; Opt.; Akk.)
tan me brūhi pitāmaha
das sage mir, Großvater (Imp.; Vok.)

bhīṣma uvāca; naṣṭe dhane vā dāre vā putre pitari vā mṛte; aho duḥkham iti dhyāyañ śokasyāpacitiṃ caret

Bhīṣma sprach: „Wenn Vermögen oder Gattin verloren sind oder Sohn oder Vater gestorben ist, soll man, „ach, [welch] Leid!“ bedenkend, das Mittel gegen den Kummer [?] anwenden.“

Wort für Wort
bhīṣma uvāca
Bhīṣma sprach (Perf.)
naṣṭe dhane vā dāre vā
wenn Vermögen oder Gattin verloren (Lok.abs.)
putre pitari vā mṛte
wenn Sohn oder Vater gestorben (Lok.abs.)
aho duḥkham iti dhyāyañ
„ach, Leid!“ so bedenkend (Ptz.Präs.)
śokasyāpacitiṃ caret
soll für den Kummer die Abhilfe [?] üben (Gen.; Akk.; Opt.)

apaciti: eigentlich „Ehrung, Vergeltung, Begleichung“; hier sinngemäß „Abhilfe/Heilmittel“, unsicher.

atrāpy udāharantīmam itihāsaṃ purātanam; yathā senajitaṃ vipraḥ kaś cid ity abravīd vacaḥ

„Hierzu erzählt man auch diese alte Geschichte, wie ein gewisser Brahmane dem Senajit diese Worte sagte.“

Wort für Wort
atrāpy udāharantīmam
hierzu führt man auch diese an (3.Pl.Präs.)
itihāsaṃ purātanam
alte Geschichte (Akk.)
yathā senajitaṃ vipraḥ
wie zu Senajit ein Brahmane (Akk.; Nom.)
kaś cid ity abravīd vacaḥ
irgendein [Brahmane] sprach so das Wort (Impf.; Akk.)

putraśokābhisaṃtaptaṃ rājānaṃ śokavihvalam; viṣaṇṇavadanaṃ dṛṣṭvā vipro vacanam abravīt

Als der Brahmane den König sah, vom Kummer um den Sohn gequält, vom Gram verstört, mit niedergeschlagenem Gesicht, sprach er ein Wort.

Wort für Wort
putraśokābhisaṃtaptaṃ rājānaṃ
den König, vom Sohneskummer gequält (Akk.)
śokavihvalam
vom Kummer verstört (Akk.)
viṣaṇṇavadanaṃ dṛṣṭvā
mit niedergeschlagenem Antlitz, ihn gesehen habend (Akk.; Abs.)
vipro vacanam abravīt
der Brahmane sprach ein Wort (Nom.; Akk.; Impf.)

kiṃ nu khalv asi mūḍhas tvaṃ śocyaḥ kim anuśocasi; yadā tvām api śocantaḥ śocyā yāsyanti tāṃ gatim

„Was nur, bist du wirklich so verblendet? Beklagenswert bist du selbst – was betrauerst du [andere]? Wenn auch die, die dich betrauern, selbst Beklagenswerte, jenen Weg gehen werden [?]“

Wort für Wort
kiṃ nu khalv asi mūḍhas tvaṃ
was nur, bist du wirklich verblendet, du (Nom.)
śocyaḥ kim anuśocasi
beklagenswert; was betrauerst du (Gerundiv; 2.Sg.Präs.)
yadā tvām api śocantaḥ
wenn auch dich Betrauernde (Akk.; Ptz.Präs.Nom.Pl.)
śocyā yāsyanti tāṃ gatim
Beklagenswerte werden jenen Weg gehen (Nom.Pl.; 3.Pl.Fut.; Akk.)

Syntax des Halbverses 10cd knapp; yadā ist hier wohl „da/wenn“ im Sinne von „wo doch“.

tvaṃ caivāhaṃ ca ye cānye tvāṃ rājan paryupāsate; sarve tatra gamiṣyāmo yata evāgatā vayam

„Du und ich und die anderen, die dich, König, umgeben – alle werden wir dorthin gehen, woher wir gekommen sind.“

Wort für Wort
tvaṃ caivāhaṃ ca
du und ich (Nom.)
ye cānye tvāṃ rājan paryupāsate
und die anderen, die dich, König, umsitzen (Akk.; Vok.; 3.Pl.Präs.Med.)
sarve tatra gamiṣyāmo
alle werden wir dorthin gehen (1.Pl.Fut.)
yata evāgatā vayam
von wo wir gekommen sind (PPP Nom.Pl.)

senajid uvāca; kā buddhiḥ kiṃ tapo vipra kaḥ samādhis tapodhana; kiṃ jñānaṃ kiṃ śrutaṃ vā te yat prāpya na viṣīdasi

Senajit sprach: „Welche Einsicht, welche Askese, Brahmane, welche Sammlung, Askesereicher, welches Wissen oder welche Belehrung hast du, durch deren Erlangung du nicht verzagst?“

Wort für Wort
senajid uvāca
Senajit sprach (Perf.)
kā buddhiḥ kiṃ tapo vipra
welche Einsicht, welche Askese, Brahmane (Nom.; Vok.)
kaḥ samādhis tapodhana
welche Sammlung, Askesereicher (Nom.; Vok.)
kiṃ jñānaṃ kiṃ śrutaṃ vā te
welches Wissen oder welche Belehrung dein (Nom.; Gen.)
yat prāpya na viṣīdasi
durch deren Erlangung du nicht verzagst (Abs.; 2.Sg.Präs.)

brāhmaṇa uvāca; hṛṣyantam avasīdantaṃ sukhaduḥkhaviparyaye; ātmānam anuśocāmi yo mamaiṣa hṛdi sthitaḥ

Der Brahmane sprach: „Das Selbst, das sich beim Wechsel von Glück und Leid freut [und] verzagt, betrauere ich – dieses, das hier in meinem Herzen weilt.“

Wort für Wort
brāhmaṇa uvāca
der Brahmane sprach (Perf.)
hṛṣyantam avasīdantam
den sich Freuenden, den Verzagenden (Akk.; Ptz.Präs.)
sukhaduḥkhaviparyaye
beim Umschlag von Glück und Leid (Lok.)
ātmānam anuśocāmi
das Selbst betrauere ich (Akk.; 1.Sg.Präs.)
yo mamaiṣa hṛdi sthitaḥ
der, dieser, in meinem Herzen steht (Nom.; PPP)

Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert).

paśya bhūtāni duḥkhena vyatiṣaktāni sarvaśaḥ

„Sieh die Wesen, die allseits mit Leid durchsetzt sind,“

Wort für Wort
paśya bhūtāni
sieh die Wesen (Imp.; Akk.)
duḥkhena vyatiṣaktāni
mit Leid verbunden, durchsetzt (Instr.; PPP)
sarvaśaḥ
allseits (Adv.)

Halbvers 13ab wird durch die Zusatzverse 17–18 unterbrochen und in 19 fortgesetzt.

uttamādhamamadhyāni teṣu teṣv iha karmasu

„die höchsten, niedrigsten und mittleren, in ihren jeweiligen Werken hier.“

Wort für Wort
uttamādhamamadhyāni
die höchsten, niedrigsten, mittleren (Akk.Pl.n.; Dvandva)
teṣu teṣv iha karmasu
in diesen und jenen Werken hier (Lok.)

Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert).

aham eko na me kaś cin nāham anyasya kasya cit; na taṃ paśyāmi yasyāhaṃ taṃ na paśyāmi yo mama

„Ich bin allein, keiner gehört mir, und ich gehöre keinem; ich sehe den nicht, dem ich gehöre, und den nicht, der mir gehört.“

Wort für Wort
aham eko na me kaś cin
ich [bin] allein; kein einziger [ist] mein (Nom.; Gen.)
nāham anyasya kasya cit
und ich [bin] nicht irgendeines anderen (Gen.)
na taṃ paśyāmi yasyāhaṃ
ich sehe den nicht, dessen ich [bin] (Akk.; Gen.)
taṃ na paśyāmi yo mama
den sehe ich nicht, der mein [ist] (Akk.; Nom.)

Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert).

ātmāpi cāyaṃ na mama sarvā vā pṛthivī mama

„Auch dieses Selbst gehört nicht mir – oder [vielmehr]: die ganze Erde gehört mir [?].“

Wort für Wort
ātmāpi cāyaṃ na mama
und auch dieses Selbst [ist] nicht mein (Nom.; Gen.)
sarvā vā pṛthivī mama
oder die ganze Erde [ist] mein (Nom.)

Das vā ist schwierig; gemeint ist wohl: beides gilt im gleichen Maße (nichts oder alles ist „mein“), vgl. 14ab. Lesart unsicher.

yathā mama tathānyeṣām iti buddhyā na me vyathā; etāṃ buddhim ahaṃ prāpya na prahṛṣye na ca vyathe

„‚Wie es mir [geht], so [geht es] anderen‘ – aus dieser Einsicht habe ich keine Qual. Diese Einsicht erlangt, freue ich mich nicht überschwänglich und leide auch nicht.“

Wort für Wort
yathā mama tathānyeṣām
wie mir, so anderen (Gen.)
iti buddhyā na me vyathā
aus dieser Einsicht ist mir keine Qual (Instr.; Nom.)
etāṃ buddhim ahaṃ prāpya
diese Einsicht ich erlangt habend (Akk.; Abs.)
na prahṛṣye na ca vyathe
freue mich nicht sehr und leide nicht (1.Sg.Präs.Med.)

yathā kāṣṭhaṃ ca kāṣṭhaṃ ca sameyātāṃ mahodadhau; sametya ca vyapeyātāṃ tadvad bhūtasamāgamaḥ

„Wie ein Holzstück und [ein anderes] Holzstück im großen Ozean zusammentreffen und nach dem Zusammentreffen wieder auseinandertreiben, ebenso ist das Zusammentreffen der Wesen.“

Wort für Wort
yathā kāṣṭhaṃ ca kāṣṭhaṃ ca
wie ein Holz und [ein anderes] Holz (Nom.)
sameyātāṃ mahodadhau
sollen zusammentreffen im großen Ozean (Opt.Du.; Lok.)
sametya ca vyapeyātāṃ
und nach dem Zusammentreffen auseinandergehen (Abs.; Opt.Du.)
tadvad bhūtasamāgamaḥ
ebenso [ist] das Zusammentreffen der Wesen (Nom.)

evaṃ putrāś ca pautrāś ca jñātayo bāndhavās tathā; teṣu sneho na kartavyo viprayogo hi tair dhruvam

„So [sind] Söhne und Enkel, Verwandte und Angehörige; an ihnen darf man keine Zuneigung hängen, denn die Trennung von ihnen ist gewiss.“

Wort für Wort
evaṃ putrāś ca pautrāś ca
so Söhne und Enkel (Nom.Pl.)
jñātayo bāndhavās tathā
Verwandte und Angehörige (Nom.Pl.)
teṣu sneho na kartavyo
an ihnen darf Zuneigung nicht geübt werden (Lok.; Nom.; Gerundiv)
viprayogo hi tair dhruvam
denn die Trennung von ihnen [ist] sicher (Nom.; Instr.; Adv.)

adarśanād āpatitaḥ punaś cādarśanaṃ gataḥ; na tvāsau veda na tvaṃ taṃ kaḥ san kam anuśocasi

„Aus dem Nichtgesehenwerden ist er herbeigekommen und wieder ins Nichtgesehenwerden gegangen; weder kennt er dich, noch du ihn – wer bist du, und um wen trauerst du?“

Wort für Wort
adarśanād āpatitaḥ
aus der Unsichtbarkeit herbeigekommen (Abl.; PPP)
punaś cādarśanaṃ gataḥ
und wieder in die Unsichtbarkeit gegangen (Akk.; PPP)
na tvāsau veda na tvaṃ taṃ
weder kennt er dich noch du ihn (3.Sg.Perf./Präs.)
kaḥ san kam anuśocasi
als wer seiend, um wen trauerst du (Nom.; Ptz.; Akk.)

tṛṣṇārtiprabhavaṃ duḥkhaṃ duḥkhārtiprabhavaṃ sukham; sukhāt saṃjāyate duḥkham evam etat punaḥ punaḥ; sukhasyānantaraṃ duḥkhaṃ duḥkhasyānantaraṃ sukham

„Aus dem Leiden des Dürstens entsteht Leid, aus der Not des Leidens entsteht Glück; aus Glück entsteht Leid – so geht es immer wieder; auf Glück folgt Leid, auf Leid folgt Glück.“

Wort für Wort
tṛṣṇārtiprabhavaṃ duḥkhaṃ
aus der Pein des Durstes (Begehrens) entstehend das Leid (Nom.)
duḥkhārtiprabhavaṃ sukham
aus der Pein des Leids entstehend das Glück (Nom.)
sukhāt saṃjāyate duḥkham
aus Glück entsteht Leid (Abl.; 3.Sg.Präs.)
evam etat punaḥ punaḥ
so ist dies immer wieder (Adv.)
sukhasyānantaraṃ duḥkhaṃ
nach dem Glück [kommt] Leid (Gen.; Adv.)
duḥkhasyānantaraṃ sukham
nach dem Leid [kommt] Glück (Gen.; Adv.)

Der Vers hat drei Halbverse; tṛṣṇārti- kann auch als „Pein des Begehrens“ gefasst werden.

sukhaduḥkhe manuṣyāṇāṃ cakravat parivartataḥ

„Glück und Leid der Menschen drehen sich [immer weiter] wie ein Rad.“

Wort für Wort
sukhaduḥkhe manuṣyāṇāṃ
Glück und Leid der Menschen (Nom.Du.; Gen.Pl.)
cakravat parivartataḥ
drehen sich wie ein Rad (Adv.; 3.Du.Präs.Med.)

Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert).

sukhāt tvaṃ duḥkham āpannaḥ punar āpatsyase sukham; na nityaṃ labhate duḥkhaṃ na nityaṃ labhate sukham

„Aus Glück bist du ins Leid geraten, wieder wirst du zu Glück gelangen; nicht dauernd erlangt man Leid, nicht dauernd erlangt man Glück.“

Wort für Wort
sukhāt tvaṃ duḥkham āpannaḥ
aus dem Glück bist du ins Leid geraten (Abl.; Akk.; PPP)
punar āpatsyase sukham
wieder wirst du Glück erreichen (2.Sg.Fut.Med.; Akk.)
na nityaṃ labhate duḥkhaṃ
nicht dauernd erlangt man Leid (3.Sg.Präs.Med.)
na nityaṃ labhate sukham
nicht dauernd erlangt man Glück

śarīram evāyatanaṃ sukhasya; duḥkhasya cāpy āyatanaṃ śarīram; yad yac charīreṇa karoti karma; tenaiva dehī samupāśnute tat; jīvitaṃ ca śarīraṃ ca jātyaiva saha jāyate; ubhe saha vivardhete ubhe saha vinaśyataḥ; snehapāśair bahuvidhair āviṣṭaviṣayā janāḥ; akṛtārthāś ca sīdante jalaiḥ saikatasetavaḥ; snehena tilavat sarvaṃ sargacakre nipīḍyate; tilapīḍair ivākramya kleśair ajñānasaṃbhavaiḥ; saṃcinoty aśubhaṃ karma kalatrāpekṣayā naraḥ; ekaḥ kleśān avāpnoti paratreha ca mānavaḥ; putradārakuṭumbeṣu prasaktāḥ sarvamānavāḥ; śokapaṅkārṇave magnā jīrṇā vanagajā iva; putranāśe vittanāśe jñātisaṃbandhinām api; prāpyate sumahad duḥkhaṃ dāvāgnipratimaṃ vibho; daivāyattam idaṃ sarvaṃ sukhaduḥkhe bhavābhavau; asuhṛt sasuhṛc cāpi saśatrur mitravān api; saprajñaḥ prajñayā hīno daivena labhate sukham

„Der Körper allein ist der Sitz des Glücks, und der Sitz des Leids ist der Körper; welches Werk auch immer man mit dem Körper vollbringt, genau dessen Frucht genießt der Verkörperte. Leben und Körper werden mit der Geburt zugleich geboren; beide wachsen zusammen, beide vergehen zusammen. Von vielfältigen Fesseln der Zuneigung sind die Menschen, ihren Sinnesobjekten ergeben, erfasst, und ohne ihr Ziel erreicht zu haben, sinken sie ein wie Dämme aus Sand im Wasser. Durch Zuneigung wird alles im Kreis der Schöpfung gepresst wie Sesam, wie von Sesampressen überwältigt von Leiden, die aus Unwissenheit entstehen. Aus Rücksicht auf die Gattin häuft der Mensch unheilvolles Werk an; allein erlangt der Mensch die Leiden, dort im Jenseits wie hier. An Söhne, Frauen und Familie hängen alle Menschen, im Meer aus Kummer-Schlamm versunken wie alte Waldelefanten. Beim Verlust des Sohnes, beim Verlust des Vermögens, auch der Verwandten und Verschwägerten erlangt man sehr großes Leid, dem Waldbrand gleich, o Herr. Von der Fügung abhängig ist dies alles: Glück und Leid, Werden und Vergehen. Ohne Freund oder mit Freund, mit Feind oder mit Freunden, mit Einsicht oder ohne Einsicht – durch das Schicksal erlangt man Glück.“

Wort für Wort
śarīram evāyatanaṃ sukhasya
der Körper allein ist der Sitz des Glücks (Nom.; Gen.)
duḥkhasya cāpy āyatanaṃ śarīram
und auch des Leids Sitz ist der Körper
yad yac charīreṇa karoti karma
welches Werk auch immer er mit dem Körper tut (Instr.; 3.Sg.Präs.)
tenaiva dehī samupāśnute tat
durch eben dieses erntet der Verkörperte das (Instr.; Nom.; 3.Sg.Präs.Med.)
jīvitaṃ ca śarīraṃ ca jātyaiva saha jāyate
Leben und Körper werden mit der Geburt zugleich geboren (Nom.; Instr.; 3.Sg.Präs.Med.)
ubhe saha vivardhete ubhe saha vinaśyataḥ
beide wachsen zusammen, beide vergehen zusammen (3.Du.Präs.)
snehapāśair bahuvidhair
durch vielfältige Fesseln der Zuneigung (Instr.Pl.)
āviṣṭaviṣayā janāḥ
die Menschen, den Sinnesobjekten hingegeben (PPP; Nom.Pl.)
akṛtārthāś ca sīdante
und ohne Ziel erreicht zu haben, sinken sie (Nom.Pl.; 3.Pl.Präs.Med.)
jalaiḥ saikatasetavaḥ
wie Sanddämme durch Wasser (Instr.Pl.; Nom.Pl.)
snehena tilavat sarvaṃ
durch Zuneigung wie Sesam alles (Instr.; Adv.; Nom.)
sargacakre nipīḍyate
im Kreis der Schöpfung wird gepresst (Lok.; 3.Sg.Pass.)
tilapīḍair ivākramya
wie von Sesampressen überwältigt (Instr.Pl.; Abs.)
kleśair ajñānasaṃbhavaiḥ
durch Leiden, aus Unwissenheit entstanden (Instr.Pl.)
saṃcinoty aśubhaṃ karma
häuft unheilvolles Werk an (3.Sg.Präs.)
kalatrāpekṣayā naraḥ
aus Rücksicht auf die Gattin der Mensch (Instr.; Nom.)
ekaḥ kleśān avāpnoti
allein erlangt er die Leiden (Nom.; Akk.Pl.; 3.Sg.Präs.)
paratreha ca mānavaḥ
im Jenseits und hier der Mensch (Adv.)
putradārakuṭumbeṣu prasaktāḥ
an Söhnen, Frauen, Familie hängend (Lok.Pl.; PPP)
sarvamānavāḥ
alle Menschen (Nom.Pl.)
śokapaṅkārṇave magnā
im Meer aus Kummer-Schlamm versunken (Lok.; PPP)
jīrṇā vanagajā iva
wie alte Waldelefanten (Nom.Pl.)
putranāśe vittanāśe
beim Verlust des Sohnes, des Vermögens (Lok.)
jñātisaṃbandhinām api
auch der Verwandten und Verschwägerten (Gen.Pl.)
prāpyate sumahad duḥkhaṃ
wird erlangt sehr großes Leid (3.Sg.Pass.; Nom.)
dāvāgnipratimaṃ vibho
dem Waldbrand gleich, o Herr (Nom.; Vok.)
daivāyattam idaṃ sarvaṃ
vom Schicksal abhängig dies alles (Nom.)
sukhaduḥkhe bhavābhavau
Glück und Leid, Werden und Vergehen (Nom.Du.)
asuhṛt sasuhṛc cāpi
ohne Freund und auch mit Freund (Nom.)
saśatrur mitravān api
mit Feind und auch mit Freunden (Nom.)
saprajñaḥ prajñayā hīno
mit Einsicht [und] der Einsicht ermangelnd (Nom.; Instr.)
daivena labhate sukham
durch das Schicksal erlangt man Glück (Instr.; 3.Sg.Präs.Med.)

Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert). Lange Zusatzpassage (nur in einem Teil der Handschriften); die Bezüge in 27 vor allem im Abschnitt „sargacakre nipīḍyate“ sind teils knapp und elliptisch.

nālaṃ sukhāya suhṛdo nālaṃ duḥkhāya śatravaḥ; na ca prajñālam arthānāṃ na sukhānām alaṃ dhanam

„Freunde vermögen nicht Glück zu geben, Feinde nicht Leid; weder reicht Einsicht [aus] für Güter, noch reicht Reichtum für Glück.“

Wort für Wort
nālaṃ sukhāya suhṛdo
nicht vermögen zum Glück die Freunde (Dat.; Nom.Pl.)
nālaṃ duḥkhāya śatravaḥ
nicht zum Leid die Feinde (Nom.Pl.)
na ca prajñālam arthānām
und nicht reicht Einsicht für Güter (Nom.; Gen.Pl.)
na sukhānām alaṃ dhanam
nicht reicht Reichtum für Freuden (Gen.Pl.; Nom.)

na buddhir dhanalābhāya na jāḍyam asamṛddhaye; lokaparyāyavṛttāntaṃ prājño jānāti netaraḥ

„Nicht Verstand [führt] zum Erwerb von Reichtum, nicht Trägheit zu Erfolglosigkeit; den Lauf des Wechsels in der Welt kennt der Weise, nicht der andere.“

Wort für Wort
na buddhir dhanalābhāya
nicht Verstand zum Erwerb von Reichtum (Nom.; Dat.)
na jāḍyam asamṛddhaye
nicht Stumpfheit zur Erfolglosigkeit (Nom.; Dat.)
lokaparyāyavṛttāntaṃ
den Ablauf des Wechsels der Welt (Akk.)
prājño jānāti netaraḥ
der Weise kennt [ihn], nicht der andere (Nom.; 3.Sg.Präs.)

buddhimantaṃ ca mūḍhaṃ ca śūraṃ bhīruṃ jaḍaṃ kavim; durbalaṃ balavantaṃ ca bhāginaṃ bhajate sukham

„Den Verständigen und den Toren, den Helden und den Feigen, den Stumpfen und den Weisen, den Schwachen und den Starken – wer daran Anteil hat, den sucht das Glück auf.“

Wort für Wort
buddhimantaṃ ca mūḍhaṃ ca
den Verständigen und den Toren (Akk.)
śūraṃ bhīruṃ jaḍaṃ kavim
den Helden, den Feigen, den Stumpfen, den Weisen (Akk.)
durbalaṃ balavantaṃ ca
den Schwachen und den Starken (Akk.)
bhāginaṃ bhajate sukham
den Anteilhabenden sucht auf das Glück (Akk.; 3.Sg.Präs.Med.; Nom.)

bhāgin: „der einen (vom Schicksal zugeteilten) Anteil hat“; Deutung nach dem Zusammenhang.

dhenur vatsasya gopasya svāminas taskarasya ca; payaḥ pibati yas tasyā dhenus tasyeti niścayaḥ

„Die Kuh [gehört] dem Kalb, dem Hirten, dem Besitzer und dem Dieb; wer ihre Milch trinkt, dessen ist die Kuh – das ist die Gewissheit.“

Wort für Wort
dhenur vatsasya gopasya
die Kuh [ist] des Kalbes, des Hirten (Nom.; Gen.)
svāminas taskarasya ca
des Besitzers und des Diebes (Gen.)
payaḥ pibati yas tasyā
wer ihre Milch trinkt (Akk.; 3.Sg.Präs.; Gen.)
dhenus tasyeti niścayaḥ
dessen [ist] die Kuh, so [lautet] die Gewissheit (Nom.)

ye ca mūḍhatamā loke ye ca buddheḥ paraṃ gatāḥ; te narāḥ sukham edhante kliśyaty antarito janaḥ

„Die in der Welt am meisten Törichten und die, die über den Verstand hinausgelangt sind – diese Menschen gedeihen im Glück; wer dazwischen steht, plagt sich.“

Wort für Wort
ye ca mūḍhatamā loke
und die, die in der Welt sehr Törichten (Nom.Pl.; Superl.)
ye ca buddheḥ paraṃ gatāḥ
und die, die über den Verstand hinausgelangt sind (Abl.; PPP)
te narāḥ sukham edhante
diese Menschen gedeihen im Glück (Nom.; Adv.; 3.Pl.Präs.Med.)
kliśyaty antarito janaḥ
es plagt sich der Dazwischenstehende (3.Sg.Präs.; PPP Nom.)

antyeṣu remire dhīrā na te madhyeṣu remire; antyaprāptiṃ sukhām āhur duḥkham antaram antayoḥ

„An den Enden ergötzten sich die Standhaften, nicht ergötzten sie sich in der Mitte; das Erreichen des Endes nennen sie Glück, das Dazwischen der Enden Leid.“

Wort für Wort
antyeṣu remire dhīrā
an den Enden ergötzten sich die Standhaften (Lok.; 3.Pl.Perf.Med.; Nom.)
na te madhyeṣu remire
sie ergötzten sich nicht in der Mitte (Lok.)
antyaprāptiṃ sukhām āhur
das Erreichen des Endes nennen sie Glück (Akk.; 3.Pl.Perf.)
duḥkham antaram antayoḥ
Leid [ist] das Dazwischen der beiden Enden (Nom.; Gen.Du.)

sukhām ist metrisch/sprachlich unregelmäßig für sukham.

sukhaṃ svapiti durmedhāḥ svāni karmāṇy acintayan; avijñānena mahatā kambaleneva saṃvṛtaḥ

Glücklich schläft der Unverständige, seine eigenen Taten nicht bedenkend, von großer Unwissenheit wie von einer Decke umhüllt.

Wort für Wort
sukhaṃ svapiti durmedhāḥ
glücklich schläft der Unverständige (Adv.; 3.Sg.Präs.; Nom.Sg.m.)
svāni karmāṇy acintayan
seine eigenen Taten nicht bedenkend (Akk.Pl.n.; Part.Präs. „nicht denkend“)
avijñānena mahatā
durch/von großer Unwissenheit (Instr.Sg.n.)
kambaleneva saṃvṛtaḥ
wie von einer Decke umhüllt (Instr.Sg.m. + iva; Part.Perf.Pass. Nom.Sg.m.)

Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert). Der Halbvers ist unvollständig verbunden: Subjekt durmedhāḥ (Pl. oder Sg.-Kollektiv), saṃvṛtaḥ Sg.; Numerus uneinheitlich.

ye tu buddhisukhaṃ prāptā dvaṃdvātītā vimatsarāḥ; tān naivārthā na cānarthā vyathayanti kadā cana

Die aber, die das Glück der Einsicht erlangt haben, über die Gegensatzpaare hinausgelangt, ohne Missgunst, diese quälen weder Güter noch Unheil, zu keiner Zeit.

Wort für Wort
ye tu buddhisukhaṃ prāptā
die aber, die das Glück der Einsicht erlangt haben (Nom.Pl.; Akk.Sg.n. Kompositum; Part.Perf.Pass. Nom.Pl.m.)
dvaṃdvātītā vimatsarāḥ
über die Gegensatzpaare hinaus, ohne Missgunst (Nom.Pl.m.; Kompositum)
tān naivārthā na cānarthā
sie [quälen] weder Güter noch Unheil (Akk.Pl.m.; Nom.Pl.m.)
vyathayanti kadā cana
quälen, jemals (3.Pl.Präs.Kaus.; Adv.)

atha ye buddhim aprāptā vyatikrāntāś ca mūḍhatām; te 'tivelaṃ prahṛṣyanti saṃtāpam upayānti ca

Jene aber, die Einsicht nicht erlangt haben und über die Torheit hinausgegangen sind, jubeln übermäßig und geraten in Qual.

Wort für Wort
atha ye buddhim aprāptā
jene aber, die Einsicht nicht erlangt haben (Nom.Pl.m.; Akk.Sg.f.)
vyatikrāntāś ca mūḍhatām
und die Torheit überschritten haben [?] (Part.Perf.Pass. Nom.Pl.m.; Akk.Sg.f.)
te 'tivelaṃ prahṛṣyanti
sie jubeln über das Maß hinaus (Nom.Pl.; Adv.; 3.Pl.Präs.)
saṃtāpam upayānti ca
und gehen in Qual/Glut hinein (Akk.Sg.m.; 3.Pl.Präs.)

vyatikrāntāś ca mūḍhatām ist als Gegenstück zu buddhim aprāptā schwierig (wörtlich „die Torheit überschritten“); gemeint vermutlich die Extreme wie in 24/25.

nityapramuditā mūḍhā divi devagaṇā iva; avalepena mahatā paridṛbdhā vicetasaḥ

Ständig froh sind die Toren wie Götterscharen im Himmel, von gewaltigem Hochmut aufgebläht, ohne Verstand.

Wort für Wort
nityapramuditā mūḍhāḥ
stets froh, die Toren (Nom.Pl.m.)
divi devagaṇā iva
wie Götterscharen im Himmel (Lok.Sg.; Nom.Pl.m.)
avalepena mahatā
durch großen Hochmut (Instr.Sg.m.)
paridṛbdhā vicetasaḥ
aufgebläht, verstandlos (Part.Perf.Pass. Nom.Pl.m.; Nom.Pl.m.)

mūḍhā in der Vorlage ohne Visarga (Sandhi vor d).

sukhaṃ duḥkhāntam ālasyaṃ duḥkhaṃ dākṣyaṃ sukhodayam; bhūtiś caiva śriyā sārdhaṃ dakṣe vasati nālase

Trägheit ist [anfangs] Glück, [doch] am Ende Leid; Tüchtigkeit ist [anfangs] Leid, [doch] mit Glück als Aufgang. Gedeihen samt Glanz wohnt im Tüchtigen, nicht im Trägen.

Wort für Wort
sukhaṃ duḥkhāntam ālasyam
Glück, dessen Ende Leid ist, [ist] Trägheit (Nom.Sg.n.; Kompositum; Nom.Sg.n.)
duḥkhaṃ dākṣyaṃ sukhodayam
Leid, dessen Aufgang Glück ist, [ist] Tüchtigkeit (Nom.Sg.n.; Nom.Sg.n.; Kompositum)
bhūtiś caiva śriyā sārdham
und Gedeihen zusammen mit Glanz (Nom.Sg.f.; Instr.Sg.f.; Adv.)
dakṣe vasati nālase
wohnt im Tüchtigen, nicht im Trägen (Lok.Sg.m.; 3.Sg.Präs.; Lok.Sg.m.)

sukhaṃ vā yadi vā duḥkhaṃ dveṣyaṃ vā yadi vā priyam; prāptaṃ prāptam upāsīta hṛdayenāparājitaḥ

Ob Glück oder Leid, ob Verhasstes oder Liebes, das jeweils Erlangte soll man annehmen, im Herzen unbesiegt.

Wort für Wort
sukhaṃ vā yadi vā duḥkham
sei es Glück oder Leid (Akk.Sg.n.)
dveṣyaṃ vā yadi vā priyam
sei es Verhasstes oder Liebes (Akk.Sg.n.)
prāptaṃ prāptam upāsīta
das jeweils Erlangte soll man annehmen/pflegen (Part.Perf.Pass. Akk.Sg.n. dopp.; 3.Sg.Opt.Med.)
hṛdayenāparājitaḥ
im/mit dem Herzen unbesiegt (Instr.Sg.n.; Nom.Sg.m.)

śokasthānasahasrāṇi harṣasthānaśatāni ca; divase divase mūḍham āviśanti na paṇḍitam

Tausende Anlässe zur Trauer und Hunderte Anlässe zur Freude befallen Tag für Tag den Toren, nicht den Weisen.

Wort für Wort
śokasthānasahasrāṇi
Tausende Anlässe zur Trauer (Nom.Pl.n.)
harṣasthānaśatāni ca
und Hunderte Anlässe zur Freude (Nom.Pl.n.)
divase divase
Tag für Tag (Lok.Sg. dopp.)
mūḍham āviśanti na paṇḍitam
befallen den Toren, nicht den Weisen (Akk.Sg.m.; 3.Pl.Präs.; Akk.Sg.m.)

buddhimantaṃ kṛtaprajñaṃ śuśrūṣum anasūyakam; dāntaṃ jitendriyaṃ cāpi śoko na spṛśate naram

Den Einsichtigen, den, dessen Erkenntnis geschult ist, den Lernwilligen, Nichtmissgünstigen, Gezähmten und Sinnenbezwinger, einen solchen Mann berührt der Kummer nicht.

Wort für Wort
buddhimantaṃ kṛtaprajñam
den Einsichtigen, den mit geschulter Erkenntnis (Akk.Sg.m.)
śuśrūṣum anasūyakam
den Lernwilligen, den Nichtneidischen (Akk.Sg.m.)
dāntaṃ jitendriyaṃ cāpi
den Gezähmten und auch den Sinnenbezwinger (Akk.Sg.m.)
śoko na spṛśate naram
Kummer berührt den Mann nicht (Nom.Sg.m.; 3.Sg.Präs.Med.; Akk.Sg.m.)

etāṃ buddhiṃ samāsthāya guptacittaś cared budhaḥ

Diese Einsicht sich zu eigen machend, soll der Weise mit behütetem Geist wandeln.

Wort für Wort
etāṃ buddhiṃ samāsthāya
diese Einsicht annehmend (Akk.Sg.f.; Abs.)
guptacittaś cared budhaḥ
mit behütetem Geist soll der Weise wandeln (Nom.Sg.m.; 3.Sg.Opt.; Nom.Sg.m.)

śuklakṛṣṇagatijñaṃ taṃ devāsuravinirgamam

Ihn, der die Wege des Hellen und des Dunklen kennt, das Hervorgehen der Götter und Asuras [kennt],

Wort für Wort
śuklakṛṣṇagatijñam
den Kenner der Wege von Hell und Dunkel (Akk.Sg.m.; Kompositum)
taṃ
ihn (Akk.Sg.m.)
devāsuravinirgamam
das Hervorgehen der Götter und Asuras [kennend] (Akk.Sg.m.; Kompositum)

Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert). Zusatzvers, syntaktisch mit dem folgenden Halbvers verbunden.

udayāstamayajñaṃ hi na śokaḥ spraṣṭum arhati

denn den Kenner von Aufgang und Untergang darf Kummer nicht berühren.

Wort für Wort
udayāstamayajñaṃ hi
denn den Kenner von Aufgang und Untergang (Akk.Sg.m.; Kompositum; Partikel)
na śokaḥ
nicht Kummer (Nom.Sg.m.)
spraṣṭum arhati
darf berühren (Inf.; 3.Sg.Präs.)

yannimittaṃ bhavec chokas trāso vā duḥkham eva vā; āyāso vā yatomūlas tad ekāṅgam api tyajet

Woraus Kummer, Angst oder Leid entsteht, oder Mühsal, woher sie wurzelt, das soll man aufgeben, und sei es nur ein einzelnes Glied davon [?].

Wort für Wort
yannimittaṃ bhavec chokaḥ
weswegen Kummer entstünde (Kompositum Nom.Sg.n.; 3.Sg.Opt.; Nom.Sg.m.)
trāso vā duḥkham eva vā
oder Angst oder eben Leid (Nom.Sg.m.; Nom.Sg.n.)
āyāso vā yatomūlaḥ
oder Mühsal, woher sie ihre Wurzel hat (Nom.Sg.m.; Kompositum)
tad ekāṅgam api tyajet
das, auch nur ein Glied davon, soll man aufgeben (Akk.Sg.n.; 3.Sg.Opt.)

ekāṅgam api unsicher: „auch nur ein Teil“ oder „selbst ein einziges Glied (der Ursache)“.

yad yat tyajati kāmānāṃ tat sukhasyābhipūryate; kāmānusārī puruṣaḥ kāmān anu vinaśyati

Was man jeweils von den Begierden aufgibt, damit füllt sich das Glück; wer den Begierden folgt, geht den Begierden nach zugrunde.

Wort für Wort
yad yat tyajati kāmānām
was immer man von den Begierden aufgibt (Akk.Sg.n.; 3.Sg.Präs.; Gen.Pl.m.)
tat sukhasyābhipūryate
dadurch füllt sich [an] Glück (Nom.Sg.n.; Gen.Sg.n.; 3.Sg.Präs.Pass.)
kāmānusārī puruṣaḥ
der den Begierden folgende Mensch (Nom.Sg.m.)
kāmān anu vinaśyati
geht den Begierden nach zugrunde (Akk.Pl.; Präp.; 3.Sg.Präs.)

yac ca kāmasukhaṃ loke yac ca divyaṃ mahat sukham; tṛṣṇākṣayasukhasyaite nārhataḥ ṣoḍaśīṃ kalām

Und was es an Sinnenglück in der Welt gibt und das große himmlische Glück, diese kommen dem Glück des Versiegens des Durstes nicht auf den sechzehnten Teil.

Wort für Wort
yac ca kāmasukhaṃ loke
und was an Sinnenglück in der Welt [ist] (Nom.Sg.n.; Lok.Sg.m.)
yac ca divyaṃ mahat sukham
und was himmlisches großes Glück [ist] (Nom.Sg.n.)
tṛṣṇākṣayasukhasya
des Glücks der Durstversiegung (Gen.Sg.n.; Kompositum)
ete nārhataḥ ṣoḍaśīṃ kalām
diese beiden reichen nicht an den sechzehnten Teil (Nom.Du.n.; 3.Du.Präs.; Akk.Sg.f.)

pūrvadehakṛtaṃ karma śubhaṃ vā yadi vāśubham; prājñaṃ mūḍhaṃ tathā śūraṃ bhajate yādṛśaṃ kṛtam

Das in früherem Körper getane Werk, sei es gut oder schlecht: der Weise, der Tor, ebenso der Held, jeder erfährt es, wie es getan wurde.

Wort für Wort
pūrvadehakṛtaṃ karma
das im früheren Körper getane Werk (Nom.Sg.n.)
śubhaṃ vā yadi vāśubham
sei es gut oder schlecht (Nom.Sg.n.)
prājñaṃ mūḍhaṃ tathā śūram
den Weisen, den Toren, ebenso den Helden (Akk.Sg.m.)
bhajate yādṛśaṃ kṛtam
es erreicht [ihn], wie beschaffen getan (3.Sg.Präs.Med.; Nom.Sg.n.)

Der Akkusativ prājñaṃ mūḍhaṃ śūram ist Objekt zu bhajate: das Werk „trifft/erreicht“ den Handelnden, je nachdem, wie es getan wurde.

evam eva kilaitāni priyāṇy evāpriyāṇi ca; jīveṣu parivartante duḥkhāni ca sukhāni ca

So wechseln, wie es heißt, diese Liebes und Unliebes, Leiden und Freuden unter den Lebewesen.

Wort für Wort
evam eva kila
genau so, wie es heißt (Adv.; Partikel)
etāni priyāṇy evāpriyāṇi ca
diese Liebes und Unliebes (Nom.Pl.n.)
jīveṣu parivartante
unter den Lebewesen wechseln (Lok.Pl.m.; 3.Pl.Präs.Med.)
duḥkhāni ca sukhāni ca
Leiden und Freuden (Nom.Pl.n.)

tad evaṃ buddhim āsthāya sukhaṃ jīved guṇānvitaḥ; sarvān kāmāñ jugupseta saṅgān kurvīta pṛṣṭhataḥ; vṛtta eṣa hṛdi prauḍho mṛtyur eṣa manomayaḥ

Wer so Einsicht gewinnt, soll glücklich leben, mit Tugenden begabt; alle Begierden soll er verabscheuen, die Anhänglichkeiten hinter sich lassen. Dies ist im Herzen herangewachsen, dies ist der aus Geist gemachte Tod.

Wort für Wort
tad evaṃ buddhim āsthāya
darum, so Einsicht annehmend (Adv.; Akk.Sg.f.; Abs.)
sukhaṃ jīved guṇānvitaḥ
soll glücklich leben, tugendbegabt (Adv.; 3.Sg.Opt.; Nom.Sg.m.)
sarvān kāmāñ jugupseta
alle Begierden soll er verabscheuen (Akk.Pl.m.; 3.Sg.Opt.Desid.Med.)
saṅgān kurvīta pṛṣṭhataḥ
Anhänglichkeiten soll er hinter sich bringen (Akk.Pl.m.; 3.Sg.Opt.Med.; Adv.)
vṛtta eṣa hṛdi prauḍhaḥ
dies ist im Herzen entstanden, herangewachsen (Nom.Sg.m.; Lok.Sg.n.; Nom.Sg.m.)
mṛtyur eṣa manomayaḥ
dies ist der aus Geist bestehende Tod (Nom.Sg.m.; Nom.Sg.m.)

eṣa (Begierde/Zorn) bleibt ohne ausdrücklichen Bezugspunkt; vṛtta unsicher zwischen „vorhanden/entstanden“ und „vollzogen“.

krodho nāma śarīrastho dehināṃ procyate budhaiḥ

„Zorn“ genannt, im Körper wohnend, so sagen die Weisen bei den Verkörperten.

Wort für Wort
krodho nāma
Zorn mit Namen (Nom.Sg.m.; Adv.)
śarīrastho dehinām
im Körper weilend, bei den Verkörperten (Nom.Sg.m.; Gen.Pl.m.)
procyate budhaiḥ
wird genannt von den Weisen (3.Sg.Präs.Pass.; Instr.Pl.m.)

Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert).

yadā saṃharate kāmān kūrmo 'ṅgānīva sarvaśaḥ; tadātmajyotir ātmā ca ātmany eva prasīdati

Wenn er die Begierden vollständig einzieht wie die Schildkröte ihre Glieder, dann wird das Selbst, Selbstlicht, im Selbst allein heiter und klar.

Wort für Wort
yadā saṃharate kāmān
wenn er die Begierden einzieht (3.Sg.Präs.Med.; Akk.Pl.m.)
kūrmo 'ṅgānīva sarvaśaḥ
wie die Schildkröte die Glieder, ganz und gar (Nom.Sg.m.; Akk.Pl.n.; Adv.)
tadātmajyotir ātmā ca
dann [ist] Selbstlicht, und das Selbst (Adv.; Kompositum; Nom.Sg.m.)
ātmany eva prasīdati
im Selbst allein wird klar/ruhig (Lok.Sg.m.; 3.Sg.Präs.)

kiṃ cid eva mamatvena yadā bhavati kalpitam; tad eva paritāpārthaṃ sarvaṃ saṃpadyate tadā

Wenn irgendetwas durch das Denken „mein“ eingebildet wird, dann wird eben alles zum Anlass der Qual.

Wort für Wort
kiṃ cid eva mamatvena
irgendetwas durch Meinheit („mein“-Sein) (Nom.Sg.n.; Instr.Sg.n.)
yadā bhavati kalpitam
wenn es vorgestellt/eingebildet ist (3.Sg.Präs.; Part.Perf.Pass. Nom.Sg.n.)
tad eva paritāpārthaṃ
eben dies zum Zweck der Qual (Nom.Sg.n.; Adv.-Kompositum)
sarvaṃ saṃpadyate tadā
alles wird dann (Nom.Sg.n.; 3.Sg.Präs.Med.; Adv.)

na bibheti yadā cāyaṃ yadā cāsmān na bibhyati; yadā necchati na dveṣṭi brahma saṃpadyate tadā

Wenn dieser sich nicht fürchtet und wenn man sich vor ihm nicht fürchtet, wenn er weder wünscht noch hasst, dann wird er Brahman.

Wort für Wort
na bibheti yadā cāyam
wenn dieser sich nicht fürchtet (3.Sg.Präs.; Nom.Sg.m.)
yadā cāsmān na bibhyati
und wenn man vor ihm sich nicht fürchtet (Abl.Sg.m. „vor diesem“; 3.Pl.Präs.)
yadā necchati na dveṣṭi
wenn er weder wünscht noch hasst (3.Sg.Präs.)
brahma saṃpadyate tadā
wird er da Brahman (Akk./Nom.Sg.n.; 3.Sg.Präs.Med.)

ubhe satyānṛte tyaktvā śokānandau bhayābhaye; priyāpriye parityajya praśāntātmā bhaviṣyasi

Beides, Wahrheit und Unwahrheit, aufgebend, Kummer und Wonne, Furcht und Furchtlosigkeit, Liebes und Unliebes hinter dir lassend, wirst du friedvollen Selbstes sein.

Wort für Wort
ubhe satyānṛte tyaktvā
beides, Wahres und Unwahres, aufgebend (Akk.Du.n.; Abs.)
śokānandau bhayābhaye
Kummer und Wonne, Furcht und Furchtlosigkeit (Akk.Du.m.; Akk.Du.n.)
priyāpriye parityajya
Liebes und Unliebes verlassend (Akk.Du.n.; Abs.)
praśāntātmā bhaviṣyasi
wirst du friedvollen Selbstes sein (Nom.Sg.m.; 2.Sg.Fut.)

yadā na kurute dhīraḥ sarvabhūteṣu pāpakam; karmaṇā manasā vācā brahma saṃpadyate tadā

Wenn der Standhafte gegenüber allen Wesen nichts Böses tut, in Tat, Gedanke und Wort, dann wird er Brahman.

Wort für Wort
yadā na kurute dhīraḥ
wenn der Standhafte nicht tut (3.Sg.Präs.Med.; Nom.Sg.m.)
sarvabhūteṣu pāpakam
gegenüber allen Wesen Böses (Lok.Pl.n.; Akk.Sg.n.)
karmaṇā manasā vācā
durch Tat, Geist und Wort (Instr.Sg.)
brahma saṃpadyate tadā
wird er dann Brahman (3.Sg.Präs.Med.)

yā dustyajā durmatibhir yā na jīryati jīryataḥ; yo 'sau prāṇāntiko rogas tāṃ tṛṣṇāṃ tyajataḥ sukham

Die von den Schlechtdenkenden schwer aufzugebende, die nicht altert, wenn man selbst altert, die bis zum Lebensende währende Krankheit: diesen Durst aufgebend, [erlangt man] Glück.

Wort für Wort
yā dustyajā durmatibhiḥ
die schwer aufzugeben ist für Schlechtdenkende (Nom.Sg.f.; Instr.Pl.m.)
yā na jīryati jīryataḥ
die nicht altert bei dem Alternden (3.Sg.Präs.; Gen.Sg.m.)
yo 'sau prāṇāntiko rogaḥ
die als eine bis zum Lebensende [dauernde] Krankheit [gilt] (Nom.Sg.m.; Nom.Sg.m.)
tāṃ tṛṣṇāṃ tyajataḥ sukham
wer diesen Durst aufgibt, [hat] Glück (Akk.Sg.f.; Gen.Sg.m. Part.Präs.; Nom.Sg.n.)

Die Relativpronomina yā/yo folgen dem jeweiligen Prädikat, nicht dem Bezugswort tṛṣṇām; yo rogaḥ hat maskulines Genus als Prädikatsnomen.

atra piṅgalayā gītā gāthāḥ śrūyanti pārthiva; yathā sā kṛcchrakāle 'pi lebhe dharmaṃ sanātanam

Hierzu werden Strophen gehört, die von Piṅgalā gesungen wurden, König, [davon,] wie sie sogar in Notzeit den ewigen Dharma erlangte.

Wort für Wort
atra piṅgalayā gītāḥ
hierzu von Piṅgalā gesungen (Adv.; Instr.Sg.f.; Part.Perf.Pass. Nom.Pl.f.)
gāthāḥ śrūyanti pārthiva
Strophen werden gehört, König (Nom.Pl.f.; 3.Pl.Präs.Pass.; Vok.Sg.m.)
yathā sā kṛcchrakāle 'pi
wie sie selbst in Notzeit (Adv.; Nom.Sg.f.; Lok.Sg.m.)
lebhe dharmaṃ sanātanam
erlangte den ewigen Dharma (3.Sg.Perf.Med.; Akk.Sg.m. dopp.)

saṃkete piṅgalā veśyā kāntenāsīd vinākṛtā; atha kṛcchragatā śāntāṃ buddhim āsthāpayat tadā

Piṅgalā, die Kurtisane, war am Stelldichein vom Geliebten im Stich gelassen worden; da, in Not geraten, brachte sie sich zu friedvoller Einsicht.

Wort für Wort
saṃkete piṅgalā veśyā
am Treffpunkt Piṅgalā, die Kurtisane (Lok.Sg.m.; Nom.Sg.f.)
kāntenāsīd vinākṛtā
war vom Geliebten verlassen (Instr.Sg.m.; 3.Sg.Impf.; Part.Perf.Pass. Nom.Sg.f.)
atha kṛcchragatā
dann, in Not geraten (Adv.; Nom.Sg.f.)
śāntāṃ buddhim āsthāpayat tadā
stellte sie auf friedvolle Einsicht ein (Akk.Sg.f.; 3.Sg.Impf.Kaus.)

piṅgalovāca; unmattāham anunmattaṃ kāntam anvavasaṃ ciram; antike ramaṇaṃ santaṃ nainam adhyagamaṃ purā

Piṅgalā sprach: „Wahnsinnig war ich: den nicht wahnsinnigen Geliebten habe ich lange umwartet [?]; obwohl der Freudenspender nahe war, habe ich ihn früher nicht erkannt.“

Wort für Wort
piṅgalovāca
Piṅgalā sprach (3.Sg.Perf.)
unmattāham anunmattaṃ kāntam
wahnsinnig [war] ich, den nicht wahnsinnigen Geliebten (Nom.Sg.f.; Akk.Sg.m.)
anvavasaṃ ciram
habe ich lange umwohnt/umlagert (1.Sg.Impf.; Adv.)
antike ramaṇaṃ santam
obwohl er nahe war, den Freudenspender (Lok.Sg.n.; Akk.Sg.m.; Part.Präs. Akk.Sg.m.)
nainam adhyagamaṃ purā
ihn erkannte/fand ich früher nicht (Akk.Sg.m.; 1.Sg.Aor.; Adv.)

anvavasam unsicher (etwa „ich hielt mich bei ihm auf/wartete auf ihn“); antike ramaṇam wohl auf das innere Selbst als wahren Freudenspender anspielend.

ekasthūṇaṃ navadvāram apidhāsyāmy agārakam; kā hi kāntam ihāyāntam ayaṃ kānteti maṃsyate

Das Haus mit einem Pfosten und neun Türen werde ich verschließen. Welche [Frau] wird den hierher kommenden Geliebten wohl [noch] für „Geliebter“ halten? [?]

Wort für Wort
ekasthūṇaṃ navadvāram
mit einem Pfosten, mit neun Türen (Akk.Sg.n.; Kompositum)
apidhāsyāmy agārakam
werde ich verschließen, das Häuschen (1.Sg.Fut.; Akk.Sg.n.)
kā hi kāntam ihāyāntam
welche denn den hierher kommenden Geliebten (Nom.Sg.f.; Akk.Sg.m.; Part.Präs. Akk.Sg.m.)
ayaṃ kānteti maṃsyate
„dies ist ein Geliebter“ wird sie meinen (Nom.Sg.m.; kānta + iti; 3.Sg.Fut.Med.)

Das Haus mit einem Pfosten und neun Toren ist der Körper. kānteti/maṃsyate: Lesart unsicher.

akāmāḥ kāmarūpeṇa dhūrtā narakarūpiṇaḥ; na punar vañcayiṣyanti pratibuddhāsmi jāgṛmi

Ohne Liebe, in Gestalt der Liebe, Schurken mit Höllengestalt: nicht mehr werden sie täuschen; ich bin erwacht, ich wache.

Wort für Wort
akāmāḥ kāmarūpeṇa
die liebeslos [sind], in Gestalt der Liebe (Nom.Pl.m.; Instr.Sg.n.)
dhūrtā narakarūpiṇaḥ
Schurken mit der Gestalt der Hölle (Nom.Pl.m.; Nom.Pl.m.)
na punar vañcayiṣyanti
nicht wieder werden sie täuschen (Adv.; 3.Pl.Fut.Kaus.)
pratibuddhāsmi jāgṛmi
erwacht bin ich, ich wache (Part.Perf.Pass. Nom.Sg.f. + 1.Sg.Präs.; 1.Sg.Präs.)

anartho 'pi bhavaty artho daivāt pūrvakṛtena vā; saṃbuddhāhaṃ nirākārā nāham adyājitendriyā

Auch Unheil wird zu Nutzen, durch Fügung oder durch früher Getanes; erwacht bin ich, ohne [feste] Gestalt [?], nicht bin ich heute mit unbezwungenen Sinnen.

Wort für Wort
anartho 'pi bhavaty arthaḥ
auch Unheil wird zum Nutzen (Nom.Sg.m.; 3.Sg.Präs.; Nom.Sg.m.)
daivāt pūrvakṛtena vā
durch Fügung oder durch früher Getanes (Abl.Sg.n.; Instr.Sg.n.)
saṃbuddhāhaṃ nirākārā
ich bin völlig erwacht, formlos [?] (Part.Perf.Pass. Nom.Sg.f.; Nom.Sg.f.)
nāham adyājitendriyā
nicht bin ich heute mit unbezwungenen Sinnen (Nom.Sg.f.)

nirākārā unsicher: „ohne Gestalt“ oder „ohne Erwartung/Verlangen“.

sukhaṃ nirāśaḥ svapiti nairāśyaṃ paramaṃ sukham; āśām anāśāṃ kṛtvā hi sukhaṃ svapiti piṅgalā

Glücklich schläft der Hoffnungslose; Hoffnungslosigkeit ist das höchste Glück. Nachdem sie die Hoffnung zur Nicht-Hoffnung gemacht hat, schläft Piṅgalā glücklich.

Wort für Wort
sukhaṃ nirāśaḥ svapiti
glücklich schläft der Hoffnungslose (Adv.; Nom.Sg.m.; 3.Sg.Präs.)
nairāśyaṃ paramaṃ sukham
Hoffnungslosigkeit [ist] das höchste Glück (Nom.Sg.n.; Nom.Sg.n.)
āśām anāśāṃ kṛtvā hi
denn nachdem sie die Hoffnung zur Nicht-Hoffnung gemacht hat (Akk.Sg.f.; Abs.)
sukhaṃ svapiti piṅgalā
schläft glücklich Piṅgalā (3.Sg.Präs.; Nom.Sg.f.)

bhīṣma uvāca; etaiś cānyaiś ca viprasya hetumadbhiḥ prabhāṣitaiḥ; paryavasthāpito rājā senajin mumude sukham

Bhīṣma sprach: Durch diese und andere begründete Worte des Brahmanen zur Ruhe gebracht, freute sich König Senajit im Glück.

Wort für Wort
bhīṣma uvāca
Bhīṣma sprach (3.Sg.Perf.)
etaiś cānyaiś ca viprasya
durch diese und andere [Worte] des Brahmanen (Instr.Pl.n.; Gen.Sg.m.)
hetumadbhiḥ prabhāṣitaiḥ
begründeten Reden (Instr.Pl.n.; Part.Perf.Pass.)
paryavasthāpito rājā
gefestigt/beruhigt, der König (Part.Perf.Pass.Kaus. Nom.Sg.m.; Nom.Sg.m.)
senajin mumude sukham
Senajit freute sich glücklich (Nom.Sg.m.; 3.Sg.Perf.Med.; Adv.)

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