Kapitel 107: vaidehakausalyasaṃdhiḥ
Der weise Ratgeber stiftet Frieden zwischen dem Vaideha und dem Kausalya
Ein Weiser vermittelt zwischen dem Vaideha-König und dem vertriebenen Königssohn von Kosala, der lieber redlich als durch Betrug leben will; der Kampf endet in Bündnis und gegenseitiger Ehrung.
rājaputra uvāca; na nikṛtyā na dambhena brahmann icchāmi jīvitum; nādharmayuktān iccheyam arthān sumahato 'py aham
Der Königssohn sprach: „Weder durch Betrug noch durch Heuchelei, Brahmane, will ich leben; auch nicht möchte ich Güter, die mit Adharma verbunden sind, und seien sie noch so gewaltig.“
Wort für Wort
rājaputra uvāca
der Königssohn sprach (Nom.Sg.; Perf.3.Sg.)
na nikṛtyā na dambhena
nicht durch Betrug, nicht durch Heuchelei (Instr.Sg.)
brahman icchāmi jīvitum
Brahmane (Vok.), ich will leben (1.Sg.Präs.; Inf.)
na adharmayuktān iccheyam
nicht möchte ich (1.Sg.Opt.) mit Adharma verbundene (Akk.Pl.)
arthān sumahataḥ api aham
Güter (Akk.Pl.), auch wenn sehr groß (Abl./Gen.Sg.), ich (Nom.)
amātyaḥ śūra eva syād buddhisaṃpanna eva ca; tābhyāṃ caiva bhayaṃ rājñaḥ paśya rājyasya yojanam; dharmātmanāṃ kva cil loke nānyāsti gatir īdṛśī
Ein Minister sei tapfer und zugleich mit Einsicht begabt; und von eben diesen beiden [droht] dem König Gefahr – sieh [darauf] die Fügung des Reiches [?]; bei den Rechtschaffenen gibt es in der Welt nirgends einen anderen solchen Weg.
Wort für Wort
amātyaḥ śūraḥ eva syāt
der Minister sei tapfer (Nom.; 3.Sg.Opt.)
buddhisaṃpannaḥ eva ca
und mit Einsicht begabt (Nom.)
tābhyām ca eva bhayam rājñaḥ
und von diesen beiden Gefahr für den König (Abl.Du.; Gen.)
paśya rājyasya yojanam
sieh (2.Sg.Imp.) die Fügung/Einrichtung des Reiches (Akk.; Gen.)
dharmātmanām kva cit loke
bei den dharmagesinnten (Gen.Pl.) irgendwo in der Welt (Lok.)
na anyā asti gatiḥ īdṛśī
nicht gibt es (3.Sg.Präs.) einen anderen, solchen Weg (Nom.f.)
Der Mittelteil (tābhyāṃ caiva bhayaṃ rājñaḥ … yojanam) ist knapp und unsicher; die Wiedergabe ist vorläufig.
kṛtātmā rājaputro 'yaṃ satāṃ mārgam anuṣṭhitaḥ; susaṃgṛhītas tv evaiṣa tvayā dharmapurogamaḥ; saṃsevyamānaḥ śatrūṃs te gṛhṇīyān mahato gaṇān
Dieser Königssohn ist geläutert und hat den Weg der Guten betreten; von dir gut gewonnen, hat er den Dharma an der Spitze. Wird ihm gedient, so würde er deine Feinde, große Scharen, ergreifen.
Wort für Wort
kṛtātmā rājaputraḥ ayam
geläutert/gebildet, dieser Königssohn (Nom.)
satām mārgam anuṣṭhitaḥ
den Weg der Guten (Akk.) befolgend (Part.)
susaṃgṛhītaḥ tu eva eṣaḥ tvayā
gut gewonnen, dieser, von dir (Nom.; Instr.)
dharmapurogamaḥ
den Dharma vorangehen lassend (Nom.; Kompositum)
saṃsevyamānaḥ śatrūn te
umsorgt/bedient, deine Feinde (Akk.Pl.)
gṛhṇīyāt mahataḥ gaṇān
würde ergreifen (3.Sg.Opt.) große Scharen (Akk.Pl.)
Wenn dieser dich bekämpfte – das ist die Eigenpflicht eines Kṣatriya –, im Streben zu siegen im Kampf um den väterlichen und großväterlichen Rang [Anm.: Satz syntaktisch unvollständig].
Wort für Wort
yadi ayam pratiyudhyet tvām
wenn dieser dich bekämpfte (3.Sg.Opt.)
svakarma kṣatriyasya tat
Eigenpflicht eines Kṣatriya ist das (Nom.; Gen.)
jigīṣamāṇaḥ tvām yuddhe
siegen wollend, dich, im Kampf (Part.Med.; Lok.)
pitṛpaitāmahe pade
im väterlichen und großväterlichen Stand/Thron (Lok.)
Der Satz bleibt ohne Nachsatz; jigīṣamāṇaḥ tvāṃ ist am ehesten „dich zu besiegen suchend“.
tvaṃ cāpi pratiyudhyethā vijigīṣuvrate sthitaḥ; ayuddhvaiva niyogān me vaśe vaideha te sthitaḥ
Und auch du solltest ihn bekämpfen, im Gelübde des Siegeswillens stehend; [doch] ohne gekämpft zu haben, ist er auf meine Weisung hin in deiner Gewalt, Vaideha.
Wort für Wort
tvam ca api pratiyudhyethāḥ
und auch du solltest bekämpfen (2.Sg.Opt.Med.)
vijigīṣuvrate sthitaḥ
im Gelübde des Siegeswillens stehend (Lok.; Part.)
ayuddhvā eva niyogāt me
ohne gekämpft zu haben (Abs.), auf meine Weisung (Abl.)
vaśe vaideha te sthitaḥ
in deiner Gewalt, Vaideha (Vok.), befindet er sich (Part.)
naiva nityaṃ jayas tāta naiva nityaṃ parājayaḥ; tasmād bhojayitavyaś ca bhoktavyaś ca paro janaḥ
Nicht immer ist der Sieg, Lieber, nicht immer die Niederlage; darum ist der andere Mensch zu speisen [bzw. zu bewirten] und [auch] zu genießen/nutzen [?].
Wort für Wort
na eva nityam jayaḥ tāta
nicht immer der Sieg, Lieber (Vok.)
na eva nityam parājayaḥ
nicht immer die Niederlage (Nom.)
tasmāt bhojayitavyaḥ ca
darum ist zu speisen (Gerundiv Kaus.)
bhoktavyaḥ ca paraḥ janaḥ
und zu genießen/nutzen (Gerundiv), der andere Mensch (Nom.)
bhoktavya kann „zu genießen, zu nutzen“ oder „zu speisen (mit)“ bedeuten; der Sinn ist am ehesten wechselseitige Bewirtung bzw. Nutzen voneinander.
ity uktaḥ pratyuvācedaṃ vacanaṃ brāhmaṇarṣabham; abhipūjyābhisatkṛtya pūjārham anumānya ca
So angesprochen, erwiderte er dem Stier unter den Brahmanen diese Rede, nachdem er ihn verehrt, hoch geachtet und als Verehrungswürdigen anerkannt hatte.
Wort für Wort
iti uktaḥ pratyuvāca idam
so angesprochen antwortete er dies (Part.; Perf.)
vacanam brāhmaṇarṣabham
Rede zum Stier unter den Brahmanen (Akk.)
abhipūjya abhisatkṛtya
verehrt habend, geehrt habend (Abs.)
pūjārham anumānya ca
als Verehrungswürdigen anerkannt habend (Akk.; Abs.)
„Wie ein sehr Weiser sprechen würde, wie ein Vielgelehrter sprechen würde, wie ein Heilswünschender sprechen würde, [nämlich so,] was für beide zuträglich sein möge –
Wort für Wort
yathā brūyāt mahāprājñaḥ
wie sprechen würde ein sehr Weiser (3.Sg.Opt.; Nom.)
yathā brūyāt bahuśrutaḥ
wie sprechen würde ein Vielgelehrter
śreyaskāmaḥ yathā brūyāt
ein Heilswünschender, wie er sprechen würde
ubhayoḥ yat kṣamam bhavet
was für beide angemessen wäre (Gen.; Nom.n.; 3.Sg.Opt.)
nāvamanye ca te buddhiṃ nāvamanye ca pauruṣam; nāvamanye jayāmīti jitavad vartatāṃ bhavān
Ich verachte weder deinen Verstand noch deine Mannhaftigkeit; ich verachte dich nicht [mit dem Gedanken:] „Ich habe gesiegt“. Verhalte dich wie ein Sieger.
Wort für Wort
na avamanye ca te buddhim
und nicht missachte ich deinen Verstand (1.Sg.Präs.; Akk.)
na avamanye ca pauruṣam
und nicht missachte ich deine Mannhaftigkeit (Akk.)
na avamanye jayāmi iti
nicht missachte ich [dich mit:] „ich siege/habe gesiegt“ (1.Sg.Präs.)
yathāvat pūjito rājan gṛhaṃ gantāsi me gṛhāt; tataḥ saṃpūjya tau vipraṃ viśvastau jagmatur gṛhān
„Gebührend geehrt wirst du, König, aus [deinem] Haus in mein Haus gehen [?].“ Darauf verehrten beide den Brahmanen, und im Vertrauen zueinander gingen sie nach Hause.
Wort für Wort
yathāvat pūjitaḥ rājan
gebührend geehrt (Part.), König (Vok.)
gṛham gantā asi me gṛhāt
in das Haus wirst du gehen (Periphr.Fut.), aus meinem Haus (Abl.)
tataḥ saṃpūjya tau vipram
darauf, verehrt habend (Abs.) die beiden den Brahmanen (Akk.)
viśvastau jagmatuḥ gṛhān
vertrauend, gingen sie beide (Perf.3.Du.) zu den Häusern (Akk.Pl.)
Der erste Halbvers ist knapp; die Angabe von Ausgangs- und Zielhaus (gṛhaṃ … me gṛhāt) ist unsicher.