Kapitel 16: bhīmasenavākyam śokatyāgopadeśaś ca
Bhīmasenas Mahnrede: Das Trauern beenden und die Herrschaft antreten
Bhīma tadelt Yudhiṣṭhira, erläutert das Wechselspiel von körperlichem und geistigem Leid, erinnert an erlittene Schmach und drängt ihn, den inneren Kampf zu bestehen, zu herrschen und das Rossopfer zu vollziehen.
Vaiśaṃpāyana sprach: Als Bhīmasena die Rede Arjunas gehört hatte, faßte der überaus ungeduldige, strahlende [Held] Mut und sprach zu seinem älteren Bruder:
rājan viditadharmo 'si na te 'sty aviditaṃ bhuvi; upaśikṣāma te vṛttaṃ sadaiva na ca śaknumaḥ
König, du kennst das Recht; nichts auf Erden ist dir unbekannt. Dein Verhalten nehmen wir uns stets zum Vorbild, doch können wir es [dir] nicht gleichtun.
Wort für Wort
rājan viditadharmo 'si
König, du bist einer, der das Recht kennt (Vok./2.Sg.)
na te 'sty aviditaṃ bhuvi
nichts ist dir unbekannt auf Erden (Lok.)
upaśikṣāma te vṛttaṃ
wir lernen von deinem Verhalten (1.Pl.Präs./Akk.)
sadaiva
stets
na ca śaknumaḥ
und wir vermögen [es] nicht (1.Pl.Präs.)
Die zweite Vershälfte ist knapp; das Objekt zu śaknumaḥ (dir nachzueifern) ist ergänzt.
na vakṣyāmi na vakṣyāmīty evaṃ me manasi sthitam; atiduḥkhāt tu vakṣyāmi tan nibodha janādhipa
„Ich werde nicht sprechen, ich werde nicht sprechen“ – so stand es in meinem Sinn. Aus allzu großem Schmerz aber werde ich sprechen; vernimm das, Herr der Menschen.
Wort für Wort
na vakṣyāmi na vakṣyāmi
ich werde nicht sprechen, nicht sprechen (1.Sg.Fut.)
ity evaṃ me manasi sthitam
so war es in meinem Geist fest (Lok./Part.)
atiduḥkhāt tu vakṣyāmi
aus allzu großem Leid aber werde ich sprechen (Abl./Fut.)
evaṃ gate mahārāja rājyaṃ prati janādhipa; hetum atra pravakṣyāmi tad ihaikamanāḥ śṛṇu
Da es so gekommen ist, großer König, Herr der Menschen, will ich hinsichtlich der Herrschaft den Grund dafür darlegen; höre also hier mit gesammeltem Geist zu.
Wort für Wort
evaṃ gate mahārāja
da es so gekommen ist, großer König (Lok.abs./Vok.)
rājyaṃ prati janādhipa
in Bezug auf das Königtum, Herr der Menschen (Vok.)
hetum atra pravakṣyāmi
den Grund hierin werde ich darlegen (Akk./1.Sg.Fut.)
tad ihaikamanāḥ śṛṇu
so höre hier einsgerichteten Geistes zu (Nom./Imp. 2.Sg.)
śītoṣṇe caiva vāyuś ca trayaḥ śārīrajā guṇāḥ; teṣāṃ guṇānāṃ sāmyaṃ ca tad āhuḥ svasthalakṣaṇam
Kälte, Hitze und Wind sind die drei aus dem Körper entstehenden Eigenschaften; das Gleichgewicht dieser Eigenschaften nennt man das Kennzeichen der Gesundheit.
Wort für Wort
śītoṣṇe caiva vāyuś ca
Kälte und Hitze und Wind (Nom.)
trayaḥ śārīrajā guṇāḥ
drei körperentstammte Eigenschaften (Nom.Pl.)
teṣāṃ guṇānāṃ sāmyaṃ ca
und das Gleichmaß dieser Eigenschaften (Gen.Pl./Nom.)
tad āhuḥ svasthalakṣaṇam
das nennt man das Merkmal der Gesundheit (Perf. 3.Pl.)
Durch beide wird der Wind bezwungen; diese Vorschrift wird genannt.
Wort für Wort
ubhābhyāṃ vadhyate vāyuḥ
durch beide wird der Wind niedergeworfen (Instr.Du./Pass.)
vidhānam idam ucyate
diese Vorschrift wird gesagt (Pass.)
Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert). Zusatzzeile der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften).
sa tvaṃ na duḥkhī duḥkhasya na sukhī ca sukhasya ca; na duḥkhī sukhajātasya na sukhī duḥkhajasya vā
Du aber bist weder im Leid [und denkst] an Leid, noch im Glück [und denkst] an Glück; weder bist du leidend wegen des aus Glück Entstandenen, noch glücklich wegen des aus Leid Entstandenen.
Wort für Wort
sa tvaṃ na duḥkhī duḥkhasya
du also [bist] nicht leidend wegen des Leids (Nom./Gen.)
na sukhī ca sukhasya ca
und nicht glücklich wegen des Glücks (Nom./Gen.)
na duḥkhī sukhajātasya
nicht leidend wegen des aus Glück Geborenen (Gen.)
na sukhī duḥkhajasya vā
oder nicht glücklich wegen des aus Leid Geborenen (Gen.)
Der Vers ist knapp und in der Auffassung schwierig; Wiedergabe wortnah, Genitive als Bezugsgrund gedeutet [?].
smartum arhasi kauravya diṣṭaṃ tu balavattaram; atha vā te svabhāvo 'yaṃ yena pārthiva kṛṣyase
Du solltest daran denken, Nachkomme der Kuru, daß das Schicksal stärker ist. Oder aber: Das ist eben deine Wesensart, durch die du, Fürst, [so] hin- und hergezogen wirst.
Wort für Wort
smartum arhasi kauravya
du solltest dich erinnern, Kaurava (2.Sg.Präs./Inf./Vok.)
diṣṭaṃ tu balavattaram
das Schicksal aber ist stärker (Nom./Komp.)
atha vā te svabhāvo 'yaṃ
oder dies ist deine Naturanlage (Nom.)
yena pārthiva kṛṣyase
durch die du gezogen wirst, Fürst (Instr./Pass. 2.Sg./Vok.)
Als du Kṛṣṇā [Draupadī] in der Versammlung sahst, mit nur einem Gewand, in ihrer Monatszeit, vor den Augen der Pāṇḍusöhne, [da] solltest du daran nicht [mehr] denken?
Wort für Wort
dṛṣṭvā sabhāgatāṃ kṛṣṇām
Kṛṣṇā gesehen habend, in die Versammlung gekommen (Abs./Akk.)
ekavastrāṃ rajasvalām
mit einem Gewand, menstruierend (Akk.)
miṣatāṃ pāṇḍuputrāṇām
vor den Augen der Pāṇḍusöhne (Gen.abs.)
na tasya smartum arhasi
daran solltest du nicht denken [?] (Gen./Inf.)
Die Schlußzeile ist elliptisch; als rhetorische Frage bzw. Vorwurf aufgefaßt (Sinn: wie konntest du es vergessen) [?].
Die Bedrängnis durch den Dämon Jaṭā, [die Bedrängnis] durch Citrasena im Kampf und die Bedrängnis durch den Saindhava [Jayadratha] – wie hast du [das] vergessen können? Und ferner [den] Fußtritt des Kīcaka während des unerkannten Lebens.
Wort für Wort
jaṭāsurāt parikleśaṃ
die Bedrängnis durch den Asura Jaṭā (Abl./Akk.)
citrasenena cāhavam
und im Kampf durch Citrasena (Instr./Akk.)
saindhavāc ca parikleśaṃ
und die Bedrängnis durch den Saindhava (Abl./Akk.)
kathaṃ vismṛtavān asi
wie hast du vergessen (Part.Perf.Akt.+2.Sg.)
punar ajñātacaryāyām
ferner im unerkannten Wandel (Lok.)
kīcakena padā vadham
Schlag durch Kīcaka mit dem Fuß (Instr./Instr./Akk.)
Die Konstruktion von āhavam (Kampf) und vadham (Schlag, Angriff) ist verkürzt; Wiedergabe sinngemäß [?].
Wie hast du Draupadī, die Königstochter, vergessen können?
Wort für Wort
draupadyā
Draupadī betreffend (Gen./Instr.)
rājaputryāś ca
und der Königstochter (Gen.)
kathaṃ vismṛtavān asi
wie hast du vergessen (Part.Perf.+2.Sg.)
Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert). Zusatzzeile der kritischen Ausgabe; Kasus von draupadyā unsicher, Sinn: das ihr Angetane.
yac ca te droṇabhīṣmābhyāṃ yuddham āsīd ariṃdama; manasaikena te yuddham idaṃ ghoram upasthitam
Und der Kampf, den du mit Droṇa und Bhīṣma hattest, Bezwinger der Feinde: Dieser [neue] furchtbare Kampf ist nun mit deinem Geist allein zu dir gekommen.
yo hy anāḍhyaḥ sa patitas tad ucchiṣṭaṃ yad alpakam; bahv apathyaṃ balavato na kiṃ cit trāyate dhanam
Wer nicht wohlhabend ist, der ist gefallen; das ist ein Rest, was wenig ist; vieles Unbekömmliche [gibt es] für den Starken – nichts rettet [dann] den Reichtum [?].
Wort für Wort
yo hy anāḍhyaḥ sa patitaḥ
wer nämlich nicht reich ist, der ist gefallen (Nom./Part.)
tad ucchiṣṭaṃ yad alpakam
das ist Überrest, was gering ist (Nom.)
bahv apathyaṃ balavataḥ
vieles Unzuträgliche [ist] für den Starken (Nom./Gen.)
Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert). Verderbter oder unklarer Zusatzvers; Zusammenhang und Konstruktion unsicher, die Übersetzung ist ein Versuch.
Zum jenseitigen Ufer dessen, dessen Gestalt unoffenbar ist, [gelangt man], wenn man das Offenbare durch eigene Taten verlassen hat [?]. Wenn dieser Kampf unbesiegt bleibt, in welchen Zustand wirst du gelangen?
Wort für Wort
pāram avyaktarūpasya
das jenseitige Ufer dessen, dessen Gestalt unmanifest ist (Nom./Gen.)
vyaktaṃ tyaktvā svakarmabhiḥ
das Manifeste verlassen habend durch eigene Taten (Abs./Instr.)
tasminn anirjite yuddhe
wenn in diesem Kampf nicht gesiegt ist (Lok.abs.)
kām avasthāṃ gamiṣyasi
in welchen Zustand wirst du gehen (Akk./Fut. 2.Sg.)
Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert). Zusatzzeile mit unsicherem Bezug der ersten Hälfte; Übersetzung vorläufig [?].
Zum Glück ist der sündige Duryodhana samt seinen Gefolgsleuten in der Schlacht erschlagen worden; zum Glück hast du den Weg [der Rache] an Draupadīs Haarschopf erreicht.
Wort für Wort
diṣṭyā duryodhanaḥ pāpaḥ
zum Glück [ist] Duryodhana, der Böse (Instr./Nom.)
nihataḥ sānugo yudhi
erschlagen mit Gefolge im Kampf (Part./Lok.)
draupadyāḥ keśapakṣasya
von Draupadīs Haarpracht (Gen.)
diṣṭyā tvaṃ padavīṃ gataḥ
zum Glück bist du zum Pfad gelangt (Part.)
padavīṃ gataḥ mit Gen.: den Weg (der Vergeltung) für Draupadīs Haar gegangen; sinngemäß.