Quellen der Menschheit

Mahābhārata · Śāntiparva

Kapitel 299: kālasaṃkhyā-bhūtasarga-manaḥ Zeitmaße der Schöpfung, Entstehung der Elemente und die Herrschaft des Manas

Yājñavalkya lehrt Janaka die Tage und Nächte der Schöpfungsstufen (Avyakta, Brahmā, Ahaṃkāra, Elemente, Manas) und die Rolle des Manas gegenüber den Sinnen.

yājñavalkya uvāca; avyaktasya naraśreṣṭha kālasaṃkhyāṃ nibodha me; pañca kalpasahasrāṇi dviguṇāny ahar ucyate

Yājñavalkya sprach: „Bester der Männer, vernimm von mir die Zeitrechnung des Unmanifesten: Fünf Tausend Kalpas, verdoppelt, heißt sein Tag.“

Wort für Wort
yājñavalkya uvāca
Yājñavalkya sprach (Perf.)
avyaktasya naraśreṣṭha
des Unmanifesten, o Bester der Männer (Gen./Vok.)
kālasaṃkhyāṃ nibodha me
die Zeitrechnung vernimm von mir (Akk./Imp.)
pañca kalpasahasrāṇi dviguṇāni
fünf Tausend Kalpas, verdoppelt (Nom. Pl. n.)
ahar ucyate
[als] Tag heißt es (3.Sg.Pass.)

rātrir etāvatī cāsya pratibuddho narādhipa; sṛjaty oṣadhim evāgre jīvanaṃ sarvadehinām

Ebenso lang ist seine Nacht, o Herrscher der Menschen. Erwacht, erschafft er zuerst die Pflanzenwelt, das Leben aller Verkörperten.

Wort für Wort
rātrir etāvatī ca asya
und die Nacht ist ebenso lang seine (Nom. f./Gen.)
pratibuddho narādhipa
erwacht, o Herrscher der Menschen (Part. Perf. Pass./Vok.)
sṛjaty oṣadhim eva agre
erschafft die Pflanzen(welt) zuerst (3.Sg.Präs./Akk./Lok.)
jīvanaṃ sarvadehinām
[das] Leben aller Verkörperten (Akk. n./Gen. Pl.)

tato brahmāṇam asṛjad dhairaṇyāṇḍasamudbhavam; sā mūrtiḥ sarvabhūtānām ity evam anuśuśruma

Danach erschuf er Brahmā, aus dem goldenen Ei entstanden; dieser ist die Gestalt [Verkörperung] aller Wesen. So haben wir es überliefert gehört.

Wort für Wort
tato brahmāṇam asṛjat
dann erschuf er Brahmā (Adv./Akk./Impf.)
dhairaṇyāṇḍasamudbhavam
aus dem goldenen Ei entstanden (Bahuvrīhi, Akk.)
sā mūrtiḥ sarvabhūtānām
diese [ist die] Gestalt aller Wesen (Nom. f./Gen. Pl.)
iti evam anuśuśruma
so haben wir es gehört (1.Pl.Perf.)

saṃvatsaram uṣitvāṇḍe niṣkramya ca mahāmuniḥ; saṃdadhe 'rdhaṃ mahīṃ kṛtsnāṃ divam ardhaṃ prajāpatiḥ

Ein Jahr im Ei verweilt und dann herausgetreten, fügte der große Weise, Prajāpati, die ganze Erde als eine Hälfte und den Himmel als die andere Hälfte zusammen.

Wort für Wort
saṃvatsaram uṣitvā aṇḍe
ein Jahr [lang] im Ei geweilt (Akk./Abs./Lok.)
niṣkramya ca mahāmuniḥ
und herausgetreten, der große Weise (Abs./Nom.)
saṃdadhe ardhaṃ mahīṃ kṛtsnām
fügte zusammen als Hälfte die ganze Erde (3.Sg.Perf.Med./Akk.)
divam ardham prajāpatiḥ
den Himmel als Hälfte, Prajāpati (Akk./Nom.)

dyāvāpṛthivyor ity eṣa rājan vedeṣu paṭhyate; tayoḥ śakalayor madhyam ākāśam akarot prabhuḥ

„Himmel und Erde“ – so wird es, König, in den Veden gelesen. Zwischen diese beiden Hälften setzte der Herr den Raum [ākāśa].

Wort für Wort
dyāvāpṛthivyor iti eṣa
„Himmel und Erde“ – so (Dvandva, Gen. Du./Partikel)
rājan vedeṣu paṭhyate
o König, in den Veden wird gelesen (Vok./Lok. Pl./3.Sg.Pass.)
tayoḥ śakalayor madhyam
zwischen diesen beiden Hälften (Gen. Du./Akk. n.)
ākāśam akarot prabhuḥ
den Raum schuf der Herr (Akk./Impf./Nom.)

etasyāpi ca saṃkhyānaṃ vedavedāṅgapāragaiḥ; daśa kalpasahasrāṇi pādonāny ahar ucyate; rātrim etāvatīṃ cāsya prāhur adhyātmacintakāḥ

Auch dessen Zeitmaß [nennen] die in Veda und Vedāṅgas Bewanderten: Zehn Tausend Kalpas, um ein Viertel vermindert, heißt [sein] Tag; ebenso lang [ist] seine Nacht, sagen die, die über das Selbst [adhyātma] nachdenken.

Wort für Wort
etasya api ca saṃkhyānam
und auch dessen Zählung/Maß (Gen./Nom. n.)
vedavedāṅgapāragaiḥ
von den in Veda und Vedāṅga Vollendeten (Instr. Pl.)
daśa kalpasahasrāṇi pādonāni
zehn Tausend Kalpas, um ein Viertel vermindert (Nom. Pl.)
ahar ucyate
[als] Tag heißt es (3.Sg.Pass.)
rātrim etāvatīṃ ca asya
und die Nacht ebenso lang seine (Akk. f./Gen.)
prāhur adhyātmacintakāḥ
sagen die Adhyātma-Denker (3.Pl.Perf./Nom. Pl.)

sṛjaty ahaṃkāram ṛṣir bhūtaṃ divyātmakaṃ tathā; caturaś cāparān putrān dehāt pūrvaṃ mahān ṛṣiḥ

Der Weise erschafft den Ahaṃkāra [das Ich-Prinzip] und das Element [bhūta] göttlichen Wesens, und vier weitere Söhne aus [seinem] früheren Körper, der große Ṛṣi.

Wort für Wort
sṛjaty ahaṃkāram ṛṣiḥ
erschafft den Ahaṃkāra, der Ṛṣi (3.Sg.Präs./Akk./Nom.)
bhūtaṃ divyātmakaṃ tathā
das Element/Wesen göttlichen Wesens ebenso (Akk. n.)
caturaś ca aparān putrān
und vier andere Söhne (Akk. Pl.)
dehāt pūrvaṃ mahān ṛṣiḥ
aus dem [früheren] Körper, der große Ṛṣi (Abl./Adv./Nom.)

dehāt pūrvam: Bezug unklar (‚aus dem Körper zuvor‘ oder ‚zuerst aus dem Körper‘).

maharṣayaḥ sapta pūrve catvāro manavas tathā

[Nämlich] die sieben großen Weisen der früheren [Zeit] und ebenso die vier Manus.

Wort für Wort
maharṣayaḥ sapta pūrve
die großen Seher, sieben, die früheren (Nom. Pl.)
catvāro manavas tathā
vier Manus ebenso (Nom. Pl.)

Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert). Zusatzpassage (Stern), nur in einem Teil der Handschriften.

te vai pitṛbhyaḥ pitaraḥ śrūyante rājasattama

Diese gelten fürwahr als die Väter der Väter, o Bester der Könige.

Wort für Wort
te vai pitṛbhyaḥ pitaraḥ
diese fürwahr Väter von den Vätern her (Nom. Pl./Abl. Pl.)
śrūyante rājasattama
man hört/gelten (3.Pl.Pass./Vok.: Bester der Könige)

devāḥ pitṝṇāṃ ca sutā devair lokāḥ samāvṛtāḥ; carācarā naraśreṣṭha ity evam anuśuśruma

Die Götter sind die Söhne der Väter, und von den Göttern sind die Welten erfüllt, die beweglichen und unbeweglichen, o Bester der Männer. So haben wir es gehört.

Wort für Wort
devāḥ pitṝṇāṃ ca sutāḥ
und die Götter [sind] Söhne der Väter (Nom. Pl./Gen. Pl.)
devair lokāḥ samāvṛtāḥ
von den Göttern [sind] die Welten erfüllt/umhüllt (Instr. Pl./Nom. Pl./Part.)
carācarā naraśreṣṭha
die beweglichen und unbeweglichen, o Bester der Männer (Nom. Pl./Vok.)
iti evam anuśuśruma
so haben wir es gehört (1.Pl.Perf.)

parameṣṭhī tv ahaṃkāro 'sṛjad bhūtāni pañcadhā; pṛthivī vāyur ākāśam āpo jyotiś ca pañcamam

Parameṣṭhin aber, der Ahaṃkāra, erschuf die Wesen fünffach: Erde, Wind, Raum, Wasser und als fünftes das Licht.

Wort für Wort
parameṣṭhī tu ahaṃkāraḥ
der Parameṣṭhin aber, der Ahaṃkāra (Nom.)
asṛjad bhūtāni pañcadhā
erschuf die Elemente/Wesen fünffach (Impf./Akk. Pl.)
pṛthivī vāyur ākāśam
Erde, Wind, Raum (Nom.)
āpo jyotiś ca pañcamam
Wasser und Licht als fünftes (Nom./Nom. n.)

etasyāpi niśām āhus tṛtīyam iha kurvataḥ; pañca kalpasahasrāṇi tāvad evāhar ucyate

Auch dessen Nacht, der hier als Dritter [Schöpfung] wirkt [?], nennen sie [so]: Fünf Tausend Kalpas, ebenso lang heißt [sein] Tag.

Wort für Wort
etasya api niśām āhuḥ
auch dessen Nacht nennen sie (Gen./Akk./3.Pl.Perf.)
tṛtīyam iha kurvataḥ
als dritte(n) hier wirkend [?] (Akk./Gen. Part. Präs.)
pañca kalpasahasrāṇi
fünf Tausend Kalpas (Nom. Pl.)
tāvad eva ahar ucyate
ebenso viel heißt [der] Tag (Adv./3.Sg.Pass.)

tṛtīyam iha kurvataḥ: syntaktisch und inhaltlich unsicher.

śabdaḥ sparśaś ca rūpaṃ ca raso gandhaś ca pañcamaḥ; ete viśeṣā rājendra mahābhūteṣu pañcasu; yair āviṣṭāni bhūtāni ahany ahani pārthiva

Klang, Berührung, Gestalt, Geschmack und als fünfter der Geruch: Dies sind, König der Könige, die Besonderheiten in den fünf großen Elementen, von denen die Wesen Tag für Tag durchdrungen sind, o Fürst.

Wort für Wort
śabdaḥ sparśaś ca rūpaṃ ca
Klang, Berührung und Gestalt (Nom.)
raso gandhaś ca pañcamaḥ
Geschmack und Geruch als fünfter (Nom.)
ete viśeṣā rājendra
dies sind die Besonderheiten, o Herr der Könige (Nom. Pl./Vok.)
mahābhūteṣu pañcasu
in den fünf großen Elementen (Lok. Pl.)
yair āviṣṭāni bhūtāni
von denen durchdrungen die Wesen (Instr. Pl./Part./Nom. Pl.)
ahany ahani pārthiva
Tag für Tag, o Erdenherrscher (Lok. distr./Vok.)

anyonyaṃ spṛhayanty ete anyonyasya hite ratāḥ; anyonyam abhimanyante anyonyaspardhinas tathā

Diese begehren einander, sind auf gegenseitiges Wohl bedacht, halten einander für [wichtig] und wetteifern miteinander.

Wort für Wort
anyonyaṃ spṛhayanti ete
sie begehren einander (3.Pl.Präs./Nom.)
anyonyasya hite ratāḥ
am Wohl des anderen erfreut (Gen./Lok./Part.)
anyonyam abhimanyante
achten/dünken einander (3.Pl.Präs. Med.)
anyonyaspardhinas tathā
und wetteifern miteinander (Nom. Pl.)

abhimanyante: Bedeutung (‚schätzen‘ oder ‚sich einbilden‘) unsicher.

te vadhyamānā anyonyaṃ guṇair hāribhir avyayāḥ; ihaiva parivartante tiryagyonipraveśinaḥ

Einander durch bezaubernde Eigenschaften bedrängt [?], unvergänglich [?], kreisen sie eben hier und gehen in Tierschöße ein.

Wort für Wort
te vadhyamānā anyonyam
sie, einander bedrängt/geschlagen (Nom. Pl./Part. Pass./Akk.)
guṇair hāribhir
durch bezaubernde Eigenschaften (Instr. Pl.)
avyayāḥ
unvergänglich [?] (Nom. Pl.)
iha eva parivartante
eben hier kreisen sie (3.Pl.Präs. Med.)
tiryagyonipraveśinaḥ
in Tierschöße eintretend (Nom. Pl.)

Verse schwierig; Bezug von avyayāḥ und vadhyamānāḥ unsicher.

trīṇi kalpasahasrāṇi eteṣām ahar ucyate; ratrir etāvatī caiva manasaś ca narādhipa

Drei Tausend Kalpas heißt der Tag dieser [Elemente]; ebenso lang ist die Nacht, o Herrscher der Menschen, auch die des Manas.

Wort für Wort
trīṇi kalpasahasrāṇi
drei Tausend Kalpas (Nom. Pl.)
eteṣām ahar ucyate
dieser [ist] der Tag genannt (Gen. Pl./Nom./3.Sg.Pass.)
rātrir etāvatī ca eva
und die Nacht ebenso lang (Nom. f.)
manasaś ca narādhipa
und des Manas, o Herrscher der Menschen (Gen./Vok.)

manaś carati rājendra caritaṃ sarvam indriyaiḥ; na cendriyāṇi paśyanti mana evātra paśyati

Das Manas [der Geist] wandelt umher, o Fürst der Könige; alles Durchlaufene [geschieht] durch die Sinne. Nicht die Sinne sehen, das Manas allein sieht hier.

Wort für Wort
manaś carati rājendra
das Manas wandelt, o Herr der Könige (Nom./3.Sg.Präs./Vok.)
caritaṃ sarvam indriyaiḥ
alles Durchlaufene durch die Sinne (Part. n./Instr. Pl.)
na ca indriyāṇi paśyanti
und nicht sehen die Sinne (3.Pl.Präs.)
mana eva atra paśyati
das Manas allein sieht hier (Nom./3.Sg.Präs.)

cakṣuḥ paśyati rūpāṇi manasā tu na cakṣuṣā; manasi vyākule cakṣuḥ paśyann api na paśyati; tathendriyāṇi sarvāṇi paśyantīty abhicakṣate

Das Auge sieht die Formen, aber mit dem Manas, nicht mit dem Auge. Ist das Manas verwirrt, so sieht das Auge, obwohl es hinblickt, nicht. So sagt man, alle Sinne sähen.

Wort für Wort
cakṣuḥ paśyati rūpāṇi
das Auge sieht Formen (Nom./3.Sg./Akk. Pl.)
manasā tu na cakṣuṣā
aber mit dem Manas, nicht mit dem Auge (Instr.)
manasi vyākule
wenn das Manas verwirrt ist (Lok. abs.)
cakṣuḥ paśyann api na paśyati
das Auge, obwohl sehend, sieht nicht (Part. Präs./3.Sg.)
tathā indriyāṇi sarvāṇi
ebenso alle Sinne (Nom. Pl.)
paśyanti iti abhicakṣate
sie sehen, so sagt man (3.Pl./3.Pl.Präs. Med.)

manasy uparate rājann indriyoparamo bhavet; na cendriyavyuparame manasy uparamo bhavet; evaṃ manaḥpradhānāni indriyāṇi vibhāvayet

Ist das Manas zur Ruhe gekommen, o König, tritt Stillstand der Sinne ein; bei Ruhe der Sinne aber tritt nicht [notwendig] Ruhe des Manas ein. So soll man die Sinne als vom Manas bestimmt erkennen.

Wort für Wort
manasy uparate rājan
wenn das Manas ruht, o König (Lok. abs./Vok.)
indriyoparamo bhavet
würde Sinnesruhe eintreten (Nom./Opt.)
na ca indriyavyuparame
und nicht bei Ruhe der Sinne (Lok.)
manasy uparamo bhavet
des Manas Ruhe eintreten [würde] (Lok./Nom./Opt.)
evaṃ manaḥpradhānāni
so vom Manas angeführt/bestimmt (Nom. Pl. n.)
indriyāṇi vibhāvayet
die Sinne soll man erkennen (Akk./Opt.)

indriyāṇāṃ hi sarveṣām īśvaraṃ mana ucyate; etad viśanti bhūtāni sarvāṇīha mahāyaśāḥ

Als Herr aller Sinne gilt das Manas. In dieses gehen alle Wesen hier ein, Hochberühmter.

Wort für Wort
indriyāṇāṃ hi sarveṣām
denn aller Sinne (Gen. Pl.)
īśvaraṃ mana ucyate
Herr [ist] das Manas genannt (Nom./3.Sg.Pass.)
etad viśanti bhūtāni
in dieses gehen die Wesen ein (Akk./3.Pl./Nom. Pl.)
sarvāṇi iha mahāyaśāḥ
alle hier, o Hochberühmter (Nom. Pl./Vok.)

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