Kapitel 82: jñātisaṃgharakṣopadeśaḥ
Nārada lehrt Kṛṣṇa, den Streit unter den Verwandten mit der „nicht eisernen Waffe“ zu besänftigen
Auf Yudhiṣṭhiras Frage nach dem Umgang mit Verwandten erzählt Bhīṣma das Gespräch zwischen Kṛṣṇa und Nārada: Kṛṣṇa klagt über seine Lage zwischen den Yādava-Parteien; Nārada rät zu Nachsicht, Freigebigkeit und sanfter Rede.
yudhiṣṭhira uvāca; evam agrāhyake tasmiñ jñātisaṃbandhimaṇḍale; mitreṣv amitreṣv api ca kathaṃ bhāvo vibhāvyate
Yudhiṣṭhira sprach: „So [steht es] bei dieser nicht zu fassenden [Gruppe], diesem Kreis von Verwandten und Verschwägerten; wie wird die Gesinnung erkannt bei Freunden und auch bei Feinden?“
Wort für Wort
yudhiṣṭhira uvāca
Yudhiṣṭhira sprach (Perf.)
evam agrāhyake tasmin
so bei jenem nicht zu Ergreifenden/Unfassbaren (Lok. Sg. n.)
jñātisaṃbandhimaṇḍale
im Kreis der Verwandten und Verschwägerten (Lok. Sg., Kompositum)
mitreṣv amitreṣv api ca
bei Freunden und auch bei Nicht-Freunden (Lok. Pl.)
kathaṃ bhāvo vibhāvyate
wie wird die Gesinnung erkannt/unterschieden (Nom. Sg. / 3.Sg.Pass.)
agrāhyaka: hier wohl „nicht zu gewinnen/unfassbar“ (Gruppe, auf die man sich nicht verlassen kann).
Vāsudeva sprach: „Ein Nicht-Freund, Nārada, darf den höchsten geheimen Rat nicht erfahren; auch ein unweiser Freund nicht, und auch ein weiser nicht, der nicht Herr seiner selbst ist.“
Wort für Wort
vāsudeva uvāca
Vāsudeva sprach (Perf.)
nāsuhṛt paramaṃ mantram
nicht ein Nicht-Freund [darf] den höchsten Rat (Nom./Akk. Sg.)
nārada arhati veditum
Nārada, [er] darf/verdient zu erfahren (Vok.; 3.Sg.Präs.; Inf.)
apaṇḍito vāpi suhṛt
oder auch ein unweiser Freund (Nom. Sg.)
paṇḍito vāpi nātmavān
oder auch ein Weiser, [der] nicht selbstbeherrscht ist (Nom. Sg.)
Ellipse: „nicht“ ist zu apaṇḍitaḥ suhṛt und paṇḍitaḥ zu ergänzen.
sa te sauhṛdam āsthāya kiṃ cid vakṣyāmi nārada; kṛtsnāṃ ca buddhiṃ saṃprekṣya saṃpṛcche tridivaṃgama
„Auf deine Freundschaft gestützt werde ich dir etwas sagen, Nārada; und nachdem ich [deine] gesamte Einsicht bedacht habe, frage ich dich, Himmelsgänger.“
Wort für Wort
sa te sauhṛdam āsthāya
ich (so), auf Freundschaft zu dir gestützt (Abs.)
kiṃ cid vakṣyāmi nārada
werde etwas sagen, Nārada (1.Sg.Fut.; Vok.)
kṛtsnāṃ ca buddhiṃ saṃprekṣya
und die ganze Einsicht [von dir] betrachtend/bedenkend (Abs.)
yasya na syur na vai sa syād yasya syuḥ kṛcchram eva tat; dvābhyāṃ nivārito nityaṃ vṛṇomy ekataraṃ na ca
„Wem sie nicht [zur Seite] stünden, der wäre gar nicht [bestehend]; wem sie [zur Seite] stehen, dem ist das nur Not; von beiden [Seiten] ständig zurückgehalten, wähle ich keinen von beiden.“
Wort für Wort
yasya na syur na vai sa syāt
wem sie nicht wären, der wäre fürwahr nicht (Opt.)
yasya syuḥ kṛcchram eva tat
wem sie wären, das ist nur Not (Opt.; Nom. n.)
dvābhyāṃ nivārito nityam
von beiden ständig abgehalten (Instr. Du.; PPP)
vṛṇomy ekataraṃ na ca
ich wähle auch keinen von beiden (1.Sg.Präs.; Akk. Sg.)
Sinn: Ohne die Verwandten wäre man verloren, mit ihnen hat man nur Not. Der Text ist knapp.
„Mir, der ich so beständig nach beiden Seiten hin gequält werde, Nārada, solltest du sagen, was heilsam ist für die Verwandten und ebenso für mich selbst.“
Wort für Wort
mamaivaṃ kliśyamānasya
mir, der ich so gequält werde (Gen. Sg.; Part. Pass.)
nāradobhayataḥ sadā
Nārada, von beiden Seiten stets (Vok.; Adv.)
vaktum arhasi yac chreyaḥ
du solltest sagen, was das Bessere/Heilsame ist (Inf.; 2.Sg.Präs.)
jñātīnām ātmanas tathā
für die Verwandten und ebenso für mich selbst (Gen.)
„Diese hier ist für dich die innere Not, schwer, aus eigenem Tun geboren; denn alle diese, die Akrūra und Bhoja zum Ursprung haben, sind seine [d. h. deine] Sippe.“
Wort für Wort
seyam ābhyantarā tubhyam
diese ist die innere für dich (Nom. Sg. f.; Dat.)
āpat kṛcchrā svakarmajā
Not, schwer, aus eigenem Tun geboren (Nom. Sg. f.)
akrūrabhojaprabhavāḥ sarve
von Akrūra und Bhoja ausgehend/[von ihnen] angeführt, alle (Nom. Pl.)
hy ete tadanvayāḥ
denn diese sind von dessen Geschlecht (Nom. Pl.)
Zweiter Halbvers unsicher: prabhava kann „Ursprung“ oder „Herrschaft/Macht“ heißen, tadanvayāḥ ist knapp [?].
„Die Herrschaft von Babhru und Ugrasena kann auf keine Weise zurückgewonnen werden, aus Furcht vor einer Spaltung der Verwandten, Kṛṣṇa, und besonders von dir.“
Wort für Wort
babhrūgrasenayo rājyam
die Herrschaft von Babhru und Ugrasena (Gen. Du.; Nom.)
nāptuṃ śakyaṃ kathaṃ cana
kann auf keine Weise erlangt werden (Inf.)
jñātibhedabhayāt kṛṣṇa
aus Furcht vor Spaltung der Verwandten, Kṛṣṇa (Abl.; Vok.)
„Wenn jenes durch Anstrengung gelänge, indem man eine äußerst schwere Tat vollbringt, so gäbe es entweder großen Verlust und Aufwand, oder wiederum Untergang.“
Wort für Wort
tac cet sidhyet prayatnena
wenn jenes durch Anstrengung gelänge (Opt.; Instr.)
kṛtvā karma suduṣkaram
nach Vollbringen einer sehr schwierigen Tat (Abs.; Akk.)
mahākṣayavyayaṃ vā syāt
oder es wäre großer Schwund und Aufwand (Opt.)
vināśo vā punar bhavet
oder wiederum Untergang würde entstehen (Nom.; Opt.)
Vāsudeva sprach: „Welche nicht eiserne, sanfte Waffe soll ich, Weiser, kennen lernen, mit der ich ihnen die Zunge herausziehe, indem ich [sie] abwische und nachwische?“
Wort für Wort
vāsudeva uvāca
Vāsudeva sprach
anāyasaṃ mune śastram
die nicht eiserne Waffe, Weiser (Akk.; Vok.)
mṛdu vidyām ahaṃ katham
die sanfte, wie könnte ich [sie] kennen (Opt. 1.Sg.)
yenaiṣām uddhare jihvām
durch die ich von diesen die Zunge herausziehe (Instr.; Opt./Präs. 1.Sg.)
„Es gibt keinen, der nicht ein großer Mann, nicht selbstbeherrscht, nicht mit Helfern versehen wäre und [doch] eine große Last aufnimmt; diese hebe [du] mit der Brust und trage sie.“
Wort für Wort
nāmahāpuruṣaḥ kaś cit
keiner, der nicht ein großer Mann ist (Nom.)
nānātmā nāsahāyavān
nicht ohne Selbst [d. h. nicht unbeherrscht], nicht ohne Helfer (Nom.)
mahatīṃ dhuram ādatte
eine große Last nimmt auf (Akk.; 3.Sg.Präs. Med.)
tām udyamyorasā vaha
diese, nachdem du [sie] mit der Brust gehoben, trage (Abs.; Instr.; Imp.)
Wörtliche Struktur der Negationen ist verschachtelt; gemeint: Nur ein großer, selbstbeherrschter, unterstützter Mann übernimmt eine große Last [?].
„Durch Spaltung [kommt] der Untergang der Genossenschaften; du bist das Haupt der Genossenschaft, Keśava; handle so, dass diese Genossenschaft, nachdem sie dich erreicht hat, nicht zugrunde geht.“
Wort für Wort
bhedād vināśaḥ saṃghānām
aus Spaltung [folgt] der Untergang der Verbände (Abl.; Nom.; Gen. Pl.)
saṃghamukhyo 'si keśava
du bist Hauptmann des Verbandes, Keśava (2.Sg.; Vok.)
yathā tvāṃ prāpya notsīded
so dass er, dich erlangend, nicht zugrunde geht (Abs.; Opt.)
„Nicht anders als durch Einsicht und Geduld, nicht anders als durch Zügelung der Sinne, nicht anders als durch Hingabe von Besitz besteht eine Gemeinschaft bei einem Weisen.“
Wort für Wort
nānyatra buddhikṣāntibhyām
nicht außer durch Einsicht und Geduld (Instr. Du.)
nānyatrendriyanigrahāt
nicht außer durch Bezähmung der Sinne (Abl.)
nānyatra dhanasaṃtyāgāt
nicht außer durch Aufgeben von Reichtum (Abl.)
gaṇaḥ prājñe 'vatiṣṭhate
die Gemeinschaft besteht bei einem Weisen (Nom.; Lok.; 3.Sg.Präs.)
„Segensreich, ruhmbringend, lebensfördernd, [ein] Hervortretenlassen der eigenen Partei, heilvoll: so handle, Kṛṣṇa, dass es den Verwandten nicht zum Untergang gerät.“
āyatyāṃ ca tadātve ca na te 'sty aviditaṃ prabho; ṣāḍguṇyasya vidhānena yātrāyānavidhau tathā
„Für die Zukunft und für die Gegenwart ist dir nichts unbekannt, Herr; auch nicht in der Anwendung der sechs Maßnahmen und in der Regel von Feldzug und Marsch.“
Wort für Wort
āyatyāṃ ca tadātve ca
und in Zukunft und in Gegenwart (Lok.)
na te 'sty aviditam prabho
nicht ist dir etwas unbekannt, Herr (Nom. n.; Vok.)
ṣāḍguṇyasya vidhānena
durch Anwendung der Sechsheit [der Politik-Maßnahmen] (Gen.; Instr.)
„Auch die Seher, Mādhava, verehren deine Einsicht; du bist der Lehrer aller Wesen, du kennst Gehen und Kommen [Ablauf und Wiederkehr]; wenn sie dich, den Besten der Yadus, erreicht haben, gedeihen die Verwandten in Glück.“
Wort für Wort
upāsate hi tvadbuddhim
sie verehren ja deine Einsicht (3.Pl.Präs.; Akk.)
ṛṣayaś cāpi mādhava
auch die Seher, Mādhava (Nom. Pl.; Vok.)
tvaṃ guruḥ sarvabhūtānām
du bist Lehrer aller Wesen (Nom.; Gen. Pl.)
jānīṣe tvaṃ gatāgatam
du kennst Gehen und Kommen (2.Sg.Präs. Med.; Akk.)
tvām āsādya yaduśreṣṭham
dich, den besten der Yadus, erreicht habend (Abs.; Akk.)
edhante jñātinaḥ sukham
gedeihen die Verwandten glücklich (3.Pl.Präs.; Nom.; Adv.)