Quellen der Menschheit

Mahābhārata · Śāntiparva

Kapitel 294: yogasāṃkhyadarśanam Yoga und Sāṃkhya: Meditation, Kategorien, Erwachen und Befreiung

Auf Karālajanakas Bitte um Klärung von Vielfalt und Einheit folgt Vasiṣṭhas Darlegung der Yogapraxis und anschließend der Sāṃkhya-Kategorien bis zum Erwachen des fünfundzwanzigsten Prinzips.

karālajanaka uvāca; nānātvaikatvam ity uktaṃ tvayaitad ṛṣisattama; paśyāmi cābhisaṃdigdham etayor vai nidarśanam

Karālajanaka sprach: „Vielfalt und Einheit hast du, bester der Weisen, dies dargelegt; doch ich sehe hierin eine Unklarheit, was ihre Veranschaulichung betrifft.

Wort für Wort
karālajanaka uvāca
Karālajanaka sprach (Perf.3.Sg.)
nānātvaikatvam ity uktaṃ
„Vielfalt und Einheit“, so wurde gesagt (Nom.Sg.n., Part.Pass.)
tvayā etad ṛṣisattama
von dir dies, bester der Seher (Instr./Nom./Vok.)
paśyāmi ca abhisaṃdigdham
ich sehe aber [es] zweifelhaft (1.Sg.Präs./Part.Pass.)
etayoḥ vai nidarśanam
bei diesen beiden fürwahr die Veranschaulichung (Gen.Du./Nom.Sg.n.)

tathāprabuddhabuddhābhyāṃ budhyamānasya cānagha; sthūlabuddhyā na paśyāmi tattvam etan na saṃśayaḥ

Ebenso [sehe ich] bei dem Erwachten und dem Nicht-Erwachten und bei dem, der erwacht, Schuldloser, mit meinem groben Verstand nicht die Wahrheit hierin, daran ist kein Zweifel.

Wort für Wort
tathā prabuddhabuddhābhyāṃ
ebenso durch den Erwachten und den Erkannten [?] (Instr.Du.)
budhyamānasya ca anagha
und des Erwachenden, Schuldloser (Gen.Sg./Vok.)
sthūlabuddhyā na paśyāmi
mit grobem Verstand sehe ich nicht (Instr.Sg.f./1.Sg.Präs.)
tattvam etat na saṃśayaḥ
diese Wahrheit; kein Zweifel [besteht] (Akk.Sg.n./Nom.Sg.m.)

Lesart und Bezug von prabuddhabuddhābhyām unsicher; sinngemäß die drei Zustände buddha, apratibuddha, budhyamāna aus V. 4.

akṣarakṣarayor uktaṃ tvayā yad api kāraṇam; tad apy asthirabuddhitvāt pranaṣṭam iva me 'nagha

Auch das, was du als Grund für das Unvergängliche und das Vergängliche gesagt hast, ist mir wegen meines unsteten Verstandes wie verloren gegangen, Schuldloser.

Wort für Wort
akṣarakṣarayoḥ uktaṃ
des Unvergänglichen und des Vergänglichen wurde gesagt (Gen.Du./Part.Pass.)
tvayā yad api kāraṇam
von dir, was auch immer an Grund (Instr./Nom.Sg.n.)
tad api asthirabuddhitvāt
auch das wegen der Unstetigkeit des Verstandes (Abl.Sg.n., Abstraktum)
pranaṣṭam iva me anagha
gleichsam verloren mir, Schuldloser (Part.Pass./Dat.-Gen.Sg./Vok.)

tad etac chrotum icchāmi nānātvaikatvadarśanam; buddham apratibuddhaṃ ca budhyamānaṃ ca tattvataḥ

Das möchte ich hören: die Sicht auf Vielfalt und Einheit, und das Erkannte, das Nicht-Erkannte und das Erkennende der Wahrheit nach.

Wort für Wort
tat etat śrotum icchāmi
dies möchte ich hören (Inf./1.Sg.Präs.)
nānātvaikatvadarśanam
die Sicht auf Vielfalt und Einheit (Akk.Sg.n., Kompositum)
buddham apratibuddhaṃ ca
das Erkannte und das Nicht-Erkannte (Akk.Sg.n.)
budhyamānaṃ ca tattvataḥ
und das Erwachende der Wahrheit nach (Part.Präs.Med./Adv.)

vidyāvidye ca bhagavann akṣaraṃ kṣaram eva ca; sāṃkhyaṃ yogaṃ ca kārtsnyena pṛthak caivāpṛthak ca ha

Auch Wissen und Nicht-Wissen, Erhabener, das Unvergängliche und eben das Vergängliche, Sāṃkhya und Yoga vollständig, [sowie] als getrennt und als ungetrennt.

Wort für Wort
vidyāvidye ca bhagavan
Wissen und Nichtwissen, Erhabener (Nom./Akk.Du.f./Vok.)
akṣaraṃ kṣaram eva ca
das Unvergängliche und eben das Vergängliche (Akk.Sg.n.)
sāṃkhyaṃ yogaṃ ca kārtsnyena
Sāṃkhya und Yoga vollständig (Akk.Sg.n./Instr.Sg.n. adverbial)
pṛthak ca eva apṛthak ca ha
sowohl getrennt als auch ungetrennt fürwahr (Adv.)

vasiṣṭha uvāca; hanta te saṃpravakṣyāmi yad etad anupṛcchasi; yogakṛtyaṃ mahārāja pṛthag eva śṛṇuṣva me

Vasiṣṭha sprach: „Wohlan, ich will dir darlegen, wonach du fragst. Die Übung des Yoga, großer König, höre gesondert von mir.

Wort für Wort
vasiṣṭha uvāca
Vasiṣṭha sprach (Perf.3.Sg.)
hanta te saṃpravakṣyāmi
wohlan, dir will ich darlegen (Interj./Dat.Sg./1.Sg.Fut.)
yat etat anupṛcchasi
was du hier erfragst (Rel./2.Sg.Präs.)
yogakṛtyaṃ mahārāja
die Obliegenheit des Yoga, großer König (Akk.Sg.n./Vok.)
pṛthak eva śṛṇuṣva me
eben gesondert höre von mir (Adv./Imp.2.Sg.Med./Abl.-Gen.)

yogakṛtyaṃ tu yogānāṃ dhyānam eva paraṃ balam; tac cāpi dvividhaṃ dhyānam āhur vedavido janāḥ

Bei den Yogaübungen aber ist die Meditation die höchste Kraft; und diese Meditation, sagen die Veda-Kundigen, ist zweifach.

Wort für Wort
yogakṛtyaṃ tu yogānām
die Obliegenheit aber der Yogas (Nom.Sg.n./Gen.Pl.)
dhyānam eva paraṃ balam
die Meditation ist die höchste Kraft (Nom.Sg.n.)
tat ca api dvividhaṃ dhyānam
und diese Meditation ist zweifach (Nom.Sg.n.)
āhuḥ vedavidaḥ janāḥ
sagen die Veda-Kundigen, Leute (Perf.3.Pl./Nom.Pl.)

ekāgratā ca manasaḥ prāṇāyāmas tathaiva ca; prāṇāyāmas tu saguṇo nirguṇo manasas tathā

[Nämlich] Gesammeltheit des Denkens und ebenso Atemlenkung; die Atemlenkung aber ist mit Eigenschaften [versehen], ebenso die des Denkens ohne Eigenschaften.

Wort für Wort
ekāgratā ca manasaḥ
Einspitzigkeit des Denkens (Nom.Sg.f./Gen.Sg.n.)
prāṇāyāmaḥ tathā eva ca
und ebenso die Atemlenkung (Nom.Sg.m.)
prāṇāyāmaḥ tu saguṇaḥ
die Atemlenkung aber ist mit Eigenschaften (Nom.Sg.m.)
nirguṇaḥ manasaḥ tathā
ohne Eigenschaften ebenso die des Denkens (Nom.Sg.m./Gen.)

Der Vers ist knapp; die Zuordnung von saguṇa/nirguṇa ist sinngemäß ergänzt [?].

mūtrotsarge purīṣe ca bhojane ca narādhipa; trikālaṃ nābhiyuñjīta śeṣaṃ yuñjīta tatparaḥ

Beim Harnlassen, beim Stuhlgang und beim Essen, Herrscher der Menschen, soll man sich zu den drei Zeiten nicht [darauf] verlegen; die übrige [Zeit] soll man sich hingebungsvoll [dem Yoga] widmen.

Wort für Wort
mūtrotsarge purīṣe ca
beim Harnlassen und beim Stuhl (Lok.Sg.)
bhojane ca narādhipa
und beim Essen, Herrscher der Menschen (Lok.Sg./Vok.)
trikālaṃ na abhiyuñjīta
zu den drei Zeiten soll man nicht üben (Adv./Opt.3.Sg.Med.)
śeṣaṃ yuñjīta tatparaḥ
den Rest soll man üben, darauf gerichtet (Akk.Sg.n./Opt.3.Sg.Med./Nom.Sg.m.)

trikālam: „zu den drei Zeiten“ (Zeiten der drei genannten Verrichtungen), Bezug leicht unsicher [?].

indriyāṇīndriyārthebhyo nivartya manasā muniḥ; daśadvādaśabhir vāpi caturviṃśāt paraṃ tataḥ

Der Weise soll mit dem Denken die Sinne von den Sinnesobjekten zurückziehen, [dabei] mit den zehn oder zwölf, darüber hinaus dann mit den vierundzwanzig.

Wort für Wort
indriyāṇi indriyārthebhyaḥ
die Sinne von den Sinnesobjekten (Akk.Pl./Abl.Pl.)
nivartya manasā muniḥ
zurückziehend mit dem Denken, der Weise (Abs./Instr.Sg./Nom.Sg.)
daśadvādaśabhiḥ vā api
mit zehn oder zwölf oder auch (Instr.Pl./Part.)
caturviṃśāt param tataḥ
über die Vierundzwanzig hinaus dann (Abl.Sg./Adv.)

Der Vers ist elliptisch; die Zahlen sind ohne Bezugswort überliefert [?].

taṃ codanābhir matimān ātmānaṃ codayed atha; tiṣṭhantam ajaraṃ taṃ tu yat tad uktaṃ manīṣibhiḥ

Ihn [den Geist] soll der Einsichtige dann mit Antrieben zum Selbst hin antreiben, [zu dem], das dasteht, unalternd, von dem die Weisen gesprochen haben.

Wort für Wort
tam codanābhiḥ matimān
ihn mit Antrieben, der Einsichtige (Akk./Instr.Pl./Nom.Sg.)
ātmānaṃ codayet atha
das Selbst soll er antreiben, dann (Akk.Sg./Opt.3.Sg./Adv.)
tiṣṭhantam ajaraṃ tam tu
das Dastehende, Unalternde, jenes aber (Part.Präs.Akk./Akk.Sg.)
yat tat uktaṃ manīṣibhiḥ
was jenes, gesagt wurde von den Weisen (Rel./Part.Pass./Instr.Pl.)

Syntax des Verses unsicher: tam ist ggf. der Geist, ātmānam das Ziel des Antriebs [?].

taiś cātmā satataṃ jñeya ity evam anuśuśruma; dravyaṃ hy ahīnamanaso nānyatheti viniścayaḥ

Und durch diese [Antriebe] ist das Selbst stets zu erkennen; so haben wir es gehört. Denn [der Stoff] ist für den, dessen Geist nicht schwindet, nicht anders; das ist die Gewissheit.

Wort für Wort
taiḥ ca ātmā satataṃ jñeyaḥ
und durch diese ist das Selbst stets zu erkennen (Instr.Pl./Nom.Sg./Adv./Gerundiv)
iti evam anuśuśruma
so, in dieser Weise haben wir nachgehört (1.Pl.Perf.)
dravyaṃ hi ahīnamanasaḥ
denn der Stoff für den mit unvermindertem Geist (Nom.Sg.n./Gen.Sg.)
na anyathā iti viniścayaḥ
nicht anders, so [lautet] die Gewissheit (Adv./Nom.Sg.m.)

dravyam hier unsicher (Stoff/Mittel/Gegenstand); der Vers ist syntaktisch dunkel [?].

vimuktaḥ sarvasaṅgebhyo laghvāhāro jitendriyaḥ; pūrvarātre pare caiva dhārayeta mano ''tmani

Von allen Anhaftungen befreit, mäßig essend, die Sinne besiegt, soll er in der ersten und in der letzten Nachtwache das Denken im Selbst festhalten.

Wort für Wort
vimuktaḥ sarvasaṅgebhyaḥ
befreit von allen Anhaftungen (Part.Pass./Abl.Pl.)
laghvāhāraḥ jitendriyaḥ
wenig essend, mit besiegten Sinnen (Nom.Sg.m., Bahuvrīhi)
pūrvarātre pare ca eva
in der Anfangsnacht und in der späteren (Lok.Sg.)
dhārayeta manaḥ ātmani
soll festhalten das Denken im Selbst (Opt.3.Sg.Med./Akk.Sg.n./Lok.Sg.)

sthirīkṛtyendriyagrāmaṃ manasā mithileśvara; mano buddhyā sthiraṃ kṛtvā pāṣāṇa iva niścalaḥ

Nachdem er die Schar der Sinne mit dem Denken zur Ruhe gebracht hat, Herr von Mithilā, [und] das Denken mit der Erkenntnisfähigkeit gefestigt, [sei er] unbewegt wie ein Fels.

Wort für Wort
sthirīkṛtya indriyagrāmaṃ
festmachend die Sinnesschar (Abs./Akk.Sg.m.)
manasā mithileśvara
mit dem Denken, Herr von Mithilā (Instr./Vok.)
manaḥ buddhyā sthiraṃ kṛtvā
das Denken mit der Buddhi fest gemacht habend (Akk./Instr./Abs.)
pāṣāṇaḥ iva niścalaḥ
wie ein Stein unbewegt (Nom.Sg.m.)

sthāṇuvac cāpy akampaḥ syād girivac cāpi niścalaḥ; budhā vidhividhānajñās tadā yuktaṃ pracakṣate

Wie ein Pfahl soll er unerschütterlich sein und wie ein Berg unbewegt; dann nennen die Kundigen, die die Regeln und Vorschriften kennen, ihn „vereint“.

Wort für Wort
sthāṇuvat ca api akampaḥ syāt
wie ein Pfahl auch unerschütterlich soll er sein (Adv./Opt.3.Sg.)
girivat ca api niścalaḥ
und wie ein Berg unbewegt (Adv./Nom.Sg.m.)
budhāḥ vidhividhānajñāḥ
die Kundigen, Kenner von Regel und Vorschrift (Nom.Pl.)
tadā yuktaṃ pracakṣate
dann nennen sie [ihn] den Vereinten (Adv./Akk.Sg.m./3.Pl.Präs.Med.)

na śṛṇoti na cāghrāti na rasyati na paśyati; na ca sparśaṃ vijānāti na saṃkalpayate manaḥ

Er hört nicht, riecht nicht, schmeckt nicht, sieht nicht; er nimmt auch keine Berührung wahr, und sein Denken bildet keine Absichten.

Wort für Wort
na śṛṇoti na āghrāti
er hört nicht, riecht nicht (3.Sg.Präs.)
na rasyati na paśyati
schmeckt nicht, sieht nicht (3.Sg.Präs.)
na ca sparśaṃ vijānāti
und Berührung nimmt er nicht wahr (Akk.Sg.m./3.Sg.Präs.)
na saṃkalpayate manaḥ
nicht plant das Denken (3.Sg.Präs.Med./Nom.Sg.n.)

na cābhimanyate kiṃ cin na ca budhyati kāṣṭhavat; tadā prakṛtim āpannaṃ yuktam āhur manīṣiṇaḥ

Er bildet sich auch nichts ein und erkennt nichts, [er ist] wie ein Holzscheit; dann nennen die Weisen ihn den in seinen Urzustand Gelangten, den Vereinten.

Wort für Wort
na ca abhimanyate kiṃcit
und er hat keinen Eigendünkel irgendwie (3.Sg.Präs.Med./Indef.)
na ca budhyati kāṣṭhavat
und er erkennt nicht, wie Holz (Adv.)
tadā prakṛtim āpannaṃ
dann in den Urzustand gelangt (Akk.Sg.f./Part.Perf.Pass.)
yuktam āhuḥ manīṣiṇaḥ
den Vereinten nennen sie, die Weisen (Akk.Sg.m./Perf.3.Pl./Nom.Pl.)

prakṛti hier vermutlich „Urzustand/natürlicher Zustand“; Bezug zur Sāṃkhya-Prakṛti nicht auszuschließen [?].

nivāte ca yathā dīpyan dīpas tadvat sa dṛśyate; niriṅgaś cācalaś cordhvaṃ na tiryaggatim āpnuyāt

Und wie eine Lampe an einem windstillen Ort hell brennt, so wird er gesehen: ohne Regung und ohne Wanken, aufwärts [gerichtet]; er möge keinen Weg seitwärts einschlagen.

Wort für Wort
nivāte ca yathā dīpyan
und wie am windstillen Ort leuchtend (Lok.Sg.n./Part.Präs.)
dīpaḥ tadvat sa dṛśyate
die Lampe, so wird er gesehen (Nom.Sg.m./Pass.3.Sg.)
niriṅgaḥ ca acalaḥ ca
regungslos und unbeweglich (Nom.Sg.m.)
ūrdhvaṃ na tiryaggatim āpnuyāt
aufwärts; keinen Seitwärtsgang möge er erlangen (Adv./Akk.Sg.f./Opt.3.Sg.)

tadā tam anupaśyeta yasmin dṛṣṭe tu kathyate; hṛdayastho 'ntarātmeti jñeyo jñas tāta madvidhaiḥ

Dann soll man ihn erblicken, bei dessen Erblicken man sagt: ‚der im Herzen weilende innere Selbst‘, [so] ist der Wissende, mein Lieber, von Leuten wie mir zu erkennen.

Wort für Wort
tadā tam anupaśyeta
dann soll man ihn erblicken (Adv./Akk./Opt.3.Sg.Med.)
yasmin dṛṣṭe tu kathyate
bei dessen Erblicken aber gesagt wird (Lok.abs./Pass.3.Sg.)
hṛdayasthaḥ antarātmā iti
‚im Herzen weilend, inneres Selbst‘, so (Nom.Sg.m.)
jñeyaḥ jñaḥ tāta madvidhaiḥ
zu erkennen ist der Wissende, Lieber, von Meinesgleichen (Gerundiv/Nom./Vok./Instr.Pl.)

Anführungszeichen-Gliederung sinngemäß; jñeyo jñaḥ ist wörtlich „der Erkennbare, der Wissende“.

vidhūma iva saptārcir āditya iva raśmimān; vaidyuto 'gnir ivākāśe dṛśyate ''tmā tathātmani

Wie ein rauchloses Feuer, wie die Sonne mit ihren Strahlen, wie ein Blitzfeuer am Himmel wird das Selbst im Selbst gesehen.

Wort für Wort
vidhūmaḥ iva saptārciḥ
wie rauchlos das Siebenflammige, Feuer (Nom.Sg.m.)
ādityaḥ iva raśmimān
wie die Sonne, strahlenreich (Nom.Sg.m.)
vaidyutaḥ agniḥ iva ākāśe
wie Blitzfeuer im Himmelsraum (Nom.Sg.m./Lok.Sg.)
dṛśyate ātmā tathā ātmani
wird gesehen das Selbst so im Selbst (Pass.3.Sg./Nom./Lok.Sg.)

yaṃ paśyanti mahātmāno dhṛtimanto manīṣiṇaḥ; brāhmaṇā brahmayoniṣṭhā hy ayonim amṛtātmakam

Den die großgesinnten, standhaften Weisen sehen, Brahmanen, im Brahman verankert, [den] Ungeborenen, dessen Wesen Unsterblichkeit ist:

Wort für Wort
yaṃ paśyanti mahātmānaḥ
den sehen die Großgesinnten (Rel.Akk./3.Pl.Präs./Nom.Pl.)
dhṛtimantaḥ manīṣiṇaḥ
standhaft, die Weisen (Nom.Pl.)
brāhmaṇāḥ brahmayoniṣṭhāḥ hi
Brahmanen, im Brahman-Schoß verwurzelt fürwahr (Nom.Pl.)
ayonim amṛtātmakam
den Schoßlosen [Ungeborenen], dessen Wesen Unsterblichkeit ist (Akk.Sg.m.)

brahmayoniṣṭha: „im Brahman als Ursprung stehend“, Analyse unsicher [?].

tad evāhur aṇubhyo 'ṇu tan mahadbhyo mahattaram; tadantaḥ sarvabhūteṣu dhruvaṃ tiṣṭhan na dṛśyate

Eben dieses nennen sie feiner als das Feinste und größer als das Größte; in allen Wesen inwendig fest bestehend, wird es nicht gesehen.

Wort für Wort
tat eva āhuḥ aṇubhyaḥ aṇu
eben dieses nennen sie feiner als die Feinen (Perf.3.Pl./Abl.Pl./Nom.Sg.n.)
tat mahadbhyaḥ mahattaram
es, größer als die Großen (Abl.Pl./Komp.)
tadantaḥ sarvabhūteṣu
dessen Inneres [bzw. dieses] in allen Wesen (Lok.Pl.)
dhruvaṃ tiṣṭhan na dṛśyate
fest bestehend, wird nicht gesehen (Part.Präs./Pass.3.Sg.)

tadantaḥ als tad antaḥ „darin/innerhalb“ gedeutet [?].

buddhidravyeṇa dṛśyeta manodīpena lokakṛt; mahatas tamasas tāta pāre tiṣṭhann atāmasaḥ

Durch den Stoff der Erkenntnis, durch die Lampe des Denkens ist er zu sehen, der Weltenschöpfer; jenseits des großen Dunkels, mein Lieber, verweilend, unverdunkelt.

Wort für Wort
buddhidravyeṇa dṛśyeta
durch den Stoff der Erkenntnis möge er gesehen werden (Instr.Sg./Pass.Opt.3.Sg.)
manodīpena lokakṛt
durch die Lampe des Denkens, Weltenschöpfer (Instr.Sg./Nom.Sg.m.)
mahataḥ tamasaḥ tāta
des großen Dunkels, Lieber (Gen.Sg./Vok.)
pāre tiṣṭhan atāmasaḥ
jenseits stehend, nicht dunkel (Lok.Sg./Part.Präs./Nom.Sg.m.)

sa tamonuda ity uktas tattvajñair vedapāragaiḥ; vimalo vitamaskaś ca nirliṅgo 'liṅgasaṃjñitaḥ

Er wird von den Wahrheitskundigen, die den Veda zu Ende gegangen sind, „Dunkelvertreiber“ genannt; makellos, frei von Finsternis, ohne Merkmal, „Merkmalloser“ genannt.

Wort für Wort
sa tamonudaḥ iti uktaḥ
er wird „Dunkelvertreiber“ genannt (Nom.Sg.m./Part.Pass.)
tattvajñaiḥ vedapāragaiḥ
von den Wahrheitskennern, Veda-Vollendeten (Instr.Pl.)
vimalaḥ vitamaskaḥ ca
makellos und frei von Finsternis (Nom.Sg.m.)
nirliṅgaḥ aliṅgasaṃjñitaḥ
merkmallos, „Merkmalloser“ benannt (Nom.Sg.m./Part.Pass.)

yogam etad dhi yogānāṃ manye yogasya lakṣaṇam; evaṃ paśyaṃ prapaśyanti ātmānam ajaraṃ param

Dies, so meine ich, ist der Yoga der Yogas, das Kennzeichen des Yoga: Wer so schaut, schaut das höchste, unalternde Selbst.

Wort für Wort
yogam etat hi yogānām
diesen Yoga fürwahr unter den Yogas (Akk.Sg.m./Gen.Pl.)
manye yogasya lakṣaṇam
meine ich, das Kennzeichen des Yoga (1.Sg.Präs.Med./Akk.Sg.n.)
evaṃ paśyaṃ prapaśyanti
wer so schaut, sie erblicken (Part.Präs./3.Pl.Präs.)
ātmānam ajaraṃ param
das Selbst, unalternd, höchstes (Akk.Sg.m.)

Syntax von evaṃ paśyam prapaśyanti: „so Schauende erblicken“ (Nominativ-Partizip singularisch); Textzustand ungewöhnlich [?].

yogadarśanam etāvad uktaṃ te tattvato mayā; sāṃkhyajñānaṃ pravakṣyāmi parisaṃkhyānidarśanam

Diese Schau des Yoga ist dir von mir der Wahrheit gemäß dargelegt; das Sāṃkhya-Wissen werde ich [nun] verkünden, die Darlegung der [Prinzipien-]Aufzählung.

Wort für Wort
yogadarśanam etāvad
die Yoga-Schau [ist] so weit (Nom./Akk. Sg. n.; Adv.)
uktaṃ te tattvato mayā
dargelegt dir der Wahrheit gemäß von mir (Part. Perf. Pass.; Dat./Gen.; Abl.-Adv.; Instr.)
sāṃkhyajñānaṃ pravakṣyāmi
das Sāṃkhya-Wissen werde ich verkünden (Akk. Sg. n.; 1.Sg. Fut.)
parisaṃkhyānidarśanam
die Darlegung der Aufzählung (Akk. Sg. n.; Kompositum)

avyaktam āhuḥ prakṛtiṃ parāṃ prakṛtivādinaḥ; tasmān mahat samutpannaṃ dvitīyaṃ rājasattama

Das Unmanifeste nennen die Vertreter der Urnatur die höchste Urnatur; aus ihr ist das Große als Zweites entstanden, bester der Könige.

Wort für Wort
avyaktam āhuḥ prakṛtiṃ parām
das Unmanifeste nennen sie, die Urnatur, die höchste (Akk.; 3.Pl. Perf.)
prakṛtivādinaḥ
die Vertreter der Urnatur-Lehre (Nom. Pl. m.)
tasmān mahat samutpannaṃ
aus dieser [ist] das Große entstanden (Abl. Sg.; Nom. Sg. n.; Part. Perf. Pass.)
dvitīyaṃ rājasattama
als Zweites, bester der Könige (Nom. n.; Vok. Sg.)

ahaṃkāras tu mahatas tṛtīyam iti naḥ śrutam; pañca bhūtāny ahaṃkārād āhuḥ sāṃkhyānudarśinaḥ

Das Ich-Bewusstsein aber [ist] das Dritte nach dem Großen, so haben wir gehört; die fünf Elemente [entstehen], sagen die Sāṃkhya-Kundigen, aus dem Ich-Bewusstsein.

Wort für Wort
ahaṃkāras tu mahatas
das Ich-Bewusstsein aber, vom Großen [her] (Nom. Sg. m.; Abl./Gen. Sg. n.)
tṛtīyam iti naḥ śrutam
[ist] das Dritte, so von uns gehört (Nom. n.; Part. Pass., Gen./Instr. der 1.Pl.)
pañca bhūtāny ahaṃkārād
die fünf Elemente aus dem Ich-Bewusstsein (Nom. Pl. n.; Abl. Sg.)
āhuḥ sāṃkhyānudarśinaḥ
sagen die, die das Sāṃkhya durchschauen (3.Pl. Perf.; Nom. Pl. m.)

etāḥ prakṛtayas tv aṣṭau vikārāś cāpi ṣoḍaśa; pañca caiva viśeṣā vai tathā pañcendriyāṇi ca

Dies sind die acht Urnaturen und ebenso die sechzehn Wandlungen: fünf [sind] die Besonderen und ebenso die fünf Sinne [usw.].

Wort für Wort
etāḥ prakṛtayas tv aṣṭau
diese aber [sind] die acht Urnaturen (Nom. Pl. f.; Zahlwort)
vikārāś cāpi ṣoḍaśa
und auch die sechzehn Wandlungen (Nom. Pl. m.)
pañca caiva viśeṣā vai
und fünf [sind] die Besonderen fürwahr (Nom. Pl. m.)
tathā pañcendriyāṇi ca
ebenso die fünf Sinne (Nom. Pl. n.)

Die Aufzählung der sechzehn Wandlungen ist im Vers nur teilweise ausgeführt (fünf viśeṣa, fünf indriya; der Rest wird nicht genannt).

etāvad eva tattvānāṃ sāṃkhyam āhur manīṣiṇaḥ; sāṃkhye vidhividhānajñā nityaṃ sāṃkhyapathe ratāḥ

So viel nur an Prinzipien nennen die Weisen Sāṃkhya; [sie sind] im Sāṃkhya der Regel und Anordnung Kundige, stets dem Sāṃkhya-Pfad ergeben.

Wort für Wort
etāvad eva tattvānāṃ
nur so viel der Prinzipien (Adv./Nom. n.; Gen. Pl.)
sāṃkhyam āhur manīṣiṇaḥ
nennen Sāṃkhya die Weisen (Akk. Sg. n.; 3.Pl. Perf.; Nom. Pl. m.)
sāṃkhye vidhividhānajñā
im Sāṃkhya der Regel und Anordnung Kundige (Lok. Sg.; Nom. Pl. m.)
nityaṃ sāṃkhyapathe ratāḥ
stets am Sāṃkhya-Pfad erfreut (Adv.; Lok. Sg.; Part. Pass., Nom. Pl. m.)

yasmād yad abhijāyeta tat tatraiva pralīyate; līyante pratilomāni sṛjyante cāntarātmanā

Woraus etwas entsteht, in eben dem löst es sich auf; in umgekehrter Reihenfolge lösen sie sich auf, und durch das innere Selbst werden sie erschaffen.

Wort für Wort
yasmād yad abhijāyeta
woraus was entstünde (Abl. Sg.; Nom. n.; Opt. Med.)
tat tatraiva pralīyate
das löst sich eben dort auf (Nom.; Adv.; 3.Sg. Pass./Med.)
līyante pratilomāni
lösen sich auf, in umgekehrter Folge (3.Pl. Präs.; Nom. Pl. n.)
sṛjyante cāntarātmanā
und werden erschaffen durch das innere Selbst (3.Pl. Pass.; Instr. Sg.)

anulomena jāyante līyante pratilomataḥ; guṇā guṇeṣu satataṃ sāgarasyormayo yathā

In [aufsteigender] Ordnung entstehen sie, in umgekehrter lösen sie sich auf; die Guṇas [entstehen und vergehen] beständig in den Guṇas, wie die Wellen des Meeres.

Wort für Wort
anulomena jāyante
in gerader Ordnung entstehen sie (Instr. Sg.; 3.Pl. Präs.)
līyante pratilomataḥ
lösen sich auf in umgekehrter Ordnung (3.Pl. Präs.; Adv.)
guṇā guṇeṣu satatam
die Guṇas in den Guṇas beständig (Nom. Pl.; Lok. Pl.; Adv.)
sāgarasyormayo yathā
wie die Wellen des Meeres (Gen. Sg.; Nom. Pl. f.; Adv.)

sargapralaya etāvān prakṛter nṛpasattama; ekatvaṃ pralaye cāsya bahutvaṃ ca yadāsṛjat; evam eva ca rājendra vijñeyaṃ jñeyacintakaiḥ

Erschaffung und Auflösung der Urnatur sind nur so viel, bester der Fürsten: Einheit in ihrer Auflösung, und Vielheit, wenn sie erschuf; ebenso, König der Könige, ist es von den über das Zu-Erkennende Nachsinnenden zu erkennen.

Wort für Wort
sargapralaya etāvān
Erschaffung und Auflösung [sind] nur so groß (Nom. m.; Kompositum)
prakṛter nṛpasattama
der Urnatur, bester der Fürsten (Gen. Sg.; Vok. Sg.)
ekatvaṃ pralaye cāsya
und Einheit in der Auflösung dieser (Nom. n.; Lok. Sg.; Gen. Sg.)
bahutvaṃ ca yadāsṛjat
und Vielheit, wenn sie erschuf (Nom. n.; Konj.; 3.Sg. Impf.)
evam eva ca rājendra
und eben so, Fürst der Könige (Adv.; Vok. Sg.)
vijñeyaṃ jñeyacintakaiḥ
ist zu erkennen von den über das Erkennbare Sinnenden (Ger., Nom. n.; Instr. Pl.)

adhiṣṭhātāram avyaktam asyāpy etan nidarśanam; ekatvaṃ ca bahutvaṃ ca prakṛter anu tattvavān; ekatvaṃ pralaye cāsya bahutvaṃ ca pravartanāt

Als Vorsteher [gilt] das Unmanifeste; auch für dieses [Vorstehen] ist dies ein Beleg: Einheit und Vielheit [gehören] der Urnatur [an], der Wahrheitskundige [erkennt es] gemäß [?]; Einheit in ihrer Auflösung und Vielheit durch das Hervortreten.

Wort für Wort
adhiṣṭhātāram avyaktam
als Vorsteher das Unmanifeste (Akk. Sg. m.; Akk. Sg. n.)
asyāpy etan nidarśanam
auch für dieses ist dies ein Beleg (Gen. Sg.; Nom. Sg. n.)
ekatvaṃ ca bahutvaṃ ca
Einheit und Vielheit (Nom. n.)
prakṛter anu tattvavān
der Urnatur gemäß [?], der Wahrheitskundige (Gen. Sg./Abl.; Präp.; Nom. Sg. m.)
ekatvaṃ pralaye cāsya
Einheit in der Auflösung dieser (Lok. Sg.; Gen. Sg.)
bahutvaṃ ca pravartanāt
und Vielheit durch das Hervortreten (Abl. Sg. n.)

Die Halbverszeile „ekatvaṃ ca bahutvaṃ ca prakṛter anu tattvavān“ ist syntaktisch knapp und unsicher.

bahudhātmā prakurvīta prakṛtiṃ prasavātmikām; tac ca kṣetraṃ mahān ātmā pañcaviṃśo 'dhitiṣṭhati

Vielfach [wirkend] würde das Selbst die Urnatur, deren Wesen das Gebären ist, hervorbringen [?]; und diesem Feld steht das große Selbst als Fünfundzwanzigster vor.

Wort für Wort
bahudhātmā prakurvīta
vielfach das Selbst, würde hervorbringen (Adv.-Kompositum; Nom. Sg.; Opt. Med.)
prakṛtiṃ prasavātmikām
die Urnatur, die zeugende (Akk. Sg. f.)
tac ca kṣetraṃ mahān ātmā
und dieses Feld, das große Selbst (Akk. Sg. n.; Nom. Sg. m.)
pañcaviṃśo 'dhitiṣṭhati
als Fünfundzwanzigster steht vor (Nom. Sg. m.; 3.Sg. Präs.)

adhiṣṭhāteti rājendra procyate yatisattamaiḥ; adhiṣṭhānād adhiṣṭhātā kṣetrāṇām iti naḥ śrutam

„Vorsteher“, so wird er genannt, König der Könige, von den besten der Asketen; weil er den Feldern vorsteht, [heißt er] Vorsteher der Felder, so haben wir gehört.

Wort für Wort
adhiṣṭhāteti rājendra
„Vorsteher“, so, Fürst der Könige (Nom. Sg. m.; Vok. Sg.)
procyate yatisattamaiḥ
wird genannt von den besten Asketen (3.Sg. Pass.; Instr. Pl.)
adhiṣṭhānād adhiṣṭhātā
durch das Vorstehen [ist er] Vorsteher (Abl. Sg. n.; Nom. Sg. m.)
kṣetrāṇām iti naḥ śrutam
der Felder, so von uns gehört (Gen. Pl.; Part. Pass.)

kṣetraṃ jānāti cāvyaktaṃ kṣetrajña iti cocyate; avyaktike pure śete puruṣaś ceti kathyate

Er kennt das Feld und das Unmanifeste und wird deshalb Feldkenner genannt; in der unmanifesten Stadt ruht er, und so wird er Puruṣa genannt.

Wort für Wort
kṣetraṃ jānāti cāvyaktaṃ
das Feld kennt er und das Unmanifeste (Akk. n.; 3.Sg. Präs.)
kṣetrajña iti cocyate
und Feldkenner, so wird er genannt (Nom. Sg. m.; 3.Sg. Pass.)
avyaktike pure śete
in der unmanifesten Stadt ruht er (Lok. Sg. n.; 3.Sg. Präs.)
puruṣaś ceti kathyate
und Puruṣa, so wird er genannt (Nom. Sg.; 3.Sg. Pass.)

Etymologisierende Deutung: kṣetra-jña als „Feldkenner“, puruṣa als „in der Stadt (pura) Ruhender“.

anyad eva ca kṣetraṃ syād anyaḥ kṣetrajña ucyate; kṣetram avyaktam ity uktaṃ jñātā vai pañcaviṃśakaḥ

Ein anderes ist das Feld, ein anderer wird der Feldkenner genannt; das Feld ist, so heißt es, das Unmanifeste, der Kenner aber der Fünfundzwanzigste.

Wort für Wort
anyad eva ca kṣetraṃ syād
und ein anderes ist das Feld (Nom. n.; Opt.)
anyaḥ kṣetrajña ucyate
ein anderer heißt Feldkenner (Nom. m.; 3.Sg. Pass.)
kṣetram avyaktam ity uktam
das Feld ist das Unmanifeste, so gesagt (Nom. n.; Part. Pass.)
jñātā vai pañcaviṃśakaḥ
der Kenner fürwahr [ist] der Fünfundzwanzigste (Nom. Sg. m.)

anyad eva ca jñānaṃ syād anyaj jñeyaṃ tad ucyate; jñānam avyaktam ity uktaṃ jñeyo vai pañcaviṃśakaḥ

Ein anderes ist das Wissen, ein anderes wird das Zu-Erkennende genannt; das Wissen ist, so heißt es, das Unmanifeste, das Zu-Erkennende aber der Fünfundzwanzigste.

Wort für Wort
anyad eva ca jñānaṃ syād
und ein anderes ist das Wissen (Nom. n.; Opt.)
anyaj jñeyaṃ tad ucyate
ein anderes, das Zu-Erkennende, wird genannt (Nom. n.; Ger.; 3.Sg. Pass.)
jñānam avyaktam ity uktam
das Wissen ist das Unmanifeste, so gesagt (Nom. n.)
jñeyo vai pañcaviṃśakaḥ
das Zu-Erkennende fürwahr der Fünfundzwanzigste (Ger., Nom. Sg. m.)

avyaktaṃ kṣetram ity uktaṃ tathā sattvaṃ tatheśvaram; anīśvaram atattvaṃ ca tattvaṃ tat pañcaviṃśakam

Das Unmanifeste heißt Feld, ebenso Sattva, ebenso Herr; [es ist] Nicht-Herr und Nicht-Prinzip, und jener Fünfundzwanzigste [ist] das Prinzip [?].

Wort für Wort
avyaktaṃ kṣetram ity uktaṃ
das Unmanifeste, Feld, so genannt (Nom. n.; Part. Pass.)
tathā sattvaṃ tatheśvaram
ebenso Sattva, ebenso Herr (Nom. n.)
anīśvaram atattvaṃ ca
Nicht-Herr und Nicht-Prinzip (Nom. n.)
tattvaṃ tat pañcaviṃśakam
das Prinzip [ist] jener Fünfundzwanzigste (Nom. n.)

Die Zuordnung von anīśvaram atattvaṃ ca und tattvaṃ ist unsicher; wörtlich wiedergegeben.

sāṃkhyadarśanam etāvat parisaṃkhyānadarśanam; sāṃkhyaṃ prakurute caiva prakṛtiṃ ca pracakṣate

Dies ist die Sāṃkhya-Schau, die Schau der Aufzählung; das Sāṃkhya erörtert [sie] [?] und man benennt die Urnatur.

Wort für Wort
sāṃkhyadarśanam etāvat
die Sāṃkhya-Schau [ist] so viel (Nom. n.; Adv.)
parisaṃkhyānadarśanam
die Schau der Aufzählung (Nom. n.; Kompositum)
sāṃkhyaṃ prakurute caiva
das Sāṃkhya erörtert [?] und (Nom. n.; 3.Sg. Med.)
prakṛtiṃ ca pracakṣate
und die Urnatur benennen sie (Akk. Sg. f.; 3.Pl. Med.)

Zweite Zeile wörtlich und unsicher: prakurute (erörtert/bringt hervor) und pracakṣate (benennen).

tattvāni ca caturviṃśat parisaṃkhyāya tattvataḥ; sāṃkhyāḥ saha prakṛtyā tu nistattvaḥ pañcaviṃśakaḥ

Nachdem die Sāṃkhya-Anhänger die vierundzwanzig Prinzipien der Wahrheit gemäß samt der Urnatur aufgezählt haben, [gilt] der Fünfundzwanzigste [als] ohne Prinzip.

Wort für Wort
tattvāni ca caturviṃśat
und die Prinzipien, vierundzwanzig (Akk. Pl. n.; Zahlwort)
parisaṃkhyāya tattvataḥ
nachdem sie aufgezählt haben, der Wahrheit gemäß (Abs.; Abl.-Adv.)
sāṃkhyāḥ saha prakṛtyā tu
die Sāṃkhyas samt der Urnatur (Nom. Pl. m.; Instr. Sg.)
nistattvaḥ pañcaviṃśakaḥ
prinzipienlos der Fünfundzwanzigste (Nom. Sg. m.)

pañcaviṃśo 'prabuddhātmā budhyamāna iti smṛtaḥ; yadā tu budhyate ''tmānaṃ tadā bhavati kevalaḥ

Der Fünfundzwanzigste, [solange] sein Selbst nicht erwacht ist, gilt als „Erwachender“; wenn er aber sich selbst erkennt, wird er dann zum Alleinen (kevala).

Wort für Wort
pañcaviṃśo 'prabuddhātmā
der Fünfundzwanzigste, mit nicht erwachtem Selbst (Nom. Sg. m.; Bahuvrīhi)
budhyamāna iti smṛtaḥ
gilt als Erwachender (Part. Präs. Med.; Part. Pass.)
yadā tu budhyate 'tmānaṃ
wenn er aber das Selbst erkennt (Konj.; 3.Sg. Präs.; Akk. Sg.)
tadā bhavati kevalaḥ
dann wird er allein/abgelöst (Adv.; 3.Sg. Präs.; Nom. Sg. m.)

samyag darśanam etāvad bhāṣitaṃ tava tattvataḥ; evam etad vijānantaḥ sāmyatāṃ pratiyānty uta

Die rechte Schau ist dir so weit der Wahrheit gemäß dargelegt; dies so erkennend gelangen sie, fürwahr, zur Gleichheit.

Wort für Wort
samyag darśanam etāvad
die rechte Schau [ist] so weit (Nom. n.; Adv.)
bhāṣitaṃ tava tattvataḥ
gesprochen dir der Wahrheit gemäß (Part. Pass.; Gen./Dat.; Abl.-Adv.)
evam etad vijānantaḥ
so dies erkennend (Part. Präs., Nom. Pl. m.)
sāmyatāṃ pratiyānty uta
gelangen zur Gleichheit, fürwahr (Akk. Sg. f.; 3.Pl. Präs.)

samyaṅ nidarśanaṃ nāma pratyakṣaṃ prakṛtes tathā; guṇatattvāny athaitāni nirguṇo 'nyas tathā bhavet

Die rechte Darlegung, so genannt, und ebenso die unmittelbare [Erkenntnis] der Urnatur: dies sind die Guṇa-Prinzipien; anders als sie wäre [dann] der Gunalose.

Wort für Wort
samyaṅ nidarśanaṃ nāma
die rechte Darlegung, mit Namen (Nom. n.; Adv.)
pratyakṣaṃ prakṛtes tathā
die unmittelbare [Erkenntnis] der Urnatur ebenso (Nom. n.; Gen. Sg.)
guṇatattvāny athaitāni
Guṇa-Prinzipien, nun dies (Nom. Pl. n.; Pron.)
nirguṇo 'nyas tathā bhavet
der Gunalose [ist] ein anderer, ebenso wäre (Nom. Sg. m.; Nom. m.; Opt.)

na tv evaṃ vartamānānām āvṛttir vidyate punaḥ; vidyate 'kṣarabhāvatvād aparasparam avyayam

Für die aber, die so verfahren, gibt es keine Wiederkehr mehr; es gibt [sie] [?] wegen der Unvergänglichkeitsbeschaffenheit: nicht wechselseitig [?], unvergänglich.

Wort für Wort
na tv evaṃ vartamānānām
nicht aber für die so Verfahrenden (Neg.; Adv.; Part. Präs., Gen. Pl.)
āvṛttir vidyate punaḥ
Wiederkehr gibt es wieder (Nom. Sg. f.; 3.Sg. Pass.; Adv.)
vidyate 'kṣarabhāvatvād
es gibt, wegen des Zustands der Unvergänglichkeit (3.Sg. Pass.; Abl. Sg. n.)
aparasparam avyayam
nicht wechselseitig [?], unvergänglich (Adv./Nom. n.)

Die zweite Zeile (vidyate 'kṣarabhāvatvād aparasparam avyayam) ist unsicher, evtl. verderbt.

paśyerann ekamatayo na samyak teṣu darśanam; te 'vyaktaṃ pratipadyante punaḥ punar ariṃdama

Einmütige würden [es] erblicken; in ihnen [aber] ist keine rechte Schau; sie gelangen wieder und wieder ins Unmanifeste, Bezwinger der Feinde.

Wort für Wort
paśyerann ekamatayo
sie würden sehen, Einmütige (3.Pl. Opt.; Nom. Pl. m.)
na samyak teṣu darśanam
nicht [ist] rechte Schau in ihnen (Adv.; Lok. Pl.; Nom. n.)
te 'vyaktaṃ pratipadyante
sie gelangen ins Unmanifeste (Nom. Pl.; Akk. n.; 3.Pl. Med.)
punaḥ punar ariṃdama
wieder und wieder, Feindbezwinger (Adv.; Vok. Sg.)

sarvam etad vijānanto na sarvasya prabodhanāt; vyaktībhūtā bhaviṣyanti vyaktasya vaśavartinaḥ

Alles dies erkennend, doch nicht durch Erweckung von allem [?], werden sie manifest geworden sein, unter der Gewalt des Manifesten stehend.

Wort für Wort
sarvam etad vijānanto
alles dies erkennend (Akk. n.; Part. Präs., Nom. Pl. m.)
na sarvasya prabodhanāt
nicht durch Erweckung von allem [?] (Neg.; Gen. Sg.; Abl. Sg. n.)
vyaktībhūtā bhaviṣyanti
manifest geworden werden sie sein (Part. Pass., Nom. Pl. m.; 3.Pl. Fut.)
vyaktasya vaśavartinaḥ
unter der Gewalt des Manifesten stehend (Gen. Sg. n.; Nom. Pl. m.)

Die Zeile ist knapp und unsicher; wörtlich wiedergegeben.

sarvam avyaktam ity uktam asarvaḥ pañcaviṃśakaḥ; ya enam abhijānanti na bhayaṃ teṣu vidyate

Alles ist Unmanifest, so heißt es; nicht das All ist der Fünfundzwanzigste; die diesen erkennen, für die gibt es keine Furcht.

Wort für Wort
sarvam avyaktam ity uktam
alles [ist] unmanifest, so gesagt (Nom. n.; Part. Pass.)
asarvaḥ pañcaviṃśakaḥ
nicht-alles [ist] der Fünfundzwanzigste (Nom. Sg. m.)
ya enam abhijānanti
die diesen erkennen (Rel. Nom. Pl.; Akk. Sg.; 3.Pl. Präs.)
na bhayaṃ teṣu vidyate
nicht Furcht in ihnen gibt es (Neg.; Nom. n.; Lok. Pl.; 3.Sg. Pass.)

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