Kapitel 168: śokāpanodanam
Wie man den Kummer überwindet: Senajit und der Brahmane, Piṅgalās Lied
Auf Yudhiṣṭhiras Frage, wie man Trauer um Verlorenes vertreibt, erzählt Bhīṣma, wie ein Brahmane den trauernden König Senajit belehrt, und schließt Piṅgalās Gāthā über die Befreiung vom Begehren an.
Yudhiṣṭhira sprach: „Die vom Großvater verkündeten, heilvollen Pflichten, die auf der Königspflicht beruhen [, sind mir bekannt]; die beste Pflicht der Angehörigen der Lebensstufen solltest du darlegen, o Fürst.“
Wort für Wort
yudhiṣṭhira uvāca
Yudhiṣṭhira sprach (Perf.)
dharmāḥ pitāmahenoktā
die Pflichten, vom Großvater gesagt (Nom.Pl.; Instr.; PPP)
rājadharmāśritāḥ śubhāḥ
auf die Königspflicht gestützt, heilvoll (Nom.Pl.)
dharmam āśramiṇāṃ śreṣṭhaṃ
die beste Pflicht der Lebensstufen-Angehörigen (Akk.; Gen.Pl.)
vaktum arhasi pārthiva
du solltest sagen, o Fürst (Inf.; 2.Sg.; Vok.)
Der Halbvers 1ab ist elliptisch; „sind mir bekannt“ ergänzt.
Bhīṣma sprach: „Überall ist der Dharma vorgeschrieben, führt zum Himmel; die Askese hat die Wahrheit zur Frucht; bei dem Dharma mit den vielen Toren gibt es hier kein fruchtloses Tun.“
Wort für Wort
bhīṣma uvāca
Bhīṣma sprach (Perf.)
sarvatra vihito dharmaḥ
überall vorgeschrieben ist der Dharma (PPP; Nom.)
svargyaḥ satyaphalaṃ tapaḥ
himmelführend; die Askese, deren Frucht Wahrheit ist (Nom.)
bahudvārasya dharmasya
des Dharma mit vielen Toren (Gen.)
nehāsti viphalā kriyā
hier gibt es kein fruchtloses Tun (3.Sg.Präs.; Nom.)
evaṃ vyavasite loke bahudoṣe yudhiṣṭhira; ātmamokṣanimittaṃ vai yateta matimān naraḥ
„Da die Welt so beschaffen [bzw. so bestimmt] ist und viele Fehler hat, Yudhiṣṭhira, soll der verständige Mensch um der Erlösung seines Selbst willen streben.“
Wort für Wort
evaṃ vyavasite loke
da die Welt so beschaffen ist (Lok.abs.; PPP)
bahudoṣe yudhiṣṭhira
voller Fehler, Yudhiṣṭhira (Lok.; Vok.)
ātmamokṣanimittaṃ vai
um der Erlösung des Selbst willen (Akk.Adv.)
yateta matimān naraḥ
soll sich bemühen der verständige Mensch (Opt.Med.; Nom.)
yudhiṣṭhira uvāca; naṣṭe dhane vā dāre vā putre pitari vā mṛte; yayā buddhyā nudec chokaṃ tan me brūhi pitāmaha
Yudhiṣṭhira sprach: „Wenn Vermögen oder Gattin verloren sind oder Sohn oder Vater gestorben ist – mit welcher Einsicht kann man den Kummer vertreiben? Das sage mir, Großvater.“
Wort für Wort
yudhiṣṭhira uvāca
Yudhiṣṭhira sprach (Perf.)
naṣṭe dhane vā dāre vā
wenn Vermögen oder Gattin verloren (Lok.abs.)
putre pitari vā mṛte
wenn Sohn oder Vater gestorben (Lok.abs.)
yayā buddhyā nudec chokaṃ
durch welche Einsicht man den Kummer vertreiben soll (Instr.; Opt.; Akk.)
Bhīṣma sprach: „Wenn Vermögen oder Gattin verloren sind oder Sohn oder Vater gestorben ist, soll man, „ach, [welch] Leid!“ bedenkend, das Mittel gegen den Kummer [?] anwenden.“
Wort für Wort
bhīṣma uvāca
Bhīṣma sprach (Perf.)
naṣṭe dhane vā dāre vā
wenn Vermögen oder Gattin verloren (Lok.abs.)
putre pitari vā mṛte
wenn Sohn oder Vater gestorben (Lok.abs.)
aho duḥkham iti dhyāyañ
„ach, Leid!“ so bedenkend (Ptz.Präs.)
śokasyāpacitiṃ caret
soll für den Kummer die Abhilfe [?] üben (Gen.; Akk.; Opt.)
apaciti: eigentlich „Ehrung, Vergeltung, Begleichung“; hier sinngemäß „Abhilfe/Heilmittel“, unsicher.
kiṃ nu khalv asi mūḍhas tvaṃ śocyaḥ kim anuśocasi; yadā tvām api śocantaḥ śocyā yāsyanti tāṃ gatim
„Was nur, bist du wirklich so verblendet? Beklagenswert bist du selbst – was betrauerst du [andere]? Wenn auch die, die dich betrauern, selbst Beklagenswerte, jenen Weg gehen werden [?]“
Wort für Wort
kiṃ nu khalv asi mūḍhas tvaṃ
was nur, bist du wirklich verblendet, du (Nom.)
śocyaḥ kim anuśocasi
beklagenswert; was betrauerst du (Gerundiv; 2.Sg.Präs.)
yadā tvām api śocantaḥ
wenn auch dich Betrauernde (Akk.; Ptz.Präs.Nom.Pl.)
śocyā yāsyanti tāṃ gatim
Beklagenswerte werden jenen Weg gehen (Nom.Pl.; 3.Pl.Fut.; Akk.)
Syntax des Halbverses 10cd knapp; yadā ist hier wohl „da/wenn“ im Sinne von „wo doch“.
senajid uvāca; kā buddhiḥ kiṃ tapo vipra kaḥ samādhis tapodhana; kiṃ jñānaṃ kiṃ śrutaṃ vā te yat prāpya na viṣīdasi
Senajit sprach: „Welche Einsicht, welche Askese, Brahmane, welche Sammlung, Askesereicher, welches Wissen oder welche Belehrung hast du, durch deren Erlangung du nicht verzagst?“
Wort für Wort
senajid uvāca
Senajit sprach (Perf.)
kā buddhiḥ kiṃ tapo vipra
welche Einsicht, welche Askese, Brahmane (Nom.; Vok.)
kaḥ samādhis tapodhana
welche Sammlung, Askesereicher (Nom.; Vok.)
kiṃ jñānaṃ kiṃ śrutaṃ vā te
welches Wissen oder welche Belehrung dein (Nom.; Gen.)
yat prāpya na viṣīdasi
durch deren Erlangung du nicht verzagst (Abs.; 2.Sg.Präs.)
Der Brahmane sprach: „Das Selbst, das sich beim Wechsel von Glück und Leid freut [und] verzagt, betrauere ich – dieses, das hier in meinem Herzen weilt.“
Wort für Wort
brāhmaṇa uvāca
der Brahmane sprach (Perf.)
hṛṣyantam avasīdantam
den sich Freuenden, den Verzagenden (Akk.; Ptz.Präs.)
sukhaduḥkhaviparyaye
beim Umschlag von Glück und Leid (Lok.)
ātmānam anuśocāmi
das Selbst betrauere ich (Akk.; 1.Sg.Präs.)
yo mamaiṣa hṛdi sthitaḥ
der, dieser, in meinem Herzen steht (Nom.; PPP)
Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert).
yathā mama tathānyeṣām iti buddhyā na me vyathā; etāṃ buddhim ahaṃ prāpya na prahṛṣye na ca vyathe
„‚Wie es mir [geht], so [geht es] anderen‘ – aus dieser Einsicht habe ich keine Qual. Diese Einsicht erlangt, freue ich mich nicht überschwänglich und leide auch nicht.“
Wort für Wort
yathā mama tathānyeṣām
wie mir, so anderen (Gen.)
iti buddhyā na me vyathā
aus dieser Einsicht ist mir keine Qual (Instr.; Nom.)
etāṃ buddhim ahaṃ prāpya
diese Einsicht ich erlangt habend (Akk.; Abs.)
na prahṛṣye na ca vyathe
freue mich nicht sehr und leide nicht (1.Sg.Präs.Med.)
yathā kāṣṭhaṃ ca kāṣṭhaṃ ca sameyātāṃ mahodadhau; sametya ca vyapeyātāṃ tadvad bhūtasamāgamaḥ
„Wie ein Holzstück und [ein anderes] Holzstück im großen Ozean zusammentreffen und nach dem Zusammentreffen wieder auseinandertreiben, ebenso ist das Zusammentreffen der Wesen.“
Wort für Wort
yathā kāṣṭhaṃ ca kāṣṭhaṃ ca
wie ein Holz und [ein anderes] Holz (Nom.)
sameyātāṃ mahodadhau
sollen zusammentreffen im großen Ozean (Opt.Du.; Lok.)
sametya ca vyapeyātāṃ
und nach dem Zusammentreffen auseinandergehen (Abs.; Opt.Du.)
adarśanād āpatitaḥ punaś cādarśanaṃ gataḥ; na tvāsau veda na tvaṃ taṃ kaḥ san kam anuśocasi
„Aus dem Nichtgesehenwerden ist er herbeigekommen und wieder ins Nichtgesehenwerden gegangen; weder kennt er dich, noch du ihn – wer bist du, und um wen trauerst du?“
Wort für Wort
adarśanād āpatitaḥ
aus der Unsichtbarkeit herbeigekommen (Abl.; PPP)
punaś cādarśanaṃ gataḥ
und wieder in die Unsichtbarkeit gegangen (Akk.; PPP)
na tvāsau veda na tvaṃ taṃ
weder kennt er dich noch du ihn (3.Sg.Perf./Präs.)
kaḥ san kam anuśocasi
als wer seiend, um wen trauerst du (Nom.; Ptz.; Akk.)
„Aus dem Leiden des Dürstens entsteht Leid, aus der Not des Leidens entsteht Glück; aus Glück entsteht Leid – so geht es immer wieder; auf Glück folgt Leid, auf Leid folgt Glück.“
Wort für Wort
tṛṣṇārtiprabhavaṃ duḥkhaṃ
aus der Pein des Durstes (Begehrens) entstehend das Leid (Nom.)
duḥkhārtiprabhavaṃ sukham
aus der Pein des Leids entstehend das Glück (Nom.)
sukhāt saṃjāyate duḥkham
aus Glück entsteht Leid (Abl.; 3.Sg.Präs.)
evam etat punaḥ punaḥ
so ist dies immer wieder (Adv.)
sukhasyānantaraṃ duḥkhaṃ
nach dem Glück [kommt] Leid (Gen.; Adv.)
duḥkhasyānantaraṃ sukham
nach dem Leid [kommt] Glück (Gen.; Adv.)
Der Vers hat drei Halbverse; tṛṣṇārti- kann auch als „Pein des Begehrens“ gefasst werden.
„Der Körper allein ist der Sitz des Glücks, und der Sitz des Leids ist der Körper; welches Werk auch immer man mit dem Körper vollbringt, genau dessen Frucht genießt der Verkörperte. Leben und Körper werden mit der Geburt zugleich geboren; beide wachsen zusammen, beide vergehen zusammen. Von vielfältigen Fesseln der Zuneigung sind die Menschen, ihren Sinnesobjekten ergeben, erfasst, und ohne ihr Ziel erreicht zu haben, sinken sie ein wie Dämme aus Sand im Wasser. Durch Zuneigung wird alles im Kreis der Schöpfung gepresst wie Sesam, wie von Sesampressen überwältigt von Leiden, die aus Unwissenheit entstehen. Aus Rücksicht auf die Gattin häuft der Mensch unheilvolles Werk an; allein erlangt der Mensch die Leiden, dort im Jenseits wie hier. An Söhne, Frauen und Familie hängen alle Menschen, im Meer aus Kummer-Schlamm versunken wie alte Waldelefanten. Beim Verlust des Sohnes, beim Verlust des Vermögens, auch der Verwandten und Verschwägerten erlangt man sehr großes Leid, dem Waldbrand gleich, o Herr. Von der Fügung abhängig ist dies alles: Glück und Leid, Werden und Vergehen. Ohne Freund oder mit Freund, mit Feind oder mit Freunden, mit Einsicht oder ohne Einsicht – durch das Schicksal erlangt man Glück.“
Wort für Wort
śarīram evāyatanaṃ sukhasya
der Körper allein ist der Sitz des Glücks (Nom.; Gen.)
duḥkhasya cāpy āyatanaṃ śarīram
und auch des Leids Sitz ist der Körper
yad yac charīreṇa karoti karma
welches Werk auch immer er mit dem Körper tut (Instr.; 3.Sg.Präs.)
tenaiva dehī samupāśnute tat
durch eben dieses erntet der Verkörperte das (Instr.; Nom.; 3.Sg.Präs.Med.)
jīvitaṃ ca śarīraṃ ca jātyaiva saha jāyate
Leben und Körper werden mit der Geburt zugleich geboren (Nom.; Instr.; 3.Sg.Präs.Med.)
ubhe saha vivardhete ubhe saha vinaśyataḥ
beide wachsen zusammen, beide vergehen zusammen (3.Du.Präs.)
snehapāśair bahuvidhair
durch vielfältige Fesseln der Zuneigung (Instr.Pl.)
āviṣṭaviṣayā janāḥ
die Menschen, den Sinnesobjekten hingegeben (PPP; Nom.Pl.)
akṛtārthāś ca sīdante
und ohne Ziel erreicht zu haben, sinken sie (Nom.Pl.; 3.Pl.Präs.Med.)
jalaiḥ saikatasetavaḥ
wie Sanddämme durch Wasser (Instr.Pl.; Nom.Pl.)
snehena tilavat sarvaṃ
durch Zuneigung wie Sesam alles (Instr.; Adv.; Nom.)
sargacakre nipīḍyate
im Kreis der Schöpfung wird gepresst (Lok.; 3.Sg.Pass.)
tilapīḍair ivākramya
wie von Sesampressen überwältigt (Instr.Pl.; Abs.)
kleśair ajñānasaṃbhavaiḥ
durch Leiden, aus Unwissenheit entstanden (Instr.Pl.)
saṃcinoty aśubhaṃ karma
häuft unheilvolles Werk an (3.Sg.Präs.)
kalatrāpekṣayā naraḥ
aus Rücksicht auf die Gattin der Mensch (Instr.; Nom.)
ekaḥ kleśān avāpnoti
allein erlangt er die Leiden (Nom.; Akk.Pl.; 3.Sg.Präs.)
paratreha ca mānavaḥ
im Jenseits und hier der Mensch (Adv.)
putradārakuṭumbeṣu prasaktāḥ
an Söhnen, Frauen, Familie hängend (Lok.Pl.; PPP)
sarvamānavāḥ
alle Menschen (Nom.Pl.)
śokapaṅkārṇave magnā
im Meer aus Kummer-Schlamm versunken (Lok.; PPP)
jīrṇā vanagajā iva
wie alte Waldelefanten (Nom.Pl.)
putranāśe vittanāśe
beim Verlust des Sohnes, des Vermögens (Lok.)
jñātisaṃbandhinām api
auch der Verwandten und Verschwägerten (Gen.Pl.)
prāpyate sumahad duḥkhaṃ
wird erlangt sehr großes Leid (3.Sg.Pass.; Nom.)
dāvāgnipratimaṃ vibho
dem Waldbrand gleich, o Herr (Nom.; Vok.)
daivāyattam idaṃ sarvaṃ
vom Schicksal abhängig dies alles (Nom.)
sukhaduḥkhe bhavābhavau
Glück und Leid, Werden und Vergehen (Nom.Du.)
asuhṛt sasuhṛc cāpi
ohne Freund und auch mit Freund (Nom.)
saśatrur mitravān api
mit Feind und auch mit Freunden (Nom.)
saprajñaḥ prajñayā hīno
mit Einsicht [und] der Einsicht ermangelnd (Nom.; Instr.)
daivena labhate sukham
durch das Schicksal erlangt man Glück (Instr.; 3.Sg.Präs.Med.)
Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert). Lange Zusatzpassage (nur in einem Teil der Handschriften); die Bezüge in 27 vor allem im Abschnitt „sargacakre nipīḍyate“ sind teils knapp und elliptisch.
na buddhir dhanalābhāya na jāḍyam asamṛddhaye; lokaparyāyavṛttāntaṃ prājño jānāti netaraḥ
„Nicht Verstand [führt] zum Erwerb von Reichtum, nicht Trägheit zu Erfolglosigkeit; den Lauf des Wechsels in der Welt kennt der Weise, nicht der andere.“
Wort für Wort
na buddhir dhanalābhāya
nicht Verstand zum Erwerb von Reichtum (Nom.; Dat.)
na jāḍyam asamṛddhaye
nicht Stumpfheit zur Erfolglosigkeit (Nom.; Dat.)
lokaparyāyavṛttāntaṃ
den Ablauf des Wechsels der Welt (Akk.)
prājño jānāti netaraḥ
der Weise kennt [ihn], nicht der andere (Nom.; 3.Sg.Präs.)
buddhimantaṃ ca mūḍhaṃ ca śūraṃ bhīruṃ jaḍaṃ kavim; durbalaṃ balavantaṃ ca bhāginaṃ bhajate sukham
„Den Verständigen und den Toren, den Helden und den Feigen, den Stumpfen und den Weisen, den Schwachen und den Starken – wer daran Anteil hat, den sucht das Glück auf.“
Wort für Wort
buddhimantaṃ ca mūḍhaṃ ca
den Verständigen und den Toren (Akk.)
śūraṃ bhīruṃ jaḍaṃ kavim
den Helden, den Feigen, den Stumpfen, den Weisen (Akk.)
durbalaṃ balavantaṃ ca
den Schwachen und den Starken (Akk.)
bhāginaṃ bhajate sukham
den Anteilhabenden sucht auf das Glück (Akk.; 3.Sg.Präs.Med.; Nom.)
bhāgin: „der einen (vom Schicksal zugeteilten) Anteil hat“; Deutung nach dem Zusammenhang.
ye ca mūḍhatamā loke ye ca buddheḥ paraṃ gatāḥ; te narāḥ sukham edhante kliśyaty antarito janaḥ
„Die in der Welt am meisten Törichten und die, die über den Verstand hinausgelangt sind – diese Menschen gedeihen im Glück; wer dazwischen steht, plagt sich.“
Wort für Wort
ye ca mūḍhatamā loke
und die, die in der Welt sehr Törichten (Nom.Pl.; Superl.)
ye ca buddheḥ paraṃ gatāḥ
und die, die über den Verstand hinausgelangt sind (Abl.; PPP)
te narāḥ sukham edhante
diese Menschen gedeihen im Glück (Nom.; Adv.; 3.Pl.Präs.Med.)
kliśyaty antarito janaḥ
es plagt sich der Dazwischenstehende (3.Sg.Präs.; PPP Nom.)
antyeṣu remire dhīrā na te madhyeṣu remire; antyaprāptiṃ sukhām āhur duḥkham antaram antayoḥ
„An den Enden ergötzten sich die Standhaften, nicht ergötzten sie sich in der Mitte; das Erreichen des Endes nennen sie Glück, das Dazwischen der Enden Leid.“
Wort für Wort
antyeṣu remire dhīrā
an den Enden ergötzten sich die Standhaften (Lok.; 3.Pl.Perf.Med.; Nom.)
na te madhyeṣu remire
sie ergötzten sich nicht in der Mitte (Lok.)
antyaprāptiṃ sukhām āhur
das Erreichen des Endes nennen sie Glück (Akk.; 3.Pl.Perf.)
duḥkham antaram antayoḥ
Leid [ist] das Dazwischen der beiden Enden (Nom.; Gen.Du.)
sukhām ist metrisch/sprachlich unregelmäßig für sukham.
Glücklich schläft der Unverständige, seine eigenen Taten nicht bedenkend, von großer Unwissenheit wie von einer Decke umhüllt.
Wort für Wort
sukhaṃ svapiti durmedhāḥ
glücklich schläft der Unverständige (Adv.; 3.Sg.Präs.; Nom.Sg.m.)
svāni karmāṇy acintayan
seine eigenen Taten nicht bedenkend (Akk.Pl.n.; Part.Präs. „nicht denkend“)
avijñānena mahatā
durch/von großer Unwissenheit (Instr.Sg.n.)
kambaleneva saṃvṛtaḥ
wie von einer Decke umhüllt (Instr.Sg.m. + iva; Part.Perf.Pass. Nom.Sg.m.)
Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert). Der Halbvers ist unvollständig verbunden: Subjekt durmedhāḥ (Pl. oder Sg.-Kollektiv), saṃvṛtaḥ Sg.; Numerus uneinheitlich.
ye tu buddhisukhaṃ prāptā dvaṃdvātītā vimatsarāḥ; tān naivārthā na cānarthā vyathayanti kadā cana
Die aber, die das Glück der Einsicht erlangt haben, über die Gegensatzpaare hinausgelangt, ohne Missgunst, diese quälen weder Güter noch Unheil, zu keiner Zeit.
Wort für Wort
ye tu buddhisukhaṃ prāptā
die aber, die das Glück der Einsicht erlangt haben (Nom.Pl.; Akk.Sg.n. Kompositum; Part.Perf.Pass. Nom.Pl.m.)
dvaṃdvātītā vimatsarāḥ
über die Gegensatzpaare hinaus, ohne Missgunst (Nom.Pl.m.; Kompositum)
tān naivārthā na cānarthā
sie [quälen] weder Güter noch Unheil (Akk.Pl.m.; Nom.Pl.m.)
atha ye buddhim aprāptā vyatikrāntāś ca mūḍhatām; te 'tivelaṃ prahṛṣyanti saṃtāpam upayānti ca
Jene aber, die Einsicht nicht erlangt haben und über die Torheit hinausgegangen sind, jubeln übermäßig und geraten in Qual.
Wort für Wort
atha ye buddhim aprāptā
jene aber, die Einsicht nicht erlangt haben (Nom.Pl.m.; Akk.Sg.f.)
vyatikrāntāś ca mūḍhatām
und die Torheit überschritten haben [?] (Part.Perf.Pass. Nom.Pl.m.; Akk.Sg.f.)
te 'tivelaṃ prahṛṣyanti
sie jubeln über das Maß hinaus (Nom.Pl.; Adv.; 3.Pl.Präs.)
saṃtāpam upayānti ca
und gehen in Qual/Glut hinein (Akk.Sg.m.; 3.Pl.Präs.)
vyatikrāntāś ca mūḍhatām ist als Gegenstück zu buddhim aprāptā schwierig (wörtlich „die Torheit überschritten“); gemeint vermutlich die Extreme wie in 24/25.
Trägheit ist [anfangs] Glück, [doch] am Ende Leid; Tüchtigkeit ist [anfangs] Leid, [doch] mit Glück als Aufgang. Gedeihen samt Glanz wohnt im Tüchtigen, nicht im Trägen.
Wort für Wort
sukhaṃ duḥkhāntam ālasyam
Glück, dessen Ende Leid ist, [ist] Trägheit (Nom.Sg.n.; Kompositum; Nom.Sg.n.)
duḥkhaṃ dākṣyaṃ sukhodayam
Leid, dessen Aufgang Glück ist, [ist] Tüchtigkeit (Nom.Sg.n.; Nom.Sg.n.; Kompositum)
bhūtiś caiva śriyā sārdham
und Gedeihen zusammen mit Glanz (Nom.Sg.f.; Instr.Sg.f.; Adv.)
dakṣe vasati nālase
wohnt im Tüchtigen, nicht im Trägen (Lok.Sg.m.; 3.Sg.Präs.; Lok.Sg.m.)
Den Einsichtigen, den, dessen Erkenntnis geschult ist, den Lernwilligen, Nichtmissgünstigen, Gezähmten und Sinnenbezwinger, einen solchen Mann berührt der Kummer nicht.
Wort für Wort
buddhimantaṃ kṛtaprajñam
den Einsichtigen, den mit geschulter Erkenntnis (Akk.Sg.m.)
śuśrūṣum anasūyakam
den Lernwilligen, den Nichtneidischen (Akk.Sg.m.)
dāntaṃ jitendriyaṃ cāpi
den Gezähmten und auch den Sinnenbezwinger (Akk.Sg.m.)
śoko na spṛśate naram
Kummer berührt den Mann nicht (Nom.Sg.m.; 3.Sg.Präs.Med.; Akk.Sg.m.)
yac ca kāmasukhaṃ loke yac ca divyaṃ mahat sukham; tṛṣṇākṣayasukhasyaite nārhataḥ ṣoḍaśīṃ kalām
Und was es an Sinnenglück in der Welt gibt und das große himmlische Glück, diese kommen dem Glück des Versiegens des Durstes nicht auf den sechzehnten Teil.
Wort für Wort
yac ca kāmasukhaṃ loke
und was an Sinnenglück in der Welt [ist] (Nom.Sg.n.; Lok.Sg.m.)
yac ca divyaṃ mahat sukham
und was himmlisches großes Glück [ist] (Nom.Sg.n.)
tṛṣṇākṣayasukhasya
des Glücks der Durstversiegung (Gen.Sg.n.; Kompositum)
ete nārhataḥ ṣoḍaśīṃ kalām
diese beiden reichen nicht an den sechzehnten Teil (Nom.Du.n.; 3.Du.Präs.; Akk.Sg.f.)
Wer so Einsicht gewinnt, soll glücklich leben, mit Tugenden begabt; alle Begierden soll er verabscheuen, die Anhänglichkeiten hinter sich lassen. Dies ist im Herzen herangewachsen, dies ist der aus Geist gemachte Tod.
Wort für Wort
tad evaṃ buddhim āsthāya
darum, so Einsicht annehmend (Adv.; Akk.Sg.f.; Abs.)
sukhaṃ jīved guṇānvitaḥ
soll glücklich leben, tugendbegabt (Adv.; 3.Sg.Opt.; Nom.Sg.m.)
sarvān kāmāñ jugupseta
alle Begierden soll er verabscheuen (Akk.Pl.m.; 3.Sg.Opt.Desid.Med.)
saṅgān kurvīta pṛṣṭhataḥ
Anhänglichkeiten soll er hinter sich bringen (Akk.Pl.m.; 3.Sg.Opt.Med.; Adv.)
vṛtta eṣa hṛdi prauḍhaḥ
dies ist im Herzen entstanden, herangewachsen (Nom.Sg.m.; Lok.Sg.n.; Nom.Sg.m.)
mṛtyur eṣa manomayaḥ
dies ist der aus Geist bestehende Tod (Nom.Sg.m.; Nom.Sg.m.)
eṣa (Begierde/Zorn) bleibt ohne ausdrücklichen Bezugspunkt; vṛtta unsicher zwischen „vorhanden/entstanden“ und „vollzogen“.
Beides, Wahrheit und Unwahrheit, aufgebend, Kummer und Wonne, Furcht und Furchtlosigkeit, Liebes und Unliebes hinter dir lassend, wirst du friedvollen Selbstes sein.
Wort für Wort
ubhe satyānṛte tyaktvā
beides, Wahres und Unwahres, aufgebend (Akk.Du.n.; Abs.)
śokānandau bhayābhaye
Kummer und Wonne, Furcht und Furchtlosigkeit (Akk.Du.m.; Akk.Du.n.)
priyāpriye parityajya
Liebes und Unliebes verlassend (Akk.Du.n.; Abs.)
praśāntātmā bhaviṣyasi
wirst du friedvollen Selbstes sein (Nom.Sg.m.; 2.Sg.Fut.)
yā dustyajā durmatibhir yā na jīryati jīryataḥ; yo 'sau prāṇāntiko rogas tāṃ tṛṣṇāṃ tyajataḥ sukham
Die von den Schlechtdenkenden schwer aufzugebende, die nicht altert, wenn man selbst altert, die bis zum Lebensende währende Krankheit: diesen Durst aufgebend, [erlangt man] Glück.
Wort für Wort
yā dustyajā durmatibhiḥ
die schwer aufzugeben ist für Schlechtdenkende (Nom.Sg.f.; Instr.Pl.m.)
yā na jīryati jīryataḥ
die nicht altert bei dem Alternden (3.Sg.Präs.; Gen.Sg.m.)
yo 'sau prāṇāntiko rogaḥ
die als eine bis zum Lebensende [dauernde] Krankheit [gilt] (Nom.Sg.m.; Nom.Sg.m.)
tāṃ tṛṣṇāṃ tyajataḥ sukham
wer diesen Durst aufgibt, [hat] Glück (Akk.Sg.f.; Gen.Sg.m. Part.Präs.; Nom.Sg.n.)
Die Relativpronomina yā/yo folgen dem jeweiligen Prädikat, nicht dem Bezugswort tṛṣṇām; yo rogaḥ hat maskulines Genus als Prädikatsnomen.
Piṅgalā sprach: „Wahnsinnig war ich: den nicht wahnsinnigen Geliebten habe ich lange umwartet [?]; obwohl der Freudenspender nahe war, habe ich ihn früher nicht erkannt.“
Wort für Wort
piṅgalovāca
Piṅgalā sprach (3.Sg.Perf.)
unmattāham anunmattaṃ kāntam
wahnsinnig [war] ich, den nicht wahnsinnigen Geliebten (Nom.Sg.f.; Akk.Sg.m.)
anvavasaṃ ciram
habe ich lange umwohnt/umlagert (1.Sg.Impf.; Adv.)
antike ramaṇaṃ santam
obwohl er nahe war, den Freudenspender (Lok.Sg.n.; Akk.Sg.m.; Part.Präs. Akk.Sg.m.)
nainam adhyagamaṃ purā
ihn erkannte/fand ich früher nicht (Akk.Sg.m.; 1.Sg.Aor.; Adv.)
anvavasam unsicher (etwa „ich hielt mich bei ihm auf/wartete auf ihn“); antike ramaṇam wohl auf das innere Selbst als wahren Freudenspender anspielend.
ekasthūṇaṃ navadvāram apidhāsyāmy agārakam; kā hi kāntam ihāyāntam ayaṃ kānteti maṃsyate
Das Haus mit einem Pfosten und neun Türen werde ich verschließen. Welche [Frau] wird den hierher kommenden Geliebten wohl [noch] für „Geliebter“ halten? [?]
Wort für Wort
ekasthūṇaṃ navadvāram
mit einem Pfosten, mit neun Türen (Akk.Sg.n.; Kompositum)
apidhāsyāmy agārakam
werde ich verschließen, das Häuschen (1.Sg.Fut.; Akk.Sg.n.)
kā hi kāntam ihāyāntam
welche denn den hierher kommenden Geliebten (Nom.Sg.f.; Akk.Sg.m.; Part.Präs. Akk.Sg.m.)
ayaṃ kānteti maṃsyate
„dies ist ein Geliebter“ wird sie meinen (Nom.Sg.m.; kānta + iti; 3.Sg.Fut.Med.)
Das Haus mit einem Pfosten und neun Toren ist der Körper. kānteti/maṃsyate: Lesart unsicher.
Auch Unheil wird zu Nutzen, durch Fügung oder durch früher Getanes; erwacht bin ich, ohne [feste] Gestalt [?], nicht bin ich heute mit unbezwungenen Sinnen.
Wort für Wort
anartho 'pi bhavaty arthaḥ
auch Unheil wird zum Nutzen (Nom.Sg.m.; 3.Sg.Präs.; Nom.Sg.m.)
daivāt pūrvakṛtena vā
durch Fügung oder durch früher Getanes (Abl.Sg.n.; Instr.Sg.n.)
saṃbuddhāhaṃ nirākārā
ich bin völlig erwacht, formlos [?] (Part.Perf.Pass. Nom.Sg.f.; Nom.Sg.f.)
nāham adyājitendriyā
nicht bin ich heute mit unbezwungenen Sinnen (Nom.Sg.f.)
nirākārā unsicher: „ohne Gestalt“ oder „ohne Erwartung/Verlangen“.
Glücklich schläft der Hoffnungslose; Hoffnungslosigkeit ist das höchste Glück. Nachdem sie die Hoffnung zur Nicht-Hoffnung gemacht hat, schläft Piṅgalā glücklich.
Wort für Wort
sukhaṃ nirāśaḥ svapiti
glücklich schläft der Hoffnungslose (Adv.; Nom.Sg.m.; 3.Sg.Präs.)
nairāśyaṃ paramaṃ sukham
Hoffnungslosigkeit [ist] das höchste Glück (Nom.Sg.n.; Nom.Sg.n.)
āśām anāśāṃ kṛtvā hi
denn nachdem sie die Hoffnung zur Nicht-Hoffnung gemacht hat (Akk.Sg.f.; Abs.)