Quellen der Menschheit

Mahābhārata · Śāntiparva

Kapitel 105: kṣemadarśa-kālakavṛkṣīya-saṃvāda Der Weise Kālakavṛkṣīya tröstet den entthronten Königssohn Kṣemadarśa mit Lehren über Vergänglichkeit und Gleichmut

Auf Yudhiṣṭhiras Frage, wie ein rechtschaffener, um Reich und Macht gebrachter Mann leben solle, erzählt Bhīṣma das Gespräch zwischen dem Königssohn Kṣemadarśa und dem Weisen Kālakavṛkṣīya; dieser lehrt, das Vergängliche nicht zu betrauern, sich mit dem Erreichbaren zu begnügen und Neid zu meiden.

yudhiṣṭhira uvāca; dhārmiko 'rthān asaṃprāpya rājāmātyaiḥ prabādhitaḥ; cyutaḥ kośāc ca daṇḍāc ca sukham icchan kathaṃ caret

Yudhiṣṭhira sprach: „Wie soll einer leben, der rechtschaffen ist, aber Besitz nicht erlangt hat, von den Ministern des Königs bedrängt wurde, um Schatzkammer und Heeresmacht [daṇḍa] gekommen ist und dennoch Glück wünscht?“

Wort für Wort
yudhiṣṭhira uvāca
Yudhiṣṭhira sprach (3.Sg.Perf.)
dhārmiko 'rthān asaṃprāpya
der Rechtschaffene, Güter nicht erlangt habend (Nom.Sg., Abs.)
rājāmātyaiḥ prabādhitaḥ
von den Ministern des Königs bedrängt (Instr.Pl., Part.Pass.)
cyutaḥ kośāc ca daṇḍāc ca
verlustig der Schatzkammer und der Heeres-/Strafgewalt (Abl.Sg.)
sukham icchan kathaṃ caret
Glück wünschend, wie soll er leben (Part.Präs./3.Sg.Opt.)

bhīṣma uvāca; atrāyaṃ kṣemadarśīyam itihāso 'nugīyate; tat te 'haṃ saṃpravakṣyāmi tan nibodha yudhiṣṭhira

Bhīṣma sprach: „Hierzu wird diese Geschichte von Kṣemadarśa besungen; die will ich dir vortragen, höre sie, Yudhiṣṭhira.“

Wort für Wort
bhīṣma uvāca
Bhīṣma sprach (3.Sg.Perf.)
atrāyaṃ kṣemadarśīyam itihāso 'nugīyate
hierzu wird diese auf Kṣemadarśa bezogene Geschichte besungen (3.Sg.Pass.Präs.)
tat te 'haṃ saṃpravakṣyāmi
das will ich dir erzählen (1.Sg.Fut.)
tan nibodha yudhiṣṭhira
höre es, Yudhiṣṭhira (2.Sg.Imp./Vok.)

kṣemadarśaṃ nṛpasutaṃ yatra kṣīṇabalaṃ purā; muniḥ kālakavṛkṣīya ājagāmeti naḥ śrutam; taṃ papracchopasaṃgṛhya kṛcchrām āpadam āsthitaḥ

Zu Kṣemadarśa, dem Königssohn, dessen Kraft einst geschwunden war, kam, so haben wir gehört, der Weise Kālakavṛkṣīya. Ihn fragte jener, nachdem er ihm ehrfürchtig die Füße umfasst hatte, in schwere Not geraten:

Wort für Wort
kṣemadarśaṃ nṛpasutaṃ
zu Kṣemadarśa, dem Königssohn (Akk.Sg.)
yatra kṣīṇabalaṃ purā
wo/bei dem, dessen Macht einst geschwunden war (Adv./Bahuvrīhi Akk.)
muniḥ kālakavṛkṣīya ājagāma
der Weise Kālakavṛkṣīya kam (3.Sg.Perf.)
iti naḥ śrutam
so ist uns überliefert (Part.Pass.)
taṃ papracchopasaṃgṛhya
ihn fragte er, [die Füße] umfassend (3.Sg.Perf./Abs.)
kṛcchrām āpadam āsthitaḥ
in schwere Not geraten (Akk.Sg./Part.Pass.)

artheṣu bhāgī puruṣa īhamānaḥ punaḥ punaḥ; alabdhvā madvidho rājyaṃ brahman kiṃ kartum arhati

„Ein Mensch, der Anspruch auf Güter hat und sich immer wieder bemüht, das Reich aber nicht erlangt – ein solcher wie ich: was darf der tun, Brahmane?“

Wort für Wort
artheṣu bhāgī puruṣa
ein an den Gütern Anteilhabender, ein Mensch (Nom.Sg.)
īhamānaḥ punaḥ punaḥ
sich bemühend, immer wieder (Part.Präs.)
alabdhvā madvidho rājyaṃ
nicht erlangt habend, einer wie ich, das Reich (Abs./Nom./Akk.)
brahman kiṃ kartum arhati
Brahmane, was darf er tun (Vok./Inf./3.Sg.Präs.)

anyatra maraṇāt steyād anyatra parasaṃśrayāt; kṣudrād anyatra cācārāt tan mamācakṣva sattama

„Ausgenommen der Tod, ausgenommen Diebstahl, ausgenommen die Abhängigkeit von anderen, ausgenommen niedriges Verhalten – das sage mir, Bester der Guten.“

Wort für Wort
anyatra maraṇāt steyāt
ausgenommen Tod, ausgenommen Diebstahl (Abl.Sg.)
anyatra parasaṃśrayāt
ausgenommen Zuflucht bei anderen (Abl.Sg.)
kṣudrād anyatra cācārāt
ausgenommen niedriges Verhalten (Abl.Sg.)
tan mamācakṣva sattama
das sage mir, Bester (2.Sg.Imp.Med./Vok.)

vyādhinā cābhipannasya mānasenetareṇa vā; bahuśrutaḥ kṛtaprajñas tvadvidhaḥ śaraṇaṃ bhavet

„Einem, der von Krankheit befallen ist, sei sie geistig oder anderer Art, soll ein Vielgelehrter mit geschulter Einsicht wie du Zuflucht sein.“

Wort für Wort
vyādhinā cābhipannasya
von Krankheit befallen (Instr./Gen.Sg.)
mānasenetareṇa vā
durch geistige oder andere (Instr.Sg.)
bahuśrutaḥ kṛtaprajñaḥ
vielgelehrt, mit geschulter Einsicht (Nom.Sg.)
tvadvidhaḥ śaraṇaṃ bhavet
einer wie du soll Zuflucht sein (3.Sg.Opt.)

nirvidya hi naraḥ kāmān niyamya sukham edhate; tyaktvā prītiṃ ca śokaṃ ca labdhvāprītimayaṃ vasu

„Denn der Mensch gedeiht in Glück, wenn er der Begierden überdrüssig geworden ist und sich zügelt, Freude und Kummer aufgegeben und einen Reichtum erlangt hat, der nicht in Lust besteht [?].“

Wort für Wort
nirvidya hi naraḥ kāmān
denn der Mensch, der Begierden überdrüssig geworden (Abs./Nom.Sg./Akk.Pl.)
niyamya sukham edhate
sich zügelnd, gedeiht im Glück (Abs./3.Sg.Präs.Med.)
tyaktvā prītiṃ ca śokaṃ ca
Freude und Kummer aufgegeben habend (Abs./Akk.Sg.)
labdhvāprītimayaṃ vasu
erlangt habend Reichtum, der nicht aus Zuneigung besteht (Abs./Akk.Sg.)

aprītimayaṃ vasu ist schwer zu fassen; wörtlich etwa „nicht aus Zuneigung/Lust bestehender Reichtum“.

sukham arthāśrayaṃ yeṣām anuśocāmi tān aham; mama hy arthāḥ subahavo naṣṭāḥ svapna ivāgatāḥ

„Um jene trauere ich, deren Glück auf Besitz beruht; denn meine vielen Güter sind verloren, wie ein Traum sind sie gekommen [und gegangen].“

Wort für Wort
sukham arthāśrayaṃ yeṣām
deren Glück auf Besitz beruht (Nom./Gen.Pl.)
anuśocāmi tān aham
um die trauere ich (1.Sg.Präs./Akk.Pl.)
mama hy arthāḥ subahavo naṣṭāḥ
denn meine sehr vielen Güter sind verloren (Nom.Pl./Part.Pass.)
svapna ivāgatāḥ
wie ein Traum gekommen (Part.Pass.)

duṣkaraṃ bata kurvanti mahato 'rthāṃs tyajanti ye; vayaṃ tv enān parityaktum asato 'pi na śaknumaḥ

„Schwer Tun es fürwahr, die große Güter aufgeben; wir aber vermögen selbst diese nicht aufzugeben, obwohl sie [für uns] nicht [mehr] wirklich sind [?].“

Wort für Wort
duṣkaraṃ bata kurvanti
Schweres fürwahr tun sie (Akk.Sg.n./3.Pl.Präs.)
mahato 'rthāṃs tyajanti ye
die große Güter aufgeben (Akk.Pl./3.Pl.Präs.)
vayaṃ tv enān parityaktum
wir aber, diese aufzugeben (Nom.Pl./Akk.Pl./Inf.)
asato 'pi na śaknumaḥ
auch wenn sie nicht seiend sind, vermögen wir nicht (Gen./Abl.Sg./1.Pl.Präs.)

asato 'pi mehrdeutig: „obwohl unwirklich“ oder „obwohl nicht [mehr] vorhanden“.

imām avasthāṃ saṃprāptaṃ dīnam ārtaṃ śriyaś cyutam; yad anyat sukham astīha tad brahmann anuśādhi mām

„Der ich in diesen Zustand geraten bin, elend, gequält, vom Glanz [der Herrschaft] gefallen: Welches andere Glück es hier gibt, das lehre mich, Brahmane.“

Wort für Wort
imām avasthāṃ saṃprāptaṃ
der diesen Zustand erreicht hat (Akk.Sg./Part.Pass.)
dīnam ārtaṃ śriyaś cyutam
elend, gequält, von Glück/Glanz gefallen (Akk.Sg./Abl.)
yad anyat sukham astīha
welches andere Glück es hier gibt (Nom.Sg.n./3.Sg.Präs.)
tad brahmann anuśādhi mām
das, Brahmane, lehre mich (2.Sg.Imp./Vok.)

kausalyenaivam uktas tu rājaputreṇa dhīmatā; muniḥ kālakavṛkṣīyaḥ pratyuvāca mahādyutiḥ

Als der kluge Königssohn, der Kosalaner, so gesprochen hatte, erwiderte ihm der Weise Kālakavṛkṣīya, der hoch Strahlende:

Wort für Wort
kausalyenaivam uktas tu
vom Kosalaner so angesprochen (Instr.Sg./Part.Pass.)
rājaputreṇa dhīmatā
vom klugen Königssohn (Instr.Sg.)
muniḥ kālakavṛkṣīyaḥ
der Weise Kālakavṛkṣīya (Nom.Sg.)
pratyuvāca mahādyutiḥ
erwiderte der hoch Strahlende (3.Sg.Perf./Nom.Sg.)

purastād eva te buddhir iyaṃ kāryā vijānataḥ; anityaṃ sarvam evedam ahaṃ ca mama cāsti yat

„Diese Einsicht musst du als Wissender schon von Anfang an haben: Vergänglich ist dies alles, sowohl das ‚Ich‘ als auch das, was ‚mein‘ ist.“

Wort für Wort
purastād eva te buddhir iyaṃ
schon zuvor [gehört] dir diese Einsicht (Adv./Gen./Nom.Sg.)
kāryā vijānataḥ
ist zu bilden, für den Wissenden (Gerundiv/Gen.Sg.)
anityaṃ sarvam evedaṃ
vergänglich ist dies alles (Nom.Sg.n.)
ahaṃ ca mama cāsti yat
das Ich und was es als Mein gibt (Nom./Gen./3.Sg.Präs.)

yat kiṃ cin manyase 'stīti sarvaṃ nāstīti viddhi tat; evaṃ na vyathate prājñaḥ kṛcchrām apy āpadaṃ gataḥ

„Was immer du für seiend hältst, das wisse als nichtseiend. So gerät der Weise nicht ins Wanken, auch wenn er in schwere Not geraten ist.“

Wort für Wort
yat kiṃ cin manyase 'stīti
was immer du meinst: es ist (2.Sg.Präs.)
sarvaṃ nāstīti viddhi tat
alles: es ist nicht, das wisse (2.Sg.Imp.)
evaṃ na vyathate prājñaḥ
so gerät der Weise nicht ins Wanken (3.Sg.Präs.Med.)
kṛcchrām apy āpadaṃ gataḥ
auch in schwere Not gegangen (Akk.Sg./Part.Pass.)

yad dhi bhūtaṃ bhaviṣyac ca dhruvaṃ tan na bhaviṣyati; evaṃ viditavedyas tvam adharmebhyaḥ pramokṣyase

„Denn was gewesen ist und was sein wird, das wird gewiss nicht [bleibend] sein. Wenn du so das Wißbare erkannt hast, wirst du von Unrechtem befreit werden.“

Wort für Wort
yad dhi bhūtaṃ bhaviṣyac ca
denn was geworden ist und was sein wird (Part.Pass./Part.Fut.)
dhruvaṃ tan na bhaviṣyati
gewiss wird es nicht sein (Adv./3.Sg.Fut.)
evaṃ viditavedyas tvam
so das Wißbare erkannt habend, du (Bahuvrīhi/Nom.Sg.)
adharmebhyaḥ pramokṣyase
wirst du von Unrecht befreit werden (Abl.Pl./2.Sg.Fut.Pass.)

yac ca pūrve samāhāre yac ca pūrvatare pare; sarvaṃ tan nāsti tac caiva taj jñātvā ko 'nusaṃjvaret

„Was in früherer Zusammenkunft [?] war und was in noch früherer und späterer: alles das ist nicht [mehr], und eben dies: Wer sollte, es erkennend, sich [noch] grämen?“

Wort für Wort
yac ca pūrve samāhāre
und was in früherem Zusammentreffen (Lok.Sg.)
yac ca pūrvatare pare
und was in noch früherem und in späterem (Lok.Sg.)
sarvaṃ tan nāsti tac caiva
alles das ist nicht, und eben das (3.Sg.Präs.)
taj jñātvā ko 'nusaṃjvaret
das erkannt habend, wer sollte sich grämen (Abs./3.Sg.Opt.)

samāhāre ist unsicher (etwa „Zusammenkunft/Zusammenfassung“, vielleicht „Weltperiode“).

bhūtvā ca na bhavaty etad abhūtvā ca bhavaty api; śoke na hy asti sāmarthyaṃ śokaṃ kuryāt kathaṃ naraḥ

„Was geworden ist, ist [alsbald] nicht mehr, und was nicht geworden war, wird doch; im Kummer liegt keine Kraft: Wie sollte ein Mensch da Kummer hegen?“

Wort für Wort
bhūtvā ca na bhavaty etad
geworden seiend ist dies nicht mehr (Abs./3.Sg.Präs.)
abhūtvā ca bhavaty api
und nicht geworden seiend, wird es doch (Abs./3.Sg.Präs.)
śoke na hy asti sāmarthyaṃ
denn im Kummer ist keine Kraft (Lok.Sg./Nom.Sg.)
śokaṃ kuryāt kathaṃ naraḥ
wie sollte der Mensch Kummer machen (Akk.Sg./3.Sg.Opt.)

kva nu te 'dya pitā rājan kva nu te 'dya pitāmahaḥ; na tvaṃ paśyasi tān adya na tvā paśyanti te 'pi ca

„Wo ist heute dein Vater, König, wo ist heute dein Großvater? Du siehst sie heute nicht, und auch sie sehen dich nicht.“

Wort für Wort
kva nu te 'dya pitā rājan
wo ist heute dein Vater, König (Nom.Sg./Vok.)
kva nu te 'dya pitāmahaḥ
wo ist heute dein Großvater (Nom.Sg.)
na tvaṃ paśyasi tān adya
du siehst sie heute nicht (2.Sg.Präs./Akk.Pl.)
na tvā paśyanti te 'pi ca
auch sie sehen dich nicht (3.Pl.Präs.)

ātmano 'dhruvatāṃ paśyaṃs tāṃs tvaṃ kim anuśocasi; buddhyā caivānubudhyasva dhruvaṃ hi na bhaviṣyasi

„Die Unbeständigkeit deiner selbst erkennend – was betrauerst du jene? Erkenne auch mit dem Verstand: Gewiss wirst auch du nicht mehr sein.“

Wort für Wort
ātmano 'dhruvatāṃ paśyan
die Unbeständigkeit deiner selbst sehend (Akk.Sg./Part.Präs.)
tāṃs tvaṃ kim anuśocasi
warum betrauerst du sie (Akk.Pl./2.Sg.Präs.)
buddhyā caivānubudhyasva
und erkenne mit dem Verstand (Instr.Sg./2.Sg.Imp.Med.)
dhruvaṃ hi na bhaviṣyasi
denn gewiss wirst du nicht sein (Adv./2.Sg.Fut.)

ahaṃ ca tvaṃ ca nṛpate śatravaḥ suhṛdaś ca te; avaśyaṃ na bhaviṣyāmaḥ sarvaṃ ca na bhaviṣyati

„Ich und du, Herr der Menschen, und deine Feinde und Freunde: Wir werden gewiss nicht mehr sein, und alles wird nicht mehr sein.“

Wort für Wort
ahaṃ ca tvaṃ ca nṛpate
ich und du, Herr der Menschen (Nom./Vok.)
śatravaḥ suhṛdaś ca te
und deine Feinde und Freunde (Nom.Pl.)
avaśyaṃ na bhaviṣyāmaḥ
gewiss werden wir nicht sein (Adv./1.Pl.Fut.)
sarvaṃ ca na bhaviṣyati
und alles wird nicht sein (3.Sg.Fut.)

ye tu viṃśativarṣā vai triṃśadvarṣāś ca mānavāḥ; arvāg eva hi te sarve mariṣyanti śaracchatāt

„Die Menschen aber, die zwanzig oder dreißig Jahre alt sind, werden alle noch vor Ablauf von hundert Herbsten [Jahren] sterben.“

Wort für Wort
ye tu viṃśativarṣā vai
die aber zwanzig Jahre [alt] sind (Nom.Pl.)
triṃśadvarṣāś ca mānavāḥ
und dreißig Jahre [alt], Menschen (Nom.Pl.)
arvāg eva hi te sarve
noch vor [Ablauf] eben, diese alle (Adv./Nom.Pl.)
mariṣyanti śaracchatāt
werden sterben vor hundert Herbsten (3.Pl.Fut./Abl.Sg.)

api cen mahato vittād vipramucyeta pūruṣaḥ; naitan mameti tan matvā kurvīta priyam ātmanaḥ

„Selbst wenn ein Mann von großem Besitz befreit würde, soll er, ‚dies ist nicht mein‘ denkend, tun, was ihm selbst lieb ist.“

Wort für Wort
api cen mahato vittād
auch wenn von großem Besitz (Abl.Sg.)
vipramucyeta pūruṣaḥ
ein Mann gelöst/befreit würde (3.Sg.Opt.Pass.)
naitan mameti tan matvā
„dies ist nicht mein“, das gedacht habend (Abs.)
kurvīta priyam ātmanaḥ
soll tun, was ihm selbst lieb ist (3.Sg.Opt.Med.)

anāgataṃ yan na mameti vidyād; atikrāntaṃ yan na mameti vidyāt; diṣṭaṃ balīya iti manyamānās; te paṇḍitās tat satāṃ sthānam āhuḥ

„Wer weiß: ‚Das Künftige ist nicht mein‘, wer weiß: ‚Das Vergangene ist nicht mein‘, und das Schicksal für stärker hält – diese Weisen, sagt man, nennen das den Standort der Guten.“

Wort für Wort
anāgataṃ yan na mameti vidyād
das Künftige, von dem man weiß: nicht mein (Akk.Sg./3.Sg.Opt.)
atikrāntaṃ yan na mameti vidyāt
das Vergangene, von dem man weiß: nicht mein (Part.Pass.)
diṣṭaṃ balīya iti manyamānāḥ
das Schicksal für stärker haltend (Akk.Sg./Komp./Part.Präs.Med.)
te paṇḍitās tat satāṃ sthānam āhuḥ
diese Weisen nennen das den Ort der Guten (3.Pl.Perf.)

Konstruktion des zweiten Halbverses etwas locker; „tat satāṃ sthānam“ als Prädikat zu „āhuḥ“ gefasst.

anāḍhyāś cāpi jīvanti rājyaṃ cāpy anuśāsate; buddhipauruṣasaṃpannās tvayā tulyādhikā janāḥ

„Auch Unbegüterte leben und regieren sogar ein Reich: mit Verstand und Manneskraft begabte Menschen, dir gleich oder überlegen.“

Wort für Wort
anāḍhyāś cāpi jīvanti
auch Unbegüterte leben (Nom.Pl./3.Pl.Präs.)
rājyaṃ cāpy anuśāsate
und beherrschen sogar ein Reich (Akk.Sg./3.Pl.Präs.Med.)
buddhipauruṣasaṃpannāḥ
mit Verstand und Manneskraft begabt (Nom.Pl.)
tvayā tulyādhikā janāḥ
Leute, dir gleich oder überlegen (Instr.Sg./Nom.Pl.)

na ca tvam iva śocanti tasmāt tvam api mā śucaḥ; kiṃ nu tvaṃ tair na vai śreyāṃs tulyo vā buddhipauruṣaiḥ

„Und sie grämen sich nicht wie du; darum gräme auch du dich nicht. Bist du etwa nicht besser als jene oder ihnen gleich an Verstand und Manneskraft?“

Wort für Wort
na ca tvam iva śocanti
und sie grämen sich nicht wie du (3.Pl.Präs.)
tasmāt tvam api mā śucaḥ
darum auch du, grame dich nicht (Prohib./2.Sg.Aor.)
kiṃ nu tvaṃ tair na vai śreyān
bist du etwa nicht besser als jene (Instr.Pl./Nom.Sg.Komp.)
tulyo vā buddhipauruṣaiḥ
oder gleich an Verstand und Manneskraft (Nom.Sg./Instr.Pl.)

rājaputra uvāca; yādṛcchikaṃ mamāsīt tad rājyam ity eva cintaye; hriyate sarvam evedaṃ kālena mahatā dvija

Der Königssohn sprach: „Zufällig fiel mir jenes Reich zu, so denke ich nur; hinweggerissen wird dies alles von der großen Zeit, Zweimalgeborener.“

Wort für Wort
rājaputra uvāca
der Königssohn sprach (3.Sg.Perf.)
yādṛcchikaṃ mamāsīt tad rājyam
zufällig war mir jenes Reich (Nom.Sg.n./3.Sg.Impf.)
ity eva cintaye
so eben denke ich (1.Sg.Präs.)
hriyate sarvam evedaṃ
fortgerissen wird dies alles (3.Sg.Pass.)
kālena mahatā dvija
von der großen Zeit, Zweimalgeborener (Instr.Sg./Vok.)

tasyaivaṃ hriyamāṇasya srotaseva tapodhana; phalam etat prapaśyāmi yathālabdhena vartaye

„Wie [von einem] Strom werde ich so dahingerissen, Askesereicher; als Frucht [der Einsicht] sehe ich dies: Ich lebe von dem, was sich gerade fügt.“

Wort für Wort
tasyaivaṃ hriyamāṇasya
von mir, so fortgerissen (Gen.Sg./Part.Pass.)
srotaseva tapodhana
wie von einem Strom, Reicher an Askese (Instr.Sg./Vok.)
phalam etat prapaśyāmi
als Frucht sehe ich dies (Akk.Sg./1.Sg.Präs.)
yathālabdhena vartaye
ich lebe vom jeweils Erlangten (Instr.Sg./1.Sg.Präs.)

munir uvāca; anāgatam atītaṃ ca yathā tathyaviniścayāt; nānuśocasi kausalya sarvārtheṣu tathā bhava

Der Weise sprach: „Wie du Künftiges und Vergangenes aus der Gewissheit über das Wirkliche nicht betrauerst, Kausalya, so sei es auch in allen Belangen.“

Wort für Wort
munir uvāca
der Weise sprach (3.Sg.Perf.)
anāgatam atītaṃ ca
Künftiges und Vergangenes (Akk.Sg.)
yathā tathyaviniścayāt
wie aus Gewissheit über das Wirkliche (Abl.Sg.)
nānuśocasi kausalya
betrauerst du nicht, Kosalaner (2.Sg.Präs./Vok.)
sarvārtheṣu tathā bhava
in allen Angelegenheiten sei ebenso (Lok.Pl./2.Sg.Imp.)

avāpyān kāmayasvārthān nānavāpyān kadā cana; pratyutpannān anubhavan mā śucas tvam anāgatān

„Begehre erreichbare Ziele, niemals unerreichbare; das Gegenwärtige genießend, grame dich nicht um Künftiges.“

Wort für Wort
avāpyān kāmayasvārthān
erreichbare Ziele begehre (Akk.Pl./2.Sg.Imp.Med.)
nānavāpyān kadā cana
nicht unerreichbare, niemals (Akk.Pl.)
pratyutpannān anubhavan
Gegenwärtiges genießend (Akk.Pl./Part.Präs.)
mā śucas tvam anāgatān
grame dich nicht um Künftiges (Prohib./Akk.Pl.)

yathā labdhopapannārthas tathā kausalya raṃsyase; kaccic chuddhasvabhāvena śriyā hīno na śocasi

„Wie einer, dem das Erlangte zuteilgeworden ist, wirst du dich, Kausalya, [daran] erfreuen. Hoffentlich grämst du dich nicht, des Glanzes beraubt, aus [deiner] reinen Wesensart [?].“

Wort für Wort
yathā labdhopapannārthas
wie einer, dem Erlangtes zuteil geworden (Nom.Sg.)
tathā kausalya raṃsyase
so wirst du dich erfreuen, Kosalaner (2.Sg.Fut.Med./Vok.)
kaccic chuddhasvabhāvena
hoffentlich, aus reiner Wesensart (Partikel/Instr.Sg.)
śriyā hīno na śocasi
des Glanzes beraubt, grämst du dich nicht (Instr.Sg./Nom.Sg./2.Sg.Präs.)

Der zweite Halbvers ist syntaktisch knapp; die Wiedergabe von „śuddhasvabhāvena“ ist unsicher.

purastād bhūtapūrvatvād dhīnabhāgyo hi durmatiḥ; dhātāraṃ garhate nityaṃ labdhārthāṃś ca na mṛṣyate

Weil es ihm früher [anders] ergangen war, schilt der schlecht Gesinnte, dem das Glück fehlt, beständig den Schöpfer und erträgt die nicht, die Besitz erlangt haben.

Wort für Wort
purastād bhūtapūrvatvāt
wegen des Früher-so-gewesen-Seins (Abl. Sg. n., Abstraktum)
hīnabhāgyaḥ hi durmatiḥ
der vom Los Verlassene, der Schlechtgesinnte (Nom. Sg. m.; Bahuvrīhi)
dhātāraṃ garhate nityaṃ
den Schöpfer schilt er beständig (Akk. Sg.; 3.Sg.Präs. Med.)
labdhārthān ca na mṛṣyate
und die, die Besitz erlangt haben, erträgt er nicht (Akk. Pl.; 3.Sg.Präs. Med.)

purastād bhūtapūrvatvāt: Bezug unsicher (früherer Zustand des Betreffenden).

anarhān api caivānyān manyate śrīmato janān; etasmāt kāraṇād etad duḥkhaṃ bhūyo 'nuvartate

Auch andere begüterte Leute hält er für unwürdig; aus diesem Grund hält dieses Leid noch stärker an.

Wort für Wort
anarhān api ca anyān
auch unwürdige andere (Akk. Pl. m.)
manyate śrīmataḥ janān
hält er für begütert die Leute (3.Sg.Präs. Med.; Akk. Pl.)
etasmāt kāraṇāt
aus diesem Grund (Abl. Sg.)
etad duḥkhaṃ bhūyaḥ anuvartate
dieses Leid dauert stärker fort (Nom. Sg. n.; 3.Sg.Präs.)

īrṣyāticchedasaṃpannā rājan puruṣamāninaḥ; kaccit tvaṃ na tathā prājña matsarī kosalādhipa

Menschen, die mit Neid und Übertreibung [?] ausgestattet sind, o König, halten sich für [wahre] Männer. Bist du, Weiser, Herr der Kosaler, hoffentlich nicht ebenso missgünstig?

Wort für Wort
īrṣyāticchedasaṃpannāḥ
mit Neid und Übermaß/Abschneiden [?] begabt (Nom. Pl. m.; Kompositum)
rājan puruṣamāninaḥ
o König, sich für Männer haltend (Vok.; Nom. Pl. m.)
kaccit tvaṃ na tathā prājña
hoffentlich bist du nicht so, Weiser (Fragepartikel; Vok.)
matsarī kosalādhipa
missgünstig, Herr der Kosaler (Nom. Sg. m.; Vok.)

īrṣyāticchedasaṃpannāḥ: Kompositum unklar, Lesart unsicher.

sahasva śriyam anyeṣāṃ yady api tvayi nāsti sā; anyatrāpi satīṃ lakṣmīṃ kuśalā bhuñjate janāḥ; abhiviṣyandate śrīr hi saty api dviṣato janāt

Ertrage das Glück anderer, auch wenn du selbst es nicht hast. Auch das anderswo vorhandene Glück genießen kundige Leute; denn Glück strömt [zu anderen] über, selbst von einem feindlichen Menschen her, der es besitzt [?].

Wort für Wort
sahasva śriyam anyeṣām
ertrage das Glück der anderen (Imp. 2.Sg.; Akk. Sg.; Gen. Pl.)
yady api tvayi na asti sā
auch wenn bei dir sie nicht ist (Lok. Sg.; 3.Sg.Präs.)
anyatra api satīṃ lakṣmīm
das auch anderswo vorhandene Glück (Akk. Sg. f.)
kuśalāḥ bhuñjate janāḥ
kundige Leute genießen (Nom. Pl.; 3.Pl.Präs. Med.)
abhiviṣyandate śrīḥ hi
denn das Glück strömt über (3.Sg.Präs. Med.)
sati api dviṣataḥ janāt
selbst wenn vorhanden, vom feindlichen Menschen her (Lok. abs.; Abl. Sg.)

Letzter Pāda syntaktisch unsicher.

śriyaṃ ca putrapautraṃ ca manuṣyā dharmacāriṇaḥ; tyāgadharmavido vīrāḥ svayam eva tyajanty uta

Glück, Söhne und Enkel geben tugendhaft wandelnde Menschen, die den Dharma des Verzichts kennen, die Helden, ja von selbst auf.

Wort für Wort
śriyaṃ ca putrapautraṃ ca
das Glück und Söhne und Enkel (Akk.)
manuṣyāḥ dharmacāriṇaḥ
Menschen, die den Dharma üben (Nom. Pl.)
tyāgadharmavidaḥ vīrāḥ
die den Dharma des Verzichts kennen, Helden (Nom. Pl.)
svayam eva tyajanti uta
von selbst geben sie auf, fürwahr (3.Pl.Präs.)

tyaktaṃ svāyaṃbhuve vaṃśe śubhena bharatena ca; nānāratnasamākīrṇaṃ rājyaṃ sphītam iti śrutiḥ; tathānyair bhūmipālaiś ca tyaktaṃ rājyaṃ mahodayam; tyaktvā rājyāni te sarve vane vanyaphalāśinaḥ; gatāś ca tapasaḥ pāraṃ duḥkhasyāntaṃ ca bhūmipāḥ

Verlassen wurde [es] in der Svāyaṃbhuva-Linie und vom glücklichen Bharata: das mit mannigfachen Juwelen übersäte, blühende Königreich, so die Überlieferung. Ebenso wurde von anderen Erdherrschern das Königreich von großem Aufstieg verlassen. Nachdem sie alle die Königreiche verlassen hatten, [lebten] sie im Wald von wilden Früchten essend und gingen, die Erdherrscher, ans andere Ufer der Askese, zum Ende des Leidens.

Wort für Wort
tyaktaṃ svāyaṃbhuve vaṃśe
verlassen in der Svāyaṃbhuva-Linie (Part.Pass.; Lok.)
śubhena bharatena ca
und vom glückverheißenden Bharata (Instr.)
nānāratnasamākīrṇaṃ rājyaṃ sphītam iti śrutiḥ
das mit mannigfachen Juwelen übersäte, blühende Reich, so die Überlieferung (Nom./Akk. Sg. n.; Nom. f.)
tathā anyaiḥ bhūmipālaiḥ ca tyaktaṃ rājyaṃ mahodayam
ebenso von anderen Erdherrschern das Reich von großem Aufstieg verlassen (Instr. Pl.)
tyaktvā rājyāni te sarve vane vanyaphalāśinaḥ
nach Verlassen der Reiche alle jene im Wald, von wilden Früchten essend (Abs.; Nom. Pl.)
gatāḥ ca tapasaḥ pāram duḥkhasya antam ca bhūmipāḥ
und gingen zum jenseitigen Ufer der Askese, zum Ende des Leidens, die Erdherrscher (Part.Pass. Nom. Pl.; Gen.)

Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert). Zusatzpassage; Konstruktion des Satzes im dritten Pāda etwas locker, Prädikat ergänzt.

bahu saṃkasukaṃ dṛṣṭvā vivitsāsādhanena ca; tathānye saṃtyajanty enaṃ matvā paramadurlabham

Da sie [es] als sehr brüchig sehen und [als] durch das Streben nach Erlangen [erworben] [?], geben andere dies auf, indem sie es für höchst schwer erreichbar halten [?].

Wort für Wort
bahu saṃkasukaṃ dṛṣṭvā
sehr brüchig sehend (Abs.)
vivitsāsādhanena ca
und durch das Mittel des Erlangenwollens [?] (Instr. Sg. n.)
tathā anye saṃtyajanti enam
so geben andere dies auf (3.Pl.Präs.; Akk. Sg.)
matvā paramadurlabham
für höchst schwer erreichbar haltend (Abs.; Akk. Sg. n.)

Bezug von enam und Sinn von vivitsāsādhanena unsicher.

tvaṃ punaḥ prājñarūpaḥ san kṛpaṇaṃ paritapyase; akāmyān kāmayāno 'rthān parācīnān upadrutān

Du aber, obwohl von weiser Gestalt, quälst dich elend, indem du Dinge begehrst, die nicht begehrenswert sind, sich abgewandt haben und bedrängt sind.

Wort für Wort
tvaṃ punaḥ prājñarūpaḥ san
du aber, weise erscheinend seiend (Nom.; Part.Präs.)
kṛpaṇaṃ paritapyase
elend quälst du dich (Adv.; 2.Sg.Präs. Med.)
akāmyān kāmayānaḥ arthān
Nichtbegehrenswertes begehrend, Dinge (Akk. Pl.; Part.Präs. Med.)
parācīnān upadrutān
abgewandte, bedrängte (Akk. Pl. m.)

tāṃ buddhim upajijñāsus tvam evainān parityaja; anarthāṃś cārtharūpeṇa arthāṃś cānartharūpataḥ

Wenn du jene Einsicht erkunden willst, so gib du selbst diese [Dinge] auf: die Unheile in Gestalt von Nutzen und die Nutzen in Gestalt von Unheil.

Wort für Wort
tāṃ buddhim upajijñāsuḥ
jene Einsicht zu erkunden wünschend (Akk. Sg. f.; Nom. Sg. m.)
tvam eva enān parityaja
du selbst gib diese auf (Imp. 2.Sg.)
anarthān ca artharūpeṇa
die Unheile in Gestalt von Nutzen (Akk. Pl.; Instr. Sg.)
arthān ca anartharūpataḥ
und die Nutzen in Gestalt von Unheil (Akk. Pl.; Abl.-Adv.)

arthāyaiva hi keṣāṃ cid dhananāśo bhavaty uta; anantyaṃ taṃ sukhaṃ matvā śriyam anyaḥ parīkṣate

Manchen kommt der Vermögensverlust gerade um des Nutzens willen; ein anderer, jenes Glück für unvergänglich haltend, erprobt das Glück.

Wort für Wort
arthāya eva hi keṣāṃ cit
gerade um des Nutzens willen bei manchen (Dat. Sg.; Gen. Pl.)
dhananāśaḥ bhavati uta
der Verlust des Vermögens tritt ein, ja (Nom. Sg.; 3.Sg.Präs.)
anantyaṃ taṃ sukhaṃ matvā
jenes Glück für unvergänglich haltend (Akk. Sg. n.; Abs.)
śriyam anyaḥ parīkṣate
das Glück ein anderer prüft (Akk. Sg.; 3.Sg.Präs. Med.)

anantyam: Bedeutung ‚unvergänglich' erschlossen; parīkṣate evtl. auch ‚strebt an'.

ramamāṇaḥ śriyā kaś cin nānyac chreyo 'bhimanyate; tathā tasyehamānasya samārambho vinaśyati

Mancher, der am Glück Freude hat, hält nichts anderes für besser; und so geht das Unternehmen dieses Strebenden zugrunde.

Wort für Wort
ramamāṇaḥ śriyā kaḥ cit
sich am Glück erfreuend, mancher (Part.Präs. Med.; Instr.)
na anyat śreyaḥ abhimanyate
nichts anderes hält er für besser (Akk. Sg. n.; 3.Sg.Präs. Med.)
tathā tasya īhamānasya
so bei diesem Strebenden (Gen. Sg.; Part.Präs. Med.)
samārambhaḥ vinaśyati
das Unternehmen geht zugrunde (Nom. Sg.; 3.Sg.Präs.)

kṛcchrāl labdham abhipretaṃ yadā kausalya naśyati; tadā nirvidyate so 'rthāt paribhagnakramo naraḥ

Wenn das mit Mühe Erlangte, Ersehnte verloren geht, o Kausalya, dann wird dieser Mensch, dessen Vorgehen zerbrochen ist, des Besitzes überdrüssig.

Wort für Wort
kṛcchrāt labdham abhipretam
mühevoll erlangt, ersehnt (Abl.-Adv.; Part.Pass. Nom. Sg. n.)
yadā kausalya naśyati
wenn, o Kausalya, es verloren geht (Vok.; 3.Sg.Präs.)
tadā nirvidyate saḥ arthāt
dann wird er überdrüssig des Besitzes (3.Sg.Präs. Med.; Abl.)
paribhagnakramaḥ naraḥ
der Mensch mit zerbrochenem Vorgehen (Nom. Sg. m.)

anityāṃ tāṃ śriyaṃ matvā śriyaṃ vā kaḥ parīpsati

Wer, wenn er jenes Glück für vergänglich hält, [wird dann noch] nach Glück streben?

Wort für Wort
anityāṃ tāṃ śriyaṃ matvā
jenes Glück für vergänglich haltend (Akk. Sg. f.; Abs.)
śriyaṃ vā kaḥ parīpsati
oder das Glück, wer erstrebt es (Akk.; 3.Sg.Präs.)

Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert). Zusatzvers, Sinn knapp; Ergänzung [wird dann noch] sinngemäß.

dharmam eke 'bhipadyante kalyāṇābhijanā narāḥ; paratra sukham icchanto nirvidyeyuś ca laukikāt

Manche gehen zum Dharma über, Menschen von edler Herkunft, die jenseits Glück wünschen, und sie würden sich vom Weltlichen abwenden.

Wort für Wort
dharmam eke abhipadyante
den Dharma manche wenden sich zu (Akk.; 3.Pl.Präs. Med.)
kalyāṇābhijanāḥ narāḥ
Menschen edler Herkunft (Nom. Pl.)
paratra sukham icchantaḥ
im Jenseits Glück wünschend (Adv.; Part.Präs.)
nirvidyeyuḥ ca laukikāt
und sie würden überdrüssig des Weltlichen (3.Pl.Opt.; Abl.)

jīvitaṃ saṃtyajanty eke dhanalobhaparā narāḥ; na jīvitārthaṃ manyante puruṣā hi dhanād ṛte

Manche geben das Leben hin, Menschen, die dem Reichtumsgier ergeben sind; denn ohne Reichtum halten die Menschen ihr Leben nicht für lebenswert.

Wort für Wort
jīvitaṃ saṃtyajanti eke
das Leben geben manche hin (Akk.; 3.Pl.Präs.)
dhanalobhaparāḥ narāḥ
der Geldgier ergebene Menschen (Nom. Pl.)
na jīvitārthaṃ manyante
sie halten es nicht für des Lebens wert/Zweck (3.Pl.Präs. Med.)
puruṣāḥ hi dhanāt ṛte
die Menschen nämlich ohne Reichtum (Nom. Pl.; Abl. mit ṛte)

paśya teṣāṃ kṛpaṇatāṃ paśya teṣām abuddhitām; adhruve jīvite mohād arthatṛṣṇām upāśritāḥ

Sieh ihre Erbärmlichkeit, sieh ihre Unverständigkeit: Im unbeständigen Leben haben sie sich aus Verblendung dem Reichtumsdurst zugewandt.

Wort für Wort
paśya teṣāṃ kṛpaṇatām
sieh ihre Erbärmlichkeit (Imp.; Gen. Pl.; Akk. Sg.)
paśya teṣām abuddhitām
sieh ihre Unverständigkeit (Akk. Sg.)
adhruve jīvite mohāt
im unbeständigen Leben aus Verblendung (Lok.; Abl.)
arthatṛṣṇām upāśritāḥ
zum Reichtumsdurst Zuflucht genommen habend (Akk.; Part.Pass. Nom. Pl.)

saṃcaye ca vināśānte maraṇānte ca jīvite; saṃyoge viprayogānte ko nu vipraṇayen manaḥ

Wo das Ansammeln im Untergang endet, das Leben im Tod, die Vereinigung in Trennung: wer sollte da seinen Sinn darauf richten [?]?

Wort für Wort
saṃcaye ca vināśānte
beim Ansammeln, das im Untergang endet (Lok.; Bahuvrīhi)
maraṇānte ca jīvite
und beim Leben, das im Tod endet (Lok.)
saṃyoge viprayogānte
bei der Vereinigung, die in Trennung endet (Lok.)
kaḥ nu vipraṇayet manaḥ
wer sollte den Sinn [darauf] lenken (3.Sg.Opt.; Akk. Sg. n.)

vipraṇayet: Bedeutung unsicher (ablenken/verfallen lassen).

dhanaṃ vā puruṣaṃ rājan puruṣo vā punar dhanam; avaśyaṃ prajahāty etat tad vidvān ko 'nusaṃjvaret

Reichtum verlässt den Menschen, o König, oder der Mensch den Reichtum, unweigerlich. Wer, der das weiß, als Wissender, sollte sich [darüber] grämen?

Wort für Wort
dhanaṃ vā puruṣaṃ rājan
den Reichtum oder den Menschen, o König (Akk.; Vok.)
puruṣaḥ vā punaḥ dhanam
oder der Mensch wiederum den Reichtum (Nom.; Akk.)
avaśyaṃ prajahāti etat
unweigerlich verlässt dies (Adv.; 3.Sg.Präs.)
tat vidvān kaḥ anusaṃjvaret
das wissend, wer sollte nachtrauern (Nom. Sg. m.; 3.Sg.Opt.)

anyatropanatā hy āpat puruṣaṃ toṣayaty uta; tena śāntiṃ na labhate nāham eveti kāraṇāt

Denn ein anderswo eingetretenes Unglück stellt den Menschen zufrieden; Ruhe erlangt er dadurch [aber] nicht, aus dem Grund [des Gedankens] ‚nicht ich allein‘ [?].

Wort für Wort
anyatra upanatā hi āpat
denn ein anderswo eingetretenes Unglück (Part.Pass. Nom. Sg. f.)
puruṣaṃ toṣayati uta
den Menschen stellt es zufrieden, ja (Akk.; 3.Sg.Kaus.)
tena śāntiṃ na labhate
dadurch Ruhe erlangt er nicht (Instr.; Akk.; 3.Sg.Präs. Med.)
na aham eva iti kāraṇāt
‚nicht ich allein‘, aus diesem Grund (Abl.)

Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert). Zusatzvers, Sinn unsicher; Zusammenhang von na labhate und nāham eveti unklar.

anyeṣām api naśyanti suhṛdaś ca dhanāni ca; paśya buddhyā manuṣyāṇāṃ rājann āpadam ātmanaḥ; niyaccha yaccha saṃyaccha indriyāṇi mano giram

Auch anderen schwinden Freunde und Reichtümer. Sieh mit Einsicht das Unglück der Menschen und deiner selbst, o König. Zügle, halte im Zaum, bändige die Sinne, den Geist, die Rede.

Wort für Wort
anyeṣām api naśyanti
auch bei anderen gehen zugrunde (Gen. Pl.; 3.Pl.Präs.)
suhṛdaḥ ca dhanāni ca
Freunde und Reichtümer (Nom. Pl.)
paśya buddhyā manuṣyāṇām
sieh mit Einsicht der Menschen (Imp.; Instr.; Gen. Pl.)
rājan āpadam ātmanaḥ
o König, das Unglück deiner selbst (Vok.; Akk.; Gen.)
niyaccha yaccha saṃyaccha
zügle, halte, bändige (Imp. 2.Sg.)
indriyāṇi manaḥ giram
die Sinne, den Geist, die Rede (Akk.)

pratiṣiddhān avāpyeṣu durlabheṣv ahiteṣu ca; pratikṛṣṭeṣu bhāveṣu vyatikṛṣṭeṣv asaṃbhave; prajñānatṛpto vikrāntas tvadvidho nānuśocati

Über das Verwehrte, das nicht zu Erlangende, schwer Erreichbare, Schädliche, Zurückgedrängte, weit Abgedrängte, Unmögliche trauert ein durch Erkenntnis gesättigter, tatkräftiger Mann wie du nicht.

Wort für Wort
pratiṣiddhān avāpyeṣu
bei Verwehrtem, nicht zu Erlangendem (Akk. Pl. [?]; Lok. Pl.)
durlabheṣu ahiteṣu ca
bei schwer Erreichbarem und Schädlichem (Lok. Pl.)
pratikṛṣṭeṣu bhāveṣu
bei zurückgedrängten Dingen (Lok. Pl.)
vyatikṛṣṭeṣu asaṃbhave
bei weit Abgedrängtem, im Unmöglichen (Lok.)
prajñānatṛptaḥ vikrāntaḥ
durch Erkenntnis gesättigt, tatkräftig (Nom. Sg. m.)
tvadvidhaḥ na anuśocati
ein Mann wie du trauert nicht (Nom.; 3.Sg.Präs.)

pratiṣiddhān: Form im Kontext unsicher (Akk. neben Lokativen).

alpam icchann acapalo mṛdur dāntaḥ susaṃśitaḥ; brahmacaryopapannaś ca tvadvidho naiva muhyati

Wer wenig wünscht, gelassen, mild, gezähmt, fest im Gelübde und dem Brahmacarya ergeben ist, ein Mann wie du wird nie verwirrt.

Wort für Wort
alpam icchan acapalaḥ
wenig wünschend, gelassen (Part.Präs.; Nom. Sg. m.)
mṛduḥ dāntaḥ susaṃśitaḥ
mild, gezähmt, fest im Gelübde (Nom. Sg. m.)
brahmacaryopapannaḥ ca
und mit Brahmacarya begabt (Nom. Sg. m.)
tvadvidhaḥ na eva muhyati
ein Mann wie du wird keinesfalls verwirrt (3.Sg.Präs.)

na tv eva jālmīṃ kāpālīṃ vṛttim eṣitum arhasi; nṛśaṃsavṛttiṃ pāpiṣṭhāṃ duḥkhāṃ kāpuruṣocitām

Nie aber solltest du ein betrügerisches [?] Bettelschalen-Leben anstreben, eine grausame, sehr üble, leidvolle, für Erbärmliche geziemende Lebensweise.

Wort für Wort
na tu eva
keinesfalls aber (Partikeln)
jālmīṃ kāpālīṃ vṛttim
niederträchtige, bettlerhafte Lebensweise [?] (Akk. Sg. f.)
eṣitum arhasi
zu erstreben sollst du (Inf.; 2.Sg.Präs.)
nṛśaṃsavṛttiṃ pāpiṣṭhām
grausam im Wandel, sehr übel (Akk. Sg. f.)
duḥkhāṃ kāpuruṣocitām
leidvoll, für Erbärmliche geziemend (Akk. Sg. f.)

kāpālīṃ vṛttim: ‚Bettelschalen-Lebensunterhalt' sinngemäß, unsicher.

api mūlaphalājīvo ramasvaiko mahāvane; vāgyataḥ saṃgṛhītātmā sarvabhūtadayānvitaḥ

Selbst wenn du von Wurzeln und Früchten lebst, freue dich allein im großen Wald, die Rede zügelnd, selbstbeherrscht, mit Mitgefühl für alle Wesen begabt.

Wort für Wort
api mūlaphalājīvaḥ
selbst von Wurzeln und Früchten lebend (Nom. Sg. m.)
ramasva ekaḥ mahāvane
freue dich allein im großen Wald (Imp. Med.; Lok.)
vāgyataḥ saṃgṛhītātmā
die Rede gezügelt, selbstbeherrscht (Nom. Sg. m.)
sarvabhūtadayānvitaḥ
mit Mitgefühl für alle Wesen begabt (Nom. Sg. m.)

sadṛśaṃ paṇḍitasyaitad īṣādantena dantinā; yad eko ramate 'raṇye yac cāpy alpena tuṣyati

Angemessen ist dies für einen Gelehrten, [wie] für den Elefanten mit pflugdeichselartigen Stoßzähnen: dass er allein im Wald sich freut und mit wenigem zufrieden ist.

Wort für Wort
sadṛśaṃ paṇḍitasya etat
angemessen für einen Gelehrten ist dies (Nom. Sg. n.; Gen.)
īṣādantena dantinā
wie für den Elefanten mit pflugdeichselartigen Stoßzähnen (Instr. Sg.)
yad ekaḥ ramate araṇye
dass einer allein sich freut im Wald (3.Sg.Präs. Med.; Lok.)
yat ca api alpena tuṣyati
und dass er auch mit wenig zufrieden ist (Instr.; 3.Sg.Präs.)

Instrumental dantinā im Sinne eines Vergleichs (‚wie beim Elefanten') aufgefasst.

mahāhradaḥ saṃkṣubhita ātmanaiva prasīdati

Ein großer See, aufgewühlt, wird von selbst wieder klar.

Wort für Wort
mahāhradaḥ
ein großer See (Nom. Sg. m.)
saṃkṣubhitaḥ
aufgewühlt (Part.Pass. Nom.)
ātmanā eva
allein durch sich selbst (Instr.)
prasīdati
wird klar (3.Sg.Präs.)

itthaṃ naro 'py ātmanaiva kṛtaprajñaḥ prasīdati

So wird auch der Mensch, der Einsicht gewonnen hat, von selbst heiter.

Wort für Wort
ittham naraḥ api
so auch der Mensch (Adv.; Nom.)
ātmanā eva
allein durch sich selbst (Instr.)
kṛtaprajñaḥ
der Einsicht Erlangt-habende (Nom. Sg. m.)
prasīdati
wird heiter/klar (3.Sg.Präs.)

Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert).

etad evaṃgatasyāhaṃ sukhaṃ paśyāmi kevalam

Nur für einen, der so beschaffen ist, sehe ich Glück.

Wort für Wort
etat evaṃgatasya
für einen so Beschaffenen (Gen. Sg. m.)
aham sukham paśyāmi
ich sehe Glück (1.Sg.Präs.; Akk.)
kevalam
allein (Adv.)

asaṃbhave śriyo rājan hīnasya sacivādibhiḥ; daive pratiniviṣṭe ca kiṃ śreyo manyate bhavān

Wenn Glück unmöglich ist, o König, du der Minister und der übrigen beraubt bist und das Schicksal sich festgesetzt hat: was hältst du, Herr, für besser?

Wort für Wort
asaṃbhave śriyaḥ rājan
bei Unmöglichkeit des Glücks, o König (Lok.; Gen.; Vok.)
hīnasya sacivādibhiḥ
des von Ministern usw. Beraubten (Gen. Sg.; Instr. Pl.)
daive pratiniviṣṭe ca
und wenn das Schicksal sich festgesetzt hat (Lok. abs.)
kiṃ śreyaḥ manyate bhavān
was hältst du für besser, Herr (Akk.; 2.Sg. höflich)

Dieses Kapitel in der Leseansicht