Kapitel 252: dharmasya durvijñeyatā
Die Unergründlichkeit des Dharma: Yudhiṣṭhiras Zweifel an Schrift und Brauch
Yudhiṣṭhira legt dar, dass Dharma weder durch Rezitation noch durch das Verhalten der Guten eindeutig bestimmbar ist, da Zeitalter, Lage und Machtverhältnisse ihn wandeln. Der Text ist an mehreren Stellen dunkel.
yudhiṣṭhira uvāca; sūkṣmaṃ sādhu samādiṣṭaṃ bhavatā dharmalakṣaṇam; pratibhā tv asti me kā cit tāṃ brūyām anumānataḥ
Yudhiṣṭhira sprach: „Fein ist das Merkmal des Dharma, das du recht dargelegt hast; doch habe ich eine gewisse Eingebung, die ich aus Schlussfolgerung aussprechen will.“
„Ein anderer ist der Dharma für den, der in guter Lage steht, ein anderer für den in schlechter Lage; Notlagen aber, wie können sie durch Hersagen erkannt werden?“
Wort für Wort
anyo dharmaḥ samasthasya
ein anderer [ist] der Dharma für den in ebener/guter Lage (Nom.; Gen.Sg.)
viṣamasthasya cāparaḥ
und ein anderer für den in schlechter Lage (Gen.Sg.; Nom.)
sadācāro mato dharmaḥ santas tv ācāralakṣaṇāḥ; sādhyāsādhyaṃ kathaṃ śakyaṃ sadācāro hy alakṣaṇam
„Als Dharma gilt das Verhalten der Guten, die Guten aber haben das Verhalten als Kennzeichen; wie kann Erreichbares und Unerreichbares [unterschieden] werden, da das Verhalten der Guten ja kein [festes] Merkmal hat?“
Wort für Wort
sadācāro mato dharmaḥ
das Verhalten der Guten gilt als Dharma (Nom.; Part.Perf.Pass.)
santas tv ācāralakṣaṇāḥ
die Guten aber haben Verhalten als Kennzeichen (Nom.Pl.; Bahuvrīhi)
sādhyāsādhyaṃ kathaṃ śakyam
Erreichbares und Unerreichbares, wie ist es möglich [zu unterscheiden] (Nom.Sg.n.)
sadācāro hy alakṣaṇam
denn das Verhalten der Guten ist merkmallos (Nom.; Nom.Sg.n.)
„Das Wort der Überlieferung ist wahr – so [lautet] diese Weltordnung; [doch] über die Überlieferungen hinaus sind die Veden nach allen Seiten hin ausgebreitet.“
Wort für Wort
āmnāyavacanaṃ satyam
das Wort der Überlieferung [ist] wahr (Nom.Sg.n.)
ity ayaṃ lokasaṃgrahaḥ
so [lautet] diese Weltordnung (Nom.Sg.m.)
āmnāyebhyaḥ paraṃ vedāḥ
jenseits der Überlieferungen die Veden (Abl.Pl.; Adv.; Nom.Pl.)
te cet sarve pramāṇaṃ vai pramāṇaṃ tan na vidyate; pramāṇe cāpramāṇe ca viruddhe śāstratā kutaḥ
„Wenn diese alle Maßstab sind, dann besteht jener [einzelne] Maßstab nicht; wo Maßstab und Nicht-Maßstab im Widerspruch stehen, woher [dann] die Geltung der Schrift?“
Wort für Wort
te cet sarve pramāṇaṃ vai
wenn diese alle Maßstab [sind] (Nom.Pl.; Nom.Sg.n.)
pramāṇaṃ tan na vidyate
dann besteht dieser Maßstab nicht (Nom.Sg.n.; 3.Sg.Pass.)
pramāṇe cāpramāṇe ca viruddhe
bei Maßstab und Nicht-Maßstab, wenn [sie] im Widerspruch [stehen] (Lok.abs.)
„Wie Tränken in der Nähe von Kühen, wie ein Bewässerungsgraben im Feld, Bhārata: [so] wird der Dharma, obwohl überliefert und ewig, wenn er verlassen ist, nicht gesehen.“
Wort für Wort
nipānānīva gobhyāśe
wie Tränken in der Nähe von Kühen (Nom.Pl.n.; Lok.)
kṣetre kulyeva bhārata
wie ein Graben im Feld, Bhārata (Lok.; Nom.Sg.f.; Vok.)
smṛto 'pi śāśvato dharmaḥ
der Dharma, obwohl überliefert, ewig (Part.Perf.Pass.; Nom.Sg.m.)
viprahīṇo na dṛśyate
verlassen/geschwunden, wird nicht gesehen (Part.Perf.Pass.; 3.Sg.Pass.)
tenaivānyaḥ prabhavati so 'paraṃ bādhate punaḥ; dṛśyate caiva sa punas tulyarūpo yadṛcchayā
„Durch eben dasselbe gewinnt ein anderer Macht; dieser bedrängt wiederum einen weiteren; und man sieht ihn wiederum, gleichgestaltig, nach Zufall [?].“
Wort für Wort
tenaivānyaḥ prabhavati
durch eben dies gewinnt ein anderer Macht (Instr.; Nom.; 3.Sg.Präs.)
so 'paraṃ bādhate punaḥ
der bedrängt einen weiteren wiederum (Nom.; Akk.; 3.Sg.Präs.)