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Mahābhārata · Śāntiparva

Kapitel 252: dharmasya durvijñeyatā Die Unergründlichkeit des Dharma: Yudhiṣṭhiras Zweifel an Schrift und Brauch

Yudhiṣṭhira legt dar, dass Dharma weder durch Rezitation noch durch das Verhalten der Guten eindeutig bestimmbar ist, da Zeitalter, Lage und Machtverhältnisse ihn wandeln. Der Text ist an mehreren Stellen dunkel.

yudhiṣṭhira uvāca; sūkṣmaṃ sādhu samādiṣṭaṃ bhavatā dharmalakṣaṇam; pratibhā tv asti me kā cit tāṃ brūyām anumānataḥ

Yudhiṣṭhira sprach: „Fein ist das Merkmal des Dharma, das du recht dargelegt hast; doch habe ich eine gewisse Eingebung, die ich aus Schlussfolgerung aussprechen will.“

Wort für Wort
yudhiṣṭhira uvāca
Yudhiṣṭhira sprach (Perf.3.Sg.)
sūkṣmaṃ sādhu samādiṣṭam
fein, recht dargelegt (Nom.Sg.n., Part.Perf.Pass.)
bhavatā dharmalakṣaṇam
von dir, das Merkmal des Dharma (Instr./Nom.Sg.)
pratibhā tv asti me kā cit
doch ist mir eine gewisse Eingebung (Nom.Sg.f.; 3.Sg.Präs.; Gen./Dat.)
tāṃ brūyām anumānataḥ
sie möchte ich sagen, aus Schlussfolgerung (Akk.; Opt.1.Sg.; Abl.-Adv.)

bhūyāṃso hṛdaye ye me praśnās te vyāhṛtās tvayā; imam anyaṃ pravakṣyāmi na rājan vigrahād iva

„Zahlreich sind die Fragen in meinem Herzen, die du beantwortet hast; diese andere will ich vortragen, nicht, o König, wie aus Streitlust.“

Wort für Wort
bhūyāṃso hṛdaye ye me praśnāḥ
zahlreiche Fragen, die mir im Herzen [sind] (Nom.Pl.m.; Lok.Sg.)
te vyāhṛtās tvayā
sie sind von dir beantwortet (Part.Perf.Pass.; Instr.)
imam anyaṃ pravakṣyāmi
diese andere will ich vortragen (Akk.Sg.m.; Fut.1.Sg.)
na rājan vigrahād iva
nicht, o König, wie aus Streitlust (Vok.; Abl.)

imāni hi prāpayanti sṛjanty uttārayanti ca; na dharmaḥ paripāṭhena śakyo bhārata veditum

„Diese [?] führen ja hin, bringen hervor und führen hinüber; nicht kann der Dharma durch bloßes Hersagen erkannt werden, Bhārata.“

Wort für Wort
imāni hi
diese ja (Nom.Pl.n.)
prāpayanti sṛjanty uttārayanti ca
führen hin, bringen hervor und führen hinüber (3.Pl.Präs.Kaus.)
na dharmaḥ paripāṭhena
nicht [ist] der Dharma durch Hersagen (Nom.; Instr.)
śakyo bhārata veditum
kann, Bhārata, erkannt werden (Nom.Sg.m.; Vok.; Inf.)

Bezug von imāni unklar (Text vermutlich verderbt).

anyo dharmaḥ samasthasya viṣamasthasya cāparaḥ; āpadas tu kathaṃ śakyāḥ paripāṭhena veditum

„Ein anderer ist der Dharma für den, der in guter Lage steht, ein anderer für den in schlechter Lage; Notlagen aber, wie können sie durch Hersagen erkannt werden?“

Wort für Wort
anyo dharmaḥ samasthasya
ein anderer [ist] der Dharma für den in ebener/guter Lage (Nom.; Gen.Sg.)
viṣamasthasya cāparaḥ
und ein anderer für den in schlechter Lage (Gen.Sg.; Nom.)
āpadas tu kathaṃ śakyāḥ
Notlagen aber, wie können sie (Nom.Pl.f.)
paripāṭhena veditum
durch Hersagen erkannt werden (Instr.; Inf.)

sadācāro mato dharmaḥ santas tv ācāralakṣaṇāḥ; sādhyāsādhyaṃ kathaṃ śakyaṃ sadācāro hy alakṣaṇam

„Als Dharma gilt das Verhalten der Guten, die Guten aber haben das Verhalten als Kennzeichen; wie kann Erreichbares und Unerreichbares [unterschieden] werden, da das Verhalten der Guten ja kein [festes] Merkmal hat?“

Wort für Wort
sadācāro mato dharmaḥ
das Verhalten der Guten gilt als Dharma (Nom.; Part.Perf.Pass.)
santas tv ācāralakṣaṇāḥ
die Guten aber haben Verhalten als Kennzeichen (Nom.Pl.; Bahuvrīhi)
sādhyāsādhyaṃ kathaṃ śakyam
Erreichbares und Unerreichbares, wie ist es möglich [zu unterscheiden] (Nom.Sg.n.)
sadācāro hy alakṣaṇam
denn das Verhalten der Guten ist merkmallos (Nom.; Nom.Sg.n.)

Ergänzung „unterscheiden“ sinngemäß; [?]

dṛśyate dharmarūpeṇa adharmaṃ prākṛtaś caran; dharmaṃ cādharmarūpeṇa kaś cid aprākṛtaś caran

„Man sieht, wie ein Gemeiner in der Gestalt des Dharma Adharma übt, und wie mancher Nicht-Gemeine Dharma in der Gestalt des Adharma übt.“

Wort für Wort
dṛśyate dharmarūpeṇa
man sieht in der Gestalt des Dharma (3.Sg.Pass.; Instr.)
adharmaṃ prākṛtaś caran
Adharma, ein Gemeiner, übend (Akk.; Nom.; Part.Präs.)
dharmaṃ cādharmarūpeṇa
und Dharma in der Gestalt des Adharma (Akk.; Instr.)
kaś cid aprākṛtaś caran
mancher Nicht-Gemeine übend (Nom.Sg.m.; Part.Präs.)

punar asya pramāṇaṃ hi nirdiṣṭaṃ śāstrakovidaiḥ; vedavādāś cānuyugaṃ hrasantīti ha naḥ śrutam

„Ferner ist dessen Maßstab von den Schriftkundigen festgelegt worden; die Veda-Lehren aber nehmen von Zeitalter zu Zeitalter ab, so haben wir gehört.“

Wort für Wort
punar asya pramāṇaṃ hi
ferner ja dessen Maßstab (Gen.; Nom.Sg.n.)
nirdiṣṭaṃ śāstrakovidaiḥ
festgelegt von den Schriftkundigen (Part.Perf.Pass.; Instr.Pl.)
vedavādāś cānuyugaṃ
und die Veda-Lehren von Zeitalter zu Zeitalter (Nom.Pl.; Adv.)
hrasantīti ha naḥ śrutam
sie nehmen ab, so ist uns wahrlich gehört [worden] (3.Pl.Präs.; Gen./Dat.; Part.Perf.Pass.)

anye kṛtayuge dharmās tretāyāṃ dvāpare 'pare; anye kaliyuge dharmā yathāśaktikṛtā iva

„Andere Dharmas gelten im Kṛtayuga, im Tretā [andere], im Dvāpara wieder andere; andere im Kaliyuga, gleichsam nach Kräften gemacht.“

Wort für Wort
anye kṛtayuge dharmāḥ
andere Dharmas im Kṛtayuga (Nom.Pl.; Lok.)
tretāyāṃ dvāpare 'pare
in der Tretā, im Dvāpara andere (Lok.Sg.; Lok.Sg.; Nom.Pl.)
anye kaliyuge dharmāḥ
andere Dharmas im Kaliyuga (Nom.Pl.; Lok.)
yathāśaktikṛtā iva
wie nach Kraft gemacht (Nom.Pl.m.; Part.Perf.Pass.)

āmnāyavacanaṃ satyam ity ayaṃ lokasaṃgrahaḥ; āmnāyebhyaḥ paraṃ vedāḥ prasṛtā viśvatomukhāḥ

„Das Wort der Überlieferung ist wahr – so [lautet] diese Weltordnung; [doch] über die Überlieferungen hinaus sind die Veden nach allen Seiten hin ausgebreitet.“

Wort für Wort
āmnāyavacanaṃ satyam
das Wort der Überlieferung [ist] wahr (Nom.Sg.n.)
ity ayaṃ lokasaṃgrahaḥ
so [lautet] diese Weltordnung (Nom.Sg.m.)
āmnāyebhyaḥ paraṃ vedāḥ
jenseits der Überlieferungen die Veden (Abl.Pl.; Adv.; Nom.Pl.)
prasṛtā viśvatomukhāḥ
ausgebreitet, allseitig gewandt (Part.Perf.Pass.; Nom.Pl.m.)

Zeile inhaltlich schwierig.

te cet sarve pramāṇaṃ vai pramāṇaṃ tan na vidyate; pramāṇe cāpramāṇe ca viruddhe śāstratā kutaḥ

„Wenn diese alle Maßstab sind, dann besteht jener [einzelne] Maßstab nicht; wo Maßstab und Nicht-Maßstab im Widerspruch stehen, woher [dann] die Geltung der Schrift?“

Wort für Wort
te cet sarve pramāṇaṃ vai
wenn diese alle Maßstab [sind] (Nom.Pl.; Nom.Sg.n.)
pramāṇaṃ tan na vidyate
dann besteht dieser Maßstab nicht (Nom.Sg.n.; 3.Sg.Pass.)
pramāṇe cāpramāṇe ca viruddhe
bei Maßstab und Nicht-Maßstab, wenn [sie] im Widerspruch [stehen] (Lok.abs.)
śāstratā kutaḥ
woher Schriftgeltung (Nom.Sg.f.; Interrogativ-Adv.)

dharmasya hriyamāṇasya balavadbhir durātmabhiḥ; yā yā vikriyate saṃsthā tataḥ sāpi praṇaśyati

„Wenn der Dharma von mächtigen Bösgesinnten fortgerissen wird, so geht jede Ordnung, die dabei verändert wird, danach auch selbst zugrunde.“

Wort für Wort
dharmasya hriyamāṇasya
des Dharma, der fortgerissen wird (Gen.; Part.Präs.Pass.)
balavadbhir durātmabhiḥ
von Mächtigen, Bösgesinnten (Instr.Pl.)
yā yā vikriyate saṃsthā
welche Ordnung auch immer verändert wird (Nom.Sg.f.; 3.Sg.Pass.)
tataḥ sāpi praṇaśyati
danach geht auch sie zugrunde (Adv.; 3.Sg.Präs.)

[?] Sinn von saṃsthā und tataḥ unsicher.

vidma caivaṃ na vā vidma śakyaṃ vā vedituṃ na vā; aṇīyān kṣuradhārāyā garīyān parvatād api

„Wir kennen ihn und kennen ihn [zugleich] nicht; er ist erkennbar oder nicht; feiner als die Schneide eines Schermessers, schwerer als ein Berg.“

Wort für Wort
vidma caivaṃ na vā vidma
wir wissen es so und wissen es nicht (1.Pl.Perf.)
śakyaṃ vā vedituṃ na vā
möglich zu erkennen oder nicht (Nom.Sg.n.; Inf.)
aṇīyān kṣuradhārāyāḥ
feiner als die Schneide des Schermessers (Nom.Kompar.; Abl.Sg.)
garīyān parvatād api
schwerer selbst als ein Berg (Nom.Kompar.; Abl.)

gandharvanagarākāraḥ prathamaṃ saṃpradṛśyate; anvīkṣyamāṇaḥ kavibhiḥ punar gacchaty adarśanam

„Zuerst erscheint er in der Gestalt einer Gandharven-Stadt; von den Weisen betrachtet, geht er wiederum ins Nicht-Sehen.“

Wort für Wort
gandharvanagarākāraḥ
in der Gestalt einer Gandharven-Stadt (Nom.Sg.m.; Bahuvrīhi)
prathamaṃ saṃpradṛśyate
zuerst wird er sichtbar (Adv.; 3.Sg.Pass.)
anvīkṣyamāṇaḥ kavibhiḥ
betrachtet von den Weisen (Part.Präs.Pass.; Instr.Pl.)
punar gacchaty adarśanam
geht wiederum in Unsichtbarkeit (3.Sg.Präs.; Akk.)

nipānānīva gobhyāśe kṣetre kulyeva bhārata; smṛto 'pi śāśvato dharmo viprahīṇo na dṛśyate

„Wie Tränken in der Nähe von Kühen, wie ein Bewässerungsgraben im Feld, Bhārata: [so] wird der Dharma, obwohl überliefert und ewig, wenn er verlassen ist, nicht gesehen.“

Wort für Wort
nipānānīva gobhyāśe
wie Tränken in der Nähe von Kühen (Nom.Pl.n.; Lok.)
kṣetre kulyeva bhārata
wie ein Graben im Feld, Bhārata (Lok.; Nom.Sg.f.; Vok.)
smṛto 'pi śāśvato dharmaḥ
der Dharma, obwohl überliefert, ewig (Part.Perf.Pass.; Nom.Sg.m.)
viprahīṇo na dṛśyate
verlassen/geschwunden, wird nicht gesehen (Part.Perf.Pass.; 3.Sg.Pass.)

Vergleich unklar; [?]

kāmād anye kṣayād anye kāraṇair aparais tathā; asanto hi vṛthācāraṃ bhajante bahavo 'pare

„Aus Begierde die einen, aus Verfall die anderen, ebenso aus weiteren Gründen; Unredliche, viele andere, ergeben sich einem nutzlosen Wandel.“

Wort für Wort
kāmād anye kṣayād anye
aus Begierde die einen, aus Schwund die anderen (Abl.)
kāraṇair aparais tathā
ebenso aus anderen Gründen (Instr.Pl.n.)
asanto hi vṛthācāraṃ
Unredliche ja, nutzloses Verhalten (Nom.Pl.m.; Akk.)
bhajante bahavo 'pare
ergeben sich, viele andere (3.Pl.Präs.Med.; Nom.Pl.)

dharmo bhavati sa kṣipraṃ vilīnas tv eva sādhuṣu; anye tān āhur unmattān api cāvahasanty uta

„Er wird rasch [zum] Dharma, ist aber bei den Guten ganz zergangen [?]; andere nennen sie Verrückte, und sie verlachen sie auch.“

Wort für Wort
dharmo bhavati sa kṣipram
er wird rasch Dharma (Nom.; 3.Sg.Präs.; Adv.)
vilīnas tv eva sādhuṣu
aber zergangen/verschwunden bei den Guten (Part.Perf.Pass.; Lok.Pl.)
anye tān āhur unmattān
andere nennen sie Verrückte (Nom.Pl.; Akk.Pl.; 3.Pl.Perf.)
api cāvahasanty uta
und verlachen sie auch (3.Pl.Präs.)

Erste Zeilenhälfte syntaktisch unsicher.

mahājanā hy upāvṛttā rājadharmaṃ samāśritāḥ; na hi sarvahitaḥ kaś cid ācāraḥ saṃpradṛśyate

„Die großen Leute haben sich abgewandt [?] und den Königs-Dharma angenommen; denn kein Verhalten wird gesehen, das allen zuträglich wäre.“

Wort für Wort
mahājanā hy upāvṛttāḥ
die großen Leute ja, zurückgekehrt/abgewandt (Nom.Pl.; Part.Perf.Akt.)
rājadharmaṃ samāśritāḥ
den Königs-Dharma angenommen habend (Akk.; Part.Perf.Pass.)
na hi sarvahitaḥ kaś cit
denn keiner, der allen zuträglich [wäre] (Nom.Sg.m.)
ācāraḥ saṃpradṛśyate
Verhalten wird gesehen (Nom.; 3.Sg.Pass.)

upāvṛttāḥ unsicher.

tenaivānyaḥ prabhavati so 'paraṃ bādhate punaḥ; dṛśyate caiva sa punas tulyarūpo yadṛcchayā

„Durch eben dasselbe gewinnt ein anderer Macht; dieser bedrängt wiederum einen weiteren; und man sieht ihn wiederum, gleichgestaltig, nach Zufall [?].“

Wort für Wort
tenaivānyaḥ prabhavati
durch eben dies gewinnt ein anderer Macht (Instr.; Nom.; 3.Sg.Präs.)
so 'paraṃ bādhate punaḥ
der bedrängt einen weiteren wiederum (Nom.; Akk.; 3.Sg.Präs.)
dṛśyate caiva sa punaḥ
und man sieht ihn wiederum (3.Sg.Pass.)
tulyarūpo yadṛcchayā
gleichgestaltig, durch Zufall (Nom.Sg.m.; Instr.)

Sinn unsicher.

yenaivānyaḥ prabhavati so 'parān api bādhate; ācārāṇām anaikāgryaṃ sarveṣām eva lakṣayet

„Wodurch ein anderer Macht gewinnt, dadurch bedrängt er auch die anderen; die Uneinheitlichkeit der Verhaltensweisen aller möge man erkennen.“

Wort für Wort
yenaivānyaḥ prabhavati
wodurch ein anderer Macht gewinnt (Instr.rel.; 3.Sg.Präs.)
so 'parān api bādhate
der bedrängt auch die anderen (Akk.Pl.; 3.Sg.Präs.)
ācārāṇām anaikāgryam
der Verhaltensweisen Uneinheitlichkeit (Gen.Pl.; Akk.Sg.n.)
sarveṣām eva lakṣayet
aller gerade möge man erkennen (Gen.Pl.; Opt.3.Sg.)

cirābhipannaḥ kavibhiḥ pūrvaṃ dharma udāhṛtaḥ; tenācāreṇa pūrveṇa saṃsthā bhavati śāśvatī

„Seit langem [von den Weisen] befolgt, wurde der Dharma früher von den Weisen verkündet; durch jenes frühere Verhalten wird die Ordnung dauerhaft.“

Wort für Wort
cirābhipannaḥ kavibhiḥ
seit langem befolgt, von den Weisen (Part.Perf.Pass.; Instr.Pl.)
pūrvaṃ dharma udāhṛtaḥ
früher wurde der Dharma verkündet (Adv.; Nom.; Part.Perf.Pass.)
tenācāreṇa pūrveṇa
durch jenes frühere Verhalten (Instr.Sg.)
saṃsthā bhavati śāśvatī
die Ordnung wird dauerhaft (Nom.Sg.f.; 3.Sg.Präs.)

cirābhipannaḥ unsicher.

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